Chapter 1 of 3 · 28445 words · ~142 min read

Buch 1

Sie waren ein schöngeistig veranlagtes Ehepaar, und da sie das Geld hatten, künstlerische Neigungen zu pflegen, schriftstellerte er ein wenig, und sie malte. Sie spielten auch vierhändig und sangen Duette, wenigstens hatten sie es in der ersten Zeit ihrer Ehe getan; jetzt besuchten sie um so fleißiger Konzerte und die Oper. Überall, wohin sie kamen, gefielen sie; sie besaßen Freunde, man nannte sie ›scharmante Leute‹, und doch fehlte ihnen etwas zum Glück – sie hatten keine Kinder.

Und sie würden wohl auch keine mehr bekommen, waren sie doch nun schon über die Zeit hinaus verheiratet, in der einem die Kinder geboren werden.

In unbewachten Augenblicken, wenn er in seinem Bureau am Schreibtisch saß, besonders aber, wenn er auf seinen Ritten, die er, teils seiner Gesundheit wegen, teils noch aus Liebhaberei von der Kavalleristenzeit her, in die weitere Umgebung Berlins machte, märkische Dörfer passierte, wo auf sandigen Straßen Scharen von kleinen Flachsköpfen sich tummeln, seufzte er wohl und zog die Stirn in Falten. Aber er ließ es seine Frau nicht merken, daß er etwas vermißte, denn er liebte sie.

Sie aber konnte sich nicht so beherrschen; je höher die Zahl ihrer Ehejahre stieg, desto nervöser wurde sie. Ohne Grund war sie zuweilen gereizt gegen ihren Mann; über die Geburtsanzeigen in der Zeitung sah sie mit einer gewissen Scheu beharrlich weg, und fiel doch einmal ihr Blick auf: ›Die glückliche Geburt eines Knaben zeigen hoch erfreut an‹ und so weiter, so legte sie hastig das Blatt hin.

Früher hatte Käte Schlieben allerlei niedliche Kindersachen gestrickt, gehäkelt, gestickt, genäht, – sie war ordentlich berühmt wegen der Zierlichkeit ihrer mit blau und rosa Band ausgeputzten Erstlingsjäckchen, jede ihrer jungverheirateten Bekannten erbat von ihr solch ein Wunderwerk – nun hatte sie diese Art von Handarbeit endgültig aufgegeben. Sie hoffte nicht mehr. Was half es ihr, daß sie ihre Zeigefinger in die winzigen Ärmelchen des Erstlingsjäckchens steckte und, es so vor sich hinhaltend, dieses mit träumerischem Blick lange, lange ansah?! Es machte ihr nur Pein.

Und die Pein ward doppelt fühlbar in jenen grauen Tagen, die ohne Grund plötzlich da sind, die auf leisen Sohlen auch mitten im Sonnenschein gehuscht kommen. Dann lag sie auf dem Ruhebett in ihrem mit allem Geschmack, wahrhaft künstlerisch ausgestatteten Zimmer und kniff die Augen zu – von der Straße herauf, von der Promenade unter den Kastanienbäumen, stieg ein Ruf auf, hell, durchdringend, jauchzend wie segelnder Schwalben Schrei. Sie hielt sich die Ohren zu vor diesem Schrei, der weiter drang als jeder andre Ton, der sich pfeilschnell hinauf in den Äther schwang und hoch und selig sich wiegte. Sie konnte so etwas nicht hören. Das wurde krankhaft.

Ach, wenn sie nun beide alt waren, schwer aufnahmefähig, zu müde, um sich die Anregung außen zu holen, wer würde ihnen die dann ins Haus bringen?! Wer würde ihnen etwas zutragen von all dem da draußen? Ihnen mit seiner Frische, mit der Freudigkeit, die die Zwanzig umhüllt wie ein köstliches Gewand, die wie Wärme und Sonne von faltenlosen Stirnen strahlt, einen Hauch der Jugend wiedergeben, die ihnen nach den Gesetzen der Zeit schon entschwunden war?! Wer würde sich begeistern an dem, was sie einst begeistert hatte und das sie nun wiederum genossen, als wäre es auch ihnen neu?! Wer würde mit seinem Lachen Haus und Garten füllen, mit jenem sorglosen Lachen, das so ansteckend wirkt?! Wer würde sie mit warmen Lippen küssen und sie froh machen mit seiner Zärtlichkeit?! Wer würde sie auf seinen Schwingen mittragen, so daß sie nicht fühlten, daß sie müde waren?!

Ach, den Kinderlosen blüht keine zweite Jugend! Niemand würde das Erbe antreten, das sie hinterließen an Schönheitsfreude, an Schönheitssinn, an Begeisterung für Kunst und Künstler; niemand würde ein pietätvoller Hüter sein all jener hundert Sachen und Sächelchen, die sie mit Geschmack und Sammlerfreude in den Räumen ihrer Wohnung zusammengetragen hatten. Ach, und niemand würde, wenn jene letzte schwere Stunde kommt, vor der alle bangen, mit liebenden Händen die erkaltende Hand festhalten wollen: ›Vater, Mutter, geht nicht! Noch nicht!‹ – O Gott, o Gott, solch liebende Hände würden ihnen nicht die Augen zudrücken – – –!

Wenn jetzt Schlieben aus dem Kontor nach Hause kam – er war Mitinhaber einer großen Handelsfirma, die sein Großvater einst begründet und sein Vater zu hohem Ansehen gebracht hatte –, fand er das liebenswürdige Gesicht seiner Frau oft rotfleckig, den ganzen zarten Teint durch anhaltendes Weinen zerstört. Und der Mund zwang sich nur zum Lächeln, und in den schönen braunen Augen lauerte es wie Trübsinn.

Der Hausarzt zuckte die Achseln: die gute Frau war eben nervös, sie hatte zu viel Zeit zum Grübeln, war zu sehr sich selbst überlassen!

Um dies zu ändern, schied der besorgte Ehemann für unbegrenzte Zeit aus dem Geschäft aus: seine Sozien machten das ja auch ebensogut ohne ihn, der Arzt hatte recht, er mußte sich mehr seiner Frau widmen; sie waren ja beide so allein, so ganz und gar aufeinander angewiesen!

Man beschloß, auf Reisen zu gehen; es war ja durchaus kein Zwang da, zu Hause zu bleiben. Die schöne Wohnung gab man auf; die Möbel, die ganze kostbare Einrichtung kam zum Spediteur. Wenn es einem gefiel, konnte man nun Jahre fortbleiben, Eindrücke sammeln, sich zerstreuen; Käte würde in schönen Gegenden landschaftern, und er, Schlieben, nun, wenn ihm die gewohnte Arbeit fehlte, konnte er ja leicht in schriftstellerischer Tätigkeit Ersatz finden!

Sie reisten nach Italien und Korsika, noch weiter, nach Ägypten und Griechenland; sie sahen das schottische Hochland, Schweden und Norwegen, unendlich viel Herrliches.

Dankbar drückte Käte ihrem Paul die Hand; sie schwelgte. Ihr empfängliches Gemüt begeisterte sich, und ihr nicht ganz unbedeutendes Maltalent fühlte sich auf einmal mächtig angeregt. Ach, all das malen können, auf der Leinwand festhalten, was an Farbenglut und Stimmungszauber sich dem entzückten Auge enthüllte!

Am Morgen schon zog die Eifrige mit ihren Malsachen aus, ob’s nun auf dem Felsen von Capri, am blauen Bosporus oder im gelben Sand der Wüste, ob’s angesichts der schroffen Zinken der Fjorde oder in den Rosengärten der Riviera war. Ihr zartes Gesicht verbrannte; selbst auf ihre Hände, die sie sonst sorgfältig gepflegt hatte, achtete sie nicht mehr. Das Fieber der Betätigung hatte sie erfaßt. Gott sei Dank, jetzt konnte sie etwas schaffen! Das klägliche Gefühl eines nutzlosen Lebens war nicht mehr da, nicht mehr das peinigende Bewußtsein: dein Leben hört auf mit dem Augenblick, in dem deine Augen sich schließen, da ist nichts von dir, was dich überdauert! Jetzt hinterließ sie doch wenigstens etwas Selbstgeborenes – wenn’s auch nur ein Bild war. Die Werke mehrten sich; eine ganze Menge von Rollen bemalter Leinwand schleppte man nun schon mit sich herum. Es hatte Schlieben anfänglich große Freude gemacht, seine Käte so eifrig zu sehen. Galant trug er ihr Feldstuhl und Staffelei nach und verlor nicht die Geduld, Stunden und Stunden bei ihrer Arbeit zugegen zu sein. Er lag im spärlichen Schatten einer Palme und folgte, über sein Buch wegblickend, den Bewegungen ihres Pinsels. Welch ein Glück, daß sie so viel Befriedigung in ihrer Kunst fand! Wenn es auch für ihn ein wenig ermüdend war, so untätig umherzuliegen – nein, er durfte doch kein Wort sagen, hatte er ihr doch nichts, gar nichts als Ersatz zu bieten!

Und er seufzte. Das war derselbe Seufzer, der ihm entfahren war, wenn auf den sandigen Straßen der Mark die unzähligen Flachsköpfe spielten, derselbe Seufzer, den ihm die Sonntage entlockten, an denen er das ganze städtische Proletariat – Mann und Weib und Kinder, Kinder, Kinder – hatte nach dem Tiergarten wallen sehen. Ja, schon recht – ein wenig nervös fuhr er sich über die Stirn – jener Schriftsteller hatte schon recht – welcher war es doch gleich? – der da einmal irgendwo sagte: ›Warum heiratet der Mann? Nur um Kinder zu haben, Erben seines Leibes, seines Blutes. Kinder, denen er weitergeben kann, was in ihm ist an Wünschen, Hoffnungen und auch an Errungenschaften; Kinder, die von ihm abstammen wie die Schößlinge von einem Baum, Kinder, die dem Menschen ein Fortleben in Ewigkeit ermöglichen.‹ So allein war das Leben nach dem Tode aufzufassen – das ewige Leben! Die Auferstehung des Fleisches, die die Kirche verheißt, war zu verstehen als das Sicherneuen der eignen Persönlichkeit in folgenden Geschlechtern. Ach, es war doch etwas Großes, etwas unbeschreiblich Beruhigendes in solchem Fortleben!

»Grübelst du?« fragte Frau Käte. Sie hatte für einen Augenblick von ihrer Staffelei aufgesehen.

»Was – wie – sagtest du was, mein Herz?« Erschrocken fuhr er auf, wie ein auf verbotenem Wege Schweifender.

Sie lachte über seine Zerstreutheit: die wurde ja immer schlimmer! Woran dachte er nur? Geschäfte – sicher nicht! Aber vielleicht wollte er eine Novelle schreiben, einen Roman? Warum sollte er’s nicht einmal damit versuchen?! Das war doch noch etwas andres, als kleine Reiseplaudereien an die ›Vossische‹ oder an die ›Frankfurter Zeitung‹ schicken! Und es würde ihm schon glücken; Leute, die nicht halb die Bildung hatten, nicht halb das Wissen, nicht halb das ästhetische Feingefühl wie er, schrieben doch ganz lesbare Bücher!

Sie redete heiter auf ihn ein, aber er schüttelte mit einer gewissen Resignation den Kopf: ach was, Romane, schriftstellern überhaupt! Und er dachte: da sagt man immer, ein Werk ist wie ein Kind – aber, wohlverstanden, nur ein echtes, großes Werk –, das, was er und seine Frau schufen, waren das Werke in diesem Sinne, Werke, die Ewigkeitsbestand in sich trugen?! Er fand plötzlich an ihrem Bild, das er gestern noch galant bewundert hatte, heute streng zu tadeln.

Sie war ganz erschrocken darüber: warum war er nur heute so gereizt? Wurde er am Ende gar nervös? Ja, es war augenscheinlich, die laue Luft des Südens taugte ihm nicht, er sah abgespannt aus, so müde in den Mienen. Da half nichts, ihr Mann war ihr denn doch lieber als ihr Bild, sofort würde sie abbrechen!

Und so geschah es denn auch, sie reisten ab, reisten von einem Ort zum andern, von einem Hotel zum andern, an den Seen entlang, über die Grenze, bis sie auf einer Schweizer Alpenhöhe längere Rast machten.

Statt unter einer Palme lag er hier nun wieder im Schatten einer Tanne – seine Frau malte – und er folgte über das aufgeschlagene Buch weg mit den Blicken den Bewegungen ihres Pinsels.

Sie malte emsig, hatte sie doch ein reizendes Motiv entdeckt: diese grüne Alpenmatte mit einem Blumenflor, bunter denn bunt, mit den sonnbeglänzten Rücken der braunen Kühe, war anmutvoll wie der Paradiesesgarten am ersten Schöpfungstag! Im Eifer des Sehens hatte sie den breitrandigen Schutzhut nach hinten geschoben, die warme Sommersonne sengte ungehindert goldne Tüpfchen auf ihre zarten Wangen und den schmalen Sattel der feinen Nase. Den Pinsel, den sie ins Grün ihrer Palette getaucht hatte, hielt sie prüfend gegen das Grün der Matte und blinzelte mit halb geschlossenen Augen, ob die Farbe auch stimmte.

Da schreckte ein Laut sie auf – halb war’s ein Murren des Unwillens über die Störung, halb ein Brummen des Beifalls – ihr Mann hatte sich aufgerichtet und blickte auf ein paar Kinder, die sich ihnen lautlos genähert hatten. Sie boten Alpenrosen zum Kauf an, das Mädchen hatte ein Körbchen davon voll, der Junge trug seinen Strauß in der Hand.

Waren das wunderhübsche Geschöpfe, das Mädchen so blauäugig sanft, der Junge ein Erzschelm! Der Frau schwoll das Herz; sie kaufte den Kindern all ihre Alpenrosen ab, gab ihnen sogar mehr dafür, als sie forderten.

Das war den kleinen Schweizern so recht ein Glück – noch mehr bekommen, als man fordert?! Vor Freude erröteten sie, und als die fremde Dame sie liebreich ausfragte, fingen sie freimütig an zu plaudern.

=Die= Kinder mußte sie malen, die waren zu entzückend, die waren ja tausendmal schöner als die schönste Landschaft!

Schlieben sah es mit einer seltsamen Unruhe, daß seine Frau die Kinder malte; erst das größere Mädchen, dann den kleinen Buben. Mit welcher Hartnäckigkeit hing ihr Blick an dem runden Knabengesicht! In ihren Augen war Glanz, sie schien nie müde zu werden, machte nur Pause, wenn die Kinder nicht mehr Geduld hatten. All ihr Denken drehte sich um diese Malerei: würden die Kinder heute auch kommen? War die Beleuchtung gut? Um Gottes willen, es würde doch kein Unwetter werden, das die Kinder abhielt?! Nichts andres hatte Interesse für sie. Das war eine große Hingabe. Und doch wurden es schlechte Bilder; die Züge ähnlich, aber keine Spur der Kindesseele darin. Er sah es klar: die Kinderlose kann nicht Kinder malen!

Arme Frau! Mit einem Gefühl tiefen Mitleids sah er ihren Bemühungen zu. Wurde ihr Gesicht nicht mütterlich weich, lieblich rund, wenn sie sich zu den Kindern neigte? Der Typus der Madonna – und doch waren dieser Frau Kinder versagt – – –!

Nein, er konnte dies nicht länger mehr mit ansehen, es machte ihn krank! Unwirsch hieß Schlieben die Kinder nach Hause gehen. Die Bilder waren fertig, wozu noch länger daran herumpinseln, das machte sie nicht besser, im Gegenteil! –

An diesem Abend weinte Käte so, wie sie zu Hause geweint hatte. Und sie zürnte ihrem Manne: warum ließ er ihr nicht diese Freude?! Warum hieß es so plötzlich: abreisen?! Sie kannte ihn gar nicht wieder – waren die Kinder nicht lieb, entzückend, störten sie ihn denn?!

»Ja,« sagte er nur. Es war ein harter, trockener Klang in seiner Stimme – ein so mühsames ›Ja‹ –, sie hob das Gesicht aus dem Taschentuch, in das sie hineingeweint hatte, und sah zu ihm hin. Er stand am Fenster des teppichbelegten Hotelzimmers, die Hände auf die Fensterbrüstung gestützt und die Stirn gegen die Scheibe gepreßt. So sah er stumm hinaus in die große Landschaft, in der Berggipfel voll abendsonnenfrohen Firns von ewiger Unvergänglichkeit redeten. Wie kniff er die Lippen, wie nervös zuckte sein Schnurrbart!

Sie schlich zu ihm hin und legte ihren Kopf an seine Schulter. »Was fehlt dir?« fragte sie leise. »Entbehrst du die Arbeit – ja, die Arbeit, nicht wahr? Ich fürchtete es schon. Es wird dir langweilig, du mußt wieder in Tätigkeit. Ich versprech dir’s, ich will verständig sein – nie mehr klagen – nur bleibe jetzt noch ein bißchen hier, nur noch drei Wochen – zwei Wochen!«

Er blieb stumm.

»Nur noch zehn – acht – sechs Tage! Auch das nicht mal?!« Sie sagte es schmerzlich enttäuscht, er hatte verneinend den Kopf geschüttelt. Ihre Arme schlangen sich um seinen Hals: »Ich bitte dich, nur noch fünf – vier – drei Tage! Warum denn nicht? Ich bitte dich, die paar Tage – nur drei Tage noch!« Sie feilschte förmlich um jeden Tag. »Ach, dann wenigstens zwei Tage noch!«

Sie schluchzte auf, ihre Arme lösten sich von seinem Halse – zwei Tage mußte er doch zugeben!

Ihre Stimme schnitt ihm durchs Herz; so hatte er sie noch nie bitten hören, aber er stemmte sich gegen die Nachgiebigkeit, die ihn beschleichen wollte: nur keine Sentimentalität! Es war besser, hier rasch aufzubrechen, viel besser für sie!

»Wir reisen morgen!«

Und als sie ihn ansah mit weitgeöffneten, schreckensstarren Augen, tief erbleicht, da entfuhr es ihm, ohne daß er es sagen wollte, herausgelockt von einer Bitterkeit, deren er nicht mehr Meister wurde: »Sie sind ja doch nicht dein!«

2

Und sie reisten ab. Aber es war, als sei mit der smaragdgrünen Alpenmatte, auf der sie die lieblichen Kinder gemalt hatte, der Frau auch jede Freudigkeit entschwunden. Da war wieder ganz der alte nervöse Zug in ihrem Gesicht, die Mundwinkel senkten sich ein wenig abwärts, und sie war leicht geneigt, zu weinen. Mit einer förmlichen Angst beobachtete Schlieben seine Frau: ach, war denn nun wirklich alles umsonst gewesen, das Aufgeben seiner Tätigkeit, dieses ganze lange, abspannende, planlose Herumreisen?! Hatte die alte, trübe Stimmung sie wieder gepackt?!

Wenn er sie so lässig dasitzen sah, die Hände unbeschäftigt im Schoß, überkam es ihn wie Wut: warum tat sie nichts, warum malte sie denn nicht? Es brauchte doch nicht gerade auf jener verwünschten Alpenwiese zu sein! War es denn nicht auch hier schön?!

Sie hatten sich im Schwarzwald niedergelassen; aber von Tag zu Tag hoffte er vergebens, daß eines der grünen stillen Waldtäler sie reizen würde, ihre Malsachen hervorzusuchen, oder eins der bräunlichen Schwarzwaldmädchen mit dem Kirschenhut und dem riesigen, roten Regenschirm, wie Vautier sie gemalt hat. Sie hatte keine Lust, ordentlich eine Art Scheu, den Pinsel wieder anzufassen.

Er machte sich im geheimen bittere Vorwürfe: wäre es nicht besser gewesen, ihr die Freude zu lassen, nicht dazwischen zu fahren?! Und doch – einmal hätte die Sache doch ein Ende nehmen müssen, und je länger sie angedauert hätte, desto schwerer wäre die Trennung gewesen! Das stand nun fest, mit dem Spätherbst wollten sie wieder nach Berlin heimkehren. Er hielt es beim besten Willen nicht länger so mehr aus; des Umherziehens von Hotel zu Hotel, des Bummelns durch die Welt, das keine andre Frucht zeitigte, als ab und zu mal ein kleines Feuilleton, eine Reiseplauderei über ein noch weniger bekanntes Stückchen Erde, war er herzlich müde. Er sehnte sich wieder nach einer eignen Häuslichkeit, verlangte brennend nach der geschäftlichen Tätigkeit, die, solange er darinnen war, ihm oft als eine Fessel und so nüchtern gedeucht hatte. Aber Käte – – – –! Wenn er daran dachte, daß sie nun wieder viele Stunden einsam zu Hause verbringen würde, sich ganz auf sich und Lektüre beschränkend, denn, übersensitiv wie sie war, fand sie wenig Gefallen am Umgang mit anderen Frauen, dann überkam ihn Hoffnungslosigkeit. Da würden wieder dieselben trüben Augen sein, dieses gleiche, melancholische Lächeln, die alten gereizten Stimmungen, unter denen das ganze Haus litt, sie selber am meisten.

Und er betrachtete sich selber wie anklagend; er ging sein ganzes Leben zurück: hatte er etwas verbrochen, daß ihm kein Sohn beschieden war, keine Tochter?! Ja, wenn Käte ein Kind hätte, dann wäre alles gut, sie wäre vollauf beschäftigt, ausgefüllt durch dieses Wesen, um das sich Elternliebe, hoffnungsvoll und hoffnungsberechtigt, in ewig erneutem Kreise dreht!

Beide Eheleute quälten sich, denn der Frau Gedankenwanderungen endeten erst recht immer an diesem einen Punkte. Jetzt, nachdem sie von jenen lieben Kindern geschieden worden war, von diesem, ach, viel zu kurzen Sommerglück, schien es ihr erst ganz klar geworden zu sein, was sie entbehrte – hatte es nicht vorher nur wie eine schmerzliche Ahnung auf ihr gelastet?! Aber jetzt, jetzt war die grausam deutliche Gewißheit da: alles, was man sonst in der Welt ›Glück‹ nennt, ist nichts gegen den Kuß eines Kindes, gegen sein Lächeln, sein Schmiegen in der Mutter Schoß!

Sie hatte die Kinder auf der Matte beim Kommen und Gehen immer zärtlich geküßt, nun sehnte sie sich nach diesen Küssen. Ihres Mannes Kuß ersetzte ihr diese nicht; sie war nun bald fünfzehn Jahre verheiratet, =der= Kuß war keine Sensation mehr, er war zu einer Gewohnheit geworden. Aber der Kuß von Kinderlippen, die so frisch, so unberührt, so scheu und doch so zutraulich sind, der war ihr etwas ganz Neues gewesen, etwas unendlich Süßes. Ein Glücksgefühl hatte ihre Seele dabei durchrieselt, zugleich mit dem ganz physischen Behagen, ihren Mund in diese duftig-weichen und doch so prallen Wangen versenken zu können, die von Gesundheit und Jugend flaumig behaucht waren wie die Bäckchen eines Pfirsichs. Immer wieder irrte ihre Sehnsucht zu der Alpenmatte zurück; und diese ihre ungestillte Sehnsucht vergrößerte das Erlebnis, umgab die Gestalten, die so flüchtig in ihrem Leben aufgetaucht waren, mit dem ganzen Glorienschein zärtlicher Erinnerung. Ihre unbeschäftigten Gedanken spannen lange Fäden. Wie sie sich nach den Kleinen sehnte, so würden die sich auch nach ihr sehnen, weinend würden sie über die Matte irren, und das reiche Geldgeschenk, das sie für jedes von ihnen beim Wirt des Hotels hinterlassen – hatte sie doch fortgemußt, ohne ihnen Adieu zu sagen –, würde sie nicht trösten; vor der Tür würden sie stehen und nach den Fenstern hinaufäugen, aus denen ihre Freundin ihnen so oft gewinkt hatte. Nein, das konnte sie Paul nicht verzeihen, daß er so wenig Verständnis gezeigt hatte für ihr Empfinden!

Der Aufenthalt im Schwarzwald, dessen sammetige Wiesenhänge zu sehr an die Matten der Schweiz erinnerten, von dessen Aussichtspunkten man an hellen Tagen zur Alpenkette hinüberblicken konnte, wurde beiden Schliebens zur Qual. Es trieb sie fort; die dunklen Tannen, dieser grüne, tiefe Wald wurde ihnen zu eintönig. Sollten sie es nicht einmal mit einem Seebad versuchen? Das Meer ist alle Tage neu. Und die Saison für die See war auch da; schon wehte der Wind über Stoppelfelder, als sie in die Ebene hinabfuhren.

Sie wählten ein belgisches Seebad, eines, in dem man Toilette macht und ein ganz internationales Publikum täglich etwas Neues zu sehen bietet. Sie empfanden es beide: viel zu lange waren sie in stillen Gebirgseinsamkeiten gewesen!

An den ersten Tagen machte ihnen das bunte Treiben Spaß, aber dann waren sie, zwischen die sich in letzter Zeit etwas wie eine trennende Wand hatte schieben wollen, beide plötzlich ganz einig: hier dieses Auf und Ab von Männern, die Gecken glichen, von Frauen, die, wenn sie der Demimonde nicht angehörten, diese doch mit Erfolg kopierten, war nichts für sie! Nur fort!

Schlieben machte den Vorschlag, jetzt endgültig die Reise aufzugeben und schon etwas früher nach Berlin zurückzukehren, aber davon wollte Käte doch nichts wissen. In ihr war eine geheime Angst vor Berlin – ach, wieder in die alten Verhältnisse zurückkehren?! Sie hatte sich bis jetzt gar nicht gefragt, was sie eigentlich von dieser langen Reisezeit erhofft hatte; aber sie hatte etwas erhofft – ja! Was –?!

Ach, nun würde sie wieder so viel allein sein und nichts, nichts war da, was sie ganz erfüllte!

Nein, sie war noch nicht imstande, nach Berlin zurückzukehren! Sie sagte ihrem Manne, daß sie sich noch erholungsbedürftig fühle – gewiß war sie bleichsüchtig, blutarm! Längst hätte sie Schwalbach, Franzensbad, irgendein Stahlbad besuchen sollen – wer weiß, vielleicht wäre dann manches anders!

Er war nicht ungeduldig – wenigstens zeigte er es ihr nicht – denn ein tiefes Mitleid mit ihr begann in ihm zu wachsen. Natürlich sollte sie in ein Stahlbad; man hätte das längst versuchen sollen, versuchen müssen!

Der belgische Arzt schickte sie nach dem berühmten Spaa.

Hoffnungsvoll kamen sie dort an. Bei ihr war die Hoffnung ganz echt. »Du sollst sehen,« sagte sie heiterer zu ihrem Manne, »hier wird’s mir gut tun. Ich habe so ein unbestimmtes Gefühl – nein, eigentlich das ganz bestimmte Gefühl, daß uns hier etwas Gutes widerfährt!«

Auch er hoffte; er zwang sich dazu, zu hoffen, ihr zuliebe. O, und es wäre ja schon genug, der Erfüllung genug, wenn die Eigenart der Landschaft ihr so viel Interesse abgewänne, daß sie die gänzlich vernachlässigte Malerei wieder aufnähme! Wie froh würde er schon darüber sein! Wenn sich der frühere Eifer zur Kunst wieder einstellte, so war das tausendmal heilbringender, als die stärkste Eisenquelle Spaas.

Die Heide blühte, all die weiten Flächen des Hochlands waren rot, in Purpur versank die purpurne Sonne.

Es kam, wie er gehofft hatte; das heißt, zu malen fing sie nicht an, aber sie unternahm mit ihm Touren in die Ardennen und die Eifel, zu Fuß und zu Wagen, und hatte Freude daran. Das Venn hatte es ihr angetan. Sie stand in ihrem lichten Kleid wie ein kleiner heller Punkt in dem ungeheuern Ernst der Landschaft, schirmte die Augen mit der Hand gegen die hier so unbehinderte, durch keinen Baum, keinen Berg gehemmte Sonnenaussicht und sog in tiefen Atemzügen die herbe, gläserne, noch von keinem Rauch menschlicher Wohnungen, kaum von Menschenodem versehrte Luft ein. Um sie blühte das Venn wie ein gleichfarbener Teppich, tief, ruhig, dem Auge ein wohltuendes Labsal; nur selten reckte sich dazwischen blauer Enzian und die leicht schaukelnde weiße Flocke des Wollgrases.

»O, wie schön!« Das sagte sie mit tiefster Empfindung. Die Melancholie der Landschaft schmeichelte ihrer Stimmung. Da war kein bunter Ton, der sie störte, kein Durcheinander von Farben. Selbst die Sonne, die hier schöner untergeht als anderswo – so tief errötend, daß der ganze Himmel mit errötet, daß der schlängelnde Vennbach, von Moospolstern eingesäumt, jede Lache, jede wassergefüllte Torfgrube rotgolden widerstrahlt und das traurige Venn einen Mantel trägt voll leuchtender Herrlichkeit – selbst diese Sonne brachte keinen grell-heiteren Schein. Groß, würdevoll, eine ernste Siegerin nach ernstem Kampfe, zeigte sie ihr gewaltiges Riesenrund.

Mit großen tränenden Augen sah Käte in diese wunderbare Sonne, bis das letzte Strählchen, das letzte rosige Äderchen im Wolkengrau versiegt war: so ging die sterben – der Himmel war tot –, aber am Morgen stand sie doch wieder da, eine ewig-unvergängliche, nie besiegte Hoffnung! Sollte, durfte da das Menschenherz nicht auch wieder schlagen, neu belebt, immer in Hoffnung?!

Nebel huschten übers Moor, verschleierte, unbeschreibbare, ungewisse Erscheinungen; ein Raunen ging vor dem Wind, ein Lispeln durch Kraut und Wollgras – es war Käte, als habe das Venn ihr etwas zu sagen. Was sagte es?! Ah, das war nicht umsonst, daß sie hier gehalten wurde, sich festgehalten fühlte wie mit starker und doch gütiger Hand!

Sie ging, gleichsam suchend, mit rascherem, elastischerem Schritt.

Schlieben war glücklich über das Gefallen, das seine Frau an der Gegend fand. Er konnte dieser Landschaft freilich keinen besonderen Geschmack abgewinnen – war es nicht reichlich öde, monoton und unfruchtbar hier? Aber gewiß, Stimmung, sehr viel Stimmung hatte die eigentümliche Szenerie – nun, und wenn sie sich darin behagte, war die ihm doch lieber als ein Paradies!

Sie fuhren oft hinauf bis zur Baraque Michel, jenem einsamen Wirtshaus auf der Grenze von Belgien und Preußen, in dem die Grenzjäger ihren Wacholderschnaps trinken, wenn sie auf etwaige Schmuggler fahnden, und wo die Torfarbeiter ihre nebelfeuchten Kittel und durchnäßten Stiefel am stets brennenden Herdfeuer trocknen.

So viele Kreuze im Venn, so viele Verunglückte. Mit heimlichem Grausen hörte Käte die Erzählungen der Leute – das Venn, konnte das so furchtbar sein?! – und sie fragte sie immer wieder von neuem aus. War’s möglich, jener Mann aus Xhoffraix, der nach Torfstreu gefahren, war hier versunken, mit Karren und Pferd, so dicht am Weg, und man hatte nie, nie wieder etwas von ihm zu Gesicht bekommen?! Und dort das Kreuz, so verwittert und schwarz, wie kam das mitten ins Moor?! Warum hatte sich nur der Handwerksbursche, der auf der Poststraße von Malmedy nach Eupen wandern wollte, so weit ab verlaufen? War es denn Nacht gewesen oder ein Schneetreiben, daß er nicht hatte sehen können, oder Kälte, grimmige Kälte, bei der ein Müder erfriert? Nichts von alledem; nur Nebel, plötzlicher Nebel, der so verwirrt, daß man nicht mehr geradeaus weiß, noch rückwärts, weder links noch rechts, jegliche Richtung verliert, von der Straße abkommt und im Kreise umherrennt wie ein sinnlos verängstigtes armes Tier. Und alle die Nebel, die im Venn steigen, wenn’s Tageslicht auslischt, sind das die Seelen der Unbestatteten, die, in zerfallnen Gewändern allnächtlich ruhelos ihren durch keinen Segensspruch, durch kein Weihwasser geweihten Grüften entsteigen?!

Das war ein Märchen. Aber war’s nicht überhaupt hier wie im Märchen? So ganz anders als irgendwo sonst in der Welt, eigentlich häßlich und doch nicht häßlich, eigentlich nicht schön und doch so über alle Maßen schön?! Und sie selbst, war sie hier nicht eine ganz andre, ging sie nicht erwartungsvoll, selig-verträumt, wie eine, die etwas Wunderbares erleben soll?! –

Es war in der sechsten Woche ihres Aufenthaltes in Spaa. Die Nächte waren schon winterkalt, die Tage aber noch sonnig. Es war immerhin eine weite Fahrt hinauf zur Baraque, auch für die kräftigen Ardennengäule, aber Mann und Frau waren heute doch wieder oben. Hieß es nun bald scheiden?! Ach ja – mit Wehmut mußte sich’s Käte eingestehen – es war sehr herbstlich, das Heidekraut verblüht, die Lüfte rauh; das in der Nacht schon gefroren gewesene Gras raschelte unter ihren Füßen. Man konnte winterliche Kleidung gebrauchen.

»Hu, wie kalt,« sagte fröstelnd Schlieben und schlug sich den Kragen des Überziehers in die Höhe. Er wollte seiner Frau ein Tuch um den Hals schlingen, aber sie wehrte sich dagegen: »Nein, nein!« Eiligen Schrittes lief sie vor ihm her durchs raschelnde Kraut. »Sieh nur!«

Es war ein weiter Ausblick, der sich ihnen bot, hier auf der höchsten Erhebung des Venns, die ein wackeliges Holztürmchen ziert. Die ganze große heidebewachsene Hochfläche lag vor ihnen, darauf ab und zu ein dunkelragendes Tannentrüppchen, das nur auf der dem Sturm abgekehrten Seite breitende Äste zeigte. Ängstlich geduckte Schonungen, kaum höher als das Kraut und nur durch die andre Farbe erkenntlich. Und hier und hier, und da und dort ein grauer Findlingsblock und ein zur Seite gewehtes Kreuz. Und eine Stille darüber im herbstlich bleichen Mittagslicht, als sei hier Gottesacker.

Als sie auf das Türmchen geklettert waren, sahen sie noch mehr. Sie sahen von der Hochfläche zu Tal: rundum eine blaue Weite, blau vom Dunkel der Wälder und vom Duft des Herbstes, und im schönen Blau langgestreckte Dörfer, die weißen Häuser halb verborgen hinter hohen Schutzhecken. Und hier, nach Belgien hinab, mit seinem grauen Dunst wie eine Wolke in der klaren, kristallhellen Herbstluft lagernd, das große Verviers, überragt von Kirchtürmen und Fabrikschornsteinen.

Käte seufzte auf und schauderte unwillkürlich zusammen: ach, so nahe schon die Alltäglichkeit? Rückte ihrer wunderbaren Märchenwelt das graue Leben schon näher und näher?!

Schlieben hüstelte; er fand es reichlich kühl hier oben. Sie stiegen vom Türmchen herunter, aber als er sie zur Baraque zurückführen wollte, widerstrebte sie: »Nein, noch nicht, noch nicht! Es läutet ja erst Mittag!«

Von der Kapelle Fischbach her, jenem schieferbekleideten, uralten Kirchlein, in dessen Turm man früher die große rote Laterne hißte, um dem im wilden Meer der Nebel schwimmenden Wanderer den rettenden Port zu weisen, und unablässig die Glocke rührte, um – versagte das Auge – durchs Ohr den Irrenden zu retten, läutete es. Hell und durchdringend rief das Glöckchen in die Einsamkeit – der einzige Laut der großen Stille.

»Wie rührend ist dieser Klang!« Käte stand mit gefalteten Händen und sah schwimmenden Auges in die große Weite hinaus. Welch ein Zauber wohnte in diesem Venn?! Er umspann die Seele, wie das zähe Gestrüpp der Heide und die kriechenden Ranken des Schlangenmooses den Fuß umstrickten. Wenn sie daran dachte, daß sie nun bald von hier scheiden mußte, fortgehen aus dieser ungeheuern Stille, die ein Geheimnis zu bergen schien, ein Wunderbares hegte im tiefen Schoß, krampfte ihr Herz sich zusammen in plötzlicher Angst: wie würde es nun mit ihr werden, was mit ihr geschehen?! Ihre suchende Seele stand wie ein Kind verlangend auf der Schwelle des Märchenlandes – sollte ihr denn keine Gabe werden?!

»Was war das?!« Mit einem halblauten Ruf des Erschreckens griff sie plötzlich nach dem Arm ihres Mannes: »Hast du’s nicht auch gehört?«

Sie war ganz blaß geworden; mit groß aufgerissenen Augen stand sie da, sich unwillkürlich auf den Zehen hebend und den Hals reckend.

»Nun wieder! Hörst du’s?« Etwas wie das leise Wimmern eines Kindes war an ihr Ohr gedrungen.

Nein, er hatte nichts gehört: »Es werden wohl Menschen in der Nähe sein. Käte, wie du einen aber erschrecken kannst!« Ein wenig ärgerlich schüttelte er den Kopf. »Du weißt doch, jetzt sind alle Weiber und Kinder aus den Venndörfern draußen, um Preißelbeeren zu sammeln. Sonst haben sie ja nichts zu ernten. Sieh mal, jetzt sind die Beeren hochreif!« Er bückte sich und pflückte ein Stäudchen.

Wunderschön stand das Träubchen der tief korallenfarbenen Beeren gegen das glänzende Dunkelgrün der ovalen Blättchen. Aber auch Blüten waren noch am Ständchen, kleine weiße, reine Blüten.

»Wie Myrte, genau wie Myrtenblüte,« sagte sie und nahm ihm das Ständchen aus der Hand. »Und die Blättchen sind auch gerade wie Myrtengrün!« Den Stengel zwischen den Fingern drehend, sah sie sinnend darauf nieder: »Die Myrte des Venns!« Und die kleine Blume entzückt an ihren Mund hebend, küßte sie sie.

»Weißt du noch – damals – an unserm Hochzeitsabend, weißt du noch? Du hast die Myrte aus meinem Kranz geküßt, und ich habe sie auch geküßt, und dann küßten wir uns. Damals – damals – o, wie glücklich waren wir damals!« Sie sagte es sehr weich, wie verloren in einer süßen Erinnerung.

Er lächelte, und wie sie sich näher zu ihm neigte, unverwandt den verträumten Blick auf das grüne Ständchen geheftet, zog er sie an sich und legte den Arm um sie. »Und sind wir heute nicht – nicht« – er wollte sagen ›nicht ebenso glücklich‹, aber er sagte nur: »nicht auch glücklich?«

Sie antwortete nicht, sie verharrte stumm. Aber dann, mit einer jähen Bewegung das glänzende Grün von sich schleudernd, wendete sie sich ab und lief fort von ihm, blindlings, weglos ins Venn hinein.

»Käte, was ist dir denn?!« Erschrocken hastete er hinter ihr her; sie lief so rasch, daß er sie nicht gleich einholen konnte. »Käte, du wirst noch hinstürzen! Aber so warte doch! Käte, was hast du?!«

Keine Antwort. Aber an den zuckenden Bewegungen ihrer Schultern sah er, daß sie heftig weinte. Ach, was war das nun wieder?! Bekümmert war sein Gesicht, als er hinter ihr drein rannte übers öde Venn. Sollte es denn nie besser mit ihr werden? Da sank einem ja wahrhaftig jeglicher Lebensmut! Es war auch eine Torheit gewesen, sie hierher zu bringen – geradezu eine Verrücktheit! Hier war ja keine Heiterkeit zu finden. Eine Trostlosigkeit lauerte in dieser unbegrenzten Weite, eine schreckhafte Härte in dieser herb duftenden Luft, eine unerträgliche Schwermut in dieser großen Stille!

Schlieben hörte nur das eigne erregte Atmen. Immer rascher lief er, eine heftige Angst um seine Frau erfaßte ihn plötzlich. Jetzt hatte er sie beinahe erreicht – schon streckte er die Hand aus, sie am flatternden Kleid zu haschen – da drehte sie sich um, warf sich ihm an die Brust und schluchzte: »Ach, hier ist beides: Blüte und Frucht! Aber unsre Myrte ist abgeblüht und hat nicht Frucht getragen – nicht Frucht – wir armen Leute!«

Also das – das war’s wieder?! Verwünscht! Er, der sonst so Gemäßigte, stampfte heftig mit dem Fuß auf; Zorn, Scham und ein gewisses Schmerzgefühl jagten ihm das Blut zu Kopfe. Da stand er nun in einer Ödenei, hielt seine zum Erbarmen weinende Frau in den Armen und kam sich selber höchst kläglich vor.

»Sei nicht böse, sei nicht böse,« bat sie und drückte sich fester an ihn. »Siehst du, hier hatte ich gehofft – ach, so bestimmt gehofft – gewartet – ich weiß selbst nicht recht auf was, aber immer gewartet – und heute – eben ist mir’s klar geworden: es war doch alles, alles umsonst! Laß mich weinen!«

Und sie weinte wie jemand, dem alle Hoffnung gestorben ist.

Was sollte er ihr sagen? Wie sie trösten? Er wagte kein Wort, strich ihr nur sacht übers heiße Gesicht und fühlte, wie auch ihn ein Gefühl beschlich, =das= Gefühl, das er nicht immer die Kraft hatte, beiseite zu schieben.

So standen sie lange stumm, bis er, sich zusammennehmend, in einem Ton, der gleichgültig-ruhig zu klingen bemüht war, sagte: »Wir müssen zurückgehen, wir sind hier ganz in die Wildnis geraten. Komm, nimm meinen Arm! Du bist übermüdet, und wenn wir – – –«

»Still,« unterbrach sie ihn und ließ hastig seinen Arm fahren. »Wieder wie vorhin! Es klagt was!«

Nun hörte er’s auch. Sie horchten beide: war das ein Tier? Oder die Stimme eines Kindes, eines ganz kleinen Kindes?!

»O Gott!« Weiter sagte Käte nichts, aber sie machte, kurz entschlossen, eine Wendung nach rechts und lief eilig, ohne acht zu haben, daß sie mehrmals stolperte im schier undurchdringlichen Beerengestrüpp, zu einer kleinen Bodensenkung hinunter.

Ihr feines Ohr hatte sie recht geführt. Da lag das Kind auf der Erde. Es hatte kein Kissen, keine Decke, war recht erbärmlich eingebündelt in einen alten, zerschlissenen Frauenrock. Sein Köpfchen, das dunkel behaart war, lag im bereiften Kraut; mit den großen, klaren Augen guckte es starr in die Helle, die zwischen Himmel und Venn flimmerte.

Da war kein Schleier, keine schützende Hülle; auch keine Mutter – nur das Venn.

Sie hatten sich doch getäuscht: es weinte nicht, es grahlte nur so vor sich hin, wie stillzufriedene Kinder zu tun pflegen. Seine kleinen Händchen, die nicht mit eingebündelt waren, hatten um sich gefaßt, einige der roten Beeren gegriffen und zerquetscht. Dann waren die Fäustchen zum hungrigen Mündchen gewandert; die Säuglingslippen waren betropft mit Beerensaft.

»So allein?!« Käte war in die Kniee gesunken, ihre Hände umfaßten zitternd das Bündel. »Um Gottes willen, das arme Kind! O, wie reizend es ist! Sieh nur, Paul! Wie kommt es hierher? Es wird erfrieren! Verhungern! Ruf mal, Paul! Das arme Würmchen! Wenn jetzt die Mutter käme, der würde ich es aber gehörig sagen – es ist schändlich, das hilflose Wesen so liegen zu lassen! Rufe – laut – lauter!«

Er rief, er schrie: »He, holla! Ist niemand da?!«

Keine Stimme antwortete, kein Mensch kam. So still lag das Venn, als sei es eine ausgestorbene, längst vergessene Welt.

»Es kommt niemand,« flüsterte Käte ganz leise, und es war Angst und zugleich zitterndes Frohlocken in ihrer Stimme. »Die Mutter kümmert sich nicht – wer weiß, wo die hin ist?! Ob sie kommt?!« Spähend sah sie umher, reckte den Kopf nach allen Seiten, um ihn dann mit einem Seufzer der Befriedigung wieder auf das Kind herabzuneigen.

Was gehörte dazu für ein unverzeihlicher Leichtsinn – nein, was für eine unsagbare Roheit, solch ein Würmchen hier preiszugeben! Wenn sie nun ein paar Stunden, nur eine Stunde später gekommen wären?! Da konnte es bereits von einer Schlange gebissen, am Ende gar von einem Wolf zerrissen worden sein!

Nun mußte Schlieben doch lachen, obgleich ihn ein leises Mißvergnügen beschlichen hatte beim Anblick ihrer Exaltation. »Nein, mein Kind, Giftschlangen gibt es hier nicht, und Wölfe auch nicht mehr, da kannst du dich beruhigen. Aber wenn die Nebel erst steigen, so hätten die genügt!«

»O –!« Schaudernd preßte Käte den Findling an sich. Sie kauerte jetzt auf den Hacken und hielt das Kind im Schoß. Ihr Zeigefinger kitzelte schäkernd unter dem kleinen Kinn; sie streichelte die rosigen Bäckchen, das flaumige Köpfchen, erschöpfte sich in Liebkosungen und Schmeichelnamen, aber unverwandt sah das Kind mit den großen, dunklen und doch so hellen Augen in die flimmernde Helle. Es lächelte nicht, es weinte aber auch nicht; es schenkte den Fremden gar keine Beachtung.

»Glaubst du, daß man’s mit Absicht hier ausgesetzt hat?« fragte Käte plötzlich und machte die Augen weit auf. Eine heiße Blutwelle schoß ihr zu Kopf. »O, dann – dann« – sie tat einen zitternden Atemzug und preßte das Kind an sich, als möchte sie es nicht wieder lassen.

»Die Sache wird sich schon irgendwie aufklären,« sagte Schlieben ablenkend. »Die Mutter wird schon kommen!«

»Siehst du sie – siehst du sie?« forschte sie fast ängstlich.

»Nein!«

»Nein!« Sie wiederholte es erleichtert und lächelte dann. Ihr Auge und Ohr gehörte nun ganz dem hilflosen Wesen. »Wo ist das liebe Kindchen – ei, wo ist es denn?! Lach doch mal! Sieh mich doch mal an mit deinen großen Guckaugen! O, du liebes Geschöpf, o, du süßes Kind!« Sie tändelte mit ihm und preßte Küsse auf seine Händchen, ohne zu achten, daß diese schmutzig waren.

»Was machen wir nun?!« sagte der Mann betreten.

»Wir können es nicht hier liegen lassen. Selbstverständlich nehmen wir’s mit!« Die zarte Frau hatte plötzlich etwas sehr Energisches. »Glaubst du, ich werde das Kind im Stiche lassen?!« Ihre Wangen glühten, ihre Augen glänzten.

Mit einer gewissen Scheu sah Schlieben seine Frau an: wie war sie schön in diesem Augenblick! Schön, gesund, glücklich! So hatte er sie lange nicht gesehen. Nicht mehr, seit er sie als selige Braut in die Arme geschlossen hatte! Ihre Brust hob und senkte sich rasch unter bebenden Atemzügen, und an dieser Brust lag das Kind, und zu Füßen blühte die Myrte des Venns.

Eine seltsame Bewegung überkam ihn; aber er wendete sich ab: was ging sie das fremde Kind an?! Und doch gestand er zögernd zu: »Freilich, hierlassen können wir’s nicht! Weißt du was? Wir wollen es bis zur Baraque mitnehmen. Gib her, ich will es tragen!«

Aber sie wollte es selber tragen, sie ließ sich nur von ihm auf die Füße helfen. »So – so – komm, mein liebes Kindchen!« Behutsam hob sie den Fuß zum ersten Schritt – da bannte ein Ruf sie an die Stelle.

»Heela!«

Eine rauhe Stimme hatte das gerufen. Und nun kam ein Weib auf sie zu; die Gestalt im flatternden Rock hob sich groß und scharf ab von dem sie umflutenden lichten Äther.

Woher kam die so plötzlich? Dort, hinter dem Erdwall her, den man bei der Torfgrube ausgeworfen hatte! Sie war auf allen Vieren gekrochen und hatte Beeren gepflückt; ein fast gefüllter Eimer hing ihr am Arm, und in der Rechten trug sie das hölzerne Maß und den großen, knöchernen Pferdekamm, mit dem die Beeren abgestreift werden.

Das war die Mutter! Ein tiefer Schreck befiel Käte, sie wurde blaß.

Auch Schlieben war betroffen; aber dann atmete er erleichtert auf: so war’s entschieden die beste Lösung! Natürlich, man hätte es sich ja gleich denken können, wie sollte das Kind wohl ganz allein ins öde Venn kommen?! Die Mutter hatte Beeren gesucht und es derweilen hier niedergelegt!

Die Frau schien ihnen übrigens gar nicht Dank zu wissen, daß sie sich während ihrer Abwesenheit des Kindes so freundlich angenommen hatten. Mit einer ziemlich unsanften Bewegung nahmen die starkknochigen Arme das Kind der Dame ab. Mißtrauisch musterte der Blick des Weibes die Fremden.

»Ist es Ihr Kind?« fragte Schlieben. Es hätte der Frage nicht bedurft: das waren ganz dieselben dunklen Augen, nur daß sie bei dem Kinde glanzvoller waren, noch nicht vom Staube des Lebens getrübt, wie bei der Mutter.

Die Frau gab keine Antwort. Erst als Schlieben nochmals fragte: »Sind Sie die Mutter?« und zugleich in die Tasche griff, fand sie es der Mühe wert, kurz zu nicken:

»_C’est l’ mi’n!_«[1] Ihr Gesicht blieb finster, ganz ohne Regung von Stolz oder Freude.

[1] _C’est le mien._

Mit einem gewissen empörten Staunen sah es Käte. Wie gleichgültig das Weib war! Hielt sie nicht das Kind, als wäre es ihr eine überflüssige Last?! Ein Neid kam sie an, ein quälender Neid, und zugleich ein heftiger Unwille: die da verdiente wahrhaftig das Kind nicht! Aus dem Arm hätte sie ihr’s reißen mögen. Wie roh das Gesicht war, grob die Züge, hart der Ausdruck! Die konnte einem ja ordentlich Angst machen mit ihrem finsteren Blick. Nur jetzt – jetzt leuchtete etwas darin auf: aha, sie sah das Geldstück, das Paul aus seiner Börse genommen hatte!

Pfui, wie gierig jetzt der Blick wurde!

Die Beerensucherin streckte die Hand aus – da war ein großes, blankes Silberstück – und als es ihr nun gereicht war, als sie’s hielt, atmete sie tief; ihre braunen Finger schlossen sich fest darum.

»_Merci!_« Ein Lächeln huschte flüchtig über das unfreundliche Gesicht, dessen Mundwinkel verdrossen hingen; die Stumpfheit des Ausdrucks belebte sich für Augenblicke. Und dann – das unförmlich eingebündelte Kind auf einem Arm, am andern den schweren Eimer – schickte sie sich an, davonzutrotten.

Jetzt sah man erst, wie armselig ihr Rock war, er hatte Flicken in allen Farben und Größen. In den Zöpfen, die, verfilzt und unordentlich unter dem buntbetupften Kattuntuch vorhingen, hafteten dürre Heide und Tannennadeln; sie ging in alten schwergenagelten Männerschuhen. Man wußte nicht, war sie schon bejahrt oder noch jung; der starke Leib, die schlaffen Brüste entstellten sie, aber daß ihr Gesicht einmal nicht unschön gewesen sein mußte, das sah man noch. Das Kleine glich ihr.

»Ein hübsches Kind haben Sie,« sagte Schlieben. Seiner Frau zuliebe fing er noch einmal die Unterhaltung mit der Unzugänglichen an. »Wie alt ist der Knabe?«

Die Beerensucherin schüttelte den Kopf und sah teilnahmlos am Frager vorbei. Mit der war wirklich nichts anzufangen, die war ja entsetzlich stupide! Schon wollte Schlieben sie endgültig gehen lassen, aber Käte drängte sich an seinen Arm und raunte ihm zu: »Frage sie, wo sie wohnt! Wo sie wohnt – hörst du?!«

»He, wo wohnen Sie denn, gute Frau?«

Sie schüttelte wieder stumm den Kopf.

»Ich meine, wo sind Sie her? Aus welchem Dorf?«

»_Je ne co’pré nay_,«[2] sagte sie kurz. Aber dann, zugänglicher werdend – vielleicht daß sie noch ein zweites Almosen erhoffte – hub sie in weinerlich klagendem Ton an: »_Ne n’ava nay de pan et tat d’s e’fa’ts!_«[3]

[2] _Je ne comprends pas._

[3] _Nous n’avons pas de pain et tant des enfants._

»Sie sind wohl Wallonin?«

»_Ay[4] – Longfaye!_« Und sie hob den Arm und zeigte in eine Richtung, in der man nichts sah als Himmel und Venn.

[4] Ja.

Longfaye war ein sehr armes Venndorf; Schlieben wußte das und wollte noch einmal in die Tasche greifen, aber er fühlte sich von Käte zurückgehalten: »Nein, der da nicht – der Frau nicht – du mußt es dem Gemeindevorsteher übergeben, für das Kind, für das arme Kind!«

Sie tuschelte sehr leise und aufgeregt schnell.

Das Weib konnte unmöglich etwas verstanden haben, aber der Blick der schwarzen Augen flog blitzschnell von dem Herrn zu der Dame und blieb voll Mißtrauen auf der feinen Städterin haften: wenn die ihr doch nichts geben wollte, was sollte sie sich dann noch länger ausfragen lassen; was wollte die von ihr?! Mit einem kaum merklichen Kopfnicken und einem knapp herausgestoßenen »Adieu« wandte sich die Wallonin ab. Gelassenen aber weitausholenden Schritts entfernte sie sich übers Venn; rasch kam sie vorwärts, ihre Gestalt wurde kleiner und kleiner, die Mißfarbe ihres ärmlichen Rocks war bald nicht mehr kenntlich im farblosen Venn.

Die Sonne war verschwunden mit dem Kind; plötzlich war alles grau.

Regungslos stand Käte und sah in die Richtung von Longfaye. Sie stand, bis ein Frösteln sie zusammenschauern ließ, und hing sich dann schwer an den Arm ihres Mannes; als sei sie auf einmal müde geworden, so ging sie stumm mit schleppenden Füßen der Baraque zu. –

Nebel begann den hellen Mittag zu verschleiern. Feuchtkalte Luft, die empfindlicher näßt als Regen, machte die Kleider klamm. In dichten Schwärmen flogen die Stechfliegen der Sümpfe zu Tür und Fenstern der Baraque herein; drinnen brannte ein schwelendes Torffeuer, mit dürren Tannenreisern zu lodernderer Glut entfacht, und die Fliegen klebten sich an Herdwand und Decke – nein, sie wollten noch nicht sterben!

Der Herbst war da, Sonne und Wärme dem Venn entschwunden, jetzt tat man gut daran, zu fliehen.

Aber draußen, ganz in der Öde, überm höchsten Punkt des Venns, kreiste ein einsamer Bussard und stieß seinen durchdringenden, sieghaften Wildlingsschrei aus; dem war wohl hier, im Sommer wie im Winter, der wollte nicht fort von hier.

3

Der Gemeindevorsteher des kleinen Venndorfs war einigermaßen verwundert und verlegen, als so feine Herrschaften bei ihm vorfuhren und ihn zu sprechen wünschten. Durch die Jauche seines Hofes, die ihm bis an die Kniee spritzte, ging er ihnen entgegen. Er wußte nicht, wo er sie hineinführen sollte, denn drinnen waren die Ferkel und das Kälbchen, und die alte Sau wälzte sich vor der Tür.

So gingen sie mit ihm auf der stillen Dorfstraße, von der die wenigen Gehöfte noch abseits liegen, auf und ab, während der Wagen langsam in tief ausgefahrenen Geleisen hinter ihnen dreinholperte.

Käte war blaß, ihren Augen sah man’s an, daß sie wenig Schlaf gefunden hatten. Jedoch sie lächelte, und eine erwartungsvoll-freudige Spannung war in ihren Zügen, sprach aus ihrem Schritt; immer war sie den andern ein wenig vorauf.

Schliebens Gesicht war sehr ernst. War es nicht eine große Unbedachtsamkeit, eine grenzenlose Übereilung, die er jetzt beging, seiner Frau zuliebe?! Wenn es nun nicht zum Guten ausschlug?!

Es war eine böse Nacht gewesen. Seltsam stumm und wie geistesabwesend hatte er gestern Käte von der Baraque nach Hause gebracht, sie hatte nichts gegessen, und, große Ermüdung vorgebend, sich früh zur Ruhe gelegt. Aber als er, ein paar Stunden später, sein Lager aufsuchte, fand er sie noch nicht eingeschlafen. Sie saß aufrecht im Bett, ihr schönes Haar, das sie zur Nacht in zwei Zöpfe flocht, hing ihr lang herunter und gab ihr so das Aussehen einer ganz jungen Frau. Aus verstörten Augen sah sie ihn seltsam verlangend an, und dann schlang sie beide Arme um seinen Hals und zog seinen Kopf zu sich herunter.

Sie war so eigentümlich gewesen, so weich und doch so heftig, er hatte sie besorgt gefragt, ob ihr etwas fehle, aber sie hatte nur den Kopf geschüttelt und ihn in stummer Liebkosung fest umfaßt.

Er glaubte sie endlich eingeschlafen – sie schlief auch, aber nur ganz kurze Zeit – da war sie mit lautem Schrei schon wieder erwacht: sie hatte geträumt, so lebhaft geträumt – o, wenn er wüßte, was sie geträumt hatte! Geträumt – geträumt –! Sie seufzte und warf sich und lachte dann leise in sich hinein.

Er merkte wohl, daß sie etwas auf dem Herzen hatte, was sie ihm gern sagen wollte, und was sie sich doch nichts recht zu sagen traute. So fragte er sie.

Da hatte sie es ihm denn gestanden, stockend, schüchtern und doch mit einer Leidenschaftlichkeit, die ihn erschreckte: es war das Kind, an das sie immerfort dachte, immerfort denken mußte – ach, wenn sie das hätte! Das wollte sie haben, mußte sie haben! Die Frau hatte ja noch so viele Kinder, und sie – sie hatte keins! Und sie würde doch so glücklich mit ihm sein, ja, unsäglich glücklich!

Im Dunkel der Nacht, durch kein Wort von ihm unterbrochen, durch keine Bewegung – er hatte ganz still gelegen, fast wie gelähmt von der Überraschung, die doch nicht ganz eine Überraschung mehr war – hatte sie sich immer mehr gesteigert: was war ihr ganzes Leben? Eine immerwährende Sehnsucht! Alles, was er ihr an Liebe tat, konnte ihr doch das eine nicht ersetzen: ein Kind, ein Kind!

»Lieber, guter Mann, schlag’s mir nicht ab! Mach mich glücklich! So froh wird keine andre Mutter auf Erden sein – geliebter Mann, gib mir das Kind!« Ihre Tränen flossen, ihre Arme umklammerten ihn, ihre Küsse überschauerten sein Gesicht.

»Aber warum gerade =dieses= Kind?! Und so schnell entschlossen – das ist doch keine Kleinigkeit – man muß sich das erst sehr reiflich überlegen!«

Er hatte Einwendungen gemacht, Ausflüchte, aber sie hatte für alles schlagfertige Antworten bereit: was noch lange überlegen? Man würde doch zu keinem andern Resultat kommen! Und wie er nur denken konnte, daß die Frau das Kind vielleicht nicht geben würde? Wenn sie’s nicht liebte, gab sie’s gern, und wenn sie es liebte, würde sie es erst recht gern geben und Gott danken, es so gut versorgt zu wissen.

»Aber der Vater, der Vater, wer weiß, ob der damit einverstanden ist?!«

»Ach, der Vater! Wenn die Mutter es gibt, der Vater sicherlich! Ein Brotesser weniger ist bei so armen Leuten immer ein Glück. Das arme Kind, es wird vielleicht sterben aus Mangel an Nahrung, während es bei uns so gut« – sie unterbrach sich – »ist es nicht wie eine Fügung, daß gerade wir ins Venn kommen, gerade wir es finden mußten?«

Er fühlte, daß sie ihn beredete, und er sträubte sich innerlich dagegen: nein, wenn sie sich denn schon von ihrem Gefühl so fortreißen ließ – sie war eben eine Frau –, so mußte er doch, als Mann, den Verstand über das Gefühl setzen!

Und er hatte ihr alle Bedenken aufgezählt, wieder und wieder, und als Letztes ihr gesagt: »Du ahnst gar nicht, in welchen Zwiespalt du dich selber bringst! Wenn nun die Neigung, die du für das Kind zu empfinden glaubst, nicht standhält?! Wenn es sich dir nicht sympathisch entwickelt?! Bedenke, es ist und bleibt immer das angenommene Kind!«

Aber da war sie fast zornig aufgefahren: »Wie kannst du so etwas sagen?! Glaubst du, ich bin engherzig?! Eigen geboren oder angenommen, das ist ganz gleich, denn es wird mir angeboren durch die Erziehung. Ich werde es mir erziehen. Das ›Ausdemselbenblutesein‹ macht’s doch nicht! Bloß weil ich’s geboren habe, darum soll ich ein Kind lieben?! O nein! Ich liebe das Kind, weil – weil – nun, weil es so ganz auf mich angewiesen ist, weil es so klein ist, so unschuldig, weil es unendlich süß sein muß, wenn so ein hilfloses Geschöpfchen die Armchen nach einem ausstreckt!« Und sie breitete die Arme aus und schloß sie dann an ihre Brust, als hielte sie so schon ein Kind am Herzen. »Du bist ein Mann, du verstehst das eben nicht. Aber du willst mich doch so gerne glücklich machen – mach mich jetzt glücklich! Lieber, geliebter Mann, du wirst ja so rasch vergessen, daß er nicht unser Eigengeborener ist, es bald gar nicht anders mehr wissen. ›Vater, Mutter‹ wird er zu uns sagen – und wir werden Vater und Mutter sein!«

Wenn sie recht hätte! Von einer seltsamen Empfindung durchrieselt, schwieg er. Und warum sollte sie nicht recht haben?! Ein Kind, daß man vom ersten Lebensjahre an ganz auf =seine= Weise erzieht, das man vollständig auslöst aus den Verhältnissen, in denen es geboren worden ist, das nicht anders weiß, als daß es seiner jetzigen Eltern Kind ist, das da denken lernt mit ihrem Denken und fühlen mit ihrem Fühlen, das kann nichts Fremdes mehr haben. Das wird ein Teil des ureigensten Ichs, wird einem so lieb, so teuer, als hätte man’s selber gezeugt!

Vor des Mannes Herzen stiegen Bilder auf, deren Anblick er nicht mehr erhofft, nicht mehr zu hoffen gewagt hatte. Er sah sein lächelndes Weib, auf dessen Schoß ein lächelndes Kind; er sah sich selber lächeln und fühlte einen nie gekannten Stolz bei dem kindlich-zärtlichen Lallen: ›Va–ter!‹ Ja, Käte hatte schon recht, alles, was man sonst Glück nennt, ist nichts gegen dieses Glück. Nur ein Vater, eine Mutter wissen, was Freude ist!

Er küßte seine Käte, und dieser Kuß war schon halbe Zustimmung, das hatte sie gefühlt.

»Laß uns morgen hinfahren, morgen, gleich früh!« bat sie, unterdrückten Jubel im Ton.

Er bemühte sich, gelassen zu bleiben: nein, erst mußte man die Sache, nach eigner, reiflicher Überlegung, in Berlin mit dem Anwalt und auch mit sonstigen Vertrauensleuten besprechen!

Darüber geriet sie außer sich; halb schmollte sie, halb lachte sie ihn aus: war denn dies hier eine Geschäftssache? Was ging den Anwalt und andere Leute ihre tiefste, persönlichste Herzenssache an?! Niemand war darum zu befragen, niemand sollte sich da hineinmischen! Kein Mensch durfte ahnen, woher das Kindchen kam, von wem es abstammte! Sie, sie beide waren seine Eltern, sie kamen für es auf, sie waren sein Anfang und die Bürgen für seine Zukunft – ihr Werk, ganz ihr Werk war dieses Kind!

»Morgen holen wir es gleich! Je eher es aus dem Schmutz und der Verkommenheit herauskommt, desto besser – nicht wahr, Paul?« Sie ließ ihn gar nicht mehr zu Worte kommen, sie überschüttete ihn in sprudelnder Lebendigkeit mit Plänen und Vorschlägen; und ihr Überschwang schwemmte seine Bedenken mit fort.

Man kann auch zu bedenklich sein, zu übertrieben vorsichtig und sich so jede Lebensfreude verbittern, das sagte er sich. Was taten sie denn Außergewöhnliches? Sie hoben nur etwas auf, was ihnen vor die Füße gelegt worden war; sie gehorchten so einem Wink des Schicksals. Und da waren wirklich auch gar keine Schwierigkeiten. Wenn sie’s selber nicht verrieten, würde niemand die Herkunft des Kindes erfahren, und hier wiederum würde nicht groß Nachfrage nach dessen Verbleib sein. Es war ein namen-, ein heimatloses Etwas, das sie an sich nahmen und aus dem sie machten, was sie daraus machen wollten. Später, wenn man das Alter dazu hatte, adoptierte man dann den Kleinen in aller Form und legte so auch in Akten fest, was man im Herzen längst getan hatte. Jetzt galt es nur noch, den Gemeindevorsteher von Longfaye aufzusuchen und mit seiner Unterstützung die Abtretung seitens der Eltern zu erlangen!

Als Schlieben zu einem Entschluß gekommen war, plagte ihn gleiche Unruhe wie seine Frau. Diese stöhnte: wenn es doch erst morgen wäre! Wenn ihr nun jemand zuvorkäme, wenn das Kind nicht mehr da wäre morgen?! Sie warf sich rastlos hin und her in Ungeduld und Bangigkeit. Aber auch Schlieben wälzte sich schlaflos von einer Seite zur andern. Ob das Kind auch gesund war?! Einen Augenblick überlegte er besorgt, ob es nicht geraten sei, den Badearzt von Spaa ins Vertrauen zu ziehen – der könnte mitfahren und den Kleinen vorerst untersuchen – aber dann verwarf er diesen Gedanken wieder: das Kind sah ja so kräftig aus! Er rief sich die derben Fäustchen zurück, den klaren Blick der blanken Augen – auf nacktem Boden, bei Kälte und Wind, ohne Schutz hatte es gelegen – es mußte eine Kernnatur haben. Darüber konnte man ruhig sein. –

Es war noch sehr früh am Morgen gewesen, als das Ehepaar sich aufgerafft hatte – müde, wie zerschlagen an allen Gliedern – aber von einer Art fröhlicher Entschlossenheit getrieben.

Käte lief im Hotelzimmer hin und her, so geschäftig, so freudig erregt wie jemand, der einen lieben Gast erwartet. Sie war so sicher, daß sie das Kind gleich mit herbringen würden. Jedenfalls wollte sie anfangen, die Koffer zu packen, denn wenn man das Kind hatte, dann nur nach Hause, so schnell als möglich nach Hause! »Das Hotel ist nichts für solch einen kleinen Liebling. Der mußte sein Kinderzimmer haben, einen freundlichen Raum mit geblümten Gardinen – nur dunkle nebenbei zum Vorziehen, um das Licht beim Schlafen zu dämpfen – sonst alles hell, leicht, luftig. Und eine Babykommode muß darin stehen mit den vielen Fläschchen und Näpfchen, und sein Badewännchen, sein Bettchen mit den weißen Mullvorhängen, hinter denen man ihn liegen sehen kann mit roten Bäckchen, die Fäustchen am Kopf, und fest schlummern!«

Sie war so jugendlich, so liebenswürdig in ihrer erwartungsvollen Freude, daß sie ihren Mann entzückte. Schien nicht der Sonnenschein, auf den er so lange vergeblich geharrt hatte, jetzt kommen zu wollen?! Er ging schon dem Kinde vorher, fiel heiter verklärend auf dessen Weg. –

Die Eheleute waren beide bewegt, als sie gen Longfaye fuhren. Einen bequemen Landauer mit schließbarem Verdeck hatten sie heute genommen statt des leichten Zweisitzers, in dem sie sonst ihre Touren zu machen pflegten. Es könnte auf dem Rückweg zu kalt für den Kleinen werden! Decken und Mäntel und Tücher waren eingepackt, eine ganze Auswahl.

Schlieben hatte sich mit seinen Papieren versehen; man würde wohl kaum einen Ausweis von ihm verlangen, aber der Sicherheit halber, um einer etwa dadurch entstehenden Verzögerung vorzubeugen, steckte er sie ein. Man hatte ihm den Gemeindevorsteher von Longfaye als einen ganz verständigen Mann genannt, so würde sich denn alles glatt abwickeln.

Wie die Ebereschen zu seiten der Straße unter der herbstlichen Last roter Beeren ihre Kronen senkten, so senkten sich auch die Häupter der beiden Menschen unter einer Flut von hoffnungsvollen Gedanken. Rasch flogen die Bäumchen am rollenden Wagen vorbei, rasch alle Etappen des Lebens am bewegten Gemüt. Fünfzehn Ehejahre – lange Jahre, wenn man wartet – erst mit Zuversicht, dann mit Geduld, dann mit Zaghaftigkeit, dann mit Sehnsucht – mit Sehnsucht, die von Jahr zu Jahr heimlicher wird, und in der Heimlichkeit immer brennender! Nun war die Erfüllung nah, freilich anders, als liebende Gatten sie sich ausmalen; aber doch eine Erfüllung.

Unabweislich kam der Frau das alte Bibelwort in den Sinn: ›Und als die Zeit erfüllet war, sandte Gott seinen Sohn‹ – o, dieses Kind aus der Fremde, aus dem Unbekannten, aus dem Lande, das nicht Acker noch Früchte hat und nicht gesegnet ist mit reichen Ernten, dieses Kind war eine Gabe des Himmels, ein Geschenk seiner Güte! Sie beugte ihr Haupt wie gesegnet, des Dankes voll.

Und der Mann drückte leise die Hand seiner Frau, und sie erwiderte den Druck. Hand in Hand blieben sie sitzen. Sein Blick suchte den ihren, und sie errötete. Jetzt liebte sie ihn wieder wie im ersten Jahr ihrer jungen Ehe – nein, jetzt liebte sie ihn noch um vieles mehr, denn jetzt, jetzt schenkte er ihr das Glück ihres Lebens: das Kind!

Selig schweifte ihr Blick übers arme Vennland, das braun und öde schien und doch ein Märchenland war voll der herrlichsten Wunder.

»Hab ich’s nicht gewußt?!« murmelte sie triumphierend und doch zusammenschauernd in einer fast abergläubischen Regung. »Ich hab’s gefühlt – hier – hier!«

Sie konnte es kaum erwarten, bis sie das Venndorf erreichten. Ach, wie lag das abseits aller Welt, so ganz vergessen! Und so arm! Aber die Armut schreckte sie nicht und die aus der Armut entspringende Unsauberkeit auch nicht; sie nahm ihn ja jetzt mit fort von hier, brachte ihn in Kultur und Wohlleben, und daß er einmal auf nacktem Boden gelegen hatte statt in weichem Bettchen, das würde er nun und nimmer ahnen. Sie dachte an Moses: wie der gefunden worden war im Schilf des Nils, so hatte sie ihn gefunden im Gras des Venns – ob er ein großer Mann würde wie jener?! Wünsche, Gebete, Hoffnungen und hundert Gefühle, die sie früher nicht gekannt hatte, bewegten ihr Herz. –

Schlieben hatte Mühe, sich dem Gemeindevorsteher verständlich zu machen. Nicht daß der Mann ein Wallone gewesen wäre, der schlecht Deutsch verstand – Niklas Rocherath aus dem Haus ›Zur guten Hoffnung‹, so genannt, weil man’s, als das ansehnlichste des Dorfes, weit vom Venn her erblicken konnte, war gut deutsch – aber er begriff den Herrn nicht.

Was wollte der mit dem Jean-Pierre von der Lisa Solheid? Annehmen an Kindes Statt?! Ganz verdutzt sah er drein, und dann war er beleidigt: nein, wenn er auch ein simpler Bauer war, zum Narren halten ließ er sich von dem Herrn drum doch nicht!

Erst allmählich gelang es Schlieben, ihn von der Ernsthaftigkeit seiner Absicht zu überzeugen. Aber immer noch rieb der Alte bedenklich das stopplige Kinn und sah mißtrauisch auf die, die so hergeschneit kamen in seine Einsamkeit. Erst als Käte, von der langen Auseinandersetzung ermüdet und gequält, ihn ungeduldig beim Arm ergriff und ihm, fast gereizt und mit Heftigkeit, ins Gesicht schrie: »So begreifen Sie doch! Wir haben kein Kind, wir wollen aber ein Kind – begreifen Sie’s nun?!« – da begriff er.

Kein Kind – o weh! Kein Kind – da weiß man ja gar nicht, für was man lebt! Nun nickte er verständnisvoll; und mitleidig auf die Frau blickend, die so reich war, so fein angetan und doch keine Kinder hatte, zeigte er sich viel zugänglicher. Also der Jean-Pierre von der Lisa Solheid hatte ihnen so gut gefallen, daß sie sich den mitnehmen wollten bis nach Berlin? Was der Jung für ein Glück hatte! Die Lisa würde es gar nicht glauben wollen. Zu gönnen war der’s freilich, so arm wie die war keiner hier, die wußte manchen Tag nicht, wie sie sich und ihre fünf satt machen sollte. Früher, als ihr Mann noch lebte –

Was, der Mann lebte nicht mehr?! Sie war Witwe?! Wie befreit aufatmend unterbrach Schlieben den Gemeindevorsteher. Er hatte, wenn er auch nicht darüber gesprochen hatte, vor dem Vater beständig eine geheime Furcht gehabt: wenn der nun ein Schnapstrinker wäre oder sonst ein Tunichtgut?! Nun fiel ihm eine Last von der Seele – der war tot, der konnte nicht mehr schaden! Oder war er am Ende an einer Krankheit gestorben, an einem zehrenden Leiden, das sich auf Kinder und Kindeskinder vererbt?! Schlieben hatte sagen hören, daß die Nebel des Venns und seine plötzlichen Temperaturwechsel leicht der Lunge und dem Hals verderblich werden – dazu schwere Arbeit und schlechte Ernährung – der junge Mann war doch nicht etwa gar an der Schwindsucht gestorben?! Ängstlich forschte er.

Aber Niklas Rocherath lachte: nein, von einer Krankheit hatte der Michel Solheid zeitlebens nichts gewußt und war auch an keiner gestorben. Zu Verviers hatte er gearbeitet, in der Maschinenfabrik, schwarz berußt und nackt bis zum Gürtel; dem waren Kälte und Hitze ganz einerlei gewesen. Und alle Samstag war er herübergekommen von Verviers und war den Sonntag bei seiner Familie geblieben. Und es war Samstag vor Peter und Paul gewesen, jetzt etwas über ein Jahr her, da hatte der Michel von dem, was er in Überstunden verdient hatte, seiner Frau eine Speckseite gekauft und ein oder zwei Pfund Kaffee, denn –

»Ihr müßt wissen, Hähr, dat is hier viel zu teuer für uns un über der Jrenz viel billiger,« sagte der alte Mann bekümmert, hob dann langsam die Faust und drohte hinüber zum Venn, das ruhig und weltfern dalag. »Da waren se ihm aber bald auf den Fersen. Von der Baraque an waren sie als hinter ihm drein – die verdammte Cammise![5] Ihrer drei, vier. Nu müßt Ihr wissen, dat de Michel laufen konnt wie nur einer. Wenn de seinen Pack hinter den Busch geschmissen hätt und hätt sich am laufen gehalten, den hätten se mein Lebtag nich jekriegt. Aber ne, dat wollt he nich, da hätt he sich doch für sich selber jeschämt. Um sich nu nich zu verraten, wohin he eijentlich jing, rannt he statt nach rechts nach links ab durch ’t Wallonische Venn, der Hill nach. Durch Elefay un Neckel,[6] so immer die Kreuz un die Quer, un kam nu so janz aus der Jejend heraus, wo he Bescheid wußt wie in seiner Tasch. Ober dem Pannensterz waren se ihm dicht auf den Hacken. Un se waren hinter ihm am Schreien: ›Steh!‹

[5] Grenzjäger.

[6] Walddistrikte im hohen Venn.

»Seht Ihr, Hähr, wär he nu in die Jroße Haard jelaufen un hätt sich da im Dickicht verborjen, so hätten se ihn ohne Hund nie jefunden. Aber nu war he verwirrt un rannt aus dem Busch eraus, blank über et Venn.

»›Halt!‹ – ›Steh!‹ – un zum dritten Mal: ›Halt!‹ Aber er sprung wie ’ne Hirsch. Da drückt einer los un – Jesus Christus erbarme dich, jetzt und in der Stunde unsers Todes!« – der Gemeindevorsteher schlug andächtig ein Kreuz und wischte sich dann mit dem Handrücken unter der schnüffelnden Nase her – »de Schuß fuhr durch die Speckseit in den Buckel, hinten erein, vorn eraus. Da schlug de Solheid den Kuckeleboom.[7] En Schand war et: um en Speckseit, so ’ne staatse Kerl!

[7] Purzelbaum.

»He hat noch en starke Stund jelebt. He sagt noch, dat he de Solheid aus Longfaye wär und dat se sein Frau holen sollten.

»Ich war den Tag jrad am Heckenscheren, da kam einer jerannt. Un ich macht mich auf mit der Lisa, die war damals im sechsten Monat met ’m Jean-Pierre. Aber als mir hinkamen, war et schon zu spät.

»Se hatten ihn liejen, nich weit vom jroßen Kreuz. Se hatten ihn tragen wollen bis Ruitzhof in en Haus, aber he saat: ›Laßt mich – hier will ich himmelen!‹[8] Un hatt in de Sonn jekuckt.

[8] sterben.

»Hähr, die stand am Himmel so jroß un rot de Tag – so jroß – wie se einst wird stehen am Tage des Jerichts! Hähr, he war janz in Schweiß un Blut – Stunden waren se mit ihm jejagt – aber an der Sonn hatt he noch sein Freud!

»Hähr, de Kerl, de ihn jeschossen hatt, de war janz drauß, de hielt ihn im Schoß un war am weinen. Hähr, ne,« – der Gemeindevorsteher schüttelte sich, und man merkte seiner Gebärde den Abscheu an – »ich möcht kein Cammis sein!«

Die Stimme des alten Mannes war tiefer und rauher geworden – es war das Zeichen seiner Anteilnahme – nun bekam sie wieder ihren früheren gleichmäßigen Klang: »Wenn et Euch paßt, Madame, wollen mir jetzt jehen!«

»O, das Kind, das arme Kind,« flüsterte Käte erschüttert.

»Glauben Sie denn, daß die Witwe sich von diesem Jüngsten trennen wird?« fragte Schlieben, von einer plötzlichen Befürchtung erfaßt. Dieses nach dem Tode des Vaters geborene Kind – war es möglich?!

»O –!« Der Alte wiegte den Kopf und schmunzelte. »Wenn Ihr wat Ordentliches dafür jebt! Sie hat ’er ja noch jenug!«

Jetzt war Nikolas Rocherath wieder ganz Bauer; das war nicht derselbe Mann mehr, der von der Sonne des Venns und dem Tode des Solheid gesprochen hatte. Nun galt es, so viel als möglich herauszuschlagen, einen Fremden, der noch dazu ein Städter war, ordentlich übers Ohr zu hauen!

»Hundert Taler wären nich übertrieben jefordert,« sagte er und blinzelte dabei von der Seite nach dem ernsten Gesicht des Herrn – mußte der ein Geld haben, der verzog ja nicht eine Miene!

Vom Viehhandel her war der alte Bauer seit Lebzeiten das Feilschen gewöhnt, nun blickte er, von scheuer Bewunderung für solch einen Reichtum erfüllt, auf den Fremden. Bereitwillig führte er nach der Hütte der Solheid. –

4

Die Hütte der Solheid lag, wie alle Häuser des Dorfes, ganz für sich allein hinter einer giebelhohen Hecke. Aber die Hecke, die da schützen sollte gegen die Stürme des Venns und das wilde Schneetreiben, war nicht mehr dicht; man sah’s, hier fehlte die sorgende Männerhand. Die Hainbuchen waren regellos in die Höhe geschossen; abgestorbene Zweige, die der Vennwind peitschte, reckten sich wie klagende Finger in die Luft.

Hu, hier mußte es eisig kalt sein im Winter! Unwillkürlich zog Käte den weichen, seidengefütterten Tuchmantel fester um sich. Und doppelt dunkel mußte es hier sein in dunklen Tagen! Die winzigen Fensterchen waren durch die Schutzhecke lichtlos gemacht, und tief hing das Dach über den Eingang. Ohne Stufen, gleich von der ebenen Erde ging’s hinein.

Der Gemeindevorsteher rappelte am ›Jadder‹, der einstmals grün gestrichenen, jetzt farblos gewordenen Haustür mit dem eisernen Klopfer. Der Klopfer dröhnte durchs Haus, aber die Tür gab dem Druck nicht nach. Ei, die Solheid war wohl in den Beeren und die Kinder mit ihr! Man hörte drinnen im verschlossenen Hüttenraum nur das hungrige Schreien des Jüngsten.

Das arme Kind – o, sie hatte es wieder allein gelassen! Käte zitterte vor Erregung, wie Hilferuf erklang ihr das Geschrei.

Gelassen setzte sich der Gemeindevorsteher auf den Hauklotz vor der Tür und zog seine Pfeife aus der Tasche des faltigen blauen Leinenkittels, den er, der Herrschaft zu Ehren, rasch über das Arbeitswams gezogen hatte. Jetzt hieß es warten.

Enttäuscht sah sich das Ehepaar an – warten?! Käte hatte den Sitz ausgeschlagen, den ihr der Alte mit einer gerissen Galanterie auf dem Hauklotz angeboten; sie hatte keine Ruhe, rastlos schritt sie vor dem Fensterchen auf und ab und mühte sich vergebens, durch die blinde Scheibe hineinzuspähen.

Immer ungebärdiger schrie drinnen das Kind. Der alte Rocherath lachte: das war mal ein Brüllen, der Jean-Pierre hatte ’n kräftige Lung!

Käte konnte das Schreien nicht mehr mit anhören, es machte ihr körperliche und seelische Qual. Ach, wie es ihr in den Ohren gellte! Sie preßte die Hände dagegen. Und ihr Herz zitterte vor Mitleid und Empörung: wie konnte die Mutter so lange ausbleiben?!

Der Angstschweiß trat ihr auf die Stirn; mit brennenden, ungeduldigen Augen starrte sie hinaus aufs Venn, auf den nackten, baumlosen, sich endlos hinschlängelnden Pfad. Da sah sie endlich Gestalten – endlich! – und doch blieb ihr auf einmal der Atem stehen, ihr Herz setzte den Schlag aus, um dann plötzlich, wie toll, ungestüm drauf loszuhämmern: da kam die Mutter!

Lisa Solheid trug eine Reisigwelle auf dem Rücken, um die Schultern mit einem Strick festgeschnürt. Die Last war so schwer, daß sie das Weib ganz vornüber drückte und ihm den Kopf tief duckte. Drei Kinder – die kleinen Füße in plumpen Nagelschuhen – trappten vor der Mutter her, während ein viertes an ihrem Rock hing. Das hatte auch schon Preißelbeeren gesucht, seine Händchen waren rot gefärbt wie die Hände der größeren Geschwister, die Eimer, Maß und Kamm schleppten.

Hübsche Kinder, alle vier! Sie hatten dieselben dunklen Augen wie der kleine Jean-Pierre, mit denen starrten sie halb dreist, halb scheu die fremde Dame an, die ihnen zulächelte.

Die Solheid erkannte die Herrschaften nicht, die ihr gestern auf dem Venn eine Gabe gereicht hatten – oder tat sie nur so?

Der Strick, der die Welle zusammenhielt, hatte ihr tief in Schultern und Brust eingeschnitten, jetzt löste sie ihn und schleuderte mit kraftvollem Ruck die Bürde ab; und jetzt griff sie nach der Axt, die neben dem Hauklotz lag, und begann, als sei niemand zugegen, mit mächtigen Hieben ein paar starke Äste zu zerkleinern.

»Heela, Lisa,« sagte der Gemeindevorsteher, »wenn du jenug Holz jehauen hast, für die Jrumbieren zu kochen, paß ens op!«

Sie sah flüchtig von ihrer Arbeit zu ihm auf. Die Fremden waren beide – ohne Verabredung – ein wenig auf die Seite gegangen: mochte es der Gemeindevorsteher ihr erst einmal sagen! Es war doch nicht so einfach, wie sie sich’s gedacht hatten. Die war nicht leicht zugänglich!

Der Solheid verschlossenes Gesicht veränderte keinen Zug; stumm, mit zusammengepreßten Lippen verrichtete sie ihre Arbeit weiter. Das Holz barst unter ihren kraftvollen Hieben, die Stücke flogen um sie herum. Ob sie überhaupt auf das hörte, was der Mann zu ihr sprach?!

Ja – die Beobachtenden wechselten einen raschen Blick – und jetzt antwortete sie auch! Lebhafter, als man es bei ihrer verdrossenen Art vermutet hätte.

Lisa Solheid hob den Arm und wies nach ihrer Hütte, darinnen der Kleine noch immer unerhört schrie. Rauh klang ihre Rede, in einem schier barbarischen Dialekt, man verstand nichts davon, nur ab und zu ein französisches Wort. Auch der Gemeindevorsteher sprach wallonisch. Sie wurden beide lebhaft, erhoben ihre Stimmen und redeten laut gegeneinander an; fast klang es wie Zank.

Sie schienen nicht einig zu werden! Käte lauschte in verhaltner Angst. Würde sie es geben? Würde er’s von ihr losbekommen?!

Heimlich zupfte sie ihren Mann. »Biete mehr, gib ihr doch mehr, hundert Taler sind viel zu wenig!« Und dem Bauer da mußte er auch etwas versprechen für seine Bemühung. Hundert, zweihundert, dreihundert, hundert mal hundert waren nicht zu viel! Ach, wie das arme Kindchen schrie! Es litt sie fast nicht mehr so tatenlos vor der Schwelle.

Die Geschwister des kleinen Jean-Pierre – ein schönes Mädchen mit wirren Haaren und drei jüngere Knaben – standen, den Finger im Mund, die schmutzigen Näschen ungewischt, und rührten sich nicht vom Fleck.

Da fuhr die Mutter sie an: »Heela,« und sie stoben davon, eines fast über das andre purzelnd. Aus der kleinen Höhlung unter der Schwelle scharrten sie den Schlüssel vor, und die Größte stieß ihn ins rostige Schloß und drehte ihn, auf den Zehen stehend, mit aller Kraft ihrer beiden Händchen um.

Die Solheid wandte sich nun gegen die Fremden; ihre hagere braune Rechte machte eine einladende Bewegung: »_Entrez!_«

Sie traten ein. Innen war’s so niedrig, daß Schlieben den Kopf bücken mußte, um ihn nicht wider die Balkendecke zu stoßen, und so dunkel, daß sie geraume Zeit brauchten, bis sie nur irgend etwas unterscheiden konnten. Ärmlicher konnte es nirgendwo sein – alles in allem ein einziger Raum. Der Herd war von rohen Steinen kunstlos gemauert, darüber hing vom geschwärzten Balken an eiserner Kette der Kessel herab; offen stieg der Qualm der langsam schwelenden Torfglut hinauf in den rußigen Rauchfang. Ein paar irdene Teller im Schlüsselbrett – buntblumig aber rissig – ein paar verbeulte Zinngefäße, ein Melkeimer, ein hölzerner Bottich, eine lange Bank hinterm Tisch, auf dem Tisch ein halber Laib Brot und ein Messer, wenige Kleider an Nägeln, in die Wand halb hineingebaut das Ehebett, darin jetzt wohl die Witwe mit den Kindern schlief, und davor die plumpe Holzwiege des kleinen Jean-Pierre – das war alles.

Wirklich alles? Von einem Frösteln im dämmerkalten, kellerdumpfen Raum geschüttelt, sah sich Käte um. O, wie trostlos arm! Da war kein Schmuck, keine Zier! Doch, dort ein schreiend buntes Marienbildchen – ein roher Farbendruck auf dünnem Papier – ein Weihwasserkesselchen aus weißem Porzellan darunter – und dort, auf der andern Seite der Wand, dicht beim Fenster, so daß das wenige Licht darauf fiel, ein Soldatenbild. Unter Glas und Rahmen, in drei Abteilungen, dreimal derselbe Infanterist. Links: das Gewehr geschultert, auf Posten vorm schwarz-weißen Schilderhaus – rechts: marschbereit, Tornister und Kochgeschirr aufgeschnallt, Brotbeutel und Feldflasche an der Seite, Gewehr bei Fuß – in der Mitte: in Parademontur ein Gefreiter, die Hand grüßend an den Helm gelegt.

Ah, das sollte wohl der Mann sein, Michel Solheid als Soldat?! Einen scheuen Blick warf Käte auf das Bild – der da, der war ja erschossen worden beim Schmuggeln auf dem Venn! Wie schrecklich! Sie hörte wieder den Alten erzählen, sah den blutenden Mann im Heidekraut liegen, und das Grausen des Abenteuerlichen rüttelte sie. Ihr Blick glitt wieder und wieder hin zu dem Bilde, dem üblichen Soldatenbild, das in seiner stereotypen Nichtigkeit so gar nichts sagte, und von da zu der Wiege des kleinen Jean-Pierre: ob der viel vom Vater hatte?!

Schlieben hatte gewartet, daß seine Frau das Wort nehmen sollte – sie würde ja am besten wissen, wie mit der andern zu reden sei – aber sie schwieg. Und der Gemeindevorsteher sagte auch nichts; nun er die Verhandlungen eingeleitet hatte, hielt er es für höflich, dem Herrn das Wort zu lassen. Und die Solheid sprach auch nicht. Sie scheuchte nur mit einer stummen Gebärde die Kinder, die sich mit Gier über das harte Brot auf dem Tisch hermachen wollten. Dann stand sie still bei der Wiege; ihre Rechte, die noch das Beil vom Holzspalten hielt, hing schlaff herunter am armseligen Rock. Finster war ihr Gesicht, unnahbar, und doch spiegelte sich ein Kampf darin.

Schlieben räusperte sich. Er hätte es lieber gehabt, wenn ein andrer für ihn die Sache erledigt hätte, aber da dieser andre nicht da war, der Gemeindevorsteher ihn nur erwartungsvoll anblickte, so sah er sich gezwungen, zu sprechen. Mit einer Freundlichkeit, die wie Herablassung erscheinen mochte und doch nur Verlegenheit war, sagte er: »Frau Solheid, der Gemeindevorsteher wird Ihnen gesagt haben, was uns zu Ihnen führt – verstehen Sie mich, gute Frau?«

Sie nickte.

»Wir haben die Absicht, Ihr jüngstes Kind an« – er stockte, sie hatte eine Bewegung gemacht, als wolle sie verneinen – »an Kindes Statt anzunehmen, _adopter_! Sie verstehen!«

Sie antwortete nicht; aber er fuhr fort, so rasch, als habe sie ›ja‹ gesagt: »Wir werden es halten, als wenn es unser eigenes wäre, es wird es so gut haben, wie Sie es ihm natürlich nicht geben können, und wir –«

»O, und wir werden es so lieb haben!« fiel Käte ihm ins Wort.

Das schwarze Weib drehte langsam den Kopf nach der Seite, wo die blonde Frau stand. Es war ein seltsamer Blick, der die Fremde maß, die jetzt näher zur Wiege herangekommen war. War’s ein prüfender Blick, ein abwehrender, ein freundlicher oder unfreundlicher?!

Käte sah mit verlangenden Augen nach dem Kinde. Das weinte jetzt nicht mehr, es lächelte jetzt sogar, und jetzt – jetzt reckte es die Ärmchen! O, es war schon so klug, es sah sie an, merkte bereits, daß sie ihm gut war! Es versuchte sich aufzurichten – ah, es wollte zu ihr, zu ihr!

Das Rot der Freude schoß ihr zu Kopf, schon streckte sie die Hände aus, das Kleine aufzunehmen, da schob sich wie eine Wand die Mutter vor die Wiege.

»_Neni_,«[9] sagte die Wallonin hart. Abwehrend hob sie die freie Linke. Und dann machte sie das Zeichen des Kreuzes auf die Stirn des Kindes, und dann auch auf seine Brust.

[9] Nein.

Aber warum denn nicht, warum wollte sie es denn nun auf einmal nicht geben?! Käte zitterte vor Schreck. Flehend suchte ihr Blick den ihres Mannes: hilf du mir! Ich muß, ich muß das Kind haben!

Und Schlieben sagte jetzt, was er schon vorhin hatte sagen wollen, als seine Frau ihm ins Wort gefallen war: »Wir stellen die Zukunft Ihres Kindes sicher. Wissen Sie, was das heißt, gute Frau? Es wird nie Sorge ums tägliche Brot haben – nie hungern müssen! Nie arbeiten müssen, um sein Leben zu fristen – nur arbeiten aus Freude an der Arbeit! Verstehen Sie?!«

Arbeiten – aus Freude an Arbeit?! Verständnislos schüttelte das Weib den Kopf. Aber dann fiel ihm ein: nie hungern! – und ein Licht glomm in seinem stumpfen Blick auf. Nie hungern – ei, das verstand die Witwe wohl, und doch schüttelte sie wieder verneinend den Kopf: »_Neni!_«

Sie zeigte auf sich und die andern Kinder und dann mit einer umfassenden Bewegung hinaus aufs große Venn: »_Nos avans tortos faim!_«[10] Sie zuckte die Achseln mit dem Gleichmut der Gewöhnung, und es schien sogar, als ob sie lächeln wollte; die Mundwinkel ihres verdrossenen Mundes hoben sich ein wenig, ihre sonst herbgeschlossenen Lippen ließen die kräftigen, gesunden Zähne sehen.

[10] _Nous avons faim tous._

Der Gemeindevorsteher mischte sich jetzt ein: »Lisa, wahrhaftiges Jotts, dat is doch kein Pläsier, zu hungere! Sackerment, dat du so jeckelig bis! De Jung, de kömmt ja aus der Höll in der Himmel. Wat ich dir schon jesagt hab: die Herrschafte sin reich, sehr reich, un se sin jeck op dat Kind, – rasch, jib et ihnen, du has ’r ja noch vier!«

Noch vier! Sie nickte nachdenklich, aber dann warf sie den Kopf in den Nacken, und ein Blick – jetzt war er deutlich, es flackerte darin etwas wie Haß – schoß zu der andern hinüber, die da stand so reich, so fein, mit Ringen an den Fingern, und nach der ihr Jean-Pierre guckte. »_Neni!_« Sie sagte es noch einmal und noch abweisender und noch hartnäckiger denn zuvor.

Aber der Gemeindevorsteher war zäh, er kannte hier die Art. »Du wirs es dir überlejen,« sprach er überredend. »Un wenn ich dir sage, daß se dir reichlich jeben werden – nich wahr?« wandte er sich fragend an Schlieben. »Habt Ihr nich jesagt, da es Euch nich ankömmt op ’n Stück Jeld bei so ’ner armen Frau?!«

»Nein, gewiß nicht,« versicherte Schlieben. Und Käte war wieder voreilig: »Es kommt uns gar nicht darauf an – von Herzen gern, was sie verlangt – ach, das liebe Kind!«

»_Dju n’ vous nin_,«[11] murrte die Solheid.

[11] _Je ne veux pas._

»Du wills nich?! Ä wat!« Der alte Bauer lachte sie fast aus. »Du bis ja wie mein Maiblum, wenn die nich stehn will un mit dem Hinterbein jegen der Melkeimer haut! Stoß die Leut doch nit vor der Kopp! Wat haste dann, wenn se nu fortjehn un sin des satt?! Jar nix! Dann haste ’r fünf, die ›Brot‹ schreien, un der Winter is für der Tür? Willste wieder so ’ne Winter zubringen wie der vorige? Is dir der Jean-Pierre da nich bald befrore? Die vier andern sin schon jrößer, die bringste besser durch. Un du könnts dir en Kuh anschaffen – denk ens, en Kuh! Un du könnts dir en besser Dach op et Haus setzen lassen, wat der Regen un der Schnee nich durchläßt, un könnts auch Jrumbieren jenug han. Sicher en jut Jeschäft, Lisa!«

Käte wollte noch etwas hinzufügen – ah, was wollte sie der Frau nicht alles Gutes tun, wenn die ihr nur das Kind überließ! – aber ein Räuspern des Alten und ein heimliches Zublinzeln seiner Augen mahnten sie, stille zu sein.

»_Kubin m’è dinroz – ve?_«[12] fragte jetzt plötzlich die Solheid.

[12] _Combien me donnerez-vous donc?_

Sie hatte lange unschlüssig gestanden, den Kopf gesenkt, und es war ganz still um sie gewesen. Die Fremden hatten sich nicht gerührt, der Gemeindevorsteher nicht; kein Wind pfiff im Rauchfang, kein Feuer knisterte. Auf allem lastete stumme Erwartung. Nun hob sie den Kopf, und ihr düsterer Blick glitt wie musternd durch die armselige Stube, hin zu dem kargen Brot auf dem Tisch und dann zu den hungrigen Vier. Das fünfte sah sie nicht mehr an. Sie war erblaßt, das tiefe Sonnenbraun ihres Gesichtes war ganz fahlgrau geworden.

»Wat er dir jeben will?! – Nu, wat wollt Ihr jeben?!« ermunterte der Bauer. »Ich rechne, Ihr werd’t einsehen, dat zweihundert noch zu wenig sin! Die Solheid hängt sehr an dem Kind, et is nich leicht, wenn se ’t herjeben tut!« Er blinzelte von der Seite beobachtend nach Schlieben und rief, wie man auf einer Auktion zu rufen pflegt: »Zweihundert, zweihundertfünfzig, dreihundert! Wahrhaftije’s Jott’s, nich zu viel! De Jean-Pierre is ene staatse Jung – seht ens, die Fäust! Un die Braden![13] Ene höllische Jung! Nich wahr, Madame« – er sah das Verlangen in Kätes Augen – »dreihundert Taler sin e so viel wie nichts für den?«

[13] Lenden.

Käte hatte Tränen in den Augen und war sehr blaß. Die Luft in der Hütte beengte sie, sie fühlte einen unendlichen Widerwillen – nur fort, rasch fort von hier! Aber nicht ohne das Kind! »Vierhundert – fünfhundert« stieß sie hervor, und ihr Blick suchte flehend ihren Mann, wie: mach ein Ende, rasch!

»Fünfhundert, gern!« Schlieben zog seine Brieftasche hervor.

Der Bauer reckte den Hals, um besser sehen zu können, seine Blicke wurden ganz starr: das hatte er noch nicht erlebt, daß einer so bereitwillig zahlte! Auch die Kinder starrten mit großen Augen.

Die Solheid hatte einen flüchtigen Blick auf die Scheine geworfen, die der Herr neben das Brot auf den Tisch breitete; aber das begehrliche Licht, das in ihren Augen aufgeblitzt war, erlosch jäh wieder. »_Neni_,« sagte sie mürrisch.

»Biet ihr noch wat mehr – mehr!« raunte der Alte.

Und Schlieben legte noch ein paar Scheine zu den übrigen auf den Tisch; seine Finger bebten leicht dabei, die ganze Sache war ihm so unsäglich widerlich. Er dachte ja gar nicht daran, zu feilschen; was sie haben wollte, sollte sie haben, nur ein Ende gemacht!

Bei so viel Gleichmütigkeit hielt sich Nikolaus Rocherath nicht mehr – so viel bar Geld auf dem Tisch, und das Weibsbild konnte sich noch bedenken?! Er sprang auf sie zu und rüttelte sie an den Schultern: »Biste stabeljeck? Sechshundert Taler bar op den Tisch, un du nimms se nich?! Wer hierzuland kann sagen, dat he sechshundert Taler bar hat?! Dat is e Stück Jeld, dat is en Stück Jeld!« Sein abgemergeltes Gesicht, das von Jahren der Arbeit und von einem Leben in Wind und Wetter unendlich hager geworden war, so scharf umrissen, wie aus hartem Holz geschnitten, vibrierte in jeder Faser. Es zuckte ihm in den Fingern: wie konnte sich da nur ein Mensch noch bedenken?!

Polternd entfiel das Holzbeil, das sie bis dahin noch immer festgehalten hatte, der Hand der Solheid. Ohne den Kopf zu heben, ohne nach dem Tisch hinzusehen und ohne nach der Wiege, sagte sie laut – aber es war kein Klang in der Stimme –: »_Allons bon! Djhan-Pire est dà vosse!_«[14]

[14] _Eh bien! Jean-Pierre est à vous!_

Und sie wendete sich ab, ging schweren Trittes zum Herd und störte den schwelenden Torf auf.

Welch eine Gleichgültigkeit! Wahrhaftig, dieses Weib war nicht wert, eine Mutter zu sein! In Frau Kätes sanften Augen begann es zu funkeln. Auch Schlieben war empört: nein, hier brauchte man sich kein Gewissen daraus zu machen, das Kind fortzunehmen! Ein Ekel stieg ihm in die Kehle.

Die Solheid tat, als ginge sie nun alles nichts mehr an. Sie hantierte am Herd, während der Gemeindevorsteher, wiederholt die Daumen beleckend, die Scheine zählte – jeden derselben von beiden Seiten besehend – und sie dann sorgfältig in das Kuvert steckte, das ihm der Herr überließ.

»Da, Lisa, haste se, leg se in de Handpostill!«

Mit einer heftigen Bewegung riß sie sie ihm aus der Hand, und ihren Oberrock hochhebend, versenkte sie sie in die Tasche eines armseligen zerlumpten Unterrocks. –

Nun war noch das Letzte zu erledigen. Wenn auch Schlieben sicher war, daß niemand hier mehr nach dem Kinde fragen würde, die Formalitäten mußten doch erledigt werden. Seinen Bleistift von der Uhrkette losnestelnd – denn wo sollte hier Tinte herkommen? – setzte er auf einem Blatt des Notizbuchs den Abtretungsschein der Mutter auf. Der Gemeindevorsteher als Zeuge unterschrieb. Nun setzte die Solheid noch ihre drei Kreuze darunter; sie hatte einmal schreiben gelernt, es aber wieder verlernt.

»So!« Mit einem Seufzer der Erleichterung erhob sich Schlieben von der harten Bank, auf die er sich während des Schreibens gesetzt hatte. Gott sei Dank, nun war alles erledigt, nun brauchte ihm der Gemeindevorsteher nur noch Geburtsattest und Taufschein zu besorgen und zuzustellen! »Hier – dies ist meine Adresse! Und hier – dies für etwaige Auslagen!« Er drückte dem Alten verstohlen ein paar Goldstücke in die Hand, und dieser schmunzelte, als er sie in seiner Hand fühlte.

Wie war’s, nun würden sie ja wohl gleich den Knaben mitnehmen?

In Käte, die bis dahin regungslos dagestanden hatte, mit weitgeöffneten Augen die Mutter anstarrend, als könne sie nicht begreifen, was sie sah, kam jetzt Leben. Natürlich würden sie das Kind gleich mitnehmen, nicht eine Stunde länger ließ sie’s mehr hier! Und sie nahm es hastig aus der Wiege, preßte es kosend in ihre Arme und hüllte es in ihren warmen, weiten Mantel mit ein – es war ja nun ihr Kind, ihr so schwer erkämpftes, tausend Gefahren entrissenes, innig geliebtes, süßes kleines Kind!

Die Geschwister des kleinen Jean-Pierre standen stumm dabei mit großen Augen. Hatten sie’s verstanden, daß ihr Bruder nun ging, auf immer ging? Nein, sie hatten es wohl nicht verstanden, sonst würden sie doch zeigen, wie leid es ihnen tat. Ihre großen Blicke galten nur dem Brot dort auf dem Tisch.

Schlieben fühlte lebhaftes Mitleid mit den Kleinen – die blieben nun hier in ihrem Elend, ihrem Hunger, ihrer Verkommenheit! Er steckte jedem der vier eine Gabe ins Händchen; keins der vier dankte, aber die kleinen Finger schlossen sich fest um das Geldgeschenk.

Auch die Solheid dankte nicht. Als die fremde Frau ihren Jean-Pierre aus der Wiege genommen – sie hatte das gesehen, ohne hinzublicken –, war sie zusammengezuckt. Jetzt aber stand sie regungslos bei der leeren Wiege, auf der Stelle, wo vorhin das Beil polternd ihrer Rechten entfallen war, und sah stumm zu, wie Jean-Pierre in den weichen Mantel gehüllt ward. Sie hatte ihm nichts mitzugeben.

Schlieben hatte, trotz aller Gleichgültigkeit der Mutter, zu guter Letzt doch noch eine Szene befürchtet – es konnte ja nicht sein, daß sie so fühllos blieb, wenn man ihr Jüngstes davontrug! – aber die Solheid blieb ruhig. Unbeweglich stand sie, die Linke auf die Stelle ihres Rockes gedrückt, wo sie die Tasche fühlte. Dieses Geld in der Tasche da – Schlieben fühlte sich heftig erregt –, strafte das nicht alle Tradition von Mutterliebe Lügen?! Und doch – diese war ja so verkommen in der großen Armut, halb vertiert im harten Kampf ums tägliche Brot, daß ihr selbst die Empfindung für das Eigengeborene darin untergegangen war! O, welch andre Mutter würde Käte nun dem Kinde sein! Und zärtlich besorgt schob er seine Frau, die den Kleinen auf dem Arme trug, dem Ausgang zu.

Nur fort, hier war nicht gut sein!

Sie eilten. Aber auf der Schwelle wendete Käte noch einmal den Kopf. Einen Blick mußte sie der doch noch schenken, der, die da hinten blieb, so starr und stumm. Wenn die ihr auch unbegreiflich war, ein Blick des Mitgefühls gehörte der doch noch!

Da – – – ein kurzer Schrei, aber laut, durchdringend, furchtbar in seiner erschütternden Knappheit. Ein einziger, aus Qual und Haß herausgepreßter unartikulierter Schrei.

Die Solheid hatte sich gebückt. Ihre Hand hatte das Holzbeil aufgerafft. Sie holte aus wie zum Wurf – blitzend flog die scharfe Schneide am Kopf der enteilenden Frau vorüber und blieb krachend im Türpfosten haften.

5

Wie auf der Flucht, so waren sie mit dem Kinde enteilt. Sie hatten es in den Wagen gepackt – schnell, schnell! –, der Kutscher hatte auf die Pferde gepeitscht, die Räder hatten sich knirschend gedreht. Wie ein böser Traum, den man gern vergißt, so blieb das Venndorf, versunken, in ihrem Rücken. Sie sahen nicht mehr nach ihm zurück.

Ein ödes Grau lag überm Venn. Die Sonne, die noch am Morgen geschienen hatte, war so ganz verschwunden, als hätte sich hier nie ein Strählchen von ihr gezeigt. Der plötzliche Vennebel war da und bezog alles. Wo vordem noch eine Aussicht gewesen war, ein Auslug ins Weite, war jetzt eine versperrende Mauer. Eine Mauer, nicht von Stein und nicht von Lehm, und doch um vieles fester. Sie riß nicht, sie barst nicht, sie wankte nicht, sie wich nicht dem Hammerschlag der kraftvollsten Faust. Mächtig und undurchdringlich baute sie sich aus den Sümpfen und ragte vom Moorland bis hinauf zu den Wolken – oder hatten sich die Wolken hinab zur Erde gesenkt?

Himmel und Venn, beides eins. Nichts als Grau, ein zähes, feuchtes, kaltes, fließendes und doch festes, unergründbares, geheimnisvolles, schauriges Grau. Ein Grau, aus dem der, der sich im Moor verirrt, nimmermehr herausfindet. Der Nebel ist zu zähe; er hat Arme, die packen, die so dicht umfangen, daß man nicht mehr vorwärts sehen kann, nicht rückwärts, nicht nach links, nicht nach rechts, daß der Ruf erstickt, der sich aus angstgepreßter Kehle entringen will, und das Auge blind wird für jeden Weg, jede Fußspur.

Der Kutscher fluchte und hieb auf die Pferde ein. Von der Straße war nichts mehr zu sehen, aber auch gar nichts mehr, kein Graben zur Seite, keine Telegraphenstange, kein Ebereschenbäumchen. Wie zerflossen war die breite, mühselig angelegte Chaussee im Venngrau. Ein Glück, daß die Gäule noch nicht verwirrt waren. Die folgten ihrer Nase, warfen ihre langen Schweife, wieherten hell und trabten mutig drauflos ins Nebelmeer.

Schaudernd hüllte Käte sich und das Kindchen fester ein; nun brauchten sie alle vorsorglich mitgenommenen wärmenden Hüllen. Ihr Mann packte sie noch fester ein, und dann legte er, wie schützend, den Arm um sie. Eine böse Fahrt!

Sie hatten den Wagen schließen lassen, aber das kalte Grau drang doch zu ihnen herein; es zwängte sich durch alle Ritzen, durchs Glas der Fenster, füllte den Innenraum, daß ihre Gesichter wie bleiche Flecke schwammen im dunstigen Dämmer, und legte sich schwer, hemmend auf ihren Atem.

Käte hüstelte und dann zitterte sie. In ihrer Seele war jetzt nichts von Freude, sie fühlte nur Angst, Angst um den errungenen Besitz. Wenn die Mutter jetzt hinter ihnen drein käme – o, dieses schreckliche Weib mit der blitzenden Axt! In einem Grauen sondergleichen preßte sie die Augen zu – nur das nicht mehr sehen! Und doch riß sie die Augen wieder auf, fühlte Angstschweiß auf ihrer Stirn und das Beben ihres Herzens – weh, bis in ihre Träume würde sie dieses verfolgen! Bis zu ihrer letzten Stunde würde sie das nicht mehr loswerden – nie, nimmermehr – das Weib mit der blitzenden Axt!

Dicht an ihrem Kopf war das Beil vorübergesaust – der Luftzug des Schwunges hatte ihr Schläfenhaar wehen gemacht –, es hatte ihr nichts getan, in den Pfosten der Tür nur war es gefahren und hatte den krachend gespalten. Und doch war ihr Leides geschehen. Wie in Entsetzen faßte sich Käte mit beiden Händen an die Schläfen: nie, nie wurde sie diese Angst wieder los!

In ihrer Seele war eine fast abergläubische Furcht, eine Furcht wie vor einem Gespenst, das da umgeht. Nur fort von hier! Nur nie mehr wieder hierher zurück! Nur jede Spur hinter sich verlöscht! Nie durfte jene erfahren, wohin sie sich gewendet hatten! Berlin – leider! – die Adresse hatten sie dem Gemeindevorsteher gegeben, aber Berlin war ja so weit, dorthin würde das Vennweib niemals kommen!

Und das Venn selber –?! Huh! Sich schüttelnd vor Grausen sah Käte hinaus ins graue Nebelgewoge. Gott sei Dank, das blieb ja hier, das würde bald ganz vergessen sein! Wie hatte sie nur dieses öde Venn einmal schön finden können?! Sie begriff sich nicht. Was war denn Reizvolles an diesen unwirtlichen Flächen, auf denen nichts gedieh als hartes Gras und zähes Heidekraut? Auf denen kein Korn seine Ähren wiegte, kein Singvogel sein kleines Lied pfiff, keine fröhlichen Menschen gesellig lebten, überhaupt keine Heiterkeit war, kein lauter Ton; nur Todesschweigen und Kreuze am Weg. Hier war’s schrecklich!

Angstvoll, während ihr Auge vergebens nach einem Lichtblick suchte, stieß sie hervor: »Paul, laß uns heute noch abreisen! So schnell als möglich abreisen!«

Ihm war’s recht. Auch ihm war nicht wohl zumute. Wenn dieses Weib, diese Bestie, in ihrem plötzlichen Wutausbruch seine Frau getroffen hätte?! Aber er konnte sich selber einen Vorwurf nicht ersparen: wer hatte es ihn geheißen, sich mit solchem Volke einzulassen? Solcher Unkultur ist man nicht gewachsen!

Und ein Unwille gegen das Kind ergriff ihn, das da so friedlich im Arm seiner Frau schlummerte. Finster sah er in das kleine Gesicht: würde er das je, je lieben können? Würde nicht die Erinnerung an des Kindes Herkunft seiner Neigung stets hindernd sein? Ja, er hatte sich übereilt. Wieviel besser hätte er daran getan, seiner Frau vernünftig ihren Wunsch auszureden, ihrer romantischen Idee, dieses Kind, gerade dieses Kind anzunehmen, energisch entgegen zu treten!

Die Brauen zusammengezogen, die Stirn in Falten, schaute er auch hinaus zum Fenster, an dessen Glas sich das Grau klebte und in großen Tropfen niederrann.

Draußen heulte jetzt der Wind; er hatte sich plötzlich aufgemacht. Und er heulte stärker, je mehr sie sich dem Scheitel des hohen Venn näherten, fauchte um den Wagen wie ein böser Hund und sprang den Pferden gegen die Brust. Die Gäule mußten sich wehren, ihren Trab verlangsamen; nur mühsam schwankte der Wagen voran.

Nie, niemals durfte dieses Kind erfahren, woher es stammte, denn sonst – in tiefen Gedanken starrte der neue Vater ins Venn, dessen Nebelwand jetzt für Augenblicke durch einen wütenden Windstoß auseinandergerissen ward – denn sonst – – – was ›denn sonst‹?! Er fuhr sich über die Stirn und atmete beklommen. Es beschlich ihn etwas wie eine Furcht, aber er machte sich selber nicht klar: wovor.

Den Blick zu seiner Frau wendend, sah er, daß sie ganz in Betrachtung des schlafenden Kindes versunken war, und seine Mißstimmung wurde dadurch nicht kleiner. Er zog ihre Rechte, die sie stützend unter des Kindes schwer hingesunkenen Kopf hielt, fort: »Laß doch, ermüde dich doch nicht so! Es wird auch schon so weiterschlafen!« Und als sie besorgt »St« machte, erschrocken, ob der kleine Schläfer auch nicht gestört sei, sagte er nachdrücklich: »Eins muß ich dir sagen, mein Kind, und dich dabei auch warnen: gib nicht gleich dein ganzes Herz – warte erst ab!«

»Wieso?« Verwundert sah sie ihn an, sie hörte einen Unterton aus seiner Stimme heraus. »Warum sagst du das so – so – nun so ärgerlich?!« Leise lachte sie auf in einem glücklichen Vergessen. »Weißt du – ja, es war abscheulich, unendlich peinlich in dieser Umgebung – aber, Gott sei Dank, jetzt ist’s ja überstanden! Eine Mutter vergißt ja so schnell all die Schmerzen, die sie bei der Geburt ihres Kindes gelitten hat – wie sollte ich das Widrige heut nicht auch vergessen?! Sieh nur,« – und sie streichelte, vorsichtig liebkosend, mit der Spitze ihres Fingers die warmrot geschlafene Wange des kleinen Jean-Pierre – »wie unschuldig, wie lieblich! Ich freue mich so! Freu dich doch auch, Paul, du bist ja sonst so herzensgut! Komm, nun laß uns mal überlegen, wie wir den Jungen eigentlich nennen wollen!« Es war eine große Weichheit in ihrem Ton: »Unsern Jungen!«

Sie hörten nicht mehr den Wind, der zum Sturm geworden war. Sie hatten jetzt so vieles zu überlegen. ›Jean-Pierre,‹ nein, das blieb auf keinen Fall! Und heute abend noch würde man von Spaa bis Köln fahren, denn dort erst konnte man es wagen, eine Wärterin zu engagieren; dort hatte ja kein Mensch mehr eine Ahnung vom Venn. Und in Köln würde man auch schleunigst die so notwendigen Kindersachen kaufen.

Wie sollte man sich nur behelfen bis dahin?! Ganz besorgt sah Schlieben auf seine Frau: die hatte ja so gar keine Ahnung von kleinen Kindern! Aber sie lachte ihn aus und tat wichtig: wem der Himmel ein Amt gibt, dem gibt er auch den Verstand. Und hier der kleine Liebling war ja so brav, noch nicht gemuckt hatte er, seit sie fortgefahren waren, hatte immerfort geschlafen, als gäbe es keinen Hunger und keinen Durst, als gäbe es nur ihr Herz, an dem er sich wohlig fühlte.

Allmählich wurde es behaglicher im Wagen. Es war, als ströme der sanft ruhende Kinderkörper eine wohltuende Wärme aus. Hauch des Lebens stieg auf aus der sich kräftig hebenden, gleichmäßig atmenden kleinen Brust; Freude des Lebens glühte aus den rosiger und rosiger werdenden Wangen; Segen des Lebens tropfte von diesen winzigen, im Schlaf zu Fäustchen geballten Händen. Still vor sich hinsinnend, mit verhaltenem Atem, schaute die Frau in ihren Schoß, und der Mann, gerührt und seltsam bewegt, nahm des Kindes winzige Faust in seine große Hand und besah sie lächelnd: ja, nun waren sie Eltern! – – – – –

Draußen aber war das Grauen. So kann der Herbst nur stürmen im wilden Venn. Hier gibt es kein sanft-wehmütiges Scheiden des Sommers, kein leises Sichheranstehlen des Winters, keinen mild vorbereitenden Übergang, hier setzt das Unwetter ein mit Macht, aus Sonnenwärme schlägt’s um in Eiseskälte. Der Sturm saust übers braune Hochland, daß sich das niedrige Kraut noch niedriger duckt und die kleinen Wacholderstöcke sich noch kleiner machen. Mit Pfiff und Geschrill, mit Gebell und Geheul jagt der Vennwind, stöbert in Sumpfloch und Torfgrube, peitscht die trüben Lachen, wirft sich ins angeschonte Tannendickicht mit Gewalt, daß das stöhnt und ächzt und knackend zusammenschauert, und rast dann weiter um verwitterte Kreuze.

Wie Orgelton braust es übers Moor – oder ist es das Rauschen schäumender Brandung? Nein, hier ist kein Wasser, das Ebbe und Flut hat und in weißen Wogen gegen den Strand wäscht, hier ist nur das Venn; aber es gleicht dem Meer in seiner ewigen Weite. Und seine Lüfte sind stark wie Meereslüfte, und seiner Vögel schriller Schrei ist wie Möwenschrei, und Natur spielt – hier wie dort – mit gewaltigem Griff auf der Orgel des Sturms das Lied von ihrer Allmacht.

Über den Scheitel des großen Venns kroch der kleine Wagen. Die Winde wollten ihn hinunterblasen wie ein winziges Käferchen. Immer wütender stießen sie gegen das Gefährt, kläfften und heulten wie mit Wolfsgeheul, winselten um seine Räder, schnauften um seine Wände; stemmten sich vorn ihm entgegen und zerrten von hinten wie mit gierigen Zähnen daran: weg mit dem hier. Und weg auch mit denen, die darinnen saßen! Diese Eindringlinge, diese Diebe, die führten etwas mit sich fort, das dem Venn gehörte, einzig und allein dem großen Venn!

Es war ein Kampf. Ob der Kutscher auch auf die Pferde hieb, die mutigen Gäule stutzten doch, blieben stehen und schnauften ängstlich. Der Mann mußte abspringen, sie eine Strecke führen, und noch immer zitterten sie.

Aus den Gruben stieg’s auf und winkte mit wehenden Schleiergewändern und wollte halten mit feuchten Armen. Ein Greifen war’s, ein Haschen, ein Langen; ein Reißen von Nebeln und ein sich tückisch wieder Zusammenballen, ein Chaos von wirbelnden, quirlenden, brauenden, grauenden Dünsten. Und klägliche Töne von Wesen, die man nicht sah.

Waren alle Grüfte lebendig geworden? Stiegen die herauf, die hier geschlafen hatten, von Pferdeschnaufen und Peitschenknall geweckt, unwillig ob ihrer verletzten Ruh? Was waren das für Laute?!

Das stille Venn war lebendig geworden. In des Sturmes dumpfen Orgelbraus mischte sich Schrillen und Pfeifen, Gellen und Krächzen und Flügelschlagen und empörtes Schreien.

Durchs Nebelmeer schwamm eine Schar von Vögeln. Sie ruderten rechts, ruderten links, äugten unruhig nieder zum fremden Gefährt, standen Minuten bewegungslos über ihm, mit gespreizten Flügeln, zum Niederstoßen bereit, und stießen dann ihr Geschrei aus, ihr aufgeschrecktes, scharfdurchdringendes Wildlingsgeschrei. Heute hatte das nichts Sieghaftes an sich – es klang wie Klage.

Und das Venn weinte. Große Tropfen entsanken den Nebeln; die Nebel selbst wurden zu Tränen, zu langsam fallenden und dann zu stürzenden, unaufhaltsamen, strömenden Tränen.

6

Schliebens hatten glücklich Berlin erreicht. Frau Käte war angegriffen, als sie aus dem Coupé stiegen; ihr Haar war verwirrt, ihre Eleganz ein wenig mitgenommen. Es war doch keine Kleinigkeit gewesen, mit dem Kinde die weite Reise zu machen. Ein Glück nur, daß sie in Köln so rasch eine gute Wärterin gefunden hatten – eine Witwe, kinderlieb und wohlerfahren, eine echte rundlich-behäbige Kinderfrau – aber es hatte für die Mutter doch noch genug zu sorgen gegeben. Ob das Kind sich erkältet hatte oder ob ihm die Flasche nicht schmeckte? Es hatte geschrieen, mit der ganzen Kraft seiner Lungen – kein Umhertragen half, kein Schaukeln, kein Wiegen, kein Singen – es hatte geschrieen aus vollem Halse während der ganzen Fahrt nach Berlin.

Aber, Gott sei Dank, nun war man ja zu Hause! Und wie mit Zauberschnelle ordnete sich alles. Die behagliche Wohnung von früher war freilich vermietet; aber im Grunewald entstand Villa neben Villa, und da man jetzt ja so viel mehr Platz brauchte, bezog man eine dieser Villen. Erst zur Miete; dann würde man sie wohl kaufen, denn es war wirklich nicht möglich, ein Kind wie dieses in eine Stadtwohnung zu bringen. Einen Garten mußte es doch haben.

Sie nannten ihn Wolfgang. ›Wolf‹ hatte etwas so Kurzes, Kraftvolles, Energisches, und mit einem leisen wohligen Schauer dachte es Käte – es war wie eine geheime Erinnerung an das Venn, jene Wildnis, über die sie triumphiert hatten, und der sie nur dies eine kleine Zugeständnis machten. Und ›Wölfchen‹ – wenn man so das ›Wolf‹ verkleinerte – klang es nicht unendlich liebevoll?!

›Wölfchen‹ – das sagte die junge Mutter wohl hundertmal am Tag.

Die junge Mutter! Frau Käte fühlte es: ach ja, sie war wieder jung geworden in ihrem Kinde, ganz jung. Ihre fünfunddreißig Jahre hätte ihr niemand geglaubt, und sie selber am wenigsten. Wie konnte sie laufen, wie die Treppe hinaufhuschen, wenn es hieß: »Das Kind ist aufgewacht! Es schreit nach der Flasche!«

Sie, die früher so viele Stunden auf der Chaiselongue zugebracht hatte, kam jetzt keine Minute im Tag zum Hinlegen; dafür schlief sie des Nachts um so fester. Es war doch so, wie sie andre Frauen hatte sagen hören: ein Kleines nimmt die Mutter ganz und gar in Anspruch. O, was waren es für inhaltleere, farblose Tage gewesen, die sie früher so hingelebt hatte! Jetzt erst hatte ihr Leben Inhalt, Wärme, Glanz.

Jeden Tag ging sie neben dem Kinderwagen her, den die Wärterin schob, und es machte ihr ein besonderes Vergnügen, selber einmal den leichten kleinen Wagen mit seinem weißen Lack, den vergoldeten Knöpfen und den blauen Seidengardinen zu fahren. Wie die Leute nach dem eleganten Wagen sahen – nein, nach dem schönen Kinde drehten sie sich um! Ihr Herz klopfte vor Freude, ihr geschmeicheltes Ohr fing die Rufe der Bewunderung auf – ›Das reizende Kind!‹ – ›Wie elegant!‹ –›Die prachtvollen Augen!‹ – und dann schlug ihr Herz noch geschwinder, ein Gefühl seligen Stolzes erfüllte sie, so daß sie einher ging, den Kopf frei gehoben, die Augen voll Glück. Alle hielten sie ja für die Mutter, für des jungen Kindes junge Mutter, für des schönen Kindes schöne Mutter! Wie oft hatten Fremde ihr schon von der Ähnlichkeit gesprochen: ›Ihnen wie aus den Augen geschnitten, gnädige Frau, nur das Haar ist dunkler als das Ihre!‹ Dann hatte sie jedesmal gelächelt mit einem tiefen Erröten. Sie konnte den Leuten doch nicht sagen, daß er ihr eigentlich gar nicht ähnlich sehen konnte! Wußte sie es jetzt doch selber kaum mehr, daß kein Tropfen ihres Blutes in Wölfchens Adern floß.

Nach ihr schaute er zuerst, wenn er erwachte. Zwar stand sein mullverhangenes Bettchen neben dem Bett der Wärterin, aber der Mutter galt doch sein erster Blick, und auch sein letzter, denn niemand verstand es so gut wie sie, ihn in Schlaf zu singen.

»Schlaf, mein süßes Kind, Draußen geht der Wind. Höre, wie der Regen fällt Und wie Nachbars Hündchen bellt! Hündchen hat den Mann gebissen, Hat des Bettlers Kleid zerrissen –«

das tönte Abend für Abend leise und schmeichelnd aus der Kinderstube, und der kleine Wolf schlief sanft dabei ein, beim Lied vom Wind und Regen ob schutzlosen Häuptern und von Bettlern, deren Kleider der Hund zerreißt. –

Schlieben hatte jetzt keine Veranlassung mehr, sich über die Stimmungen seiner Frau zu beklagen. Alles war anders geworden – auch ihre Gesundheit – gleichsam neu, als sei noch einmal ein Leben begonnen. Und er selber? Er selber hatte jetzt viel mehr Lust zur Tätigkeit. Nun er wieder ins Geschäft eingetreten war, fühlte er ein sonst nicht gekanntes Behagen, wenn er sah, daß neue Unternehmungen glückten. Unternehmungsgeist hatte er früher nie gehabt – wozu auch? Was er und seine Frau brauchten, hatten sie reichlich. Natürlich war es ihm angenehm gewesen, gut abzuschließen, aber daß es ihm Freude gemacht hätte, Geld zu verdienen, hätte er nicht sagen können. Er hatte immer mehr Vergnügen daran gefunden, es auszugeben.

Der alte Schlieben war darin ganz anders gewesen, von einer viel weniger großen Leichtigkeit, und er hatte sich, solange er lebte, stets darüber Vorwürfe gemacht, daß er den einzigen Sohn bei einem Kavallerieregiment hatte dienen lassen; da war dem von der kavalleristischen Flottheit etwas kleben geblieben, was mit den Ansichten des ursoliden, behäbig-bürgerlichen Kaufmanns nicht recht stimmen wollte. Und die Schwiegertochter? Nun, die war auch nicht so ganz nach dem innersten Herzen des alten Herrn gewesen, die hatte zu viel modernes Zeug im Kopf, und der Paul wurde ganz davon angesteckt. Man konnte ja ein gebildeter Mensch sein – warum nicht? und sich auch für die Kunst interessieren, ohne darum so wenig realen Sinn zu besitzen!

Der biedere Mann, der Kaufmann von echtem Schrot und Korn und Urberliner, hatte nicht mehr die Freude gehabt, an seinem Sohn zu erleben, was jetzt dessen Sozien mit Verwunderung und ungemessenem Erstaunen wahrnahmen. Sie brauchten jetzt nicht mehr über Schliebens mangelndes Geschäftsinteresse die Achseln zu zucken und eine gewisse Spitze auf die Frau zu haben, die ihn so ganz in Beschlag nahm; jetzt hatte er das Interesse, das sie wünschten. Jetzt machte es ihm Freude, auf ihre Projekte einzugehen; es erschien ihm selber Bedürfnis, ja geradezu geboten, neue Verbindungen anzuknüpfen, den ruhigen, von lange her eingeschlagenen Geschäftsgang nach rechts und links, nach allen Seiten zu erweitern. Er zeigte Geschäftsgeist und wurde auf einmal praktisch. Und mitten in seinen Berechnungen, vertieft am Pult sitzend, konnte Schlieben sich dabei ertappen, daß er dachte: ›das wird dem Jungen einmal von Nutzen sein!‹ Dann aber konnte ihn dieser Gedanke doch wieder so irritieren, daß er die Feder hinwarf und unwirsch vom Pulte aufsprang: nein, nur seiner Frau zu Gefallen hatte er den Jungen angenommen, lieben wollte er ihn nicht!

Und doch, wenn er zu Tisch nach Hause kam, an jenen köstlichen Nachmittagen, in denen die Kiefern um sein Haus dufteten und die reine Luft den nach angespannter Arbeit erwachten Appetit noch verstärkte, wenn ihm dann der Junge mit Geschrei entgegenzappelte, seinen kleinen Bauch klopfend: »Papa – essen – gut mecken,« und Käte sich lachend am Fenster zeigte, dann konnte er sich nicht enthalten, den hungrigen Schreier hoch in die Luft zu schwingen und ihn erst nach einem freundlichen Klaps wieder auf die Füße zu stellen. Er war doch ein famoser Kerl! Und immer bei Appetit. Nun, Gott sei Dank, satt zu essen würde er ja auch immer haben!

Eine gewisse Behäbigkeit kam dabei über den Mann. Was er früher nie so gefühlt hatte: daß ein eignes Heim ein Glück bedeutet – das fühlte er jetzt. Und er empfand die Wohltat des gesicherten Besitzes, der es gestattet, sich das Leben mit allen möglichen Annehmlichkeiten auszugestalten. Hübsch war das Haus! Aber wenn er es demnächst kaufte, baute er doch noch an, und das Grundstück daneben kaufte er auch noch zu. Es wäre doch höchst fatal, wenn sich da etwa einer einem dicht auf die Nase setzte!

Es war Schlieben seinerzeit schwer geworden, hier draußen Wohnung zu nehmen, nachdem er, solange er denken konnte, in einer Berliner Stadtwohnung gelebt hatte. Nun aber pries er den Gedanken seiner Frau, hier herauszuziehen, als sehr glücklich. Nicht nur des Kindes wegen! Man hatte selber hier draußen ja einen ganz andern Genuß seines Heims; man kam viel mehr zum Bewußtsein eines solchen. Und wie viel gesünder war’s – wahrhaftig, der Appetit war kolossal! Man wurde noch der reine Materialist! Und von seinem knurrenden Magen getrieben, folgte Schlieben dem eßlustigen Jungen ins Haus. – – –

Wolfgang Solheid, genannt Schlieben, bekam die ersten Hosen. Es war ein Fest fürs ganze Haus. Käte ließ ihn heimlich photographieren, denn hübscher hatte nie ein Junge in ersten Hosen ausgesehen. Und sie stellte ihrem Mann das Bild des noch nicht Dreijährigen – weiße Hosen, weißer Faltenkittel, Pferdchen im Arm, Peitsche in der Hand – von einem Rosenkranz umgeben, in die Mitte seines Geburtstagstisches. Das war ja unter all den vielen Geschenken das Beste, was sie ihm geben konnte. Wie kräftig Wölfchen war! Hier auf dem Bilde sah man’s erst: so groß wie ein Vierjähriger! Und trotzig sah er aus, unternehmend wie ein Fünfjähriger, der schon an Streit mit andern Buben denkt.

Glückselig wies die Frau dem Manne das Bild, und ein solches Leuchten war dabei in ihren Augen, daß er sich innig freute. Er dankte ihr, sie küssend, viele Male für diese Überraschung: ja, dieses Bild sollte neben dem ihren auf seinem Schreibtisch stehen! Und dann schäkerten sie beide mit dem Knaben, der sich in seinen ersten Hosen, die ihm noch unbequem waren, ungebärdig über den Teppich wälzte.

Schlieben konnte sich nicht entsinnen, je seinen Geburtstag so angenehm verlebt zu haben wie dieses Mal. Es war so viel Heiterkeit um ihn, so viel Freude. Und wenn auch Wolf schon am Mittag die ersten Hosen zerrissen hatte – wie und wo war der bestürzten Wärterin ganz unbegreiflich –, so störte das den Festtag nicht, im Gegenteil, das Lachen wurde noch heller. »Zerreiße Hosen, mein Junge, zerreiße,« flüsterte die Mutter lächelnd in sich hinein, als ihr der Schaden gezeigt wurde, »sei du nur froh und stark!«

Am Abend war Gesellschaft. Die Fenster der hübschen Villa waren hell erleuchtet, und im Garten war italienische Nacht. Lau war die Luft; unbeweglich breiteten die Kiefern ihre Äste unterm Sternenhimmel, und großen Glühwürmern gleich schimmerten bunte Lampions in Büschen und Laubgängen.

Im Oberstock der Villa, im einzigen nicht hell beleuchteten, nur von einer Milchglasampel matt beschienenen, durch dichte Vorhänge und Jalousien still gehaltenen Gemach, lag Wölfchen und schlief. Aber unten ließ man ihn leben.

An der Festtafel war der Hausherr schon betoastet worden und dann seine liebenswürdige Gattin – mit was konnte man den Gefeierten nun noch mehr feiern, als daß man den Jungen leben ließ, seinen Jungen?!

Der Geheime Sanitätsrat Hofmann, der erprobte Arzt und langjährige Freund des Hauses, bat sich das Vorrecht aus, diese paar Worte sprechen zu dürfen. Er als Arzt, als Berater in mancher Stunde, er wußte ja am besten zu sagen, woran es hier noch gemangelt hatte. Alles war dagewesen: Liebe und innigstes Verstehen und auch das äußere Glück, aber – hier machte er eine kleine Pause und nickte der ihm gegenübersitzenden Frau des Hauses freundlich-verständnisinnig zu – das Kinderlachen hatte gefehlt! Und nun war auch das da!

»Kinderlachen – o, du Erlösung!« rief er und zwinkerte, und eine Rührung kam dabei in seine Stimme, denn er gedachte auch seiner eignen drei, die freilich jetzt schon selbständig draußen im Leben ihren Weg gingen; aber ihr Lachen, das klang ihm noch in Herz und Ohr.

»Kein Kind – kein Glück! Aber ein Kind – ein Glück, ein großes Glück! Und hier zumal! Denn meine Doktoraugen haben sich noch kaum je an einem prächtigeren Brustkasten, an einem famoser entwickelten Schädel, an strammeren Beinen und blankeren Augen geweidet. Alle Sinne sind scharf; der Junge hört wie ein Luchs, sieht wie ein Falke, wittert wie ein Hirsch, fühlt – nun, ich habe mir sagen lassen, daß er schon auf die leiseste Berührung seiner Kehrseite lebhaft reagiert. Nur der Geschmack ist bis jetzt nicht in gleichem Grade fein entwickelt – der Junge ißt alles! Aber dies wiederum ist mir ein neuer Beweis seiner besonderen körperlichen Bevorzugung, denn verehrte Anwesende –« hier kniff der Doktor scherzhaft blinzelnd das eine Auge zu – »wer von Ihnen spräche nicht mit mir: ein guter Magen, der alles verträgt, ist die größte Lebensmitgabe einer gütigen Vorsehung! Der Junge ist ein Glückskind. Ein Glückskind im doppelten Sinn des Wortes, denn nicht nur ist er selber alles Glückes voll, nein, das Glück ist auch bei denen, die um ihn sind, durch ihn eingekehrt. Hier, unsere liebe Frau, haben wir sie je früher so gesehen? So jung mit den Jungen, so froh mit den Frohen! Und hier, unser verehrter Freund – ’s ist wahrhaftig nicht, als hätte der heute die Mitte der Vierzig erklommen – der steckt ja voll von Tatkraft, von Plänen und Unternehmungen wie einer mit zwanzig! Und hat dabei die schöne Ruhe, die behagliche Gesättigtkeit des glücklichen Hausvaters. Und das macht alles, alles der Glücksjunge! Darum, Dank sei der Stunde, die ihn bescherte, dem Winde, der ihn hergetragen hat! Woher –?!«

Der Doktor, der eine kleine, boshafte Ader hatte, machte jetzt geflissentlich eine Pause, räusperte sich und zupfte an seiner Weste, sah er doch so manches neugierige Auge erwartungsvoll auf sich gerichtet. Aber er sah auch den raschen, betroffenen Blick, den das Ehepaar miteinander tauschte, sah, daß Frau Käte erblaßt war und ängstlich, fast flehend an seinen Lippen hing, und so fuhr er geschwind mit einem gutmütig-einlenkenden Lachen fort: »Woher, meine Damen – nur Geduld! Das will ich Ihnen jetzt sagen: vom Himmel ist er gefallen! Wie die Sternschnuppe fällt in der Sommernacht. Und unsre liebe Frau, die just spazieren ging, hat ihre Schürze aufgehalten und hat ihn sich heimgetragen in ihr Haus. So ist er denn der Stern dieses Hauses geworden, und wir alle und ich ganz besonders – wenn ich nun auch als Arzt hier überflüssig geworden bin – freuen uns seiner, ohne zu fragen, woher er uns ward. Alle gute Gabe kommt von oben, das haben wir schon in der Jugend gelernt – darum: auf das Wohl dessen, der unsern Freunden vom Himmel gefallen ist!«

Der Doktor war ernst geworden, es war eine gewisse Feierlichkeit darin, wie er jetzt seinen Champagnerkelch hob und ihn austrank bis zur Neige: »Prosit Rest! Auf das Wohl des Kindes, des Sohnes dieses Hauses! Der Glücksjunge, er wachse, blühe und gedeihe!«

Die schön geschliffenen Gläser klangen melodisch-hell aneinander. Es war ein Schwirren, ein Lachen, ein Hochrufen an der Festtafel, daß der kleine Junge oben in seinem Bettchen sich unruhig hin und her zu wälzen begann. Er murrte unzufrieden im Schlaf, warf die Lippen auf und zog die Stirn kraus zwischen den kleinen Brauen.

Unten rückten die Stühle. Man war aufgestanden, ging zu den Eltern hin und drückte ihnen, gleichsam gratulierend, die Hand. Das hatte Hofmann wirklich hübsch gemacht, wirklich riesig nett! Der kleine Kerl war aber auch allerliebst! Alle anwesenden Frauen waren sich darin einig, selten ein so hübsches Kind gesehen zu haben.

Kätes Herz, das bei dem Toast anfänglich ein wenig bang geklopft hatte – der gute Doktor würde doch, angeregt durch ein gutes Glas Wein und ein gutes Diner, nichts ausplaudern von dem, was man nur ihm und dem Anwalt anvertraut hatte?! – klopfte jetzt in einer lebhaften Empfindung von Glück. Ihre Augen suchten ihren Mann und sandten ihm heimlich-zärtliche, dankerfüllte Blicke. Und dann ging sie zu dem alten Freund hin und dankte ihm ›für all die guten, lieben Worte‹. »Auch in Wölfchens Namen,« sagte sie herzlich weich.

»Also hab ich’s doch recht gemacht? Na, das freut mich!« Der Freund zog ihren Arm in den seinen und ging ein wenig abseits von den übrigen mit ihr auf und ab. »Ich sah es, liebe Frau, Sie waren ängstlich, als ich von des Jungen Herkunft anfing. Was denken Sie denn von mir?! Aber es geschah mit Absicht, längst habe ich auf die Gelegenheit gebrannt. Glauben Sie mir, wenn ich jedesmal einen Taler kriegte, so oft ich nach des Jungen Herkunft – sei’s offen oder hintenherum – ausgefragt werden soll, ich wäre jetzt schon ein vermögender Mann. Über manche Frage habe ich mich geärgert; das heut war die Antwort darauf. Hoffentlich haben sie sie verstanden! Sie sollen künftig ihre Vermutungen für sich behalten!«

»Vermutungen –?!« Käte zog die Augenbrauen zusammen und drückte des Arztes Arm. Was vermuteten die Leute – wußten sie schon etwas, ahnten sie das Venn?! Eine plötzliche Angst fiel sie an. Mit Blitzesschnelle tauchten Bilder vor ihr auf – hier mitten im festlich hellen Raum – dunkle Bilder, von denen sie nichts mehr wissen wollte.

»Um Gottes willen,« sagte sie leise, und ein Zittern war in ihrer Stimme. Wenn die Leute erst etwas wußten, o, dann – sie sprach es nicht aus, die plötzliche Angst schnürte ihr die Kehle zusammen –, dann wurde man die Vergangenheit nicht los! Dann kam die und verlangte ihr Recht und war nicht mehr abzuschütteln! »Glauben Sie,« flüsterte sie stockend, »glauben Sie – daß man – das Richtige – vermutet?«

»I wo, keine Spur!« Hofmann lachte, wurde aber dann gleich ernsthaft. »Lassen wir doch die Leute und ihre Vermutungen, liebe Frau!« O weh, da hatte er sich auf ein heikles Thema eingelassen – ihm wurde ganz heiß – wenn sie wüßte, daß man ihrem Paul, dem treuesten aller Ehemänner, eine ganz besondere Verpflichtung gegen das Kind zuschrieb?!

»Vermutungen – ach, was vermutete man denn?« Sie drängte ihn, ihre Augen forschten angstvoll.

»Unsinn,« sagte er kurz. »Was wollen Sie sich darum kümmern?! Aber das habe ich Ihnen und Ihrem Gatten ja gleich gesagt: wenn Sie ein solches Geheimnis aus des Knaben Herkunft machen, wird viel daran herumgedeutelt werden. Nun, Sie haben es ja nicht anders gewollt!«

»Nein!« Und die Augen schließend, schauerte Käte leicht zusammen. »Er ist unser Kind – nur unser Kind –« sagte sie mit einer seltenen Härte im Ton. »Und etwas andres existiert nicht!«

Kopfschüttelnd und fragend sah er sie an, betroffen über ihren Ton.

Da stieß sie hervor: »Ich habe Angst!«

Er fühlte, wie die Hand, die auf seinem Arm lag, leise bebte. –

Mitten in der Heiterkeit des Abends war es auf Kätes Freude wie eine Lähmung gefallen. Sie wurde viel nach dem kleinen Wolf gefragt – das war so natürlich, man zeigte ihr durch diese Fragen freundschaftliches Interesse – und man beobachtete sie dabei im stillen: ganz großartig, wie sie sich benahm! Man hätte der zarten Frau kaum solchen Heroismus zugetraut. Wie sehr mußte sie ihren Mann lieben, daß sie sein Kind – denn der Knabe mußte ja sein Kind sein, die Ähnlichkeit war zu augenfällig, ganz genau derselbe Gesichtsschnitt, das gleiche dunkle Haar – dieses Kind seiner schwachen Stunde an ihr Herz nahm, ohne Groll, ohne Eifersucht. Sie, die Kinderlose, das Kind einer andern! Das war großartig, fast zu großartig! Das begriff man denn doch nicht ganz.

Und Käte empfand instinktiv, daß in den Fragen, die man an sie richtete, etwas versteckt lag – war es Bewunderung oder Mitleid, Zustimmung oder Mißbilligung? – etwas, das man nicht fassen, nicht einmal nennen konnte, nur argwöhnen. Und das machte sie befangen. So gab sie auf freundliche Fragen nach Wölfchen nur zurückhaltende Antworten, war knapp in der Erzählung, kühl im Ton und konnte doch ein heimliches Vibrieren ihrer Stimme nicht hindern. Das waren die zärtliche Freude, der Mutterstolz, die sich nicht unterdrücken ließen, die Wärme ihres Gefühls, die ihrer Stimme den verborgenen Unterton der Erregung liehen. Andre nahmen’s für eine ganz andre Erregung.

Die Damen, die nach aufgehobener Tafel sich noch im Garten ergingen, plauderten vertraulich. Die kieferduftenden Gartengänge, in denen die Lampions nur bunt glühten, aber nicht erhellten, waren recht dazu geeignet. Man wandelte zu zweien und dreien, Arm in Arm, und sah sich vorsichtig erst nach Lauschern um: daß nur die gute Frau nichts hörte! Da war kaum eine unter den Frauen, die nicht ihre Beobachtungen gemacht hatte. Wie tapfer sie sich hielt, es war eigentlich ergreifend anzusehen, wie Empfindlichkeit und Neigung, Abneigung und Wärme in ihr rangen, sowie die Rede auf das Kind kam! Und wie sich dann in ihren heiteren Blick eine Unruhe stahl – ach ja, sie mochte viel durchgekämpft haben und noch immer durchkämpfen, die Arme!

Eine einzige meinte zwar, Schlieben viel zu lange und viel zu genau zu kennen, um nicht zu wissen, daß es zum Lachen – nein, daß es geradezu ungeheuerlich sei – von ihm so etwas anzunehmen. Von ihm, dem Korrekten, der nicht nur in der äußeren Haltung und Erscheinung, nein, ebenso innerlich allezeit der untadlige Kavalier war. Von ihm, dem treuesten Gatten, der heute noch, nach langer Ehe, so verliebt in seine Käte war, als hätten sie eben geheiratet. Die Sache lag ganz anders: sie hatten sich immer Kinder gewünscht, was war natürlicher, als daß sie sich, nun sie die Hoffnung endgültig aufgegeben hatten, eins angenommen hatten?! Taten denn andre Leute das etwa nicht auch?!

Freilich, das kam schon vor, gewiß! Aber dann erfuhr man doch Näheres: ob es ein Waisenkind war oder der illegitime Abkömmling aus hohen Kreisen, ob es in der Zeitung aufgeboten war – ›an edeldenkende Menschen zu vergeben‹ – ob es das Kind eines verlassenen Mädchens oder der unerwünschte Spätling einer schon überreich mit Kindern gesegneten Proletarierfamilie war und so weiter, immer wußte man doch wenigstens einiges. Aber hier – warum denn hier ein solches Geheimnis?! Warum nicht offen erzählt: daher haben wir’s, so und so trug’s sich zu?!

Frau Käte ganz offen nach der Herkunft des Kleinen zu fragen, war schwer; man hatte sich schon früher einmal in dieser bestimmten Absicht zu ihr begeben, aber gleich nach den ersten einleitenden Sätzen war in die Augen der Frau etwas so Angstvolles gekommen, in ihr Wesen etwas so scheu Ablehnendes, daß es mehr als taktlos gewesen wäre, das Gespräch weiter zu verfolgen. Man sah sich gezwungen, das Fragen zu lassen – aber merkwürdig, merkwürdig!

Auch die Herren im Rauchzimmer, die der Wirt einen Augenblick allein gelassen hatte, behandelten das gleiche Thema. Der Doktor wurde ins Gebet genommen.

»Hören Sie, verehrter Geheimrat, Ihr Toast war ja sehr famos, eines Diplomaten würdig, aber uns machen Sie nichts vor! Sie sollten auch nicht wissen, woher der Kleine stammt?! Na!« Besonders die beiden Sozien intrigierte es, daß Schlieben sie so wenig eingeweiht hatte. Wenn man allen Kix und Kax im Geschäftlichen besprach, hatte man doch auch ein gewisses Anrecht auf die Privatverhältnisse, zumal man schon mit dem alten Herrn zusammen gearbeitet hatte. Wo wäre der Paul heute, wenn sie beide nicht für ihn eingetreten wären mit ihrer ganzen Arbeitskraft, zur Zeit, als er noch an allem andern mehr Interesse fand und mehr Geschmack als am Geschäft?! Der schon ältliche Meier, der sein gutmütig-intelligentes, weinfrohes Gesicht über einem beträchtlichen Embonpoint trug, konnte sich ordentlich über einen solchen Mangel an Vertrauen kränken: »Als ob wir ihm was in den Weg gelegt hätten – lachbar! Doktor, sagen Sie mal wenigstens eins: hat er den Jungen von hier?!«

Aber der andre Kompagnon, der etwas gallige Bormann, der alle Jahre nach Karlsbad mußte, unterbrach schroff: »Ich bitte Sie, Meier – Sie sehn doch! Was geht’s uns auch an?! Von der letzten großen Reise wollen sie sich ihn mitgebracht haben – na, schön! Wo waren sie denn eigentlich zuletzt? Nach der Schweiz doch im Schwarzwald und dann in Spaa?!«

»Nein, an der Nordsee,« sagte Hofmann ruhig. »Sie sehen’s ja auch, der Junge hat ganz friesischen Typus!«

»Der –? Mit seinen schwarzen Augen?!« Nein, aus Hofmann war wirklich nichts herauszubekommen! Er machte ein so harmloses Gesicht, daß man hätte meinen können, es sei ihm Ernst anstatt Scherz. Aha, dahinter verschanzte er sich; er wollte eben nichts sagen! Man mußte das Thema fallen lassen.

Der Doktor, der sich im stillen schon der Ungeschicklichkeit geziehen – o weh, da hatte er, statt den guten Schliebens zu helfen, ihnen erst recht die Neugier auf den Hals gehetzt! – hörte voller Befriedigung, wie die Herren zur Politik übergingen. –

Es wurde Mitternacht, bis die letzten Gäste die Villa verließen; ihre heitere Unterhaltung und ihr Lachen war noch laut in der nächtlichen Stille und noch vom Ende der Straße her deutlich vernehmbar, als sich Mann und Frau am Fuß der Treppe, die zum Oberstock führte, trafen.

Noch standen alle Fenster der unteren Räume offen, das Silber lag noch auf dem Eßtisch, das kostbare Porzellan stand umher – mochte die Dienerschaft es vorläufig wegräumen! Käte fühlte eine große Sehnsucht, das Kind zu sehen. Sie hatte heute so wenig von ihm gehabt – den ganzen Tag Gäste! Und dann all die Fragen, die sie hatte hören, all die Antworten, die sie hatte geben müssen! Ihr Kopf brannte.

Als sie mit ihrem Mann zusammenstieß – Schlieben kam eilig aus seinem Zimmer, er hatte sich nicht einmal Zeit genommen, die Zigarren wegzuschließen –, mußte sie lachen: aha, er wollte auch hinauf! Sie hing sich an seinen Arm, und so stiegen sie Stufe um Stufe im gleichen Tritt.

»Zu Wölfchen,« sagte sie leise und drückte seinen Arm. Und er sagte, wie sich entschuldigend: »Ich muß doch mal sehen, ob der Junge von dem Lärm nicht wach geworden ist!«

Sie sprachen mit gedämpfter Stimme und traten vorsichtig auf wie Diebe. Sie stahlen sich ins Kinderzimmer – da lag er so ruhig! Im Schlaf hatte er sich aufgedeckt, die Beinchen zeigten ihr nacktes rosiges Fleisch, und ein warmer, lebensvoller, unendlich frischer Duft stieg auf von dem reinen, gesunden Kinderkörper und mengte sich mit dem Kraftgeruch der Kiefern, den die Nacht durch die geöffnete Fensterspalte hereinsandte.

Käte konnte nicht an sich halten, sie bückte sich und küßte das kleine Knie, das Grübchen in seiner festen Rundung zeigte. Als sie wieder aufblickte, sah sie das Auge ihres Mannes mit nachdenklichem Ausdruck auf das schlafende Kind geheftet.

Sie war so gewohnt, alles zu wissen, was ihn bewegte, daß sie fragte: »Was denkst du, Paul? Bist du verstimmt?«

Er sah sie ein paar Augenblicke mit einer gewissen Zerstreutheit an und dann an ihr vorbei; er war so in Gedanken, daß er ihre Frage gar nicht gehört hatte. Nun murmelte er: »Ob es doch nicht besser wäre, offen zu sein?! Hm!« Er schüttelte den Kopf und strich sich nachdenklich den Bart am Kinn spitz zu.

»Was sagst du, was meinst du? – Paul!« Sie legte ihre Hand auf die seine.

Das weckte ihn aus seinen Gedanken. Er lächelte ihr zu und sagte dann: »Käte, wir müssen den Leuten reinen Wein einschenken! Warum denn auch nicht sagen, woher er stammt? Ja, ja, es ist viel besser, ich fürchte, wir werden sonst noch rechte Unannehmlichkeiten haben! Und wenn’s der Junge nun beizeiten erfährt, daß er eigentlich nicht unser Kind ist – ich meine, unser rechtmäßiges –, was schadet das denn?«

»Um Gottes willen!« Sie erhob die Hände wie in Entsetzen. »Nein – um keinen Preis – nein! Nie, nie!« Sie sank am Bettchen nieder, breitete beide Arme wie schützend über den Kinderkörper und schmiegte ihren Kopf an die kleine warme Brust. »Paul, dann ist er uns verloren!«

Zitternd holte sie schwer Atem. Es lag ein solches Grauen in ihrem Ton, eine so große Angst, ein wahrhaft prophetischer Ernst, daß es den Mann stutzig machte.

»Ich dachte nur – ich meine – ich fühle eigentlich längst die Verpflichtung,« sagte er stockend, wie sich wehrend gegen ihre Angst. »Es ist mir unangenehm, daß die – daß die Leute – nun, daß sie reden! Käte, sei nicht so merkwürdig, warum sollen wir’s denn nicht sagen?«

»Nicht sagen – warum nicht?! Paul, das weißt du doch selbst! Erfährt er’s – o, diese Mutter – o, dieses Venn!«

Sie hielt den Knaben nur noch fester umschlungen; aber den Kopf hatte sie von seiner Brust gehoben. Aus dem blassen Gesicht sahen ihre Augen ganz verstört ihren Mann an: »Hast du die denn vergessen?!«

Ihr zitternder Ton wurde hart: »Nein, nie darf er’s wissen! Und ich schwöre es, und du mußt es mir auch versprechen, heilig versprechen, heut an diesem Tage, hier an seinem Bettchen, bei seinem friedlichen Schlaf – Paul, und wenn ich sterben sollte, auch dann nicht –« sie steigerte sich immer mehr in ihrer Erregung, ihr harter Ton wurde fast schreiend – »nie werden wir’s ihm sagen! Und ich gebe ihn nicht her! Er ist =nur= mein Kind, nur unser Kind allein!«

Ihr Ton schlug um: »Wölfchen, mein Wölfchen, du wirst doch nie von Mutterchen gehn?!«

Jetzt strömten ihre Tränen, und unter diesen Tränen küßte sie das Kind so heftig, so inbrünstig, daß es erwachte. Aber es weinte nicht, wie sonst wohl, wenn es im Schlaf gestört ward.

Es lächelte, und beide Ärmchen um den Hals der sich zu ihm Niederbeugenden schlingend, sagte es, schlaftrunken noch, aber doch deutlich-klar: »Mutti!«

Sie stieß einen Laut des Entzückens aus, einen Ruf triumphierender Freude: »Hörst du’s? Er sagt: ›Mutti!‹«

Sie lachte und weinte durcheinander wie in einem Übermaß von Glück und haschte nach der Hand ihres Mannes und hielt ihn fest: »Paul – Väterchen! – komm, gib du unserm Kinde jetzt auch einen Kuß!«

Und Schlieben bückte sich auch nieder. Seine Frau schlang den Arm um seinen Hals und zog seinen Kopf noch tiefer herab, dicht neben den ihren. Da legte das Kind den einen Arm um seinen Nacken, den andern um den ihren.

Sie waren sich alle drei so nah in dieser stillen Sommernacht, in der alle Sterne glänzten und Mondstrahlen silberne Brücken schlugen vom friedvollen Himmel hinab zur friedvollen Erde.

7

Das waren Tage reinsten Glücks in der Villa Schlieben. Man hatte sie nun gekauft, noch ausbauen lassen und auch zum Garten noch ein Stück Land als Spielplatz dazu erworben. Es war nicht zu denken, daß der Junge nicht Platz genug haben sollte, sich auszutummeln. Sand wurde gefahren, ein Berg, so hoch wie eine Düne, darin er buddeln konnte. Und als er anfing, zum Turnen groß genug zu sein, wurden eine Schaukel angeschafft, ein Reck und ein Barren.

Aber dies alles war doch noch nicht ausreichend. Er stieg über sämtliche Zäune der Nachbarvillen, über alle die mit Stacheldraht und Glasscherben bewehrten Mauern.

»Herrlicher Junge,« sagte Geheimrat Hofmann, wenn er =von= Wolfgang sprach. Sprach er =mit= ihm, so sagte er freilich: »Du bist ein ganzes Rauhbein! Warte nur, wenn du in die Schule kommst, da werden sie dich das Stillesitzen lehren!«

Wolf war wild – ›etwas zu wild‹ fand die Mutter. Schlieben machte der Übermut des Jungen Spaß, es steckte eben so viel überschüssige Kraft in ihm. Aber Käte fühlte sich ein wenig befremdet durch so viel Wildheit. Nein, befremdet war sie eigentlich nicht, wußte sie doch nur zu gut, woher diese Wildheit stammte; bange machte ihr die.

Sie schalt nicht über zerrissene Hosen – o, die konnten ja wieder ersetzt werden! – aber als er heimkam mit dem ersten Loch im Kopf, da wurde sie ganz unglaublich erregt. Sie schalt heftig, sie wurde ungerecht. Es war ihr nicht möglich, ihm das Blut zu stillen – huh, wie es rann! – wie einen Krampf begann sie’s am Herzen zu fühlen, mühselig schleppte sie sich in ihr Zimmer und blieb da stumm in einem Winkel sitzen, die Blicke starr ins Leere gerichtet.

Als ihr Mann ihr, solcher Übertreibung wegen, einige Vorwürfe machte, sagte sie kein Wort dawider. Er tröstete sie dann: sie konnte ja nun ganz ruhig sein, die Sache war weiter nicht von Belang, das Loch genäht und der Junge seelenvergnügt, als sei nie etwas gewesen!

Aber sie fröstelte in einem nervösen Schauer und blieb blaß. Ach, wenn Paul wüßte, an was sie dachte, immerfort denken mußte! Daß sich ihm nicht die gleiche Erinnerung aufdrängte?! – – – O, Michel Solheid hatte blutend auf dem Venn gelegen – Blut war zur Erde getropft heute wie damals! Der kleine Knabe hatte sich nicht beklagt, ebensowenig, wie sein – sie sträubte sich selbst in Gedanken gegen dieses Wort – wie sein Vater, wie Michel Solheid geklagt hatte! Und doch war das rote Blut hervorgespritzt wie ein Springquell; wieviel natürlicher wäre dabei ein Weinen gewesen! Empfand Wolf denn anders, als andre Kinder empfanden?!

Käte ging die Reihe ihrer Bekannten durch: da war kein einziges Kind, das bei solcher Verwundung nicht geweint hätte, und es brauchte deshalb noch lange kein Feigling zu sein. Es war gewiß, Wölfchen war weniger feinfühlig. Nicht nur stumpfer gegen körperlichen Schmerz, nein – und das hatte sie schon mehrmals zu bemerken geglaubt –, auch stumpfer in den Regungen der Seele. Selbst bei Freuden. Zeigten nicht andere Kinder ihr Beglücktsein, indem sie jubelnd in die Hände klatschten? Den begehrten Gegenstand: das Spielzeug, die Puppe, den Kuchen mit Rufen des Entzückens umhüpften? Er hatte nur ein stummes Danachgreifen; nahm’s an sich, eben weil es ihm geboten ward, ohne all die kindliche Geschwätzigkeit, ohne dies anmutig-jauchzende Erfreutsein, das es so unendlich dankbar macht, Kinder zu beschenken.

›Wie ein Bauer,‹ pflegte Schlieben zu sagen. Das gab ihr jedesmal einen Stich durchs Herz. War Wölfchen wirklich aus so anderm Holz?! Nein, ›Bauer‹ durfte Paul nicht sagen! Wölfchen war doch nicht stupide, nur vielleicht ein wenig langsam im Denken, aber doch schlau genug! Und er war eben kein Großstadtkind; man lebte ja hier ganz wie auf dem Lande.

»Du Bauer!« Bei der nächsten Gelegenheit, als der Vater es wieder sagte – es war diesmal zum Lobe gesagt und nicht zum Tadel, aus Freude darüber, daß der Knabe sein Gärtchen so gut im Stande hielt –, brauste die Mutter auf. Warum?! Schlieben begriff den Grund nicht. Warum sollte er sich nicht freuen? Hatte der Junge seinen kleinen Garten denn nicht allerliebst eingefriedigt? Aus Haselstöcken hatte er sich ein Staket errichtet, das zur Verdichtung mit biegsamen Weidenruten durchflochten und mit Kiefernzweigen belegt war. Und Bohnen und Erbsen hatte er gesteckt, die er sich von der Köchin erbettelt hatte; und nun würde er auch noch Kartoffeln legen. Hatte ihn’s jemand so tun geheißen? Nein, niemand! Die perfekte Köchin und das Hausmädchen waren Großstadtkinder, was wußten die von Erbsenstecken und Kartoffellegen?!

»Der geborene Landwirt,« sagte lachend der Vater.

Wie im Schmerz aber wandte sich die Mutter ab; viel, viel lieber hätte sie gesehen, ihres Sohnes Garten wäre ein Unkrautfeld gewesen, als daß er so emsig pflanzte, jätete und begoß.

Sie hatte ihm Blumen geschenkt; aber für die hatte er weniger Interesse, sie gediehen ihm auch nicht so. Nur eine große Sonnenblume wuchs und wuchs; sie war bald so hoch wie der Knabe, bald noch höher, und er stand oft davor, das kindliche Gesicht ernst erhoben, und sah lange in ihr goldenes Rund.

Als der Sonnenblume goldene Blätter verschrumpften, dafür aber ihr Same reif ward – jeden Tag wurde der prüfend betrachtet und dann endlich eingeerntet –, kam Wolfgang zur Schule. Er ging schon ins siebente Jahr und war groß und stark; warum sollte er jetzt nicht mit andern Kindern lernen?

Die Mutter hatte es sich zwar wundervoll gedacht, ihm selber die Anfangsgründe beizubringen, hatte sie doch als junges Mädchen, das zu Hause nichts zu tun fand und sich gern weiterbilden wollte, das Seminar besucht und das Lehrerinnenexamen sogar mit Auszeichnung bestanden; aber – es war schon zu lange her – hier versagte ihre Kraft. Besonders die Geduld. Das ging so langsam voran, so unsäglich langsam! War der Junge unbegabt? Nein, aber schwerfällig, von einer zu großen Schwerfälligkeit. Und ihr war oft, als redete sie an wie gegen eine Mauer.

»Du bist viel zu lebhaft,« sagte ihr Mann. Aber Gott im Himmel, wie sollte sie’s ihm denn klarmachen, daß das ein ›A‹ war und das ein ›O‹, und wie sollte sie’s ihm erklären, daß, legt man zu eins noch eins, es zwei sind, wenn sie nicht lebhaft dabei wurde?! Sie ereiferte sich, sie nahm die Rechenmaschine und zählte dem Knaben die blauen und roten Kugeln vor, die wie runde Perlen an einer Schnur saßen; sie wurde heiß und rot dabei, fast heiser, und hätte zuletzt vor Ungeduld und Verzagtheit weinen mögen, wenn Wölfchen dasaß und sie mit seinen großen dunklen Augen so interesselos ansah und nach Stunden der Arbeit doch noch nicht wußte, daß eine Perle und noch eine Perle zwei Perlen sind.

Mit Schmerz sah sie’s ein, sie mußte den Unterricht aufgeben. »Beim Lehrer wird es schon besser gehen,« tröstete Schlieben. Und es ging besser, wenn man auch nicht gerade ›gut‹ sagen konnte.

Wolfgang war nicht faul. Aber seine Gedanken wanderten. Das Lernen interessierte ihn nicht. Er hatte andres zu denken: ob die letzten Blätter im Garten wohl gefallen sein würden, wenn er am Mittag aus der Schule nach Hause kam?! Und ob im nächsten Frühjahr der Star, dem er das Kästchen hoch oben in die Kiefer genagelt hatte, sich wohl wieder einfinden würde? Alle schwarzen Beeren hatte der abgepickt vom Holunderbaum und war dann fortgezogen mit Geschrei; wenn der nun keine Holunderbeeren mehr fand, was fraß er dann?! Und bange Sorge rüttelte des Knaben Herz – hätte er ihm doch noch ein Säckchen voll Beeren mitgegeben! –

Jetzt lag der Schnee auf den Kiefern des Grunewalds. Als Wolfgang heute morgen zur Schule gegangen war, das Ränzel auf dem Rücken, das Hausmädchen als Begleitung neben sich, hatte die weiße Decke unter seinen Stiefelchen geknirscht und geknackt. Es war sehr kalt. Und da hatte er einen Schrei gehört, einen hungrigen krächzenden Schrei. Das Hausmädchen meinte, es sei eine Eule gewesen – pah, was die wußte! Ein Rabe war’s, der hungrige Bettelmann im kohlschwarzen Röcklein, wie in der Fibel stand!

Und an den dachte jetzt der Knabe, als er in der Schulbank saß und mit großen Augen auf die Wandtafel starrte, an die der Lehrer Wörter schrieb, die man ergründen sollte. Wie angenehm mußte es jetzt unter den Kiefern sein! Da flog der Rabe und streifte mit seinen schwarzen Flügeln den Schnee von den Ästen, daß der stäubte. Wohin er dann fliegen mochte?! Wie dem Star, so eilten dem Raben die Gedanken nach, weit, weit fort! Des Knaben Blick erglänzte, seine Brust hob sich unter einem tiefen Atemzug – da rief ihn der Lehrer an.

»Wolfgang, schläfst du mit offenen Augen? Wie heißt das hier?!« Der Knabe fuhr zusammen, wurde rot, dann blaß und wußte nichts.

Die andern Jungen wollten sich totlachen – ›schläfst du mit offenen Augen?‹ – das war zu drollig gewesen!

Der Lehrer strafte nicht, aber Wolfgang schlich doch nach Hause, als hätte er Strafe bekommen. Vor dem Hausmädchen, das ihn immer abholen kam, hatte er sich versteckt – nein, mit der ging er heute nicht! Auch den Kameraden war er davongelaufen – mochten sie sich heute mal ohne ihn balgen, morgen würde er ihnen desto mehr Schneeballen aufbrummen!

Er ging ganz allein, bog von der Straße ab und wanderte planlos zwischen die Kiefern hinein. Er suchte den Raben, aber der war weit fort, und so begann auch er zu rennen, zu rennen, so rasch er nur konnte, riß den Tornister vom Rücken und schleuderte ihn mit einem lauten Schrei weit von sich in die breiten Äste der Kiefer hinein, daß er da hängen blieb, und nur Schnee in ganzen Stücken lautlos herunterklexte. Das machte ihm Spaß. Er raffte beide Hände voll Schnee, drehte feste Bälle und begann nun die Kiefer, die seinen Tornister gefangen hielt, regelrecht zu bombardieren. Aber sie gab den Tornister nicht her, und als er heiß und rot und müde war, aber sehr erheitert, mußte er ohne Ränzel nach Hause gehen.

Das Hausmädchen war längst da, als er ankam; mit rotem Kopf – so war sie nach ihm umhergerannt – und mit bösem Blick öffnete sie ihm die Tür. »Na,« sagte sie ärgerlich, »wohl nachsitzen müssen?«

Er stieß sie zur Seite: »Halt deinen Mund!« Sie war ihm unleidlich in diesem Augenblick, da er von draußen hereinkam, wo es so still, so frei gewesen war.

Die Eltern saßen schon bei Tisch. Der Vater betrachtete ihn mit Stirnrunzeln, die Mutter fragte mit sanftem Vorwurf, der nicht frei von Besorgnis war: »Wo bist du so lange gewesen? Lisbeth hat dich überall gesucht!«

»Nun?« Schliebens Stimme klang streng.

Der Knabe hatte keine Antwort gegeben, es war ihm auf einmal, als sei ihm die Zunge gelähmt. Was sollte er denen hier drinnen denn von draußen erzählen?!

»Er hat sicher in der Schule nachsitzen müssen, gnäd’ge Frau,« flüsterte das Hausmädchen beim Präsentieren der Bratenschüssel. »Ich werde es morgen schon von den andern Jungens ’rauskriegen und gnäd’ge Frau dann Bescheid sagen!«

»O du!« Der Knabe war aufgefahren; so leise sie das gelispelt hatte, er hatte es doch gehört. Der Stuhl polterte hinter ihm zu Boden, mit geballter Faust stürzte er auf das Mädchen los, packte es so gewaltig an, daß es gellend aufschrie und die Schüssel aus der Hand fallen ließ.

»Du Gans, du Gans!« Er heulte es laut heraus und wollte sie schlagen; nur mit Mühe zerrte ihn der Vater zurück.

»Wölfchen!« Käte war die Gabel klirrend aus der Hand gefallen, mit weiten Augen, ganz starr, sah sie auf ihren Jungen.

Das Mädchen beklagte sich bitter: so war er immer, es war nicht auszuhalten, vorhin hatte er erst gesagt: ›Halt dein Maul!‹ Nein, das konnte sie sich nicht gefallen lassen, lieber zog sie! Und weinend lief sie aus dem Zimmer.

Schlieben war empört. »Du sollst gegen Untergebene manierlich sein! Gerade weil sie dienen müssen, sollst du höflich sein! Hörst du?« Und er faßte den Jungen mit kräftiger Hand, zog ihn übers Knie und gab ihm die wohlverdienten Schläge.

Die Zähne zusammenbeißend, ohne Laut, ohne Träne, ließ Wolfgang die Strafe über sich ergehen.

Aber der Mutter fiel jeder Schlag aufs Herz. Sie war selber wie geschlagen, ganz wie zerschlagen. Als ihr Mann nach dem stürmischen Mittagessen seine Siesta hielt, rauchte, die Zeitung las und ein wenig dabei einnickte, schlich sie hinauf zur Kinderstube, in die der Junge eingeschlossen worden war. Ob er weinte?

Sachte drehte sie den Schlüssel – er kniete auf dem Stuhl am Fenster, die Nase platt an die Scheibe gedrückt, und sah aufmerksam hinaus in den Schnee. Er bemerkte sie gar nicht; da zog sie sich vorsichtig wieder zurück. Sie ging wieder hinunter, aber sie fand nicht die innere Ruhe, um in ihrem Zimmer zu lesen; auf leisen Sohlen, wie rastlos, glitt sie durchs Haus. Da hörte sie, mitten zwischen Tellergeklapper, in der Küche Lisbeth zur Köchin sagen: »Das lasse ich mir denn doch nicht gefallen! Von so ’nem Bengel nicht! Was hat denn der hier zu suchen?!«

Von einem lähmenden Schrecken befallen, stand Käte starr: was – was wußte die?! Es wurde ihr glühend heiß und dann eisig kalt. ›Von so einem Bengel nicht – was hat der hier zu suchen?‹ – o, um Gottes willen, =so= sprach die?!

Sie lief wieder hinauf zur Kinderstube; dort kniete Wölfchen noch immer am Fenster.

Hier hemmte noch keine Nachbarvilla die Aussicht: man sah von diesem Fenster aus ein großes Stück unbebautes Feld, auf dem sommers Löwenzahn und Brennessel zwischen wildem Hederich im Sande vegetierten, jetzt aber Schnee lag, hoch und rein, von keinem Fußtritt berührt. Es dunkelte schon der frühe Winterabend, nur dies weiße Feld schimmerte noch, und im bleichen Schein der Schneehelle dünkte der Mutter des Kindes Gesicht sehr blaß.

»Wölfchen!« rief sie sanft. Und dann: »Wölfchen, wie konntest du zu Lisbeth sagen: ›Gans‹ und ›Halte dein Maul?!‹ O pfui! Woher hast du das?!« Sie fragte es leise-traurig.

Da drehte er sich nach ihr herum, und sie sah, wie seine Augen brannten. Es flackerte darin wie eine geängstete, unruhige Sehnsucht.

Sie sah auch das, und ganz gegen alle Regeln der Pädagogik öffnete sie die Arme und flüsterte – als es ihr entflohen war, war ihr’s selbst nicht klar, warum sie es gesagt hatte, hatte er doch alles, alles, was sein Herz begehrte – flüsterte: »Du armes Kind!«

Und er lief in ihre Arme.

Sie hielten sich umfangen, Herz klopfte an Herz; sie waren beide traurig, aber keiner von ihnen wußte, warum er selber so traurig, und auch nicht, warum der andere so traurig war.

»Es sind nicht die Schläge,« murmelte er.

Sie strich ihm mit glättender Hand das straffe Haar aus der Stirn; sie fragte ihn jetzt nicht mehr. Denn – stieg dort aus dem Schneefeld nicht etwas auf, schwebte am Fenster empor und legte den Finger auf die Lippen: ›Still, nicht fragen, nicht daran rühren?!‹

Aber sie blieb bei ihm und spielte mit ihm, ihr war, als dürfe sie ihn heute nicht allein lassen. Ja, sie mußte sich von jetzt ab überhaupt noch mehr um ihn kümmern! Wie eine Last fiel es ihr plötzlich auf die Seele: sie hatte ihn schon viel zu viel sich selber überlassen! Aber dann tröstete sie sich wieder: er war ja noch so jung, er war ja noch ganz weiches Wachs, das sie formen konnte, wie sie wollte! So am Fenster stehen und mit so brennenden Augen hinaus ins öde Feld starren, durfte er nie mehr! Nach was sehnte er sich? Hatte er denn nicht Liebe die Fülle? Und alles andre, was ein Kinderherz erfreut?!

Sie sah sich um in seinem hübschen Zimmer; da waren so viele Spielsachen aufgestapelt: Eisenbahnen und Dampfschiffe, Bleisoldaten und Bilderbücher und die allerneuesten Spiele.

»Komm, wir wollen spielen,« sagte sie.

Da war er gleich dabei; sie erstaunte, wie rasch er seinen Kummer vergessen hatte. Gott sei Dank, er war doch noch ein ganz ahnungsloses, harmloses Kind! Aber mit welcher Unrast er die Spielsachen durcheinander warf! ›Das ist dumm‹ und ›das ist langweilig‹ – nichts fesselte ihn recht. Sie war bald ganz erschöpft von allem Vorschlagen und Anregen zu dem und jenem Spiel; sie glaubte nicht, daß sie je selber als Kind so schwer zu befriedigen gewesen war. Zehnmal schon hatte sie aufstehen wollen und fortgehen – nein, jetzt hielt sie’s wirklich nicht mehr aus, der Kopf war ihr ganz toll, ihre Nerven sträubten sich, es war wahrhaftig leichter, am Kochherd zu stehen oder Hausarbeit zu verrichten, als mit einem Kind zu spielen! – aber zehnmal hielt ihr Pflichtgefühl sie wieder fest und ihre Liebe.

Sie durfte ihn nicht allein lassen, denn – mit dumpfer Angst fühlte sie’s – denn dann kam jemand anders und nahm ihn ihr fort!

Blaß und abgemattet blieb sie bei ihm sitzen; er hatte sie sehr gequält. Zuletzt fand er, ganz vergessen im Winkel des Spielschranks, ein wolliges Schäfchen, ein nur mehr dreibeiniges, zerzaustes, altes Spielding aus seiner ersten Kinderzeit. Damit vergnügte er sich; das machte ihm mehr Spaß als die andern kostbaren Sachen. Wie ein ganz kleines Kind saß er auf dem Teppich, hielt das Schaf zwischen den Knieen und streichelte es.

Als er endlich im Bette lag, saß sie noch bei ihm und hielt ihm die Hand. Sie sang, wie sie ihn so oft eingesungen hatte:

»Schlaf, mein süßes Kind, Draußen geht der Wind, Höre, wie der Regen fällt Und wie Nachbars Hündchen bellt! Hündchen hat den Mann gebissen, Hat des Bettlers Kleid zerrissen –«

Immer leiser hatte sie gesungen; jetzt glaubte sie ihn eingeschlafen, da riß er ungestüm seine Hand aus der ihrigen: »Hör auf mit dem Lied! Ich bin kein kleines Kind mehr!«

* * * * *

Es war ein Glück, daß es in der Grunewaldkolonie keine Straßenjungen gab, sonst hätte Wölfchen sicherlich mit denen gespielt; so waren es doch nur Portierkinder. An besserem Verkehr fehlte es ihm freilich nicht; von Schulkameraden, deren Eltern gleich den seinen in Villen wohnten, wurde er eingeladen, und auch die Berliner befreundeten Familien, die es gerne sahen, wenn ihre Kinder an Ferientagen hinaus konnten in den Grunewald, forderten ihn zu fleißigem Besuche auf.

Alle Kinder kamen gern in den schattigen Garten, wo Tante Schlieben immer so freundlich war. Kuchen und Obst gab’s da genug und Reifen und Bälle und Krocket und Tennis, Kegel und Turngeräte. An sonnigen Nachmittagen stieg helles Gelächter und Gekreisch bis hoch hinauf in die grünen Wipfel der Kiefern, aber – Frau Käte sah’s mit Befremden – ihr Junge, der sonst doch immer so wilde, war dann der stillste. Er machte sich nichts aus dem Besuch. Die Knaben in weißen und blauen Matrosenanzügen, deren frische Gesichter sich so wohlgesittet über blendenden Kragen erhoben, waren ihm nicht lieb; er gewann keine rechte Fühlung mit ihnen. Am liebsten wäre er davongelaufen, da weit draußen hin, wo niemand anders ging, als ab und zu mit einem großen Sack ein Strolch, der mit seinem Drahthaken jedes Stullenpapier wendete, um zu sehen, ob vom Sonntag nicht vielleicht doch etwas Kostbares übrig geblieben sei. Dem hätte er gern geholfen. Oder Kienäpfel in den großen Sack gesammelt.

Aber Freunde hatte Wolfgang doch auch. Da war Hans Flebbe – sein Vater war Kutscher bei dem Bankier, der schrägüber die prachtvolle Villa hatte und im Winter in der Bellevuestraße in Berlin wohnte –, da waren auch noch Artur und Frida; aber deren Eltern waren nur Portierleute in einer Mietvilla, die von verschiedenen Parteien bewohnt wurde.

Sobald diese drei aus der Schule nach Hause gekommen waren, fanden sie sich vor der Schliebenschen Villa ein; sie waren nicht wegzutreiben, geduldig warteten sie, bis Wolfgang sich zu ihnen gesellte.

»Mit meinem Hans ist er wie ’n Bruder,« pflegte der Kutscher zu sagen und Wolfgang immer mit einem ganz besonders herablassenden Peitschenschwippen hoch vom Bock zu begrüßen. Und die Portierleute stellten befriedigend fest: »Was er, der olle Schlieben is, der faßt immer an ’n Hut, und sie, die Jnädige, jrüßt auch immer sehr freundlich, aber was der Kleene is, der is doch noch janz anders!«

Es waren wilde Spiele, bei denen Frida ganz als Junge gerechnet wurde, die die vier Kameraden spielten: Nachlaufen, Versteck, am liebsten Räuber und Gendarm. Ha, wie Wolfs, des Räuberhauptmanns, Augen funkelten, wenn er dem Gendarmen, Hans Flebbe, einen Tritt gegen den Bauch gab, daß er hintenüber zu Boden fiel und vor Schmerz eine Weile starr liegen blieb.

»Ich habe ihn erschossen,« sagte er stolz zu seiner Mutter.

Käte, durch das wilde Schreien der Kinder, die auf dem unbebauten Feld der Villa rasten, ans Fenster gerufen, hatte ihren Knaben hereingewinkt. Widerwillig war er gekommen; aber er war doch gekommen. Jetzt stand er atemlos vor ihr, und sie strich ihm das feuchte Haar aus dem schweißüberströmten Gesicht: »Wie siehst du aus?! Und hier – sieh mal!«

Vorwurfsvoll wies sie auf seine weiße Bluse, die war von oben bis unten beschmutzt. Wo um alles in der Welt nur hatte er sich gesielt, es gab ja hier gar nicht solche Pfützen?! Und die Hose! Das rechte Bein war der Länge nach aufgeschlitzt, das linke zeigte am Knie ein dreieckiges Loch.

Pah, das machte nichts! Schon wollte er wieder fortstürmen, er zitterte vor Ungeduld: die Kameraden hockten ja hinterm Busch, die trauten sich nicht eher heraus, als bis er, ihr Hauptmann, wieder bei ihnen war! Er wehrte sich gegen die haltende Hand; aber sein Sträuben half diesmal nichts, der Vater kam aus dem Nebenzimmer.

»Du bleibst hier! Pfui, schäme dich, dich der Mutter zu widersetzen! Marsch, auf dein Zimmer, mach deine Schularbeiten für morgen!«

Schlieben sagte es barsch. Es hatte ihn empört, zu sehen, wie der Junge sich mit Händen und Füßen der zarten Frau widersetzte.

»Du Rüpel, ich will dich lehren, wie man mit seiner Mutter umgeht! Hier« – er packte ihn ins Genick und schleifte ihn wieder näher heran – »hier, bitt ab, küsse der guten Mutter die Hand! Und versprich, daß du nicht mehr so wildern wirst, wie ein Straßenjunge! Voran – nun, wird’s bald?!«

Die Zornesader auf des Mannes Stirn fing an zu schwellen. War das ein bockiger Bengel! Da stand er, die Bluse vorn auseinander gerissen, daß man das Fliegen der verschwitzten Brust sah – noch hatte er nicht ruhigen Atem gefunden, er keuchte noch vom wilden Lauf – und sah so verwildert aus, so verwüstet, so gar nicht wie guter Leute Kind! Das ging nicht länger so!

»Du wirst nicht mehr so toben – nie mehr – hörst du?« sprach der Vater streng. »Ich verbiete es; spiele andre Spiele! Du hast einen Garten, Turngeräte, hundert Sachen, um die dich andere beneiden würden. Und jetzt voran, bitte ab!«

Der Knabe ging zur Mutter. Sie kam ihm auf halbem Wege entgegen, sie hielt ihm schon die Hand hin. Er küßte diese, er murmelte auch: »Ich will es nicht wieder tun,« aber Schlieben hörte keine Reue heraus. Es war etwas in dieser verdrossenen Art, das ihn reizte. Und er ließ sich hinreißen.

»Das war keine Abbitte! Wiederhole die Bitte um Verzeihung – und deutlich!«

Der Knabe wiederholte sie.

»Und nun versprich, daß du nicht mehr so toben wirst! ›Liebe Mutter, ich verspreche‹ – nun?!«

Kein Wort, kein Versprechen.

»Was soll das heißen?« Außer sich schüttelte Schlieben den Jungen. Der aber preßte die Lippen aufeinander. Von unten herauf traf ein Blick seiner dunklen Augen den Vater.

Frau Käte fing den Blick auf – o Gott, das war der Blick – jener Blick – der Blick des Weibes!

Schützend hielt sie beide Arme über den Knaben: nicht, nicht, o, nicht ihn reizen! Sie zog ihn näher zu sich und legte ihre Hände über seine Augen, daß er sie schließen mußte, und flehte dabei mit den Blicken ihren Mann an: Geh, geh du!

Schlieben ging, aber er schüttelte unwillig den Kopf. »Du wirst sehen, was du aus dem Jungen erziehst!« Drohend hob er noch einmal die Hand: »Junge, ich sage dir, du wirst parieren!« Und dann machte er die Tür hinter sich zu – nicht einmal seine Mittagsruhe konnte man mehr ungestört halten!

Vom Nebenzimmer aus hörte er die Stimme seines Weibes. Die klang so weich und dabei zitternd, wie in geheimer Angst: »Wölfchen, Wölfchen, bist du nicht mein gutes Kind?«

Keine Antwort. Herr des Himmels, dieser fühllose Rüpel, hatte er auf diese Frage, in diesem Ton, keine Antwort?!

Nun wieder die weiche, zitternde Stimme: »Willst du denn nicht mein gutes Kind sein?«

Wenn der Bengel jetzt nicht antwortete, dann –! Dem wider Willen Zuhörenden stieg das Blut zu Kopf, es zuckte in seinen Fingern, er wollte aufspringen, wieder hineineilen und – aha, jetzt mußte er geantwortet haben! Freilich wohl nur durch ein stummes Nicken, aber Kätes Stimme klang innig erfreut: »Siehst du, ich wußte es ja, du bist mein gutes Kind, mein geliebtes Kind, mein – mein –!«

Nun, das war wahrhaftig auch nicht vonnöten, daß, nachdem der Junge eben noch so ungezogen gewesen war, Käte jetzt solche Liebestöne an ihn verschwendete! Und geküßt mußte sie ihn haben, umarmt! Ihre Stimme war erstorben wie in einem zärtlichen Hauch.

Nun hörte Schlieben gar nichts mehr; kein Rauschen ihres Kleides, keinen Laut – aha, jetzt flüsterte sie wohl in ihn hinein?! Wie sie den Bengel verwöhnte!

Doch jetzt – ein leises Weinen! War das noch Wolfs etwas harte, trotzige Knabenstimme? Wirklich, er weinte jetzt laut, und unterm Schluchzen stieß er kläglich hervor, kaum, daß man’s verstehen konnte: »Ich mußte ihn – aber doch erschießen – er ist doch der Gendarm!«

Und nun war alles wieder still. Schlieben nahm die Zeitung auf, die er vorhin weggeworfen hatte, und begann zu lesen. Aber er war nicht recht bei der Sache, hartnäckig wanderten seine Gedanken immer wieder ins Nebenzimmer. War der Bengel nun vernünftig, sah er seine Ungezogenheit ein? Und war Käte nicht gar zu schwach?! Es war nichts, gar nichts mehr zu hören. Oder doch – knarrte jetzt drinnen nicht die Tür? Nein, Täuschung, alles still!

Nachdem Schlieben noch eine Weile gewartet hatte, ging er hinüber. Da war es in der Tat sehr still, denn Käte war ganz allein. Sie saß am Fenster auf dem erhöhten Tritt, hatte die Hände in den Schoß gelegt und sann vor sich hin. Sie schien ganz abwesend.

»Wo ist der Junge?«

Erschrocken fuhr sie zusammen und hob wie abwehrend beide Hände.

Nun sah er, daß sie blaß war. Der Ärger mit dem Jungen hatte sie doch wohl sehr angegriffen – wart, das sollte er büßen, doppelt so viel Exempel rechnete er heute zur Strafe!

»Ist der Junge bei der Arbeit?«

Sie schüttelte den Kopf und errötete. »Nein!«

»Nein –?! Warum denn nicht?« Er sah sie sehr erstaunt an. »Habe ich ihm denn nicht gesagt: sofort an die Arbeit?!«

»Das hast du gesagt. Aber ich habe ihm gesagt: lauf! – Paul, sei nicht böse!« Sie sah, daß er auffahren wollte und legte beschwichtigend die Hand auf seinen Arm. »Wenn du mich lieb hast, laß ihn! Ach, Paul, glaube mir, glaube mir doch: er kann ja nicht dafür, er muß sich ausrennen, austoben, draußen sein – er muß!«

»Du hast immer Entschuldigungen! Denke doch nur an die Geschichte mit dem Tornister, aus seiner ersten Schulzeit – oben in die Kiefer hatte der Bengel den geworfen. Hätte nicht zufällig ein Arbeiter den Ranzen entdeckt und zu uns gebracht, weil er den Namen auf der Fibel las, hätten wir lange suchen können. Du hast es entschuldigt – nun, das war auch weiter nichts Schlimmes – ein Übermut – jetzt entschuldigst du aber ganz anderes! Und alles!« Der seiner Frau sonst so nachgiebige Mann erzürnte sich in seiner ernstlichen Besorgnis. »Ich bitte dich, Käte, sei nicht so unglaublich schwach mit dem Jungen! Wo soll das hin mit ihm?«

»Dahin!« Ernst zeigte sie auf ihn und sich. Und dann, mit einem Ausdruck tief-innerster Empfindung legte sie die Hand auf ihr Herz.

»Wieso? Ich verstehe dich nicht! Bitte, habe die Güte, dich etwas deutlicher auszudrücken, zum Rätselraten bin ich nicht gelaunt!«

»Wenn du’s nicht errätst, wirst du’s auch nicht verstehen, wenn ich es deutlicher sage!« Sie senkte den Kopf, und dann nahm sie wieder ihren früheren Platz ein; aber sie sann nicht mehr vor sich hin, sondern es schien ihm, als lausche sie mit geneigtem Ohr dem gellenden Triumphgeschrei, das hinterm Haus von dem wüsten Feld her bis übers Dach stieg.

»Du wirst nie mit dem Jungen fertig werden!«

»O, ich werde schon!«

»Natürlich, wenn du ihm allen Willen läßt!« Mit eiligem Schritt ging Schlieben aus dem Zimmer; der Unwille wollte ihn übermannen.

Vielleicht zum ersten Mal in seiner Ehe war Schlieben ernstlich böse auf seine Frau. Wie konnte Käte so unvernünftig sein?! Seinen Befehl so wenig beachten, als wäre der gar nicht gegeben – ja, sich in direkten Gegensatz zu ihm stellen?! O, der Bengel war schlau genug, der zog schon seine Schlüsse daraus! Und tat er’s noch nicht, so fühlte er doch instinktiv, welchen Rückhalt er an der Mutter hatte. Es war geradezu unglaublich, wie schwach Käte war!

Die weiche, sensitive Art, die den Mann zuerst an seiner Frau entzückt hatte, die den gleichen Zauber für ihn behalten hatte alle die Jahre hindurch, dünkte ihn jetzt auf einmal übertrieben – kindisch. Ja, kindisch war diese Ängstlichtuerei, diese ewige Angst vor dem, was vorbei und vergessen war! Von der Mutter hatten sie doch nie mehr etwas gehört, warum deren Schatten denn bei jeder Gelegenheit wieder heraufbeschwören? Geburtsschein und Taufattest des Jungen hatte man doch sicher in Händen, und das Venn war weit – er würde es nie sehen – warum denn nur immer das zitternde Bangen? Es lag gar kein Grund dazu vor. Sie lebten in so angenehmer Umgebung, Wolf wuchs in so geordneten Verhältnissen auf, besaß alles, was ein Kindergemüt ausfüllt und beglückt, daß es eine wahr Manie von Käte war, bei ihm eine Art von Heimatsehnsucht vorauszusetzen. Wie sollte er überhaupt dazu kommen? Er hatte ja gar keine Ahnung, daß hier eigentlich nicht seine Heimat war. Es war traurig mit Kätes Überempfindlichkeit – wahrhaftig, die Frau konnte einen mit nervös machen!

Und Schlieben fuhr sich über die Stirn, wie um unliebsame Gedanken mit einer Handbewegung fortzuscheuchen. Er zündete sich eine Zigarre an; heute eine extra feine, die er sonst seinen Gästen überließ, er hatte das Gefühl, sich über eine unangenehme Stunde forthelfen zu sollen. Denn unangenehm, wirklich unangenehm und schwierig blieb die Sache doch, wenn er auch hoffte, schon auf die richtige Lösung der Frage zu kommen: wie erzieht man solch ein Kind? Jedenfalls nicht so, wie Käte es tat! Das war ihm schon jetzt klar.

Blaue Rauchkringel in die Luft blasend, saß Schlieben in der Sofaecke seines Arbeitszimmers. Seine Stirn blieb gerunzelt. Da war er heute recht abgespannt aus dem Kontor gekommen, hatte allerlei Verwicklungen gehabt – Ärger genug – hatte eilige Briefe diktieren müssen, sich keine Pause gegönnt, und hatte nun zu Hause ein angenehmes Ausruhen erhofft – vergebens! Merkwürdig, wie ein einziges Kind den ganzen Haushalt, das ganze Leben verändert! Wenn der Junge nun nicht da wäre – – –?! Ja, dann hätte er jetzt eine friedliche kleine Mittagsruhe – ausgestreckt auf dem Diwan, die Zeitung vorm Gesicht – hinter sich und ginge nun zu Käte hinüber, um bei ihr in höchst gemütlichem Tête-à-tête den Kaffee zu trinken, den sie mit so viel Anmut in der summenden Wiener Maschine selber bereitete. Er hatte immer so gern still zugesehen, wie ihre schlanken, gepflegten Hände sich geräuschlos dabei bewegten. Schade!

Er seufzte. Aber dann bezwang er sich: nein, einer augenblicklichen Verdrießlichkeit wegen durfte man ihn nicht wegwünschen! Wie viel frohe Stunden hatte ihnen das kleine Wölfchen doch bereitet! Es war reizend gewesen, seine ersten Schritte zu beobachten, seine ersten zusammenhängenden Worte zu belauschen. Und war nicht Käte in seinem Besitz so glücklich – oho, wer sagte da: glücklich =gewesen=?! – sie war es ja noch! Es ging ihr nichts über den Jungen. Und daß der Stunden des ungetrübten Beglücktseins durch ihn jetzt nicht mehr ganz so viele waren als vormals, das war ja nur natürlich. Er war eben nicht mehr das Bübchen, das dort, dort drüben aus jener Ecke bis hierher zum Sofa den ersten kühnen Lauf gewagt und, jauchzend über den eignen Wagemut, des Vaters Bein umklammert hatte. Er fing jetzt an, ein selbständiger Mensch zu werden, einer mit eignen Wünschen, nicht mehr mit solchen, die in ihn hineingetragen worden waren; ureigne Willensäußerungen gaben sich kund. Jetzt wollte er dies und wollte jenes und nicht nur mehr das, was die Erzieher wollten. War das aber nicht natürlich? Überhaupt, wenn ein Kind erst in die Schule geht, was stellt sich da nicht alles ein?! Man mußte Nachsicht haben, wenn man sich nicht auch gleich die ganze Lebensführung beeinflussen lassen wollte – erst die Eltern, dann das Kind!

Schlieben fühlte, wie er sich nach und nach beruhigte. Ein Junge – welche Unsumme von Wildheit, Rüpligkeit, Ungebundenheit, ja Ungebärdigkeit ist nicht in =dem= Wort mit einbegriffen! Und alle, alle, die jetzt Männer waren, waren einst doch auch Jungen!

Die Zigarre ging ihm aus; er hatte vergessen, daran zu ziehen. Mit einem eigentümlich milden Gefühl, das nicht frei von einer leisen Sehnsucht war, gedachte Schlieben der eignen Knabenzeit. Nur ehrlich: hatte er nicht auch getobt und gelärmt, sich beschmutzt, erhitzt und Hosen zerrissen und dumme Streiche gemacht, mehr als genug?!

Wunderbar, wie genau er sich jetzt auf einmal einzelner Strafpredigten erinnerte und der Tränen, die er der Mutter ausgepreßt hatte; auch noch sehr deutlich der Tracht Prügel, die er einmal für eine Lüge erhalten hatte. Sein Vater hatte dazumal gesagt – plötzlich war’s ihm, als hörte er die Stimme, die sonst gar nicht sonderlich feierlich, sondern recht alltäglich geklungen hatte, jetzt aber durch den Ernst geadelt wurde, hier in der Stube widerhallen –: ›Junge, alles kann ich dir verzeihen, nur das Lügen nicht!‹ Ah, es war damals recht unerquicklich gewesen in dem engen Kontor, wo der Vater am hölzernen Stehpult lehnte und den Stock auf dem Rücken hielt. Das Käppchen, das er seiner Glatze wegen trug, hatte er in der Erregung schief geschoben, seine blauen freundlichen Augen blickten scharfspähend und zugleich betrübt.

›Alles kann man verzeihen, nur das Lügen nicht‹ – ei, hatte der Junge, der Wolfgang, denn gelogen?! Bewahre! Einfach ungezogen war er gewesen, wie es auch die besten Kinder einmal sind!

Schlieben fühlte eine Beschämung: und er, er wollte dem Jungen diese einfache Ungezogenheit so übel nehmen?!

Er stand vom Sofa auf, stieß den Rest seiner Zigarre in den Aschenbecher und ging hinaus, um sich nach Wolfgang umzusehen.

Er traf die vier im vollen Glück des Spiels. Sie hatten sich ein Feuerchen angezündet auf dem unbebauten Land dicht hinterm Gartengitter, so daß die überhängenden Büsche des Gartens sie wie ein Dach beschützten.

Eng hockten sie zusammen; sie waren jetzt im Lager. Frida hielt Kartoffeln in der Schürze, die in der Asche gebraten werden sollten; aber das Feuerchen wollte nicht brennen, das Reisig schwelte nur. Wolfgang lag bäuchlings auf der Erde und blies, auf die Ellenbogen gestützt, mit aller Kraft seiner Lungen. Aber die reichte doch nicht aus, das Feuer wollte und wollte nicht brennen.

Leise war Schlieben herangekommen, in ihrem Eifer hatten die Kinder ihn gar nicht bemerkt. »Will’s nicht brennen?« fragte er.

In einem heftigen Emporschnellen war Wolfgang sofort auf den Füßen. Er war rot und frisch gewesen, nun wurde er blaß, sein offener Blick senkte sich scheu, ein trübseliger Ausdruck verlängerte sein rundes Kindergesicht und ließ ihn älter erscheinen.

»Muß ich ’reinkommen?« Es klang kläglich.

Schlieben überhörte die Frage mit Absicht; er hatte ihn eigentlich hereinholen wollen, aber nun zögerte er plötzlich zu sagen: ja. Es war doch hart für den Jungen, nun fortzumüssen, ehe das Feuerchen brannte, ehe die Kartoffeln gebraten waren! So sagte er nichts, sondern bückte sich, und als er doch noch nicht tief genug herabkam, kniete er nieder und blies mit dem vollen Odem seiner breiten Brust in das schwach-knisternde Gezweig. Sofort sprühten Funken, und ein aufzüngelndes Flämmchen wurde rasch zur Flamme.

Ein Jauchzen stieg auf. Frida hüpfte im Kreis, ihre Zöpfe flogen: »Et brennt, et brennt!« In ihren Jubel stimmten Artur und Hans mit ein; auch sie hüpften von einem Fuß auf den andern, klatschten in die beschmutzten Hände und schrieen gellend: »Et brennt, et brennt!«

»Kinder, Ruhe!« Schlieben war amüsiert durch diese Seligkeit. Er kommandierte: »Reisig her, aber recht trockenes,« selber von einem Eifer erfaßt, diese noch unsichere, bald sich duckende, bald hoch aufflackernde Flamme zu erhalten. Er blies und stocherte und feuerte nach; der Wind trieb ihm den Rauch ins Gesicht, daß er husten mußte, aber er wischte sich die tränenden Augen und hatte auch nicht acht, daß sein Beinkleid vom Knieen auf dem Grund grünlich-nasse Flecke bekam und etwaige Vorübergehende sich sehr wundern würden, Herrn Paul Schlieben bei solcher Beschäftigung zu sehen. Es machte ihm jetzt selber Spaß, unterm blaßblauen Herbsthimmel, an dem die weißen Wolken flogen und die Schwalben zwitschernd dahinschossen, ein Kartoffelfeuerchen zu unterhalten. Er hatte so etwas nie gekannt – war er doch ein Stadtkind – aber es war schön, wirklich schön!

Die Kinder trugen Reisig zu, Wolfgang nahm’s und brach es überm Knie – knack – die Stecken sprangen wie Glas. Wie der Junge das im Griff hatte!

Hoch loderte die Flamme, eine behagliche Wärme strömte vom Feuerchen aus: da mußte man sich die Hände dran wärmen können – wahrhaftig, es tat gut!

Und dann folgte des Mannes Auge dem Rauch, den der Wind vom Acker aufhob, einem leichten Wölkchen gleich. Grau erschien erst das Wölkchen, doch je höher es flog, desto lichter wurde es, freundlicher Sonnenschein durchschimmerte es verklärend. Es schwebte hinauf, immer hinauf, immer körperloser, ungreifbarer, bis es ganz verflog – ein Ahnen, ein Hauch.

Es war nun an der Zeit, die Kartoffeln einzubuddeln; Wolfgang war geschäftig dabei. Man hatte nicht mehr geschürt, die Flamme war zusammengesunken, aber die Asche barg die ganze Glut. Mit großen Augen standen die Kinder herum, ganz still, fast den Atem anhaltend, und doch zitternd vor Erwartung: wann würde die erste Kartoffel gar sein?! Ah, roch es nicht schon so gut?! Witternd blähten sie die Näschen. Aber Schlieben klopfte jetzt seine Beinkleider ab und schickte sich zum Gehen an – es würde doch zu lange dauern, bis die Kartoffeln fertig waren! Fast empfand er etwas wie Bedauern. Aber es ging wirklich nicht, daß er noch länger hier umherstand, was sollten die Leute eigentlich von ihm denken?!

Schlieben hatte sich jetzt selber wiedergefunden. »Genug jetzt,« sagte er, und dann ging er, sorgsam die aufgebuddelten, unwegsamen Stellen des Feldes vermeidend. Da hörte er Tritte dicht hinter sich. Er drehte sich um: »Wolf?! Nun, was willst du?«

Die dunklen Augen des Knaben sahen ihn traurig an.

»Gehst du auch nach Hause?« Ein Erstaunen lag in Schliebens Frage – er hatte doch gar nicht gesagt, daß der Junge mitkommen sollte?!

Ein herrlicher Duft kam von den Kiefern her, die Luft atmete sich so frei, so leicht, und dieser blaßblaue Himmel mit den gewischten weißen Wolken, hatte etwas so ungemein Klares, den Blick Erhellendes. Weiße Fäden flogen über Land, vom reinen Ost getrieben, hingen sich an grünbenadelte Äste und schimmerten da wie Elfengespinst. Und die Sonne war noch angenehm warm, ohne zu brennen, und ein kräftigender, bitterlich-herber Geruch strömte von den goldfarbenen Blättern der Büsche, die die Rückseiten der Gärten abschlossen.

Der Mann holte tief Atem; ihm war, als sei er plötzlich um zehn, um zwanzig – nein, um dreißig Jahre jünger. Um mehr noch!

»Na, lauf nur,« sagte er.

Der Knabe sah ihn an, als habe er ihn nicht recht verstanden.

»Lauf,« sagte er noch einmal kurz und bündig und lächelte dabei.

Da stieß der Junge einen Schrei aus, einen so gellend-jauchzenden Schrei, daß die Kameraden, die auf den Hacken ums Kartoffelfeuerchen kauerten, sofort mit einstimmten, ohne zu wissen warum.

Im dunklen Auge des Knaben, der die Freiheit liebte, die freie Luft, den freien Lauf, flammte es auf. Er sagte es nicht, daß er beglückt war, aber er schöpfte so tief Atem, als fiele ihm eine Last von der Brust. Und Schlieben sah auf dem Gesicht, das jetzt anfing sich zu vergröbern, die weiche Rundung der Kindlichkeit im Mager-Jungenhaften zu verlieren, einen Zug, der es fein und schön machte.

Blitzschnell, wie aus straffem Bogen geschnellt, flog Wolfgang zurück übers Feld.

Schlieben ging in seinen Garten zurück; vorsichtig, damit sie nicht knarrte, öffnete er die Gittertür und schloß sie ebenso leise wieder – Käte brauchte es nicht zu wissen, wo er gewesen war! Aber da stand sie schon am Fenster.

Es war etwas rührend Ratloses in ihrer Haltung, ein bängliches Forschen in ihrem Blick – nein, sie brauchte ihn so nicht anzusehen, er war ihr nicht böse!

Und er nickte ihr zu.

Als das Hausmädchen fragte, ob der Herr nicht wisse, wo der Junge sei, schon dreimal habe sie nun die Milch warm machen lassen und auf- und abgetragen, sagte er fast kleinlaut, mit einer Entschuldigung im Ton: »Na, das ist ja nicht so schlimm, Lisbeth! Wärmen Sie sie nachher zum vierten Mal – es ist ihm so gesund draußen!«

Zweites