Chapter 2 of 3 · 34403 words · ~172 min read

Buch 1

Frida Lämke feierte ihren zehnten Geburtstag. »Därfst du kommen, kriegen wer Kuchenschnecken mit Rosinen, aber därfst du nich kommen, jibt’s nur Schrippen wie alle Tage,« sagte sie zu ihrem Freund Wolfgang. »Sieh man zu, det se dir lassen!« Es lag ihr am meisten daran, daß Wolfgang kam; wegen Flebbe wurden keine Unterschiede gemacht, obgleich der immer sagte, sie wäre seine Braut.

Und Wolfgang quälte seine Mutter. »Laß mich doch hingehen – warum denn nicht? Ich möchte doch so gern – warum denn nicht?!«

Ja, warum denn nicht?! Mit diesem Warum lag er ihr seit vierundzwanzig Stunden in den Ohren; es zermürbte sie ganz. Was sollte sie ihm sagen – daß ihr Frida mißfiel? Aber was hatte das Mädchen denn eigentlich getan, daß es ihr mißfiel? Nichts! Es knickste immer höflich, war stets ordentlich gekleidet, hatte sogar das blaue Band mit einer gewissen Anmut in den blonden Zopf geflochten. Die Eltern waren auch ganz respektable Leute, und doch – immer trieben sich diese Kinder auf der Straße herum, jederzeit, sommers und winters! Man mochte vorbeikommen, wann man wollte, immer waren die Lämkes vor der Tür! War es die Straße selber, die sie aus diesem stupsnasigen, für sein Alter sehr entwickelten Mädchen ansah? Nein, zu diesen Leuten hingehen, ins Haus, hinuntersteigen in diese Atmosphäre der Portierstube, nein, das durfte er nicht!

»Ich möchte nicht, daß du hingehst,« sagte sie. Sie hatte doch nicht das Herz, diesen bittenden Augen gegenüber zu sagen: ›Ich will es nicht!‹

Und das Kind ersah seinen Vorteil. Es fühlte deutlich: ›sie kämpft mit sich‹, und mit einer grausamen Hartnäckigkeit verfolgte es seinen Wunsch.

»Laß mich doch – ach, laß mich doch! Ich bin aber sehr traurig, wenn ich nicht darf. Dann hab ich zu nichts mehr Lust. Warum soll ich denn nicht? Mutti, ich will dich auch so liebhaben, wenn du mich gehen läßt – laß mich – ja? Ich will aber doch!«

Sie konnte sich nicht mehr retten vor ihm, er ging ihr nach auf Schritt und Tritt, er faßte ihr Kleid, und – wenn sie’s ihm auch verwies, die Bitte noch öfter zu wiederholen –, sie fühlte es, er dachte doch unablässig das eine. So zwang er sie.

Schlieben verhielt sich weit weniger ablehnend gegen diese Einladung von Lämkes. »Warum nicht? Es sind ja ganz anständige Leute. Das schadet dem Jungen nichts, wenn er auch mal in =die= Kreise hineinguckt. Ich bin auch als Junge zu unsern Leuten in die Wohnung gekommen. Und warum denn nicht?!«

Sie wollte sagen, ›Das war auch etwas ganz andres, bei dir hatte es keine Gefahr‹ – aber dann besann sie sich und sagte es nicht. Sie wollte ihm nicht schon wieder mit ihren Befürchtungen, ihren Zweifeln, ihrer geheimen nagenden Angst kommen, die keinen greifbaren Grund hatte, sich nicht deutlich machen ließ, wie man am Ende jede andre Empfindung erklären kann. Wie ein sinkender Nebel schwebte stets etwas über ihr. Aber warum es ihm sagen?! Sie wollte sich weder darüber schelten noch darüber auslachen lassen; beides würde ihr gleich empfindlich sein. Er war ja nicht mehr so wie früher! O – sie empfand es mit einer leisen Bitterkeit – hatte er sie doch vormals verstanden! Jede Regung, jede Schwingung ihrer Seele hatte er mitgefühlt. Dieses ahnende Verstehen war ihm abhanden gekommen – oder verstand =sie= ihn vielleicht nicht mehr?!

Aber er war doch noch ihr lieber Mann, ihr guter, getreuer, den sie liebte wie sonst auf der Welt nichts mehr – nein, den sie so liebte, wie sie Wölfchen liebte! Das Kind, ach, das Kind, das war die Sonne, um die sich ihr Leben drehte!

Wenn Paul doch noch so wäre, wie er früher gewesen war! Sie mußte ihn jetzt so oft heimlich ansehen und sich mit einer gewissen Verwunderung auch in seine äußere Persönlichkeit hineinfinden. Nicht daß ihm das Breiterwerden schlecht stand; die Fülle, die seine schlanke Gestalt mit der einst etwas steifen, immer korrekten Haltung angenommen hatte, paßte zu seinen Jahren, zu den silbrigen Fäden, die im Bart und an den Schläfen zu schimmern begannen. Paßte zu der bequemen Samtjoppe, die er jetzt immer anzog, sowie er nach Hause kam, paßte zu seinem ganzen Wesen. Merkwürdig, daß jemand ein so praktischer Mensch werden konnte, dem früher alles Geschäftliche lästig, ja, höchst zuwider war! Jetzt würde er nicht mehr das fremde Kind aus dem Venn auflesen, und – einen langen Blick heftete Käte auf den Gatten –, jetzt würde er’s nicht mehr bei sich aufnehmen wie eine Gabe aus Märchenland!

Ob die Jahre auch sie so verändert hatten?! Ihr Spiegel zeigte ihr keine zu große Veränderung. Da war noch ganz dieselbe mädchenhafte Figur, die doppelt zart erschien neben der Behäbigkeit des Gatten. Noch war ihr Haar blond, und sie errötete noch wie ein junges Mädchen, dem schon ein streifender Blick das leicht bewegliche Blut unter die zarte Haut treibt. Ja, äußerlich war sie noch jung geblieben! Aber innerlich überkam sie doch oft eine Müdigkeit. Wolf machte ihr den Kopf gar so warm. Eine Mutter, die zehn, fünfzehn Jahre jünger war als sie, die würde es vielleicht nicht gleich ihr empfinden, wieviel Kräfte solch ein Kind kostet! Würde die nicht noch lachen, wenn es =ihr= schon zum Weinen war?

O Gott, welch ungestüme, unerschöpfliche Lebenskraft war in diesem Jungen! Sie war erstaunt, verwirrt, erschöpft davon. Wurde er denn nicht müde? Immer auf den Beinen, um sechs schon auf, immer heraus, heraus! Schon um Tagesgrauen hörte sie ihn sich rastlos werfen. Er schlief neben ihnen, die Verbindungstür nach seinem Zimmer blieb immer auf, obgleich ihr Mann darüber schalt: der Junge wäre groß genug, brauchte die Aufsicht nicht. Nachts wenigstens könnte man sich die Störung ersparen!

Aber sie wollte, sie mußte auch seinen Schlaf bewachen. Oft hörte sie ihn sprechen im Traum, so tief Atem holen, als beenge ihn etwas. Dann schlüpfte sie aus dem Bett, leise, leise, damit ihr Mann sie nicht hörte, zündete kein Licht an, suchte sich tastend, auf bloßen Füßen, den Weg ins Nebenzimmer. Und dann stand sie an seinem Bett. Noch hatte er das hübsche Gitterbett seiner ersten Knabenjahre – aber wie lange noch, und dies Bett war zu klein?! Wie er wuchs, so unheimlich schnell! Vorsichtig, mit leichter Hand, fuhr sie über seine Decke und fühlte darunter den langgestreckten Knabenleib. Jetzt warf er sich, stöhnte, bäumte sich auf wie einer, der gegen etwas anringt. Was hatte er nur? Jetzt sprach er undeutlich. Von was träumte er denn so lebendig? Er schwitzte über und über.

Wenn sie ihn nur sehen könnte! Aber sie traute sich nicht, Licht zu machen. Was sollte sie ihrem Mann sagen, wenn er, vom Lichtschein geweckt, sie fragen würde: ›Was machst du denn da –?‹ Und Wölfchen würde auch aufwachen und fragen: ›Was willst du denn?‹

Ja, was wollte sie denn eigentlich?! Darauf wußte sie sich keine bestimmte Antwort. Wissen hätte sie nur mögen, was seine Seele im Traum so beschäftigte, daß er seufzte und rang. Von was träumte er? Von wem?! Wo war er im Traum?!

Zitternd stand sie auf ihren bloßen Füßen an seinem Bett und lauschte. Und dann beugte sie sich über ihn, so dicht, daß sein Atem, unruhig und heiß, ihr Gesicht anwehte, und hauchte wiederum ihn an – mengten sie nicht so ihre Atemzüge, gab sie ihm nicht so Odem von ihrem Odem? – und flüsterte leise und doch so eindringlich, bittend und beschwörend zugleich: »Die Mutter ist hier, die Mutter ist bei dir!«

Aber mit einem Ruck warf er sich auf die andre Seite, drehte ihr den Rücken zu und murmelte. Lauter Unverständliches, selten ward ein Wort deutlich, aber es war genug auch so; sie fühlte: er war nicht hier, nicht bei ihr – weit fort! Suchte seine Seele im Traum die Heimat, die er nicht kannte, die er nicht einmal ahnen konnte und die doch so mächtig war, daß sie ihn, auch unbewußt, an sich zog?!

Von einer Unruhe ohnegleichen gepeinigt, stand Käte an Wolfgangs Bett: eine Mutter und doch keine Mutter! Ach, sie war ja nur eine fremde Frau am Bett eines fremden Kindes!

Und sie schlich sich zurück auf ihr Lager und vergrub ihre hämmernde Stirn tief in die Kissen. Heftig fühlte sie ihr Herz pochen, und sie schalt sich selber darüber, daß sie sich so unnütze Gedanken machte. Sie änderte ja nichts dadurch, ward nur müde und traurig.

Wenn Käte nach solchen Nächten aufstand, fühlte sie den besorgten Blick ihres Mannes, und ihre Hände, die das reiche Haar aufsteckten, zitterten. Gut, daß ihr eine Nadel entfiel, da konnte sie sich doch rasch bücken und ihr überwachtes Gesicht mit den umschatteten Augen seinen forschenden Augen entziehen. –

»Ich bin wieder gar nicht mit dem Befinden meiner Frau zufrieden,« klagte Schlieben dem Arzt. »Sie ist wieder schrecklich nervös!«

»So?!« Geheimrat Hofmanns freundliches Gesicht wurde energisch. »Ich will Ihnen was sagen, lieber Freund, da gehn Sie nur gleich dagegen an!«

»Das nützt nichts!« Schlieben schüttelte den Kopf. »Ich kenne doch meine Frau. Der Junge macht’s, der verdammte Junge!«

Und er nahm sich Wolfgang vor. »Hör mal, du mußt die Mutter nicht immer so quälen! Merke ich noch einmal, daß sie sich über dich kränkt, weil du ungezogen bist, so sollst du mich kennen lernen!«

Quälte er denn die Mutter?! Wolfgang machte ein verdutztes Gesicht. Und ungezogen war’s doch auch nicht, wenn er gern zu Lämkes wollte! Das quält, wenn man innen sitzen muß, während draußen der Wind pfeift und einem so lustig das Haar zerwühlt! Und das quälte ihn auch, daß er heute nicht zu Lämkes sollte.

»So geh nur hin,« sagte Käte. Sie fuhr sogar noch vor Tisch nach Berlin hinein und kaufte eine Puppe, eine hübsche Puppe mit blonden Locken, mit Augen, die sich schlossen und öffneten, und mit einem rosa Kleid. »Die bringe Frida zum Geburtstag mit,« sagte sie am Nachmittag und händigte sie dem Knaben ein. »Halt! Vorsicht!«

Er hatte ungestüm zugepackt, es freute ihn doch zu sehr, daß er der Frida was bringen konnte. Und in einer seltenen Regung – er war kein Freund von Zärtlichkeiten – reckte er der Mutter das Gesicht hin und empfing, in einer Aufwallung von Dankbarkeit, ihren Kuß. Er ließ ihn sich mehr gefallen, als daß er nach ihm verlangte, sie fühlte das wohl, aber sie war doch froh darüber, und mit einem Lächeln, das ihr ganzes Gesicht erhellte, sah sie ihm dann nach.

»Aber vor Dunkelwerden bist du wieder zu Hause,« hatte sie ihm noch zugerufen. Ob er sie gehört hatte?

Wie er lief, davonjagte, leichtfüßig wie ein Hirsch! Noch nie hatte sie ein Kind so rasch laufen sehen. Er warf die strammen Beine, daß die Hacken hinten gegen die Schenkel schlugen; der Wind blies ihm den breitkrempigen Matrosenhut in den Nacken, da riß er ihn ganz ab und rannte barhäuptig weiter, so eilig hatte er’s.

Was zog ihn nur so mächtig zu diesen Leuten?!

Von Kätes Gesicht verschwand das Lächeln, sie trat vom Fenster zurück. –

Wolfgang war glücklich. Er saß bei Lämkes in der Stube, in der zur kälteren Jahreszeit auch gekocht wurde. Die Schlafstätte der Eltern war durch einen Vorhang abgegrenzt; Frida schlief auf dem Sofa und Artur nebenan in dem Kämmerchen, das auch die Schippen und Besen, die Vater Lämke zur Haus- und Straßenreinigung brauchte, beherbergte.

Noch war es nicht Winter, noch freundlicher Herbst, aber doch roch es schon in der Stube hübsch warm und mollig. Mit dem zarten Duft der blassen Monatsrose und des Nelkenstocks, der Myrte und des Geraniums, die, dicht an das fast ebenerdige Fenster gerückt, alle blühten, mischte sich der strengere Geruch des Kaffees, den Frau Lämke in der großen Emaillekanne brühte. Zu Hause bekam Wolfgang nie Kaffee, hier bekam er welchen; und er schlürfte ihn, wie er die andern ihn schlürfen sah, nur empfand er ein noch größeres Behagen dabei. Und nie hatte ihm ein Stück Torte so gut geschmeckt wie diese einfache Schnecke, die eher Semmel als Kuchen war; er kaute mit offenem Mund, und als Frau Lämke ihm, dem geehrtesten Gast, noch eine zweite Schnecke zuschob, nahm er sie mit strahlendem Gesicht.

Frau Lämke fühlte sich sehr geschmeichelt durch seinen Besuch. Aus der Puppe aber hatte sie sich nicht viel gemacht; die hatte sie Frida gleich weggenommen und in den Schrank geschlossen: »Det de ihr nich jleich verknutschst! Un iebrigens biste doch keen Herrschaftskind, det uff alle Dage mit Puppens spielt. Schade um det Jeld!« Aber nachher, als Vater Lämke aus der Portierloge, wo er in seinen Mußestunden saß und Stiefel flickte, herunterkam, um auch eine Tasse Geburtstagskaffee zu trinken und eine Schnecke zu essen, wurde die Puppe doch wieder vorgeholt und ihm gezeigt.

»Fein, was? Hat sie von Wolfjangen seine Mama. Sieh mal, Lämke« – die Frau hob der Puppe das rosa Kleidchen auf und zeigte darunter das weiße, mit einer kleinen Spitze besetzte Volantröckchen – »so ’ne Frisur, janz jenau so ’ne hatte ik Frida’n um ’t Taufkleidchen jenäht. Jotte doch, sie war doch det erste, da denkt man, et is noch wat Besondret! Ach ja,« – sie seufzte und legte die Puppe wieder in den Schrank zurück, in dem allerlei Krimskram, die reinen Bettbezüge und ihr und Fridas Sonntagshut lagen – »wie de Zeit verjeht! Nu is se schonst neune!«

»Zehne,« verbesserte Frida. »Ich bin doch heute zehne jeworden, Mutter!«

»Richtig – nee, schonst zehne!« Die Frau lachte und schüttelte den Kopf, über diese Vergeßlichkeit verwundert. Und dann nickte sie ihrem Manne zu: »Weeßte noch, Lämke, wie se jeboren wurde?«

»Un ob,« sagte er und schenkte sich nochmals aus der unerschöpflichen Kanne ein. »Det war ’ne schöne Tur, wie se jeboren wurde – na, ich danke! Die Jöhre hat dir scheene zujesetzt! Un mir mit, ich kriegte ordentlich Manschetten. Aber nu, Alte – ä, zehn Jahre her, nu is et ja bald nich mehr wahr!«

»Un wenn et hundert her wäre, det verjäße ik nich, o nee!« Die Frau hob abwehrend die Hand. »Ik wollte mir jrade wie heute, so um viere ’rum, Kaffee kochen, ik hatte so ’n Jieper drauf, da jing ’t los. Jrade noch, daß ik bis iebern Flur kam – weeßte, du warst damals noch in de Werkstelle bei Stiller, un wir wohnten in de Alte-Jakob, fünf Treppen links – un ik kloppte bei den Krawattenfritze drieben an un sagte: ›Ach, sein Se doch so jut,‹ sagte ik, ›schicken Se man fix Ihre Kleene bei die Wadlern, Spittelmarcht zehne, die weeß schon‹ – au weih, war mich schlecht! Un ik fiel uf’n nächsten Stuhl; se hatten alle Mühe, det se mir noch ’rieber kriegten. Un nu jing det los, ik konnte nich an mir halten, bei’n besten Willen nich; ik jloobe, se haben mir drei Häuser weit schreien jehört. Un det dauerte, det dauerte – et wurde Abend – du kamst zu Hause – et wurde Mitternacht – morjens fünfe, sechse, sieben – da endlich um neune sagte de Wadlern: ›det Kind, det is an’n Ende –‹«

»Mutter,« unterbrach sie der Mann und zwinkerte nach den Kindern hin, die ganz still am Tisch saßen und mit weitgeöffneten, neugierigen Augen lauschten, »nu laß’t man jut sind! Det is ja nu allens lange vorbei, de Jöhre is da, un is dich ja soweit janz jut jeraten!«

»Punkt elfe wurde se jeboren,« sagte Frau Lämke träumerisch und nickte ernsthaft dabei und atmete dann so tief auf, als hätte sie einen hohen Berg überklettert. Und dann rief sie ihre Tochter zu sich heran, heute, am zehnten Geburtstag ihrer Erstgeborenen, von Leid und Freude einer nach zehn Jahren noch so unendlich lebendigen Erinnerung überflutet.

»Komm man, Frida!« Und sie gab ihr einen Kuß.

Frida, ganz verdutzt durch diese unvermittelte Zärtlichkeit, lachte ihren Bruder Artur und die beiden andern Knaben dumm an, und dann entschlüpfte sie zur Türe: »Können wer jetzt spielen jehn?«

»Macht, det ihr ’rauskommt!«

Da stürzten sie voller Fröhlichkeit aus der dunklen Portierwohnung, die unten im Souterrain lag, hinauf.

So hell war’s auf der Straße, so heiter schien die Sonne, Wind wehte frisch, fern flog ein Drache übers Feld. Wenige Fußgänger, keine Wagen. Die Straße gehörte ihnen, und mit Hallo stürmten sie dahin: wer zuerst am Laternenpfahl an der Ecke war, der war Hauptmann!

Wolfgang hätte sich diese Ehre sonst nie nehmen lassen, aber heute mußte er Gendarm sein, er war der letzte gewesen. Langsam und stumm war er den andern gefolgt. Etwas saß ihm im Kopfe fest, das machte ihn schwerfällig und hemmte seinen Lauf; er mußte darüber denken, denken. Das wurde er nicht los, selbst als er mitten drin war im Lieblingsspiel; erst dann vergaß er’s, als er mit Hans Flebbe eine große Balgerei hatte. Dieser hatte ihn ins Gesicht gekratzt, darum riß er ihm jetzt ein Büschel Haare aus. Am nächsten Gartengitter hielten sie sich gepackt.

Artur, ein kleiner Schwächling, hatte sich nicht am Streite beteiligt, aber er schrie, die Hände in den Hosentaschen, mit kreischender Stimme hinein in den Kampf, den die beiden wortlos miteinander ausfochten.

»Flebbe, hau ihm! Mit de Faust unter de Neese – tüchtig!«

»Wolfjang, man zu! Zeig ihm, was ’ne Harke is, immer ruff uf ihn!«

Frida hüpfte lachend von einem Bein aufs andere, der blonde Zopf tanzte auf ihrem Rücken. Aber dann wurde ihr Lachen auf einmal ein wenig verlegen-bang: der mehrere Jahre ältere Hans hatte Wolfgang untergekriegt und hämmerte ihm nun mit der Faust ins Gesicht.

»Flebbe, du!« Sie zerrte ihn an der Bluse, und als das nichts half, stellte sie ihm flink ein Bein. Da stolperte er darüber, und Wolfgang, gewandt den Augenblick nutzend, schwang sich nach oben und besorgte es nun dem Feind grimmig.

Das war kein Spiel mehr, keine gewöhnliche Jungensbalgerei. Wolfgang fühlte sein Gesicht wie Feuer brennen, ein Kratz lief ihm die Wange herab bis zum Kinn, vor seinen Augen tanzten Funken. Jetzt hatte er alles vergessen, was ihn vorher so stumm gemacht, er fühlte eine wilde Lust, laut brüllte er auf.

»Du, Wolfjang! Wolfjang, nee, det jilt nich,« schrie der Unparteiische. »Det is doch keen Spaß nich mehr!« Artur schickte sich an, Wolf, der auf des Gegners Brust kniete, die Beine festzuhalten.

Ein Ruck, und er flog zur Seite. Zitternd vor Wut kehrte sich Wolf nun auch gegen ihn; seine schwarzen Augen funkelten. Das war kein wohlgezogenes, wohlgekleidetes, herrschaftliches Kind mehr, das war eine ganz elementare, ungezügelte, unbezwungene Kraft. Er schnaufte, er keuchte – da, ein Ruf!

»Wolfjang, Wolfjang!«

»Du,« mahnte Frida, »Mutter ruft! Un euer Mädchen steht bei un winkt!«

Von der Haustür her tönte wiederum Frau Lämkes Stimme: »Wolfjang, Wolfjang!« Und nun ließ sich auch Lisbeth spitzen Tones vernehmen: »Na, wird’s bald? Sollst zu Hause kommen!«

Frau Lämke lachte. »Na, lassen Se man, se waren so verjniegt!« Aber dann bekam sie doch einen Schreck, als sie des Knaben beschmutzten Anzug sah, und fing an, daran herumzuwischen. »Jotte, wie sieht de scheene Bluse aus – un de Hosen!« Sie bekam einen roten Kopf und wurde noch röter, als sie den feurigen Kratz bemerkte, der über des jungen Herrn Backe lief. »Dir haben se ja scheene zujericht – Jöhren, verdammte! Na, wartet ihr man!« Sie drohte Hans Flebbe und den eigenen Kindern, aber es war doch kein wirklicher Ernst in ihrer Drohung. Halblaut, mit einem schmunzelnden Zucken um die Mundwinkel, sagte sie zu Lisbeth, die in starrer Entrüstung dastand: »Dolle Jöhren, was? Na, det is nu ebent nich anders, so waren wer alle auch, als wer noch jung waren!« Und sich wieder zu Wolfgang wendend, fuhr sie ihm gutmütig mit der arbeitsrauhen Hand über den feurigen Kratz: »Det war doch ’n Hauptspaß, was, Wolfjang?«

»Ja,« sagte er aus tiefster Seele. Und dann, als er ihr Auge so freundlich-verständnisvoll auf sich gerichtet sah, war es ihm, als wäre er dieser Frau sehr gut. –

Es war ein herrlicher Nachmittag gewesen. Aber als er nun neben Lisbeth nach Hause ging, sprach er nicht davon; sie hätte ja doch die Nase gerümpft.

»Na, gnäd’ge Frau is schön böse,« sagte Lisbeth – sie sprach mit dem Knaben nie anders als von der ›gnädigen Frau‹ – »was bleibste denn auch so ewig lange?! Hast du nicht gehört, daß gnäd’ge Frau gesagt hat, du sollst vor Dunkelwerden zu Hause kommen?«

Er blieb stumm. Mochte die nur schwatzen, das war ja gar nicht wahr! An ihr vorbeisehend, starrte er in die Dämmerung. Aber als er zu Hause ins Zimmer trat, merkte er doch, daß die Mutter auf ihn gewartet hatte. Böse war sie freilich nicht, aber sein Abendbrot: ein Ei, ein Schinkenbrötchen, die Milch im silbernen Becher, alles zierlich zurechtgemacht, stand schon da, und sie saß gegenüber seinem Platz, hatte die gefalteten Hände auf das weiße Tischtuch gelegt und die Brauen ungeduldig-finster zusammengezogen.

Die große Hängelampe, deren Gaslicht hell über den Tisch leuchtete und den gesenkten Frauenscheitel goldig flimmern ließ, machte das Gesicht nicht heller.

Die Mutter war in Seide, in heller Seide, in einem Kleid mit Spitzen, das über Hals und Arme nur etwas wie einen ganz dünnen Schleier hatte. Aha – nun fiel’s ihm ein – sie sollte ja um acht Uhr den Vater, der heute zu Mittag gar nicht nach Hause gekommen war, in der Stadt treffen und mit ihm in eine Gesellschaft gehen! Aha, darum hatte er so früh nach Hause kommen müssen?! Als ob er nicht allein ins Bett finden könnte!

»Du kommst ja so spät,« sagte sie.

»Du hättst ja schon gehen können,« sagte er.

»Du weißt, mein Kind, daß ich nicht ruhig bin, wenn ich dich nicht hier zu Hause weiß!« Sie seufzte: »Wie könnte ich das auch!«

Erstaunt sah er sie an: warum sagte sie das? Hatte ihn etwa wieder jemand verpetzt? Warum war sie so komisch?!

Mit großen Blicken, als sei sie ihm ganz fremd in diesem Kleide, das so nackt an Hals und Armen ließ, betrachtete er sie. Nachdenklich schob er die Bissen seines Abendbrotes in den Mund und kaute langsam. Er mußte auf einmal wieder so sehr an das denken, was er Frau Lämke hatte erzählen hören. Wie er geboren wurde, davon hatten sich Vater und Mutter nie etwas erzählt!

Und er hielt plötzlich inne mit Kauen und fragte in die Stille des Zimmers, in die Stille, die zwischen ihm und ihr war, ganz unvermittelt hinein: »Wie ich geboren wurde, hat’s da auch so sehr lange gedauert?«

»Wie – was – wer – du?!« Sie sah ihn starr an.

Sie schien ihn nicht verstanden zu haben! Darum schluckte er rasch den Bissen, den er noch im Munde hatte, herunter und sagte recht laut und deutlich: »Ob’s auch so lange gedauert hat, wie ich geboren wurde? Bei Frida hat’s sehr lange gedauert. Hast du auch so geschrieen wie Frau Lämke?«

»Ich–?! Wer –ich?!« Sie wurde glühend rot und dann sehr blaß. Für einen Moment schloß sie die Augen, ihr schwindelte; es sauste ihr vor den Ohren, sie sprang vom Stuhl auf, hatte das Gefühl, fortlaufen zu müssen und konnte doch nicht. Mit bebenden Händen hielt sie sich am Tisch, aber die feste Eichenplatte war etwas Unsicher-wackelndes, Wogendes, Gleitendes geworden. Was – was sprach der Junge da? O Gott!

Sie biß sich auf die Lippen, holte tief Atem, wollte sagen: ›Laß doch solch dumme Fragen,‹ und konnte das doch nicht. Sie rang mit sich. Endlich stieß sie heraus: »Unsinn! Mach rasch, iß auf! Dann gleich zu Bett!« Ihre Stimme klang ganz rauh.

Wieder traf sie des Knaben verwunderter Blick. »Warum bist du auf einmal so – so – so eklig? Wenn man nicht mal was fragen darf!« Und verdrossen schob er den Teller zurück und hörte auf zu essen.

Warum antwortete sie ihm nicht? Warum erzählte sie ihm nicht so etwas, wie Frau Lämke ihrer Frida erzählt hatte? War er denn nicht auch geboren? Und hatte sich denn die Mutter nicht auch gefreut, wie er dann geboren war? Es war recht häßlich von ihr, daß sie ihm nichts davon sagte! Merkte sie denn nicht, wie gern, wie schrecklich gern er etwas davon wissen wollte?!

Eine brennende Neugier war auf einmal in dem Kinde erwacht. Die quälte ihn, fraß förmlich an ihm. Die ganze Nacht würde er nicht schlafen können, immer, immerfort darüber denken müssen! Und er wollte doch gern schlafen, es war langweilig, wach zu liegen – er wollte, er mußte es wissen!

Käte sah, wie sich des Knaben Antlitz verfinsterte. Ach, der arme, arme Junge! Hätte sie ihn doch nur nicht zu jenen Leuten gehen lassen! Was hatte er dort erfahren, was wußte er? Hatten sie ihn mißtrauisch gemacht? Was wußten diese Leute? O, die hatten ihm Mißtrauen eingeflößt, wie würde er sie denn sonst mit solchen Fragen quälen?!

Heiße Angst schoß in ihr auf, und doch fühlte sie ihre Hände und Füße kalt werden wie Eis. Aber stärker noch als ihre Angst war ihr Mitleid – da saß er, ach, so traurig, und hatte Tränen in den Augen! Das arme Kind, das von seiner Geburt zu wissen verlangte und dem sie nichts sagen konnte, sagen wollte, sagen durfte! O, jetzt nur einen guten Gedanken, das richtige Wort!

»Wölfchen,« sagte sie sanft, »du bist noch zu jung dazu – jetzt noch nicht! Ein andermal! Du verstehst das ja noch gar nicht! Wenn du erst älter bist – ein andermal erzähle ich dir!«

»Nein, jetzt!« Sie hatte sich ihm genähert, er faßte sie am Kleid, hielt sie fest; mit der ihm eigenen, etwas schwerfälligen Hartnäckigkeit beharrte er: »Jetzt! Ich will es wissen – ich muß es wissen!«

»Aber, Wölfchen, ich – ich habe jetzt keine Zeit! Ich muß fort – ja, ich muß wirklich fort, es ist höchste Zeit!« Sie blickte im Zimmer herum und war ganz verwirrt: »Ich – nein, ich kann dir nichts erzählen!«

»Du willst nicht,« sagte er. »Und Frau Lämke hat es doch ihrer Frida erzählt!« Der Ausdruck mauliger Verdrossenheit schwand aus dem dunklen Knabengesicht und machte dem einer wirklichen Betrübnis Platz: »Du hast mich lange nicht so lieb, gar nicht so richtig lieb, wie Frau Lämke ihre Frida hat!«

Sie ihn nicht lieb haben –?! Sie ihn nicht lieb haben –?! Und das glaubte er?! Käte hätte aufschreien mögen. Wenn eine ihr Kind lieb hatte, so war sie’s gewiß, und doch fühlte dieses Kind instinktiv: hier fehlt etwas! Fehlte dann nicht jenes rätselhafte Band, das eine wirkliche Mutter und ihr wirkliches Kind so unlösbar-geheimnisvoll, so tief innen verbindet?

»Wölfchen,« sagte sie zitternd-weich, »mein liebes Wölfchen,« und strich ihm mit der eiskalten Hand über die heiße Stirn. »Das glaubst du doch selber nicht, was du da sagst! Wir haben uns doch so lieb, nicht wahr?! Mein Kind – mein geliebtes Kind, sag?!«

Sie suchte seinen Blick, sie klammerte sich an seine Antwort.

Aber die Antwort, die sie ersehnte, kam nicht. Er sah an ihr vorbei. »Du erzählst mir ja doch nichts!«

Das kam nicht aus ihm! Jetzt auf einmal dies brennende Verlangen! Das hatte ihm jemand eingeflößt, es konnte nicht anders sein! »Wer –« fragte sie stockend – »wer hat dir gesagt – du sollst mich so fragen? Wer?!«

Sie hatte ihn bei den Schultern gefaßt, er machte sich frei. »Och, was bist du so komisch! Nee – niemand! Aber ich möcht’s doch wissen. Ich sag dir doch, ich möcht’s wissen! Es quält mich so – ich weiß nicht warum – es quält mich eben!«

Es quälte ihn – jetzt schon, so früh?! O, dann war’s eine Ahnung, eine Ahnung – wer wußte woher? – eine unbewußte Ahnung aus allerersten Kindheitstagen! – Wie sollte das werden?! ›Gott, Gott, hilf mir!‹ schrieen ihre Gedanken. Jetzt galt es zu erfinden, zu erdichten, auszudenken! Diese quälenden Fragen durften niemals, nie mehr wiederkommen!

Und sie zwang sich, zu lächeln, und als sie fühlte, daß dies Lächeln kein Lächeln war, legte sie, hinter seinen Stuhl tretend, ihre Wange auf seinen Scheitel und ihre beiden Hände um seinen Hals. So konnte er nicht nach ihr umblicken. Und mit gedämpfter Stimme, wie man Kindern ein Märchen erzählt, sprach sie:

»Väterchen und ich waren schon lange verheiratet – denk mal an, fast fünfzehn Jahre schon! – und Väterchen und ich wünschten uns so sehr einen lieben Jungen oder ein liebes Mädchen, damit wir nicht so allein wären. Mal war ich eines Tages sehr traurig, denn alle andern Frauen hatten schon ein liebes Kind, nur ich nicht, und ich ging draußen umher und weinte, da hörte ich auf einmal eine Stimme – vom Himmel kam die – nein, ein Stimmchen – ein Stimmchen, das – und – und –« Sie verwirrte sich, stotterte und stockte: was sollte sie jetzt weiter sagen?!

»Hm,« machte er ungeduldig. »Und –?! Erzähl doch weiter! Und –?!«

»Und am andern Tag lagst du in unsrer Wiege,« schloß sie, ungeschickt-hastig, mit fast ersticktem Ton.

»Und –« er hatte sich von ihren Händen befreit, sich umgedreht und sah ihr nun ins Gesicht – »das ist alles?!«

»Nun – und wir – wir freuten uns sehr!«

»Wie dumm!« sagte er gekränkt. »So ist doch nicht ›Geboren-werden‹?! Frau Lämke erzählt es ganz anders. Du weißt es ja gar nicht!« Zweifelnd sah er sie an.

Sie wich seinem Blick aus, aber der seine ließ sie nicht los. Ihr war, als blickten diese forschenden Augen ihr bis auf den Grund der Seele. Da stand sie wie eine Lügnerin und wußte nichts mehr zu sagen.

»Du weißt es ja gar nicht,« wiederholte er noch einmal bitter enttäuscht. »Gute Nacht!« Und schlorrte zur Tür.

Sie ließ ihn gehen, rief ihn nicht zurück zum Gutenachtkuß. Starr blieb sie sitzen.

Oben, im Zimmer über sich, hörte sie seine Tritte. Jetzt schleuderte er seine Stiefelchen aus, jetzt polterten sie in die Ecke – jetzt ward es still.

O, was sollte sie ihm dereinst sagen, wenn er mit vollem Bewußtsein Fragen an sie richtete, ein zu Fragen berechtigter, Antwort heischender Mensch?! Sie ließ sich auf den Stuhl fallen, auf dem er gesessen hatte, und stützte den Kopf in beide Hände.

2

Die Freundschaft mit Lämkes wurde eingeschränkt. Nie mehr sollte ihr Kind dorthin gehen! Eine Art von Eifersucht war in Käte aufgequollen gegen diese gewöhnliche Frau, die so unpassende Sachen sprach, die vor Kinderohren sich so gar keinen Zwang antat.

Frau Lämke konnte sich jetzt nicht mehr des freundlichen Grußes der feinen Dame rühmen; diese ging jetzt am Hause vorüber und sah sie nicht mehr an, schien es nicht zu hören, daß sie respektvoll grüßte: ›juden Tag, jnäd’ge Frau!‹

»Du, wat habe ick denn eijentlich deine Mama jetan?« fragte sie eines Tages Wolfgang, als sie, vom Einholen zurückkehrend, ihn nach langer Zeit einmal wieder sah. Er lehnte am Gitter des schrägüberliegenden Grundstücks und starrte sehnsüchtigen Blickes nach ihrer Haustür.

Er fuhr zusammen; er hatte sie gar nicht kommen hören. Und dann tat er, als bemerke er sie nicht und schnippte mit der Gerte, die seine Hand hielt, in die Luft.

»Kommste denn jar nich mehr bei uns?« fragte sie weiter. »Haste dir mit Artur’n jehauen oder mit Frida’n jezankt? Nee, wat denn, det kann ja nich sind, die hat ja schonst so sehr uf dir jelauert! Die Jnädige läßt dir woll nich, was?! Nanu, wir sind woll nich mehr jut jenug? Nee freilich, wir sind nur Portjehs und unsre Kinder Portjehskinder!«

In ihrem gutmütigen Ton mischte sich die Gereiztheit der Kränkung, und der Knabe horchte auf. Er wurde glühend rot.

»Na ja, ick sehe schon, du därfst nich! Na meintwejen, denn nich!« Erbittert wendete sie sich zum Gehen.

»Na, was ’s denn noch?!« Er hatte sie durch einen Laut zurückgehalten; sie blieb stehen – wider Willen. Es war etwas in dem Blick der Knabenaugen, die sie jetzt voll ansahen, das sie festhielt. »Nee, nee, mein Sohn,« sagte sie gutmütig, »du kannst ja nich dafor, ick weeß ja!«

»Sie läßt mich nicht,« murrte er zwischen den Zähnen und hieb mit der Gerte durch die Luft, daß es sauste.

»Warum denn nich?« forschte die Frau. »Hat se nich jesagt, warum de nich mit Artur’n und Frida’n mehr spielen sollst? Artur hat jetzt ’nen neuen Triesel – ei weih, der tanzt! Un Frida von die Dame oben bei uns ’nen wunderscheenen Ball!«

Des Knaben Augen flammten. Er holte mit dem Fuß aus und stieß ein Steinchen, das vor ihm lag, so heftig von sich, daß es im Schwung hinüberflog bis zur andern Seite der Straße. »Und ich spiele doch mit ihnen!«

»Na, na, man nich so trotzig,« ermahnte jetzt die Frau. »Et kann ja sind, vielleicht waren die Jöhren unjezogen – lieber Jott, man kann doch nich for allens ufkommen, wat se treiben – weeßte, Wolfjangchen, Mama’n mußte doch jehorchen, wenn se ’t nu mal durchaus nich will!« Sie seufzte. »Wir haben dir sehr lieb jehabt, mein Sohn! Aber det is immer so: erst is de Freundschaft jroß, aber denn besinnen sich die Reichen uf eenmal? Du bist ja ooch jetzt eijentlich schonst zu jroß, um in’n Keller bei uns zu sitzen –«

Sie wollte noch weiter schwatzen, da fühlte sie sich an der Hand gefaßt. Es war ein sehr fester Griff, mit dem die Knabenhand die ihre hielt. Sich zu ihm herunterneigend, denn sie war groß und hager und ihr Auge vom ewigen Halbdunkel der Portierwohnung nicht mehr scharf, sah sie, daß er Tränen in den Augen hatte. Sie hatte ihn noch nie weinen sehen und bekam förmlich einen Schrecken.

»Laß man jut sind, laß man, Wölfchen! Nee aber, so weene doch nich, um Jottes willen nich, det wär’t noch jrade wert!« Den Zipfel ihrer groben blauen Arbeitsschürze nehmend – sie war nur eben mal vom Waschfaß fortgelaufen –, wischte sie ihm die Augen, und dann die Backen herunter, und dann strich sie ihm übers Haar, das so straff und dicht auf dem runden Kopfe lag.

Er stand still, wie angewurzelt, auf der schon frühlingslichten, sonnenhellen Straße; er, der so scheu vor Zärtlichkeiten war, ließ sich also streicheln und scheute es auf einmal nicht, wenn dies auch andre Leute sahen.

»Ich komme doch wieder in den Keller, Frau Lämke! Da kann sie sagen, was sie will. Ich komme doch zu Ihnen!«

Als er nun davonging, nicht trabend, wie es sonst seine Art war, sondern langsam, mit einem bedächtigen Tritt, wunderte sich die Frau, die ihm nachsah, wie groß er schon war. –

Frau Käte hatte einen schweren Stand. Wie sie sich auch wehrte, förmlich dagegen stemmte, daß der Verkehr mit Lämkes wieder aufgenommen wurde, der Knabe war stärker als sie. Er setzte es durch, daß die Kinder, wenn er denn nicht zu ihnen hin sollte, wenigstens zu ihm kommen durften. In den Garten wenigstens – das hatte er der Mutter abgerungen.

Es war wie ein Kampf gewesen zwischen ihm und ihr, zwar ohne laute Worte und heftige Szenen, ohne direkte Verbote von ihrer Seite, ohne Bitten von der seinen; es war ein weit ernsteres, stummes Ringen. Sie hatte den Trotz in ihm gefühlt, der sich gegen sie bäumte, den Widerstand in ihm, der immer weiter und weiter sich erhob bis zur Abneigung – ja, Abneigung gegen sie! Oder bildete sie sich das etwa nur ein?!

Gern hätte sie sich mit ihrem Manne darüber ausgesprochen – ach, es war ihr ein solches Bedürfnis! – aber sie fürchtete dessen Lächeln. Oder dessen indirekten Vorwurf. Er hatte erst neulich einmal gesagt: ›Es ist keine Kleinigkeit, ein Kind zu erziehen. Schon ein eignes ist schwer, wie viel schwerer noch ein‹ – nein, ein ›fremdes‹ sollte er nicht wieder sagen, nein, dies nicht noch einmal! Dieses Kind war ihr kein fremdes, es war ihr eignes! Ihr geliebtes Kind!

Sie gab Wolfgang nach. Es war ja auch nicht gefährlich, wenn die Kinder hierher zu ihm kamen in den Garten, da hatte sie sie ja immer unter den Augen und Ohren. Und gut wollte sie zu ihnen sein, das nahm sie sich vor, es die Kinder nicht entgelten lassen, daß sie ihrer Freundschaft wegen schon manch heimliche Träne hatte am Abend in ihr Kissen weinen müssen. Lieb wollte sie ihrem Knaben den Garten machen, so lieb, daß er nie mehr hinaus verlangte auf die Straße!

Aber als sie am Ostertag, an dem sie Wolfgang erlaubt hatte, seine Freunde, die Lämkes und auch den Kutschersohn, in den Garten zu laden, die bunten Eier versteckte, die Nestchen und Häschen und Küken in den treibenden Buchsbaum bettete und zwischen die ersten blühenden Büschelchen der blauen Scylla, erhob sich in ihrem Herzen etwas wie Zorn. Nun würden diese Kinder mit ihren schlechten Manieren und ihren trappsigen Schuhen kommen und ihr die Beete vertreten, diese sorgsam gepflegten Rabatten, auf denen unter deckendem Reisig schon die Hyazinthen Knospen trieben und die Tulpen sich reckten. Schade darum! Und daß man diesen ersten wirklichen Frühlingstag nicht still genießen konnte, ungestört dem flötenden Amsellied lauschen! Und gesperrt hatten sie sich noch! Hans Flebbe freilich hatte ohne Empfindlichkeit zugesagt – der Kutscher wenigstens wußte, was sich schickte –, aber die Lämkes hatten durchaus nicht kommen wollen; das heißt, ihre Mutter hatte es nicht gewollt. Zweimal hatte man Lisbeth hinschicken müssen; das zweite Mal war die ganz empört zurückgekommen: ›ne, was solch ein Volk sich einbildet!‹ »Lieber Junge, ich kann dir nicht helfen, sie wollen doch nicht,« hatte Käte sagen müssen, aber da hatte sie’s ihm angemerkt, wie niedergeschlagen er war, und in der Nacht hörte sie ihn seufzen und sich rastlos werfen. Nein, das durfte nicht sein! Seinen Arm, der sich so stürmisch um ihre Taille geschlungen hatte, als sie ihm die Erlaubnis gegeben hatte, die Kinder zu laden, wollte sie auch um ihren Nacken fühlen. Und so hatte sie sich denn hingesetzt und geschrieben – an diese ungebildete Frau geschrieben: ›Geehrte Frau Lämke,‹ und sie gebeten, den Kindern doch das Eiersuchen zu erlauben, Wolfgang zur Freude.

Nun waren sie da. Angetan mit ihren besten Sachen, standen sie steif und still auf dem Gartenweg und sahen nicht einmal nach den Rabatten hin. Käte hatte sich immer eingebildet, es besonders gut zu verstehen, Kinder aus sich herauszulocken. Hier verstand sie es nicht. Sie hatte Fridas ganz neues, buntkariertes Kleid gelobt und ihr den blonden Zopf, an dem die blaue Schleife baumelte, in die Höhe gehoben: »Ei, wie dick!« – auch Arturs blanke Stiefel hatte sie beachtet und Flebbes pomadisiertes Haar, das er, mit einem Scheitel in der Mitte, wie angeklebt über seinem blühenden Lakaiengesicht trug. Auch nach den Osterzensuren hatte sie gefragt, ohne doch längere Antworten herauszubekommen, als ›ja‹ und ›nein‹.

Die Kinder waren befangen. Besonders Frida; sie war die Älteste, und sie fühlte heraus, was da Gezwungenes in den freundlichen Fragen war. Sie machte ihren Knicks wie immer, schnell und schnippisch wie eine Bachstelze, die eilig auf und nieder wippt, aber ihre hohe Mädchenstimme klang heute nicht so hell; sie sprach gedämpfter, fast bedrückt. Und sie lachte nicht. Artur richtete sich nach der Schwester, und auch Hans Flebbe nach dem Mädchen, an dem er ohnehin alles nachahmenswert fand. Wie die armen Schlucker standen die beiden Jungen da, guckten unverwandt auf ihre Stiefelspitzen und schnüffelten, da sie es nicht wagten, ihre Taschentücher herauszuziehen und zu benutzen.

Käte verzweifelte. Sie konnte es nicht begreifen, daß ihr Wolfgang an solchen Gespielen ein Gefallen fand; heute war er übrigens genau so wie die andern, wortkarg und ungeschickt. Selbst als das Eiersuchen anhub, stellten sich die Kinder dumm an; man mußte sie förmlich auf den Versteck stoßen.

Müde, fast gereizt wandte sich Käte endlich dem Hause zu; nur ein Weilchen wollte sie drinnen bleiben. Nein, das hier war auf die Dauer nicht auszuhalten, immer in die Kinder hineinzureden und ihnen doch keine Gegenäußerung zu entlocken!

Aber sie hatte kaum ihr Zimmer betreten, so horchte sie auf: von außen drang ein Schrei zu ihr, so hell, so jauchzend-schrill, wie segelnder Schwalben Schrei. So schrieen Kinder in höchster Lust – o, sie kannte das von früher her, von ganz früher, ehe noch Wölfchen gekommen war! Da hatte sie solchen Schreien oft sehnsüchtig gelauscht. Aha – ein bitteres Gefühl regte sich in ihr –, nur =sie= mußte gehen, dann waren die Kinder lustig, dann war Wolfgang lustig!

Sie trat ans Fenster und sah, die Stirn an die Scheibe gelehnt, hinaus in den Garten. Wie sie rannten, sprangen, hüpften, lachten! Wie losgelassen! Sie spielten Nachlaufen. Gleich einem Wiesel schoß Frida hinter die Büsche, um dann mit spitzem, durchdringendem Gelächter wieder aufzutauchen und, kreischend, aufs neue zu verschwinden. Wild setzte Wolfgang hinter ihr drein. Er achtete nicht auf die Rabatten mit den treibenden Blumen, der Mutter Freude; mitten hinein tappte er, unbekümmert, ob er die Hyazinthen knickte oder die Tulpen, einzig nur bedacht, der flinken Frida den Weg abzuschneiden.

Und die beiden andern machten es ihm nach. O, wie wurden jetzt die Beete zertrampelt! Alle drei Jungen waren hinter dem Mädchen her. Der blonde Zopf flog wie eine goldene Schnur im Sonnenschein – jetzt flog er hier, jetzt flog er da – nun hatte Wolfgang ihn erhascht und stieß ein Triumphgeschrei aus. Frida versuchte ihn loszureißen, der Knabe hielt fest. Da drehte sie sich blitzgeschwind um, und, übers ganze Gesicht lachend, faßte sie ihn mit beiden Armen um den Leib.

Es war eine harmlos lustige Umschlingung, ein Trick des Spiels – nicht zur Gefangenen wollte das Mädchen gemacht sein, es wollte so tun, als sei es selber die Fangende –, es war eine ganz kindlich-unbefangene Berührung, aber Käte wurde rot. Ihre Stirn zog sich in Falten: aha, das Mädchen von der Straße zeigte sich! Kaum daß man den Rücken gewendet hatte!

Und mit einem Gefühl des Hasses gegen dieses Mädchen, das, so jung es auch noch war, doch schon versuchte, ihren Knaben an sich zu locken, ging die Mutter wieder in den Garten. –

Wenn Käte gedacht hatte, heute abend, nachdem die Kinder, beladen mit Ostereiern und vollgesättigt, nach Hause gegangen waren, einen stürmischen Dank von ihrem Jungen zu ernten, so hatte sie sich getäuscht. Wolfgang sagte kein Wort.

Sie mußte ihn fragen: »Nun, war’s denn schön?«

»Hm!«

Das konnte ebensogut ›ja‹ als ›nein‹ bedeuten. Aber daß es ›nein‹ bedeutet hatte, erfuhr sie, als er ihr gute Nacht sagte. Auf Wunsch des Vaters mußte er ihr immer die Hand küssen; er tat das auch heute mit der unfreien, schon so echt jungenhaften, etwas täppischen Bewegung. Sein dunkler glatter Kopf bückte sich einen Augenblick vor ihr – nur einen kurzen Augenblick – seine Lippen streiften flüchtig ihre Hand. Es war kein Druck in diesem Kuß, keine Wärme.

»Hast du dich denn gar nicht amüsiert?« Sie konnte es nicht unterlassen, sie mußte doch noch einmal fragen. Und er, der aufrichtig war, sagte geradezu:

»Immer, wenn’s gerade hübsch wurde, kamst du!«

»Nun, dann werde ich euch künftig nicht mehr stören!« Sie versuchte zu lächeln. »Schlaf wohl, mein Sohn!« Sie küßte ihn, aber als er gegangen, war neben dem Gefühl einer gewissen Eifersucht, überflüssig zu sein, von andern völlig ersetzt zu werden, eine große Angst in ihr: wenn er jetzt schon so war, o, wie würde er erst später sein?! –

Wolfgang konnte sich nicht beklagen, die Mutter ließ die Kinder so oft zu ihm in den Garten kommen, wie er sie haben wollte – und er wollte sie fast alle Tage. Die Freundschaft, die im Winter brach gelegen hatte, blühte im Sommer doppelt auf.

»Laß sie doch nur,« hatte Paul zu seiner Frau gesagt, als sie ihn mit gespannt gehobenen Augenbrauen ansah: was würde er sagen, würde er’s wirklich gern sehen, daß Wolfgang mit diesen Kindern in seinem Garten tobte?! »Ich finde es nett, wie der Junge mit den Kindern ist,« sagte er. »Ich hätte nie gedacht, daß er sich so anschließen könnte!«

»Du findest es nicht nachteilig, daß er immer nur mit diesen – diesen – nun, mit diesen Kindern umgeht, die doch einer ganz andern Sphäre angehören?«

»Ach was! Nachteilig?!« Er lachte. »Das hört später schon ganz von selber auf. Es ist mir bedeutend lieber, er hält sich an solcher Leute Kinder als an die von Protzen. Er bleibt so eben viel länger ein einfaches Kind!«

»Meinst du?!« Nun ja, in gewisser Beziehung mochte Paul recht haben! Wölfchen war anspruchslos, ein Apfel, eine einfache Brotschnitte waren ihm ebenso lieb wie Torte. Aber es wäre doch besser und ihr lieber gewesen, er hätte sich wählerischer gezeigt – hierin wie auch in anderm. Sie gab sich alle Mühe, ihm eine feinere Zunge anzuerziehen.

Als die Köchin eines Tages ganz empört kam: »Gnädige Frau, nu will der Wolfgang schon nich mehr von der guten Zervelatwurst, un Braten von Mittag will er auch nich mehr auf die Stulle – ›immer dasselbe‹, räsoniert er – was denn nu?« – da freute sie sich. Endlich war es ihr gelungen, ihm beizubringen, daß man nicht sinnlos in sich hinein ißt, ohne jede Wahl, nur um des Essens willen!

Hätte sie gesehen, wie er bei Frau Lämke Schmalzbrot mit Zwiebelleberwurststopfte, oder Kartoffelkuchen in Öl gebacken heiß aus der Pfanne hinunterschlang, sie hätte sich nicht mehr gefreut. Aber so war sie dankbar für jede noch so kleine, feinere Regung, die sie an ihm zu beobachten glaubte. Sie merkte gar nicht, wie sehr sie sich selber quälte.

Ach, warum unterstützte sie ihr Mann nicht in der Erziehung?! Wenn er’s doch täte! Aber er verstand sie eben nicht mehr!

Schlieben hatte es aufgegeben, seiner Frau hineinzureden. Ein paar Mal hatte er’s versucht, aber seine Einwendungen waren gescheitert an der Hartnäckigkeit, mit der sie an ihren Prinzipien festhielt. Warum sollte er sich mit ihr entzweien?! So viele Jahre hatten sie glücklich miteinander gelebt – bald waren sie ein Silberpaar –, und nun sollte dieses Kind, dieses Bürschchen, das noch kaum orthographisch schreiben konnte, dem der Lehrer eben die ersten lateinischen Regeln eindrillte – dieses Kind, das im Grunde weder sie noch ihn etwas anging – dieses fremde Wesen sollte sie beiden alten Eheleute auseinander bringen?! Da ließ man eben viel lieber manches geschehen, was Käte vielleicht besser anders gemacht hätte. Mochte sie sehen, wie sie auf ihre Weise mit dem Jungen fertig wurde – sie hatte ihn ja so unendlich lieb! Und wenn er dann einst, nicht mehr das Spielzeug, ihren zarten Händen entwachsen war, dann war er, der Mann, ja noch immer da, um ihn die kräftigere Hand fühlen zu lassen. In dem Jungen war ja zum Glück kein Falsch!

Schlieben war nicht unzufrieden mit Wolfgang. Ein Überflieger war der freilich nicht in der Schule, gehörte durchaus nicht zu den ersten, hielt sich aber immerhin doch noch in einer anständigen Mitte. Nun, ein Gelehrter brauchte er ja auch nicht zu werden!

Von all dem, was Paul Schlieben einst in jüngeren Jahren nur einzig erwägenswert gefunden hatte – Wissenschaft, Kunst und deren Studium –, hielt er jetzt nicht mehr das gleiche wie früher. Jetzt war er zufrieden in seinem Kaufmannsberuf. Und da dieses Kind nun einmal in sein Leben hineingeraten war, ohne eignes Zutun in solche Verhältnisse gekommen war, war es auch die Pflicht dessen, der sich ›Vater‹ von ihm nennen ließ, ihm eine Zukunft zu gestalten. Und so machte sich Schlieben einen festen Plan. Wenn der Junge so weit war, daß er das Einjährigenzeugnis hatte, nahm er ihn aus der Schule, schickte ihn ein Jahr nach Frankreich, nach England, eventuell nach Amerika, immer in große Häuser, und wenn er dann vom untersten Lehrling angefangen und was gelernt hatte, dann nahm er ihn zu sich in die Firma. Er dachte es sich schön, manches dann auf jüngere Schultern wälzen zu können. Und verläßlich würde der Junge wohl sein, das merkte man ihm ja jetzt schon an!

Wenn Käte nur nicht so übertriebene Anforderungen stellen wollte! Immer war sie hinter dem Jungen her – wenn nicht in Person, so doch in ihren Gedanken. Sie quälte ihn – er war eben nun mal kein anschmiegendes Kind – und machte es sie denn selber glücklich?!

Manchmal, wenn des Knaben Blick, so über den Tisch weg, wie hilfesuchend zu dem Manne flog, nickte ihm dieser unmerklich, besänftigend zu. Ja, mit Käte war es wirklich je länger, desto weniger leicht auszukommen!

* * * * *

Schliebens verreisten. Der Gatte hatte seiner Frau wegen den Sanitätsrat konsultiert, und dieser hatte Franzensbad verordnet. Nun, dahin konnte er sie beim besten Willen nicht begleiten! Er würde die Zeit benutzen, und, da er auch lange nicht ausgespannt hatte, einige Fußwanderungen in Tirol unternehmen. Ein paar Pfund Gewichtsabnahme konnten nicht schaden.

Aber wo sollte währenddessen Wolfgang bleiben?!

»Nun, zu Hause,« sagte der Vater. »Er ist ja alt genug; elf Jahre. Die Vormittage ist er in der Schule, die Nachmittage im Garten, und alle paar Tage mag Hofmann nach ihm sehen – dir zur Beruhigung!«

Es war der Mutter ein unerträglicher Gedanke, das Kind allein zurückzulassen. Am liebsten hätte sie es mit sich genommen. Aber Paul war ärgerlich geworden: »Das fehlte noch!« Und der Arzt hatte gesagt: »Durchaus nicht!«

Käte hatte dann ihren Mann veranlassen wollen, den Knaben mitzunehmen: »Wie gesund würde es ihm sein, sich mal so recht auszulaufen!«

»Nun, ich denke, das besorgt er schon gründlich hier. Ich bitte dich, Käte, der Junge ist kerngesund, gib doch nicht immer so an mit ihm! Und ich werde ihn doch auch nicht ganz unnützerweise aus der Schule nehmen!«

Freilich, zurückkommen, womöglich zu den Letzten gehören, durfte er nicht! Käte war ja so ehrgeizig für ihren Sohn. So würde sie eben, da die Juliferien schon beinahe verstrichen waren und sie in dieser passenderen Zeit nicht mit ihm gereist waren, nun auch zu Hause bleiben! Sie erklärte, nicht fort zu können.

Aber Arzt und Mann bestimmten über sie weg; je nervös-ängstlicher sie sich weigerte, desto dringender erschien ihnen eine ernstliche Kur. Der Tag der Abreise wurde schon in Aussicht genommen.

Vorher kündigte aber noch Lisbeth: nein, wenn die gnädige Frau auf so lange fortging und der Herr auch, nein, dann ging sie auch! Mit Wolfgang, mit =dem= Jungen allein bleiben?! Nein, das tat sie nicht!

Sie mußte sich in den nahezu zehn Jahren, die sie im Hause gewesen war, ganz gut gespart haben, denn auch die Versicherung einer Lohnzulage konnte sie nicht halten. Sie beharrte bei ihrer Kündigung und warf einen bösen Blick nach dem Knaben, der eben von draußen übers Fensterbrett sein lachendes Gesicht hereinhob.

Käte war außer sich. Nicht nur, weil sie ungern die langbewährte Dienerin entbehrte, sie hatte auch so bestimmt darauf gerechnet, Lisbeth würde während ihrer Abwesenheit ein wachsames Auge auf den Knaben haben. Und es schmerzte sie, daß diese in einem so gehässigen Tone von Wolfgang sprach. Was hatte ihr das Kind denn getan?!

Aber Lisbeth zuckte nur wortlos die Achseln und setzte eine verdrossen-beleidigte Miene auf.

Der Hausherr nahm sich den Knaben vor: »Sage mal, Junge, was hast du eigentlich mit der Lisbeth gehabt? Sie hat gekündigt, und, wie mir scheint, geht sie deinetwegen. Hör mal« – er sah ihn scharf an – »du bist wohl frech gegen das Mädchen gewesen?«

Des Knaben Gesicht wurde ganz hell: »O, das ist gut, das ist gut, daß die geht!« Er beantwortete gar nicht die an ihn gestellte Frage.

Schlieben zog ihn am Ohrläppchen: »Antworte, bist du frech gegen sie gewesen?«

»Hm!« Wolfgang nickte und lachte den Vater an. Und dann sagte er, noch triumphierend in der Erinnerung: »Gestern erst! Da hab ich ihr eine ins Gesicht gegeben. Warum sagt sie denn immer, ich hätte hier nichts zu suchen?!«

Schlieben erzählte seiner Frau nichts hiervon; sie würde sich ja nur wieder neue grüblerische Gedanken machen. Dem Jungen hatte er auch keinen Klaps gegeben, ihm nur ein wenig mit dem Finger gedroht. –

Lisbeth zog ab. Wie eine beleidigte Königin verließ sie das Haus, dem sie so lange treu gedient hatte und in dem sie sich so viel hatte gefallen lassen müssen, wie sie beim Abschied weinend ihrer ebenfalls ergriffenen Herrin versicherte.

Ein andres Mädchen war gemietet worden, freilich eins, auf das Käte von vornherein keine besondere Zuversicht setzte – Lisbeth hatte gleich einen ganz anders intelligenten Eindruck gemacht –, aber es blieb keine Wahl, da keine Ziehzeit war; und sie sollte doch so rasch als möglich ins Bad.

So kam Cilla Pioschek aus der Warthegegend in die Villa Schlieben.

Sie war ein großes, starkes Mädchen mit einem Gesicht, rund und gesund, weiß und rot. Sie war erst achtzehn, aber sie hatte schon lange gedient, schon als sie noch in die Schule ging drei Jahre als Kindermädchen beim Gutsinspektor. Der Hausherr amüsierte sich über sie – sie verstand keinen Witz, nahm alles für wahr und sagte alles grade heraus, wie sie’s dachte –, aber die Hausfrau nannte das ›dummdreist‹. Mit der alten Köchin und dem Diener stand die Neue dagegen auf besserem Fuß als Lisbeth, denn sie ließ sich vieles gefallen.

»Du kannst ganz beruhigt abreisen,« sagte Paul. »Tu mir den Gefallen, Käte, sperre dich nicht länger. In sechs Wochen, so Gott will, bist du mir ganz gesund wieder da, und ich sehe hier« – leicht tupfte sein Finger – »hier nicht mehr die kleinen Fältchen an den Augenwinkeln!« Er küßte sie.

Und sie erwiderte seinen Kuß, nun, da sie sich von ihm trennen sollte, zum ersten Mal in ihrer Ehe auf so lange Zeit; denn früher waren sie immer, immer zusammengereist, und seit Wölfchen ins Haus gekommen war, hatte er auch nur auf höchstens vierzehn Tage einmal Urlaub von ihr erbeten. Sie hatte das Kind nie allein gelassen. Und nun sollte sie auf ganze sechs Wochen von den Ihren gehen?! Sie hing sich an ihn. Es drängte sich ihr förmlich auf die Lippen, zu fragen: ›Warum gehst du nicht mit mir wie früher? Franzensbad und Spaa – das ist ein so großer Unterschied nicht!‹ Aber wozu das sagen, wenn er nicht einmal mit dem leisesten Gedanken daran gedacht hatte?! Jahre waren hingegangen, von der Innigkeit, die sie einstmals so verbunden hatte, daß sie nur gemeinsam genießen konnten und sich nie getrennt hatten, war eben doch manches abgebröckelt unterm Flügelschlag der Zeit!

Sie seufzte und entzog sich sacht seinem Arm, der sie umschlang. »Wenn jemand hereinkommt, uns so miteinander sieht! So alte Eheleute!« sagte sie mit dem Versuch zu scherzen. Und er lachte, wie es sie dünkte, ein bißchen verlegen und machte nicht den Versuch, sie zu halten.

Aber als nun eines frühen Morgens der Wagen vor der Türe stand, der sie nach dem Berliner Abfahrtsbahnhof bringen sollte, als die zwei großen Koffer aufgeladen waren und das Handgepäck, als er ihr jetzt die Hand reichte zum Einsteigen und dann neben ihr Platz nahm, konnte sie doch nicht an sich halten: »Ach, wenn du doch mitführest! Ich mag nicht allein reisen!«

»Hättest du mir’s doch ein bißchen eher gesagt!« Er war ganz betroffen; es tat ihm aufrichtig leid. »Wie gut hätte ich dich den einen Tag hinbringen, dort installieren, und den andern Tag wieder zurück sein können!«

O, er verstand es eben nicht, dieses: ›wenn du doch mitführest‹! Mit ihr auch dableiben – das hatte sie gemeint.

Schmerzlich suchte ihr Blick das Fenster oben im Hause, hinter dem Wölfchen noch schlief. Schon gestern abend hatte sie ihm Adieu sagen müssen, da die Abreise so sehr früh war. Vorhin hatte sie nur noch einmal mit einem stummen Lebewohl an seinem Bett gestanden, und vorsichtig, um ihn nicht zu wecken, war ihr Handschuh über seinen schwer auf dem Kissen ruhenden Kopf gefahren. Ach, wie gerne hätte sie jetzt noch ein liebes Wort mit ihm gesprochen!

»Grüßen Sie den Jungen, grüßen Sie den Jungen,« sagte sie ganz rasch, hastig mehrmals hintereinander zu der Köchin und zu Friedrich, die am Wagen standen. »Und sorgen Sie gut für ihn! Hören Sie?! Grüßen Sie den Jungen, grüßen Sie den Jungen!« Andres konnte sie nicht mehr sagen, auch nichts andres mehr denken. »Grüßen Sie den –«

Da klirrte oben das Fenster! Beide Arme ausstreckend hob sie sich halb vom Sitz.

Oben reckte der Junge den dunklen Kopf heraus. Seine Wangen blühten, heiß vom Schlaf, über dem weißen Nachthemd.

»Adieu! Adieu! Komm gesund wieder! Und schreib mir auch mal!«

Er rief es sehr vergnügt und nickte herunter; und hinter ihm hob sich, freundlich lachend, das runde, gesund-weiß und rote Gesicht der Cilla.

3

Käte wußte selber nicht, wie sie so über die Wochen der Trennung hinwegkommen konnte. So schlimm, wie sie sich’s vorgestellt hatte, war es nicht. Sie fühlte, daß eine größere Ruhe über sie kam, eine Ruhe, die sie zu Hause nie finden konnte; und diese Ruhe tat ihr wohl. Sie schrieb ganz zufriedene Briefe, und die heiteren Berichte ihres Mannes von ›herrlichen Bergen‹ und ›herrlichem Wetter‹ freuten sie. Auch von Hofmann, der ihr, wie er’s versprochen hatte, treulich Kunde gab, hörte sie Gutes.

›Der Junge ist prächtig auf dem Zeuge,‹ schrieb er, ›um den brauchen Sie sich keine Sorge zu machen, liebe Frau! Er muß jetzt freilich seine Gespielen entbehren – ein Junge und ein Mädel sind krank –, denn mit dem dicken Stöpsel, der noch übrig ist, langweilt er sich allein. Er ist meist für sich im Garten; Friedrich hat ihm Salatpflanzen gegeben, auch Radieschen hat er sich gesät. Bei der Schularbeit habe ich ihn übrigens auch schon getroffen.‹

Gott sei Dank! Es war der Frau, als könne sie nun, wie einer Last ledig, frei atmen. Den Brief des alten Freundes trug sie lange in der Tasche mit sich herum, las ihn beim Spazierengehen, im Sitzen auf einer Bank und abends, wenn sie im Bette lag. ›Ein Junge und ein Mädchen sind krank –‹ o, die armen Kinder! Was mochte ihnen fehlen? Aber, Gott sei Dank, er war nur meist für sich im Garten allein! Das war das Beste!

Sie schrieb an ihren Jungen einen Brief, so recht vergnügt, und er antwortete ihr, und auch vergnügt. Der Brief an sich war freilich ein wenig drollig. ›Teure Mutter –‹ wie komisch! Und der ganze Stil – wie aus einem Briefsteller abgeschrieben! Sie nahm sich vor, diesen Brief in ihren nächsten an Paul einzulegen – was der wohl dazu sagen würde?! ›Teure Mutter!‹ – aber das freute sie doch, und auch das ›Dein gehorsamer Sohn‹, das darunter stand. Sonst enthielt der Brief eigentlich nichts, nichts von dem, was er trieb, nicht einmal etwas von den Lämkes, auch kein sehnsüchtiges ›Komm bald wieder‹; aber er war doch mit Sorgfalt geschrieben, sauber und deutlich, nicht so hingekritzelt, wie er sonst zu kritzeln pflegte. Und daraus ersah sie seine Liebe.

Auch ein Bildchen hatte er ihr beigelegt: ein kleines Viereck mit Spitzenpapierrand, darauf ein schneeweißes Lämmchen ein rosenrotes Fähnchen hielt; darunter stand in goldiger Schrift: »_Agnus Dei, miserere nobis._«

Wo hatte er nur das her?! Gleichviel woher, er hatte ihr etwas schenken wollen! Und das kleine geschmacklose Bildchen rührte sie tief. Der gute Junge!

Sie legte das Bildchen mit dem Gotteslamm sorgfältig zu ihren Wertsachen; da sollte es immer bleiben. Eine zärtliche Sehnsucht überkam sie nach dem Knaben, und sie begriff nicht, wie sie so lange schon hatte ohne ihn aushalten können.

* * * * *

Der August war vorüber, der September schon fast halb vergangen, als Käte nach Hause zurückkehrte. Ihr Mann, der vor ihr eingetroffen war, kam ihr entgegengereist; in Dresden trafen sie sich, und ihr Wiedersehen war ein sehr herzliches. Er konnte sich gar nicht genug freuen über ihre klaren Farben, ihren klaren Blick; und sie wiederum fand ihn prächtig gebräunt, jugendlicher, fast so schlank wie einst.

Hand in Hand saßen sie in dem Coupé, das er sich hatte reservieren lassen; ganz allein, wie junge Liebesleute. Sie hatten sich unendlich vieles zu sagen – da war nichts, gar nichts, was sie störte. Mit großer Innigkeit sahen sie sich in die Augen.

»Wie freu ich mich, dich wiederzuhaben,« sagte sie, als er lange und lebhaft von seiner Reise erzählt hatte.

»Und ich erst dich!« Er nickte ihr zu und drückte ihre Hand. Ja, es war ihnen wirklich beiden, als wären sie eine Ewigkeit getrennt gewesen! Er zog sie noch näher an sich, hielt sie so fest, als wäre sie ein ihm schon halb entrissen gewesenes, teures Gut, und sie schmiegte sich an ihn, lehnte den Kopf an seine Schulter und lächelte verträumt.

Vor ihren halb geschlossenen Augen tanzten auf einem schwertbreiten, schrägen Sonnenstrahl unzählige goldne Stäubchen; das gleichmäßige Rasseln der Fahrt und das stille Gefühl Deiner großen Freude im Herzen lullte sie ein.

Plötzlich fuhr sie auf – war’s ein Ruck, ein Stoß?! Wie ein Schreck hatte sie’s durchfahren: sie hatte ja noch gar nicht nach dem Kinde gefragt!

»Wölfchen – was macht Wölfchen?!«

»O, dem geht’s sehr gut! Aber nun erzähle du mal, mein Herz, wie hast du denn die langen Tage dort hingebracht? Wie war der Tag eingeteilt? Also morgens zum Brunnen – erst mal einen Becher, dann den zweiten – und dann? Nun?!«

Sie erzählte nicht. »Wölfchen ist doch gesund?« fragte sie hastig. »Es stimmt gewiß nicht ganz – du erzählst ja so wenig von ihm?! Ich habe immer schon solche Ahnung gehabt! Ach Gott, so sage doch!« Fast gereizt klang ihr Ton – wie konnte Paul nur so gleichgültig sein! »Was fehlt Wölfchen?«

»Fehlt?!« Er sah sie ganz verwundert an. »Aber ich bitte dich, Käte, warum soll ihm denn durchaus etwas fehlen?! Er ist kerngesund!«

»Wirklich –?! Aber so erzähle doch, erzähle!«

Er lachte über ihre Ungeduld. »Was läßt sich von so einem Jungen erzählen?! Er schläft, ißt, trinkt, geht in die Schule, kommt nach Hause, läuft in den Garten, schläft, ißt, trinkt wieder und so fort, vegetiert wie die Pflanze im Sonnenschein. Erzähle du lieber, wie’s dir geht!«

»O, mir – mir« – das kam ihr auf einmal so überflüssig vor – »mir, ganz gut, du siehst es ja!« Welch eine Gleichgültigkeit hatte er gegen das Kind! Und sie – die Mutter –, hatte es auch so lange vergessen können?! Eine solche Beschämung kam über sie, daß sie hastig den Kopf von ihres Mannes Schulter hob und sich gerade aufsetzte. Nun waren sie keine Liebesleute mehr, nur Eltern, die sich um ihr Kind zu kümmern hatten!

Und sie sprach nur von ihm.

Paul fühlte den plötzlichen Umschwung in der Stimmung seiner Frau. Eine Verstimmung beschlich ihn: waren sie doch wieder auf dem alten Fleck?! Hatte sie schon wieder für nichts andres Interesse mehr als für den Jungen?! Er empfand keine Neigung weiter, von seiner Reise zu erzählen.

Immer einsilbiger wurde die Unterhaltung; an der nächsten Station kaufte er sich eine Zeitung, und sie lehnte sich in die Ecke und versuchte zu schlafen. Aber so abgespannt sie auch war, es gelang ihr nicht; ihre Gedanken streiften unruhig in allen möglichen Wendungen immer um den einen Punkt: also ihm fehlte nichts! Gott sei Dank! – Wie gleichgültig Paul doch war –, aber ob Wölfchen sich sehr freuen würde, daß sie wieder kam? Der liebe Junge – der geliebte Junge!

Zuletzt mußte sie doch ein wenig geschlummert haben, denn auf einmal hörte sie, wie von ganz weit her, die Stimme ihres Mannes: »Mach dich fertig, mein Herz! Berlin!« – und fuhr auf.

Schon waren sie im Gewirr zahllos sich kreuzender Gleise. Jetzt rauschte der Zug unter die Glashalle.

»So weit wären wir!« Er half ihr hinaus, und sie fing an vor Ungeduld zu zittern. Das war ja endlos, dieses Treppab- und Treppauflaufen, dieses Hinübergehen auf den andern Bahnsteig und dann das Warten und Lauern auf den Vorortzug! Ob Wölfchen auch noch nicht schlief? Es würde dunkel sein, bis sie draußen waren!

»Kommt der Zug bald? Wieviel Uhr ist es? Mein Gott, wie lange das dauert!«

»Beruhige dich, der Junge wartet auf dich! Was denkst du wohl, der sitzt jetzt abends noch immer lange bei der Cilla; am Tage hat sie nicht so viel Zeit für ihn. Ein nettes Mädchen! Du hast einen guten Griff getan!«

Sie überhörte das ganz, dachte sie doch immerwährend daran, wie sie ihn finden würde. Ob er sehr gewachsen war?! Sich verändert hatte?! Kinder in seinem Alter sollen sich ja immerfort ändern – ob er sich verhäßlicht hatte oder ob er noch so hübsch war? Gleichviel – früher hatte sie mehr auf das Äußere gegeben – wenn er jetzt nur lieb, recht lieb war! Schon hörte sie seinen Jubelschrei, schon fühlte sie seine Arme um ihren Nacken, seinen Kuß auf ihrem Mund.

Der Wind, der angenehm abendlich geworden war, nach dem immerhin noch heißen Herbsttag, fächelte ihr Gesicht, ohne die von innen heraus glühenden Wangen kühler machen zu können. Als sie vorm Hause anhielten, das, anmutig versteckt, mit seinen Balkonen voll leuchtend roter Geranien hinter den immergrünen Kiefern unterm reichgestirnten Septemberhimmel lag, klopfte ihr das Herz, als wäre sie viel zu weit und zu rasch gelaufen. Endlich! Sie atmete tief auf: nun war sie wieder bei ihm!

Aber er kam ihr nicht entgegengelaufen. Daß er auch gar nicht aufgepaßt hatte!

»Sie werden auf der Veranda, hinten heraus, sitzen,« sagte Schlieben. »Da sitzen sie immer des Abends!« Er blieb ein wenig zurück. Mochte Käte den Jungen nur erst mal für sich allein begrüßen!

Und sie eilte durch die Halle, an dem freundlich strahlenden Gesicht der Köchin vorüber, sah nicht den Friedrich, der jetzt die Dienerlivree angelegt hatte, nachdem er vorher noch alles mit seinen selbstgezogenen Blumen dekoriert hatte; sie bewunderte weder seine gärtnerischen Erfolge, noch die selbstgebackene Torte, die die Köchin auf den festlichen Tisch gestellt hatte. Aus der Halle war sie in ihren kleinen Salon und von da durchs Eßzimmer gelaufen, dessen Tür auf die Veranda führte. Die Tür war geöffnet – nun stand sie auf der Schwelle – die draußen gewahrten sie nicht.

Von den Windlichtern auf dem Verandatisch brannte nur eins, leidlich hell, um nahebei zu leuchten. Aber Cilla tat nichts. Den Strumpf, den sie stopfen sollte, hatte sie im Schoß; ihre rechte Hand, in der sie die lange Stopfnadel hielt, ruhte lässig auf dem Tischrand. Sie hatte sich ein wenig hintenüber gelehnt; ihr Gesicht, in diesem Zwielicht feiner und schöner, war emporgehoben; sie schien nachzudenken, den Mund halbgeöffnet.

Von Wolfgang sah man nichts. Aber jetzt hörte die Mutter ihn sprechen im Ton des Bedauerns: »Weißt du nicht weiter?! O!« Und dann drängend: »Weiter, Cilla, weiter, es war ja so schön!«

Aha, nun sah sie auch ihn! Er saß dem Mädchen zu Füßen, auf einem ganz niedrigen Schemel, dicht an dessen Knie gedrückt. Und er wendete das Gesicht jetzt zu dem Mädchen auf – bittend, begehrend – sah es an mit Augen, die wie polierter dunkler Achat glänzten, und sprach in einem Tone, wie die Mutter noch nie von ihm gehört zu haben glaubte: »Singe, Cillchen! Liebes Cillchen singe!«

Die Magd stimmte an:

»›Bebe nicht, sprach sie mit leiser Stimme‹ –

Ach nee!

›Ich erscheine nicht vor dir im Grimme‹ –

Nee, auch nich!

›Warum glaubt’ ich Schwache deinen Schwüren,‹ –

Nee, ich weiß nich weiter. Nu sag einer! Un ich hab’s bei mir zu Hause doch so ofte gesungen. Bei uns im Dorfe, wenn wer abends gingen, mein Schatz un ich. I,« – sie stampfte ärgerlich auf – »daß mer so was auch vergessen tut!«

»Ärger dich nicht, Cillchen! Du mußt dich nicht ärgern. Fang doch noch mal von vorne an, das macht ja nichts. Ich, hör’s gern noch mal, immer noch mal! Fein ist das!«

›Cillchen – Cillchen‹ – wie spielerig das klang, ordentlich zärtlich! Und wie er an ihren Lippen hing!

Käte streckte den Kopf weit vor; sie stand schon auf der Veranda, und die beiden bemerkten sie noch immer nicht.

Die Magd sang, leierig und zeternd, wie sie daheim auf der Dorfstraße gesungen hatte, aber des Knaben Augen glitzerten und wurden groß dabei. Seine Lippen bewegten sich, als ob er’s mitsänge:

»Heinrich lag bei seiner Neuvermählten, Einer reichen Erbin von dem Rhein, Schlangenbisse, die den Falschen quälten, Ließen ihn nicht süßen Schlafs sich freun.

Zwölfe schlug’s, es drang durch die Gardine Plötzlich eine kleine weiße Hand, Was erblickt er? Seine –«

Die Sängerin stockte – ein tiefer Atemzug zitterte plötzlich über die Veranda. Der Knabe schrie erschrocken laut auf – da stand sie, da stand sie!

»Aber Wolfgang – Wölfchen!« Die Mutter streckte ihm die Arme entgegen, doch er verbarg den Kopf in dem Schoße der Magd.

Kätes finsterer Blick streifte das Mädchen: was war das für ein Unsinn, ihm solche Lieder vorzusingen!

»Och, die Frau – die gnädige Frau!« Rot werdend schnellte Cilla auf und ließ alles, was sie auf dem Schoß hatte – Strumpf, Stopfei, Wollknäuel und Schere – zu Boden gleiten; auch den Jungen.

Warum waren die beiden so erschrocken?! Als sei sie ein Gespenst, so starrte Wolfgang sie ja an!

Er war jetzt aufgestanden, hatte die Mutter begrüßt, mechanisch das Gesicht zu ihr aufgehoben, um ihren Kuß zu empfangen; aber sie merkte ihm keine Freude an. Oder war es Befangenheit, eine knabenhafte Scham, weil sie ihn belauscht hatte? Seine Augen sahen sie gar nicht voll an, streiften sie aber immerfort von der Seite. War sie ihm denn fremd geworden – so fremd?!

Eine unsägliche Enttäuschung durchzog der Heimkehrenden Herz, und ohne daß sie es beabsichtigte, klang der Ton schroff, in dem sie das Mädchen jetzt hinausgehen hieß. Sie setzte sich auf den eben verlassenen Platz am Tisch und zog ihren Knaben an sich.

»Wie ist dir’s denn gegangen, Wölfchen? Nun sage doch – gut?!«

Er nickte.

»Hast du denn auch Mutterchen ein bißchen vermißt?!«

Er nickte wieder.

»Ich habe dir auch so viele schöne Sachen mitgebracht!«

Da wurde er lebhaft. »Hast du auch für Cilla was mitgebracht? Einen Nähkasten mit allerlei drin könnte die gut gebrauchen; weißt du, sie hat nur so ’nen alten von der Schule her. Och, die kann mal fein erzählen – so gruselig! Und singen! Laß dir das mal vorsingen:

›Ein niedliches Mädchen, ein junges Blut, Erkor sich ein Landmann zur Frau, Doch sie war einem Soldaten so gut Und bat ihren Alten ganz schlau –‹

Ich sag dir, zum Schießen ist das!«

Und lachend begann er weiterzuträllern:

»Er möchte doch fahren ins Heu, juchhei, Ins Heu, juchhei –«

»St – – –!« Sie legte ihm die Hand auf den Mund.

»Das ist gar kein schönes Lied – ein garstiges Lied! Das wirst du nie mehr singen!«

»Aber warum denn nicht?« Er sah sie mit runden Augen erstaunt an.

»Weil ich es nicht wünsche,« sagte sie kurz. Sie war empört: morgen, ja morgen, da würde sie dem Mädchen aber ihre Meinung nicht vorenthalten!

Jetzt waren ihre Wangen nicht mehr heiß; eine empfindliche Kühle schauerte über die Veranda, die ihr eisig bis ans Herz griff. Als Paul rief: »Aber, Käte, wo steckst du denn? Lege doch erst ab!« folgte sie rasch seinem Ruf.

Der Knabe blieb allein stehen und sah mit blinzelnden, träumerischen Augen in die milde, jetzt ganz dunkle Nacht. Ha, das war doch so schön, wie die Cilla gesungen hatte! Morgen mußte Cilla wieder singen und erzählen! Wenn =sie= nun auch wieder da war! Ein ungestörtes Plätzchen würde doch noch zu finden sein! –

Käte schlief gar nicht in dieser ersten Nacht, obgleich sie todmüde war. Vielleicht zu müde. Sie hatte noch eine lange Auseinandersetzung mit Paul gehabt, als sie schon zu Bette lagen. Er hatte ihr recht gegeben, daß weder das eine noch das andre Lied sehr passend war, aber – »Du lieber Gott,« hatte er gesagt, »was hört man als Kind nicht alles, und es geht spurlos an einem vorbei!«

»An =dem= nicht!« Und dann klagte sie: »Ich habe so oft versucht, ihm wirklich Schönes vorzulesen, das Beste unserer Dichter – aber gar kein Interesse, noch gar kein Verständnis! Und für solche – solche« – sie suchte einen Ausdruck und fand ihn nicht – »für so etwas begeistert er sich! Aber ich leide es nicht, ich dulde es nicht! Dergleichen darf nicht in seine Nähe!«

»Dann entlasse die Dienstboten,« hatte er ärgerlich gesagt. Er war eben im Einschlafen und wollte nicht mehr gestört sein. »Gute Nacht, mein Herz, schlaf dich aus! Übrigens bist du ja nun wieder da und wirst schon das Deine tun!«

Ja, das würde sie auch! –

Sie ließ den Knaben von nun ab nicht mehr aus den Augen. Und ihre Ohren waren überall. Es lag kein Grund vor, das Mädchen zu entlassen – es war ehrlich und sauber, tat seine Schuldigkeit – nur mit Wölfchen durfte es nicht mehr allein sein. Wolfgang ging ins zwölfte Jahr, eine Überwachung durch eine Dienerin war überhaupt nicht mehr möglich.

Aber es war schwer für Käte, ihren Vorsätzen treu zu bleiben. Ihr Mann machte doch auch seine Ansprüche, und ihr Haus, ihre Geselligkeit; es war nicht möglich, alles andre abzuschütteln, aufzugeben, zu verabsäumen, nur um des einen: um des Kindes willen. Und sie durfte Paul doch auch nicht anhaltend verstimmen, ihn womöglich ernstlich gegen das Kind erzürnen; davor zitterte sie. Sie mußte zuweilen mit ihrem Mann in Gesellschaft gehen, er freute sich, wenn sie – gut angezogen – als liebenswürdige Frau gesucht ward. Er ging gerne – ach, und viel, viel zu oft! Gerade diesen Winter hatte sie geglaubt, doppelt auf der Hut sein zu müssen. Und sie instruierte die Köchin und den Diener, ersuchte beide dringend, aufzupassen. Die waren ganz verwundert: wenn die gnädige Frau so wenig zufrieden war, sollte die gnädige Frau doch der Cilla kündigen, zum ersten Januar gab’s ja Mädchen genug!

Unwillig wendete sich Käte ab: wie häßlich von den Dienstboten, die andre herausbeißen zu wollen! Ungerecht durfte sie gegen das Mädchen denn doch nicht handeln. Und wenn ein andres ins Haus kam, konnte es da nicht ebenso sein?! Dienstboten sind immer eine Gefahr für Kinder. –

Wolfgang entwickelte sich sonst sehr gut, besonders körperlich. Nicht, daß er gerade so sehr in die Höhe schoß; er ging mehr in die Breite, wurde stämmig, mit einem festen Nacken. Wenn er mit den Lämkes vor der Tür Schneeballen warf, sah er älter aus als der gleichaltrige Artur, sogar älter als Frida. Er wurde eben anders genährt als diese Kinder. Mit Wohlgefallen sah die Mutter seine reine, frische Haut, die gepflegt war durch warme Bäder und die tägliche kalte Abreibung am Morgen. Und zum Friseur mußte er alle vierzehn Tage, da wurde der dichte, glatte, dunkle Haarschopf, der aber trotz aller Sorgfalt etwas Grobfädiges behielt, verschnitten, gewaschen und mit stärkender Essenz eingerieben. Beinahe verkümmert sahen die Lämkes aus gegen ihn; sie hatten ja auch vor nicht zu langer Zeit erst die Nachwehen des Scharlach überstanden. Wenn nur Wölfchen das nicht auch bekam. Käte hatte große Angst davor. Bis vor kurzem hatte sie ihn von den Lämkes ferngehalten; aber freilich in der Schule war stete Ansteckungsgefahr. Ach Gott, man kam wegen des Kindes eben nie zur Ruhe! –

* * * * *

Sie hatten sich recht munter draußen getummelt. Der See, der unterhalb der Villen, wie ein stilles Auge zwischen den dunklen Waldrändern liegt, war zugefroren; Wolfgang und die halbe Klasse liefen dort Schlittschuh. Käte war nach Tisch auch eine Weile am Ufer auf und ab gewandert und hatte ihren Jungen beobachtet. Wie nett er schon lief! Sicherer und besser als mancher der Jünglinge, die da Achter zogen und Kreise beschrieben, holländerten und mit ihren Damen tanzten. Er versuchte auch schon allerlei Kunststücke, er hatte wirklich Courage. Daß er nur nicht hinfiel oder einbrach! Und immer lief er der tiefen Mitte des Sees zu, wo noch Strohwische steckten! Der Mutter war, als könnte ihm nichts geschehen, wenn sie hier am Ufer stand und ihn unablässig mit den Augen verfolgte. Endlich aber erstarrten ihre Füße gänzlich, und sie mußte heimgehen.

Als er gegen Dunkelwerden nach Hause kam, war er unendlich frisch. Mit Freudigkeit sprach er vom Eislauf. »Ha, das war mal fein! Ich möchte immer so laufen – morgen, übermorgen – alle Tage – und immer weiter, weiter! Der See ist viel zu klein!«

»Bist du denn gar nicht müde?« fragte die Mutter und lächelte ihn an; sie konnte sich nicht satt an ihm sehen, er sah so strahlend aus.

»Müde?« Ein fast geringschätziges Lächeln zog seine Mundwinkel herab. »Ich werde nie müde. Von so was nicht! Die Cilla hat gesagt, sie möchte auch gern mal mit mir laufen!«

»Ach, warum nicht gar?!« Schlieben, der mit beim Kaffeetisch saß, lächelte gutgelaunt; es machte ihm Spaß, den frischen Jungen ein wenig zu necken. »Dann wird sich die Mutter eben während der Eiszeit ein zweites Hausmädchen engagieren müssen!«

Wolfgang verstand den leisen Spott nicht. Ganz glücklich rief er: »Ja, das soll sie tun!« Aber dann wurde sein Gesicht lang: »Aber sie hätte keine Schlittschuhe, sagt sie. Vater, du mußt ihr welche kaufen!«

»Den Kuckuck werd ich – na, das fehlte noch!« Der Hausherr lachte laut auf. »Nein, mein Junge, die Cilla in Ehren, aber sie Schlittschuh laufen zu lassen, das wäre denn doch ein bißchen übertrieben! Nicht wahr?«

Er sah zu seiner Frau hin, die ganz gegen ihre Gewohnheit laut mit den Tassen klapperte. Sie sagte nichts, sie nickte nur stumm mit gänzlich veränderter, kühler Miene.

Der Knabe begriff das nicht: warum sollte die Cilla nicht Schlittschuh laufen?! Hatte die Mutter was gegen sie? Komisch! Immer, wenn ihm was so recht, recht gefiel, gefiel’s ihr nicht!

Er stützte, an seinem Arbeitspult sitzend, den Kopf in beide Hände; der war ihm schwer. Die Augen brannten ihm und tränten, wenn er sie fest aufs Heft richtete – er mußte doch wohl müde geworden sein. Das wurde keine gute lateinische Arbeit! Im Geist sah er schon, wie der Lehrer die Achseln zuckte und ihm, über so und so viel Köpfe weg, das Heft auf die Bank feuerte: ›Schlieben, zehn Fehler! Junge, Mensch, zehn Fehler! Wenn du dich nicht zusammennimmst, kommst du Ostern nicht mit nach Quarta herüber?!‹

Pah, das war ihm ja ziemlich egal – nein, eigentlich ganz egal. Es war ihm überhaupt jetzt alles egal, schrecklich egal. Er fühlte sich auf einmal todmüde. Warum sie nur der Cilla nichts gönnen wollte? Die erzählte doch so fein! Was hatte die doch gestern abend, als die Eltern aus waren und sie sich an sein Bett geschlichen hatte, erzählt? Von – von –?! Er konnte nichts mehr zusammenbringen, seine Gedanken verwirrten sich.

Der Kopf sank vornüber aufs Pult; die Arme lang vor sich über seine Bücher gestreckt, schlief er ein.

Als er erwachte, mochte wohl eine Stunde vergangen sein, aber er fühlte sich doch nicht ausgeruht. Fröstelnd, mit starren Augen sah er sich im Zimmer um. Alle Glieder taten ihm weh.

Und sie taten ihm auch die Nacht durch noch weh, er konnte nicht schlafen; mit schweren Füßen schleppte er sich am anderen Nachmittag auf die Eisbahn.

Viel früher als sonst kam er vom Schlittschuhlaufen wieder nach Hause. Er mochte nichts essen und nichts trinken, immer kam ihn eine Übelkeit an. »Sieht der Junge heute grün aus,« sagte der Vater. Die Mutter strich ihm besorgt die Haare aus der Stirn: »Fehlt dir was, Wölfchen?« Er verneinte.

Aber als wieder der Abend gekommen war und der Wind draußen in den Kiefern flüsterte und eine gespenstische Hand an die Fenster rührte – huh, eine kleine weiße Hand wie in Cillas Lied –, lag er im Bett, schüttelte sich vor Frost, trotz der weichen warmen Decke, fühlte, daß ihm der Hals weh tat und daß es in seinen Ohren stach und brannte.

»Er ist krank,« sagte Käte sehr besorgt am Morgen. »Wir wollen doch gleich Hofmann kommen lassen!«

»Ach, es wird schon nicht so schlimm sein,« beruhigte der Mann. »Laß ihn im Bette, gib ihm Zitronenlimonade zum Schwitzen und auch was zum Abführen. Er hat sich den Magen verdorben oder ist erkältet!«

Aber schon am Mittag mußte der Arzt herbeitelephoniert werden. Der Knabe lag, nicht mehr klar, in hohem Fieber.

»Scharlach!« Prüfend besah der Sanitätsrat die entblößte Brust und zog dann sorgfältig die Decke wieder höher. »Aber der Ausschlag ist noch nicht recht heraus!«

»Scharlach –?!« Käte glaubte in die Knie sinken zu müssen – o, davor hatte sie sich immer so sehr gefürchtet!

* * * * *

Das frische Frostwetter mit dem blanken Sonnenschein und dem fast sommerblauen Himmel hatte aufgehört. Graue Tage mit schwerer Luft hingen über dem Villendach; Käte, die am Fenster des Krankenzimmers stand und mit überwachten Augen hinausstarrte in die schwarzen Kiefernwipfel, die da trauerten in der Nebeltrübe, glaubte nie grauere gesehen zu haben.

Die Krankheit hatte den Knaben mit Macht gepackt; als sei sein vollsaftiger, wohlgenährter Körper so recht ein Herd, in dem die Flammen des Fiebers wüteten. Hofmann schüttelte den Kopf: überall war der Scharlach so gutartig aufgetreten, nur hier nicht! Und er warnte vor Erkältung, verordnete dies und das, tat sein Bestes – nicht bloß aus Pflicht, nein, aus tiefstem, herzlichstem Anteilgefühl heraus – er war dem strammen Jungen immer so gut gewesen. Sie taten alle ihr Bestes. Jede Vorsicht wurde angewendet, jede Rücksicht – es sollte ja alles, alles für ihn geschehen!

Käte war unermüdlich. Die Hilfe einer Krankenschwester hatte sie abgelehnt; mit Heftigkeit wehrte sie sich gegen ihren Mann, gegen den alten Freund: nein, sie wollte ihr Kind allein pflegen! Eine Mutter wird nicht müde, o nein!

Paul hatte nie geglaubt, daß seine Frau so viel leisten und dabei so geduldig sein könnte – sie, die Nervöse, so unermüdlich, so unverzagt! Wohl hatte sie immer einen leisen Tritt gehabt, nun hörte man ihn gar nicht mehr, wenn sie durch die Krankenstube glitt; bald war sie an der linken Seite des Bettes, bald an der rechten. Sie, deren Kräfte so leicht versagten, wenn auch der Wille gut war, war immer, immer auf dem Platz. Es gab viele Nächte, in denen sie keine Stunde Schlaf fand; wie ein Schatten saß sie dann am Morgen in dem großen Lehnstuhl am Bett, aber sie war doch voller Freudigkeit: Wölfchen hatte ja fast zwei Stunden geschlafen!

»Tu dir nicht zu viel, tu dir nicht zu viel,« bat der Mann.

Sie wies ihn ab: »Ich fühl’s nicht! Ich tu es ja so gerne!«

Wie lange sollte das so gehen? Würden, konnten diese Kräfte anhalten?! »Laß doch wenigstens das Mädchen eine Nacht bei dem Jungen wachen! Sie will dich ja so gerne ablösen!«

»Die Cilla–?! Nein!«

Cilla hatte sich immer und immer wieder angeboten: o, sie wollte wohl gut aufpassen, sie verstand’s, war doch auch ein kleiner Bruder von ihr am Scharlach gestorben! »Lassen Sie mir,« bat sie, »ich schlafe nich, ich passe so gut auf!«

Aber Käte wies sie zurück. Es war ihr jedesmal wie ein Stich, wenn sie in den Nächten, die so schwarz und lang waren, ihren Knaben im Fiebertraum sprechen hörte: »Cillchen – wir wollen doch fahren ins Heu – juchhei – Cillchen!«

O, wie sie dieses rundwangige Mädchen mit den hellen Augen haßte! Aber mehr als sie es haßte, fürchtete sie es. In den Stunden der Finsternis, in jenen Stunden, in denen sie nichts hörte als das Stöhnen des Kranken und das rastlose Pochen des eignen Herzens, wandelte sich ihr das Mädchen in eine andre Gewalt. Groß und breit tauchte die auf aus der Nacht, stellte sich dreist ans Bett des Kindes, und in ihrem Blick, der stumpf war und ohne Intelligenz, flammte doch etwas auf vom Triumph der Macht.

Dann faßte die überwachte Frau sich wohl an die Schläfen, in denen es hämmerte, und streckte die Arme aus, wie abwehrend: nein, nein, du da, geh fort! Aber das Phantom blieb stehen am Bett des Kindes. Wer war es: die Mutter – das Venn – die Dienstmagd – Frau Lämke?! Ach, alle waren eins!

Über Kätes Gesicht liefen qualvolle Tränen. Wie der Junge jetzt lachte! Sie beugte sich über ihn, so dicht, daß ihrer beider Atemzüge sich mengten und, wie sie es früher schon getan hatte, flüsterte sie ihm auch jetzt zu: »Mutterchen ist hier, Mutterchen ist bei dir!«

Aber er gab kein Zeichen des Erkennens. – – – – –

Cilla hatte ein dick verweintes Gesicht, als sie die Küchentür im Souterrain, an der leise geklopft wurde, öffnete. Flüsternd sagte Frau Lämke guten Tag; sie hatte bis jetzt immer die Kinder herangeschickt, aber gestern waren die mit einem so verwirrenden Bericht nach Hause gekommen, daß die Unruhe sie nun selber hertrieb. Sie wollte sich erkundigen. Draußen vor dem Gitter hielten zwei Doktorwagen, das hatte sie aufs neue erschreckt.

»Wie jeht’s denn, wie jeht’s denn heute?«

Das Mädchen brach in Tränen aus. Es zog stumm die Frau in die Küche, wo die Köchin, ohne in irgend einer Kasserolle zu rühren, am Herd lehnte, während Friedrich eben, auf einen Druck der elektrischen Klingel von oben, wie ein Gehetzter hinausschoß.

»Nee, ich sage schon!« Die Lämke schlug die Hände zusammen. »Is ’s denn schlimm, wirklich so schlimm mit den Jungen?«

Cilla nickte nur, ihre überströmenden Augen in der Schürze verbergend, aber die Köchin sagte dumpf: »Es jeht zu Ende!«

»Zu Ende – stirbt er wirklich – der Wolfjang, =der= Junge?!« Die Frau starrte ungläubig: das konnte ja nicht sein! Aber sie war schreckensbleich geworden.

Die Köchin lenkte ein: »Nu, schlimm jenug is ’s! Unser Doktor hat noch ’nen andern Professor zugezogen, ’nen janz berühmten – jestern war der schonst hier – aber sie jlauben nich, daß se noch was machen können. Die Krankheit is auf die Nieren jeschlagen und aufs Herz. Er kennt einen ja jar nich mehr! Heut morgen war ich drinne, ich wollt ihn doch jerne noch mal sehn – da lag er janz steif und still, wie aus Wachs. Ich jlaube, das wird nischt mehr!« Die gutmütige Person weinte.

Sie weinten alle drei, um den Küchentisch sitzend. Frau Lämke vergaß ganz, daß sie diese Küche nie mehr hatte betreten wollen, und daß ihr Kohl, den sie daheim zum Mittagessen aufgesetzt hatte, nun wohl verbrannte. »Jotte doch, Jotte doch,« sagte sie ein über das andre Mal, »wie wird sie da über wegkommen, so ’n Kind – so ’n einzig liebet Kind!«

Oben standen die Ärzte am Krankenbett, der alte Hausarzt und die noch junge Autorität. Sie standen zur Rechten und zur Linken.

Der Ausschlag war ganz zurückgetreten; keine Spur von Röte war mehr auf dem Gesicht des Knaben, der die Augen mit den erschreckend dunklen Wimpern beharrlich geschlossen hielt. Die Lippen waren blau. Die breite, aber jetzt förmlich eingesunkene Brust zitterte und arbeitete.

Bei jedem mühsamen Atemzug atmete Käte mühsam mit. Sie saß im Sessel zu Füßen des Bettes, steil aufrecht; so hatte sie die ganze Nacht gesessen. Ihr angstvoll-bohrender Blick flog über die bedenklichen Gesichter der Ärzte und stierte dann an ihnen vorbei ins Leere. Da standen sie, zur Rechten und zur Linken – aber da, da – sahen sie’s denn nicht?! – da zu Häupten stand der Tod!

Mit einem unartikulierten Laut bäumte sie sich auf, dann sank sie, wie geknickt, in sich zusammen.

Die Ärzte hatten dem todkranken Kinde eine Injektion gemacht; die Herzschwäche war sehr groß und ließ das Schlimmste befürchten. Dann empfahl sich die Autorität: »Auf morgen!« – aber es lag ein Achselzucken und ein ›Wer weiß?!‹ in diesem ›Auf morgen‹.

Der Hausarzt war noch geblieben; er konnte als Freund nicht gehen. Käte hatte sich an ihn geklammert: »Helfen Sie! Helfen Sie doch meinem Kinde!« Nun saß er mit Schlieben unten in dessen Arbeitszimmer; Käte hatte allein bei dem Kranken bleiben wollen, nur in der Nähe wissen wollte sie ihn.

Stumm saßen die beiden Männer bei einem starken Wein. »Trinken Sie, trinken Sie doch, lieber Freund,« sagte wohl der Hausherr; aber er selber trank auch nicht. Wie wird sie’s ertragen, wie wird sie’s ertragen?! Das surrte beständig durch seinen Kopf. Die Stirn in tiefe Falten gezogen, versank er in ein Brüten. Und der Arzt störte ihn nicht.

Droben lag Käte auf den Knieen. Vor dem Sessel, im dem sie all die bangen Nächte durchwacht hatte, war sie niedergesunken und hielt die Hände gegen ihre emporgehobene Stirn gedrückt. Jetzt suchte sie da oben, jetzt suchte sie den Gott, der ihr das Kind, das er ihr einst gütig in den Weg gelegt hatte, nun wieder grausam entreißen wollte. Sie schrie zu Gott in ihrem Herzen:

›Gott, Gott! Nimm ihn mir nicht! Du darfst ihn mir nicht nehmen! Ich habe sonst nichts mehr auf der Welt! Gott, Gott!‹

Alles, was sie um sich hatte, was sie sonst noch besaß, – auch ihr Mann – war vergessen. Sie hatte jetzt nur dieses Kind. Dieses einzige Kind, das so lieb, so gut, so klug, so brav, so folgsam, so schön, so reizvoll, so über alle Maßen liebenswert war, das ihr Leben so hoch beglückt, so reich gemacht hatte, daß sie arm, bettelarm wurde, wenn es von ihr ging.

»Wölfchen, mein Wölfchen!«

Wie war er immer, immer lieb gewesen, so ganz ihr Kind. Jetzt wußte sie nichts mehr von Tränen, die sie seinetwegen vergossen hatte; hatte sie je welche geweint, so waren es Freudentränen, ja, nur Freudentränen gewesen. Nein, sie konnte ihn nicht missen!

Aus ihrer betenden Stellung auffahrend, rutschte sie näher an sein Bett. Seinen erkaltenden Körper nahm sie in ihre Arme, bettete ihn in Verzweiflung an ihre Brust und hauchte ihren glühenden Atem über ihn hin. All ihre Wärme wollte sie ausströmen lassen in ihn, mit der Kraft ihres Wollens ihn festhalten auf dieser Erde. Wenn seine Brust nach Luft rang, so rang auch ihre Brust, wenn sein Herzschlag stockte, stockte auch der ihre. Sie fühlte sich kalt werden durch seine Kälte, ihre Arme erlahmen. Aber sie ließ ihn nicht. Sie rang mit dem Tode, der zu Häupten stand – wer war stärker, der Tod oder ihre, der Mutter, Liebe?!

Niemand konnte sie von des Knaben Bette verdrängen, auch nicht die Krankenschwester, die Hofmann, als er endlich am Nachmittag in die Stadt zurück mußte, herausgesandt hatte. Mit sanfter Gewalt versuchten die Pflegerin und Schlieben sie emporzuziehen: »Nur eine Stunde Ruhe, nur eine halbe! Nebenan oder auch hier auf dem Sofa!«

Aber sie schüttelte den Kopf und blieb auf den Knieen: »Ich halte ihn, ich halte ihn!« –

Es wurde Abend. Es wurde Mitternacht. Es hatte vordem stark geweht draußen, nun war es sehr still geworden. Totenstill. Kein Wind rüttelte mehr an den Kiefern, die ums Haus standen; kerzengerade gereckt standen sie gegen den hellen Frosthimmel, ihre Kronen waren steif wie aus unbiegsamer Pappe geschnitten. Unbarmherzig flinzelten die Sterne; in der schimmernden Silberplatte des gefrorenen Sees, den das starke Wehen reingefegt hatte vom feuchten Schnee der vorhergehenden Tage, spiegelte sich der Vollmond. Eine grimmige Kälte war urplötzlich gekommen, die alles einzufangen schien mit ihrem Todeshauch.

Fröstelnd schauerten die Wachenden zusammen. Als Schlieben auf den Thermometer sah, war er erschrocken, wie wenig der selbst hier im Zimmer zeigte. Versagte die Heizung? Man sah ja den eignen Atem. Hatten die Leute nicht neue Kohlen aufgeschippt?

Er ging selber hinab ins Souterrain, er hätte klingeln können, aber es war ihm ein Bedürfnis, etwas zu tun. O, wie war man doch so schrecklich tatenlos! Stumm kauerte seine Frau jetzt im Lehnstuhl, mit großen starren Augen; die Pflegerin schlief halb, nichts regte sich im Zimmer. Auch das Kind lag so still, als wäre es schon tot.

Eine große Bangigkeit befiel den Mann, der jetzt durch das nächtliche Haus tappte. Es war etwas so Lähmendes in dieser Stille; alles – die Zimmer, die Treppe, die Halle – alles kam ihm auf einmal so fremd vor. Fremd und leer. Wie waren sie doch vordem belebt gewesen vom Hauch der Jugend, erfüllt von der ganzen unbändigen Unbekümmertheit eines wilden Knaben!

Schwer stützte er sich aufs Treppengeländer, unsicher tastete er sich hinab. Ob die Leute unten noch auf waren?!

Er fand sie noch alle. Um den Tisch in der Küche, die jetzt so kalt war, als hätte nicht den ganzen Tag ein hellloderndes Feuer im Herd gebrannt, saßen sie frierend beisammen. Die Köchin hatte einen starken Kaffee gekocht, aber auch der hatte ihnen nicht wärmer gemacht. Durchs ganze Haus schlich eine Todeskälte; es war, als seien Eis und Schnee von draußen hereingekommen, als fege der Todeshauch der erstarrten Natur auch hierinnen vom Giebel bis zum Keller.

Es nützte nichts, daß noch mehr Kohlen dem großen Ofen in den Rachen geschüttet wurden, nichts, daß das Wasser heißer durch alle Röhren strömte. Kein Mensch bekam wärmere Füße, wärmere Hände.

»Wir wollen es bei dem Patienten mit einem sehr heißen Bad versuchen,« sagte die Pflegerin. Sie hatte schon oft in ähnlichen Fällen dieses letzte Mittel von Erfolg gekrönt gesehen.

Alle Hände rührten sich. Die Köchin feuerte, die beiden andern schleppten das kochende Wasser hinauf; aber Cilla trug mehr und rascher als der Friedrich. Sie fühlte ihre ganze unerschöpfliche, schaffensfreudige Jugendkraft. Wie gern tat sie das für den guten Jungen! Und bei jedem Eimer, den sie in die vors Bett gestellte Wanne schüttete, murmelte sie leise ein Stoßgebet; sie konnte sich nicht bekreuzen, sie hatte keine Hand frei, konnte auch nicht niederknieen, aber sie war gewiß, die Heiligen würden sie doch erhören.

»Heilige Maria! Heiliger Joseph! Heilige Barbara! Heiliger Schutzengel! Heiliger Michael, streite für ihn!«

Unten hatte sich die Köchin ihr Gesangbuch vorgesucht; sie war eine Protestantin und brauchte es nicht alle Tage. Nun schlug sie es auf, aufs Geratewohl: wie es traf, so traf’s! O weh! Zitternd zeigte sie es dem Friedrich. Da stand:

›Wenn ich einmal soll scheiden, So scheide nicht von mir –‹

O weh, der Junge muß sterben! Sie waren beide wie gelähmt vor Schreck.

Derweilen flog die flinke Cilla treppauf, treppab. Ihr war nicht mehr so bange. Er würde nicht sterben, des war sie jetzt sicher.

Als sie ihn drinnen in die Wanne hoben, Schlieben und die Pflegerin, und die Mutter die schwachen Hände unterhielt wie zur Unterstützung, stand Cilla draußen vor der Tür und rief wieder ihre Heiligen an. Gern hätte sie ihr Andachtsbüchlein, ihr ›Brot der Engel‹, zur Hand gehabt, aber es fehlte an Zeit, es zu holen. So sammelte sie nur ihr ›Hilf‹ und ›Erbarme dich‹, ihr ›Gegrüßet‹ und ›Streite für ihn‹ mit der ganzen Hingabe ihrer Gläubigkeit.

Und drinnen begannen sich die Wangen des todbleichen Knaben zu röten. Die Lippen, die sich so lange zu keinem Laut geöffnet hatten, stießen jetzt einen Seufzer aus. Er war warm, als sie ihn ins Bett zurücklegten. Bald war er heiß;, das Fieber setzte wieder ein.

Die Schwester blickte besorgt: »Jetzt Eis! Wir müßten es mit Eisblasen versuchen!«

Eis! Eis!

»Ist Eis im Hause?« Hastig kam Schlieben aus der Krankenstube heraus, er stieß fast die Tür gegen die Stirn des betenden Mädchens.

Eis! Eis! Sie waren beide miteinander hinuntergelaufen. Aber auch die Köchin wußte keinen Rat: nein, Eis war nicht da, man hatte nicht geglaubt, welches nötig zu haben.

»Schnell, zur Apotheke!«

Der Diener stob davon, aber – großer Gott – ehe der zur Apotheke gelangte, jemanden weckte und wieder zurück war, konnte die Flamme da oben so hoch aufgeflammt sein, daß die arme kleine Kerze schon aufgezehrt war! Ganz wirr vor Angst blickte der Mann umher, da sah er, wie Cilla mit Fleischbeil und Wassereimer zur Hintertür lief.

»Ich hole Eis!«

»Wo denn?!«

»Da!« Sie lachte und hob den bewehrten Arm, daß das Beil blitzte. »Unten im See ist ja Eis genug. Ich geh, welches hacken!«

Schon war sie hinaus; er lief hinter ihr drein, ohne Hut, ohne Mütze, nur mit dem leichten Hausrock bekleidet, den er im Zimmer trug.

Vor der aufglimmenden Hoffnung wichen die Schrecken der Nacht, er fühlte augenblicklich die Kälte nicht. Aber als nun die Villen so ganz verschwunden waren hinter den Kiefern, als er nun so einsam am Rande der eisigen Seefläche stand, die wie ein hartes Metallschild glänzte, von schwarzen, schweigsamen Riesen drohend umgeben, da fror ihn doch, daß er glaubte, erfrieren zu müssen. Und er fühlte eine Bangigkeit, wie er sie noch nie gefühlt hatte. Eine tödliche Angst.

Kam nicht eine Stimme zu ihm? He! Dort aus dem Walde, der wie ein Dickicht erschien im blauen, verwirrenden Schimmer des Mondlichts?! Und höhnte und foppte, lachte halb, klagte halb! Schrecklich – wer schrie so?!

»Der Kauz schreit,« sagte Cilla jetzt, hob mit beiden Händen das Beil rücklings über die Schulter und ließ es niedersausen mit Kraft. Das Eis am Rande splitterte. Es knackte und krachte; bis weit in den See hinaus ging der Ton: ein Murren, ein Grollen, eine Stimme aus der Tiefe.

Würde der Knabe sterben – würde er leben?!

Verstört sah Schlieben sich um. O Gott ja, auch das war umsonst! Würde umsonst sein! Trotz all seiner Mannhaftigkeit empfand er eine Schwäche – heute, hier war er schwach. Hier war die Nacht und die Einsamkeit und der Wald und das Wasser – all das hatte er schon oft gesehen, es war ihm vertraut gewesen –, aber so war es noch nie gewesen, so still und doch so schreckhaft belebt. So hoch waren die Bäume noch nie gewesen, so groß noch nie der See, so fern noch nie die bewohnte Welt!

Es schien ihm etwas zu lauern hinter jener dicken Kiefer – stand da nicht ein Jäger und legte an, bereit, ihm einen Pfeil durchs Herz zu schießen?! Das Schweigen beängstigte ihn. Dieses große Schweigen war furchtbar. Dröhnend zwar hallten die Hiebe der Axt und lockten drüben über dem See ein Echo, unbeirrt zwar tat Cilla ihr Werk – er bewunderte die Kaltblütigkeit des Mädchens –, aber die Drohung, die in diesem Schweigen lag, minderte sich nicht.

Schauer auf Schauer durchrann den verstörten Mann: nein, jetzt wußte er’s, – ach, wie fühlte er’s deutlich – gegen diese unsichtbare Gewalt kam niemand an. Hier war alles vergebens!

Ein großer Schmerz überkam ihn. Mit beiden Händen packte er in die eiskalten Schollen, die das Mädchen losgehackt hatte, und sammelte sie in den Eimer; er riß sich, er schnitt sich an den zackigen Rändern, die scharf waren wie Glas, aber er fühlte den körperlichen Schmerz nicht. Das Blut rann ihm in Tropfen über die Finger.

Und aus seinen Augen begann jetzt auch etwas zu rinnen, schwer und zäh tropfte es über seine Wangen – langsame, fast widerwillige Tränen. Aber doch heiße Tränen eines Vaters, der um sein Kind weint.

4

»Jotte, nee, was biste jroß jeworden,« sagte Frau Lämke, »nu wird man woll bald ›Sie‹ zu dich sagen müssen und ›junger Herr‹?!«

»Nie!« Wolfgang fiel ihr um den Hals.

Die Frau war ganz verdutzt: war das denn noch der Wolfgang? Der war ja kaum wiederzuerkennen seit der Krankheit – so umgänglich! Und war er auch immer ein guter Junge gewesen, so zärtlich war er früher doch nie gewesen?! Und wie lustig er war, er lachte, seine Augen blinkerten ordentlich wie geputzt!

Wolfgang war voll Lebenslust und einer immerwährenden unbändigen Freude. Er wußte gar nicht wohin damit. Keinen Augenblick konnte er stille sitzen, in seinen Armen zuckte es, seine Füße scharrten den Boden.

Er war der Schrecken des Lehrers. Die ganze, sonst immer so musterhafte Quarta brachte der Junge aus Rand und Band, der eine Junge! Und dabei konnte man ihm eigentlich nicht einmal so recht von Herzen böse sein. In die Rügen des müden Mannes, der alle Tage dieselben Stunden, jahraus jahrein, auf demselben Katheder sitzen, dieselben Diktate diktieren, dieselben Aufgaben aufgeben, dieselben Lesestücke lesen lassen, dieselben Wiederholungen wiederholen mußte, mischte sich etwas wie eine leise Wehmut, die den Tadel milderte: ja, das war Daseinsfreudigkeit, Gesundheit, Frische, unverbrauchte Kraft – das war Jugend!

Wolfgang kehrte sich nicht an die Vorwürfe, die man ihm machte, er hatte nicht den Ehrgeiz, unter den Ersten der Klasse zu sein. Er lachte den Lehrer aus und konnte sich nicht einmal zwingen, betrübt den Kopf zu senken, als ihm die Mutter, in nervöser Erregtheit, eine schlechte Zensur vorm Gesicht hin und her schwenkte: »Also dafür quält man sich so mit dir?!«

Wie ehrgeizig die Frauen sind! Schlieben lächelte; er nahm’s ruhiger. Nun, er hatte ja auch nicht die Plage davon gehabt wie Käte. Sie hatte sich, seitdem der Junge so viel durch seine Krankheit versäumt hatte, jeden Tag mit ihm hingesetzt und geschrieben und gelesen und gerechnet und Vokabeln gelernt und Regeln und unermüdlich wiederholt und, neben den Schulaufgaben, selber noch Übungsaufgaben gestellt, und es so fertig gebracht, daß Wolfgang, trotz der wochen- und wochenlangen Schulversäumnis, doch Ostern mit nach Quarta versetzt wurde. Erleichtert hatte sie aufgeatmet: ah, ein Berg war erklommen! Aber der Weg ging trotzdem jetzt nicht eben fort. Als die ersten Amseln im Garten sangen, war er als fünfzehnter versetzt worden – also ein Durchschnittsschüler –, als die erste Nachtigall schlug, war er nicht mehr in diesem Durchschnitt, und als der Sommer kam, gehörte er zu den Letzten der Klasse.

Es war zu verlockend, im Garten zu säen, zu pflanzen, zu gießen, auf dem Rasen zu liegen und sich den warmen Sonnenflimmer über den Leib rinnen zu lassen; besser noch, draußen umherzuschwärmen an den Waldrändern, oder im See zu baden, weit hinauszuschwimmen, so weit, daß ihm die andern Jungen zuschrieen: ›Komm zurück, Schlieben, du versäufst!‹

»Freu dich doch, daß er so munter ist,« sagte Paul zu Käte. »Denke doch dran, wer hätte, vor einem halben Jahr noch, gedacht, daß er sich so erholen würde?! Es ist ein Glück, daß er kein Stubenhocker ist. ›Viel frische Luft‹ hat Hofmann gesagt, ›viel freie Bewegung. Ohne Schädigungen der Konstitution geht eine so schwere Krankheit nicht ab!‹ Also wählen wir von zwei Übeln doch das kleinere – freilich, der Bengel muß wissen, daß er nebenbei doch seine Schuldigkeit zu tun hat!«

Das ließ sich schwer vereinen. Käte fühlte sich machtlos werden. Wenn des Knaben Augen, blank wie dunkle Beeren, begehrten: ›laß mich hinaus‹, wagte sie ihn nicht zurückzuhalten. Sie wußte, er hatte seine Arbeiten noch nicht fertig, vielleicht noch nicht einmal begonnen; aber hatte Paul nicht gesagt: ›man muß von zwei Übeln das kleinere wählen‹, und der Sanitätsrat: ›ohne Schädigungen geht eine so schwere Krankheit nicht ab; viel Freiheit‹ –?!

Eine jähe Angst erfaßte sie um sein Leben; noch waren die Schrecken der Krankheit nicht verwunden. Ach, diese Nächte! Diese letzten furchtbaren Stunden, in denen nach dem heißen Bad das Fieber höher und höher gestiegen war, der Puls gerast und das arme Herz gejagt hatte, bis endlich, endlich das Eis aus dem See Kühlung gebracht und ein Schlaf sich gesenkt hatte, der, als im Osten der Himmel rot zu werden begann und ein neuer Tag durchs Fenster hereinschaute, sich in einen wohltätigen, wunderwirkenden Schweiß löste.

Sie mußte den eben Genesenen laufen lassen.

Aber daß er sich Cilla an den Arm hing, wenn die abends noch einen Gang zu machen hatte, daß er ihr schleunigst nachlief, wenn sie nur einen Brief zum Kasten trug, oder daß er ihr einen Stuhl heranschleppte, wenn sie sich mit ihrem Flickkorb unter den Fliederbusch an der Küchentür setzen wollte, das war nicht zu dulden. Als Käte erfuhr, daß Cilla an ihrem Ausgangssonntag nicht weiter gegangen war als bis zu den nächsten Kiefern am Waldrand und dort mit dem Knaben stundenlang im Grase gesessen hatte, gab es eine Szene.

Cilla weinte bittere Tränen. Was hatte sie denn getan?! Sie hatte Wölfchen doch nur von ›zu Hause‹ erzählt!

»Was geht ihn Ihr ›zu Hause‹ an?! Er soll sich um seine Sachen kümmern, und Sie kümmern sich um die Ihren!« Käte war im Zuge, noch mehr herauszusprudeln, zu schreien: ›Lassen Sie solche Vertraulichkeiten, ich dulde sie nicht‹, aber sie bezwang sich, wenn auch nur mit Mühe. Sie hätte dieses rundwangige, helläugige Mädchen, das so dreist blickte, ins Gesicht schlagen mögen. Da war selbst Frida Lämke noch vorzuziehen!

Aber Frida ließ sich jetzt nicht mehr so oft sehen. Sie trug schon den Rock lang bis zum Knöchel und ging in den Freistunden, die ihr die Schule ließ, zum Nähkursus, und wenn sie eingesegnet war, Ostern übers Jahr, dann sollte sie, wie sie mit großer Wichtigkeit sagte, ›nach’s Jeschäft‹.

»Ich kündige ihr,« sagte Käte eines Abends, als Cilla eben den Tisch abgedeckt hatte und sie ganz allein mit ihrem Mann saß.

»So?« Er hatte gar nicht recht hingehört. »Warum denn?«

»Darum!« Ein unterdrückter Ärger vibrierte im Ton der Frau – mehr als das, eine leidenschaftliche Erregung. Ihre sonst goldbraunen, milden Augen wurden dunkel und blickten finster in sich hinein.

»Du zitterst ja förmlich! Was ist denn nun schon wieder?!« Verstimmt legte er die Zeitung hin, die er eben hatte lesen wollen. Da war wieder etwas mit dem Jungen los; nur dann erregte sie sich so!

»Es geht nicht länger!« Ihre Stimme war hart, hatte jeden Schmelz verloren. »Und ich dulde es nicht! Denke dir, als ich heute nach Hause komme – ich war gegen Abend eine Stunde fort, kaum eine Stunde –, Gott, Gott, man kann sich doch nicht immer zur Aufpasserin machen, man erniedrigt sich ja vor sich selber!« Leidenschaftlich verschlang sie die Hände, preßte sie so heftig ineinander, daß die Knöchel ganz weiß wurden. »Ich hatte ihn an seinem Pult gelassen, er hatte so viel auf, und als ich wiederkomme, war kein Strich gemacht! Aber unten, hinten vor der Küchentür, da – da höre ich sie!«

»Wen denn?«

»Nun, Wolfgang und die – die Cilla! Kaum bin ich fort!«

»Nun und?!«

Sie hatte geschwiegen, seufzend, in einem tiefen Kummergefühl, das den Zorn aus ihren Augen verjagte.

»Er legte ihr von hinten den Arm um den Hals! Und hat sie geküßt! ›Liebes Cillchen!‹ Und sie zog ihn an sich, nahm ihn fast auf den Schoß – dazu ist er viel, viel zu groß – – und redete immer in ihn hinein!«

»Hast du verstanden, was sie sagte?«

»Nein. Aber sie lachten. Und dann gab sie ihm einen Klaps gegen die Kehrseite – du hättest es nur sehen sollen! – und dann er ihr. Hin und her ging das. Ist das passend?!«

»Das geht zu weit, da hast du recht! Aber schlimm ist es nicht. Sie ist eine gute, noch ganz unverdorbene Person, er ein dummer Junge. Darum wirst du das Mädchen doch nicht entlassen? Ich bitte dich, Käte! Haben sie dich bemerkt?«

»Nein!«

»Nun, dann tu auch nicht desgleichen. Das ist viel klüger. Ich werde mir den Jungen schon mal bei Gelegenheit vornehmen!«

»Und du meinst, ich könnte – ich kann – ich muß sie nicht entlassen?« Käte war ganz kleinlaut geworden gegenüber seiner Ruhe.

»Dazu liegt gar kein Grund vor!« Er war völlig überzeugt von dem, was er sagte, und wollte wieder zu seiner Zeitung greifen. Da fing er ihren Blick auf und streckte ihr die Hand über den Tisch hin: »Liebes Herz, nimm nicht alles so schwer! Du verkümmerst dir ja das Dasein – dir – dem Jungen – und – ja, auch mir! Nimm’s leichter! – So, und nun will ich endlich mal zu meiner Zeitung kommen!«

Käte stand leise auf – er las ja! Sie hatte ihm ihre Hand nicht gelassen. Seine Ruhe verletzte sie. Das war schon mehr als Ruhe, das war Gleichgültigkeit, Lässigkeit! Aber sie wollte nicht lässig sein, nein, sie wollte nicht müde werden!

Und sie ging ihrem Knaben nach.

Wolfgang war schon oben in seinem Zimmer. Er war zwar noch an Cilla, die unten in der Küche das Geschirr abtrocknete, leise von hinten herangeschlichen, hatte sie gezwickt, sie dann mit beiden Armen umfangen und um eine Geschichte gebettelt: »Erzähl mir was!« – aber sie hatte nicht gewollt.

»Ich weiß nichts!«

»Och, erzähl mir doch! Von der Prozession! Oder wenn’s nur von eurer Sau ist! Wieviel hatte die doch ’s letzte Mal geworfen?«

»Dreizehn!« =Der= Frage war zwar nicht zu widerstehen, aber doch blieb Cilla wortkarg.

»Kalbt eure Kuh auch dieses Jahr? Wieviel Kühe hat denn der größte Bauer bei euch? Weißt du, der unten an der Warthe, der Hauländer! Sag doch?!« Er wußte ganz genau Bescheid, kannte alle Leute bei ihr zu Hause und alles Vieh. Er konnte nie genug davon erzählen hören und von dem Land, über das die Glöckchen bimmeln zur Frühmesse und zur Vesper oder tief und feierlich rufen am Sonntage um die Hochamtszeit. Vom Lande hörte er zu gern erzählen, von Ackerbreiten, auf denen blauer Flachs und goldner Roggen steht, von blauenden Waldstrichen am Horizont, von weiten, weiten Heidestrecken, auf denen die Bienen emsig über blühendem Kraut summen und abends an stillen Wassern, wenn Himmel und Sonne sich rot darin spiegeln, der Sumpfvogel schreit.

»Erzähl davon!« Er bettelte und drängte.

Aber sie blieb unlustig und schüttelte den Kopf: »Nee, geh schon, nee, ich will nich! Die Frau hat mer heute abend wieder so angesehn – ach, so – nee! Ich glaube, sie will mer wohl kündigen!«

Verdrießlich war er in sein Zimmer hinaufgeschlichen und hatte sich ausgekleidet. Er war so daran gewöhnt, er konnte gar nicht gut schlafen, wenn Cilla ihm nicht vorher etwas erzählt hatte. Dann schlief er so sanft ein und träumte so wunderschön von weiten Heidestrecken, die rot blühten, von stillen Wassern, an denen der Sumpfvogel schrie, den er jagen ging.

Ach, die Cilla, was die nur heut hatte! Wie dumm! ›Die Frau wird mer kündigen‹ – Unsinn, als ob er das litte! Und er ballte die Faust.

Da knarrte die Tür.

Er reckte den Hals: war sie’s, kam sie doch noch?! Die Mutter war’s. Geschwind schlüpfte er ins Bett und zog die Decke bis an die Stirn. Mochte sie denken, er schliefe schon!

Aber sie dachte das nicht, sondern sie sagte: »So, bist du noch wach?« und setzte sich auf den Stuhl beim Bett, auf dem seine Sachen lagen. Da saß auch sonst immer die Cilla. Er verglich im stillen die beiden Gesichter. Ah, die Cilla war doch viel hübscher, so weiß und rot, und hatte Grübchen in ihren dicken Backen, wenn sie lachte, und war so vergnügt! Häßlich war die Mutter zwar auch nicht!

Er hatte sie aufmerksam betrachtet; und da überkam es ihn plötzlich mit einem ihm sonst gänzlich unbekannten Gefühl: ach, sie hatte ja so schmale Bäckchen! Und an den Schläfen herunter das weiche Haar – das war ja – das –

»Du wirst ja grau,« sagte er auf einmal, förmlich erschrocken, und streckte den Finger aus: »Da, ganz grau!«

Sie nickte. Ein Zug des Unbehagens verlängerte ihr Gesicht und ließ es noch schmäler erscheinen.

»Du müßtest mehr lachen,« riet er. »Dann sähe man gar nicht, daß du Falten hast!«

Falten – ach ja, Falten! Mit einer nervösen Bewegung fuhr sie über die Stirn. Was Kinder für unbarmherzige Augen haben! Mit Jugend und Schönheit war’s wohl endgültig vorbei – den letzten Rest aber, den hatte der Knabe hier genommen! Und wie ein Vorwurf klang’s: »Das machen die Sorgen. Deine schwere Krankheit und – und –« sie stockte, sollte sie jetzt von dem anfangen, was sie so beunruhigte? »Und da ist noch manches andre,« schloß sie mit einem Seufzer.

»Das glaub ich wohl,« sagte er unbefangen. »Du bist ja auch schon alt!«

Nun, ehrlich war er, das mußte man gestehen; aber ohne eine Spur von Zartgefühl! Sie konnte eine leise Gereiztheit nicht unterdrücken; es war nicht angenehm, sich von seinem Kinde an sein Alter erinnern zu lassen. »So alt bin ich denn doch noch nicht,« sagte sie.

»Na, =so= alt meine ich ja auch gar nicht. Aber doch viel älter als ich oder die Cilla zum Beispiel!«

Sie zuckte zusammen – immer kam er mit dieser Person!

»Die Cilla ist ein hübsches Mädchen, findest du nicht, Mutter?«

Der Ärger überkam sie so heftig, daß sie sich nicht mehr in der Gewalt hatte. »So?« sagte sie kurz und stand auf. »Sie zieht zum ersten Oktober!«

»Sie zieht?! Och nee!« Er starrte sie ungläubig an.

»Doch, doch!« Sie kam sich grausam vor, aber konnte sie denn anders sein? Es lag ein so großes Erschrecken in seiner Ungläubigkeit. »Sie zieht; ich kündige ihr!«

»Och nee, das tust du ja nicht!« Er lachte. »Das tust du ja doch nicht!«

»Ja, das tue ich!« Auf jedes Wort legte sie einen besonderen Nachdruck; es klang unumstößlich.

Er schüttelte noch immer ungläubig den Kopf: das konnte ja gar nicht sein! Aber dann fiel ihm auf einmal Cillas gedrücktes Wesen wieder ein und ihre Worte am heutigen Abend – ›Sie will mer wohl kündigen!‹ »Nein, das tust du nicht!« Mit einem Ruck setzte er sich im Bette auf.

»Ich werde dich nicht fragen!«

»Nein, du tust es nicht, du tust es nicht,« schrie er. Cillas Gestalt stand auf einmal vor ihm, ihre treuherzigen Augen sahen ihn traurig an – sie gefiel ihm so wohl – und die sollte gehen?! Eine Wut kam über ihn.

»Sie soll nicht gehen, sie soll nicht gehen,« heulte er auf und schrie es laut und lauter: »Sie soll nicht gehen!« Er warf sich hintenüber, reckte sich lang, stieß in einem sinnlosen, nicht zu bezeichnenden Empfinden mit den Füßen gegen die Bettstatt, daß die in allen Fugen krachte.

Käte war erschrocken; so heftig hatte sie ihn nie gesehen. Aber wie recht hatte sie! Sein Benehmen zeigte ihr’s deutlich. Nein, sie durfte sich nicht grausam schelten, wenn auch seine Tränen flossen; es war notwendig, daß die Cilla ging! Aber er tat ihr leid.

»Wölfchen,« sagte sie überredend, »aber, Wölfchen!« Sie versuchte ihn zu besänftigen und zog ihm mit liebevoller Hand die heruntergefallene Decke wieder herauf. Aber sowie sie ihn berührte, stieß er sie von sich.

»Wölfchen – Wölfchen – du mit deinem Wölfchen! Als ob ich noch ein kleines Kind wäre! Ich heiße Wolfgang. Und du bist ungerecht! Neidisch! Du willst nur, daß sie geht, weil ich sie lieber habe, viel lieber als dich!«

Er schrie es ihr ins Gesicht, das tief erblaßte. Sie hatte das Gefühl, als müßte sie aufschreien vor Schmerz. Sie, die sie so viel um ihn gelitten hatte, setzte er hintenan?! Jetzt fielen ihr auf einmal, brennend und unaustilgbar, alle die Tränen ein, die sie schon um ihn vergossen hatte. Und von all den schweren Stunden der Krankheit war keine so schwer gewesen wie die jetzige.

Sie vergaß, daß er noch ein Kind war, ein ungezogener Junge. Hatte er es denn nicht selber gesagt: ›Ich bin kein Kind mehr –?!‹ Unverzeihlich erschien ihr sein Benehmen. Ohne Wort ging sie zur Tür hinaus.

Er sah ihr betroffen nach: hatte er sie gekränkt?! Plötzlich kam ihm das Bewußtsein davon – o nein, das wollte er nicht! Schon hob er die Füße aus dem Bett, um ihr auf sackten Sohlen nachzulaufen, sie am Kleide festzuhalten, zu sagen: ›Du, bist du böse?!‹ – da fiel ihm die Cilla wieder ein. Nein, das war doch zu schlecht von ihr, daß sie die gehen hieß!

Sich weinend unter die Decke verkriechend, faltete er die Hände. Cilla hatte ihm gesagt, daß man zur heiligen Jungfrau beten müsse, zu jener lächelnden Frau im blauen Sternenmantel, die, mit der Krone auf dem Haupt, über dem Altar thront. Die heilte alles. Und wenn die Gott im Himmel um etwas bat, so tat der’s. Zu ihr wollte er jetzt beten.

Cilla hatte ihn damals, als die Mutter im Bade und der Vater in Tirol war, einmal mitgenommen in ihre Kirche. Er hatte ihr versprechen müssen, niemandem etwas davon zu sagen, und der Reiz des Geheimnisvollen hatte den Reiz jener Kirche erhöht. Eine unbewußte Sehnsucht zog ihn nach jenen Altären, wo die Heiligen prangten und wo man Gott, den man doch bitten soll wie einen Vater, leibhaftig schauen konnte. In der Kirche, die die Mutter zuweilen besuchte und in der er auch schon gewesen war, hatte es ihm nie so gut gefallen.

Jene Sehnsucht, die ihm wie ein Märchen im Sinn schwebte, kam jetzt mit Gewalt und lebendig über ihn. Ja, so hinknieen können vor der lieben Frau, die reizender war als alle Frauen auf Erden sind, und kaum daß man seine Bitte vortrug, auch schon der Erfüllung gewiß sein, das war schön! Herrlich!

»Gegrüßet seist du, Maria!« So fing der Cilla Gebet an; weiter wußte er es nicht, aber er wiederholte das, viele Male. Und nun roch er wieder den Weihrauch, der die Kirche durchduftet hatte, hörte wieder das Schellchen der Wandlung, sah den Geweihten des Herrn, dem die prächtige Stola überm Meßgewand hing, sich verneigen, bald links am Altar, bald rechts. O, wie er es den Knaben in den weißen Chorhemden neidete, die neben ihm knieen durften! Seliger Wohlklang schwebte unterm hochgewölbten Kuppeldach:

›_Procedenti ab utroque Compar sit laudatio_ –‹

so ähnlich hatten sie gesungen. Und dann hatte der Priester die strahlende Monstranz hoch erhoben, und alle Leute hatten sich tief gebeugt. ›_Qui vivis et regnas in saecula saeculorum!_‹ Ja, =das= Latein hatte er gut behalten! Das würde er auch sein Leben nicht vergessen!

Anstoßen hatte ihn die Cilla müssen und flüstern: ›Komm, wer gehn jetzt,‹ sonst wäre er damals noch lange knieen geblieben in der prächtigen und doch so heimeligen Kirche, in der nichts kalt war und fremd.

Wenn er doch wieder einmal hinkönnte! Cilla hatte es ihm freilich versprochen zu gelegener Zeit – aber sie sollte ja jetzt weg, und die gelegene Zeit würde nie kommen! Schade! Ein großes Bedauern erhob sich in ihm und zugleich ein Trotz: nein, in die Kirche, wohin die Mutter ging und wohin die aus seiner Schule gingen, dahin ging er nicht!

Und er flüsterte wieder: »Gegrüßet seist du, Maria,« und bei diesem Flüstern fingen die Tränen, die heiß und zornig über sein Gesicht gelaufen waren, an zu versiegen.

Er war aus dem Bett geklettert und hatte sich auf den Teppich davor niedergekniet, die zusammengelegten Hände in Anbetung erhoben, so wie er es bei den Engeln auf dem Altarbild gesehen hatte. Seine Augen waren glänzend und weit aufgeschlagen, sein Trotz zerfloß in Hingabe.

Als er endlich ins Bett zurückstieg und die übergroße Müdigkeit seine Aufregung niederschlug und er einschlief, träumte er von der reizenden Jungfrau Maria, die wohlbekannte Züge trug, und fühlte sein Herz zu ihr entbrennen.

* * * * *

Es war vierzehn Tage später, am 1. Oktober, daß Cilla den Dienst verließ. Frau Schlieben hatte ihr ein gutes Zeugnis geschrieben; warum sie eigentlich entlassen war, das war dem Mädchen noch nicht recht klar, selbst als es auf der Straße stand. Die Frau wollte ein älteres erfahrenes Mädchen haben – so hatte sie gesagt –, aber das glaubte Cilla doch nicht recht, sie fühlte unbestimmt einen andern Grund heraus: die mochte sie eben nicht leiden. Nun wollte sie erst einmal nach Hause fahren, ehe sie einen neuen Dienst annahm, sie fühlte Heimweh, und der Abschied hier aus der Stelle war ihr schwer geworden – des Jungen wegen. Wie hatte der geweint! Gestern abend noch. Er hatte sich an ihren Hals gehängt und sie vielmals geküßt, der große Junge, wie ein kleines Kind! Und so viel hatte er ihr noch sagen wollen. Oben auf dem dunklen Flur hatten sie gestanden miteinander gestern abend, da scheuchte sie der Tritt der Frau, die die Treppe heraufkam; gerade noch, daß er in seine Stube hatte entwischen können.

Und nicht einmal Adieu hatte sie ihm heute sagen können, dem guten Jungen! Denn als er kaum in der Schule war, hatte die Frau gesagt: »So, nun können Sie gehen!« Ganz verdutzt war sie gewesen, hatte sie doch darauf gerechnet, erst am Nachmittag fortzukommen. Aber nun war das neue Hausmädchen, eine Ältliche mit spitzem Gesicht, auch schon eher angezogen; was sollte sie da auch noch? So hatte sie nur noch rasch die Heiligenbildchen aus ihrem Gebetbuch alle in ein Papier gewickelt und in die Schublade von des Jungen Nachttisch gesteckt – da würde er sie gewiß finden – und ›Gruß von Cilla‹ darauf geschrieben. Dann war sie abgezogen.

Ihren Korb hatte Cilla als Frachtgut aufgegeben, nun hatte sie nichts zu tragen als ein kleines Ledertäschchen und einen Pappkarton mit Stricken verschnürt. So konnte sie rasch vorankommen. Aber als sie dem Stadtbahnhof zuging, blieb sie auf einmal stehen: um ein Uhr war die Schule aus, nun ging es gegen elf, es kam wirklich nicht darauf an, wenn sie etwas später abfuhr. Wie würde er sich freuen, wenn sie ihm noch Adieu sagte und: ›Vergiß mich auch nicht!‹

Sie drehte sich um. In der Nähe der Schule würde sich schon eine Bank finden, da wollte sie auf ihn warten.

Die Vorüberkommenden schauten neugierig nach der jungen Person, die wie ein Soldat, still und steif, in der Nähe des Gymnasiums auf Posten stand. Eine Bank hatte Cilla nicht gefunden; sie traute sich nicht weit vom Eingang fort, aus Angst, ihn zu verpassen. So stand sie denn, mit ihrem kleinen Täschchen am Arm, den Karton hatte sie zur Erde gesetzt. Ab und zu fragte sie jemanden, wieviel Uhr es sei. Die Zeit verging langsam; endlich war es bald eins. Da fühlte sie ihr Herz klopfen: der gute Junge! Schon sah sie seine dunklen Augen freundlich aufglänzen, hörte ein erstauntes: ›Cillchen, du?!‹

Ihren Hut zurechtrückend auf dem schönen blonden Haar, ein höheres Rot auf den roten Wangen, sah Cilla hin nach dem Schultor: gleich würde es klingeln – dann kam er angestürmt – da – auf einmal sah sie die Frau. Die –?! Mit schnellen Schritten kam Frau Schlieben aufs Schultor zu. O weh!

Mit ein paar raschen Sätzen sprang das Mädchen hinter ein Gebüsch: die holte heute selber ihren Wolfgang ab?! Ach, da mußte sie ja gehen! Und sehr betrübt schlich sie zum Bahnhof. All die Freude, in der ihr Herz geklopft hatte, war hin; aber einen Trost hatte sie doch: der Wolfgang würde sie nicht vergessen. Nein, nie! –

Wolfgang war sehr erstaunt, als er seine Mutter sah. Er brauchte doch nicht abgeholt zu werden?! Das hatte sie doch auch früher nicht selber getan?! Er war unangenehm berührt. War er denn ein kleines Kind? Die andern würden ihn auslachen! Ein Unmut brannte in ihm, aber der Mutter Güte entwaffnete ihn.

Sie war heute besonders weich und sehr gesprächig. Sie fragte ihn nach all dem, was sie heute in der Schule gehabt hatten, schalt auch nicht, als er gestand, er habe zehn Fehler im lateinischen Extemporale gemacht, im Gegenteil, sie verhieß ihm einen Ausflug nach Schildhorn am Nachmittag. Es war ja ein so schöner, sonnenheller, fast sommerlicher Herbsttag. Ganz vergnügt schlenderte der Knabe neben ihr her, seine Bücher am langen Riemen schlenkernd. Daß Cilla heute abgehen sollte, hatte er augenblicklich ganz vergessen.

Freilich, als sie nach Hause kamen und das fremde Mädchen ihnen öffnete, machte er große Augen, und als sie zu Tisch gingen und die neue mit dem spitzen Gesicht, die aussah wie ein Fräulein, die Speisen auftrug, hielt er sich nicht länger.

»Wo ist Cilla?« fragte er.

»Die ist fort – du weißt doch,« sagte die Mutter so nebenhin.

»Fort –?!« Er wurde blaß und dann glühend rot. Also gegangen, ohne ihm Adieu zu sagen?! Er hatte auf einmal keinen Appetit mehr, obgleich er vorher solchen Hunger gehabt hatte. Jeder Bissen würgte ihn; starr sah er auf seinen Teller, wagte nicht aufzublicken, denn er fürchtete, er könnte weinen.

Die Eltern sprachen über dieses und jenes – allerlei Gleichgültiges –, und in ihm schrie es: ›Warum ist sie gegangen, ohne mir Adieu zu sagen?!‹ Das kränkte ihn zu tief. Er konnte es gar nicht fassen – sie hatte ihn doch so lieb gehabt! Wie hatte sie’s nur übers Herz bringen können, fortzugehen, ohne ihn wissen zu lassen, wo er sie finden konnte?! Es konnte nicht sein, das hatte sie nicht aus freiem Willen getan – sein Cillchen so von ihm gehen?! O nein, nein! Und gerade während er in der Schule war?!

Ein plötzliches Mißtrauen befiel ihn: an so etwas hatte er bisher gar nicht gedacht, aber nun war’s ihm auf einmal klar – oho, dumm war er denn doch nicht! – eben weil er gerade in der Schule war, hatte sie fortgemußt! Die Mutter hatte die Cilla immer nicht leiden können, die hatte auch nicht gewollt, daß Cilla ihm Adieu sagte!

Unter gesenkten Wimpern hervor schoß der Knabe böse Blicke nach seiner Mutter: das war eine Schändlichkeit von ihr!

In verhaltenem Ingrimm murmelte er: »Gesegnete Mahlzeit« und schlorrte die Treppe hinauf in sein Zimmer. Im Schublädchen fand er sofort die versteckten Heiligenbildchen – ›Gruß von Cilla‹ – da brach seine Wut aus und sein Schmerz. Er stampfte mit den Füßen und küßte die bunten Bildchen, und seine Tränen gaben lauter dunkle Flecke darauf. Dann polterte er die Treppe hinab ins Eßzimmer, wo der Vater noch am Tische saß und die Mutter am Büfett Obst und Kuchen in ihren Pompadour packte. Aha, sie hatte ja mit ihm spazieren gehen wollen! Das sollte ihm gerade einfallen!

»Wo ist die Cilla hin? Warum hast du sie mir nicht Adieu sagen lassen?!«

Die Mutter sah ihn wie erstarrt an: woher erriet der Junge ihre allergeheimsten Gedanken? Sie brachte kein Wort heraus. Aber er ließ sie auch zu gar keiner Äußerung kommen, seine noch hohe Knabenstimme überschlug sich in der Erregung und wurde dann tief und rauh: »Ja, du – o, ich weiß es ganz genau – du wolltest es nicht haben, daß sie mir Adieu sagte! Du hast sie fortgeschickt, damit ich sie nicht mehr sehen sollte – du, du! Das ist schändlich von dir – das ist – das ist gemein!« Er ging gegen sie an.

Langsam wich sie zurück – seine Hände hoben sich, wollte er sie schlagen?!

»Bengel!« Des Vaters Faust packte ihn im Genick. »Was unterstehst du dich? Die Hand gegen deine Mutter zu heben?! Du – du!« Der empörte Mann rüttelte den Knaben, dem die Zähne zusammenschlugen, und schüttelte ihn wieder und wieder. »Du – du Rüpel, du Nichtsnutz!«

»Sie hat sie mir nicht Adieu sagen lassen,« schrie der Knabe dagegen, »sie hat sie weggeschickt, weil – weil –«

»Du willst dich noch erdreisten, ein Wort zu –«

»Doch! Warum hat sie die Cilla mir nicht Adieu sagen lassen, die hat ihr gar nichts getan, die hab ich lieb gehabt, aber darum, gerade darum –«

»Schweig!« Ein heftiger Schlag traf des Knaben Lippen. Schlieben kannte sich selber nicht mehr; seine Ruhe hatte ihn verlassen, des Knaben Widersetzlichkeit jagte ihn in die Hitze. Wie der sich gegen seine haltende Hand sträubte, ihm mit dreisten Augen ins Gesicht sah! Wie der es wagte, die Stimme gegen ihn zu erheben! »Du« – er schüttelte ihn – »also so frech?! So undankbar?! Was wäre aus dir geworden – im Elend wärst du verkommen – ja – sie hat dich erst zum Menschen gemacht – dich aufgelesen aus dem –«

»Paul!« Der Schrei seiner Frau unterbrach Schlieben. Wie eine Sinnlose fiel ihm Käte in den Arm: »Nein, nein, laß ihn! Du sollst nicht, – nein!« Sie hielt ihm den Mund zu. Und als er sie im Ärger von sich schob und den Knaben wieder fester packte, entriß sie diesen ihm und drückte wie schützend seinen Kopf in ihr Kleid. Sie hielt seine Ohren zu. Und angstvoll, die überweit geöffneten Augen im tief erbleichten Gesicht nach ihrem Manne kehrend, flehte sie: »Kein Wort! Ich bitte, ich bitte dich!«

Sein Zorn war noch nicht verraucht. Wahrhaftig, Käte mußte nicht ganz bei sich sein! Was entzog sie denn den Knaben der wohlverdienten Züchtigung?! Mit hartem: »Aber Käte – kein Pardon!« ging er von neuem auf den Knaben zu.

Da flüchtete sie diesen zur Tür hinaus, riegelte ab und stellte sich vor die Tür, wie um den Ausgang zu versperren.

Nun war Wolfgang fort. Nun waren sie beide allein, sie und ihr Mann, und mit dem vorwurfsvollen Ruf: »Du hättest es ihm beinah verraten,« wankte sie nach dem Sofa. Sie fiel mehr hin, als daß sie sich setzte, und brach in fassungsloses Weinen aus.

Mit großen Schritten ging Schlieben im Zimmer auf und ab. In der Tat, da hätte er sich von seiner Empörung beinahe hinreißen lassen! Aber wäre es denn ein Unglück gewesen, wenn er dem Jungen ein Licht aufgesteckt hätte?! Mochte der nur wissen, woher er stammte, und daß er nichts, eigentlich gar nichts hier zu suchen hatte! Daß er alles aus Gnade empfing! Es war durchaus nicht nötig, eher nachteilig als wünschenswert, ihm das zu verheimlichen. Aber wenn sie es denn durchaus nicht haben wollte!

Er unterbrach sein Hin- und Hergehen, blieb vor der in der Sofaecke Weinenden stehen und sah auf sie nieder. Sie tat ihm so unendlich leid. Das hatte sie nun für all ihre Güte, ihre Selbstlosigkeit, für all ihre Aufopferung! Sachte legte er ihr, ohne Wort, die Hand auf den tiefgesenkten Scheitel.

Da richtete sie sich jäh auf und haschte nach seiner Hand: »Und tu ihm nichts, ich bitte dich! Schlage ihn nicht! Ich bin schuld – er hat’s erraten. Ich konnte sie nicht leiden, ich habe ihr gekündigt, und dann habe ich sie heimlich fortgeschickt – nur, weil er sie lieb hatte, gerade darum! Ich fürchtete sie. Paul, Paul« – sie rang reuevoll die Hände – »o, Paul, ich schäme mich vor dem Kinde, ich schäme mich vor mir selber!« – –

Wolfgang hockte oben in seiner Stube und hielt die Heiligenbildchen in der Hand. Die waren nun sein köstlichster, sein einziger Besitz; ein teures Andenken. Wo sie jetzt wohl sein mochte? Noch hier im Grunewald? Schon in Berlin? Oder noch viel weiter? Ach, wie er sich nach ihr sehnte! Ihr freundliches, ihm heimlich-zulächelndes Gesicht fehlte ihm, und dies Vermissen steigerte sich bis zur Unerträglichkeit. Hier war ja keiner, der ihn so lieb hatte, wie sie ihn lieb gehabt – den er so lieb hatte, wie er sie lieb gehabt hatte!

Nun Cilla fort war, vergaß er, daß er sie doch auch oft ausgelacht und gehänselt, sich auch jungenhaft mit ihr gezankt hatte. Nun wuchs seine Sehnsucht ins Unbegrenzte, und ihre Gestalt wuchs mit. Wurde so groß und stark, so übermächtig, daß sie ihm den Blick benahm auf alles andre, was noch um ihn war. Er warf sich auf den Teppich und krallte die Hände hinein; so mußte er sich halten, sonst hätte er alles um sich zerschlagen, alles, kurz und klein.

Das war der Tritt des Vaters auf der Treppe! Es rüttelte an seiner Tür. Mochte er rütteln! Wolfgang hatte sich eingeschlossen.

»Mache sofort auf!«

Aha, nun gab’s Prügel! Hastig wischte sich Wolfgang die Tränen ab, biß die Zähne zusammen und kniff die Lippen aufeinander.

»Nun, wird’s bald?!« Immer stärker wurde das Rütteln.

Da ging er und schloß auf. Der Vater trat ein; nicht mit dem Stock, den der Knabe in seiner Hand vermutet hatte, aber mit Zorn und Kummer auf der Stirn.

»Komm sofort herunter! Du hast deine arme, gute – nur zu gute Mutter tief gekränkt. Komm jetzt zu ihr und bitte ab. Zeige ihr, daß dir’s leid tut – hörst du?! Komm!«

Der Knabe rührte sich nicht. Mit einem namenlos unglücklichen, zugleich aber auch verbissenen Ausdruck starrte er, am Vater vorbei, ins Leere.

»Du sollst kommen – hörst du nicht? Deine Mutter wartet!«

»Ich komm nicht!« Wolfgang murmelte es; kaum daß er die Zähne voneinander brachte.

»Was –?!« Sprachlos, ganz benommen von so viel Frechheit, starrte der Mann den Knaben an.

Dieser erwiderte seinen Blick, groß und starr. Das junge Gesicht war so blaß, daß die dunklen Augen noch dunkler erschienen; abgrundschwarz.

›Böse Augen,‹ sagte sich Schlieben. Und von einem alten, längst vergessenen, aber trotz allem und allem immer noch in der tiefsten Seele schlummernden, jetzt plötzlich lebendig gewordenen Argwohn jäh übermannt, faßte er den Knaben vorn bei der Brust und hielt ihn so mächtig, daß es keinen Widerstand mehr gab.

»Bengel! Bursche! Hast du denn gar kein Herz? Sie, die dir so viel Gutes getan hat, sie, sie wartet auf dich – und du, du willst nicht?! Auf die Kniee, sag ich! Voran – bitte ab! Sofort!« Und er faßte den keine Regung Zeigenden nun im Genick anstatt bei der Brust, und stieß ihn vor sich her, die Treppe hinunter, hinein ins Zimmer, wo Käte saß, versunken in ihren Kummer, die Augen rotgeweint.

»Hier kommt einer, der abbitten will,« sagte Schlieben und stieß ihr den Knaben vor die Füße.

Wolfgang hatte schreien wollen: ›nein, ich bitte nicht ab, nun erst recht nicht!‹ – da tat sie ihm auf einmal so leid. Ach, die war ja ebenso unglücklich wie er – sie paßten nun einmal nicht zueinander! Das war wie eine plötzliche Erkenntnis, die seinen Blick vertiefte, sein Kindergesicht so verschärfte in allen Linien, daß es alt wurde über seine Jahre.

Aufschluchzend stieß er heraus: »Verzeih!« Er hörte es selber nicht, wieviel Qual in seinem Ton lag, er fühlte auch kaum, daß ihre Arme ihn emporzogen, daß er für Augenblicke an ihrer Brust lag und sie ihm die Haare aus der glühenden Stirn strich. Er war wie halb bewußtlos; nur eine große Leere fühlte er und eine unklare Trostlosigkeit.

Wie im Traum hörte er den Vater sprechen: »So ist’s recht! So, nun geh und arbeite! Und bessere dich!« Und der Mutter sanfte Stimme: »Ja, er wird schon!« Wie ein Nachtwandelnder ging er die Treppe hinauf. Er sollte jetzt arbeiten – wozu, warum?! Es war ja alles so gleichgültig. Gleichgültig war es, ob die hier ihn lobten oder tadelten – was ging ihn alles hier an?! Er mochte hier überhaupt nicht mehr sein, nicht länger mehr bleiben – nein, nein! Wie im Abscheu schüttelte er sich.

Lange stand er dann auf einem Fleck, ins Leere stierend. Und vor seinen starrenden Blicken erstand allmählich eine große, eine unermeßliche Weite – Kornfelder und Heide, rote blühende Heide, in der die Sonne versinkt, stille Wasser, an denen ein einsamer Vogel lockt und über all dem feierlich-schönes Glockengeläut. Da mußte er hin! Verlangend streckte er die Arme aus, seine verweinten Augen glänzten auf.

Wenn sie ihn hier hielten, festhielten – nein, sie konnten ihn nicht halten! Dahin mußte er!

Wie gezogen näherte er sich dem Fenster. Tief war’s da hinunter, zu tief für einen Sprung, aber er würde doch hinabkommen. Über die Treppe ging es freilich nicht, da würden sie ihn hören, aber so – ja, so!

Sich auf das äußere Gesims des Fensters knieend, streckte er tastend die Füße nach der Wasserrinne aus, die, zur Seite des Fensters, die ganze Wand des Hauses hinablief. Ha, er fühlte sie! Da rutschte er vom Sims herab, hing nur noch mit den Fingerspitzen daran, baumelte für ein paar Momente in freier Luft, hatte dann die Wasserrinne zwischen den Knieen, ließ die Finger vollends vom Sims, umklammerte das Blechrohr und fuhr daran hinab, rasch und lautlos.

Scheu sah er sich um: es hatte ihn niemand gesehen! Niemand war auf der Straße, fern wanderten nur ein paar Spaziergänger. Geduckt schlich er unter den Parterrefenstern her – nun war er im Garten hinter den Bosketts – nun über den Zaun – seine Hose schlitzte, das machte nichts – nun sah er mit einem Gefühl wilden Triumphes nach dem Hause zurück. Er stand drüben auf dem öden Feld, das noch immer unbebaut lag; stand, gedeckt von einem wilden Holunderbusch, dessen ersten Sprößling er vor Jahren, als Kind, hier eingesenkt hatte. Keine Empfindung des Bedauerns regte sich in ihm. Flüchtig wie ein Wild, das Schüsse hört, jagte er davon, dem deckenden Walde zu.

Er rannte und rannte, lief noch, als längst kein Laufen mehr not tat. Erst eine völlige Erschöpfung zwang ihn, innezuhalten. Er war immer quer durchgelaufen, ohne jeglichen Weg; nun wußte er nicht mehr, wo er war. So viel war sicher, er war schon weit fort; so weit war er auf seinen Räuberzügen mit den Spielgefährten nicht gekommen, so tief in den Wald hinein nicht, auch nie auf Spaziergängen so gänzlich ins Pfadlose, ins ganz Einsame. Hier konnte er ruhig eine Weile rasten.

Er warf sich auf den Boden, dessen Sand nur feinfädiges Gras und in kleinen Senkungen einige Bestände von Adlerfarrn wies. Um ihn reckten sich stille Bäume wie schlanke Säulen, die den Himmel zu tragen schienen.

Hier lag er eine Weile auf dem Rücken und ließ das Blut ausrasen, das ihm wie toll durch die Adern schoß. Er glaubte das unerklärlich heftige Pochen seines Herzens laut zu hören – o, wie unangenehm es ihm da in der Brust hämmerte und stach, so hatte er noch nie sein Herz gespürt! Freilich, so war er auch noch nie gelaufen, wenigstens seit der Krankheit nicht. Er mußte nach Luft ringen, er glaubte zu ersticken. Endlich konnte er wieder bequemer atmen; jetzt brauchte er nicht mehr die Nasenflügel zu blähen und mit offenem Munde zu schnappen. Jetzt genoß er ein Wohlbehagen, das allmählich über ihn kam.

Es war noch nicht dämmerig, als er wieder weiterging, aber doch schon begann der Spätnachmittag zu zeigen, daß es Oktober war. Der Sonnenschein, der durch die roten Kiefernäste fiel, hatte etwas unendlich Mildverklärtes, eine süße Sanftheit, die auch den wilden Durchgänger sänftigte. Er ging in einem Traum – wohin? Das wußte er nicht, daran dachte er auch nicht, er ging eben, ging. Ging einer Sehnsucht nach, die ihn unwiderstehlich zog, die wie eine ihr Nest suchende Taube vor ihm herflatterte, girrte und lockte. Und die Taubenschwingen waren stärker denn Adlerfittiche.

Wo die Sehnsucht flog, da waren keine Menschen. Da war es so friedlich-still. Nicht einmal der Fuß, der in Moos und kurzem Gras versank, machte ein Geräusch. Dünnen Kerzen gleich, die oben brannten, so standen die Kiefern in sonnigen Abendgluten. Kein herbstliches Blatt, in dem ein Wind hätte rascheln können, lag am Boden; über die glatten Nadeln und die farblosen Zäpfchen, die von den Kronen herabgesunken waren, strich die Luft hin ohne Laut.

Daß es so schön hier war! Mit einem staunenden Entzücken sah Wolfgang sich um. So schön hatte es ihn früher doch nie gedeucht! Freilich, da wo die Villen stehen und die Wege führen, da war’s auch nicht so wie hier! Sein Blick glitt bald nach rechts, bald nach links, und mit Neugier voraus in den Dämmer des Waldes. Da, wo das letzte Sonnengold nicht wie rotes Blut an den rissigen Borken klebte, da, wo das Licht nicht mehr hin traf, war ein weiches, geheimnisvolles Dunkeln, in dem die moosigen Stämme mit ihrem tiefen Grün trotzdem leuchteten. Und ein Duften war hier, so feucht-kühl, herb und frisch, daß die Brust wie befreit aufatmete und eine neue Kraft durch die Glieder rann.

Wolfgang begann jetzt, hier in der großen Ruhe die Aufregungen des Tages zu empfinden. Er faßte sich nach der heißen Stirn – ah, jetzt merkte er, daß er nicht einmal eine Mütze hatte! Aber was machte das? Er war frei, frei! Mit einem Jauchzen schoß er dahin, und dann erschrak er über die eigne laute Stimme: st, still! Nur nicht wieder eingesperrt werden, frei sein, frei!

Nun fühlte er keine Sehnsucht mehr. Eine große Wonne durchrann ihn, eine schrankenlose Seligkeit. Die Augen strahlten ihm – er riß sie weit auf – er konnte gar nicht genug die Welt bestaunen, als sehe er sie heut zum ersten Mal. Er rannte gegen die himmeltragenden Stämme und umfing sie mit beiden Armen; er drückte sein Gesicht an die harzige Rinde. War diese Rinde nicht weich, schmiegte sie sich nicht an seine glühende Wange wie eine schmeichelnde Hand?!

Er warf sich aufs Moos und reckte sich lang und rekelte sich in höchstem Behagen und sprang dann wieder auf – es litt ihn doch nicht – er mußte sehen, genießen, seine Freiheit genießen.

Nur ein einziger roter Streif über dem blauenden Wald verriet noch, wo die Sonne gestanden hatte, als er sich erst bewußt wurde, wo er eigentlich war. Hier führte die ehemalige Heerstraße von Spandau nach Potsdam; rostbraune und gelbe Kastanien zogen eine Allee durch ödes Land. In selten mehr befahrenen Wegrinnen lag der Sand fußhoch. Aha, hier kam man also nach Potsdam oder nach Spandau, je nachdem! Jedenfalls zu Häusern und zu Menschen – o weh, hörte man da nicht schon Hahnenkrähen und ein Rattern wie von langsamen Rädern?!

Kurz entschlossen bog der Knabe links ab von der alten Fahrstraße, kroch durch einen verbogenen Stacheldrahtzaun, der ein Stück Rodung, das neu angeschont war, schützen sollte, sprang wie ein Hirsch in weiten Sätzen über die kaum handhohen Pflänzlinge dahin und suchte eine Deckung.

Er brauchte keine, hierher kam kein Mensch. Langsamer ging er zwischen den kleinen Bäumchen; er hütete sich wohl, sie zu treten, bückte sich und besah sie, schritt sie ab wie ein Ackerer seine Furchen.

Und auf einmal war es Abend. Über die Erde waren Nebel gekrochen, leicht und klein, waren dann aufgestanden und größer geworden, waren hingehuscht über die Rodung im sich erhebenden Nachtwind und hatten sich dort den einzelnen, stehengebliebenen Knorren wie der Gespenster winkende Schleier angehängt.

Aber Wolfgang fürchtete sich nicht; er empfand kein Grauen. Was konnte ihm hier geschehen, hier, wohin nur ab und zu der ferne Pfiff einer Eisenbahn tönte und der Wind ein wenig Rauch, der Lokomotive entrissen, wie ein leichtes, rasch sich lösendes Wölkchen trug?!

Als wäre man in der Prärie, in den Steppen, dachte sich der Junge, da, wo keine Hütten mehr sind, nur Lagerfeuer ihr bißchen Rauch zum Zeichen senden. In die Seligkeit seiner Freiheit mischte sich eine gewisse Abenteurerlust. Das hatte er sich immer einmal gewünscht, im Freien zu kampieren. Ein Feuer würde er freilich nicht anzünden können und daran kochen; er hatte nichts dazu. Aber Hunger empfand er auch nicht, nur jetzt das einzige Bedürfnis, recht tief und lange zu schlafen.

Ohne Bedenken streckte er sich hin; der Boden war schon kühl, aber sein Anzug war dick und ließ die Kälte nicht durch. Den Kopf ein wenig erhöht bettend, reckte er das Gesicht gegen den Nachthimmel. An dem zogen milde Sterne auf und lächelten zu ihm nieder.

Er hatte geglaubt, gleich einzuschlafen, überwältigt von Müdigkeit, aber nun lag er doch noch lange mit offenen Augen. Ein unerklärliches Empfinden hielt ihn wach: dies war zu schön, zu schön, dies war ja schon ein herrlicher Traum! Goldene Augen behüteten ihn, ein samtiger Mantel hüllte ihn ein, eine Mutter wiegte ihn weich.

Fort waren Sehnsucht, Trotz, Schmerz, Wut, alles, was weh tat. Nur ein Glück war geblieben im unendlichen Frieden.

5

Frida Lämke war nun eingesegnet, sie trug den Rock fast bis zur Erde, und als sie Wolfgang Schlieben nach langer Zeit wieder zum ersten Mal begegnete, war ihr Gruß nicht mehr das vertraulich-bekannte Nicken der Kindheit. Aber sie blieb bei dem früheren Spielgefährten stehen.

»Na, Wolfgang,« sagte sie lachend und zugleich ein bißchen von oben herab – sie kam sich so unendlich überlegen vor –, »na, was machste denn?«

»Gut!« Er setzte eine unternehmende Miene auf, die nicht ganz zu dem Blick seiner Augen paßte.

Sie musterte ihn: war der Wolfgang ein Kerl geworden! Aber er hielt sich so schlecht, so vornüber! »Halt dir doch jrade,« ermahnte sie und reckte ihre eigne binsengleiche Schlankheit. »Warum machste denn so ’n Buckel?! Und mit den Augen blinkerste, als wärste kurzsichtig. Na, warte man, du solltest mal bei meine Prinzipalin kommen – au weih, die würde dir schön zurechtstutzen!« Sie kicherte in sich hinein, ihre ganze schmale Figur schüttelte sich vor heimlicher Lachlust.

»Du bist so vergnügt,« sagte er langsam.

»Na, warum denn nich? Meinste, so’n oller Drache kann mir die Laune verderben? Na, so dumm! Wenn sie schimpft, duck ich mir, ich sage kein Wort, aber innerlich amüsiere ich mir! Haha!« Ihre helle Stimme klang unendlich heiter.

Wie hübsch sie war! Des Knaben dunkle Augen hefteten sich auf Frida Lämke, als hätte er sie noch nie gesehn. Auf ihrem blonden Haar, das sie nicht mehr in einem langen Zopf trug, sondern im Nacken in einem dicken Knoten, schimmerte die Sonne. Ihr Gesicht war so rund, so blühend!

»Du kommst nie mehr zu mir,« sagte er.

»Wie kann ich denn?!« Die Achsel zuckend, tat sie wichtig. »Was meinste wohl, was ich zu tun habe! Morgens schon vor achte ’rein mit die Stadtbahn, un denn nur zwei Stunden Tischzeit – immer ’rein, ’raus – un abends bin ich meist nie vor zehne zu Hause, oft auch noch später. Dann bin ich so müde, dann schlafe ich wie ’ne Ratze. Aber Sonntags, dann läßt mir die Mutter mal ausschlafen, und nachmittags jehe ich mit Arturn und Flebbe los, wir –«

»Wo geht ihr hin?« fragte er hastig. »Ich kann ja auch mal mitgehn!«

»Och du!« Sie lachte ihn aus. »Du darfst ja nich!«

»Nein!« Tief senkte er den Kopf.

»Na, sei man nich traurig,« ermunterte sie und fuhr ihm mit dem Zeigefinger, an dem der schäbige Glacéhandschuh an der Spitze aufgesprungen war, ums Kinn. »Dafor biste ja auch Schüler vons Gymnasium. Artur kommt nächsten Herbst auch in de Lehre. Mutter denkt, bei’n Friseur. Un Flebbe, der lernt ja schon Matrealist – sein Vater hat’s ja dazu – wer weiß, der kriegt an’n Ende noch mal ’n eijnes Jeschäft!«

»Ja,« sagte Wolfgang eintönig in ihr Plaudern hinein. Wie verloren stand er auf der Straße, seine Bücher unter den Arm gepreßt. Ach, wie weit, weit war die hier, waren die alle drei nun auf einmal von ihm gerückt! Die, mit denen er einst täglich gespielt hatte, deren Hauptmann er stets gewesen war, die waren nun schon so groß, und er, er war noch ein dummer Schuljunge!

»Verflixt!« Mit einer heftigen Gebärde schleuderte er seinen Bücherpacken von sich, daß der Riemen, der ihn zusammenhielt, sich löste. Alle Bücher und Hefte flogen auseinander und lagen voneinander gespreizt im Staub der Straße.

»Au weh, aber Wölfchen!« Frida bückte sich ganz erschrocken und las eifrig alles zusammen.

Er half ihr nicht aufsammeln. Mit einem bösen Ausdruck starrte er vor sich hin.

»Da – da haste se wieder,« sagte das vom emsigen Bücken ganz rot gewordene Mädchen, pustete die Bücher ab und zwängte sie ihm wieder unter den Arm.

»Ich mag nicht!« Er ließ sie wieder fallen.

»Na, du bist jut! Was fällt dir denn ein – die teuern Bücher!« Sie konnte sich ordentlich über ihn ärgern. »Weißte denn nich, daß die Jeld kosten?!«

»P–!« Er machte eine Handbewegung, wie: was macht das?! »Dann werden eben neue gekauft!«

»Wenn dein Vater auch Jeld genug hat,« ereiferte sie sich, »das ’s doch nicht recht von dir, so mit die juten Sachen umzujehn!«

Er sagte kein Wort hierauf, aber er hob nun die Bücher auf und schnallte sie wieder in den Riemen. Verlegen standen sie beide zusammen. Sie sah ihn verstohlen von der Seite an: hatte der sich aber verändert! Und er ärgerte sich über seine Heftigkeit: was sollte sie nun wohl von ihm denken?!

»Ich muß nu jehn,« sagte sie plötzlich, »sonst krieg ich nich mal mehr mein Mittagessen jejessen – au, hab ich ’n Hunger!« Sie legte die Hand auf den Magen: »Das wird schmecken! Mutter hat heute Pellkartoffeln un Hering!«

»Ich gehe mit!« Seinen Schritt dem ihrigen anpassend, trabte er neben der eilig Trippelnden her.

Sie war ganz rot geworden: was würde die Mutter sagen, wenn sie Wolfgang mitbrachte?! Nein, das ging wirklich nicht an, es war ja heute, gerade heute bei ihnen nicht aufgeräumt! Und gelogen hatte sie auch: es gab ja gar nicht Hering, nur Zwiebelsauce zu den Pellkartoffeln!

Sie genierte sich vor Wolfgang. »Nee, jeh du man nach Hause,« sagte sie und verschanzte sich hinter einem Schmollen, »biste so lange nich bei uns jewesen, brauchste auch heute nich. Ich bin dir böse!«

»Mir böse – mir?! Was hab ich denn getan? Ich sollte doch nicht zu euch kommen, ich durfte doch nicht – dafür kann ich doch nicht! Frida!«

Sie fing an zu rennen, blutrot im Gesicht; er rannte neben ihr her. »Frida! Frida, mir, mir kannst du doch nicht böse sein?! Och, Frida, sei doch nicht so! Frida, laß mich doch mitgehen! Nun bin ich dir endlich mal begegnet, und nun bist du so?!«

Es lag Trauer in seiner Stimme. Sie fühlte die wohl heraus, aber zugleich ärgerte sie sich: was brauchte er sich ihr so anzukleben! Flebbe würde das auch gar nicht recht sein! Und so sagte sie schnippisch: »Wir passen ja doch nich zusammen. Jeh du nur mit deinen Fräuleins. Zu denen jehörste nu mal!«

»Sag das noch mal – untersteh dich!« Grob schrie er’s und hob die Hand, als wollte er ihr einen Schlag geben. »Dumme Zieraffen, was gehen die mich an?!«

Er hatte recht – das mußte sie ihm innerlich zugestehen – nie hatte er sich an einen der Backfische herangemacht, die hier rund herum in den Villen wohnten. Sie wußte es wohl, daß er sie allen vorzog, und fühlte sich geschmeichelt in ihrer Eitelkeit; besänftigend sagte sie, aber zugleich ausweichend: »Nee, Wölfchen, du kannst aber doch nich mehr mit mir jehen, es paßt sich doch nu mal nich mehr!« Und sie bot ihm die Hand: »Adieu, Wolfgang!«

Sie waren gerade zwischen dem Buschwerk eines kleinen Schmuckplatzes mit Bänken, an dem die Villen, hinter Vorgärten ganz versteckt, weit zurücklagen. Kein Mensch war in Sicht im stillen Mittagssonnenglanz. Aber wären auch Leute gekommen, es hätte ihn nicht abgehalten; mit beiden Armen packte er sie wie in einer Art von Wut: »Ich gehe mit – ich laß dich nicht!«

Unsanft wehrte sie sich: was fiel dem dummen Jungen ein?! Der war wohl verrückt?! »Laß mich doch,« fauchte sie wie eine kleine Katze, »läßte mich jleich los?! Au! Warte man, ich sage es Flebben, der soll dir auf ’n Kopp kommen! Laß mich doch in Ruhe!«

Er ließ sie nicht los. Ohne Wort hielt er sie umklammert, seine Bücher lagen wieder im Staub.

Wollte er sie küssen oder schlagen?! Sie wußte es nicht; aber sie hatte Angst vor ihm und wehrte sich wie sie konnte. »Du Durchbrenner,« zischte sie ihn an, »na, du bist ’n Schöner! Rennt fort von Hause, verkriecht sich im Walde! Aber sie haben dir ja doch jekriegt – ätsch!«

Er hatte sie plötzlich losgelassen; sie stand vor ihm und höhnte ihn aus. Nun hätte sie gut fortlaufen können, aber nun reizte es sie, stehen zu bleiben und ihn herunterzumachen: »Durchbrenner! Auskneifer!«

Er war sehr rot geworden, den Kopf hielt er tief gesenkt.

»Wie konntste das bloß machen?« fuhr sie fort mit einer gewissen Grausamkeit. »Na, so dumm! Alle haben se dir ausjelacht! Wir wollten ’t absolut erst jar nich jlauben. Nee, ich sage, rennt der Bengel weg, ohne Jeld, ohne Mütze, ohne ’n Stück Brot in der Tasche! Du wollt’st wohl so nach Amerika, was?!« Sie musterte ihn von Kopf bis zu Füßen, und dann warf sie ihren Oberkörper ein wenig hintenüber und lachte laut: »Na, so was!«

Er hob den Kopf nicht, murmelte nur vor sich hin: »Lachen sollst du nicht drüber – nein, lachen nicht!«

»Na, was denn? Vielleicht weinen? Was jeht’s mich an! Deine Mutter hat jenug drüber jeweint, un dein Vater ist ’rumgerannt wie ’n Verrückter. Die janzen Beamten vons Revier waren auf ’n Beinen. Sag mal, du hast wohl ordentlich Dresche jekriegt, als sie dir nach Hause brachten am Schlafittchen?!«

»Nein!« Er hob plötzlich den Kopf und sah ihr starr in die ein wenig boshaft funkelnden Augen.

Es war etwas in diesem Blick – ein stummer Vorwurf – das zwang sie, ihre Lider zu senken.

»Geschlagen haben sie mich nicht – das hätte ich mir auch nicht gefallen lassen – nein, geschlagen nicht!«

»Eingesperrt?« fragte sie neugierig.

Er gab ihr keine Antwort; was sollte er sagen?! Nein, eingesperrt hatten sie ihn nicht, er durfte frei umhergehen in Haus und Garten, auf der Straße, in der Schule – und doch, er war doch nicht frei!

Tränen schossen ihm plötzlich in die Augen; stammelnd und stockend brachte er’s heraus: »Du – du solltest – mich – nicht – nicht höhnen – Frida! Ich bin so – so –«

Er wollte sagen ›unglücklich‹; aber das Wort kam ihm zu klein vor und auch wieder zu groß. Und er schämte sich, es laut auszusprechen. So stand er stumm, wie mit Blut übergossen; und nur Tränen, die er nicht mehr zurückhalten konnte, rollten über sein Gesicht und fielen in den Staub der Straße.

Es waren Tränen des Schmerzes und der Wut. Über ein halbes Jahr war’s nun schon her – ach, schon länger – aber es drückte ihn doch noch, als wäre es gestern gewesen. Keinen Augenblick noch hatte er’s vergessen, daß sie ihn eingefangen hatten mit solcher Leichtigkeit. So bald hatten sie ihn gefunden! Beim Morgengrauen schon, noch ehe die Sonne eines neuen Tages aufgegangen war. Und eingebracht hatten sie ihn im Triumph. Was ihm eine große Tat gewesen war, ein Heldenstück, das war ihnen ein Dummerjungenstreich. Die Mutter hatte wohl viel geweint, aber der Vater hatte ihn nur am Ohrläppchen gezogen: ›Einmal und nicht wieder, mein Sohn, das merke dir!‹

Wolfgang weinte still, aber heftig. Frida stand vor ihm und sah ihn weinen, und plötzlich schoß es auch ihr naß in die Augen – sie war doch immer seine gute Freundin gewesen. Nun weinte sie mit.

»Wölfchen,« schluchzte sie, »weine man nich! Es is ja nich so schlimm! Die Leute wissen schon nischt mehr davon – so was verjißt sich! Zu schämen brauchste dir noch lange nich – warum denn? Daß de denen bei dir zu Hause mal en bißchen bange jemacht hast, schad’t jar nischt! Nu sagste einfach, wenn se dir nich zu uns lassen: ›denn renne ich wieder weg!‹ Komm man nächsten Sonntag nachmittag, denn jehe ich nich mit Artur un Flebbe – nee, denn warte ich auf dich!«

Mit der einen Hand wischte sie sich die Tränen ab, mit der andern ihm.

So standen sie im hellen Sonnenglanz, inmitten von blühenden Büschen. Flieder duftete; ein Rotdornbaum und ein Goldregen streuten, geschüttelt vom leisen Maiwind, ihre schönfarbigen Blütenblättchen über sie. Der dunkle und der blonde Kopf neigten sich dicht zueinander.

»Frida,« sagte er und faßte ihre Hand so fest, als klammerte er sich daran, »Frida, bist =du= mir denn wenigstens noch gut?!«

»Na, natürlich!« Sie nickte und ließ, noch Tränenspuren im Gesicht, gleich wieder ihr helles, frohes Lachen ertönen. »Das wäre ’ne nette Freundschaft, wenn die so rasch in die Wicken jinge! Da –!« Sie spitzte den Mund und gab ihm einen Kuß.

Er wurde sehr verlegen, sie hatte ihm ja noch nie einen Kuß gegeben.

»Da!« Sie gab ihm noch einen. »Un nu sei man auch wieder verjnügt, mein Junge! Es is ja so ’n wunderschönes Wetter!«

* * * * *

»Du kommst heute spät,« sagte die Mutter, als Wolfgang, statt um eins, erst um zwei aus der Schule kam. »Du hast doch nicht etwa nachbleiben müssen?«

Ein Gefühl des Unmuts stieg in ihm auf: wie kontrollierte sie ihn doch immer! Die frohe Stimmung, in die ihn seine Freundin Frida versetzt hatte, war hin; die Fesseln drückten wieder. Aber er dachte noch viel an Frida. Am Nachmittag, beim Arbeiten, tauchte ihr Kopf mit dem dicken Haarknoten immer hinter seinem Pult auf und reckte sich über sein Buch und störte ihn; aber es war eine angenehme Störung. Schade, daß Frida so wenig Zeit mehr hatte! Wie war das doch schön gewesen, als sie noch Kinder waren! Sie war ihm immer die Liebste gewesen, mit ihr hatte er noch besser spielen können als mit den beiden Jungen, sie hatte ihn immer verstanden und immer zu ihm gehalten – ach!

Es war ihm, als müßte er jetzt den Jungen, der damals Räuberhauptmann gespielt und sich Kartoffeln in der Asche gebraten hatte, als müßte er selbst den Jungen, der einmal so krank gewesen war, daß man ihn, als er zum ersten Mal an die freie Luft sollte, im Krankenstuhl fahren mußte, als müßte er diesen Jungen so recht aus tiefster Seele beneiden. Der, der jetzt hier am Pult saß und zerstreut über seine Hefte hinweg ins Leere blinzelte, der war dieser Junge nicht mehr. Der war kein Kind mehr! Es kam Wolfgang auf einmal vor, als läge eine goldene Zeit unwiederbringlich verloren und weit hinter ihm. Als hätte er gar keine Freuden mehr vor sich. Hatte der Prediger, zu dem er jetzt in die Konfirmandenstunde ging, nicht auch gesagt: ›Ihr seid nun nicht Kinder mehr?!‹ Und hatte der Prediger nicht weiter gesprochen: ›Der Ernst des Lebens tritt nun bald an euch heran?!‹ Ach, der war schon da!

Die Stirn gerunzelt, das zerkaute Ende des Federhalters zwischen den Zähnen, saß Wolfgang unlustig vor seiner Arbeit. Er brütete. Allerlei Gedanken kamen ihm, die er früher nie gehabt hatte; Worte fielen ihm auf einmal ein, die er noch nie so überlegt hatte. Was hatten eigentlich die in der Klasse dabei, daß sie ihn oft so sonderbar fragten?! Sie fragten nach seinen Eltern – na, was war denn an denen so Merkwürdiges?! – und wechselten dabei untereinander Blicke und sahen ihn so neugierig an! Was hatte er denn Komisches an sich?! Der Lehmann war am neugierigsten – und so unverschämt! Der hatte ihn neulich so verschmitzt angeplinkt von der Seite und die Backen aufgeblasen, als müßten die platzen beim Lachen über das besonders witzige: ›Du siehst deinem Alten aber mal verflucht wenig ähnlich!‹ Sah er wirklich weder Vater noch Mutter ähnlich – keinem von beiden?!

Als Wolfgang sich heute am Abend auskleidete, stand er lange vor dem Spiegel, der über seinem Waschtisch hing, ein Licht in der Hand, und hielt es bald rechts, bald links, bald höher, bald tiefer. Heller Schein fiel auf sein Gesicht. Der Spiegel war gut, gab jeden Zug treulich wieder in seinem klaren Glas – aber da war keine, auch gar keine Ähnlichkeit zwischen dieser derben Nase und dem feinen Näschen der Mutter! Auch des Vaters Nase war ganz anders. Und keiner von den Eltern hatte eine so breite Stirn mit tief hineingewachsenem Haar, und auch nicht so fast zusammenstoßende Brauen – dunkle Augen hatte der Vater zwar, aber sahen sie diesen hier, die so schwarz waren, daß selbst das ganz nahe gehaltene Kerzenlicht sie nicht erhellen konnte, eigentlich ähnlich?!

Mit einer Miene der Ungewißheit wendete sich der Knabe endlich ab. Und doch war in dem Seufzer, den er jetzt ausstieß, etwas von leiser Befreiung. Wenn er ihnen äußerlich denn so wenig ähnlich sah, brauchte er sich dann zu wundern, daß er oft auch so ganz, ganz anders dachte und fühlte als sie?!

Merkwürdig, wie die Jungen in der Schule ein Abklatsch von zu Hause waren! Und wie die großen Kerle noch ihren Müttern am Rockzipfel hingen! Da war der Kullrich, der hatte vierzehn Tage gefehlt, weil seine Mutter gestorben war, und als er zum ersten Mal nachdem wieder in die Schule gekommen war – eine schwarze Binde um den Jackenärmel –, war die ganze Klasse wie verdreht gewesen. Sie gingen mit ihm um, als wäre er ein rohes Ei, und sprachen ganz gedämpft, und kein Mensch machte einen Witz. Und als zufällig in der Konfirmandenstunde, in die Kullrich auch ging, der Spruch vorkam: ›So euch Vater und Mutter verlassen, der Herr nimmt euch auf,‹ guckten sie alle wie auf Kommando nach ihm hin, und der Kullrich legte den Kopf auf seine Bibel und hob ihn die ganze Stunde nicht mehr auf. Nachher ging der Lehrer zu ihm hin und sprach lange mit ihm und legte ihm die Hand auf den Kopf.

Das war schon eine ganze Weile her, aber vergnügt war der Kullrich noch immer nicht. In der Pause, wenn alle auf dem Hof promenierten und Butterbrot aßen, stand er fern und aß nicht. War es denn so schwer, die Mutter zu entbehren?! –

Es war heute eine wundervolle Mondscheinnacht über den schweigenden Kiefern; lange, lange noch lag der Knabe im Fenster. Die Augen brannten ihm; wie ein Mückenschwarm, der dicht wie eine Wolke in der Luft auf und nieder wirbelt, schwirrten ihm die Gedanken. Woher kamen sie, woher nur so auf einmal?!

Er gab die heiße Stirn, die Brust, auf der das Nachthemd auseinander geglitten war, dem kühlen Atem der Mainacht preis – ah, das tat gut! Das war das Beste, das Einzige, was sänftigte, was Ruhe gab! Ha, diese freie Luft, so rein, so frisch!

Wo jetzt wohl die Cilla sein mochte?! Er hatte nie mehr von ihr gehört. Die war jetzt da, wo er auch gerne hätte sein mögen – ach, so gern! Durch die stille Nacht kam’s wie schwebender Glockenklang, und er reckte die Arme und bog sich weit und weiter zum Fenster hinaus.

In dieser Nacht träumte Wolfgang so lebhaft von Cilla, daß er, als er erwachte, glaubte, sie stehe an seinem Bett, sie sei noch gar nicht fort von ihm. Aber dann sah er, als er sich die Augen gerieben hatte, daß der Platz, auf dem sie noch eben freundlich lächelnd gestanden hatte, leer war.

Nach den Schulstunden mußte er in die Konfirmandenstunde; nächste Ostern sollte er eingesegnet werden. Er war zwar noch etwas jung, aber Schlieben hatte zu Käte gesagt: ›Er ist körperlich so sehr entwickelt. Wir können ihn doch nicht als baumstarken, wenigstens äußerlich völlig erwachsenen Menschen einsegnen lassen. Sein Alter ist übrigens auch ganz das richtige. Es ist viel besser für ihn, wenn er nicht erst zu reflektieren anfängt!‹

Ob er nicht doch schon reflektierte?! Es war Käte oft, als wiche der Junge ihr aus, wenn sie ihn über die Religionsstunden befragte. Verstand der Lehrer es nicht, seine Seele zu fesseln? Doktor Baumann galt für einen ausgezeichneten Theologen, seine Predigten wurden gestürmt, es war eine besondere Vergünstigung, sich der überreichen Zahl seiner Konfirmanden anreihen zu dürfen; alle Schüler schwärmten für ihn, Leute, die er vor zehn, fünfzehn Jahren eingesegnet hatte, sprachen noch davon wie von einem Erlebnis.

Käte machte es sich zur Aufgabe, die Predigten des beliebten Geistlichen fleißig zu besuchen. Sonst war sie eigentlich nur Weihnachten und Karfreitag zur Kirche gegangen, jetzt ging sie fast alle Sonntag, ihrem Knaben zulieb, denn er mußte jetzt gehen. Sie gingen Sonntags gemeinsam aus dem Haus, fuhren gemeinsam zur Kirche, saßen nebeneinander; aber während sie dachte: ›Wie geistvoll, wie durchdacht, welch ein Schwung, muß der ein jugendliches Gemüt nicht mit sich fortreißen?!‹ – dachte Wolfgang: ›Wär’s doch nur schon aus!‹ Er langweilte sich. Und noch nie war seine Seele hier aufgeflogen so wie beim Klingeln des Glöckchens, wie beim Heben der Monstranz, wie beim Duften des Weihrauchs vor dämmernden Altären.

Es war etwas in ihm, das trieb ihn zu jener Kirche, die er einst mit Cilla besucht hatte. Wenn er zur Konfirmandenstunde ging, mußte er da unweit vorüber; aber wenn der Weg auch weiter gewesen wäre, er hätte es doch möglich gemacht, dort einzutreten. Nur ein paar Minuten, nur wenige Sekunden hier in einem Winkel stehen, nur ein paar Atemzüge tun in dieser süßen, ahnungsvollen, einlullenden Weihrauchluft! Allzeit fand er diese Kirche offen; und wenn er dann wieder hinaustrat in das Brausen Berlins, ging er durch die Straßen mit ihrem Rennen und Fahren wie einer, der aus einer andern Welt kommt. Dann achtete er nicht auf das, was man ihm vortrug an Kirchenlehre und Kirchengeschichte – was waren ihm Doktor Martin Luther, Calvin und andere Reformatoren?! – seine Seele war gefangen, sein Denken untergegangen in einem Gefühl dumpfer Gläubigkeit.

So gingen Sommer und Winter hin. Als die Tage längten und eine milde Sonnenwärme alle winterliche Feuchte bald zu trocknen versprach, ließ Schlieben seine Villa verputzen und neu streichen. Auch sie sollte ein festliches Kleid anziehen zu des Sohnes Festtag.

Wunderhübsch guckte das weiße Haus mit den roten Dächern und den grünen Läden hinter den Kiefern hervor; es hätte fast etwas Ländliches gehabt, wären die großen Spiegelscheiben nicht gewesen und der neu angebaute Wintergarten mit seinen Palmen und blühenden Azaleen. Im Garten säte Friedrich den Rasen neu ein, und ein Gehilfe stach die Rabatten sauber ab; überall wurde gegraben und gehackt. Dreist und froh zirpten Spatzen überlaut; aber Papierschnipsel, die, an langen Bindfäden über eingesäte Rasenflächen gespannt, im klärenden Wind flatterten, scheuchten die Frechen vom willkommenen Futter. Alle Gärten erwachten; die Rosenstämmchen waren zwar noch nicht von ihren Hüllen befreit, in denen sie aussahen wie Strohpuppen, aber an den Obstbäumen zeigten sich die knospenden Triebe, und der Seidelbast prangte in seinen pfirsichfarbenen Blüten. Kinderwagen in Weiß und Himmelblau fuhren die Straße auf und nieder, das Baby drinnen guckte schon hinterm Gardinchen vor, und kleine Füßchen trippelten noch nebenher. Aus allen Türen kamen Bonnen und Kinder, die Knaben mit Reifen, die Mädchen mit dem Ball in dem gestrickten Netz. Kichernde Backfische zogen zum Tennis, und junge Herrchen, vom Tertianer an, machten ihnen die Cour.

Überall Helle und Heiterkeit. In den Kiefernwipfeln freudig-erregtes Rauschen, in den Weiden am Seerand ein Auf und Ab von quellendem Saft. Ein Zug von Staren zog über die Grunewaldkolonie, und jeder Vogel äugelte nieder und suchte sich aus, in welchem Kästchen der hohen Stangenkiefern es ihn am meisten gelüstete zu nisten.

Oben auf Wolfgangs Bett lag der neue Anzug ausgebreitet – schwarze Hose und Rock – zur Konfirmation. Nun sollte er ihn einmal anprobieren.

Es war ein eigentümliches Gefühl in Käte, ein Herzzittern dabei, als sie ihm half, den ungewohnten Anzug anlegen. Bis jetzt war er immer wie ein Junge gekleidet gewesen, in Kniehose und Matrosenbluse, nun sollte er auf einmal wie ein Herr angezogen gehn. Der festlich-schwarze, feine Anzug kleidete ihn nicht; nun sah man erst, daß er derb war. Steif stand er da, die lange Hose zwängte ihn, der Rock war ihm ebenso unbequem; er machte ein unglückliches Gesicht.

»Sieh dich doch an, sieh dich doch mal an,« sagte Käte und schob ihn vor den Spiegel.

Er sah hinein; aber er sah den Anzug nicht, er sah nur das Gesicht der Mutter, die mit ihm zu gleicher Zeit ins Glas blickte, und sah, daß da auch nicht ein einziger Zug gemeinsam war zwischen ihm und ihr.

»Wir sehen uns kein bißchen ähnlich,« murmelte er.

»Wie – was sagst du?« Sie hatte nicht verstanden.

Er antwortete nicht.

»Gefällt dir der Anzug nicht?«

»Scheußlich!« Und dann starrte er zerstreut. Was hatten sie doch heute vormittag wiederum gesagt? Sie hatten gestichelt! Lehmann und von Kesselborn, die mit ihm eingesegnet wurden. War es darum, weil ihre Väter nicht so reich waren?! Kesselborns Vater war ein verabschiedeter Offizier, jetzt Standesbeamter, aber Kesselborn war schrecklich eingebildet auf sein ›von‹; und Lehmann war Kesselborns Intimus. Aber er hatte den beiden gesagt, daß er eine silberne Uhr schon seit dem achten Jahr hätte, und daß er zur Einsegnung eine echt goldene bekäme, die er dann immer, für alle Tage tragen würde – das hatte sie schmählich geärgert!

Vor Beginn der Konfirmandenstunde war’s gewesen – sie waren schon alle versammelt –, da hatte Kesselborn auf einmal gesagt: »Der Schlieben ist ein Protz,« und sich dann direkt zu ihm gewendet: »Hab dich nur nicht so!« Und Lehmann hatte noch zugefügt, auch recht laut, daß es alle hören mußten: »Tu dich man nicht so dicke, man weiß doch, was man weiß!«

»Was weißt du?!« Er hatte dem Lehmann anspringen wollen wie ein Tiger, aber da war der Geistliche eingetreten, und sie hatten gebetet. Und als der Unterricht, von dem er fast nichts gehört hatte – er hörte immerfort das andre –, aus gewesen war, wollte er sich über Kesselborn und Lehmann hermachen, aber die saßen nahe bei der Tür und waren schon weg, ehe er aus seiner Bank herauskonnte. Er sah sie nicht mehr. Aber er sah Blicke, in denen eine gewisse Neugier und Schadenfreude lauerte – oder war’s ihm nur so?! Er war sich darüber nicht klar geworden, er hatte auch nicht weiter mehr darüber nachgedacht. Aber wie er nun das Gesicht der Mutter so dicht neben dem seinen im Spiegel erblickte, fiel ihm auf einmal alles wieder ein. Und schwer fiel’s ihm ein, plumpte wie ein Stein in sein Denken.

»Ich sehe dir gar nicht ähnlich,« sagte er noch einmal. Und dann belauerte er sie: »Dem Vater auch nicht!«

»O doch,« sagte sie hastig, »dem Vater sehr!«

»Keine Spur!«

Sie war heftig errötet, und nun sah er, daß sie jäh blaß wurde. Jetzt lachte sie, aber es war etwas Gezwungenes in ihrem Lachen. »Es gibt doch viele Kinder, die ihren Eltern wenig ähnlich sehen – das macht’s doch nicht!«

»Nein, aber –!« Er hielt auf einmal inne und sprach nicht weiter und zog die Brauen finster zusammen, wie er immer tat, wenn er angestrengt nachdachte. Und unter diesen zusammengezogenen Brauen hervor schoß er so scharfe, so mißtrauische, so prüfende Blicke in den Spiegel, daß Käte unwillkürlich zur Seite wich und ihr Kopf nicht mehr neben dem seinen im Glas zu sehen war.

Es hatte sie durchfahren mit plötzlichem Schreck: was meinte er, war’s Absicht, daß er so sprach, oder sagte er’s völlig unbefangen?! Was ahnte er – oder ahnte er nichts?! Was hatte man ihm gesagt, was wußte er?!

Ihre Hände, die sich jetzt an seinem Anzug zu schaffen machten – sie war niedergekniet und zupfte seine Beinkleider länger herunter –, waren voll nervöser Hast, zupften hier, zupften da und zitterten.

Er sah jetzt nicht mehr in den Spiegel, er sah auf die Knieende herunter mit einer Miene, die sich nicht enträtseln ließ. Für gewöhnlich war sein Gesicht nicht ausdrucksvoll und weder schön, noch häßlich, weder bedeutend, noch unbedeutend – es war ein noch ungeprägtes, glattes, unausgereiftes Knabengesicht – aber nun war etwas darin, etwas Zweifelndes, Unruhevolles, was es älter erscheinen ließ, in die Stirn Furchen zog und um den Mund Linien. Hinter dieser gekrausten Stirn schienen Gedanken zu kreisen; die derben Nasenflügel bebten leise, die Lippen preßten sich in einem Zucken aufeinander.

In dem Zimmer ward es ganz still. Die Mutter sprach kein Wort, der Sohn auch nicht. Draußen zwitscherten Vögel, man hörte jedes leiseste Piepen und das heimliche Sumsen des Frühlingswindes in den Kiefernwipfeln.

Langsam erhob sich Käte von den Knieen. Es wurde ihr schwer, aufzustehen, wie eine Lähmung fühlte sie’s in allen Gliedern. Mit der Hand nach dem nächsten Möbel tastend, half sie sich auf.

»Zieh dich nun wieder aus,« sagte sie leise.

Er war schon dabei, sichtlich erleichtert, die ungewohnte Kleidung von sich streifen zu können.

Sie hätte so gern mit ihm gesprochen, irgend etwas ganz Gleichgültiges – nur sprechen, sprechen! – aber sie fühlte eine sonderbare Scheu vor ihm. Es war ihr, als könnte er zu ihr sagen: ›Weib, was habe ich mit dir zu schaffen?!‹ Und sie verstummte vor Angst.

Nun hatte er den neuen Anzug abgelegt und stand vor ihr mit der breiten Brust, die das nicht zugeknöpfte Hemd nackt ließ, mit den stämmigen Beinen, von denen die Strümpfe herabgerutscht waren, in seiner ganzen grobknochigen, nur halb bekleideten Derbheit. Sie wendete den Blick ab – war das schon ein großer Mensch! – und gleich darauf sah sie doch wieder hin: warum soll eine Mutter sich scheuen, ihr Kind zu betrachten?! Eine Mutter –?!

Vor ihren Blicken flimmerte es. Zur Tür schreitend, drehte sie nicht mehr den Kopf nach ihm, als sie sprach: »Ich gehe jetzt herunter. Du wirst wohl auch ohne mich fertig!«

Er murmelte etwas Unverständliches. Und dann stand er noch lange, halb bekleidet, und blickte so starr ins Spiegelglas, als könnten die Pupillen seiner Augen sich nicht bewegen. –

Immer näher rückte der Tag der Konfirmation; am Palmsonntag sollte sie stattfinden. Doktor Baumann hatte den jungen Menschen die Bedeutung des Schrittes, den sie zu tun im Begriff standen, sehr lebendig vor Augen gerückt. Nun fiel doch etwas vom Strahl der Feierlichkeit in Wolfgangs Gleichgültigkeit. In den letzten Stunden war er aufmerksamer; das kahle Konfirmandenzimmer mit den wenigen Bildern an den einförmigen Wänden dünkte ihn nicht ganz so kahl mehr. War’s nur, weil er sich daran gewöhnt hatte?! Gedämpfteres Licht fiel durch die sonst so tagesnüchternen Fenster und huschte verschönernd über die langweiligen Reihen der Bänke.

Selbst Lehmann und Kesselborn waren ihm in diesem Lichte nicht ganz so unsympathisch mehr. Es wurde alles milder, versöhnlicher. Die harte Knabenseele wurde weich. Wenn der Geistliche über die Gebote sprach und besonders das eine betonte: ›Ehre Vater und Mutter,‹ dann war es Wolfgang, als hätte er seinen Eltern vieles abzubitten: besonders der Mutter.

Aber kam er dann nach Hause, wollte ihr etwas Liebes sagen – ganz unvermittelt, so einfach aus seinen Gedanken heraus – dann war es ihm doch nicht möglich, denn sie fühlte ihm seine Absicht nicht an.

Manchen Tag ging Käte ihm zur Bahn entgegen – o, wie müde mußte der arme Junge heimkehren! Das war jetzt eine zu große Hetzerei, so oft in die Stadt hinein zum Unterricht, und in der Schule gab’s vorm Semesterschluß auch doppelt große Anstrengungen! Streicheln hätte sie ihn mögen, ihn hätscheln wie vormals das kleine Wölfchen. Aber wenn sie ihn dann daherschlendern sah, gar nicht ausschauend nach ihr, ohne Ahnung, daß sie da war, ihn zu erwarten, dann bog sie wohl rasch um die nächste Ecke oder blieb still stehen hinter einem Baum und ließ ihn vorüber. Er bemerkte sie gar nicht. – – –

Es waren ihrer viele, die der beliebte Geistliche zur Einsegnung vorzubereiten hatte, zu viele; er konnte sich nicht um jeden einzelnen kümmern, aber er glaubte doch der Mutter, die in einer gewissen Unruhe ihn aufsuchte, um ihn zu fragen, wie es denn um Wolfgang stehe, versichern zu können, daß er mit ihm zufrieden sei.

»Ich weiß, ich weiß, gnädige Frau! Ihr Herr Gemahl hat es für seine Pflicht gehalten, mich aufzuklären – ich habe ja auch den katholischen Taufschein des Knaben gesehen. Aber ich glaube Sie mit gutem Gewissen versichern zu können: der junge Mensch ist ein aufrichtig überzeugter evangelischer Christ! – Wie, Sie haben noch irgendwelches Bedenken hierüber?!« Ihre zweifelnde Miene, die fragende Ängstlichkeit ihres Blickes erstaunten ihn.

Sie nickte: ja, sie hatte ein Bedenken. Merkwürdig, wie ihr das in letzter Zeit so gekommen war! Aber ein Fremder, ein andrer würde es nicht verstehen, auch dieser Mann mit den klugen Augen und dem milden Lächeln nicht. Sie hätte dies Bedenken ja auch kaum in Worten zum Ausdruck bringen können. Und weit, weit hätte sie ausholen müssen, so weit, von damals an, wo sie das Kind seiner Mutter wegnahmen, es ganz in ihre eignen Hände nahmen, das ganze Kind mit Leib und Seele!

So sagte sie nur: »Also Sie glauben – Sie glauben wirklich – o, wie ich mich freue, Herr Doktor, daß Sie glauben, wir haben recht getan?!« Erwartungsvoll sah sie ihn an – ah, sie lechzte ja nach einer Bestätigung – und er neigte den Kopf:

»So weit unser Wissen und Verstehen geht – ja!« –

In der Nacht auf Palmsonntag schlief Wolfgang nicht. Es war ihm heute in der letzten Konfirmandenstunde gesagt worden, er solle sich innerlich vorbereiten. Und er fühlte es auch, daß morgen ein wichtiger Tag sei; ein Abschnitt. Er mühte sich, über all das zu denken, was ein Konfirmand bedenken soll. Er war sehr müde und konnte das Gähnen nicht unterdrücken, aber er riß krampfhaft immer wieder die Lider auf. Doch konnte er’s nicht hindern, daß seine Gedanken sich immer wieder verwirrten; er war nicht mehr ganz klar.

Was für einen Spruch er wohl bekommen würde morgen, zum Andenken an die Konfirmation?! Sie hatten in der Schule schon oft darüber hin und her geredet, jeder hatte seinen Lieblingsspruch, auf den er hoffte. Und ob er morgen früh vor der Kirche die goldene Uhr kriegen würde?! Selbstverständlich! Hei, wie würden sich dann Kesselborn und Lehmann bosen – – die Halunken! Unter die Augen halten würde er sie ihnen: da, seht mal! Grün sollten sie werden vor Neid – was brauchten sie über ihn zu tuscheln, sich um Sachen zu kümmern, die sie gar nichts angingen?! Pah, beunruhigen konnten sie ihn ja doch nicht, nicht mal ärgern!

Und doch sah er auf einmal sein eignes Gesicht so deutlich vor sich und das Gesicht der Mutter daneben, wie im Spiegelglas. Da war auch nicht ein Zug gemeinsam – nein, nicht einer!

Es war in der Tat doch merkwürdig, daß Mutter und Sohn sich so wenig glichen! Er war jetzt hell wach und fing an zu grübeln, die Stirn in Falten gezogen, die Hände zusammengeballt. Was meinten sie bloß mit ihren Anzüglichkeiten?! Wenn er das nur wüßte! Ganz zufrieden wollte er dann sein und ganz beruhigt. Aber so, im unklaren, konnte er an gar nichts andres denken. Immer wieder kreiste sein Sinnen um den einen Punkt. Das war ein scheußliches Gefühl, das ihn jetzt plagte, eine große Unsicherheit, in der er tappte wie im Stockfinstern. Licht, Licht! Er mußte Licht bekommen – ha, er würde schon welches bekommen!

Er wälzte sich unruhig, förmlich gequält, und überlegte und grübelte, wie er es herausbringen, wo er die Wahrheit erfahren sollte. Wer würde ihm bestimmt sagen, ob er der Eltern Kind war oder ob er’s nicht war? Warum sollte er denn eigentlich nicht ihr Kind sein?! Ja, er war’s – nein, er war’s nicht! Aber warum denn nicht?! Wenn er nicht ihr richtiges Kind wäre, würde ihm das sehr leid sein? Nein, nein – aber doch, es erschreckte so!

Schweiß lief dem aufgeregten Knaben über den Körper, und doch fror ihn. Fester zog er die Decke um sich und schüttelte sich wie im Fieber. Seltsam gebärdete sich dabei sein Herz, es flatterte ihm in der Brust wie mit unruhigem Flügelschlag. Ach, wenn er doch schlafen könnte und alles vergessen! Morgen wäre dann kein Gedanke mehr daran da und alles wie sonst!

Krampfhaft preßte er die Augen zu, aber der einmal gescheuchte Schlaf kam nicht mehr wieder. Er hörte die Uhren schlagen: unten vom Eßzimmer dröhnte die alte Standuhr herauf, und die bronzene Pendüle aus dem Zimmer der Mutter rief mit silberner Stimme. Die Stille der Nacht übertrieb die Geräusche; so laut hatte er die Uhren noch nie schlagen hören.

Kam der Morgen denn noch nicht, war das Licht denn noch nicht da?! Er sehnte den Tag herbei, und doch scheute er sich vor ihm. Eine unerklärliche Angst überfiel ihn plötzlich – ei, vor was fürchtete er sich denn so?

Wenn er doch schon in der Kirche wäre – nein, hätte er das doch schon hinter sich! Ein Widerstreben war in ihm, eine plötzliche Unlust. Rasend jagte immer derselbe Gedanke durch seinen Kopf, und sein Herz jagte mit; eine Sammlung war ihm nicht möglich. Seufzend drehte er sich in seinem Bette, fühlte sich unendlich vereinsamt, verängstigt, ja verfolgt.

›Führe ich gen Himmel, so bist du da. Bettete ich mir in die Hölle, siehe, so bist du auch da. Nähme ich Flügel der Morgenröte und bliebe am äußersten Meer‹ – ach, jenem einen Gedanken entfloh er nicht, überall war der und immer, immer da! – –

Als die Frühsonne des Palmsonntags sich zwischen den noch geschlossenen Läden durchstahl, in feinen goldenen Stäbchen in die Innenräume drang, kam Käte in das Zimmer ihres Sohnes. Sie war bleich, hatte sie doch die ganze Nacht mit sich gerungen: sollte sie ihm etwas sagen, jetzt an diesem Lebensabschnitt – sollte sie ihm nichts sagen?! Es war etwas, das in ihr flüsterte: ›der Tag ist da, sag’s ihm, du bist es ihm schuldig‹ – aber als die Morgensonne schien, hieß sie die Stimme der Nacht schweigen. Warum es ihm sagen, was kümmerte es ihn? Was er nicht wußte, konnte ihn nicht grämen; doch wenn er es wüßte, dann – vielleicht, daß er dann – o Gott, nur schweigen, nur nicht ihn verlieren!

Aber es drängte sie, ihn ihre Liebe fühlen zu lassen. Als sie hineinkam auf leisen Sohlen, war sie überrascht, denn er stand schon völlig angekleidet, im neuen schwarzen Rock, in den langen Hosen, am Fenster und sah unbeweglich hinaus auf das Stück Feld, auf dem man jetzt auch anfing, eine Villa zu bauen. Das Untergeschoß war schon fertig, hoch ragte ein Balkengerüst; es wurde ein gewaltiger Kasten.

»Guten Morgen, lieber Sohn!« sagte sie.

Er hörte sie nicht.

»Du! Wolfgang!«

Da fuhr er herum und sah sie an, erschrocken und als kenne er sie nicht.

»O, du bist schon ganz fertig!« Wie Enttäuschung lag’s in ihrem Ton; sie hätte ja so gern mit Hand angelegt, ihm geholfen, gerade an diesem Tage. In ihrem Herzen war ein wunderliches Gefühl; sie hatte nie geglaubt, daß dieser Tag sie so bewegen würde: war’s denn nicht ein Tag, wie andere Tage auch, ein Festtag natürlich, aber einer von vielen?! Und nun war’s ihr doch, als wäre dieser Tag einzig und als käme nie ein ähnlicher wieder.

Sie ging auf Wolfgang zu, legte die Arme um seinen Nacken und sah ihm tief in die Augen: »Mein Kind!« Und dann lächelte sie ihn an. »Nimm meinen Glückwunsch!«

»Wozu?« Er blickte so fremd über sie hin, daß all das, was sie ihm hatte Inniges sagen wollen, ungesagt blieb. Er war doch noch ganz Kind, trotzdem er sie fast überragte, noch viel zu sehr Kind, er verstand die Bedeutung dieses Tages noch gar nicht! So begnügte sie sich damit, nur noch an seinem Anzug zu bessern, ihm hier ein Fädchen abzunehmen, dort ein Stäubchen abzublasen und ihm den Schlips zurechtzuzupfen. Und dann mußte er den Kopf bücken: sie zog ihm den Scheitel noch einmal in dem sich ungern fügenden, immer wieder die Linie störenden, straffen Haar. Und dann konnte sie doch nicht an sich halten, nahm sein rundes Gesicht zwischen ihre beiden Hände und drückte ihm einen raschen Kuß auf die Stirn.

›Warum nicht auf den Mund?‹ dachte er. ›Eine Mutter hätte ihr Kind auf den Mund geküßt!‹

Sie gingen hinunter zum Frühstück. Blumen standen auf dem Tisch; der Vater saß schon da im schwarzen Gehrock, und auf Wolfgangs Teller lag die goldene Uhr. Eine kostbare Uhr. Er besah sie kritisch: ja, die gefiel ihm! ›Zur Erinnerung an den 1. April 1901‹ stand im Innern der goldenen Schale eingraviert. Weder Kesselborn noch Lehmann würden eine solche Uhr bekommen, keiner der Konfirmationsgenossen auch nur eine annähernd so kostbare! Furchtbar schwer war die Uhr – nun müßte er eigentlich auch noch eine goldene Kette dazu haben!

Die Eltern beobachteten Wolfgang, wie er dastand, die Uhr in der Hand, und darauf niedersah – ja, er freute sich! Und das erfreute sie wiederum, besonders Käte. Sie war dafür gewesen, ihm in den Deckel der Uhr auch noch einen Spruch eingravieren zu lassen, aber Paul hatte das nicht gewollt: nur keine Sentimentalitäten! Aber es war ja auch gut so, der Junge hatte seine Freude an dem Geschenk, also war der Zweck erreicht.

»Sie schlägt auch,« erklärte sie eifrig, »mitten im Dunklen kannst du wissen, welche Stunde es ist. Sieh mal, wenn du hier – siehst du? – wenn du hier drückst!«

»Ja! Gib mal – hier?!« Er war ganz bei der Sache.

Beinahe hätten sie sich verspätet; es war Zeit zum Aufbruch. Zwischen den Eltern ging Wolfgang zur Bahn. Als sie an dem Haus vorüberkamen, in dem Lämkes Portiers waren, stand Frida in der Tür. Sie mußte sich heute früher als sonst am Sonntag herausgemacht haben; sie war schon ganz im Staat, sah allerliebst aus, lächelte und nickte. Gleich darauf steckte Mutter Lämke den Kopf aus dem niedrigen Souterrainfenster und sah dem Knaben nach.

»Da jeht er nu hin,« philosophierte sie. »Wer weeß ooch, wie sich det noch im Leben für ihn jestaltet!« Sie war ganz gerührt.

Es war ein herrliches Wetter heute, ein wirklicher Frühlingstag. Eine festliche Helle glänzte über den geschmackvollen Villen; alle Sträucher trieben, Krokus, Tulpen, Primeln blühten freudig. Selbst Berlin mit seinen grauen Häusermassen und seinem lärmenden Verkehr zeigte ein sonntägliches Gesicht. Es war so viel stiller auf den Straßen; freilich sausten die elektrischen Bahnen dahin, und Droschken fuhren und Equipagen, aber keine Lastwagen rollten, keine Bier- und Schlächterkarren. Es ging alles so viel stiller zu, wie gedämpft, wie gesänftigt. Die Straßen erschienen noch breiter als sonst, weil sie leerer waren, und die Menschen, die auf ihnen gingen, zeigten andre Gesichter als sonst.

Zur Kirche strömten die Konfirmanden; es war ihrer eine große Zahl Knaben und Mädchen. Meist fuhren die Mädchen im Wagen vor, sie waren ja alle Töchter aus guten Häusern.

Ach, all diese Jugend! Käte konnte eine leis-sehnsüchtige, fast neidvolle Regung kaum unterdrücken: wer doch auch noch so jung wäre! Aber dann ging jeder selbstische Gedanke unter in dem einen Gefühl: der Junge, der Junge, der schritt nun heraus aus der Kindheit Land! Gott sei mit ihm!

Empfindungen, von denen sie lange nichts mehr gewußt hatte, kindlich gläubige, ganz naive Empfindungen durchwogten sie; alles, was die Jahre und das Leben in der Welt so mit sich gebracht hatten, fiel von ihr ab. Heute war sie wieder jung wie die da vorm Altar, vertrauensselig, hoffnungsfroh.

Doktor Baumann machte die Einsegnung sehr mahnend-ernst; viele der jungen Kinder schluchzten nicht minder als ihre Mütter. Ein Schauer wehte durch die gefüllte Kirche, tief senkten sich die jungen dunklen und blonden Köpfe. Käte sah nach Wolfgang hin: sein Kopf war der dunkelste von allen. Aber er hielt ihn nicht gesenkt, sondern aus unsteten Augen irrte sein Blick durch die Kirche, bis hin zu jenem Fenster; dort blieb er starr haften. Was suchte er da – an was dachte er?! Sie glaubte zu bemerken, daß er nicht bei der Sache war, und das schaffte ihr Unruhe. Näher zu ihrem Mann rückend, flüsterte sie: »Siehst du ihn?!«

Er nickte und flüsterte zurück: »Freilich! Er ist größer als alle andern!« Es lag etwas von Vaterstolz in Schliebens Flüstern. Ja, heute an diesem Tage fühlte er es: wenn man auch manche Sorge hatte, die man sonst nicht gehabt hätte, manche Unbequemlichkeit und Unannehmlichkeit, manche Freude hätte man doch auch nicht kennen gelernt! Trotz allem und allem: der Junge konnte gut werden! Wie jünglinghaft seine Erscheinung war! Einen fast männlichen Zug hatte er um den Mund! Sonst war dem Vater das noch nie aufgefallen – machte wohl der schwarze Anzug die Knabengestalt so ernsthaft?!

Wolfgangs Gedanken gingen eigne Wege; nicht die hier vorgeschriebenen. Viele Empfindungen kreisten in ihm, aber keine derselben konnte er festhalten; er war sehr zerstreut. Durchs Viereck in des Kirchenfensters Scheibe sah er leere Luft, und diese belebte sich ihm mit huschenden Gestalten: Vater, Mutter, Frida, Lehrer und Kameraden. Aber alle glitten sie vorüber, keine Erscheinung blieb. Er fühlte sich plötzlich ganz allein inmitten der Menge von Menschen.

Als die Reihe an ihn kam, trat er mechanisch zum Altar, neben sich Kullrich; vor sich Lehmann und Kesselborn. Wie er diese beiden jetzt auf einmal wieder haßte! Seine Uhr, seine goldene Uhr hätte er ihnen vor die Füße werfen mögen: da, nehmt sie! Aber nehmt zurück, was ihr gesagt habt, nehmt’s zurück! Pfui, was war das für eine gräßliche Nacht gewesen – ekelhaft! Die fühlte er noch in den Gliedern; schwer waren seine Füße, und als er jetzt auf dem Polster niederkniete, das auf der Altarstufe lag, waren seine Kniee steif. Kullrich neben ihm weinte in einem fort leise. Aha, der dachte wohl an seine Mutter, die nicht mehr bei ihm war! Armer Kerl! Und plötzlich fühlte Wolfgang, daß ihm etwas Feuchtheißes in die Augen drängte.

Oben summte die Orgel leise, und in das sanfte Tönen sprach die milde Stimme des Geistlichen die Sprüche hinein, die er seinen Konfirmanden ausgesucht hatte:

»Offenbarung Johannis, Kapitel 21, Vers 4. Und Gott wird abwischen alle Tränen von ihren Augen. Und der Tod wird nicht mehr sein, noch Leid, noch Geschrei, noch Schmerz wird mehr sein; denn das erste ist vergangen!«

Aha, das war was für Kullrich! Der hob das tränennasse Gesicht, das so rot und heiß war, zu der Tröstung empor. Aber nun, nun – Wolfgangs Atem stockte – jetzt, jetzt kam =sein= Spruch! Was würde =er= für einen Spruch bekommen, was würde man =ihm= sagen?!

»Ebräer 13 Vers 14. Denn wir haben hie keine bleibende Statt, sondern die zukünftige suchen wir!«

Das – das sollte für ihn sein?! Was hieß das?!

Eine ungeheure Enttäuschung kam über Wolfgang, denn – hatte er nicht auf den Spruch geharrt wie auf eine Offenbarung?! Der Spruch, der Spruch, der sollte ein Gottesurteil sein! Der wollte sagen: was wahr war – oder was nicht wahr war. Und nun –?!

›Wir haben hier keine bleibende Statt, die zukünftige suchen wir‹ –

nun sagte der gar nichts!

In allen Hoffnungen betrogen, erhob er sich mechanisch von der Altarstufe. Er sah nicht, daß der Blick der Mutter ihn heimlich grüßte, daß auch der Vater ihm verstohlen zunickte, Freundlichkeit im Gesicht; er war ganz verstört, ganz ernüchtert, ganz benommen von dieser Enttäuschung.

Wär’s nur schon zu Ende hier! Ach, wie ermüdend war dieses lange Stillesitzen! Wolfgang war blaß und gähnte verstohlen; die durchwachte Nacht machte sich geltend, kaum daß er sich des Einschlafens enthielt. Endlich, endlich erklang das Amen, endlich, endlich brauste von der Orgel der Schlußchoral!

Strömend, wie eine nicht endenwollende Flut, ergoß sich die übergroße Menge aus der Kirche. Jedes Kind gesellte sich zu seinen Eltern; zwischen Vater und Mutter traten die Eingesegneten aus dem Portal.

Auch Wolfgang ging so, wieder wie vordem. Vor sich sah er Kullrich – nur mit seinem Vater; beide trugen noch immer den breiten Trauerflor. Da machte er sich los von den Seinen und trabte rasch hinter Kullrich her. Er hatte dem nie besonders kameradschaftlich nahegestanden, aber nun faßte er ihn bei der Hand und drückte und schüttelte sie ihm, stumm, ohne Worte, und machte dann rasch wieder kehrt.

Die impulsive Teilnahme ihres Sohnes rührte Käte tief; sie war ohnehin heute unendlich weich. Als Wolfgang wieder neben ihr schritt, sah sie ihn von der Seite an mit tiefem Gefühl: ach, er war doch gut, so gut! Und heiße Hoffnungen und Wünsche stiegen aus ihrer Seele zum Himmel empor.

Licht war der Himmel, so blau, kein Wölkchen daran.

Sie nahmen einen Wagen, um nach Hause zu fahren, denn beiden Eltern widerstrebte es, sich mit so und so viel gleichgültigen, schwatzenden Menschen in der Bahn zu drängen; sie hatten das Verlangen, mit ihrem Sohne allein zu sein. Wolfgang war schweigsam; er saß der Mutter gegenüber, ließ seine Hand, die sie auf ihren Knieen hielt, wohl in ihrer Hand, aber seine Finger erwiderten nicht den zarten, warmen Druck. Er saß so still, als sei er gar nicht zugegen.

Wieder fuhren sie am Haus vorüber, in dem Lämkes Portiers waren; beim Rollen des Wagens auf der sonnentrocknen, harten Straße sprang Frida rasch ans Fenster, lächelte und nickte wieder. Aber von Mutter Lämke war jetzt nichts zu sehn, und Wolfgang vermißte das – nun, heute nachmittag, so wie er sich losmachen konnte, würde er zu Lämkes gehen!

In der Villa warteten schon Gäste. Ein großes äußeres Fest wollte man nicht aus der Konfirmation machen, aber den guten alten Sanitätsrat, dessen Frau, und die beiden Sozien hatte man doch einladen müssen. Alles ältere Leute; Wolfgang saß zwischen ihnen, ohne viel andres zu reden als ›Ja‹ und ›Nein‹, wenn er gefragt wurde. Aber er aß und trank tüchtig; das Essen war immer gut, aber Kaviar und Kibitzeier, wie heute, gab’s doch nicht alle Tage. Immer röter wurde sein Kopf und benommener; man hatte zuletzt in Sekt auf sein Wohl getrunken, und Braumüller, der älteste Sozius, ein sehr jovialer Mann, hatte sich einen Spaß daraus gemacht, dem Gefeierten immer wieder einzuschenken.

»Na, Wolfgang, wenn Sie erst ins Geschäft eintreten! Na denn, mein Junge, prost!«

Es war schon fast fünf Uhr, als man von Tische aufstand. Die Damen setzten sich in den Salon zum Kaffee, die Herren gingen ins Rauchzimmer. Wolfgang stahl sich fort, es zog ihn mächtig zu Lämkes. Erstens wollte er die goldene Uhr zeigen, und dann wollte er auch mal fragen, was für einen Spruch Frida eigentlich bei ihrer Einsegnung bekommen hatte, und dann, dann – was wohl Mutter Lämke zu ihm sagen würde?!

›Wir haben hier keine bleibende Statt, die zukünftige suchen wir‹ – das war doch wirklich ein dummer Spruch! Und doch wollte der ihm nicht aus dem Kopfe. Wie er jetzt so langsam dahinschlenderte durch die weiche, silbrige, ahnungsvolle Frühlingsluft, grübelte er in einem fort darüber. Nein, so ganz dumm war der Spruch denn doch nicht! Nachdenklich zog er die Brauen zusammen, sah empor nach den unbewegten Wipfeln der Kiefern und dann umher – ›wir haben hier keine bleibende Stätte‹ – konnte das nicht auch bedeuten: hier ist deine Heimat nicht?! Aber wo – wo?!

Ein seltsamer Glanz kam in das dunkle Auge, ein Suchen war darin. Und dann wurde das weinrote, vom Festmahl erhitzte Gesicht blaß. Wenn es wahr wäre, was die beiden sagten?! Ach, und noch so manches andre kam ihm jetzt auf einmal in die Erinnerung: da war doch die Lisbeth gewesen, das garstige Frauenzimmer, das vor der Cilla bei ihnen gedient hatte – was hatte die Lisbeth doch immer alles geplappert, wenn sie schlechter Laune war?! ›Du hast ja gar nichts zu suchen hier‹ – ›Gnade und Barmherzigkeit‹ – allerhand so was, er brachte es jetzt nur nicht mehr recht zusammen. Schade! Damals war er eben noch zu jung und harmlos gewesen, aber jetzt – jetzt?!

»Verdammte Person!« Er ballte die Faust. Aber, ach, wenn er sie jetzt nur hier hätte! Kein Schimpfwort wollte er ihr sagen, nein, es ihr herauslocken, ganz sanft und schmeichelnd, denn wissen, wissen mußte er’s jetzt!

Ein heftiges Verlangen, eine brennende Neugier waren plötzlich in ihm erwacht, die ließen sich nun nicht mehr zurückdrängen. Etwas Wahres mußte doch daran sein, wie kämen sie sonst dazu, so zu sticheln? Und das Wahre mußte er wissen; er hatte jetzt ein Recht darauf! Seine Gestalt reckte sich. Eigenwille und Trotz gruben feste Linien um seinen Mund. Und wenn es noch so schrecklich war, wissen mußte er’s! Aber war es denn überhaupt schrecklich?! Der Zug um seine Lippen wurde milder. ›Wir haben hier keine bleibende Statt, unsre Heimat suchen wir‹ – wohlan, er würde sie suchen!

Rascher fing er an, auszuschreiten, seinen bummligen Schlendergang aufgebend. Was würde Mutter Lämke sagen?! Und wenn er sie nun fragen würde – sie meinte es ja so gut mit ihm –, wenn er sie fragen würde, wie einer gefragt wird, der schwören soll, wenn er sie fragte, ob – ja, was wollte er sie denn eigentlich fragen?!

Sein Herz klopfte. Ah, das dumme Herz! Das tat manchmal gerade so, als wäre es ein wilder Vogel, den man in ein enges Bauer eingesperrt hat!

Er war wieder ins Laufen gekommen; nun mußte er den Schritt verlangsamen. Und doch war er noch ganz außer Atem, als er die Wohnung der Lämkes betrat. Vater und Sohn waren ausgegangen; aber Mutter und Tochter saßen da, als hätten sie auf ihn gewartet.

Frida sprang auf, daß die Küchenkante, an der sie gehäkelt hatte, zu Boden flog, faßte ihn bei beiden Händen, und aus ihren blauen Augen strahlte die Bewunderung. »Nee, was biste fein, Wolfjang! Wie ’n Herr – riesig nobel!«

Er lächelte: das war mal nett von ihr!

Aber als Frau Lämke gerührt sagte: »Nee, Wolfjang, nu sage ik aber ›Sie‹ ßu Ihnen – nee, Sie sind ßu jroß! – aber ik habe Ihnen drum nich weniger jerne, weeß Jott, man is kaum ärjer uf de eijnen Jöhren« – da fühlte er eine Freude, wie er sie heute noch nicht gefühlt hatte. Sein Gesicht wurde weich in einer warmen Empfindung, und die arbeitsharte Hand, die die seine kräftig schüttelte, drückte er fest.

Dann setzte er sich zu ihnen, sie wollten erzählt haben. Er zeigte ihnen seine goldene Uhr und ließ sie repetieren; aber sonst erzählte er nicht viel, die Atmosphäre der Stube lullte ihn in ein dämmerndes Behagen, und er saß ganz still. Wieder roch es hier wie einst nach frischgebrühtem Kaffee, und der Myrtenstock am Fenster und die blasse Monatsrose mischten ihren schwächeren Duft ein. Er hatte ganz vergessen, daß er schon lange hier saß; plötzlich fiel es ihm ein mit einem jähen Schrecken: er hatte ja was zu fragen!

Mit forschenden Blicken sah er der Frau ins Gesicht. Sie sagte gerade: »Nee, wie sich deine – Ihre Mutter freuen wird, det se nu so ’n jroßen Sohn hat« – da fuhr es ihm heraus: »Bin ich denn ihr Sohn?« Und als Frau Lämke nicht antwortete, nur mit erschrockenen Augen ihn unsicher ansah, schrie er’s fast: »Bin ich denn ihr Sohn?«

Mutter und Tochter wechselten einen raschen Blick; Frau Lämke war ganz rot geworden und sehr verlegen. Mit beiden Händen hielt der Junge ihre Arme gepackt, und ganz dicht beugte er sich zur ihr hinüber. Da gab’s kein Ausweichen.

»Lügen Sie mir nichts vor,« sagte er hastig. »Ich kriege es ja doch heraus. Ich muß es herauskriegen. Ist es meine Mutter? Antwort! Und mein Vater – ist der auch mein wirklicher Vater nicht?«

»Jott in ’n Himmel, Wolfjang, wie kommen Sie ßu so was?« Mutter Lämke verbarg ihre Verlegenheit unter einem erzwungenen Lachen. »Das ’s ja allens Quatsch!«

»O nein!« Er blieb unentwegt ernsthaft. »Ich bin nun alt genug. Ich muß das wissen. Ich muß!«

Die Frau wand sich förmlich: nein, wie war ihr das unangenehm, mochte der Junge doch lieber wo anders fragen! »Die würden mir scheene uf ’n Kopp kommen, wenn ich da was quasselte,« suchte sie auszuweichen. »Fragen Sie doch bei Ihre Eltern selber an, die werden Ihnen schon Bescheid jeben. Ick wer mir hüten, mich mank so ’ne Anjelegenheiten ßu mengelieren!«

Frida machte den Mund auf, als ob sie etwas sagen wollte, aber ein warnender Blick hieß sie schweigen. Heftig fuhr die Mutter dazwischen: »Biste stille! Det fehlte jrade noch, det du de Hände einmanschtest! Was verstehn ieberhaupt so ’ne Jöhren von so was! Was Wolfjangen sein Vater is, der wird schonst wissen, woher er ’n hat. Und wenn die jnäd’ge Frau mit ßufrieden is, hat keen andrer en Wort drieber zu sagen!«

Wolfgang sah die Schwätzerin starr an. »Die Jungens sagen – die Lisbeth sagte – und nun sagen Sie – Sie auch« – er sprang auf – »ich geh und frage. Die!« Er wies mit dem Finger, als deute er irgendwohin in eine weite, ihm ganz fremde Ferne. »Jetzt muß ich’s wissen!«

»Aber Wolfjang – nee, um Jottes willen!« Ganz entsetzt drückte ihn Frau Lämke wieder auf den Stuhl nieder. »Lämke haut mir, wenn er’s ßu wissen kriegt, det ich da mank bin. Wir verlieren womöglich noch de Portjehstelle dadurch – un jetzt, wo de Kinder noch nischt verdienen! Ick habe doch nischt jesagt?! Was kann ick davor, wenn dich andre Leute ’nen Floh ins Ohr setzen! Ick kenne ja deine Mutter jar nich – und was dein Vater is, der wird ihr ooch schon längst nich mehr kennen! Laß man die janze Jeschichte jut sind, mein Junge!« Sie wollte ihn beruhigen, aber er hörte nicht darauf.

»Mein – mein Vater?!« stotterte er. »Also der ist doch mein richtiger Vater?«

Frau Lämke nickte.

»Aber meine – meine richtige M–!« Er brachte das Wort ›Mutter‹ nicht heraus. Die Hände hielt er sich vors Gesicht und zitterte am ganzen Leib. Die Sehnsucht hatte ihn plötzlich übermannt, diese starke, heftige Sehnsucht nach einer Mutter, die ihn geboren hatte. Er sagte kein Wort, aber er stieß Seufzer aus, die wie Stöhnen klangen.

Frau Lämke war zu Tode erschrocken; sie wollte sich herausreden und redete sich immer tiefer hinein: »Ach was, mein juter Junge, so was kommt in ’n Leben doch öfters vor – sehr anständig, daß er dir nich verleujnet hat, det tut noch lange nich jeder! Un was die jnäd’je Frau is, die dir anjenommen hat wie ’n eijnet Kind, so kann man lange suchen, bis man so eine wieder findet. Jroßartig – einfach jroßartig!« Frau Lämke hatte sich oft genug über die vornehme Dame geärgert, aber nun fühlte sie das Bedürfnis, ihr gerecht zu werden. »So ’ne Mutter kannste in Jold fassen – so was jibt’s ja jar nich mehr!« Sie erschöpfte sich in anerkennenden Lobpreisungen. »Un wer weiß auch, ob an’n Ende noch alles wahr is!« Damit schloß sie.

Es würde schon alles wahr sein! Wolfgang war ruhig geworden; wenigstens merkte man seinem Gesichte keine sonderliche Erregung mehr an, als er jetzt die Hände herabgleiten ließ. »Ich muß jetzt gehen,« sagte er.

Frida stand sehr bedrückt da; sie hatte das alles ja längst gewußt – wer wußte das nicht?! – aber daß =er=’s nun wußte, das tat ihr so leid. Ihre hellen Blicke trübten sich, voll Mitleid sah sie den Freund an: ach, wie war ihre eigene Einsegnung, vorige Ostern, doch so viel schöner gewesen! Sie hatte keine goldene Uhr bekommen, nur eine ganz kleine Brosche von unechtem Gold – eine Mark fünfzig hatte die gekostet, sie hatte sich die ja selber mit Muttern ausgesucht –, aber sie war so froh gewesen, so froh!

»Was für ’n Spruch haste denn jekriegt?« fragte sie rasch, um Wolfgang auf andre Gedanken zu bringen.

»Ich weiß ihn nicht auswendig,« sagte er ausweichend, und seine verblaßten Wangen wurden purpurrot. »Aber er stimmt!« Und damit ging er aus der Türe.

Geradeswegs ging er nach Hause – was sollte er noch Zeit versäumen, es eilte! Er sah nicht die Stare aus- und einfliegen aus ihren Nistkästchen an den hohen Stangenkiefern, sah nicht, daß schon eine helle Mondsichel schwebte am dunkler werdenden Abendhimmel und ein goldener Stern daneben stand, sah nur mit Genugtuung, als er in die Halle der Villa trat, daß Mäntel und Hüte von den Haken verschwunden waren. Das war gut, die Gäste waren fort! Er stürmte gegen die Salontür, fast fiel er ins Zimmer. Da saßen Vater und Mutter noch – nein, der Vater und sie, die – die –!

»Nun, sage mal, wo hast du denn so lange gesteckt?« fragte der Vater, nicht ohne Anflug von Ärgerlichkeit in der Stimme.

»Heute, gerade heute!« sagte die Mutter. »Sie lassen dich alle grüßen, sie haben noch auf dich gewartet. Aber nun ist es ja fast schon acht Uhr!«

Unwillkürlich sah Wolfgang nach der Pendüle auf dem Kaminsims – richtig, schon bald acht! Aber das war ja nun alles gleichgültig! Und den Blick starr geradeaus gerichtet, als sähe er unverrückt nach einem Ziel, stellte er sich vor den beiden auf.

»Ich muß euch was fragen,« sagte er. Und dann – ganz unvermittelt kam’s heraus, ganz brüsk –: »Wessen Kind bin ich?!«

Da war’s gesagt! Die junge Stimme hatte hart geklungen. Oder tönte sie nur so verletzend in Kätes Ohren? Sie hörte ein furchtbares Gellen wie von mißlautendem Trompetenstoß. O Gott, da war sie, die furchtbare Frage! Eine jähe Blutwelle legte ihr einen dichten Schleier mit flimmernden Punkten vor die Augen; sie konnte ihren Knaben nicht mehr sehen, sie hörte nur diese seine Frage. Hilflos, blindlings griff sie mit der Hand um sich – Gott sei Dank, da war ihr Mann, der war noch da! Und jetzt hörte sie auch ihn sprechen.

»Wie kommst du zu der Frage?« sagte Schlieben. »Unser Sohn – natürlich! Wessen Kind denn sonst?«

»Das weiß ich nicht. Das will ich ja eben von euch wissen,« sprach wieder die harte Knabenstimme.

Es war merkwürdig, wie ruhig diese Stimme klang, aber sie dünkte Käte doppelt entsetzlich in dieser sachlichen Einförmigkeit.

Nun hob sie sich ein wenig: »Gib mir doch Antwort – ich will – ich muß es wissen!«

Käte schauderte: welche Unerbittlichkeit, welche Hartnäckigkeit lag in diesem ›Ich will‹ – ›Ich muß‹ –! Der würde nie mehr aufhören, zu fragen! Wie vernichtet sank sie bebend ganz in sich zusammen.

Auch des Mannes ruhige Stimme verriet ein heimliches Beben: »Lieber Junge, dir hat mal wieder einer – ich will nicht fragen: wer, es gibt immer Klätscher und Hetzer genug – etwas in den Kopf gesetzt. Warum stellst du dich so feindlich gegen uns? Sind wir dir nicht immer wie Vater und Mutter gewesen?«

O, das war falsch – =wie= Vater und Mutter?! Grundfalsch! Käte fuhr auf. Sie streckte die Arme aus: »Mein Junge!«

Aber er blieb stehen, als bemerkte er diese ausgestreckten Arme nicht; die Brauen finster zusammengezogen, sah er nur den Mann an. »Ich weiß wohl, daß du mein Vater bist, aber sie – die –« er warf einen flüchtigen Seitenblick – »die ist meine Mutter nicht!«

»Wer sagt das?!« Käte schrie laut auf.

»Alle Welt!«

»Nein, niemand! Das ist nicht wahr! Eine Lüge, eine Lüge! Du bist mein Kind, mein Sohn, unser Sohn! Und wer das leugnet, der lügt, betrügt, verleumdet, der –«

»Käte!« Ihr Mann sah sie sehr ernst an, und ein Vorwurf lag in seinem Ton und eine Mahnung: »Käte!«

Und dann wendete er sich zu dem jungen Menschen, der trotzig dastand, fast herausfordernd in der Haltung – den einen Fuß vorgestellt, gerade aufgerichtet, den Kopf in den Nacken geworfen – und sagte: »Die Mutter ist begreiflicherweise sehr aufgeregt, du solltest sie schonen – gerade heute! Geh jetzt, und wir werden morgen –«

»Nein, nein!« Käte ließ ihn nicht aussprechen; sie rief in höchster Erregung: »Nein, nicht aufschieben! Laß ihn doch reden – jetzt – laß ihn nur! Und antworte du ihm – jetzt – gleich – daß er unser Sohn ist, unser Sohn ganz allein! Wolfgang – Wölfchen!« Sie brauchte heute wieder seit langer Zeit den alten süßen Kinderschmeichelnamen. »Wölfchen, liebst du uns denn gar nicht mehr? Wölfchen, komm doch zu mir!«

Wieder streckte sie die Hände nach ihm aus, aber er sah wiederum nicht diese verlangenden, liebevoll gebreiteten Arme. Er war sehr blaß und sah starr vor sich nieder.

»Wölfchen, komm!«

»Ich kann nicht!«

Nichts regte sich in seinem Gesicht, und seine Stimme hatte immer noch den eintönigen Klang, der ihr so furchtbar war. Sie schluchzte auf, und ihre Blicke klammerten sich an ihren Mann – nun sollte der ihr helfen! Aber er sah sie finster an; deutlich las sie in seiner Miene den Vorwurf: ›Warum bist du mir nicht gefolgt?! Hätten wir’s ihm gesagt beizeiten –‹ nein, auch bei ihm fand sie keine Hilfe! Und jetzt – was sagte Paul jetzt gar?! Ihre Augen erweiterten sich in plötzlichem Schrecken, mit beiden Händen umklammerte sie die Seitenlehnen ihres Sessels, wollte zurücksinken und bäumte sich doch auf, sich wehrend gegen das, was nun kommen mußte. War Paul von Sinnen?! Er sprach: »Du bist nicht unser Sohn!«

»Nicht euer Sohn?!« Der Knabe stammelte. Er hatte sich durch nichts beirren lassen wollen, aber diese Antwort beirrte ihn doch. Sie verwirrte ihn; er wurde rot und blaß, und sein Blick glitt unsicher von dem Mann zur Frau, von der Frau zum Mann.

Also auch er – der – wäre nicht sein Vater?! Aber Frau Lämke hatte es doch gesagt! Aha, der wollte ihn jetzt wohl verleugnen?! Mißtrauisch sah er den Mann an, und dann wallte es wie eine Kränkung in ihm auf: wenn der da nicht sein Vater wäre, hätte er ja eigentlich hier gar kein – nein, gar kein Anrecht?!

Und einen Schritt nähertretend, sagte er hastig: »Du bist wohl mein Vater. Du willst es jetzt nur nicht sagen. Aber sie« – er nickte kurz nach dem Sessel hin – »sie ist nicht meine Mutter!« Seine Augen leuchteten; mit einem tiefen Aufatmen sagte er nun, als sei es ihm eine Erleichterung: »Das habe ich immer gewußt!«

»Du bist falsch berichtet! Wäre es nach mir gegangen, ich hätte dir längst die Wahrheit gesagt. Aber da nun einmal – leider! – der richtige Moment versäumt ist, so sage ich sie dir heute. Ich sage sie dir – so wie ein Mann zum anderen spricht, auf Ehrenwort – ich bin dein Vater nicht, ebensowenig wie sie deine Mutter ist. Von Geburt bist du uns fremd, ganz fremd. Wir haben dich aber angenommen an Kindes Statt, weil wir gerne ein Kind haben wollten und keins hatten. Wir haben dich aus dem –«

»Paul!« Wie damals, als Schlieben dem Knaben, empört über dessen Undankbarkeit, hatte etwas verraten wollen, fiel Käte ihm mit einem lauten Schrei an die Brust. Sie umklammerte ihres Mannes Nacken; hastig, heftig, mit zitterndem Hauchen raunte sie ihm ins Ohr: »Sag ihm nicht: woher! Um Gottes willen nicht, woher! Dann geht er, dann ist er mir ganz verloren! Ich ertrage es nicht – hab Mitleid, Erbarmen mit mir – sag ihm nur nicht: woher!«

Er wollte sie von sich schieben, aber sie ließ ihn nicht los. Immer dies weinende Stammeln, dies zitternde, angstvolle, verzweifelnde Beschwören: nur nicht woher, nur nicht woher!

Ein großes Mitleid mit ihr überkam ihn: seine arme Frau, so eine arme Frau – mußte ihr das geschehen?! Und ein Zorn kam dazu gegen den Knaben, der da so breitspurig stand – dreist – ja, dreist – der da forderte, wo er zu bitten hatte, und unbewegt, mit großen kalten Augen nach ihnen hinsah.

Der ernste, aber doch weiche Ton, in dem Schlieben bis jetzt zu Wolfgang gesprochen hatte, wurde streng: »Übrigens verbitte ich mir diese deine Art, zu fragen!«

»Ich habe ein Recht, zu fragen!«

»Ja, das hast du!« Der Mann war ganz betroffen: ja, der Junge hatte das Recht! Wer hier im Unrecht war, das war ganz klar! Und so sagte er einlenkend und wieder freundlicher: »Wenn du aber auch nicht unser Sohn bist in Fleisch und Blut, so denke ich doch, haben Erziehung und jahrelanges Mühen, treue Fürsorge dich im Geiste zu unserm Kinde gemacht. Komm, mein Sohn – und wenn sie alle sagen, du wärest nicht unser Sohn, ich sage dir: du bist unser Sohn, in Wahrheit!«

Er hielt dem regungslos Dastehenden die freie Hand hin – mit der andern hielt er seine Frau umfaßt –, da war noch Platz an seiner Brust, hier konnte auch noch der reuige Knabe liegen. Aber langsam wich Wolfgang zurück, er nahm die gebotene Hand nicht, er ließ sich nicht ziehen.

»Nein,« sagte er. Und dann ging er, ohne Tränen, die trockenen Augen immer starr auf die, die er so lange Eltern genannt hatte, gerichtet, langsam rückwärts zur Tür.

»Junge, wohin?! Aber so bleibe doch!« Schlieben rief es ihm gütig nach – der Junge war ja auch in einer scheußlichen Situation, man mußte Geduld mit ihm haben! Und er rief noch einmal: »Wolfgang, bleibe doch!«

Aber Wolfgang schüttelte den Kopf: »Ich kann nicht. Ihr habt mich betrogen. Laß mich los!« Mit einer gewaltsamen Bewegung schüttelte er des Mannes Hand, die sich auf seinen Ärmel gelegt hatte, ab.

Und nun schrie er auf wie ein verwundetes Tier: »Was quält ihr mich noch? Laßt mich doch gehen! Ich will gehen, ich will an meine Mutter denken – wo ist sie?!«

Drittes