Buch 1
Die Uhren im Haus gingen schreckhaft laut. Man hörte sie durch die Stille der Nacht wie mahnende Stimmen.
O, wie rasend schnell jagte die Zeit hin! Eben war es noch Abend gewesen – eben Mitternacht – und nun schlug die Pendüle auf dem Kaminsims schon ein kurzes, helles, hartes Eins!
Mit einem Zusammenschaudern hob die einsame Frau die Hände an die Schläfen und preßte sie fest dagegen. Ah, wie es dadrinnen hämmerte, und wie sich Gedanken – quälende Gedanken – jagten, rasend schnell und rastlos wie das hastige Ticken der Uhren!
Alle schliefen im Haus. Der Diener, die Mädchen; auch ihr Mann – längst! Nur sie, sie allein hatte noch keinen Schlaf gefunden.
Und draußen schlief auch alles. Die Kiefern standen ums Haus, regungslos, und ihre dunklen Silhouetten, steif wie aus Pappe geschnitten, hoben sich scharf ab vom silbrigen Nachthimmel.
Kein Ruf, kein Fußtritt, kein Räderrollen, kein Singen, kein Lachen, nicht einmal ein Hundegekläff stieg auf aus der schlafenden Grunewaldkolonie. Nur wie ein leises Seufzen ging’s um die weiße Villa mit dem roten Dach und den grünen Läden.
Die Mutter, die auf ihren Sohn wartete, horchte auf: war da jemand?! Nein, es war das Nachtlüftchen, das dort die Äste der alten verknorrten Kiefer zu bewegen versuchte.
Käte Schlieben stand jetzt am Fenster – vorhin hatte sie es ungeduldig aufgerissen – nun beugte sie sich hinaus. Soweit ihr Auge reichte, war niemand zu sehen – gar niemand. Er kam noch immer nicht!
Zwei schlug die Uhr. Mit einem fast verzweifelten Blick sah sich die Frau nach dem Kamin um: o, diese quälende, diese unerträgliche Uhr! Es konnte nicht sein, sie mußte falsch gehen, es konnte nicht sein, daß es schon so spät war!
Käte hatte schon manchen Abend aufgesessen und auf Wolfgang gewartet, aber so lange wie heute war er noch nie ausgeblieben. Paul hatte nichts dagegen, wenn der Junge seine eignen Wege ging. ›Liebes Kind,‹ hatte er ja gesprochen, ›das kannst du nicht ändern. Lege dich hin und schlafe, das ist viel vernünftiger. Der Junge hat den Schlüssel, er wird schon wohlbehalten ins Haus kommen. Einen jungen Menschen in seinem Alter kannst du nicht mehr gängeln. Laß ihn – du verleidest ihm ja sonst unser Haus – laß ihn doch ruhig gehen!‹
Was Paul sich dachte! Freilich, er hatte ganz recht, gängeln durfte sie ihn nicht mehr! Das konnte sie auch gar nicht mehr – hatte sie nie gekonnt. Aber wie konnte sie sich ruhig zu Bett legen?! Schlafen würde sie ja doch nicht. Wo blieb er?! –
Käte war grau geworden. In den drei Jahren, die verstrichen waren seit des Sohnes Einsegnung, hatte sie sich äußerlich sehr verändert. Während Wolfgang in die Höhe wuchs, stark und sich breitete wie ein junger Baum, hatte ihre Gestalt sich geneigt wie eine Blume, die regenbeschwert ist oder welken will. Ihre feinen Züge waren dieselben geblieben, aber ihre Haut, die so lange eine fast mädchenzarte Glätte bewahrt hatte, war schlaffer geworden; ihre Augen sahen aus, als hätten sie viel geweint. Die Bekannten fanden Frau Schlieben recht gealtert.
Wenn sich Käte jetzt in dem Spiegel sah, hatte sie nicht mehr das freudige Erröten über die eigne wohlkonservierte Erscheinung; sie sah sich nicht gern mehr an. Es hatte ihr irgend etwas innerlich und äußerlich einen Ruck gegeben. Was das gewesen war, ahnte niemand. Schlieben freilich wußte es, aber er sprach mit seiner Frau nicht darüber: warum sie von neuem aufregen, alte Wunden wieder aufreißen?!
Er hütete sich wohl, noch einmal wieder auf jenen Konfirmationstag zurückzukommen. Es war auch bequemer so. Den Jungen hatte er freilich damals noch ordentlich vorgenommen, ihm in strengen Worten sein undankbares Verhalten klar gemacht und ein rücksichtsvolleres und besonders gegen die Mutter liebevolleres Benehmen von ihm verlangt. Und der junge Mensch, den sein Betragen wohl längst reuen mochte, hatte dagestanden wie ein armer Sünder, nichts hatte er gesagt, den gesenkten Blick nicht gehoben. Und als der Vater ihn zuletzt zur Mutter geführt hatte, hatte er sich führen lassen und sich von der Mutter, die ihn mit beiden Armen umschlang, umschlingen lassen. Sie hatte über ihm geweint und ihn dann geküßt.
Und dann war nie, nie mehr darüber geredet worden. –
Das weiße Haus mit seinem heiteren Grün und Rot, an dem und in dem immer wieder neue Verschönerungen und Verbesserungen vorgenommen wurden, fiel allen, die vorübergingen, als besonders anheimelnd auf. Die Sonntagsausflügler blieben am schmiedeeisernen Gitter stehen und bewunderten die Blumenfülle; im Sommer die hängenden Geranien der Balkons und die Pracht der edlen Rosenstöcke, im Winter die Azaleen und Kamelien hinterm dicken Glas des Wintergartens und die farbigen Primelreihen zwischen den Doppelfenstern und die frühen Hyazinthen und Tulpen. Die Dame in dem weichen Tuchkleid mit dem welligen grauen Scheitel und dem sanften Gesicht, auf dem es wie ein leicht-wehmütiges Lächeln lag, paßte gut zu dem Haus und zu den Blumen, zu dem ganzen Frieden. ›Entzückend,‹ sagten die Leute.
Wenn Wolfgang früher, als Junge, so etwas gehört hatte, hatte er den Bewunderern ein Fratze geschnitten: was gingen die Haus und Garten an, da war doch nichts daran zu bewundern?! Nun schmeichelte es ihm, wenn sie stehen blieben, wenn sie’s gar beneidenswert fanden. O ja, es war recht nett hier! Er fühlte sich.
Schlieben und Käte hatten nie einen besonderen Wert auf Geld gelegt, sie hatten ja immer genug gehabt, das gute Auskommen war ihnen einfach selbstverständlich; sie ahnten es gar nicht, daß der Sohn Wert auf den Reichtum legte. Wenn Wolfgang daran dachte, daß er einst in knabenhaftem Ungestüm das alles nicht geachtet hatte, fortgelaufen war in die Irre, ohne Geld, ohne Brot, mußte er lächeln: wie kindisch! Und wenn er bedachte, daß er einmal, als er doch schon älter geworden war und überlegen konnte, mit Ungestüm etwas verlangt hatte, das gleichbedeutend gewesen wäre mit Aufgabe all dessen, was sein Leben so bequem gestaltete, dann schüttelte er jetzt den Kopf: zu einfältig!
Es gewährte ihm eine gewisse Genugtuung, sich mit andern zu vergleichen. Kesselborn schwitzte noch in Prima – der sollte durchaus studieren, Theologie, womöglich wegen seines Adels Hofprediger werden – Lehmann mußte seinem Vater bei der Spedition helfen, trotz des Einjährigen, mit dem er abgegangen war, Möbelwagen karren! Und Kullrich – ach, Kullrich erst, der hatte die Schwindsucht! Wie seine Mutter. Trauriges Erbe das!
Ein halb geringschätziges, halb mitleidiges Lächeln zog Wolfgangs Mundwinkel herab, wenn er der Schulkameraden gedachte. Hieß das leben?! Ah, und leben, leben war so wunderschön!
Wolfgang hatte das Bewußtsein seiner Kraft: er konnte Bäume entwurzeln, Mauern, die sich ihm entgegenstellten, umpusten, als seien es Kartenblätter.
Es war nicht länger mehr mit ihm auf der Schule gegangen, seine Glieder und seine Neigungen hatten nicht mehr in die Schulbank hineingepaßt. Er bekam ja auch schon einen Schnurrbart! Wie ein schwarzer Schatten war der schon lange auf der Oberlippe zu ahnen gewesen; nun war er da, er war da! So ein fertiger Mensch konnte doch nicht mehr in Sekunda sitzen? Wozu auch, er sollte ja kein Gelehrter werden?! Mit der Reife für Prima war Wolfgang abgegangen.
Schlieben hatte die Absicht, ihn gleich nach Absolvierung der Schule ins Ausland zu schicken, noch für ein Jahr aufgegeben; erst wollte er ihn doch noch etwas unter Augen behalten. Nicht, daß er ihn etwa so ängstlich wie Käte zu hüten bestrebt war, aber der alte Sanitätsrat, der gute Freund, auf den er so viel gab, hatte ihn in einer vertraulichen Stunde, in der sie ganz allein, von niemandem gehört, beim Glase Wein saßen, gemahnt: »Hören Sie, Schlieben, nehmen Sie den Jungen doch lieber in acht! Ich würde ihn noch nicht so weit weggeben – er ist so jung. Und er ist ein Unband und – wissen Sie, bei dem, was er als Kind durchgemacht hat – hm, man kann doch nicht sagen, ob das Herz so mit standhält!«
»Warum nicht?« hatte Schlieben da betroffen gefragt, »Sie halten ihn also für krank?!«
»Nein, durchaus nicht!« Der Arzt war ordentlich ärgerlich geworden: gleich diese Übertreibung! »Wer sagt denn was von ›krank‹?! Aber drauf losgehen darf der Bursche doch nicht so. Na, und Jugend hat doch keine Tugend! Das wissen wir doch auch noch von unsrer Zeit her!«
Und beide Männer hatten sich zugenickt, waren heiter geworden und hatten gelacht.
Wolfgang bekam ein Reitpferd, ritt erst in der Bahn und dann täglich seine paar Stunden draußen. Der Vater hielt darauf, daß er nicht zu viel im Kontor saß: was ihm zum kaufmännischen Beruf not tat, würde er schon lernen, rechnen konnte er ja!
Die beiden Sozien, alte Junggesellen, waren entzückt von dem frischen Jungen, der mit der Reitgerte ins Bureau kam und auf dem Kontorbock hockte, als säße er auf einem Gaul.
Schlieben hörte keine Klagen über den Sohn; das ganze Personal, Leute, die ihre zehn, zwanzig Jahre in der Firma waren, alle gut eingeölte, tadellos funktionierende Maschinen, schnurrten um den jungen Menschen herum: das war doch der künftige Chef! Es ging alles glatt.
Beide Eheleute bekamen Komplimente über den Sohn zu hören: ›Ein famoser Mensch! Welche Frische!‹ »Er soll ja erst werden,« sagte Schlieben dann wohl, aber man merkte ihm doch eine gewisse innere Befriedigung an. Er hatte nicht diese peinliche Seelenunruhe wie seine Frau. Käte zog nur die Augenbrauen ein wenig höher und lächelte ein leicht zustimmendes, etwas wehmütiges Lächeln.
Sie konnte sich nicht mehr über den großen Menschen freuen, wie sie sich einst über das kleine Jungchen auf ihrem Schoß gefreut hatte. Ihr war, als sei ihr überhaupt die Fähigkeit zur Freude abhanden gekommen, langsam zwar, ganz allmählich, aber doch stetig, bis der letzte Rest dieser Fähigkeit auf einmal ausgerissen ward, mit der Wurzel, an =einem= Tag, in =einer= Stunde, in jenem unglückseligen Augenblick – ›ich will gehen, ich will an meine Mutter denken, wo ist sie?!‹ – seitdem! Sie wünschte ihm noch alles Beste auf Erden, aber sie war gleichgültiger geworden; müde. Er hatte sie zu schwer aufs Herz getreten, schwerer, als einst seine kleinen urkräftigen Füße auf ihren Schoß gestampft hatten. –
Mit einem tiefen Seufzer lehnte sich die einsam Wartende weiter zum Fenster hinaus. War das nicht unerhört, unverzeihlich von ihm, so spät nach Hause zu kommen?! Wußte er denn nicht, daß sie auf ihn wartete?!
In der Anwandlung eines Zornes, der ihr sonst selten kam, ballte sich ihre Hand, die sich auf den Fenstersims stützte, zur Faust. Sie war eine Närrin, auf ihn zu warten! War er nicht alt genug – achtzehn Jahre – brauchte er noch erwartet zu werden wie ein Knabe, der zum ersten Mal allein von einer Kindergesellschaft heimkommt?! Er hatte sich mit andern jungen Leuten in Berlin verabredet – weiß Gott, in welchem Nachtcafé sie jetzt herumbummelten!
Sie stieß mit dem Fuß auf. Ihr heißer Atem stieg wie ein Rauch in die kalte klare Frühlingsnacht, es fröstelte sie vor Überwachtheit und Unbehagen. Und Stunden fielen ihr ein, alle Stunden, die sie schon um ihn verwacht hatte, und eine große Bitterkeit quoll in ihr auf. Selbst ihre Zunge kostete Bitternis – das war Galle. Nein, sie fühlte jetzt nicht mehr die Liebe früherer Jahre! Damals, ja damals war – selbst wenn sie um ihn litt – noch Wonne dabei gewesen; jetzt fühlte sie nur dumpfen Groll. Warum hatte er sich in ihr Leben gedrängt?! O, wie war das früher so glatt, so sorgenlos, so – ja, so viel glücklicher gewesen?! Wie hatte er sie zerbrochen – würde sie sich je wieder aufrichten können?!
Nein! Ein hartes kurzes Nein. Und dann dachte sie an ihren Mann. Auch den hatte er ihr geraubt. Waren sie zwei nicht früher eins gewesen, ganz eins? Nun hatte sich dieser dritte dazwischen gedrängt, sie beide immer weiter und weiter voneinander geschoben – bis daß er hier ging, und sie da!
Ein jäher Schmerz stieg in der Grübelnden auf, ein erbarmungsvolles Mitleid mit sich selber trieb ihr die Tränen in die Augen; heiß tropften sie nieder auf die Hände, die sich auf dem kalten Steinsims ballten. Wenn er, wenn er doch nie in ihr Leben –
Da schreckte sie eine Hand, die ihre Schulter berührte, auf. Blitzschnell wendete sie sich: »Bist du endlich da?!«
»Ich bin’s,« sagte Schlieben. Er war aufgewacht, hatte sie nicht neben sich atmen hören und sich dann geärgert: wahrhaftig, da saß sie nun wieder unten und wartete auf den Jungen! Solch ein Unverstand! Und als er noch ein Weilchen gelegen und auf sie gewartet und sich geärgert hatte, warf er notdürftige Kleidung über, schlüpfte in die Morgenschuhe und tappte durchs nächtliche Haus. Ihn fröstelte, und er war schlechter Laune. Nicht genug, daß er aus dem besten Schlaf gestört war und daß sie morgen Migräne haben würde, nein, was noch schlimmer war, Wolfgang mußte es ja geradezu unleidlich finden, so beobachtet zu werden!
Es war natürlich, daß er mit ihr schalt. »Was ist denn Schlimmes dabei, wenn er einmal ein bißchen länger ausbleibt, ich bitte dich, Käte! Das ist ja rein lächerlich von dir! Ein bißchen bummeln, das hab ich auch als junger Mensch getan, und meine Mutter war, Gott sei’s gedankt, verständig genug, sich nicht darum zu kümmern. Komm, Käte, komm jetzt zu Bett!«
Sie wich zurück. »Ja – du!« sagte sie langsam, und er wußte nicht, wie sie’s meinte. Sie drehte ihm den Rücken und lehnte sich wieder zum Fenster hinaus.
Er stand noch einige wenige Augenblicke und wartete, aber als sie nicht mitkam, sich nicht einmal umwandte nach ihm, schüttelte er den Kopf: man mußte sie lassen, sie wurde eben geradezu wunderlich!
Schlaftrunken stieg er wieder allein die Treppe hinauf; er taumelte fast vor Müdigkeit, und die Glieder waren ihm schwer, und trotzdem war sein Denken klarer, unerbittlicher als am Tage, an dem so vieles rund umher ablenkt und zerstreut. Eine Sehnsucht stieg in dieser Stunde in ihm auf nach einer Frau, die seine alten Tage in sanftem Geleise ruhig und freundlich führen würde, deren Lächeln nicht nur Schein war wie das Lächeln auf Kätes Gesicht. Eine Frau, die mit dem Herzen lächelt, ach, leider, so eine war seine Käte nicht!
Mit einem Seufzen der Enttäuschung legte sich Schlieben wieder nieder und zog frierend die Decke hoch hinauf. Aber es dauerte lange, bis er einschlafen konnte. Wenn der Junge doch nur endlich käme! Heute dauerte es wirklich etwas lange! Solche Bummelei ging denn doch zu weit! –
Der Morgen graute, als eine Droschke langsam die Straße herunter zockelte. Vor der weißen Villa hielt sie an, und zwei Herren halfen einem dritten heraus. Die beiden, die den dritten unter den Armen gefaßt hielten, lachten, und der Kutscher auf dem Bock, der interessiert herunterguckte, lachte auch verschmitzt: »Soll ick helfen, meine Herren? Na, jeht’s?!«
Sie lehnten ihn gegen das Gitter, das den Vorgarten verschloß, tippten auf die Klingel, sprangen dann eilig wieder in den Wagen und schlugen den Schlag zu: »Los Kutscher, zurück!«
Die Klingel hatte nur einen leisen vibrierenden Ton von sich gegeben – wie einen bangen Hauch – Käte hatte ihn gehört, obgleich sie im Sessel eingeschlafen war; nicht fest, es war mehr ein hindämmerndes Versinken gewesen. Nun sprang sie erschrocken auf, es gellte ihr in den Ohren. Rasch ans Fenster! Draußen am Gitter lehnte jemand. Wolfgang –?! Ja, ja, er war’s! Aber warum schloß er denn nicht auf und kam herein?!
Was war ihm denn passiert?! Es war ihr auf einmal, als müßte sie um Hilfe rufen: Friedrich! Paul! Paul! Nach den Mädchen klingeln. Es war ihm etwas geschehen, es mußte ihm etwas geschehen sein, – warum kam er denn nicht herein?!
Er lehnte da so schwer gegen das Gitter. Ganz seltsam! Der Kopf hing ihm auf der Brust, der Hut saß ihm im Nacken. War er krank?!
Oder hatten ihn Strolche angefallen?! Die abenteuerlichsten Ideen schossen ihr plötzlich durch den Kopf. War er verletzt? Herrgott, was war ihm denn widerfahren?!
Befürchtungen, über die sie sonst gelächelt haben würde, kamen ihr jetzt zu dieser Stunde, in der es nicht Nacht mehr war, und doch auch noch nicht Tag. Ihre Füße waren kalt und steif, wie erfroren, kaum kam sie bis zur Haustür; den Schlüssel konnte sie erst nicht finden, und als ihre zitternden Hände ihn ins Schloß stießen, brachten sie ihn nicht herum. Sie war so ungeschickt in ihrer Hast, so sinnlos in ihrer Angst: etwas Furchtbares mußte geschehen sein! Ein Unglück! Sie fühlte das.
Endlich, endlich! Der Schlüssel ließ sich endlich drehen. Und nun stürzte sie durch den Vorgarten ans Gittertürchen; eine eisige Morgenluft schlug ihr entgegen wie Winterhauch. Sie drückte das Gitter auf: »Wolfgang!«
Er gab keine Antwort. Sein Gesicht konnte sie so nicht recht sehen; er stand unbeweglich.
Sie faßte seine Hand: »Um Gottes willen, was ist dir denn?!«
Er rührte sich nicht.
»Wolfgang! Wolfgang!« Sie rüttelte ihn in höchster Angst; da fiel er so schwer gegen sie, daß er sie beinahe umgestoßen hätte und stammelte, lallte wie ein Blöder, dessen schwerer Zunge man etwas eingelernt hat: »Par–don!«
Sie mußte ihn führen. Sein Atem, ganz voll Alkoholdunst wehte sie an. Ein ungeheurer Ekel, schrecklicher noch als die Angst vorher, packte sie. Das war das Furchtbare, das sie erwartet hatte –, nein, das war noch furchtbarer, noch unerträglicher! Er war ja betrunken, betrunken! So mußte ›betrunken‹ sein!
In ihre Nähe war noch nie ein Betrunkener gekommen; nun hatte sie einen dicht bei sich. Ein Entsetzen schüttelte sie, daß ihr die Zähne aufeinander schlugen. O pfui, pfui, wie ekelhaft, wie gemein! Wie niedrig erschien er ihr, und sie selber wie miterniedrigt. Das war ihr Wolfgang nicht mehr, ihr Kind, das sie an Sohnes Statt angenommen hatte! Dies hier war ein ganz gewöhnlicher, ein ganz gemeiner Mensch von der Straße, mit dem sie nichts, aber auch gar nichts mehr zu schaffen hatte!
Hastig wollte sie ihn von sich schieben, ins Haus eilen, die Tür hinter sich schließen – mochte er sehen, was er machte! Aber er hielt sie fest. Seinen Arm hatte er schwer um ihren Nacken gelegt, er drückte sie fast nieder; so zwang er sie, ihn zu führen.
Und widerwillig, mit innerem verzweifeltem Aufbäumen und doch bezwungen, führte sie ihn. Sie konnte ihn doch nicht aufgeben, dem Gespött der Dienstboten preisgeben, dem Gelächter der Straße! Wenn ihn jemand so sähe?! Wie lange noch, und die ersten Menschen kamen vorüber, die Milchjungen, die Bäckermädchen, die Straßenarbeiter und die frühen Karlsbadtrinker. Um Gottes willen, wenn jemand eine Ahnung davon bekäme, wie tief er gesunken war!
»Stütze dich, stütze dich fest,« sagte sie mit zitternder Stimme. »Nimm dich zusammen – so!« Sie brach fast unter ihm zusammen, aber sie erhielt ihn auf den Füßen. Er war so betrunken, er wußte nicht, was er tat, er wollte sich durchaus vor der Schwelle niederlegen, platt auf die Steinstufen. Aber sie riß ihn auf.
»Du mußt – du mußt,« sagte sie, und er folgte ihr wie ein Kind. ›Wie ein Hund‹ dachte sie.
Nun hatte sie ihn in der Vorderhalle – die Haustür war wieder verschlossen – aber nun kam die Angst vor der Dienerschaft. Noch war diese nicht auf, aber nicht lange mehr, und Friedrich tappte auf Lederpantoffeln von der Gärtnerwohnung herüber, und die Mädchen kamen aus ihren Mansarden herunter, das Fegen und Aufräumen fing an, das Öffnen der Fenster, das Hochziehen der Jalousieen, daß Helle – grausame Helle – in jeden Winkel drang. Sie mußte ihn die Treppe hinauf bekommen, in sein Zimmer, ohne daß jemand etwas ahnte, ohne daß sie einen Menschen zu Hilfe rief!
Einen Augenblick hatte sie an ihren Mann gedacht –, aber nein, auch den nicht, kein Mensch durfte ihn so sehen! Mit einer Kraft, die sie sich selber nicht zugetraut hätte, half sie ihm hinauf; sie lud ihn sich förmlich auf. Und sie flehte ihn an dabei, immer flüsternd, aber mit hartnäckiger Eindringlichkeit: »Leise, leise!« Sie mußte ihm schmeicheln, sonst ging er nicht weiter: »Leise, Wölfchen! Geh, geh, Wölfchen – so ist’s schön, Wölfchen!«
Es war eine Höllenqual. Er stolperte und polterte; bei jedem Anstoßen seines Fußes an die Treppenstufen, bei jedem Knarren des Geländers unter seiner dagegensinkenden Hilflosigkeit, fuhr sie zusammen, und ein banger Schreck lähmte sie fast. Wenn jemand das hörte, wenn jemand das hörte! Aber weiter, voran!
»Leise, Wölfchen, ganz leise!« Es klang wie eine Bitte und war doch ein Befehl. Wie er sie vordem bezwungen hatte, mit seinem schweren Arm, so zwang sie ihn jetzt mit ihrem Willen.
Alle im Hause mußten taub sein, daß sie diesen Lärm nicht hörten! Der Frau klang jeder Tritt wie ein Donnergepolter, das sich im weiten Raum mit Rollen fortsetzt und bis in den fernsten Winkel hallt. Paul mußte auch taub sein! Sie kamen an seiner Tür vorüber; gerade am Schlafzimmer der Eltern blieb der Trunkene stehen, er wollte durchaus nicht weiter – da hinein – nicht einen Schritt mehr weiter! Sie mußte ihn locken, wie sie einst das Kindchen gelockt hatte, das süße Kindchen mit den blanken Beerenaugen, das vom Stühlchen aus noch weiter bis zum nächsten Halt laufen sollte. »Komm, Wölfchen, komm!« Und sie brachte ihn glücklich vorüber.
Nun waren sie endlich in seinem Zimmer. »Gott sei Dank, Gott sei Dank,« stammelte sie, als sie ihn auf dem Bett hatte. Sie war so blaß wie er, dessen blödes Gesicht immer fahler und fahler wurde im sich hellenden Morgengrau. Hier – hier – ach, das war derselbe Raum, in dem sie einst vor vielen Jahren – unendlich lange war’s her! – um des Kindes teures, geliebtes Leben mit Angst und Zittern gerungen hatte, vor der Allmacht Gottes gekrochen war wie ein Wurm: nur leben, Gott, laß ihn nur leben! Ach, wäre er damals lieber gestorben!
Wie ein Pfeil, aus allzu straffem Bogen geschnellt, blitzschnell dahinschwirrt, so durchschwirrte das ihren Sinn. Der Gedanke war ihr schrecklich, sie verzieh ihn sich nicht, aber sie konnte sich seiner nicht erwehren. Mit bebenden Knieen stand sie, entsetzt ob der eignen Herzlosigkeit, und dachte doch: wäre er damals lieber gestorben, besser wär’s gewesen! Hier – hier, das war dasselbe Zimmer noch, in dem sie dem Heranwachsenden die Einsegnungskleider anprobiert hatte! Nun zog sie dem Erwachsenen die Kleider aus; zerrte ihm den Smoking ab, die eleganten Beinkleider – so gut es eben ging bei seiner nun völligen Bewußtlosigkeit – und schnürte ihm die Lackschuhe auf.
Wo war er gewesen?! Ein Geruch von Zigaretten und Parfüm und Weinneigendunst strömte von ihm aus; es benahm ihr fast den Atem. Da hing derselbe Spiegel noch, in dem sie neben ihrem hellen weichen Frauengesicht das bräunliche Knabengesicht gesehen hatte, frisch und rundwangig, ein wenig derb, ein wenig trotzig, aber doch so hübsch in seiner Kernigkeit, so lieb in seiner Unschuld. Und jetzt –?!
Ihr Blick streifte das fahle Gesicht, aus dessem offenem Munde der dunstige Atem mit Schnarchen und Röcheln ging, und sah dann im Spiegel ihr eignes verängstetes, überwachtes Antlitz, in dem alle Weichheit sich verschärft hatte zu harten, vergrämten Linien. Ein Schauer durchrieselte sie; mit ihrer kalten Hand strich sie sich die grauen, verwirrten Strähnen aus der Stirn, ihre Augen zwinkerten, als wollte sie weinen. Aber sie zwang die Tränen nieder: nun durfte sie nicht mehr weinen, =die= Zeit war vorbei!
Sie stand noch eine Weile mitten im Zimmer, regungslos mit angehaltenem Atem, die überanstrengten Arme schlaff herunterhängen lassend; dann schlich sie auf Zehen zur Tür. Er schlief ganz fest. Von außen verschloß sie die Tür und steckte den Schlüssel in ihre Tasche – niemand durfte hinein!
Sollte sie sich nun noch zu Bette legen? Schlafen konnte sie ja doch nicht – o Gott, die innere Unrast war so groß, – aber sie mußte sich niederlegen, ja, sie mußte das, was sollten sonst die Mädchen denken und Paul?! Mußte dann aufstehen wie alle Tage, sich waschen, ankleiden, am Frühstückstisch sitzen, essen, sprechen, lächeln, wie alle Tage, als sei nichts, gar nichts geschehen. Und doch war ihr so viel geschehen!
Sie fühlte eine trostlose Vereinsamung, als sie neben ihrem Mann im Bette lag. Da war ja niemand, dem sie klagen konnte. Hatte Paul sie schon früher nicht verstanden, jetzt würde er sie erst recht nicht verstehen; er war ja so ganz anders geworden mit der Zeit. Und war er nicht jetzt noch dazu blind vernarrt in den Jungen? Merkwürdig, früher, als sie den Knaben so geliebt hatte, war’s immer zu viel der Liebe gewesen – wie oft hatte er ihr deswegen Vorwürfe gemacht – und jetzt, jetzt – nein, sie verstanden sich eben nicht mehr! Sie mußte allein durch, ganz allein!
Als Käte die ersten Geräusche im Hause hörte, wäre sie gerne aufgestanden, aber sie zwang sich noch, liegen zu bleiben: es würde den Leuten auffallen, sie so früh zu sehen. Aber eine furchtbare Angst quälte sie: wenn der Mensch – jener – dort drüben in seinem Rausch nun aufwachte, Lärm schlug, an die verschlossene Tür polterte?! Was sollte sie dann sagen, um ihn zu entschuldigen, was machen?! Fiebernd vor Unruhe lag sie im Bett. Endlich war es ihre gewohnte Aufstehenszeit.
»Der Junge ist wohl schrecklich spät nach Hause gekommen,« fragte Paul beim Frühstück. »Wohl vielmehr früh? Was?«
»O nein! Gleich nachdem du heraufgegangen warst!«
»So? Ich habe aber noch eine ganze Weile wach gelegen!«
Er hatte es leichthin gesagt, ohne jeden Argwohn, aber sie bekam doch einen Schrecken. »Wir – wir – er hat mir noch eine ganze Weile erzählt,« brachte sie stockend heraus.
»Töricht,« sagte er, weiter nichts und schüttelte den Kopf.
O, es war doch schwer, zu lügen! In welche Lage brachte Wolfgang sie!
Als Schlieben zur Stadt gefahren war, die Köchin unten im Souterrain wirtschaftete und Friedrich im Garten, belauerte Käte das Hausmädchen: wie lange brauchte das denn heute im Schlafzimmer? Scharf sagte sie: »Sie müssen rascher hier oben aufräumen, Sie sind ja über die Maßen langsam!«
Ganz verwundert über den ungewohnten Ton sah die Dienerin ihre Herrin an und sagte nachher unten zur Köchin: »Hu, ist die Gnäd’ge heute schlechter Laune, hat die mich gehetzt!«
Käte hatte dabei gestanden, bis das Aufräumen des Schlafzimmers beendet war, sie hatte das Mädchen förmlich gejagt. Nun war sie allein, ganz allein mit ihm hier oben, nun konnte sie sehen, was mit ihm war!
Würde er noch betrunken sein?! Als sie vor seiner Türe stand, hielt sie den Atem an; das Ohr geneigt, lauschte sie. Drinnen war nichts zu hören, nicht einmal ein Atemzug. Wie ein Dieb, sich scheu umblickend, schloß sie auf und schlich hinein, hinter sich wieder zuschließend. Vorsichtig, leise trat sie auf das Bett zu; doch so hastig fuhr sie zurück, daß der hochlehnige Stuhl, an den sie stieß, mit Gepolter umstürzte. Was war das – da – was?!
Ein ekler Dunst, der die geschlossene Stube erfüllte, reizte sie zur Übelkeit; zum Fenster taumelnd, riß sie es auf, stieß den Laden zurück – da sah sie. Da lag er wie ein Tier – er, der sorgsam Gewöhnte, er, der als Kind seine kleinen Hände ausgestreckt hatte, klebte nur ein Krümchen daran: ›Sauber putzen!‹ und geweint hatte dabei. Jetzt lag er da, als merkte er nichts, als ginge ihn das um ihn her nichts an, als ruhte er in lauter Reinheit; hielt die Augen, deren kohlschwarze Wimpern wie Schatten auf die bleichen Wangen fielen, fest geschlossen und schlief den Schlaf bleischwerer Müdigkeit.
Sie wußte nicht, was sie tat. Sie hob die Hand, um ihn ins Gesicht zu schlagen, ihm ein Wort zuzurufen, ein heftiges Wort des Ekels und Abscheus; sie fühlte, wie ihr der Speichel im Munde zusammenlief, wie es sie drängte, auszuspeien. Das war zu schrecklich, zu schmutzig, zu entsetzlich!
Durchs offene Fenster drang ein Strom von Licht herein, von Licht und Sonne; eine Amsel sang, voll und rein. Da war Sonne, da war Schönheit, aber hier, hier –?! Wimmernd hätte sie ihr Antlitz verhüllen mögen, davonlaufen und sich verbergen. Aber wer sollte dann hier tun, was zu tun nötig war, wer Ordnung schaffen und Reinlichkeit?! Der umgestürzte Stuhl, die hastig abgezogene Kleidung, der widrige Dunst – ach, all das mahnte nur zu deutlich an eine wüste Nacht. Das durfte nicht so bleiben. Und wenn sie ihn auch nicht mehr liebte – nein, nein, keine Stimme in ihrem Herzen sprach mehr von Liebe! – der Stolz gebot ihr, sich nicht vor den Dienstboten zu demütigen. Beiseite schaffen, niemanden etwas davon merken lassen, rasch, rasch!
Die Zähne zusammenbeißend, den Ekel zurückdrängend, der ihr immer wieder und wieder würgend aufstieg, fing Käte an, zu waschen, zu reiben, zu putzen, holte sich immer wieder Wasser, den Krug voll, einen ganzen Eimer voll. Heimlich mußte sie es tun, auf Zehen über den Gang schleichen. O weh, wie das plätscherte, mit welchem Geräusch das Wasser aus dem aufgedrehten Hahn in den untergehalten Eimer schoß! Daß nur niemand, niemand etwas merkte!
Sie hatte ein Scheuertuch gefunden, und, was sie in ihrem Leben noch nie getan hatte, nun tat sie’s: sie lag wie eine Magd auf den Knieen und wischte den Boden ab und rutschte vor dem Bett herum, bis unters Bett, und reckte die Arme lang und streckte und dehnte sich, um nur ja jeden Winkel zu erreichen. Nichts durfte vergessen werden, alles mußte überschwemmt werden mit frischem, reinem, erlösendem Wasser. Es kam ihr alles im Raum beschmutzt vor – wie beleidigt und erniedrigt – die Dielen, die Möbel, die Wände; am liebsten hätte sie auch die Tapeten abgewaschen oder sie ganz heruntergerissen, diese schönen, tieffarbenen Tapeten.
So hatte sie noch nie in ihrem Leben gearbeitet; der Schweiß der Anstrengung und der Angst klebte ihr das elegante Morgenkleid mit dem Seideneinsatz und den Spitzen an den Körper. An den Knieen zeigte der Rock dunkle Flecke vom Rutschen im Naß, der Saum der Schleppe war tief ins Wasser getunkt; unordentlich hingen ihre Haare, sie hatten sich gelöst und zausten um das erhitzte Gesicht. Kein Mensch hätte so Frau Schlieben erkannt.
Gott sei Dank, endlich! Mit einem Seufzer der Erleichterung sah Käte sich um; eine andre Luft herrschte nun im Zimmer. Der frische Wind, der hereinwehte, hatte alles geklärt. Nur er, er paßte noch nicht in die Reinheit! Seine Stirn war voll klebrigen Schweißes, seine Wangen erdfahl, seine Lippen geschwollen, geborsten, sein Haar borstig, sich sträubend in Büscheln. Da wusch sie auch ihn, kühlte seine Stirn und trocknete sie, rieb seine Wangen mit Seife und Schwamm, holte Bürste und Kamm, kämmte und glättete sein Haupt, lief hurtig hinüber in ihr Zimmer, brachte das Toilettenwasser von ihrem Tisch und ließ es über ihn hinsprühen. Nun noch die Decke frisch bezogen! Mehr konnte sie nicht tun, es ward ihr zu schwer, ihn zu heben. Denn er erwachte nicht. Wie ein gefällter Baum – tot, starr, unbeweglich – lag er da und merkte nichts von den zitternden Händen, die über ihn hinhuschten, zupften und glätteten, bald hier, bald da.
Wie lange sie um ihn geschafft hatte, wußte sie nicht; ein Klopfen an der Tür brachte sie in die Zeit zurück.
»Wer ist da?«
»Ich, der Friedrich!«
»Was wollen Sie?«
»Gnädige Frau, der Herr läßt zu Tisch bitten!«
»Zu Tisch – der Herr?!« Sie faßte sich an den Kopf: war’s möglich, Paul schon zurück – Mittagszeit? Das konnte nicht sein! »Wieviel Uhr?« schrie sie schrill. Selbst nach der Uhr zu sehen, die auf dem Nachttisch lag, fiel ihr nicht ein; sie hätte es ja auch nicht gekonnt, die kostbare goldene Uhr, das Geschenk zur Konfirmation, stand still, nicht aufgezogen zur Zeit.
»Gnädige Frau, es ist halb drei,« sagte Friedrich draußen. Und dann wagte es der langjährige Diener respektvoll zu fragen: »Ist der junge Herr nicht wohl, daß er noch nicht aufgestanden ist? Kann ich vielleicht was helfen, gnädige Frau?«
Einen Augenblick zauderte sie: sollte sie Friedrich einweihen? Es wäre dann leichter für sie! Aber die Scham schrie aus ihr: »Es ist nichts zu helfen, gehen Sie nur! Der junge Herr hat Migräne, er wird noch eine Stunde liegen bleiben. Ich komme gleich!«
Und sie stürzte hinüber in ihr Zimmer; das Kleid zu wechseln war keine Zeit mehr, aber wenigstens das heruntergefallene Haar mußte sie aufstecken, den Scheitel glattstreichen und ein Häubchen darauf stülpen mit zartem Band.
»Noch in Morgentoilette?« fragte verwundert Schlieben, als sie ins Eßzimmer trat. Etwas von Vorwurf war auch in der Frage; er mochte es nicht leiden, wenn man nicht korrekt zum Mittagstisch kam.
»Du kamst heute ausnahmsweise früh,« entschuldigte sie sich. Sie wagte nicht, frei aufzusehen, unendlich gedemütigt; essen konnte sie auch nicht, eine unleidliche Erinnerung verekelte ihr jeden Schluck und jeden Bissen.
»Wo ist denn Wolfgang?«
Da war die Frage, auf die sie eigentlich hätte vorbereitet sein müssen und die sie dennoch traf, gänzlich vernichtend. Sie hatte keine Abwehr. Was sollte sie antworten? Sollte sie sagen: er ist krank?! Dann ging der Vater hinauf und sah nach ihm. Sollte sie sagen: er ist betrunken und schläft?! O Gott, nein, es war nicht zu verheimlichen! Sie wurde blaß und rot, ihre Lippen zuckten und sagten nichts.
»Aha!« Schlieben lachte plötzlich auf – ein wenig gutmütig, ein wenig spöttisch – und dann streckte er ihr die Hand über den Tisch hin und sah sie ruhig an: »Du mußt dich nicht so aufregen, Käte, wenn der Junge mal einen kleinen Kater hat. So was kommt vor, das macht jede Mutter durch!«
»Aber nicht so schrecklich – nicht so schrecklich!« Sie schrie laut heraus, von Schmerz und Zorn überwältigt. Und dann packte sie die Hand ihres Mannes und klemmte sie zwischen ihre beiden feuchtkalten Hände und raunte ihm zu, halb erstickt: »Er war betrunken – ganz betrunken – sinnlos betrunken!«
»So –?!« Schlieben runzelte die Stirn, aber das Lächeln erstarb nicht ganz auf seinen Lippen. »Nun, ich werde mal mit dem Jungen, wenn er ausgeschlafen hat, ein Wörtchen reden. Sinnlos betrunken, sagst du?«
Sie nickte.
»Es wird wohl nur halb so schlimm gewesen sein! Aber überhaupt, betrunken, das darf nicht vorkommen! Angeheitert, du lieber Gott!« Er zuckte die Achseln, und wie eine sonnige Erinnerung glitt’s über sein Gesicht. »Angeheitert – wer wäre jung gewesen und nicht einmal angeheitert?! Ah, ich erinnere mich noch ganz deutlich an meinen ersten Schwips, der Kater nachher war fürchterlich, aber der Schwips selber schön, wunderbar schön! Ich möchte ihn nicht missen!«
»Du – du bist einmal angetrunken gewesen?!« Sie sah ihn starr an mit weiten Augen.
»Angetrunken – das nennt man doch nicht gleich angetrunken! Angeheitert,« verbesserte er. »Du mußt nicht so übertreiben, Käte!« Und dann aß er weiter, als wäre nichts geschehen, als hätte ihm diese Unterhaltung gar nicht den Appetit rauben können.
Sie fieberte: wann würde Wolfgang erwachen, und was würde dann sein?!
Gegen Abend hörte sie oben seinen Tritt, hörte ihn sein Fenster schließen und wieder öffnen und sein leises Pfeifen wie Vogelgezwitscher. Paul ging, seine Zigarre rauchend, im Garten auf und ab. Sie saß zum ersten Mal in diesem Frühjahr auf der Veranda und sah zu ihrem Mann hinunter in den Garten. Es war lind und warm. Jetzt fühlte sie, daß Wolfgang nahte; sie wollte den Kopf nicht wenden, so schämte sie sich, aber sie wendete ihn doch.
Da stand er in der Tür, die vom Eßzimmer hinaus in die Veranda führte; hinter ihm war das Dämmerlicht des Parterreraumes, vor ihm die flutende Helle der Abendsonne. Er blinzelte und kniff die Augen zusammen, rot war sein Gesicht bestrahlt – oder schämte er sich so? Was würde er nun sagen, wie beginnen? Ihr Herz klopfte; sie hätte kein Wort sprechen können, ihre Kehle war wie zugeschnürt.
»’n Abend,« sagte er laut und vergnügt. Und dann räusperte er sich, wie eine leichte Verlegenheit herunterschluckend, und sagte leise, der Mutter einen Schritt näher tretend: »Pardon, Mama, ich habe verschlafen, ich hatte keine Ahnung, wie spät es war – ich war todmüde!«
Sie sagte noch immer nichts.
Er wußte nicht, wie er mit ihr daran war. Sie war so still, das beirrte ihn ein wenig. »Ich bin gestern abend nämlich sehr spät nach Hause gekommen!«
»So – bist du?« Sie wendete den Kopf von ihm weg und sah wieder angelegentlich hinaus in den Garten, wo Paul jetzt gerade mit Friedrich sprach und mit dem Finger zu einem schon blühenden Zierkirschenbaum hinaufwies.
»Ich glaube wenigstens,« sagte er. Was sollte er sagen? War sie böse?! In der Tat, er mußte wohl sehr spät nach Hause gekommen sein, um wieviel Uhr konnte er sich nicht erinnern, er konnte sich überhaupt an nichts klar erinnern, es war ihm alles etwas dunkel. Er hatte auch einen bösen Traum gehabt, sich scheußlich gefühlt, aber jetzt war ihm wohl, so wohl! Nun, wenn sie was gegen ihn hatte, konnte er ihr auch nicht helfen!
Die Lippen wieder zu einem leisen Pfeifen, wie Vogelzwitschern spitzend, wollte er, die Hände in den Taschen seiner gutsitzenden modischen Hose, von der Veranda herab in den Garten schreiten, als sie ihn zurückrief.
»Du wünschest, Mama?«
»Du warst betrunken,« sagte sie leise und heftig.
»Ich –?! Oh!« Eine plötzliche Verlegenheit überkam ihn: war er wirklich betrunken gewesen? Er hatte keine Ahnung davon. Aber freilich, es konnte am Ende sein, er hatte ja auch gar keine Ahnung, wie er nach Hause gekommen war!
»Du hast wohl wieder aufgesessen und auf mich gewartet?!« Mißtrauisch sah er sie von der Seite an, seine breite Stirn zog sich über der Nasenwurzel in eine so tiefe Falte, daß die dunklen Brauen ganz zusammenstießen. »Du mußt nicht immer auf mich warten,« sagte er dann mit heimlicher Ungeduld, aber äußerlich im Ton der Besorgnis. »Das nimmt mir ja jede Lust, etwas mitzumachen, wenn ich denke, du opferst deine Nachtruhe. Bitte, Mama, tu das nicht mehr!«
»Ich werde es nicht mehr tun,« sagte sie und sah in ihren Schoß. Sie hätte ihn nicht ansehen können, so verachtete sie ihn. Wie hatte er dagestanden, so breit und groß und dreist und ganz vergnügt ›’n Abend‹ gesagt! Tat so, als ob er von nichts wüßte, nicht, daß er vor ein paar Stunden noch hatte kriechen wollen auf allen Vieren, sich strecken auf die Schwelle, als wäre da sein Bett oder er ein Hund! War so unbefangen, als hätte er nicht heute mittag noch da oben in seinem Zimmer gelegen, so – so – schmutzig! Als wenn sie ihn nicht gesehen hätte in seiner tiefsten Erniedrigung. Nein, nie, nie mehr würde sie ihn küssen können, ihn streicheln, die Arme um seinen Hals legen, wie sie’s dem Knaben so gern getan hatte! Er war ihr auf einmal ein ganz fremder Mensch geworden.
Sie sagte kein Wort mehr, machte ihm keinen Vorwurf. Teilnahmslos hörte sie das, was jetzt ihr Mann unten im Garten zu ihm sprach.
So milde wie Schlieben diesen Mittag seiner Frau gegenüber geschienen hatte, jetzt, dem Sohne gegenüber, war er es denn doch nicht. Ernsthaft sagte er: »Ich höre, du bist angetrunken nach Hause gekommen – was soll das heißen?! Schämst du dich nicht?«
»Wer hat das gesagt?«
»Das ist ja ganz gleichgültig, ich weiß es, und das genügt!«
»=Sie= natürlich,« sagte der Sohn bitter. »Mama übertreibt gleich alles so. Betrunken bin ich sicher nicht gewesen, nur ein bißchen im Schwum – das waren wir alle – Gott, Papa, man kann sich doch nicht ausschließen! Was soll man denn auch sonst machen an so ’nem langen Abend?! Aber schlimm war’s jedenfalls nicht. Ich bin ja jetzt so frisch!« Und er packte den Zierkirschenbaum, unter dem sie gerade standen, mit beiden Händen, als wolle er ihn ausreißen, und ein ganzer Schauer von weißen Blüten ging nieder über ihn und den Weg.
»Laß meinen Baum nur stehen,« sprach der Vater lächelnd.
Käte sah: Paul konnte lachen?! Also so ernst war’s ihm doch nicht! Aber sie erregte sich nicht mehr, wie sie sich wohl früher hierüber erregt haben würde, es war ihr, als sei alles in ihr kalt und tot. Sie hörte die beiden sprechen wie aus weiter, weiter Ferne, ganz schwach nur war der Stimmen Klang, und doch sprachen sie beide laut und auch lebhaft.
Die Unterhaltung war nicht so ganz freundschaftlich; wenn Schlieben dem Jungen auch nicht ernstlich zürnte, so hielt er es doch für Pflicht, ihm Vorhaltungen zu machen. Er schloß: »Ekelhaft sind solche Saufereien!« Im stillen dachte er freilich: ›so schlimm, wie Käte es macht, kann es unmöglich gewesen sein, man müßte doch sonst dem Jungen etwas anmerken!‹ Seine bräunlichen Wangen waren glatt und fest, so blank, so frisch gewaschen, seine nicht großen, aber durch ihre dunkle Tiefe auffallenden Augen hatten heute sogar einen besonderen Glanz.
Schlieben legte dem Sohne die Hand auf die Schulter: »Also, wenn wir gute Freunde bleiben sollen, nie mehr so etwas, Wolfgang!«
Sorglos zuckte dieser die Achseln: »Ich weiß wirklich nicht, Papa, was ich verbrochen habe. Es ist mir alles etwas schleierhaft. Aber es soll nicht mehr vorkommen, gewiß nicht!«
Und sie schüttelten sich die Hände.
Nun rührte sich doch etwas in Käte; sie hätte aufspringen mögen, schreien: ›Glaub ihm nicht, Paul, glaub ihm nicht! Er wird sich doch wieder betrinken, ich traue ihm nicht! Ich kann ihm ja nicht trauen! Hättest du ihn gesehen, wie ich ihn gesehen habe – o, er war ja so gemein!‹ Und wie eine Vision tauchte plötzlich eine Bauernschenke vor ihr auf, eine Schenke, die sie nicht gesehen hatte – rohe Kerle saßen um den Holztisch, die Ellbogen aufgestemmt, pafften stinkenden Tabak von sich, tranken wüst, gröhlten wüst – – ah, saßen da nicht sein Vater, sein Großvater auch darunter, alle die, von denen er abstammte?! Eine furchtbare Angst fiel über sie her: das konnte ja nie, nie gut enden!
»Du bist so bleich, Käte,« sagte Schlieben beim Abendbrot. »Du hast zu lange stillgesessen; es ist doch noch zu kalt draußen!«
»Ist dir nicht wohl, Mama?« fragte Wolfgang höflich-besorgt.
Käte antwortete dem Sohn nicht, sie sah nur zu ihrem Manne hin und schüttelte verneinend-abwehrend den Kopf: »Mir ist ganz wohl!«
Da gaben sie sich zufrieden.
Wolfgang aß mit gutem Appetit, mit besonders großem sogar; er war völlig ausgehungert. Es gab auch lauter gute Sachen, die er gern aß: warmes Hühnerfrikassee mit Kalbsmilch, Klößchen und Krebsschwänzen, und dann noch feinen Aufschnitt, Butter und Käse und junge Radieschen.
»Junge, trink nicht so viel,« sagte Schlieben, als Wolfgang schon wieder nach der Weinflasche griff.
»Ich habe Durst,« sagte der Sohn mit einem gewissen Trotz, schenkte sein Glas aufs neue voll bis an den Rand und goß es hinunter auf einen Zug.
»Das kommt vom Schwärmen!« Der Vater hob leicht drohend den Finger, lächelte aber dabei.
›Vom Saufen kommt’s‹ dachte Käte, und der Ekel schüttelte sie wieder; sie hatte sonst, selbst in Gedanken, nie einen solchen Ausdruck gebraucht, nun dünkte ihr keiner stark, schroff, verächtlich genug.
Es kam keine gemütliche Unterhaltung zustande, trotzdem das Zimmer so wohnlich war, der Tisch so reich besetzt, Blumen auf dem weißen Tuch, zierlich eingesteckt in eine kristallene Schale, und über dem allen mildes, gedämpftes Licht unter einem grünseidenen Schirm. Käte war so einsilbig, daß Paul bald nach der Zeitung griff, der Sohn verstohlen durch die Nase gähnte und endlich aufstand. Das war denn doch zu gräßlich öde, hierzusitzen! Ob er noch einmal nach Berlin hineinfuhr oder zu Bette ging?! Er wußte selbst nicht recht, was tun.
»Du gehst jetzt zu Bett?!« Es sollte wie eine Frage klingen, aber Käte hörte selber, daß es nicht wie eine Frage klang.
»Natürlich geht er jetzt zu Bett,« sagte der Vater, einen Augenblick den Kopf hinter seiner Zeitung hervorhebend. »Er ist müde. Gute Nacht, mein Junge!«
»Ich bin nicht müde!« Wolfgang wurde rot und heiß: was fiel ihnen denn ein, ihm einreden zu wollen, er sei müde?! Er war doch kein Kind mehr, das man zu Bette schickt! Besonders der Mutter Ton reizte ihn – ›du gehst jetzt zu Bett‹ – das war ja ein Befehl!
In seinen dunklen Augen wurde der Glanz zum Flackern; ein Zug von Trotz und Widersetzlichkeit machte sein Gesicht nicht angenehm. Man hätte wohl sehen können, wie es in ihm aufbrauste, aber der Vater sagte: »Gute Nacht,« und hielt ihm, mit seiner Zeitung vorm Gesicht, ohne aufzublicken, die Hand hin.
Die Mutter sagte auch: »Gute Nacht!«
Und der Sohn ergriff eine Hand nach der andern – auf der Mutter Hand drückte er den gewohnten Kuß – und sagte: »Gute Nacht!«
2
Schlieben saß in seinem Privatkontor in dem roten Lederstuhl, den er sich zur Bequemlichkeit hatte hier hineinstellen lassen, lehnte sich aber nicht an, sondern saß ungemütlich, gerade aufgerichtet, und sah aus wie einer, der eine unliebsame Entdeckung gemacht hat. Wie konnte das zugehen, daß der Junge Schulden gemacht hatte?! Bei so reichlichem Taschengeld?! Und dann, daß er nicht das Herz hatte, zu kommen und zu sprechen: ›Du, Vater, ich habe zu viel ausgegeben, hilf mir heraus –,‹ das war einfach unfaßlich! War er denn ein so strenger Vater, daß der Sohn sich vor ihm fürchten mußte? Trieb die Furcht die Liebe aus?! Er ging sein eigenes Verhalten durch; er konnte sich wirklich nicht den Vorwurf machen, zu streng gewesen zu sein. Wenn er auch nicht alle Zeit so nachgiebig gewesen war – zu nachgiebig – wie Käte, so hatte doch auch er dem Jungen immer und immer wieder zu zeigen geglaubt, daß er ihn lieb hatte. Und hatte er denn nicht auch – gerade in letzter Zeit – geglaubt, der Junge hätte auch ihn lieb? Lieber als früher?! Wolfgang war eben zu Verstand gekommen, hatte eingesehen, wie gut man’s mit ihm meinte, daß er seiner Eltern lieber Sohn war, ihre wachsende Freude, ihre Hoffnung – ja, nun, da man alt geworden war, die ganze Zukunft! Wie kam’s, daß er lieber zu andern ging, zu Leuten, die ihn gar nichts angingen, und sich von denen borgte, anstatt den Vater zu bitten?!
Mit Betrübnis nahm Schlieben einen Brief von seinem Schreibtisch, las ihn, den er doch schon drei-, viermal gelesen hatte, noch einmal durch und legte ihn dann mit einer ärgerlichen Gebärde wieder zurück. Da schrieb ihm Braumüller, der kürzlich aus der Firma ausgetreten war und sich zur Erholung und zum Vergnügen in der Schweiz befand, der Junge hätte ihn schon wieder mal angepumpt. Nicht, daß er’s ihm nicht gerne geben würde, es käme ihm ja gar nicht darauf an, aber er hielte es doch für seine Pflicht – und so weiter, und so weiter.
›Es kann nicht anders sein, lieber Schlieben, der Junge lumpt. Es ist mir höchst fatal, ihn zu verpetzen, aber ich kann doch nicht länger warten, denn so gut wie er zu mir kommt, geht er auch zu andern. Und es wäre doch höchst peinlich, wenn der Sohn der Firma Schlieben & Co., zu der ich mich immer noch in alter Anhänglichkeit rechne, etwa gar in der Leute Mäuler käme. Nimm’s nicht übel, alter Freund! Was der Junge mir schuldet, schenke ich ihm; ich mag ihn gern und bin auch mal jung gewesen. Im übrigen bin ich ganz froh, daß ich keine Kinder habe, es ist doch ein verdammt schweres Stück, eins zu erziehen. Leb wohl, grüße Deine Frau vielmals, es ist herrlich hier – – –‹
Mit gerunzelter Stirn starrte Schlieben über das Papier hinweg; dieser Brief, der so gut gemeint, so herzlich geschrieben war, tat ihm weh. Daß Wolfgang hierin so wenig Vertrauen zu ihm hatte! War er überhaupt nicht offen?! Schlieben erinnerte sich genau, daß Wolfgang als Kind immer wahr gewesen war, gerade heraus bis zur verletzenden Offenheit – ungezogen war er gewesen, aber nicht verlogen –, sollte er sich jetzt so verändert haben? Wie kam das, und woher?!
Der Vater beschloß, nichts von dem Brief zu erwähnen, wohl aber Wolfgang scheinbar gelegentlich – aber sobald als möglich – zu fragen, wie es denn eigentlich mit seinen Finanzen stünde? Da würde er ja hören!
Es drängte ihn förmlich zu dieser Frage, und doch brachte er sie nicht über die Lippen, als bald darauf Wolfgang ins Privatkontor trat, ohne vorher anzuklopfen, wie sie’s doch alle taten, mit der ganzen unbekümmerten Sicherheit des Sohnes. Er setzte sich rittlings auf das Schreibpult des Vaters, ganz achtlos, daß sein helles Beinkleid mit dem Tintenfaß in unliebsame Berührung kam. Draußen war helle Luft und eine höchst sommerliche Sonne; er brachte eine ganze Menge davon mit herein in den dunkel gehaltenen, kühlen und abgeschlossenen Raum.
»Ärger gehabt, Papa?!« Was der alte Herr wohl wieder für Grillen hatte? O, sicher nichts von Belang! Wie konnte man jetzt überhaupt Ärger haben in dieser köstlichen, wohligen Sommerzeit?!
Wolfgang liebte die Sonne; wie er sie als Kind angestaunt hatte in ihrem kleinen Abbild, der runden gelben Sonnenblume seines Gärtchens, so freute er sich noch jetzt an ihr. Perlte der Schweiß in Tropfen auf seiner braunen Haut, dann schob er wohl den weißen Panamahut ein wenig aus der Stirn zurück, aber nie ging sein Atem freier, leichter, unbeklemmter.
»Es war herrlich, Papa,« sagte er, und seine Augen leuchteten. »Erst geschwommen – was sagst du dazu, dreimal hintereinander die ganze Breite des Sees, ohne Pause hin und her, und wieder hin und her und wieder hin und her?!«
»Viel zu anstrengend, ganz unvernünftig!« Schlieben sagte es nicht ohne Besorgnis: Hofmann war eigentlich gar nicht sehr dafür, daß der Junge schwamm!
»Unvernünftig, anstrengend?! Haha!« Wolfgang amüsierte sich. »Das ist mir doch ’ne Kleinigkeit! Weißt du, eigentlich habe ich meinen Beruf verfehlt, du hättest mich nicht ins Kontor stecken sollen. Schwimmer, Reiter hätte ich werden sollen oder – na, so ’n Cowboy im wilden West!«
Er hatte es scherzend gesagt, ohne jede Absichtlichkeit, aber es wollte den Mann, der ihn mit plötzlich mißtrauisch gewordenen Augen ansah, bedünken, als berge sich hinter dem Scherz ein Ernst, eine Anklage. Was wollte er denn, wollte er wie ein zügelloser Knabe ins Leben hineingaloppieren?!
»Nun, deine sportlichen Fähigkeiten werden dir ja schon zustatten kommen, wenn du deine Militärzeit abmachst,« sagte er kühl. »Vorderhand ist das wichtiger, was du hier zu tun hast. Hast du den Lieferungsvertrag für Weiß Gebrüder entworfen? Zeig mal her!«
»Sofort!«
Wolfgang verschwand; aber es dauerte eine ganze Weile, bis er wiederkam. Hatte er jetzt erst rasch die ihm als dringend überwiesene und sorgfältig auszuführende Arbeit erledigt?! Die Tinte war noch ganz frisch, die Schrift, wenn auch leserlich, so doch sehr flüchtig; keine Kaufmannsschrift! Schlieben runzelte die Stirn, er war heute merkwürdig gereizt. Zu andrer Zeit hätte ihm die Geschwindigkeit, mit der der Junge die verabsäumte Arbeit nachgeholt hatte, gewissermaßen imponiert; aber heute ärgerte ihn die Flüchtigkeit der Schrift, die Tintenspritzer am Rand, die ganze Nachlässigkeit, die ihm gleichbedeutend schien mit Interesselosigkeit.
»So, hm« – er prüfte noch einmal kritisch –, »wann hast du denn das gemacht?«
»Als du mir’s auftrugst!« Wolfgang sagte das so unverfroren, daß man unmöglich daran zweifeln konnte.
Schlieben schämte sich ordentlich: wie doch so ein Körnchen Mißtrauen gleich aufgeht! Da hatte er dem Sohn wirklich unrecht getan! Aber das mit dem Gelde, das blieb doch nun einmal bestehen, darin war der Junge doch nicht offen und ehrlich gewesen! Es war dem Vater, als könne er dem Sohne von jetzt ab doch nicht mehr ganz trauen. –
Es war kaum Mittag, als Wolfgang schon wieder das Kontor verließ. Er hatte sich mit ein paar Bekannten verabredet, im Kaiserkeller unweit der Linden; ob er nun da frühstückte oder da, frühstücken mußte er doch; nur ein belegtes Brötchen, wie der Vater sich eins mitnahm, konnte ihm nach Schwimmen und Reiten nicht genügen.
Am Nachmittag zeigte er sich dann wieder eine Stunde im Bureau, aber schon im Tennisanzug, in den weißen Schuhen, den Schläger in der Hand.
Als Wolfgang heute den Sportplatz des Westens verließ, erhitzt und rot – sie hatten lange und hartnäckig gespielt –, um herüber nach dem Bahnhof ›Zoologischer Garten‹ zu gehen, stand er, schon im Eingang, zögernd. Es trieb ihn so gar nicht nach Hause. Sollte er nicht lieber noch einmal hinein in die Stadt fahren? Eigentlich lockte es ihn jetzt nicht in die Straßen, die die treibende Menge mit noch größerer Stickigkeit erfüllte, draußen war’s besser, da strich über die Villa wenigstens ein Hauch von Freiheit, aber er mußte dann mit den Eltern zusammensitzen! Na, wenn der Vater heute abend wieder so schlechter Laune war, wie heute morgen im Kontor, dann war’s gräßlich! Dann war es doch besser, sich in Berlin irgendwo Gesellschaft zu suchen. Wenn nur der Tennisanzug nicht wäre! Der hinderte. Unschlüssig stand er noch, da sah er im Gewühl der Menge, die jetzt nach Geschäftsschluß und Feierabend wie ein langer eilender Wurm sich durch den Bahnhofseingang schlängelte, und sich rechts und links die Treppen hinan spaltete, unter einem in die Stirn gerückten weißen Matrosenhütchen mit blauem Samtband ein blondes Haar aufleuchten, das ihm bekannt vorkam. Es war ein schönes, helles, seidiges Haar, glatt und glänzend; anscheinend lässig, aber doch mit vieler Sorgfalt in einen mächtigen Knoten gedreht. Und nun erkannte er unterm Strohhütchen die blauen Augen und das kecke Näschen. Frida Lämke! Ah, wie lange hatte er die nicht gesehen! Hundert Versäumnisse fielen ihm ein. Wie wenig mehr hatte er sich um die guten Leute gekümmert! Das war recht schlecht! Und auf einmal war ihm, als hätte er sie immer, alle die Zeit her vermißt. Mit einem Satz, wie ein ungestümer Junge, nicht achtend, daß er hier auf ein Kleid trat und da einen in die Seite rempelte, war er neben ihr.
»Frida!«
Sie fuhr ein wenig zusammen: wer redete sie denn so dreist an?!
»Tag, Frida! Wie geht’s dir?!«
Sie erkannte ihn erst nicht, aber dann errötete sie und spitzte den Mund. Was war der Wolfgang für ein Herr geworden! Und sie antwortete, ein bißchen schnippisch, ein bißchen geziert: »Jut! Jeht’s Ihnen auch jut?« lachte und warf den blonden Kopf in den Nacken.
Er wollte nichts davon hören, daß sie ›Sie‹ zu ihm sagte. »Unsinn, Frida, was fällt dir ein?!« Und war so herzlich, so ganz wieder der Wolfgang von früher, daß sie sich rasch in ihn hineinfand. Sie ließ ihre Ziererei ganz fahren. Als wäre nicht fast ein Jahr vergangen, seit sie zuletzt miteinander gesprochen hatten, so gingen sie vertraulich nebeneinander her.
›Ein junges Liebespärchen,‹ dachte manch einer, der sie streifte, als sie an den Büschen des Tiergartens entlang schlenderten. Sie hatten ihren Zug fahren lassen, er hatte so wie so keine Eile nach Hause, und so gingen sie immer tiefer hinein in das grüne, schon nächtliche Dunkel, in dem selbst sein heller Tennisanzug und ihre helle Bluse unkenntlich verschwammen. Die Nachtigallen waren längst verstummt; man hörte ab und zu nur leises Mädchenauflachen wie ein Girren und gedämpftes Flüstern von Pärchen, die man nicht sah. Auf den Bänken, die im Dunkel standen, raunte es, es raschelten Sommerkleider, es leuchteten wie Glühwürmchen brennende Zigarren auf, alle Sitze, auf die man zutappte, waren besetzt; es war unendlich schwül im Park.
Wolfgang und Frida sprachen von Frau Lämke. »Sie ist immer krank, hat schon so viel gedoktert,« sagte das Mädchen, und dabei bebte eine aufrichtige Betrübnis in seinem Ton. Es tat Wolfgang sehr leid. –
Als Frida heute abend ganz außergewöhnlich spät heimkehrte – das Haus war längst geschlossen, Frau Lämke hatte sich schon geängstigt und wußte nicht, wie sie die Bratkartoffeln warm halten sollte – fiel sie der Mutter um den Hals: »Mutter, Mutterken, zanke nicht!« Und dann sprudelte sie heraus, daß sie dem Wolfgang begegnet wäre: »Wolfjang Schlieben, du weißt doch! Der war so nett – nee, Mutter, du kannst dir jar nich denken, wie nett er war! Nich ’n bißchen stolz! Und er fragte jleich nach dir, und als ich ihm sagte, du hättest’s mit’n Magen und mit’n Nerven, da tat ihm das so leid. Und er sagte: Mutter muß mal ’raus in der schönen Sommerszeit, und jab mir den Schein, hier, siehste, ’nen grünen Schein – ich wollt ihn durchaus nich nehmen, was soll’n denn wohl die Leute von denken?! – aber er jing so mit Jewalt, er hatt’n mir in die Hand jestopft, ich hätte schreien können, so hat er mir die Finger auseinander jebogen – biste böse, Mutter, daß ich ihn jenommen habe? Ich wollte nich, ich wollte wahrhaftig nich! Aber er sagte: ›Es ist doch für deine Mutter!‹ Und, ›sei doch vernünftig, Frida!‹« Frida weinte fast vor dankbarer Rührung.
Frau Lämke nahm’s ruhiger: »Nu wer ich vielleicht nach Eberswalde fahren bei meinen Bruder oder an Ende bei meine Schwester ins Riesenjebirge! Un ich jebe für’n paar Wochen de Reinemachstellen uf, det wird mir riesig jut tun. Der jute Junge, das ’s scheen von ihn, daß er an seine alte Freundin denkt – na, er kann’s ja ooch, was sind fufzig Mark für so eenen?!« –
Wolfgang war, als er Frida bis an ihre Haustür gebracht hatte, langsam weitergeschlendert, den Tennisschläger unterm Arm, die Hände in den Taschen der weiten Hosen. Über ihm spannte sich ein reichgestirnter Nachthimmel, unendlich freundlich blinkten goldene Augen zu ihm nieder; alles Räderrollen war verstummt, keine Spaziergänger in großen Trupps wirbelten mehr den Staub der Straße auf. Was die hin und wieder rollenden Sprengwagen des Tages nicht vermocht hatten, das hatte jetzt der Tau der Nacht getan. Der lose Sand war gelöscht, eine kühlende Frische stieg vom Boden auf, Bäume und Büsche dufteten nach Grün; von Gartenbeeten, im Dunkel versunken, stiegen Blumengerüche auf. Wolfgang atmete mit Wohlgefühl, leise pfiff er; eine friedvolle Freudigkeit war in ihm: nun war es doch gut, daß er sich nicht mehr in Berlin umhertrieb! Es war so nett gewesen mit Frida, wie gut hatte er sich mit ihr unterhalten – und dann – es machte ihm wirklich ein riesiges Vergnügen, Mutter Lämke ein wenig unter die Arme greifen zu können!
So recht im Innersten vergnügt kam er zu Hause an.
»Die Herrschaften haben längst abgegessen,« erlaubte sich Friedrich mit einem gewissen Vorwurf zu bemerken – der junge Herr war denn doch gar zu unpünktlich!
»Na, wenn schon,« sagte Wolfgang. »Sagen Sie der Köchin, sie soll mir rasch noch was machen, ein Kotelett oder Beefsteak, oder was gab’s denn sonst heute abend? Ich habe ’nen Mordshunger!«
Friedrich sah ihn ganz verdutzt an: jetzt noch, um halb elf noch? Das war doch Herrn Schlieben oder der gnädigen Frau noch nie eingefallen, so etwas zu verlangen – warmes Abendbrot noch, um halb elf Uhr?! Er stand zögernd.
»Na, wird’s bald,« sagte der junge Herr über die Schulter weg und ging ins Eßzimmer hinein.
Da saßen die Eltern – beide lasen – noch am Tisch, aber der Tisch war leer.
»Guten Abend,« sagte der Sohn, »schon abgedeckt?!« Aus seinem Ton klang laut die Verwunderung.
»Na, da bist du ja!« Der Vater nickte ihm zu, aber sah dabei nicht auf, er schien von seiner Lektüre ganz in Anspruch genommen. Und die Mutter sprach: »Setzt du dich noch ein wenig zu uns?«
Dem jungen Menschen fröstelte auf einmal. Draußen war’s wohlig warm gewesen, hier innen kühl.
Und dann war es eine Weile ganz still, bis Friedrich mit einem Tablett hereinkam, auf dem, neben dem Gedeck, nur ein wenig kaltes Fleisch, Brot, Butter und Käse zu sehen waren. Es fiel Wolfgang auf, wie laut er klapperte; für gewöhnlich servierte das Hausmädchen. »Wo ist denn Marie?«
»Zu Bett!« sagte die Mutter kurz.
»Schon?!« Wolfgang wunderte sich im stillen darüber. Horch, da schlug eben drüben die Pendüle in Mutters Zimmer – elf?! Wirklich schon elf Uhr?! Da konnten sie aber machen, daß er etwas zu essen kriegte, der Magen schrumpfte ihm ja ordentlich zusammen vor Hunger! Er sah unverwandt nach der Tür, durch die Friedrich wieder verschwunden war: gab’s nun bald was?!
Er wartete.
»So iß doch!« Die Mutter rückte ihm das Schüsselchen mit kaltem Fleisch näher.
»Warum ißt du denn nicht?« fragte der Vater plötzlich.
»O, ich warte ja noch!«
»Es gibt nichts andres mehr,« sagte die Mutter, und ihr Gesicht, das unendlich abgespannt aussah, wie das eines Menschen, der lange und vergeblich gewartet hat, rötete sich schwach.
»Nichts andres – nichts mehr – wieso denn?!« Der Sohn sah außerordentlich enttäuscht drein, sah von der Mutter auf den Tisch, aufs Büfett und dann wie suchend im Zimmer umher.
»Habt ihr denn nichts andres gegessen?!«
»Ja, wir haben andres gegessen – aber wenn du nicht kommst!« Der Vater runzelte die Stirn, und nun sah er zum ersten Mal heute abend den Sohn voll an und maß ihn mit einem ernsthaften Blicke. »Du kannst doch unmöglich verlangen, wenn du so unpünktlich nach Hause kommst, noch warmes Abendbrot zu finden?«
»Aber ihr – ihr braucht ja doch deswegen nicht« – der junge Mensch verschluckte den Rest – es wäre ihm ja viel lieber, die Eltern säßen nicht da und warteten auf ihn, die Dienstboten würden schon ihre Schuldigkeit tun!
»Meinst du vielleicht, die Dienstboten brauchen keine Nachtruhe?« fragte der Vater, als hätte er diese Gedanken erraten. »Die Mädchen, die den ganzen Tag in der Küche gesteckt haben, wollen abends auch Schluß machen. Darum mußt du schon früher kommen, wenn du mit uns essen willst. Im übrigen wird es einem jungen Menschen wohl nichts schaden, wenn er abends mal mit einem Butterbrot vorlieb nimmt. Übrigens du, der du« – er hatte eigentlich sagen wollen: ›Du, der du so gut zum Mittag issest‹ –, aber nun reizte ihn die Miene des jungen Menschen, in der so viel maßloses Staunen lag, und er sprach laut, ganz gegen seine Gewohnheit heftig, heftiger, als er’s je im Sinn gehabt hatte: »Du – bist du etwa berechtigt, solche Ansprüche zu machen? Wie kommst du dazu, gerade du?!« Eine Bewegung Kätes, ein Rauschen ihres Kleides erinnerten ihn an ihre Gegenwart, und er fuhr gemäßigter fort, aber mit einem gewissen ärgerlichen Hohn: »Leistest du etwa so viel? Zwei Stunden vormittags im Kontor – knapp –, nachmittags eine Stunde – ja, das ist eine erstaunliche, eine kolossale Tätigkeit, die große Ansprüche an deine Kräfte stellt! Eine ganz besondere Verpflegung erheischt, in der Tat! Nun, was denn, was?!«
Wolfgang hatte etwas sagen wollen, aber der Vater ließ ihn nicht zu Worte kommen: »Setze erst eine bescheidene Miene auf, und dann rede! Junge, ich sage dir, wenn du Braumüller noch einmal um Geld angehst!«
Da, da war es heraus! All das diplomatische Fragen und Aushorchenwollen war im Ärger vergessen. Schlieben fühlte sich förmlich erleichtert, nun er sagen konnte: »Das ist ja eine unerhörte Sache! Es ist eine Schmach für dich und – für mich!« Die erregte Stimme war leiser geworden, bei den letzten Worten erstickte sie in einem Seufzer. Der Mann stützte den Arm auf den Tisch und den Kopf in die Hand; man sah es ihm an, wie nah es ihm ging.
Käte saß stumm und blaß. Ihre Augen öffneten sich schreckhaft weit – also das, das hatte er getan, sich Geld geborgt?! Auch das?! Nicht allein, daß er sich betrank, sinnlos betrank – auch das, auch das?! Es konnte ja gar nicht sein – nein! Flehend suchte ihr Blick Wolfgangs Gesicht: er mußte ja verneinen!
»Aber, Papa,« sagte Wolfgang und versuchte zu lächeln, »ich weiß wirklich nicht, wie du mir vorkommst! Ich habe deinen Sozius, der mir’s übrigens mal selber angeboten hat, der mir überhaupt sehr entgegengekommen ist, um ’ne kleine Gefälligkeit gebeten. Ich wollte es ihm gerade wieder schicken –,« er lugte von der Seite den Vater an: wußte der, wieviel? – »morgen schicke ich es ihm!«
»So, morgen!« Es lag Mißtrauen in Schliebens Ton, aber doch eine gewisse Beruhigung, er wollte ja so gern das Beste von seinem Jungen annehmen. »Was hast du noch für Schulden?« fragte er. Und dann kam plötzlich die Furcht über ihn, daß dieser junge Mensch da ihn hinterginge, und in der Angst vor einer Riesenverantwortlichkeit, die er sich auferlegt hatte, sagte er härter, als es eigentlich seine Absicht war, viel härter, als es sich mit seinem Herzen vertrug: »Ich würde dich züchtigen wie einen nichtsnutzigen Buben, wenn ich’s erführe! Meine Hand von dir abziehen – sieh, wie du fertig wirst! Pfui, Schulden, ein Schuldenmacher!«
Käte sah immerfort ihren Mann an, so hatte sie ihn noch nie gesehen. Sie wollte rufen, ihn unterbrechen: ›Du bist so streng, viel zu streng, so schneidest du ihm ja jedes Geständnis ab!‹ – aber sie brachte nichts heraus. Sie verstummte unter der Last der Befürchtungen, die über sie her stürzten. Voll verzehrender Unruhe hingen ihre Blicke an dem jungen Gesicht, das bleich geworden war.
Wolfgangs Lippen zuckten, es arbeitete in ihm. Er hatte sprechen wollen, schon angesetzt dazu, es eingestehen, daß er mehr verbraucht, als er gehabt hatte. Wäre der Vater nur nicht immer so riesig korrekt! Liebe Zeit, es ist eben nicht zu vermeiden, daß man die Hände voll Geld aus den Taschen zieht, wenn man’s dazu hat! Hier denen, denen sagte er nur zu ungern davon! Sie waren ja im Grunde gute Leute, aber sie hatten eben gar keine Ahnung! Gute Leute –? Nein, das waren sie denn doch nicht!
Nun kam die Empörung. Wie konnte der Vater sich’s einfallen lassen, ihn so anzufahren, ihn abzukanzeln in solchem Tone? Wie einen Verbrecher! Und sie, warum starrte sie ihn denn so an mit Blicken, in denen er etwas wie Verachtung zu lesen glaubte?! Nun, so wollte er sie denn doch noch mehr entsetzen, ihnen ins Gesicht schleudern: ›Natürlich hab ich Schulden, was ist denn dabei?!‹ Aber mitten in der Hitze kam ihm die kühle Berechnung: wie hatte der Vater gesagt? – ›ich würde die Hand von dir abziehen‹ –?!
Wolfgang bekam auf einmal einen großen Schrecken: den hier brauchte er, den hier konnte er doch nicht entbehren! Und so raffte er sich denn auf in schnellem Umschwung: nur nichts eingestehen, nur sich nicht verraten! Er sagte, vom trotzigen Aufbrausen hinübergleitend zur glatten Kühle: »Ich weiß nicht, warum du dich so aufregst, Papa! Ich habe ja keine!«
»Wirklich keine?« Ernst fragend sah ihn der Vater an, aber aus dem Ernst leuchtete schon die frohe Hoffnung.
Und als der Sohn erwiderte: »Nein!« da streckte er ihm die Hand über den Tisch hin: »Das freut mich!«
Sie waren diesen Abend sehr nett gegen ihn. Wolfgang empfand es mit Genugtuung: nun ja, sie hatten ihm ja auch was abzubitten! Er ließ sich verwöhnen.
Der Vater war froh, förmlich erleichtert, daß nicht noch andres, Schlimmeres zutage gekommen war, und die Mutter hatte, zum ersten Mal seit langen Wochen, die Empfindung, als könne sie den jungen Menschen da doch wieder lieb haben. Ihre Stimme hatte, wenn sie zum Sohne sprach, wieder etwas von dem alten Klang. Und sie sprach viel zu ihm, es war ihr ein Bedürfnis. In all den Wochen hatte sie nicht so viel mit ihm gesprochen. Jetzt war ihr, als wäre ein Quell in ihr zugemauert gewesen, als müsse sich der jetzt ergießen. Er hatte keine Schulden gemacht! Gott sei Dank, er war doch nicht ganz so schlimm! Jetzt tat es ihr leid, daß sie, verdrossen über sein zu spätes Nachhausekommen – Umhertreiben hatte sie’s bei sich genannt –, die Dienstmädchen zu Bett geschickt und kein ordentliches Abendbrot mehr für ihn hatte. Hätte sie sich nicht vor ihrem Mann gescheut, so wäre sie hinab in die Küche gegangen, hätte selber versucht, ihm noch etwas Besseres herzurichten.
»Bist du auch satt geworden?« fragte sie ihn leise.
»Na, es geht!« Er fühlte sein Übergewicht.
Schlieben legte heute seine Zeitung beiseite. Auf das höfliche »Willst du nicht lesen?« des Sohnes schüttelte er abwehrend den Kopf: »Nein, ich habe schon den ganzen Abend gelesen!« Auch er fühlte das Bedürfnis, ja, die lebhafte Verpflichtung, sich freundschaftlich mit dem Sohne zu unterhalten, wenn er auch fand, daß Käte wieder entschieden des Guten zuviel tat. So sich um den Jungen zu bemühen brauchte sie denn doch nicht, unrecht getan hat er auf alle Fälle, die Sache mit Braumüller war nicht zu vergessen, offen hatte er kommen müssen – aber freilich, freilich, es war im Grunde nur eine Dummheit, eine Sache, wie sie unter hundert Fällen neunzigmal vorkommen mochte!
Schlieben beschloß, vom nächsten Ersten ab das Monatsgeld des Sohnes um hundert Mark zu erhöhen. Dann war es doch gewiß reichlich bemessen, ein Nichtauskommen und Verheimlichen war dann ein für allemal ausgeschlossen!
Es war schon weit nach Mitternacht, als Eltern und Sohn sich endlich trennten. Mit einem lange nicht mehr gekannten Wohlgefühl streckte sich Käte in ihrem Bett: heute würde sie bald einschlafen, heute würde sie nicht mehr so lange liegen müssen und auf den Schlaf harren, heute war sie so befriedigt, so beruhigt, so still in sich. Es war ja alles nun auf besserem Wege, es würde am Ende doch noch alles gut werden! Und leise flüsterte sie zu ihrem Mann hinüber: »Du – Paul!« Er hörte sie nicht, er war schon im Einschlafen. Da raunte sie eindringlicher: »Du, Paul!« Und als er sich regte, sagte sie weich: »Paul, bist du mir böse?!«
»Böse? Aber warum denn?!«
»Ach, ich meinte nur!« Sie mochte es nicht erklären, es tat ja wohl auch nicht not, hatte sie doch das Gefühl, als empfände auch er’s, daß nun auch zwischen ihnen beiden alles wieder besser, schöner, inniger und einiger sich gestalten würde. Ach ja, wenn sie sich mit ihm – mit dem Sohn – besser fanden, dann fanden auch sie beide sich wieder!
Eine heiße Sehnsucht nach den Tagen der Liebe überkam die alternde Frau. Sie schämte sich vor sich selber, aber sie konnte es nicht lassen, sie langte nach dem Nebenbett: »Gib mir deine Hand, Paul!«
Und als sie im Dunklen tastete und suchte, begegnete sie seiner auch suchenden Hand. Ihre Hände legten sich ineinander.
»Gute Nacht, lieber Mann!«
»Gute Nacht, liebe Frau!«
So schliefen sie ein. – – –
Wolfgang stand am Fenster seiner Stube, sah hinaus ins Dunkel, das alle Sterne verhüllte, und hörte das Brausen eines fernen Windes. War die Nacht so beklommen, oder war nur ihm so unerträglich schwül? Ein Gewitter schien aufzuziehen. Oder war es nur eine innere Unruhe, die ihn so belästigte? Was war es denn, das ihn quälte?!
Er glaubte sich kaum je in einer unangenehmeren Stimmung befunden zu haben. Er ärgerte sich über den Vater, ärgerte sich über die Mutter – wenn sie nicht wären, wie sie eben waren, wenn nicht alles so wäre, wie es eben war, dann hätte er nicht zu lügen brauchen, nicht zu heucheln! Er ärgerte sich über sich selber. Ach, dann wäre ihm jetzt wohl leichter, viel freier! Im Unwillen zog er die Stirn zusammen; eine jähe Sehnsucht nach etwas, das er nicht zu benennen wußte, machte ihn erbeben. Was wollte er denn, nach was verlangte er denn? Ja, wenn er das selber wüßte!
Er seufzte laut auf und streckte die Arme mit den kräftigen Fäusten hinaus in die Nacht. So eng, so eng! Wenn er doch noch der Junge wäre, der hier einmal aus dem Fenster, ja, aus diesem Fenster – er beugte sich hinaus und maß die Höhe –, hinausgeklettert war, fortgerannt war, heidi, ohne Fragen wohin, immer zugerannt war, einfach ins Blaue, ins Weite hinein. Das war prachtvoll gewesen, ein seliges Laufen!
Und immer weiter beugte er sich hinaus; der Nachtwind raunte, das war wie eine lockende Melodie. Er zitterte vor Begier. Er konnte sich nicht losreißen, er mußte am Fenster stehen bleiben und lauschen. Das säuselte in der Nacht, das rauschte in den Bäumen, das schwoll und schwoll, wuchs und wuchs. Das Säuseln wurde zum Sausen.
Er vergaß, daß hier eine Stube war und hier ein Haus und hier Eltern, die gern schlafen wollten, er stieß einen Ton aus, einen lauten Ruf, halb ein Juchschrei: da draußen war’s gut, ha!
Sturm. Der plötzlich aufschnaubende Gewitterwind pustete ihm ins Haar und sträubte es ihm um die Schläfen. Ha, wie köstlich das kühlte! Es war drinnen nicht auszuhalten, da war eine Dumpfheit, eine Enge. Ihm wurde so ängstlich bang. Wie sein Herz hämmerte! Und die Unlust war groß: wie war das heute abend wieder unangenehm gewesen! Der Vater sagte, er hätte es ihm eingestehen müssen – natürlich, richtiger wäre es gewesen –, aber wenn der jetzt schon, nachdem die Sache doch eigentlich erledigt war, so drohte, was hätte er dann erst vorher gesagt?! Nicht zum Aushalten war’s, dies ewige Gegängeltwerden! War man etwa noch ein Kind? War man ein erwachsener Mensch, oder war man’s nicht? War man der Sohn aus reichem Hause oder war man’s nicht? – Nein, nicht! Man war’s eben nicht!
Fern im Dunklen grollte der Donner. Es zuckte plötzlich ein blendender Strahl – er war’s eben nicht, nicht der Sohn, nicht der Sohn hier vom Haus! Sonst wäre alles anders! =Wie=, wußte er nicht – aber anders, o, ganz anders!
Lange hatte Wolfgang nicht nachgedacht – die Tage waren zu reich an Zerstreuung –, aber nun, in dieser dunklen, gewitterigen Nacht, in der er doch nicht schlafen konnte, mußte er denken. Was er immer von sich geschoben hatte, weil’s ihm nicht angenehm war, was er ganz vergessen zu haben glaubte – vielleicht, weil er’s gern vergessen wollte – das mußte er jetzt bedenken. Das, was so lange zurückgedrängt gewesen war, das brach jetzt durch, mit Macht, wie der Sturmwind, der plötzlich daherfuhr und die Wipfel der Kiefern beugte, daß sie niederduckten vor Angst. In das Brausen des Sturmes hinein hätte Wolfgang seine Stimme ertönen lassen mögen, viel lauter als der.
Er war wütend, ganz unvernünftig wütend, ganz ohne Überlegung wütend. Hei, wie das blitzte, krachte, grollte, brauste und schnob! Das war ein Kampf – aber das war doch schön! Er hob sich auf den Zehen und gab die hämmernde Brust dem starken Wehen preis. Gleiche Lust hatte er kaum je empfunden, wie jetzt bei diesen Windstößen, die seine Brust wie mit Fauststößen trafen. Er warf sich ihnen entgegen, er fing sie förmlich auf mit seiner breiten Brust.
Und doch war bei der Lust eine Qual. Gegenüber diesem großen Gewitter, das ihm wurde wie ein Ereignis, dünkte ihn alles andere erbärmlich klein, und er selber mit. Da stand er nun, in Rock und Beinkleidern, die Hände in den Hosentaschen, klimperte mit dem losen Gelde, ärgerte sich darüber, daß er sich hatte abkanzeln lassen, und hatte doch nicht den Mut, alles von sich zu werfen, ganz zu tun, wie ihm beliebte.
Mit glühenden Augen folgte der junge Mensch dem gelben und blauen Zucken der Blitze, die den dunklen Wetterhimmel spalteten in schneidendem Zickzack und die Welt übergossen mit blendendem Zauberlicht. Wer doch hinfahren könnte wie dort der Blitz! Der fuhr aus den Wolken hinab zur Erde, riß ihr den Schoß auf und wühlte sich hinein!
Das junge Blut, dem die ungenützte Kraft in den Fäusten zuckte, die Kraft, die von keiner Arbeit verbraucht ward, ächzte laut auf. Wolfgang verwünschte auf einmal sein Leben. Ah, ganz wo anders müßte er sein, ganz wo anders leben, ganz wo anders! Und wenn er’s da auch nicht so bequem hätte, nur fort von hier, fort! Das langweilte ihn hier ja so unsäglich. Das ekelte ihn an. Er atmete tief auf: ha, hätte man doch eine Arbeit, die man gerne tun möchte! Die einen so müde machte, daß man keinen andern Wunsch mehr hätte, als essen und dann schlafen. Lieber Taglöhner als so einer, der auf dem Kontorstuhl hockt, Zahlen sieht, immer lauter Zahlen, und Konten und Hauptbücher und Kassabücher – nur nicht Kaufmann, nein, das war doch noch das allergräßlichste!
Wolfgang hatte bis dahin noch nie mit Bewußtsein empfunden, daß er nicht zum Kaufmann taugte; jetzt wußte er’s. Nein, er mochte das nicht, er konnte das nicht bleiben! Jeder muß doch das werden, wozu er geboren ist!
Morgen schon wollte er es sagen – nein, er machte nicht mehr mit, er tat’s nicht länger! Frei wollte er sein! Er bog sich wieder weit zum Fenster hinaus und witterte mit geblähten Nüstern wie ein dürstender Hirsch gierig-lechzend nach dem feuchten Wohlgeruch, der der getränkten Erde entstieg.
Nach Donner und Blitz war der Regen gekommen und tränkte den verlangenden Boden und drang in ihn ein, ihm alle Poren mit Fruchtbarkeit füllend. Es rauschte und rauschte ohne Unterlaß, ging nieder in Strömen, als nähme des Flutens kein Ende.
In Wolfgangs Seele löste sich etwas; sie wurde weich.
»Mutter,« flüsterte er verträumt und streckte die heißen Hände aus, daß der kühle Regen sie badete. Streckte auch den Kopf ganz weit hinaus, hob das Gesicht mit den geschlossenen Augen aufwärts, daß fallende Tropfen die brennenden Lider kühlten, und die durstigen Lippen, weit geöffnet, die Tränen des Himmels einsogen wie köstlichen Wein.
* * * * *
Aber am Morgen, als der Sand des Grunewalds all den Regen in sich geschluckt hatte, und vom befreienden Gewitter der Nacht nichts übrig war als ein etwas frischeres Grün des Rasens, ein stärkeres Duften der Kiefern, viel abgeschlagene Eicheln und Kastanien am Promenadenweg, dachte Wolfgang doch wieder anders. Der Tag war schön; er konnte schwimmen, reiten, ein bißchen ins Kontor gehen, essen, trinken, Tennis spielen, sich zum Abend irgendwohin verabreden – es gab ja so viele Orte, an denen man sich amüsieren konnte –, warum sollte er sich und am Ende dem Vater auch den schönen Tag verderben? Er schob jeden ernsteren Gedanken als lästig weit von sich. Aber in seiner Seele war doch eine Unruhe. Er suchte sich zu betäuben.
Heute abend schlief Käte nicht so rasch und sanft ein wie am gestrigen Abend; wenn sie sich’s auch selber geschworen hatte, nicht mehr aufzusitzen und auf ihn zu warten, schlafen konnte sie doch nicht, wenn er nicht zu Hause war. Wie damals hörte sie die Uhren gehen, schreckhaft laut; durch die Stille des Hauses drang jedes noch so leise Geräusch verstärkt an ihr lauschendes Ohr. Sie würde ihn hören, sie mußte ihn ja hören, sowie er nur den Schlüssel unten in die Haustür steckte!
Aber sie hörte nichts, solange sie auch wach lag und horchte. Die Stunden schlichen, der Tag graute, durch einen Spalt der geschlossenen Läden hindurch stahl sich ein daumbreiter falber Schein; sie sah ihn an der Wand, ihrem Bett gegenüber. Der Schein wurde tiefer nach und nach, bestimmter in der Farbe, bekam ein warm-leuchtendes, sonniges Rotgold. Es kündete kein Haushahn mit triumphierendem Schrei den neuen Tag, es lag das Haus so still, so stumm der Garten, aber jener Schein dort, der verriet den Morgen. – – –
Sie mußte doch geschlafen haben, ohne daß sie es wußte: wie, schon der Morgen da?! Nun war sie auch sicher, daß er längst zu Hause war, sie hatte sein Kommen eben überhört. Das beruhigte sie. Aber sie zog sich doch eilig an, flüchtiger als sonst, und sie konnte es doch nicht lassen, ehe sie zum Frühstück hinunterging, an seiner Türe stillzustehen und zu lauschen. Er war noch nicht auf – natürlich noch nicht, er war ja so spät nach Hause gekommen – noch schlief er! Sie konnte einmal heimlich nach ihm sehen. Sie trat ein, aber er schlief nicht.
Mit ganz wirren Augen blickte die Frau aufs Bett – da stand es, aufgeschlagen, einladend weiß und behaglich, aber er lag nicht darin. Das Bett war gar nicht berührt! Leer das Zimmer!
Da erstarrte ihr das Herz in eisigem Schreck: sie hatte doch nicht geschlafen, sie hatte sein Kommen doch nicht überhört! Dazumal war er gekommen – betrunken freilich, aber er war doch noch nach Hause gekommen –, dieses Mal nicht mehr!
3
»Wolfgang wieder nicht da?« sagte Schlieben, als er zu seiner Frau ins Zimmer trat. »Ins Geschäft kommt er auch so wenig; sie behaupten zwar immer, gerade wäre er dagewesen – warum hält er aber nicht dieselbe Geschäftszeit ein wie ich?! Wo ist er denn?!« Er sah seine Frau fragend und ungeduldig an.
Sie zuckte die Achseln, und das Abendrot, das im Scheiden noch einen letzten Schimmer durch das hohe Fenster warf, gab ihrer Wange ein überhuschendes Rot. »Ich weiß es nicht,« sagte sie leise. Und dann sah sie so verloren hinaus in den Herbstabend, daß der Mann fühlte, sie war mit ihren Gedanken ganz abwesend, die irrten draußen suchend umher.
»Käte,« sagte er ein wenig empfindlich, und der Ärger, den er über des Sohnes Abwesenheit empfand, mischte dem Ton noch eine besondere Schärfe bei, »ich bin eben aus der Stadt nach Hause gekommen – müde, hungrig, es ist ja schon acht Uhr – wir wollen essen. Und nicht mal ein freundliches Gesicht?!«
Sie stand rasch auf, um nach dem Abendbrot zu klingeln, und versuchte zu lächeln. Aber es wurde kein rechtes Lächeln.
Er sah’s, und das verstimmte ihn noch mehr. »Laß nur, laß! Tu dir keinen Zwang an!« Müde setzte er sich zu Tisch. Aber sein Hunger schien doch nicht so rege zu sein, denn als die Speisen aufgetragen waren und vor ihm dampften, langte er nur lässig zu und aß lässig, ohne zu wissen, was.
Das Eßzimmer war viel zu groß für die zwei einsamen Menschen; ungemütlich leer erschien heute an dem kühlen Herbstabend der schöne Raum. Fröstelnd schauerte die Frau zusammen.
»Wir müssen die Heizung in Gang bringen lassen,« sagte der Mann.
Das war das einzige, was während des Essens gesprochen wurde. Nachher stand Schlieben auf, um in sein Arbeitszimmer hinüberzugehen. Dort wollte er rauchen, dort war’s kleiner, gemütlicher; er bemerkte es nicht, daß seine Frau ihn förmlich mit den Blicken verfolgte.
Wenn Paul ihr doch nur sagen möchte, was er von Wolfgangs Ausbleiben dachte! Wo Wolfgang nur wieder sein mochte?! Sie vertiefte sich ganz in ihre suchenden, irrenden Gedanken und merkte es kaum, daß sie allein blieb in dem kalten, leeren Zimmer.
Sie hatte ein Buch vor sich liegen, ein Buch, das alle Welt interessant fand – eine Bekannte hatte ihr gesagt: ›Ich konnte gar nicht aufhören damit, ich hatte so viel im Kopf, aber ich habe alles drüber vergessen,‹ – sie vergaß nichts darüber. Wie in einem großen Kummer, der dumpf macht, fühlte sie sich. Noch stumpfer, abgestorbener gegen alles Äußere, wie damals nach dem Tode ihres Vaters und ihrer Mutter. Gerade in diesen Trauerjahren hatte sie so viel gelesen, so mit besonderem Interesse, als seien ihr alte Dichtwerke neu geschenkt und neue eine tröstende Offenbarung. Nun konnte sie nichts lesen, den Gedanken eines andern nicht folgen. Sie klebte an ihren eignen Gedanken; ihr Auge überflog wohl die Seite, aber wenn sie unten angelangt war, wußte sie nicht, was sie gelesen hatte. Es war ein unerträglicher Zustand. Ach, wie gern, wie gern wollte sie sich für etwas interessieren! Was gäbe sie darum, könnte sie doch einmal recht herzlich lachen; früher hatte sie nie die gleiche Sehnsucht gehabt nach Frohsinn, Heiterkeit und nach Humor. Ah, welche Erlösung wäre es für sie gewesen, hätte sie lachen und weinen können! Jetzt konnte sie nicht lachen, aber – ach! – auch nicht mehr weinen, und das war das schlimmste: ihre Augen blieben trocken. Jedoch innerlich brannten die ungeweinten Kummertränen und fraßen an ihrem Leben mit dem unvergossenen salzigen Naß.
Nein, der Tod war das schrecklichste nicht! Es gab Schrecklicheres. Es war schrecklich, wenn man sich sagen mußte: all dein Leid hast du dir selber heraufbeschworen. Warum ließest du dir nicht genügen, warum mußtest du erzwingen, was die Natur dir versagte?! Es war schrecklicher, wenn man fühlte, wie häusliches Glück, eheliches Glück, Liebe, Treue, Einigkeit, wie all das, was zwei Menschen innig zusammenhält, ins Wanken geriet – fühlte sie’s denn nicht alle Tage, wie ihr Mann kälter und kälter wurde, und wie auch sie gleichgültiger gegen ihn ward?! Ach, der Sohn, dieser Dritte, der brachte sie zwei auseinander! O, wie kläglich fielen alle ihre Theorieen von Erziehung, Beeinflussung, vom Geboren werden im Geiste über den Haufen! Wolfgang war doch nicht das Kind, in dem sie beide sich mit Leib und Seele einten – er war und blieb fremdes Blut. Und er hatte eine fremde Seele. Armer Sohn!
Im Herzen der Frau, die tage-, wochen-, monate-, die jahrelang nichts als Bitterkeit und Kränkung, sogar manchmal etwas wie Empörung gegen den empfunden hatte, der ihre Tage also verstörte, keimte plötzlich ein einsichtsvolles Mitleid. Wie konnte sie ihm, den es nicht mit hundert Banden ans Elternhaus fesselte, so sehr zürnen?! Es war eben nicht =sein= Elternhaus. Unbewußt mochte er es fühlen, daß der Boden hier für ihn nicht Heimatboden war – nun suchte er, nun irrte er!
Den Kopf schwer in die Hände stützend, grübelte Käte: was sollte sie beginnen? Sollte sie ihm gestehen, woher er kam? Ihm alles erzählen? Vielleicht daß es dann besser wurde! Ach, würde es besser, so würde sie gern alles tun! Aber ach, es war so schwer! Doch es mußte sein. Sie durfte nicht länger schweigen! Sie fühlte ihr zitterndes Herz erstarken in einem festen Entschluß: wenn er nach Hause kam, würde sie sprechen. Was sie gehütet hatte als größtes Geheimnis, über dem sie zitternd gewacht hatte, was ihr, wie sie glaubte, nichts hätte entreißen können, das war sie nun bereit, freiwillig zu offenbaren. Sie mußte. Wie konnte es sonst je besser werden, wie je zu gutem Ende kommen, überhaupt zu einem Ende?!
Mit inbrünstigem Suchen schauten ihre Augen um sich; es war ein angstvolles Blicken in ihnen. Aber da war kein andrer Ausweg. Mit einer Entschlossenheit, deren Käte Schlieben vor einem Jahr noch nicht fähig gewesen wäre, bereitete sie sich auf das Geständnis vor. Einen Augenblick kam ihr der Wunsch, sich Paul zu Hilfe zu rufen. Aber rasch verwarf sie den Gedanken – hatte er denn Wolfgang je so geliebt wie sie? Es würde ihm vielleicht gleichgültig sein. Oder nein, es würde ihm vielleicht ein Triumph sein, er war ja immer andrer Meinung als sie gewesen. Und dann, noch eins! Er könnte ihr dann vielleicht zuvorkommen, es selber Wolfgang sagen, und das durfte nicht sein. Sie, sie allein durfte das mit all der Liebe, deren sie noch fähig war, damit er’s weich hörte, schonend und zart!
Hastig lief sie hinüber in ihren Salon. Da bewahrte sie in ihrem Schreibtisch seinen Taufschein und die Abtretungsurkunde aus seinem Heimatdorf; diese Papiere hatte sie selbst ihrem Manne nicht anvertraut. Nun holte sie sie hervor und legte sie bereit. Sie würde ihm doch zeigen müssen, daß alles sich so verhielt, wie sie sagte!
Die Papiere knitterten unter ihren zitternden Händen, aber sie zwang ihre Aufregung nieder. Ruhig mußte sie sein, ganz ruhig und verständig; in vollem Bewußtsein dessen, was sie tat, das Luftschloß umstoßen, das sie sich erbaut hatte und das nicht so geworden war wie in ihren Träumen. Aber wenn auch dieses Luftschloß zusammenfiel, konnte nicht aus seinen Trümmern etwas gerettet werden, doch noch etwas Gutes erstehen?! Er würde ihr ja dankbar sein, er mußte ihr ja dankbar sein. Und das war das Gute!
Sie faltete die Hände über den Dokumenten aus grobem Papier, und aus ihrer Brust stiegen bebende Seufzer, die wie flehende Gebete waren. Gott hilf, Gott hilf!
Wenn er sie aber nun nicht richtig verstünde, wenn sie vielleicht nicht die Worte fand, die man finden mußte?! Wenn sie ihn dadurch verlieren würde?! Ein Schreck überfiel sie, sie erblaßte und griff tastend um sich, wie jemand, der eine Stütze braucht; aber sie hielt sich aufrecht: dann lieber ihn verlieren, als daß er sich verlor!
Denn – und Tränen, wie sie sie lange, lange nicht mehr hatte vergießen können, tropften ihr erlösend aus den Augen – denn sie liebte ihn doch noch, liebte ihn mehr, als sie es selber für möglich gehalten hätte.
So wartete sie auf ihn. Und wenn sie warten sollte bis morgen früh, und wenn er wieder betrunken nach Hause käme – betrunkener noch als das erste Mal – sie würde ihn doch erwarten. Heut noch mußte sie es ihm sagen! Es brannte förmlich in ihr.
Schlieben war längst zur Ruhe gegangen; er war ärgerlich auf seine Frau, hatte nur flüchtig den Kopf in ihr Zimmer gesteckt, hatte genickt: »Gute Nacht« und war hinaufgegangen. Sie aber ging mit langsamen Schritten unten im Zimmer auf und ab; das ermüdete sie körperlich, gab aber ihrem Geist Ruhe und dadurch Kraft. –
Als sei ihre zarte Gestalt gewachsen, so gerade und aufrecht trat sie in der Vorhalle Wolfgang entgegen, als sie ihn hatte die Haustür schließen hören. Das Haus schlief mit allen, die darinnen waren, nur er und sie waren noch wach; so allein, so ungestört waren sie sonst nie mehr auf der Welt. Jetzt galt’s!
Und sie gab ihm die Hand, wie sie es sonst nicht getan hätte, wäre er so spät gekommen – Gott sei Dank, er war nicht betrunken! – und näherte ihr Gesicht seinem Gesicht und küßte ihn auf die Wange: »Guten Abend, mein Sohn!«
Er war wohl etwas verdutzt über diesen Empfang, aber seine dunkelumrandeten und tiefliegenden Augen sahen gleichgültig an ihr vorbei.
Er war entsetzlich müde – man sah es ihm an – oder war er krank?! Aber das würde ja alles, alles nun bald besser werden! Mit erwachter Hoffnungsfreudigkeit ergriff Käte wiederum seine Hand und zog ihn hinter sich her in ihr Zimmer hinein.
Er ließ sich ziehen, ohne zu widerstreben, er fragte nur gähnend: »Was ist denn los?«
»Ich muß dir etwas sagen!« Und dann, rasch, als könne er ihr entgehen oder sie den Mut verlieren, setzte sie hinzu: »Etwas Wichtiges – was dich betrifft – deine – deine Herkunft betrifft!«
Was sagte er nun – unwillkürlich hatte sie innegehalten – was würde er nun sagen?! Seine Herkunft, um die er gerungen hatte, in Sehnsucht, in Kämpfen – ach, was waren das für Szenen gewesen! – nun wurde sie ihm offenbar.
Sie hatte sich unwillkürlich zu ihm geneigt, bereit, ihn zu stützen.
Da gähnte er wieder: »Muß es jetzt gerade sein, Mama? Morgen ist doch auch noch ein Tag. Ich bin nämlich todmüde. Gut Nacht!« Und er machte kehrt und ließ sie stehen und ging zum Zimmer hinaus und die Treppe hinauf und oben in seine Stube.
Sie stand ganz starr. Dann griff sie sich nach dem Kopf: was, was, sie hatte wohl nicht recht verstanden, war taub, blind, nicht ganz mehr bei sich?! Oder er war taub, blind, nicht ganz mehr bei sich! Sie war ihm entgegengetreten, das Herz auf den Lippen, sie hatte die Hand ausgestreckt, sie hatte ihm von seiner Herkunft sprechen wollen – und er?! Er hatte gegähnt – war gegangen, es interessierte ihn augenscheinlich gar nicht. Und hier, hier, in diesem selben Zimmer – noch nicht viere Jahre waren’s her – fast auf diesem selben Fleck, da hatte er doch gestanden im schwarzen Einsegnungsrock – fast so groß schon wie jetzt, nur runder, kindlicher von Gesicht – und hatte laut aufgeschrieen: ›Mutter, Mutter, wo ist meine Mutter?!‹ Und jetzt wollte er nichts mehr wissen –?!
Es konnte nicht sein, sie hatte ihn wohl nicht recht verstanden oder er sie nicht! Sie mußte ihm nach, gleich auf der Stelle! Ihr war, als dürfte sie keine Minute versäumen.
In ihrem grauen Kleid huschte sie lautlos die Treppe hinauf; im matten Licht, das die elektrische Birne an die Treppenwand warf, sah sie ihren gleitenden Schatten, aber sie lächelte: nein, sie war nicht die Sorge mehr, die da so gespenstisch glitt! In ihrem Herzen war lauter Freudigkeit, Hoffnung und Vertrauen: sie brachte ihm ja Gutes, nur Gutes!
Ohne anzuklopfen trat sie in seine Tür, in aller Eile, ohne Überlegung. Er lag schon in den Kissen, gerade hatte er das Licht auslöschen wollen. Nun setzte sie sich auf seinen Bettrand.
»Wolfgang,« sprach sie weich. Und als er sie verwundert, ein wenig befremdet, fast unfreundlich ansah, klang es noch weicher: »Mein Sohn!«
»Ja – was ist denn nun schon wieder?«
Er war wirklich ärgerlich, sie merkte es an seinem ungeduldigen Ton, und da sank ihr plötzlich der Mut: ach, wenn er sie so ansah, so kalt, und wenn sein Ton so abwehrend klang, wie war es da schwer, das richtige Wort zu finden! Aber es mußte sein, er sah ja so bleich aus, und so mager war er, sein rundes Gesicht war förmlich lang geworden! Was ihr vorhin schon aufgefallen war, fiel ihr jetzt doppelt auf, und sie bekam einen großen Schreck. »Wolfgang,« sagte sie hastig, fast mit Angst seinen Blick vermeidend – o, wie anklagend würde der sein, wie vorwurfsvoll, und berechtigt vorwurfsvoll! – »ich muß es dir endlich sagen – es ist besser – es wird dich ja auch weiter nicht verwundern – erinnerst du dich noch jenes Sonntags – es war der Tag deiner Konfirmation – da – da fragtest du uns –«
Ach, wieviel Vorreden mußte sie doch machen! Sie hieß sich selber feige; aber es war so schwer, so unsäglich schwer!
Mit keinem Laut unterbrach er sie, er fragte nicht, er seufzte nicht, er rührte sich nicht einmal.
Sie wagte nicht, ihren Blick, der, starr und geradeaus gerichtet, an einem Punkte hing, nach ihm zu wenden. Sein Schweigen war schrecklich, schrecklicher als sein Aufbrausen! Und sie schrie es laut heraus mit verzweifelter Entschlossenheit: »Du bist nicht unser Sohn, nicht unser eigner Sohn!«
Er sagte noch nichts; antwortete durch keinen Laut, durch kein Sichrühren. Da wendete sie den Blick nun doch nach ihm. Und sie sah, wie die Lider ihm über die müden, schon halb verglasten Augen fielen, wie er sie mühsam wieder aufriß und sie doch wieder herabsanken, kurz, wie er mit dem Schlaf rang.
Er konnte schlafen, während sie ihm dieses – dieses sagte?! Eine furchtbare Ernüchterung kam über sie, aber sie packte ihn doch am Arme und rüttelte ihn, während ihr die eignen Glieder wie in Fieberschauern bebten: »Hörst du – hörst du’s denn nicht?! Du bist nicht unser Sohn – nicht unser eigner Sohn!«
»Ja, ich weiß,« sagte er müde. »Laß, laß!« Abwehrend bewegte er die Hand.
»Und das –« eine völlige Fassungslosigkeit machte sie stammeln wie ein Kind – »das berührt dich nicht? Das – das läßt dich so kalt?!«
»Kalt?! Kalt?!« Er zuckte die Achseln, und in seinen müden, glanzlosen Augen fing es an ein wenig zu funkeln. »Kalt?! Wer sagt dir, daß es mich kalt läßt – kalt gelassen hat?« verbesserte er sich rasch. »Aber ihr habt ja nicht danach gefragt. Nun will ich nichts mehr davon hören. Nun bin ich müde. Ich will schlafen!« Er drehte ihr den Rücken, kehrte das Gesicht gegen die Wand und rührte sich nicht mehr.
Da stand sie – er schlief schon, oder wenigstens schien er zu schlafen. Ein paar Minuten noch verweilte sie bang – würde er, mußte er sich nicht wieder nach ihr wenden: ›erzähle, jetzt höre ich!‹ Aber er wendete sich nicht.
Da schlich sie aus dem Zimmer wie ein armer Sünder. Zu spät, zu spät! Sie hatte zu spät gesprochen, und nun wollte er nichts mehr hören, nun gar nichts mehr davon wissen!
In ihrer Seele schmerzten die Worte ›zu spät‹ in ihrer stumpfen Trostlosigkeit wie eingebrannt.
* * * * *
Käte hatte nicht mehr den Mut, auf das, was sie Wolfgang in dieser Nacht hatte gestehen wollen, noch einmal zurückzukommen. Wozu auch? Sie hatte das lebhafte Gefühl: ihm war nicht mehr beizukommen, nicht mehr zu helfen. Sie aber fühlte sich niedergedrückt wie durch eine unermeßliche Schuld. Und das Gefühl dieser schweren Schuld machte sie milder gegen ihn, als sie es sonst gewesen wäre; es hieß sie, sein Tun und Lassen zu beschönigen, vor sich selber und vor ihrem Manne.
Schlieben war sehr unzufrieden mit Wolfgang. »Wenn ich nur wüßte, wo er sich immer herumtreibt! Er ist doch nachts zu Hause – wie?!«
Ein unwillkürlicher Laut seiner Frau hatte ihn unterbrochen, nun sah er sie forschend an. Aber sie verzog keine Miene, nickte nur: »Ja!« Da verließ sich der Mann auf seine Frau. –
Nun waren die letzten Tage des scheidenden Herbstes da, die oft noch so warm sind und golden, goldener als der Sommer sie je gewährt. Um vor dem Winter sich noch einmal in Luft und Sonne zu baden, strömte alles hinaus in den Grunewald. Als sei alle Tage Sonntag, so drängten sich die Spaziergänger in Hundekehle und Paulsborn, bei Onkel Tom und in der Alten Fischerhütte. Überall Lachen, oft auch Musik, und Mädchen in hellen Kleidern, in letzten, noch nicht ganz vertragenen Sommertoiletten. Kinder lärmten jetzt weniger durch den Wald wie zur Sommerszeit, es dunkelte jetzt bereits zu früh; desto mehr Pärchen wandelten, denen der frühe und doch noch warme Dämmerschein köstliche Gelegenheit bot, ihre Zärtlichkeiten zu tauschen, und alte Leute, die noch einmal die Sonne genießen wollten, ehe vielleicht bald die Nacht für sie kam, der kein Morgen mehr folgt.
Schlieben hatte es in früheren Jahren immer verabscheut, an solchen Tagen, in denen es im Grunewald wimmelte, sein Haus und seinen Garten zu verlassen. Es war ihm unangenehm gewesen, den Staub des Gewühls zu schlucken. Jetzt war er weitherziger: warum sollten die Leute, die sonst immer in ihre engen Wohnungen gebannt waren, nicht auch einmal hier draußen sein und für Stunden wenigstens den Kiefernduft einatmen, den sie, die Bevorzugten, alle Tage genossen? Es war doch etwas Schönes darum, zu sehen, wie die Menschen sich freuen!
Sowohl aus eignem Antrieb, wie um Käte zu zerstreuen, die ihm in letzter Zeit noch ernster und merkwürdig in sich gekehrt vorkam, bestellte er einen Wagen, einen bequemen Landauer, und fuhr mit seiner Frau spazieren. Sie fuhren die bekannten Straßen, die den Grunewald durchziehen, stiegen auch zuweilen aus, wenn der Wagen langsamer durch den Sand mahlte, und gingen auf dem, durch gefallene Nadeln glatt gemachten und festgetretenen Fußpfad ein Stückchen nebenher.
Sie kamen nach Schildhorn. Über dem Wasser lag roter Abendschimmer; die Sonne war nicht mehr im vollen Glanz zu sehen, ein dämmernder, melancholischer Friede lag über der Havel und den Kiefern. So tief hatte Käte dieser Wald noch nie gedeucht. Es fröstelte sie plötzlich: ah, dort drüben lag ja auch der Friedhof der Selbstmörder! Sie mochte nicht hinsehen, nervös preßte sie die Augen zu. Vor ihren Blicken hatte plötzlich ein junger Bursch gestanden – jung und frisch und doch schon verdorben – mancher Mutter Sohn!
Schaudernd wollte sie rasch vorüber, und doch zog es ihren Fuß unwiderstehlich hin zu dem im Wehsand eingehegten Fleck. Sie konnte nicht anders, sie mußte stehen bleiben. Sinnend ruhte ihr Blick auf den so wenig schönen, ungepflegten Gräbern: ob sie denn Frieden gefunden hatten, die hier ruhten?! Ein paar grüne Zweige und ein paar Blümchen, die sie unterwegs gepflückt hatte, entsanken ihrer Hand. Der abendliche Wind wehte sie aufs nächste Grab; da ließ sie sie liegen. Ihr war unendlich weh ums Herz.
Paul rief: »Käte, so komm doch! Der Wagen wartet ja längst auf uns!«
Bis tief ins Innerste war sie verstimmt. Befürchtungen und Ahnungen, von denen sie niemand sagen konnte, drangen auf sie ein. Wolfgang war leichtsinnig – aber schlecht?! Nein, schlecht war er nicht – noch nicht! O Gott, nein, das wollte sie doch nicht denken, schlecht nicht! Aber wie sollte es werden? Wie enden?! Gut konnte es nicht mehr werden, nie – wie sollte es auch?! Da müßten ja Wunder geschehen, und Wunder geschehen nicht mehr zu diesen Zeiten!
Helles Lachen schreckte sie auf. Im Restaurationsgarten waren alle Tische besetzt; hier war so viel Jugend, und so viel leichter Sinn, und hier waren so viele Liebespaare. Sie waren wieder in ihren Wagen gestiegen und fuhren jetzt langsam am Restaurationsgarten vorüber und sahen so all die hellen Blusen und die bunten Blumenhüte, all den Putz des kleinen Bürgerstandes.
Horch, wieder das helle Lachen! Ein lautes Mädchenlachen, so recht frei heraus, und nun ein: ›Oho, fangt sie, kß, kß‹ – bei dem Käte wie erstarrt den Atem anhielt. Sie wurde ganz schwach, alles Blut wich ihr vom Herzen fort: das war ja Wolfgang! Ihr Wolfgang!
Da sprang er in großen Sätzen hinter einem Mädchen her, das, aufjuchzend, vor ihm über den Weg floh und jenseits hinein in den Wald lief zwischen die Stämme. Er jagte hinter ihr drein. Einen Augenblick noch sah man das helle Mädchenkleid und Wolfgangs fliegenden Schatten um die Kiefern wischen, dann erblickte man nichts mehr von ihnen. Aber er mußte sie erreicht haben, man hörte jetzt ihr gellendes Aufkreischen und sein Lachen; beides trieb Käte das Blut in die Wangen. Das klang ihr beleidigend, klang ihr gemein. Also so, so weit war er gekommen, trieb sich hier mit solchen, solchen – Personen umher?! Aha, da kamen ja noch ein paar andre nach, die gehörten auch zur Gesellschaft! Ein vierschrötiger Mensch mit rotem, pausbackigem, sehr erhitztem Gesicht lärmte mit Hallo hinter dem verschwundenen Paar drein, und ein schmächtiger Schlingel, der zuletzt kam, lachte so recht verschmitzt-spitzbübisch.
›Paul, Paul,‹ wollte Käte aufschreien, ›Paul, sieh nur, sieh!‹ Aber dann schrie sie doch nicht und rührte sich nicht. Da war ja nichts mehr zu ändern! Ganz stumm lehnte sie in ihrer Wagenecke: das hatte sie ja gewollt, sie durfte nicht klagen. Ach, hätte sie ihn doch gelassen, wo er war! Jetzt mußte sie schweigen, beide Augen zudrücken, tun, als hätte sie nichts gesehen!
Aber alles war ihr verleidet. Und als ihr Mann ihr in einer Lücke der Kiefernwipfel den schwimmenden Mond im lichtgrauen Äther wies und rechts dabei den freundlichen, ruhig leuchtenden Stern, hatte sie auf sein entzücktes: »Ist das nicht schön?« nur ein kühl-zustimmendes: »O ja!«
Das verstimmte ihn. Welche Freude hatte sie sonst an der Natur gehabt, die größte und reinste Freude, nun auch das nicht einmal mehr! Auch dieses hin?! Alles hin! Er seufzte.
Und jedes von ihnen, in eine Ecke des Wagens gelehnt, verharrte in Schweigen. Mit trüben Augen schauten sie beide in die tiefer und tiefer sinkende Dämmerung. Es wollte Abend werden, der Tag – auch ihr Tag – hatte sich geneiget. –
* * * * *
Wolfgang hatte mit Frida Lämke, deren Bruder und Hans Flebbe eine längst geplante Landpartie unternommen. Frida hatte sich für den Nachmittag im Geschäft freigemacht; ausnahmsweise, und weil sie etwas unabweisbar Dringendes vorschützte, gelang es ihr, abzukommen. Nun war sie aber auch wie losgelassen, voller Übermut: ha, war das fein, ha, wollten sie sich mal amüsieren! Wolfgang hatte eine Droschke spendiert; er und Frida im Fond, die beiden andern ihnen gegenüber auf dem Rücksitz, so hatten sie eine Rundfahrt durch den grünen, grünen Wald gemacht, hatten dieses Lokal besucht und jenes, waren Karussell gefahren und Boot und hatten in der Würfelbude gewürfelt. Wolfgang war sehr galant, Frida durfte immer noch mal; eine Butterdose von blauem Glas, eine Glanzpapierdüte mit Pfeffernüssen, vor allem aber ein kleiner Piepmatz in einem winzigen Holzgitterkästchen machten sie selig. Alles das durfte Hans nun tragen, während sie auf dem Nachhauseweg, den sie von Schildhorn zu Fuß antraten, sich mit Wolfgang jagte und neckte. Der Bräutigam störte weiter nicht. Hans hatte von Anfang an darauf verzichtet, seine Frida am Arm zu führen; man hätte sie dreist für das Verhältnis des eleganten jungen Herrn halten können. Aber als sie nun ganz außer Atem, rot und zerzaust war und die Dämmerung des Abends, der hier innen zwischen den dichten Stämmen schon eher dunkelte als draußen, ihr ein kleines Gruseln und ein wonniges Sich-erschrecken einjagte, hing sie sich doch wie selbstverständlich an den Arm ihres Hans. Sie blieben ein wenig zurück.
Nun war Wolfgang allein, denn Artur rechnete er nicht, obgleich der neben ihm her über die Wurzeln stolperte und schrill pfiff. Und Wolfgang beneidete den dicken Hans, über den sie heute, seine Braut am meisten, so viel gelacht hatten; auch er hatte das Bedürfnis, jetzt ein Mädchen am Arm hängen zu haben. Das brauchte nicht einmal so niedlich wie Frida zu sein – wenn’s nur ein Mädel war! Die Dämmerung des Waldes, die so wohlig war und verschwiegen, lud förmlich ein. Und vom Boden, der so mager war, lauter Sand, stieg heute abend doch ein sattes Duften auf, ein reichliches Gewähren. Wolfgang fühlte sich lebens- und liebeshungrig, gierig nach Freude, nach Genuß. Hätte er jetzt Frida neben sich gehabt, bei beiden Armen hätte er sie gepackt, sie an sich gerissen, blitzschnell ihr den Mund mit Küssen verschlossen und sie nicht mehr losgelassen.
Er konnte nicht mehr an sich halten, er mußte wenigstens Artur packen und mit ihm dahinwalzen durch den sandigen Waldboden, daß dem aufgeschossenen Jungen, der heute schon zu so und soviel Kunden gelaufen war, um sie zu rasieren, Hören und Sehen verging. Die übrigen Spaziergänger blieben stehen: das war ihnen nichts Neues auf Landpartieen, wenn’s nicht größeren Unfug gab! Sie amüsierten sich, und als Wolfgang zum Schluß den Partner mit einem lauten Juchhe in die Höhe hob und ihn ein paar Mal um sich herumschwenkte, klatschten sie Beifall.
Wolfgang war nun doch sehr außer Atem. Als sie zum Walde hinaus waren, mußten sie langsamer gehen; jetzt, in bewohnteren Regionen – schon tauchten die eleganten Landhäuser auf – hätte man Menschen tottreten können. Das war eine Fülle! An der Abfahrtstelle der elektrischen Bahn drängte und drückte es sich. Sie stellten sich auch auf: das war ein Spaß, zu sehen, wie die Leute, die gerne mitkommen wollten, sich pufften. Es war noch leidlich hell und warm wie im Sommer, aber rasch würde es ganz dunkel sein, und je später, desto größer der Ansturm. Lachend standen die beiden und sahen dem Drängen gelassen zu: was machte es ihnen aus, wenn sie nicht mitkamen, sie liefen eben das Stückchen zu Fuß weiter bis nach Hause.
Wolfgang fühlte sein Herz heftig pochen – es hatte ihm doch zu viel Spaß gemacht, mit Frida zu tanzen! In einem Lokal, in dem im angebauten Brettersaal ein Klavierspieler aufs Klavier paukte, hatte er Frida ein paar Mal ordentlich herumgeschwenkt, und auch noch ein paar andre Mädchen, die verlangend nach dem stürmischen Tänzer gesehen hatten. Es war eine Lust gewesen. Noch fühlte er den Nachhall davon in sich zittern, seine Brust hob und senkte sich unruhig – hei, so ein Mädchen im Arm sich herumschwenken, lustig sein! Wundervoll, es war alles so wundervoll!
Die Zähne zusammenbeißend, um nicht durch einen lauten, jubelnden Aufschrei die Blicke auf sich zu lenken, bebte Wolfgang innerlich vor ungebändigter Lebenslust. Ha, das wäre fein, ha, das wäre eine Wohltat, jetzt irgendeine Dummheit begehen zu können! Er überlegte: was gab man jetzt nur an?!
Da störte ihn ein Husten. Wie hohl das klang, als sei inwendig alles lose! Der junge Mann, der hinter seinem breiten Rücken stand, mochte wohl eine Weile so gehustet haben – er hatte es nur nicht beachtet – nun ekelte ihn vor dessen Auswurf. Unwillkürlich wich er zur Seite: pfui, wie hustete dieser Mensch!
»Ach,« hörte Wolfgang jetzt den älteren Mann sagen, auf dessen Arm der Hustende sich stützte, »ich bin ganz außer mir, daß keine Droschke zu bekommen ist! Bist du sehr kaputt? Geht’s noch?« Es lag so viel Angst in diesem ›Geht’s noch?‹
»O, ganz gut!« Der junge Mensch antwortete mit heiserer Stimme. Wolfgang merkte auf: diese Stimme war ihm doch bekannt? Und nun erkannte er auch das Gesicht. War das nicht Kullrich? Donnerwetter, wie der sich aber verändert hatte! Unwillkürlich lüftete er den Hut: »’n Abend, Kullrich!«
Jetzt erkannte dieser auch ihn. »Schlieben!« Kullrich lächelte, daß man all seine Zähne, lang und weiß, hinter den blutlosen Lippen sah. Und dann reichte er dem früheren Schulkameraden die Hand: »Du bist auch nicht mehr auf der Schule? Ich auch nicht mehr. Wir haben uns lange nicht mehr gesehen!«
Wolfgang fühlte die Hand unangenehm feuchtkalt in der seinen, und es durchrieselte ihn. Daß er einmal gehört hatte, Kullrich hätte die Schwindsucht, hatte er längst vergessen; nun fiel’s ihm auf einmal wieder ein. Aber das konnte ja gar nicht sein, so jung stirbt man doch nicht?! Alles in ihm sträubte sich dagegen.
»Bist du krank gewesen,« fragte er rasch. »Aber jetzt geht’s dir doch wieder ganz gut?« Es wurde ihm ordentlich schwer, das alte ›du‹ zu gebrauchen, der Kullrich hier war ihm so fremd.
»O ja, es geht,« sagte Kullrich und lächelte wieder. Ein ganz merkwürdiges Lächeln, das selbst dem achtlosen jungen Mann auffiel. Kullrich war nie hübsch gewesen, er hatte eine Kartoffelnase; jetzt mußte Wolfgang ihn immer ansehen: wieviel feiner war das Gesicht geworden und so – er konnte nicht an sich halten, er sagte es plötzlich gerade heraus: »Wie siehst du jetzt aus?! Ich hätte dich beinahe nicht erkannt!«
»Mein Sohn wird jetzt bald verreisen,« sagte der Vater rasch, und dabei zog er den Arm seines Jungen fester in den seinen. »Dann kommt er hoffentlich ganz gesund wieder. Es war so schönes Wetter – viel Luft und Kiefernduft, sagt der Arzt – wir sind zu lange draußen geblieben. Es wird dir doch nichts schaden?!« Wieder so viel Angst im Ton. »Ist dir auch nicht kalt? Willst du dich nicht so lange setzen?« Der Vater stellte ein Feldstühlchen zur Erde, das er unterm Arm getragen hatte und klappte es auseinander: »Setz dich doch ’n bißchen, Fritz!«
Der arme Kerl! Der Ton des Vaters, in dem die liebende Angst zitterte, berührte Wolfgang eigentümlich. Der arme Kerl, der war wahrhaftig doch sehr krank! Wie schrecklich! Ein Grauen kam ihn an, unwillkürlich zog er sich zurück, daß ihn der Atem des Kranken nicht treffe; der ganze Egoismus der Jugend und der Gesundheit war in ihm: wie fatal, daß er heute, gerade heute dem hier begegnen mußte!
»Kann ich Ihnen vielleicht einen Wagen besorgen?« fragte er rasch – daß der Kullrich nur fortkam, das Husten war ja gräßlich anzuhören – »ich weiß hier Bescheid, ich bekomme schon einen!«
Der Vater Kullrich, wie aus einer großen Angst erlöst, sagte aufatmend: »Ach ja, ach ja! ’ne Droschke, ’ne geschlossene womöglich! Mit der Bahn kommen wir ja doch nicht mit! Und es wird so spät! Ist dir auch wirklich nicht kalt, Fritz?!« Ein kühler Wind hatte sich plötzlich erhoben und der alte Mann zog seinen Überzieher aus und hängte ihn dem Sohn noch um die Schultern.
Mußte dem scheußlich zumute sein, seinen Jungen so zu sehen, dachte Wolfgang. Sterben überhaupt, sterben, wie schrecklich! Und wie der Mann seinen Sohn liebte! Das hörte man am Ton, sah man an den Blicken!
Wolfgang war froh, nach der Droschke umherrennen zu können. Es war jetzt schwer, eine zu bekommen, er rannte sich völlig außer Atem. Endlich hatte er einen Wagen. Wie er am Halteplatz der elektrischen Bahn anlangte, war Herr Kullrich bereits völlig verzweifelt. Er hatte die Hoffnung schon aufgegeben gehabt, und der Sohn hatte sehr viel gehustet.
Jetzt löste er sich fast auf in Dankbarkeit. Der einfache Mann – er war ein Subalternbeamter und hatte es gewiß nicht dazu – versprach dem Kutscher ein reiches Trinkgeld, wenn er sie nur rasch nach Halensee, Ringbahnstraße 111, fahren wollte. Er hüllte den Sohn in die Decke, die auf dem Rücksitz lag; der Kutscher gab noch eine Pferdedecke zu, Wolfgang wickelte dem Schulkameraden die Beine ein.
»Danke, danke,« sagte Fritz Kullrich matt; er war jetzt ganz abgefallen.
»Besuchen Sie uns doch mal, Herr Schlieben,« sagte der Vater und drückte dem Retter die Hand. »Fritz würde sich freuen. Und ich bin Ihnen ja so dankbar!«
»Aber komm bald,« sprach der Sohn und lächelte wieder sein seltsames Lächeln. »Adieu!«
»Adieu!« Wolfgang stand und starrte hinter dem rasch davonrollenden Wagen drein – da fuhr der Kullrich! Seiner Mutter nach.
Die frohe Laune Wolfgangs war verflogen. Als die Genossen des Nachmittags mit Hallo nach ihm suchten – Hans mußte seine Frida ordentlich abgeküßt haben, das Hütchen saß ihr schief, ihre Augen glänzten verliebt –, machte er sich rasch von ihnen frei. Er sagte ihnen kurz Adieu und ging allein. Der Tod hatte ihn gestreift. Und ein altes Lied, das er, unter so vielen anderen, einst mit Cilla, dem Mädchen seiner Kindheit, gesungen hatte, schoß ihm urplötzlich durch den Sinn. Jetzt verstand er zum ersten Mal die tiefere Bedeutung:
›Prahlst du gleich mit deinen Wangen, Die wie Milch und Purpur prangen, Ach, die Rosen welken bald!‹
Er ging gleich nach Hause, er hatte heute nicht Lust mehr, draußen herumzubummeln. Und als er so ging mit wiegendem, schlenderndem Gang, entlegene Wege, in denen es still war, richtete sich etwas auf vor ihm in der dunklen Färbung des Herbstabends und stellte sich in seinen Weg – das war eine Frage:
›Und du –?! Wohin du –?!‹
In einer Stimmung, die seltsam weich und versöhnlich war, betrat er das Elternhaus. Aber als er ins Zimmer trat, saßen die Eltern da wie zu Gericht.
Käte hatte es nun doch nicht verheimlichen können, es hätte ihr das Herz abgepreßt, sie hatte jemandem erzählen müssen, was sie beobachtet hatte. Und Schlieben hatte sich mehr darüber aufgeregt, als seine Frau erwartet hatte: also in solche Gesellschaft war der Junge geraten?!
»Wo treibst du dich herum?« fuhr er den Sohn an.
Der Eintretende stutzte: was war das für ein Ton, es war doch heute nicht so spät?! Im Gefühl des Unrechts, das ihm geschah, hob er den Kopf.
»Sieh mich nicht so unverschämt an!« Den Vater verließ die Beherrschung. »Wer ist das Frauenzimmer, mit dem du dich herumtreibst?«
Herumtreibst – Frauenzimmer?! Dem jungen Menschen schoß das Blut heiß zu Kopf. Frida Lämke ein Frauenzimmer – das war toll! »Sie ist kein Frauenzimmer!« brauste er auf. Und dann: »Ich habe mich nicht herumgetrieben!«
»Nun, nun, ich habe –« Schlieben verbesserte sich rasch, er konnte doch nicht sagen: ›=ich= habe dich gesehen‹ – so sagte er: »Wir haben dich gesehen!«
Wolfgang wurde sehr rot. Aha – sie hatten ihn belauert – heute wohl – waren ihm nachgeschlichen?! Nicht einmal weit draußen war man sicher vor ihren Späherblicken! Er war empört. »Wie kannst du sagen ›Frauenzimmer‹! Sie ist kein Frauenzimmer!«
»So – was ist sie denn, wenn ich fragen darf?«
»Meine Freundin!«
»Deine Freundin?!« Der Vater lachte ein kurzes zorniges Lachen. »Freundin – nun ja, aber für dich ist das denn doch noch ein wenig früh! Ich verbiete dir solche Freundinnen zweifelhaften, mehr als zweifelhaften Genres!«
»Sie ist nicht zweifelhaft!« Wolfgangs Augen funkelten. Wie recht hatte Frau Lämke, die neulich, als er sie wiederum besuchte, gesagt hatte: »So sehr ick mir ooch freue, kommen Se doch nich zu oft, Wolfjang. Frida is man ’n armes Mädchen, un bei so einer wird gleich was gered’t!«
Nein, hier gab’s nichts anzuzweifeln! Bleich vor Wut starrte der Sohn dem Vater in die Augen. »Sie ist ein so anständiges Mädchen, wie es nur eines gibt! Wie darfst du so von ihr sprechen?! Wie darfst du dich unter –« Er stockte, er war zu wütend, die Stimme versagte ihm.
»›Unterstehen‹ – sag’s nur heraus, ›unterstehen‹!« Schlieben beherrschte sich jetzt mehr, er war etwas ruhiger geworden, denn was er auf seines Jungen Gesicht sah, dünkte ihn ehrliche Entrüstung. Nein, ganz verdorben war der doch noch nicht, der war wohl nur verführt, solche Frauenzimmer hängen sich ja mit Vorliebe an noch sehr junge Leute! Und er sagte mit einer gutgemeinten Überredung: »Mache dich los von der Geschichte, so bald als möglich. Du ersparst dir viel Unangenehmes. Ich will dir wohl helfen dabei!«
»Danke!« Der junge Mensch steckte die Hände in die Hosentaschen und stellte sich breitbeinig auf.
Die weiche Stimmung war längst verflogen, die hatte Wolfgang sofort verloren beim ersten Schritt ins Zimmer; nun war er recht in der Laune, sich nichts, aber auch gar nichts gefallen zu lassen. Sie hatten Frida beschimpft!
»Wo wohnt sie?« fragte der Vater.
»Ja, das möchtest du wohl wissen!« Der Sohn lachte höhnisch auf; er empfand eine gewisse Genugtuung, ihrer Neugier das vorzuenthalten. Das würden sie nie erfahren! Das hatte er ja gar nicht nötig, sie wissen zu lassen! Protzig warf er den Kopf in den Nacken und antwortete nicht.
O Gott, was war aus dem Jungen geworden! Ganz entsetzt starrte Käte drein: er hatte sich ja völlig gewandelt, war ein ganz, ganz andrer geworden! Aber dann kam die Erinnerung – sie hatte ihn doch einmal so sehr geliebt – und der Schmerz, ihn gänzlich und auf immer verloren zu haben. »Wolfgang, sei doch nicht so, ich bitte dich! Wolfgang, wir meinen es doch so gut mit dir!«
Er maß sie mit einem unerklärlichen Blick. Und dann sah er an ihr vorbei ins Leere hinaus.
»Es wäre besser, ich wäre gar nicht da!« stieß er plötzlich hervor, ganz unvermittelt. Es wollte trotzig klingen, aber der Trotz erstickte im jähen Ausbruch einer schmerzlichen Erkenntnis.
* * * * *
4
Sie waren übereingekommen, daß Wolfgang nun nicht mehr draußen bei ihnen in der Villa wohnen sollte. Er war zwar noch sehr jung, aber die Zeit zur Selbständigkeit war da, das sahen die Eltern ein. Zwei hübsch möblierte Zimmer wurden gemietet in der Nähe des Geschäfts – Wolfgang sollte jetzt entschieden fleißiger heran – sonst mochte er unbehelligt sein. Dies späte Nachhausekommen, diese verantwortliche Kontrolle – nein, es ging nicht an, daß Käte sich völlig aufrieb! In tiefer Resignation hatte Schlieben diesen Schritt getan.
Und es schien, als sollten wirklich jetzt ruhigere, friedlichere Tage über die Villa Schlieben kommen. Der Winter war da, und der Schnee war eine so weiche, deckende Hülle für manche begrabene Hoffnung.
Wolfgang kam zu Besuch heraus; nicht zu oft, den Vater sah er ja ohnehin täglich im Kontor. Daß es die Mutter doch verlangte, ihn öfter zu sehen, schien er nicht zu ahnen. Sie ließ es ihn auch nicht merken. Sollte sie etwa betteln: ›Komm öfter?!‹ Nein, sie hatte schon allzuviel gebettelt – Jahre, fast achtzehn Jahre lang –, und mit Bitterkeit sagte sie sich: ›Verlorene Müh!‹
Wenn er herauskam, waren sie freundlich miteinander; die Mutter sorgte nach wie vor für tadellose Anzüge, für die bestgeplätteten Oberhemden, für die feinen Batistnachthemden und die hohen Kragen. Daß er oft nicht so aussah, wie er hätte aussehen müssen, war nicht ihre Schuld. Es lag auch vielleicht nicht an seiner Kleidung, es lag vielmehr an seiner abgespannten Miene, seinen müden Augen, an seiner ganzen nachlässigen Haltung; er ließ sich hängen, verbummelt sah er aus.
Die Eheleute sprachen aber nicht miteinander darüber. ›Wenn er nur erst zum Militär käme,‹ dachte Schlieben. Von dem Muß, von der strengen Regelung im Dienst erhoffte er eine Regelung des ganzen Lebens; was sie, die Eltern, mit aller Sorgfalt nicht zuwege gebracht hatten, würde der Drill schon fertig bringen! Zum April sollte sich Wolfgang stellen. Jetzt, zur Winterszeit, hielt er zwar regelmäßiger und gewissenhafter die Kontorstunden ein, aber, aber wie sah er oft morgens aus! Entsetzlich blaß, förmlich fahl. ›Verkatert!‹ Mit einem Kopfschütteln stellte das der Vater fest, aber er sagte nichts zum Sohn darüber; wozu auch, es würde nur eine unangenehme Szene geben, die nichts mehr nutzte, die höchstens nur noch mehr verdarb. Sie standen eben nicht mehr auf gemeinsamem Boden.
Und so ging es weiter, ohne sonderliche Erregung, aber sie litten doch alle drei; auch der Sohn.
Frida glaubte Wolfgang oft eine Verstimmung anzumerken. Zuweilen ging er mit ihr ins Theater, ›was zu lachen‹ mochte sie so gern; aber er lachte nicht mit, lachte selbst dann nicht, wenn ihr die Lachtränen über die Wangen liefen. Sie konnte sich ordentlich darüber ärgern, daß er so wenig Sinn für was Lustiges hatte.
»Amüsierst du dich denn nich?«
»Na, mäßig!«
»Bist du denn krank?« fragte sie ganz erschrocken.
»Nein!«
»Na, was haste denn?«
Dann zuckte er die Achseln, war so abweisend, daß sie ihn nicht weiter ausforschte, ihm nur die Hand drückte und ihm versicherte, sie amüsiere sich köstlich.
Nach und nach versiegten diese Theatereinladungen, die meist so hübsch mit einem Plauderstündchen in irgend einem Bier- oder Weinlokal geendet hatten. Frida sah den Freund überhaupt jetzt selten, nie mehr holte er sie an ihrem Geschäft ab, und in der Wohnung der Mutter ließ er sich auch nicht mehr sehen.
»Wer weeß ooch,« sagte Mutter Lämke, »ob er sich nich bald verloben tut. Er hat gewiß eene uf ’n Kieker!«
Frida warf die Lippen auf, sie schmollte, daß Wolfgang sich gar nicht sehen ließ. Was hatte er bloß?! Sie fing an, ihm nachzuspionieren; aber nicht nur aus Neugier.
Und noch eine andre forschte seinen Wegen nach – das war die Mutter. Wenigstens versuchte sie, ihm nachzuforschen. Aber nur das brachte sie in Erfahrung, daß man ihn einmal in einem der kleinen Theater mit einer hübschen Person gesehen hatte, einer Blondine, die recht auffallend frisiert gewesen war. Ah, das war dieselbe von Schildhorn! Noch immer sah sie das blonde Haar im scheidenden Abendlicht glänzen – die war sein Unheil!
Mit einem Spürsinn, der einem Polizisten Ehre gemacht hätte, forschte die Mutter dem Sohne nach. Hätte Schlieben eine Ahnung davon gehabt, wie oft, zu allen Tages- und Abendzeiten, seine Frau um Wolfgangs Wohnung strich, er wäre dem auf das entschiedenste entgegengetreten. Der brennende Drang, von Wolfgang zu hören, von ihm zu wissen, ließ Käte die eigene Würde vergessen; mehr als einmal ging sie, während sie ihn abwesend wußte, hinauf in seine Wohnung, angeblich, um ihm dieses oder jenes zu bringen. Aber war sie dann allein – die schwatzhafte Wirtin wußte sie sich vom Halse zu halten –, so fuhr sie mit forschenden Augen in beiden Zimmern umher, spähte auf seinen Schreibtisch, wendete sogar jedes Blättchen Papier. Sie kam hier oben gar nicht zur Besinnung ihres Tuns, ging sie aber wieder die Treppe hinab, dann kam ihr das Gefühl eigner Erniedrigung; sie wurde rot und schämte sich vor sich selber und schwor sich’s zu mit hundert Eiden, dies nie, nie wieder zu tun. Und tat es doch wieder. Es war ihr eine Qual, und sie konnte es doch nicht lassen.
An einem kalten Wintertag war es – schon Abend, nicht spät für Berliner Begriffe, aber doch immerhin schon Ladenschluß, und Theater und Konzerte hatten längst begonnen – als Frau Schlieben noch in der Wohnung ihres Sohnes saß. Acht Tage war er nicht draußen bei ihr gewesen – warum nicht?! Eine große Unruhe hatte sie heute plötzlich gepackt, sie hatte hin zu ihm müssen. Ihr Mann wähnte sie in der Hauptmann-Premiere – dahin konnte sie ja auch noch später gehen – Wolfgang mußte jetzt doch gleich nach Hause kommen! Auf ihr fragendes Briefchen hatte er geantwortet: er sei erkältet und halte sich abends zu Hause. Nun, sie wollte es ja auch gar nicht, daß er zu ihr hinauskam und sich noch erkältete, aber es war wohl natürlich, daß sie nun einmal nach ihm sah! Sie machte sich selber etwas vor.
Und so wartete sie und wartete. Die Zeit verstrich sehr langsam. Gegen sieben Uhr war sie gekommen, jetzt war es bereits neun. Zum so und sovielten Male hatte sie die beiden Zimmer durchmustert, am Fenster gestanden, zerstreut auf das Straßengewühl hinabgeblickt, sich hingesetzt, sich wieder erhoben und wieder hingesetzt. Jetzt ging sie in rastloser Unruhe auf und nieder. Die Wirtin war schon ein paar Mal hereingekommen und hatte sich drinnen zu schaffen gemacht; die neugierig-forschenden Blicke wären Käte sonst lästig gewesen, jetzt achtete sie gar nicht auf diese. Noch konnte sie sich nicht entschließen, fortzugehen – wenn er krank war, warum kam er dann nicht nach Hause?! Ihre Unruhe wuchs. Es lastete auf ihr wie die Vorahnung eines nahenden Unheils. Nun mußte sie aber wirklich die Wirtin fragen – schon zehn Uhr –, kam er denn immer so spät, trotz seiner Erkältung?! Sie klingelte nach der Frau.
Diese kam, innerlich sehr gereizt: warum hatte Frau Schlieben sie denn nicht längst ins Vertrauen gezogen?! Ei, nun konnte die lange warten, die hochmütige Liese!
»Mein Sohn kommt wohl immer spät?« fragte Käte. Ihre Stimme klang gemacht ruhig: sie durfte doch solch eine Frau nicht merken lassen, wie unruhig sie eigentlich war.
»Na,« sagte die Wirtin, »mal so, mal so!«
»Ich wundere mich nur, daß er heute so spät kommt bei seiner Erkältung!«
»So – ist der junge Herr erkältet?«
Wie, die Frau, bei der Wolfgang nun schon fast ein Vierteljahr wohnte, wußte so wenig von ihm?! Und sie hatte doch versprochen, besonders gut für ihn zu sorgen! »Sie müssen ihm abends eine Wärmflasche machen. Es ist kalt hier im Zimmer.« Fröstelnd rieb sich Käte die Hände. »Und bringen Sie ihm morgens vor dem Aufstehen ein Glas Emser mit heißer Milch!«
Die Wirtin hörte sofort den gar nicht ausgesprochenen Vorwurf heraus und wurde noch gereizter. »Na, wenn er überhaupt nich nach Hause kommt, kann ich ihm doch abends keine Wärmkruke machen und morgens keine heiße Milch!«
Wie – gar nicht nach Hause kommt?! Käte glaubte nicht recht verstanden zu haben. Sie sah die Frau mit großen Augen an. »Überhaupt nicht nach Hause kommt!«
Die Frau nickte: »Ich sage Ihnen, werte Dame, möbliert vermieten ist kein Spaß, da muß man vieles mit in Kauf nehmen. So ’ne junge Herren – na, ich sage schon!« Sie lachte, halb ärgerlich, halb belustigt auf. »Da hatte ich mal einen, der blieb gleich ganze acht Tage weg – der erste war vor der Tür, ich hatte Angst um meine Miete – ich mußte nach der Polizei gehen!«
»Wo war er denn – wo war er denn?!« Kätes Stimme schwankte.
Die Frau lachte: »Na, da fand er sich denn wieder an!« Sie sah die Angst der Mutter, und ihre Gutmütigkeit siegte über ihre Schadenfreude. »Der kommt schon wieder, gnä’ Frau,« sagte sie beruhigend. »Sie kommen alle wieder. Haben Sie man keine Angst. Und Herr Schlieben ist ja auch erst zwei Tage weg!«
Zwei Tage weg – zwei Tage?! Zwei Tage war’s her, daß er auf ihr Briefchen geantwortet hatte: er sei erkältet und müsse sich zu Hause halten! Wie eine Irre sah Käte um sich, ganz verstörten Blickes. Wo war er denn gewesen, diese ganzen zwei Tage? Nicht hier und nicht bei ihr – o, bei ihr schon seit acht Tagen nicht! Im Geschäft mußte er aber noch gewesen sein, sonst hätte Paul doch darüber gesprochen. Aber wo war er die ganze übrige Zeit? Das waren doch immer nur ein paar Stunden. Und ein Tag ist lang. Und die Nächte, die Nächte! Herrgott, die Nächte, wo war er die Nächte?!
Käte hätte laut herausschreien mögen, aber die Wirtin sah sie an mit so neugierigen, harten Augen, daß sie, die Nägel der einen Hand in die Innenfläche der andern grabend, sich bezwang. Aber ihr Sprechen war nur ein Flüstern mehr: »Ist er denn seit zwei Tagen gar nicht zu Hause gewesen?«
»Nee, gar nich! Aber warten Sie mal!« Die Lust am Schwatzen machte alle vorgenommene Zurückhaltung der Wirtin zuschanden. Der auf einen Stuhl Hingesunkenen nähertretend und sich einen Stuhl heranziehend, schwatzte sie umständlich: »Sonntag war’s – nee, Sonnabend merkt ich schon: der hat was. Ja, das ist einer, ein ganz forscher! Rein verrückt war er!«
»Wieso denn?! ›Verrückt‹, sagen Sie?!«
Die Vermieterin lachte. »Ach, so mein ich ja gar nich, das müssen Sie nich gleich so wörtlich nehmen, gnä’ Frau! Na, ebent so – na, wie soll ich denn schon sagen? – na, so wie sie dann alle sind! Na, und abends ging er dann wie gewöhnlich weg – na, und dann kam er ebent nich mehr zu Hause!«
»Und wie – wie war er –?!« Ruckweise nur stieß die Mutter die Worte hervor, sie konnte gar nicht zusammenhängend mehr sprechen, ein sie plötzlich überfallender Schreck lahmte fast ihre Zunge. »War er – etwa verstört?!« Wie eine Vision tauchte sein fahles Gesicht vor ihr auf, und da bei Schildhorn der verwehte Platz im Sand – mancher Mutter Sohn, mancher Mutter Sohn – Gott, Gott, wenn er sich ein Leides getan hätte! Sie zitterte wie Laub im Sturm und sank ganz in sich zusammen.
Die Wirtin erriet instinktiv der Mutter Gedanken; gutmütig-beruhigend versicherte sie: »Nee, gar nich an zu denken! Der war nich traurig – auch nich grade vergnügt – na, so – so – na, grade so in der richtigen Stimmung!«
»Und Sie – ach, können Sie mir nicht einen – einen Wink geben – wo – wo er hin – sein könnte?«
Die Frau wiegte zweifelnd den Kopf: »Wer kann das wissen! Sehen Sie, gnä’ Frau, der Versuchungen gibt’s gar viele. Aber, warten Sie mal!« Sie kniff die Augen zu und dachte nach. »Da kam mal vor einiger Zeit immer so’n hübsches Mädchen her, sie holte ihn immer ab, sie sagte ›zum Theater‹ – na, es kann ja auch wahr gewesen sein! Oft kam sie, sehr oft – mindestens einmal die Woche! Blond war sie, wirklich ’n hübsches Mädchen!«
»Blond – ganz hellblond – viel Haar, wellig über den Ohren?!«
»Ja ja, so war sie frisiert, über die Ohren gekämmt, hinten ’nen mächtigen Knoten – so recht auffallend hellblond! Und sie duzten sich!«
Blondes Haar – auffallend blond! Ah, das hatte sie damals gleich gewußt, als sie ihn in Schildhorn sah mit der Blonden! Wie eine Erleuchtung kam es über Käte. »Sie – wissen wohl nicht – ach, wissen Sie vielleicht, wie sie heißt?«
»Er sagte ›Frida‹ zu ihr!«
»Frida?!«
»Ja, Frida! Das weiß ich bestimmt. Nu kommt sie aber nich mehr. Vielleicht aber, daß er ’nen Brief von ihr gekriegt hat. Ich will mal nachsehen, warten Sie mal!« Und die Frau bückte sich, zog unterm Schreibtisch den Papierkorb vor und fing an darin zu wühlen.
»Er schmeißt nämlich allens in den Papierkorb,« sagte sie erklärend.
Freilich, da hatte sie noch nicht gesucht! Mit starren Augen sah Käte zu, wie die Frau mit geübten Fingern alle Papierblätter wendete. Plötzlich schrie die auf: »Na, sehen Sie, da haben wir’s!« Und vor die Mutter legte sie triumphierend ein paar Papierfetzen auf den Tisch: »Da is ’n Brief von ihr. Sehen Sie! Ich kenne die Schrift. Woll’n mal sehen!«
Beide Frauen, die Köpfe zusammensteckend, versuchten, die einzelnen Stücke des zerrissenen Briefes zusammenzufügen; es gelang aber nicht, es fehlte zu viel, nur ein paar Sätze waren halb zusammen zu bringen.
›nicht mehr kommst – böse mit dir – nächstens zu dir abends ’rauf – immer deine‹
Doch da, halt, da war die Unterschrift! Die war nicht durchrissen, groß und zusammenhängend stand sie unten auf dem Briefbogen:
immer
Deine Frida Lämke!
»Frida Lämke –?!« Käte schrie laut auf vor Überraschung. Frida Lämke – nein, das hätte sie nie gedacht – oder gab es vielleicht zwei gleichen Namens? Dieses blonde Kind, das einst bei ihr im Garten gespielt hatte?! Aber ja, ja, dreiste Augen hatte die immer gehabt!
»Sie kennen die wohl?« fragte die Wirtin, und die Augen funkelten ihr vor Neugier.
Käte gab keine Antwort. Vor sich hinbrütend stierte sie auf den Teppich: war das nun schlimmer – oder war das weniger schlimm? Konnte es nun nicht noch verhindert werden, nun, da sie die Fährte hatte, oder war alles verloren?! Sie wußte es nicht; verständig überlegen konnte sie überhaupt nicht mehr, nicht einmal mehr denken. Sie hatte nur den Trieb: hin, hin zu den Lämkes! Nur hin, so rasch wie möglich hin! Aufspringend sagte sie hastig: »Schon gut, schon gut – danke! Ah, es ist alles in Ordnung!« Und an der verdutzten Frau vorübereilend, hastete sie zur Tür und die Treppe hinunter. Gerade öffnete unten jemand von außen die verschlossene Haustür; so kam sie hinaus.
Nun war sie auf der Straße. So ganz allein hatte sie um diese Zeit noch nie auf der Friedrichstraße gestanden; ihr Mann hatte sie immer begleitet, und war sie einmal allein ins Theater oder Konzert gegangen, hatte er sie immer selber abgeholt oder mindestens von Friedrich abholen lassen. Nun kam sie’s plötzlich wie eine Furcht an, trotzdem die schöne Straße taghell erleuchtet war.
So viele Männer, so viele Frauen! Wie ein Strom flutete es an Käte vorüber, sie wurde mitgerissen. Gleich Wellen umwogten sie Gestalten – raschelnde Frauenröcke, die stark nach Parfüm dufteten, und Herren, Männer, junge und alte, Greise und Jünglinge und kaum dem Knabenalter Entwachsene. Das war ja hier wie ein Korso – was suchten die hier alle?! Das war also das vielgerühmte und amüsante Nachtleben Berlins? Schrecklich war es, o, über alle Maßen abscheulich!
Alles sah Käte auf einmal nur aus dem einen Gesichtspunkt. Bisher war sie ja blind gewesen, ahnungslos wie ein Kind. Der Helm eines Schutzmanns tauchte auf. Sie floh dahin wie eine Gejagte: der konnte ja nicht sehen, daß sie graue Haare hatte, und daß sie eine Dame war! Der hielt sie vielleicht auch für eine solche, für eine von denen hier! Nur fort, fort!
Sie stürzte sich in eine Droschke, sie fiel mehr in den aufgerissenen Schlag, als daß sie hineinstieg. Mit zitternder Stimme nannte sie dem Kutscher ihre Adresse. Eine glühende Sehnsucht überkam sie plötzlich: nach Haus, nur nach Haus! Heim in ihr reinliches, geordnetes Haus, in die Mauern, die wie ein Schutz sie umgaben! Nein, er durfte nicht mehr hinein in ihr reines Haus, seinen Schmutz nicht mit in dessen Räume tragen!
Ganz in eine Ecke geschmiegt, die zuckenden Lider krampfhaft zugepreßt, machte sie die weite Fahrt; heute kam ihr die schier endlos vor. Wie langsam fuhr die Droschke! Ach, was würde Paul sagen, er würde sich ängstigen, daß sie so spät kam!
Und Käte wünschte plötzlich, sich in die Arme ihres Mannes zu flüchten, Schutz zu suchen an seiner Brust. Daß sie gleich hatte zu Lämkes hingehen wollen, hatte sie ganz vergessen. Wie konnte sie auch, es war ja bald Mitternacht, und wer weiß, vielleicht traf sie da auch nur eine Mutter, ebenso unglücklich wie sie selber es war?! Verlorene Kinder – ach, man weiß nicht, was schrecklicher ist: verlorener Sohn – verlorene Tochter?!
Käte weinte bitterlich. Aber als die Tränen unter ihren geschlossenen Lidern sich vorstahlen und über ihre Wangen rannen, wurde sie ruhiger. Nun, da sie den großen Zug der Straße nicht mehr sah, ihr nächtliches Wehen nicht mehr spürte, schwand ihre Furcht. Der Mut wuchs ihr wieder; und mit dem gestärkten Mut wuchs ihr eine Erkenntnis: sie war eben nur eine schwache und ängstliche Frau, er aber war doch ein rüstiger Junge, der ein Mann werden sollte, ein starker Schwimmer. Noch brauchte man nicht ganz zu verzweifeln!
Als die ersten Kiefern der stillen Kolonie rechts und links an ihr vorbeiglitten und der Mondschein ihr auf den Ästen ein reines Weiß zeigte, hatte Käte ihren Entschluß gefaßt: morgen würde sie zu Lämkes gehen und würde mit der Mutter sprechen, und ihrem Manne würde sie vorderhand noch nichts sagen. Dieselbe Scheu, die sie jetzt so oft verstummen ließ vor ihm, kam sie wieder an: er würde ja doch nicht so empfinden, wie sie empfand. Mit rauher Hand vielleicht würde er den Sohn anfassen, und das durfte nicht sein; noch war sie da und berufen, mit linder Hand dem Strauchelnden zu helfen!
Ganz ruhig schritt Käte ihrem Manne entgegen, so gelassen, daß er ihr nichts anmerkte. Aber als sie am nächsten Tag den Weg zu Lämkes antrat, klopfte ihr das Herz doch wieder so zitternd-unruhig wie vordem. Den ganzen Morgen hatte sie gegen Scheu und Kleinmut gerungen; nun war es darüber fast Mittag geworden. Paul hatte ihr beim Frühstück erzählt, daß Wolfgang gestern gar nicht ins Geschäft gekommen, nachdem er den Tag vorher auch nur ganz kurz dagewesen sei. »Ich weiß nicht, was mit dem Jungen los ist,« hatte er gesagt. »Ich bin zu ärgerlich auf ihn. Aber man müßte sich doch wohl mal um ihn kümmern!«
»Das werde ich auch,« hatte sie darauf geantwortet.
Die Füße trugen sie kaum, als sie langsam ihren Weg schlich, zuletzt aber lief sie fast: er war doch ihr Kind lange, lange Jahre gewesen, und sie hatte einen Teil der Verantwortung! Sie fragte sich jetzt nicht mehr, wie sie eigentlich bei Frau Lämke die Unterredung beginnen sollte, sie hoffte, daß der Augenblick ihr das rechte Wort geben werde.
So tappte sie die dunklen Stufen zu Lämkes Portierwohnung hinab und klopfte und trat zugleich ein, ohne das Herein abgewartet zu haben.
Frau Lämke wischte gerade den Boden auf, der Schrubber entfiel ihrer Hand, geschwind ließ sie ihr rundum hochgenommenes Kleid herab: die gnädige Frau, die Frau Schlieben?! Was wollte die denn bei ihr?! Das blasse, mager gewordene Gesicht mit den harmlosen Augen blickte die Eintretende völlig verdutzt an.
»Guten Tag, Frau Lämke,« sagte Käte ganz freundlich. »Ist Ihre Tochter Frida zu Haus? Ich muß sie sprechen!«
»Nee, Frida is nich zu Hause!« Die Lämke blickte noch verdutzter: was wollte die gnädige Frau denn von Frida? Um die hatte sie sich noch nie gekümmert! »Frida is ins Jeschäft!«
»So? Wissen Sie das ganz genau?«
Es lag etwas Anzügliches in dieser Art des Fragens, aber Frau Lämke merkte nichts in ihrer Harmlosigkeit. »Frida is immer noch nich aus’s Jeschäft ßurück um die Zeit, aber in ’ne kleine halbe Stunde kann se woll hier sein. Se hat zwei Stunden Mittag; Abend kommt se erst jejen zehne, denn um neune machen se man erst ßu. Aber wenn se nach Tische mal bei die gnädige Frau vorkommen soll,« – Frau Lämke war zu neugierig: was wollte die bloß von Frida? – »recht jerne!«
»Sie kommt in einer halben Stunde, sagen Sie?«
»Jawoll! Es pressiert ihr immer sehr, daß se bei Muttern kommt – un denn der Hunger!«
»Wenn Sie gestatten, werde ich auf sie warten,« sagte Käte.
»Bitte, nehmen Sie jefälligst Platz!« Eilfertig wischte Frau Lämke mit ihrer Schürze über einen Stuhl: das war doch immerhin eine Ehre, daß Wolfgangs Mutter zu Frida hier in den Keller kam! Und mit einer Stimme, der man den herzlichen Anteil anmerkte, fragte sie: »Wie jeht’s denn dem jungen Herrn, wenn ich fragen darf, is er denn recht munter?«
Käte blieb die Antwort schuldig: das war denn doch eine zu große Frechheit, eine ganz unglaubliche Frechheit! Wie konnte die nur so unverfroren fragen?! Aber dann kam ihr auf einmal ein Zweifel: wußte die denn überhaupt etwas? Sie sah in die harmlosen Augen. Diese hier war wohl auch hintergangen, wie sie hintergangen worden war! Sie hatte nicht das Herz, ein aufklärendes Wort zu sprechen – arme Mutter! So nickte sie nur und sagte ausweichend: »Danke!«
Sie schwiegen, beide in einer gewissen Verlegenheit. Frau Lämke schälte Kartoffeln zum Mittag und setzte sie auf und warf ab und zu einen verstohlenen Blick auf die wartende Dame. Käte war blaß und gähnte verstohlen, ihrer Aufregung war eine ungeheure Abspannung gefolgt. Sie wartete ja vergeblich! Und diese Mutter hier würde heute auch vergeblich warten! Das Mädchen, diese heuchlerische Kreatur, kam ja nicht! Wie Wut packte es Käte, wenn sie an des Mädchens blondes Haar dachte. Das hatte ihren Jungen verführt, ihn umstrickt – nun kam er vielleicht nicht mehr los! ›Immer deine – deine Frida Lämke‹ – ein Schmollen war in dem Brief gewesen, wahrscheinlich hat er sich zurückziehen wollen, aber – ›wenn du nicht kommst, komme ich zu dir‹ – o, die würde sich wohl hüten, ihn loszulassen, die hielt fest!
Käte glaubte nicht mehr daran, daß Frida Lämke nach Hause kommen würde. Es ging schon auf zwei Uhr: die Mutter log, die steckte vielleicht doch mit unter der Decke!
Aber jetzt fuhr Käte zusammen, ein Tritt ließ sich auf der Kellertreppe vernehmen, bei dem die Mutter erfreut sagte: »Das ’s Frida!«
Draußen trällerte ein Liedchen – nun ging die Tür auf.
Frida Lämke trug jetzt statt des kleinen Matrosenstrohhutes ein dunkles Pelzbarett auf den blonden Haaren; der Pelz war unecht, aber sie hatte ein paar Taubenflügel an der Seite stecken, und das Mützchen saß ihr schick über dem kecken Gesicht.
In höchster Erregung stand Käte; sie war aufgesprungen und sah das Mädchen an mit brennenden Augen. Da war sie – wahrhaftig – doch gekommen! Die war hier – aber Wolfgang, wo war der?! Sie schrie förmlich das Mädchen an: »Wissen Sie, wo mein Sohn ist – Wolfgang – Wolfgang Schlieben?!«
Der überraschten Frida rosiges Gesicht wurde blaß. Sie wollte etwas sagen, stotterte, stockte, biß sich dann auf die Lippen und wurde dunkelrot. »Woher soll ich das wissen? Ich weiß doch nicht!«
»Sie wissen es wohl! Lügen Sie doch nicht!« Mit Heftigkeit faßte die Frau Frida bei beiden Armen. Ins blonde Haar hätte sie ihr greifen mögen und beim Dranreißen laut schreien: ›Mein Junge! Gib mir meinen Jungen wieder!‹ Aber sie fand nicht die Kraft, diese schlanken Mädchenarme so lange zu schütteln und zu rütteln, bis ein Bekenntnis herausgezwungen war.
Die blauen Augen Fridas hatten sie ganz offen angesehen, vollständig freimütig, wenn auch eine leise Unruhe in dem Blicke lag. »Ich habe ihn lange nicht jesehen, jnädige Frau,« sagte Frida ehrlich. Und dann ward ihr Ton leiser, eine gewisse Besorgnis lag darin: »Sonst kam er wohl, aber jetzt kommt er jar nich mehr – nich wahr, Mutter?!«
Frau Lämke schüttelte den Kopf: »Nee, jar nich mehr!« Ihr war gar nicht recht wohl zumute, das kam ihr alles so seltsam vor: Frau Schlieben hier im Keller, und was wollte die denn von Frida?! Da ging was vor, da war was nicht richtig! Aber was auch immer sein mochte, ihre Frida war unschuldig, das mußte Frau Schlieben wissen! Und so faßte sie sich denn ein Herz: »Wenn Sie etwa jlauben, jnädige Frau, daß da meine Frida mittenmank is, da irren Se sich aber! Meine Frida jeht schonst lange mit dem Flebbe – Hans Flebbe, dem Sohn vom Kutscher, er is nu Matrialist – un überhaupt, Frida is ’n anständijet Mächen – was denken Sie wohl von meiner Tochter? Herrje, det ’s aber immer so, ’n Mächen aus unserm Stande, die kann ja nich anständig sein, nee!« Die gekränkte Mutter wurde jetzt geradezu ausfallend. »Meine Frida war ’ne sehr jute Freundin von Ihren Wolfjang, un ich bin ihn ja ooch janz jut – als ich in ’n Sommer so elend war, hat er mir doch fufzig Mark geschickt, daß ich konnte nach Fangschleuse ßiehn, drei Wochen, un mir erholen – aber nu soll er mir mal wieder kommen, ’raus schmeiß ich ihn, den Bengel!« In ihrer unbestimmten Angst, daß man ihrer Frida etwas nachsagen könnte, wurde ihr blasses Gesicht heiß und rot.
Frida flog auf sie zu und faßte sie mit einem Arm um die Schultern: »Ärjere dich doch nich, Mutter! Du sollst dich doch nich aufregen, sonst schlägt’s dir wieder auf ’n Magen!«
Frida wurde jetzt ganz energisch; ihre Mutter noch immer um die Schultern gefaßt haltend, drehte sie den blonden Kopf nach Frau Schlieben: »Jnädige Frau, da müssen Sie sich schon an ’ne andre Adresse wenden. Ich kann Ihnen nichts über Ihren Herrn Sohn sagen. Mutter un ich haben noch neulich drüber jesprochen, daß er nu jar nich mehr kommt. Un ich habe ihm noch jerade ’n Briefchen jeschrieben, er soll uns doch mal besuchen – weil ich ihn doch ewig nich jesehen hatte und – und – na, weil er doch sonst jerne mit mir zusammen war! Aber er hat mir jar nich drauf jeantwortet. Ich habe ihm doch nischt jetan! Er hat sich aber ebent sehr verändert!« Sie setzte eine altkluge Miene auf: »Jnädige Frau, ich jlaube, es wäre doch besser, wenn er noch bei Ihnen wohnte!«
Käte sah sie starr an: was ahnte die – was wußte die – wußte die überhaupt etwas?! Zweifel stiegen in ihr auf, und dann kam ihr die Gewißheit: dieses Mädchen hier war harmlos, sonst hätte es so nicht sprechen können! Die Abgefeimteste konnte so treuherzig nicht dreinblicken! Und sie gestand es ja auch ganz von selber offen ein, daß sie neulich an Wolfgang geschrieben hatte – nein, so schlecht war die hier nicht, eine andere mit blondem Haar mußte es sein! Aber wo war die zu suchen – wo, wo Wolfgang zu finden?!
Und die Hände wie abbittend gegen das Mädchen hebend, sagte sie in einem jammervollen Ton: »Aber wissen Sie denn gar nicht, haben Sie denn gar keine Ahnung, wo er hin sein könnte? Gestern waren es zwei Tage, daß er fort ist – verschwunden – ganz verschwunden, seine Wirtin weiß nicht, wohin!«
»Ganz fort – seit zwei Tagen schon?!« Frida riß die Augen weit auf.
»Ich sagte es Ihnen ja schon – darum frage ich Sie ja – er ist fort, ganz fort!«
Eine wilde Ungeduld kam über die Mutter, und zugleich die ganze Erkenntnis ihrer peinvollen Lage, sie schlug die Hände vors Gesicht und stöhnte laut auf.
Mutter und Tochter Lämke wechselten mitleidsvolle Blicke. Frida wurde blaß und rot, es war, als ob sich ihr etwas auf die Lippen drängen wollte, aber sie schwieg doch.
»Schlecht is er aber doch nich, nee, schlecht is er nich,« flüsterte Frau Lämke.
»Wer sagt, daß er schlecht ist?!« Käte fuhr auf, ließ die Hände vom Gesicht sinken; der ganze Gram langer Jahre und die ganze Hoffnungslosigkeit lag in ihrem Ton: »Verführt ist er, verirrt, – verloren, verloren!«
Frida weinte laut heraus: »Ach, sagen Sie das nich! Er findet sich schon wieder an, findet sich jewiß wieder an! Wenn ich nur –« sie stockte und zog die Stirn zusammen im Nachdenken – »sicher wüßte!«
»Helfen Sie mir! Ach, können Sie mir nicht helfen?!«
Frau Lämke schlug bei diesem ›Helfen Sie mir‹ der armen Frau die Hände zusammen und zitterte vor Erregtheit: wenn eine das an ihrem Kind erleben muß, an einem Kinde, das sie mit Schmerzen geboren hat! Allen Respekt außer acht lassend, wankte sie auf Käte zu und faßte deren kalte, schlaff herunterhängende Hand: »Jotte doch, es tut mir so leid, so schrecklich leid! Aber trösten Se sich man! Wissen Se, ’ne Mutter hat doch so ’ne Kraft, so was ganz Besonderes, ’n Kind verjißt ihr doch nie janz!« Und sie lächelte in einer gewissen Sicherheit.
»Er ist ja nicht mein Sohn – mein eigner Sohn nicht – ich bin ja gar nicht seine wirkliche Mutter!« Was Käte noch nie eingestanden hatte, jetzt gestand sie es ein. Die Angst preßte ihr’s heraus und die Hoffnung, daß diese Frau hier sagen würde: ›Auch solch eine Mutter wird nicht vergessen, sicher nicht!‹
Aber Frau Lämke sagte das nicht. Zweifelnd sah sie drein und schüttelte den Kopf: daran hatte sie eben für einen Augenblick gar nicht gedacht, daß die ja Wolfgangs richtige Mutter gar nicht war!
Trübes Schweigen war im Raum. Nur ein zitterndes Atmen war vernehmbar, bis endlich Frida, mit ihrer hellen Stimme die lähmende Stille durchbrechend, fragte: »Sind Sie denn heute auch schon bei der Wirtin jewesen?! Nee?!« Käte hatte stumm verneint. »Na, denn, jnädige Frau – gestern waren’s zwei Tage, sagen Sie? – denn kann er aber doch heute wieder jekommen sein! Man muß doch mal wieder nachfragen! Soll ich mal rasch hinjehn?!«
Und schon war sie an der Türe, hörte gar nicht, daß die Mutter ihr nachrief: »Frida, Frida, doch man erst ’n Happen essen, du hast ja noch jar nich Mittag jejessen!« sondern lief die Kellerstufen hinan in gutmütiger Hast und mitleidsvoller Teilnahme.
Käte lief hinter ihr drein. –
Aber sie erhielten in der Friedrichstraße keine andre Auskunft. Die Zimmer waren zwar geheizt, Staub gewischt, sogar der Frühstückstisch gedeckt, als sollte der junge Herr jeden Augenblick eintreten – die Wirtin erhoffte ein besonderes Lob ihrer Fürsorge –, aber der junge Herr war wieder nicht erschienen.
* * * * *
Käte Schlieben war krank. Der Sanitätsrat zuckte die Achseln: da war nicht viel zu machen, es war eine vollständige Apathie. Wenn nur etwas käme und sie aufrüttelte, etwas, für das es ihr verlohnen würde, sich aufzuraffen, dann würde es schon wieder werden! Vorderhand verordnete er Kräftigungsmittel – der Puls war ja so schlecht – alle Stunden einen Teelöffel Puro, Fleischgelee, Eier, Milch, Austern und dergleichen.
Am Bett seiner Frau saß Schlieben, er war eben aus der Stadt nach Hause gekommen. Nun saß er da, den Kopf gesenkt, die Stirn in Falten gezogen.
»Noch immer nichts von ihm – was sagte die Frau – gar nichts von ihm?« hatte Käte eben mit verlöschender Stimme geflüstert.
Er sagte nur: »Wir werden uns nun doch an die Polizei wenden müssen!«
»Nein, nein, nicht an die Polizei! Ihn suchen lassen, wie einen Verbrecher?! Du bist schrecklich, Paul! Schweig doch, Paul!« Ihre anfänglich so schwache Stimme war fast schreiend geworden.
Er zuckte die Achseln: »Es wird uns nichts übrig bleiben,« und blickte bekümmert sie an und dann stumm vor sich nieder.
Ihm war, als könne er sein Unglück nicht übersehen, als sei das ganz unüberblickbar. Acht Tage waren es nun her, daß Wolfgang fort war – schrecklich, schrecklich, was dieser Mensch ihnen für Sorgen machte! Aber größere Sorgen machte ihm seine Frau. Wie sollte das enden?! Diese gesteigerte Nervosität war gefährlich; und dabei auch dieser Kräfteverfall! Käte war nie eine Riesin gewesen, aber nun wurde sie so dünn, so mager; in den acht Tagen war ihre Hand, die da so matt auf der Decke lag, geradezu durchsichtig geworden. Ach, und ihr Haar so grau!
Mit traurigen Blicken suchte der Ehemann im Gesicht seiner Frau die einstige Schönheit: zu viel Falten, zu viel eingegrabene Linien, Furchen, die der Pflug des Grams gezogen hatte! Er mußte weinen; das kam ihm doch zu hart an, sie so zu sehen. Den Kopf von ihr abwendend, beschattete er die Augen mit der Hand.
So saß er stumm und rührte sich nicht, und sie rührte sich auch nicht, lag, als ob sie schliefe.
Da klopfte es. Erschrocken sah Schlieben nach der Kranken hin: war sie nun gestört worden? Aber sie hob die Lider nicht.
Auf den Zehen ging er zur Tür und öffnete. Friedrich brachte die Post, allerhand Briefe und Zeitungen. Nur aus Gewohnheit griff Schlieben danach, es interessierte ihn jetzt alles so wenig. Die ersten paar Tage nach Wolfgangs Verschwinden hatte Käte immer gezittert, es möchte etwas von ihm in der Zeitung stehen, die schrecklichsten Befürchtungen hatten sie gequält; jetzt fragte sie nicht mehr. Aber nun zitterte der Mann tief im Innern, obgleich er sich selber hart zu machen strebte: was würde man noch erleben müssen?! Keine Zeitung faßte er an, ohne eine gewisse Scheu.
»Knittere doch nicht so unerträglich,« sagte die schwache Frau gereizt. Da erhob er sich, um aus dem Zimmer zu schleichen – es war besser, er ging, sie mochte seine Nähe nicht! Doch sein Blick fiel auf einen der Briefe. Was war denn das für eine unausgeschriebene, noch schulmäßige Handschrift? Wohl ein Bettelbrief? Er war an seine Frau gerichtet, aber sie machte ja jetzt keine Briefe auf; dazu drängte es ihn förmlich, diesen, gerade diesen Brief zu öffnen. Es war nicht Neugier, ihm war, als müsse er es tun.
Er öffnete den Brief, rascher, als es sonst seine Art war. Das hatte eine Frau geschrieben, ein Mädchen sicherlich – es waren ganz unausgeprägte, finzlige Buchstaben. Und das Bestreben war auffällig, die Handschrift zu verstellen.
›Wenn Sie was über Ihren Sohn erfahren wollen, müssen Sie Puttkammerstraße gehn, 140, und aufpassen, drei Treppen hoch im Hof, Seitenflügel links, wo Knappe an der Klingel steht. Da wohnt sie!‹
Eine Namensunterschrift war nicht vorhanden, nur: ›Eine gute Freundin‹ – stand darunter.
Schlieben hatte das Gefühl, als brenne ihm das Papier die Finger – geringes Papier, aber zartrosa und nach parfümierter, billiger Seife riechend – ein anonymer Brief, pfui! Was sollte ihnen der Wisch?! Schon wollte er ihn zusammenknittern, da rief Kätes Stimme vom Bett her: »Was hast du da, Paul? Einen Brief? Zeig mal her!«
Und als er sich ihr nur langsam, zögernd näherte, richtete sie sich auf und riß ihm den Brief aus der Hand. Sie las und schrie laut auf: »Den hat die Lämke geschrieben! Ich bin sicher, er ist von ihr. Sie wollte ihn ja suchen – und ihr Bruder, ihr Bräutigam – sie werden ihn gefunden haben! Puttkammerstraße – wo ist die? 140, da müssen wir hin! Gleich, sofort! Klingle dem Mädchen! Meine Schuhe, meine Sachen – ach, ich kann ja gar nichts finden! So klingle doch! Sie soll mich frisieren – ach, laß nur, ich kann ja schon alles allein!«
Sie war aus dem Bett gesprungen in zitternder Hast; nun saß sie schon vor dem Toilettentisch und kämmte selber ihr langes Haar. Es war verwirrt vom Bettliegen, aber sie riß den Kamm hindurch mit unbarmherziger Eile.
»Daß wir nicht zu spät kommen! Wir müssen uns eilen. Da ist er sicher, da ist er ganz sicher! Was stehst du noch und siehst mich so an? Mach dich doch fertig! Ich bin gleich fertig, wir können gleich gehen. Paul, lieber Paul, wir werden ihn da gewiß finden – o Gott!« Sie faßte um sich, von einem Schwindel der Schwäche ergriffen, aber ihr Wille überwand die Schwäche. Nun stand sie ganz fest auf den Füßen.
Niemand würde es glauben, daß sie eben noch wie eine ganz Hilflose dagelegen hatte! Schlieben wagte es nicht, ihr zu widerstreben: was sollte auch noch Schlimmeres kommen?! Schlimmer, als es jetzt gewesen war, konnte es nicht mehr werden, und wenigstens konnte sie ihm dann nicht mehr vorwerfen, er hätte den Jungen nicht lieb gehabt!
Als sie nach kaum einer halben Stunde den Wagen bestiegen, den Friedrich herbeitelephoniert hatte, war sie weniger blaß und sah weniger alt aus, als er.
5
Wenn Frida Lämke jetzt Wolfgang Schlieben begegnete, schlug sie die Augen nieder, und er tat, als sähe er sie nicht. Er war böse auf sie: verdammte kleine Krabbe, die ihn verraten hatte! Nur sie, sie allein konnte die Eltern auf seine Spur gehetzt haben! Wie hätten die sonst eine Ahnung gehabt? Er hätte sich prügeln mögen, daß er dieser Schlange einmal Andeutungen über seine Bekanntschaft in der Puttkammerstraße gemacht hatte. Die Frida mit ihrer Freundschaft, die sollte ihm noch mal von Freundschaft reden! Pah, Weiber überhaupt, die waren alle nichts wert!
Eine grimmige Weiberverachtung hatte den jungen Menschen gepackt. Er hätte ihnen allen am liebsten ins Gesicht gespieen – alles feile Kreaturen –, er kannte sie jetzt zur Genüge, ja bis zum Ekel!
Der noch nicht Neunzehnjährige fühlte sich müde und alt; seltsam müde. Wenn Wolfgang an die letztvergangene Zeit zurückdachte, kam sie ihm vor wie ein Traum; jetzt, da die Zimmer in der Friedrichstraße aufgegeben waren und er wieder bei den Eltern wohnte, jetzt sogar wie ein böser Traum. Und wenn er dann Frida Lämke begegnete – das ließ sich nicht vermeiden, nun er regelmäßig herein- und herausfuhr zu den Bureaustunden –, gab es ihm jedesmal einen Stich durchs Herz. Er grüßte sie nicht einmal, selbst dazu konnte er sich nicht überwinden.
Wenn er doch nur den Druck abschütteln könnte, den er auf sich fühlte! Sie taten ihm doch nichts – nein, sie waren sogar sehr gut –, aber er hatte doch immer das Gefühl, nur gelitten zu sein. Das reizte ihn und machte ihn zugleich traurig. Vorwürfe hatten sie ihm nicht gemacht, würden sie ihm wohl auch nicht machen, aber der Vater war stets ernst, zurückhaltend, und der Mutter Blick hatte geradezu etwas Quälendes. Ein krankhaftes Mißtrauen erfüllte ihn: warum sagten sie ihm nicht lieber, daß sie ihn verachteten?!
In Nächten, in denen Wolfgang nicht schlafen konnte, plagte ihn etwas, das fast Reue war. Dann klopfte sein Herz heftig, flatterte förmlich, er mußte sich im Bett aufsetzen – das Liegen konnte er nicht ertragen – und nach Atem ringen. Mit ängstlich aufgerissenen Augen stierte er dann ins Dunkel: ach, was war das für ein scheußlicher Zustand! Am Morgen, wenn der Anfall vorüber war – dieser ›moralische Kater‹, wie er ihn spöttisch benannte – ärgerte er sich über seine Sentimentalität. Was hatte er denn Schlimmes getan? Nichts andres, als was hundert andere junge Leute auch tun, nur daß die nicht so dumm waren wie er! Diese Frida, diese verwünschte Klätscherin! Er hätte sie erwürgen können.
Nach den schlechten Nächten war Wolfgang dann noch unliebenswürdiger, noch wortkarger, noch verdrossener, noch in sich verschlossener. Und noch elender sah er aus.
›Er ist reduziert!‹ sagte sich Schlieben. Er sagte es nicht zu seiner Frau – wozu die noch mehr aufregen? – denn daß sie sich beunruhigte, das zeigte ihm die Art, wie sie Wolfgang umsorgte. Nicht mit Worten, nicht mit Liebkosungen, =die= Zeiten waren vorbei; aber eine besondere Sorgfalt legte sie auf seine Ernährung, er wurde förmlich gepäppelt. Ein Mensch in seinen Jahren müßte doch ganz anders bei Kräften sein! Der Rücken schien nicht mehr so breit, die Brust nicht mehr so gewölbt, die schwarzen Augen lagen dunkel umrandet in ihren Höhlen. Die Haltung war schlecht, die Stimmung noch schlechter. Die Stimmung, ja die Stimmung! Die war die Wurzel alles Übels, aber da konnte keine Pflege helfen und auch kein Medikament. Der junge Mensch war eben unzufrieden mit sich, war’s ein Wunder?! Er schämte sich!
Und vor Schliebens Augen stand die Situation grausam deutlich, in der er ihn gefunden hatte.
Er hatte Käte unten warten lassen – sie hatte zwar durchaus mit hinaufgewollt, aber er hatte darauf bestanden, sie mußte unten auf dem Hof, auf diesem engen, dunklen Hof, der nach Moder und Müllstaub roch, stehen bleiben – war allein hinaufgegangen. Drei Treppen. Sie waren ihm unendlich steil vorgekommen, noch nie hatte ihm Treppensteigen so die Kniee angestrengt. Da stand ›Knappe‹. Er hatte an die Klingel gerührt – hei, wie fuhr er zusammen, als sie so schrillte. Was wollte er denn eigentlich hier?! Auf einen anonymen Brief hin drang er zu fremden Leuten ein, in eine fremde Wohnung, er, Paul Schlieben?! Das Blut stieg ihm zu Kopf – da hatte schon die Person geöffnet, in einem hellblauen Schlafrock, gar nicht mehr jung, aber üppig, mit gutmütigen Augen. Und er hatte einen eleganten Überzieher und einen feinen Filzhut im Entree hängen sehen beim Schein des erbärmlichen Küchenlämpchens, das den selbst am Mittag stockdunklen Flur erhellte, und erkannte in ihnen Wolfgangs Sachen. Also wirklich, er war hier?! Hier?! Der anonyme Brief log also doch nicht?!
Was er dann getan hatte, wußte er selber nicht mehr genau; er wußte nur, er war Geld losgeworden. Und dann hatte er den jungen Menschen beim Arm die Treppe hinuntergeführt, das heißt, mehr geschleppt als geführt. In halber Höhe schon war ihnen Käte entgegengekommen, es hatte ihr da unten zu lange gedauert, Kinder mit offenen Mäulern hatten sich um sie versammelt, und aus den Fenstern hatten Weiber auf sie herabgespäht. Sie war fast verzweifelt: warum blieb Paul denn so entsetzlich lange?! Sie hatte ja keine Ahnung, daß er den Sohn erst aus einem bleiernen Schlaf in einem unordentlichen Bett erwecken mußte. Das durfte sie auch nie, nie erfahren!
Nun hatten sie ihn wieder zu Hause, aber war’s eine Freude? Darauf mußte Schlieben sich, und wäre er noch so versöhnlich gestimmt gewesen, noch so vergebungsbereit, mit einem schroffen ›Nein‹ antworten. Hier erblühte ihnen keine Freude mehr. Vielleicht, daß sie später, ganz später, noch einmal welche an ihm erlebten! Vorerst war es das beste, daß der junge Mensch zum Militär kam!
Zum ersten April sollte Wolfgang eintreten, darauf setzte Schlieben die letzte Hoffnung.
Wolfgang hatte immer gewünscht, bei den Rathenower Husaren zu dienen, aber nach den letzten Erfahrungen hielt Schlieben es für angemessener, ihn ganz solide bei der Infanterie eintreten zu lassen.
Früher würde der Sohn heftigen Widerspruch erhoben haben – Kavallerie mußte es sein, auf jeden Fall – jetzt fiel ihm das gar nicht mehr ein. Wenn denn gedient sein mußte, war es ganz gleichgültig wo; er war todmüde. Er hatte nur den Wunsch, sich einmal ganz ausschlafen zu können. Kullrich war tot – gegen Weihnachten hatte der trauernde Vater ihm aus Görbersdorf die Anzeige geschickt – und er? Er hatte zu viele Nächte verbummelt. –
Es war ein Schlag für Schlieben, daß Wolfgang nicht zum Militär genommen wurde. ›Untauglich‹ – ein hartes Wort – und warum untauglich?!
›Schwerer Herzfehler –‹ die Eltern lasen’s mit Augen, die falsch zu lesen glaubten und es doch richtig lasen.
Wolfgang war sehr abgespannt von der Untersuchung nach Hause gekommen, aber er zeigte sich nun weiter nicht aufgeregt über seine Untauglichkeit. Er zeigte es nicht – aber ob er es nicht doch war?!
Der Sanitätsrat zwar, nachdem auch er ihn untersucht hatte, versuchte alles so tröstlich als möglich hinzustellen: »Herzfehler, lieber Gott, Herzfehler! Es gibt ja gar keinen Menschen, der ein ganz normales Herz hat! Wenn Sie sich ein bißchen danach halten, Wolfgang, und solide leben, können Sie steinalt werden!«
Der junge Mensch sagte kein Wort hierauf.
Schliebens überschütteten ihren Arzt mit Vorwürfen: warum hatte er ihnen das nicht längst gesagt? Er mußte das doch wissen! Warum hatte er sie so im unklaren gelassen?!
Hofmann verteidigte sich: hatte er denn nicht immer und immer wieder zur Vorsicht gemahnt?! Seit dem Scharlach damals hatte er für des Jungen Herz gefürchtet und das auch nicht verhehlt. Aber freilich, daß sich die Sache so schnell verschlimmern würde, hatte auch er nicht gedacht. Der Junge hatte eben zu sehr drauf los gelebt!
›Schwerer Herzfehler‹ – das war wie ein Todesurteil. Wolfgang streckte die Waffen. Auf einmal fühlte er nicht mehr die Kraft in sich, gegen diese nächtlichen Anfälle anzukämpfen. Was er früher, ehe er das wußte, ganz für sich allein in seinem Bett, selbst ohne Licht anzuzünden, abgemacht hatte, das trieb ihn jetzt auf die Füße. Es trieb ihn ans Fenster – er riß es auf – trieb ihn in der Stube umher, bis er endlich, völlig ermattet, im Lehnstuhl Ruhe fand. Das trieb ihn sogar, bei den Eltern anzuklopfen: »Schlaft ihr? Ich habe solche Angst! Wacht doch mit mir!«
* * * * *
Wochenlang waren es böse Nächte gewesen. Wolfgang hatte gelitten, und die Mutter mit ihm. Wie konnte sie schlafen, wenn sie wußte, daß nebenan jemand sich quälte?!
Nun ging es wieder besser. Die Medikamente des alten Freundes hatten gewirkt, und Wolfgang hatte eine regelrechte Kur durchgemacht: Bäder, Abreibungen, Massage, besondere Diät. Nun konnte man ganz zufrieden mit dem Erfolge sein. Besonders das streng geregelte Leben hatte ihm gut getan; das Körpergewicht hatte wieder zugenommen, sein Auge war glanzvoller, seine Gesichtsfarbe frischer. Sie hatten alle die größte Zuversicht – nur einer nicht. Dieser eine hatte eben keinen Willen zum Leben mehr. –
Der April war rauh und stürmisch, ganz außergewöhnlich kalt; es war nicht möglich, daß der Rekonvaleszent so viel im Freien sein konnte wie wünschenswert war, besonders da warmmachende Bewegungen, wie Tennis, Radfahren, Reiten, für ihn noch zu ermüdend waren. Der Arzt schlug vor, Wolfgang nach der Riviera zu schicken. Wenn auch dort nur noch ein paar Wochen blieben, bis es zu heiß wurde, die würden schon genügen.
Schlieben war sofort bereit, den jungen Mann reisen zu lassen: wenn’s ihm gut tat, nun natürlich! Käte erbot sich, mitzureisen.
»Aber warum denn, liebste Frau? Der Junge kann ganz gut allein reisen,« versicherte der Sanitätsrat.
Aber sie bestand darauf, sie wollte ihn begleiten. Jetzt war’s nicht mehr die Besorgnis, er könne ihr verloren gehen: es war ihre Pflicht so, sie mußte ihn begleiten, selbst wenn sie es nicht gern getan hätte. Und ein wenig eigne Lust, sich ganz heimlich, ihr selber unbewußt, in ihr regend, kam auch noch dazu. Sie wußte ja so gut Bescheid im Süden – wenn sie zum Beispiel nach Sestri gingen? Fragend sah sie ihren Mann an. Hatten sie nicht dort an der Riviera Levante einst wahrhaft glückliche Tage verlebt? Dort am blauen Meer, wo die breiten Pinien grüner und schattender stehen, als tiefer im Süden die Palmen, wo die Luft bei aller Milde etwas Herbes und Erfrischendes hat, wo nichts Schlaffes ist, lauter Belebung!
Er lächelte: gewiß, sie konnten ja dahin reisen! Ach, er freute sich ja so über den doch noch nicht gänzlich verlöschten Enthusiasmus seiner Frau.
Am Nachmittag seiner Abreise kramte Wolfgang lange in seinem Zimmer. Käte, die besorgt war, daß er sich beim Packen zu sehr anstrengen könnte, hatte ihm Friedrich zu Hilfe geschickt. Aber dieser kam bald wieder herunter: »Der junge Herr will’s alleine machen!«
Als Wolfgang das Letzte in seinen Koffer gelegt hatte, sah er sich nachdenklich im Zimmer um. Hier war er nun aufgewachsen, hier dieses Zimmer hatte er oft als einen Käfig betrachtet – ob er nun wieder in diesen zurückkehrte?!
– – _Wir haben hie keine bleibende Statt, die zukünftige suchen wir_ – –
Drüben hing, schön gerahmt, sein Konfirmationsspruch an der Wand. Lange nicht gelesen. Jetzt las er ihn wieder; leicht lächelnd, ein bißchen spöttisch, und ein bißchen wehmütig. Ja, er würde wieder hier hinein zurückflattern, er war eben an den Käfig gewöhnt!
Und nun beschloß er, als allerletztes, noch etwas Übriges zu tun, und – zu Frida zu gehen. –
Frau Lämke war sprachlos vor Staunen, fast erschrocken, als sie gegen die Zeit, in der ihre Frida gewöhnlich nach Hause zu kommen pflegte, den jungen Herrn Schlieben bei sich eintreten sah. Sie stotterte vor Verlegenheit: »Nee, Frida is noch nich zu Hause – un Artur is auch nich hier – un Vater is oben in die Loge – aber wenn Sie so lange – so lange – bei mir vorlieb nehmen wollen!« Sie schob ihm mit großem Gerappel einen Stuhl hin.
Er rückte sich den Stuhl dicht an den Tisch heran, an dem sie genäht hatte. Nun saß er wieder hier wie einst. Und er entsann sich ganz deutlich jener ersten Einladung zu Lämkes – Fridas zehnter Geburtstag war’s gewesen –, da hatte er hier gesessen mit den Kindern, und der Kaffee und die Kuchenschnecken hatten ihm so köstlich geschmeckt.
Und eine Menge von Erinnerungen kamen ihm noch – lauter nette Erinnerungen – aber doch wollte kein rechtes Gespräch mehr zwischen ihm und Frau Lämke zustande kommen. Fühlte er eine Beklemmung vor dem Wiedersehen mit Frida? Oder was machte ihn so unruhig hier?! Ja, es war so, auch hier war er nicht mehr am Platze!
Es lag wie eine Trauer in seiner Stimme, als er, Mutter Lämke die Hand zum Abschied reichend, sagte: »Nun denn – adieu!«
»Na, verjniegte Erholung – auf Wiedersehen!«
Daraufhin nickte er und schüttelte ihr noch einmal die Hand, und dann ging er; er wollte lieber Frida entgegen gehen, das war besser als hier innen zu sitzen. Er hatte Herzklopfen. Da sah er sie schon auf sich zukommen.
Obgleich es dunkel war, die Beleuchtung nicht so taghell wie drinnen in der Stadt, erkannte er sie schon von weitem. Sie trug das gleiche Matrosenhütchen mit blauem Band wie im vorigen Sommer; das war zwar noch etwas verfrüht, aber es paßte zu ihr. So frühlingsfrisch!
Ein Gefühl quoll in Wolfgang auf, als sie vor ihm stand, das er sonst Frauenzimmern gegenüber nicht gekannt hatte: ein brüderliches Gefühl inniger Zärtlichkeit. Ach, sie hatte es doch wohl nur gut gemeint!
Stumm grüßte er, sie aber sagte froh: »Ach du, Wolfjang?!« und streckte ihm die Hand hin.
Wie früher schlenderte er neben ihr her; sie hatte unwillkürlich ihren Schritt verlangsamt. Sie wußte nicht recht, wie sie wieder mit ihm anfangen sollte, aber das glaubte sie zu fühlen: böse war er nicht mehr.
»Wir reisen morgen,« sagte er.
»Nanu, wohin denn?«
Und er erzählte ihr’s.
Mitten darin unterbrach sie ihn. »Bist du mir böse?« fragte sie ganz leise.
Er schüttelte verneinend den Kopf, aber weiter ging er nicht darauf ein.
Alles, was sie ihm sagen wollte, daß sie nicht anders gekonnt hätte, daß Hans ihn ›ausbaldowert‹, daß sie’s doch seiner Mutter versprochen und daß sie selber so große Angst um ihn gehabt hätte, unterblieb. Es war nicht nötig. Es war, als sei das Vergangene nun tot für ihn, als hätte er es ganz vergessen.
Als er dem interessiert zuhörenden Mädchen von der Riviera, wohin er nun reisen würde, erzählte, beschlich es ihn leise doch wieder wie neue Lebensfreudigkeit. Ah, nur heraus hier, heraus! Wenn er erst dort war, würde alles besser werden! Er machte sich noch kein rechtes Bild, wie es eigentlich dort sein würde; mit halbem Ohr nur, nein, gar nicht hatte er zugehört, wenn die Mutter ihm vom Süden gesprochen hatte, es war ihm ja alles ganz gleichgültig gewesen. Nun empfand er es selber wie eine Wohltat, daß er wieder Teilnahme hatte. Er atmete tief auf.
»Schickst du mir auch ’ne schöne Ansichtskarte von da?« bat sie.
»Natürlich, viele!« Und dann legte er den Arm um ihre schmalen Schultern und zog sie an sich.
Und sie ließ sich ziehen.
Auf offener Straße, an deren Rändern die Büsche schon knospten und der Flieder im ersten Safte schwoll, standen sie und hielten sich umfaßt.
»Komm jesund wieder,« schluchzte sie.
Und er küßte sie zart auf die Wange: »Frida, ich muß mich wirklich noch bei dir bedanken!« – – – – – – –
Als Frida am andern Morgen ins Geschäft ging – die Uhr war halb acht – sagte sie zur Mutter: »Nu is er fort,« und blieb nachdenklich den ganzen Tag. Lange Wochen hatte sie nicht mit Wolfgang gesprochen gehabt – da war es ihr auch ganz gleichgültig gewesen – aber seit gestern abend war ihr weh ums Herz. Sie dachte viel an ihn, sie konnte ihn gar nicht vergessen.
6
Käte war nun mit dem Sohn allein. Nun hatte sie ihn ganz für sich. Das, was sie früher in eifersüchtigem Ringen erstrebt hatte, nun war es ihr gegeben. Nicht einmal die Natur draußen, die mit so lockenden Augen in die Fenster sah, konnte ihn an sich ziehen. Es erstaunte sie – ja, nun verstimmte es sie fast – daß er nicht mehr Anteil zeigte. Sie fuhren durch die Schweiz – er sah sie zum ersten Mal – aber das, was sie beim ersten Anblick zu Tränen anbetender Bewunderung gerührt hatte, diese hohen Berge, deren Gipfel sich in Schnee und Wolken verloren, zwangen ihm kaum einen Blick ab. Dann und wann sah er wohl einmal zum Coupéfenster hinaus, aber meist lehnte er in seiner Ecke, las oder träumte mit offenen Augen vor sich hin.
»Bist du müde?«
»Nein,« sagte er; bloß ›nein‹, aber ohne die schroffe Kürze, die ihm sonst eigen gewesen war. Es war keine unliebenswürdige Ablehnung mehr in seinem Ton.
Mit besorgten Augen sah Käte den Sohn an: die Reise griff ihn doch wohl an? Es war gut, daß sie mit ihm war! Sie kam sich unentbehrlich vor, und das Gefühl innerer Genugtuung ließ die Anstrengungen der weiten Reise gar nicht empfinden.
In Mailand, wo sie einen Tag rasteten, wollte Wolfgang nicht viel vom Dom wissen. »Ja, großartig,« sagte er, als sie sich am Wunderbau begeisterte. Aber auf die Plattform, von der man heute bei dem hellen Wetter eine kolossale Rundsicht haben würde bis hin zu den fernen Alpen, wollte er nicht mit ihr hinauf. »Geh du allein, laß mich hier!«
Es kam ihr anfänglich komisch vor, daß sie, die alte Frau, hinaufsteigen sollte, während er, der junge Mann, unten blieb. Zuletzt konnte sie der Lust, die sie drängte, das früher schon einmal Genossene, Herrliche wieder neu aufleben zu sehen, doch nicht widerstehen. Sie löste sich die Karte zum Hinaufsteigen, und er klappte sich einen der Feldstühle auseinander, die zum Gebrauch in der weiten Leere des Riesendomes stehen, und ließ sich, den Rücken an eine Marmorsäule gelehnt, nieder.
Ah, hier ruhte sich’s gut! Nach dem Markt draußen mit seinem Gelärm und dem Geschwirr von Tönen und bunten Farben, umfing ihn hier die weihrauchdurchwürzte Dämmerung. Es störte ihn nicht, daß Türen auf- und zuklappten, daß Leute aus- und einzogen in Scharen. Daß hier ein Fremdenführer mit blecherner Stimme seinen Fremden die eingelernte Belehrung herleierte, ganz laut, nicht achtend, daß er dabei fast über die Füße derer stolperte, die auf niedrigen Bänkchen vor einem sitzenden Priester, flüsternd ihre Sünden bekannten. Daß dort einer die Messe zelebrierte – die Meßner knicksten und klingelten – während hier eine Köchin, das an den Beinen zusammengebundene Geflügel neben sich, mit einer Gevatterin schwatzte.
Das alles störte ihn nicht, er bemerkte es gar nicht. Die köstliche Dämmerung umfing seine Sinne, er wurde so schläfrig, so selig müde. Vor seinen verschwimmenden Blicken lächelten alle Heiligen, süße Marien und pausbackige Engelchen, die Amoretten glichen. Es wurde ihm wohlig hier. Der Mailänder Dom, dies Wunder der Welt, verlor seine befremdende Großartigkeit; die weiten Mauern rückten zusammen, wurden eng und traulich und umfaßten doch die Welt. Eine friedvolle Welt, in der Sünder niederknieen und als Reine auferstehen. Eine ungeheure Sehnsucht erfaßte Wolfgang, auch hier niederzuknieen. Ah, da war sie wieder, die Sehnsucht seiner Knabenjahre! Wie hatte er dazumal die Kirche, in die ihn das Mädchen Cilla geführt hatte, geliebt! Er liebte sie noch, er liebte sie wieder, er liebte sie heute mit noch sehnsüchtigerer Liebe als dazumal. Hier war er zu Haus, hier hatte er das warme Gefühl der Zugehörigkeit.
– ›_Qui vivis et regnas in saecula saeculorum_‹ – – hocherhoben strahlte die goldene Monstranz, tief neigten sich die Beter, seliger Wohlklang schwebte unterm hochgewölbten Kuppeldach, immer schöner, schöner – leise, leiser. Die Lider fielen ihm zu.
Und er sah Cilla. So frisch, so schön wie das Leben selber. O, wie wunderschön! So hatte sie sonst doch nicht ausgesehen?! Er war sich bewußt, daß er träumte, aber er war nicht imstande, den Traum abzuschütteln. Und sie kam ihm ganz nah – o, so nah! Und sie machte das Zeichen des Kreuzes über ihm – leise tönte Orgelmusik – horch, was sprach sie, was flüsterte sie über ihm?! Er wollte nach ihrer Hand greifen, sie befragen, da hörte er eine andre Stimme:
»Wolfgang, schläfst du?«
Kätes Hand hatte sich leise auf seine Hände gelegt, die er gefaltet auf den Knieen hielt. »Ich bin wohl lange oben geblieben? Du hast dich gelangweilt?«
»O nein, nein!« Er sagte es mit Enthusiasmus.
Sie gingen zusammen zum Dom hinaus, aus dem die Orgel hinter ihnen hertönte bis auf den Markt. Käte war ganz begeistert von der genossenen Fernsicht und merkte darüber nicht den heimlichen Glanz, der in Wolfgangs Augen war. Er war still und schien mit allem einverstanden.
* * * * *
Seine Art fing die Mutter fast an zu beängstigen. Das, was sie früher beglückt haben würde – ach, wie hatte sie sich in früheren Jahren nach einem gefügigeren Kinde gesehnt! – stimmte sie jetzt wehmütig. War er am Ende doch kränker, als sie alle ahnten?
Sie waren jetzt an der Küste angelangt, in Sestri. Das waren noch dieselben Pinien, unter denen sie vor achtzehn Jahren als jüngere Frau gesessen und gemalt hatte. Aber ein andres Hotel war seitdem entstanden, ein ganz deutsches: deutscher Wirt, deutsche Bedienung, deutsche Küche, deutsche Gesellschaft, aller Komfort, so, wie Deutsche ihn lieben. Käte hatte sich ganz zurückhalten wollen, nur für Wolfgang leben; nun war es ihr aber doch Bedürfnis, dann und wann mit diesem oder jenem zu plaudern, denn wenn sie auch mit Wolfgang zusammen war, allein fühlte sie sich doch. Was dachte er? Daß er etwas dachte, zeigten ihr seine Stirn und seine Augen; aber er sprach seine Gedanken nicht aus. War er verstimmt – heiter? Fröhlich – traurig? Reute ihn manches und grübelte er darüber nach – oder langweilte er sich hier?! Das alles wußte sie nicht.
Mit einem gewissen Eigensinn zog er sich von allen übrigen zurück. Vergebens ermunterte Käte ihn, mit jungen Mädchen, die einen Partner suchten, Tennis zu spielen; wenn er’s nicht übertrieb, durfte er das immerhin schon wagen. Auch zu Segelfahrten wurde er aufgefordert, aber der Sport schien ihm gleichgültig geworden zu sein.
Meist lag Wolfgang vorn auf der Mole, an deren felsiger Spitze sich das blaue Meer rastlos zu weißem Schaum zerpeitscht, sah hinüber nach der Küste der Ponente, die in rotviolettem Dufte schwimmt, oder blickte zurück nach den nackten Gipfeln der Apenninen, in deren Halbkreis sich die weißen und roten Häuser von Sestri schmiegen.
Wenn die Fischerboote mit schlaffen Segeln wie müde Vögel in den Hafen glitten, stand er auf und schlenderte langsam zum Anlegeplatz ihnen entgegen. Die Hände in den Hosentaschen stand er dann dabei und sah zu, was sie an Fischen ausluden. Viel Beute war es nicht. Dann zog er die Hände aus den Hosentaschen und gab den Fischern, was er an Geld bei sich hatte.
Wenn die Mutter gewußt hätte, was der Sohn dachte! Wenn sie geahnt hätte, daß seine Seele dahinflog mit müden Flügeln wie eine treibende Möwe über uferlosem Meer!
Wolfgang hatte Heimweh. Hier gefiel es ihm nicht. Hier war es viel zu weich, viel zu schön; das langweilte ihn. Nur die Pinien, die streng duftenden, gefielen ihm; die waren doch besser als die Kiefern im Grunewald. Aber Heimweh nach dem Grunewald hatte er eigentlich auch nicht. Es war eben immer dasselbe, ob hier, ob da, ihn quälte immer die Sehnsucht. Wonach – wohin?! Darüber grübelte er. Aber der Mutter hätte er es nicht sagen mögen, denn jetzt sah er’s, daß sie sich um ihn mühte. Und öfters, als er es sonst je in seinem Leben getan hatte, fand er jetzt ein herzliches Wort.
Also endlich, endlich doch! Käte sah ihn oft verstohlen von der Seite an: war das noch derselbe, der sich als Knabe trotzig gegen sie gestemmt, ihre Liebe abgewehrt hatte, all ihre große Liebe?! Dieser hier, dessen Anblick im Mailänder Dom sie so seltsam gerührt hatte, war das noch derselbe, der auf der Schwelle gelegen hatte, betrunken – pfui, so betrunken! Derselbe noch, der so gesunken war, so tief, daß er – ach, gar nicht mehr daran denken!
Käte wollte vergessen; ehrlich mühte sie sich darum. Neulich, als sie ihn im Dom gefunden hatte, an einer Säule sitzend, die Hände gefaltet, die Lider träumerisch geschlossen, da war er ihr so jung vorgekommen, noch rührend jung; seine Stirn war glatt gewesen, alles darauf wie weggewischt. Und sie mußte denken: ob man nicht doch zuviel von ihm verlangt hatte? War man ihm auch immer ganz gerecht geworden? Hatte man ihn so verstanden, wie man ihn hätte verstehen müssen?! In ihrer Seele stiegen Zweifel auf. Sie hatte sich immer für eine gute Mutter gehalten; seit jenem Tag im Dom war es ihr, als hätte sie etwas verfehlt. Was, konnte sie selber nicht sagen. Aber in die Genugtuung, daß der Sohn nun doch zu ihr kam, mischte sich Wehmut und ein reichlich Teil selbstquälerischen Schmerzes. Ah, nun war er ja gut, nun war er wenigstens annähernd so, wie sie sich ihn gewünscht hatte – weicher, lenksamer – aber nun – ach, was hatte sie nun?!
›Wolfgang macht mir doch Sorge,‹ schrieb sie an ihren Mann. ›Es ist so schön hier, aber er sieht es nicht. Mir ist oft bange!‹
Als Schlieben ihr angeboten hatte, auch mitzureisen – er hatte das getan, weil er wünschte, seiner Frau manches abzunehmen – hatte Käte fast ängstlich abgewehrt: nein, nein, es war durchaus nicht nötig! Sie wollte viel lieber mit Wolfgang allein sein, sie hielt es für ihn und für sich so viel ersprießlicher. Nun dachte sie doch viel an ihren Mann und schrieb ihm fast alle Tage. Und wenn es auch nur ein paar Zeilen auf einer Postkarte waren, sie fühlte das Bedürfnis, ein Wort mit ihm zu tauschen. Er, ja er würde es hier so schön finden, wie sie es schön fand! Wie sie es einst vereint schön gefunden hatten! Hier diesen Pfad über die Klippen waren sie einst zusammen geklettert, er hatte ihr die Hand gereicht, sie geführt, damit ihr nicht schwindelte, und mit einem Gefühl wonnigen Grausens hatte sie tief unter sich das blaue gläserne Meer gesehen und hoch über sich den grauen Felsenfirst mit den tiefgrünen Pinien, die das Blau des Himmels küßten. War sie denn in diesen achtzehn Jahren so alt geworden, daß sie sich diesen Pfad nicht mehr getraute zu gehen? Sie hatte es versucht, aber vergeblich, ein jäher Schwindel hatte sie erfaßt. Die Hand war eben nicht da, die sie so fest, so sicher gestützt hatte. Ach ja, damals waren es bessere Zeiten gewesen, glücklichere!
Käte vergaß ganz, daß sie damals etwas so heiß begehrt hatte, daß sie dadurch sich und ihm manche Stunde getrübt, jeden Genuß vergällt hatte. Jetzt sah sie über den Sohn weg, der neben ihr schlenderte, sah mit weichem Blick, in dem noch ein Strahl verlorener Jugend aufglänzte, in die Ferne – ihr guter Mann, er war so allein! Ob er an sie dachte, wie sie an ihn?!
Am Abend, als Wolfgang sich in sein Zimmer zurückgezogen hatte – was er da trieb, ob er noch aufsaß, las, schrieb oder sich schon niedergelegt hatte, wußte sie nicht – schrieb sie ihrem Mann.
Es war nicht die Länge und Ausführlichkeit des Briefes, die Schlieben so erfreuten – damals aus Franzensbad hatte sie ihm auch lange und ausführliche Briefe geschrieben – er las etwas zwischen den Zeilen. Das war ein unausgesprochener Wunsch, ein Verlangen, eine Sehnsucht nach ihm. Und er beschloß, nun doch noch nach dem Süden zu reisen: man hatte am Ende so lange Jahre miteinander gelebt, daß es wohl zu verstehen war, fühlte der eine Teil ohne den andern sich vereinsamt!
Mit tatkräftigem Eifer wickelte Schlieben seine laufenden Geschäfte ab. In acht Tagen spätestens hoffte er reisefertig zu sein. Aber nichts schreiben, ja nichts vorher schreiben, das sollte einmal eine Überraschung werden!
* * * * *
Die Mittagssonne in Sestri brannte heiß, aber die Zeit gegen Sonnenuntergang war noch, trotz aller leuchtenden Kraft, angenehm und erquickend. Da strömte jedes Kräutchen Wohlgeruch aus. So viel Balsam, so viel Köstlichkeit in dieser strömenden Duftfülle! Käte fühlte ihr Herz überfließen: Gott sei Dank, noch war sie nicht ganz zermürbt, noch nicht ganz verbraucht, noch besaß sie die Fähigkeit, Schönes zu empfinden! Wenn Paul jetzt hier wäre!
Ganz vorn, hoch oben am äußersten Vorsprung der Küste, umbrandet vom weißen Schaum des sehnsüchtigen Meeres, das gern hinauf möchte zu den Zypressen und Pinien, zu den Steineichen und Erdbeerbäumen, zu den vielen duftenden Rosen liegt der Garten eines reichen Marchese. Hier saßen Mutter und Sohn. Stumm sahen sie nach der Riesensonne, die rot, tief purpurn, dicht über dem Meere hing, das da strahlte in glanzvollem Widerschein, still-andächtig, erwartungsfeierlich in der heiligen Empfängnis des Lichts. Es war eine jener Stunden, jener wunderbaren seltenen Stunden, in denen auch das Stumme beredt wird, das Verschwiegene sich offenbart, in der die Steine schreien.
Käte schrak förmlich zusammen, als sie schaute und schaute: o, da war sie ja, dieselbe riesige rote Sonne, die sie einst hatte versinken sehen in den Wellen des wilden Venns!
Ach, daß ihr dieser Gedanke auch jetzt kommen mußte und sie quälen! Mit scheuer Besorgnis wendete sie rasch ihre Augen zu Wolfgang – wenn der’s ahnte?! Aber er saß ganz gleichgültig auf einem Stein, hatte die Beine übereinandergeschlagen, die Augen halb geschlossen. Von was träumte er?! Sie mußte ihn aufstören.
»Ist das nicht herrlich, großartig, erhaben?!«
»O ja!«
»Sie sinkt – sieh, wie sie sinkt!« Käte war aufgesprungen vom efeuumrankten Pinienstumpf, sie streckte den Finger aus, warm angestrahlt, ganz Begeisterung für dieses purpurne Meer, dieses glanzvolle Licht, das da in solcher Schönheit zu sterben ging. Die Augen wurden ihr naß; sie waren geblendet. Als sie wieder sah, fiel es ihr auf, daß Wolfgang sehr blaß war.
»Frierst du?« Eine plötzliche Kühle wehte vom Meer herauf.
»Nein! Aber ich –« er blickte sie, die dunklen Augen plötzlich groß aufmachend, fest an – »ich möchte was von meiner Mutter wissen. Jetzt kannst du reden – ich höre!«
»Von deiner – deiner –« sie stotterte, das kam ihr zu unerwartet. O weh, die Sonne, die Sonne des Venns! Jetzt hätte sie lieber geschwiegen, sie hatte auf einmal den früheren Mut nicht mehr.
Aber er drängte sie. »Erzähle!« Es lag etwas Gebieterisches in seinem Ton. »Wie heißt sie – wo wohnt sie – lebt sie noch?!«
Mit angstvollen Blicken sah Käte um sich. ›Lebt sie noch?‹ – darauf konnte sie nicht einmal antworten! Aber ja, ja, sicherlich – gewiß – die lebte ja ewig!
Und sie erzählte ihm alles. Erzählte ihm, wie sie ihn aus dem Venn fortgeschafft hatten, mit ihm geflohen waren wie mit einem Raub.
Sie wurde blaß und rot dabei und wieder blaß – o, wie würde er aufbrausen, sich leidenschaftlich erregen! Und ihr zürnen. Hatten sie sich doch nie mehr um seine Mutter gekümmert, seit sie das Venn verlassen hatten, nie mehr! Sie wußte ihm nichts weiter mehr zu erzählen.
Er fragte auch nicht mehr. Er brauste aber auch nicht auf, wie sie gefürchtet hatte; sie hätte es nicht nötig gehabt, sich, als er nun eine Weile stumm blieb, zu verteidigen, sich förmlich zu entschuldigen. Er sah sie freundlich an und sagte nur: »Du hast es gut gemeint, das glaube ich wohl!« –
Als sie vom Park die Treppenstufen zum Ort hinunterstiegen, bot er ihr den Arm. Scheinbar führte er sie, aber sie hatte doch die Empfindung, als sei er es, der der Stütze bedürfe; er ging schwankend. –
Hinter dem Garten des Marchese liegt der Kirchhof von Sestri. Die weißen Marmormonumente leuchteten durch das Abendgrau; gerade über die Parkmauer weg ragten noch die weißen Flügel eines Riesenengels. Käte blickte zurück: wehte es ihnen nicht von dorther nach wie eine Ahnung – oder war es eine Hoffnung?! Sie wußte nicht, ob Wolfgang so empfand wie sie, ob er überhaupt etwas empfand, aber sie drückte seinen Arm fester, und er erwiderte leise diesen Druck. –
In der Nacht nach jenem Abend im Garten der Villa Piuma hörte sie ihn unruhig in seinem Zimmer auf und nieder gehen. Eigentlich hatte sie sich vorgenommen, ihn sich selber zu überlassen – hatte sie sich doch früher allzuviel um ihn gekümmert – aber sie bedachte, daß er noch Patient sei und daß die innere Erregung, in die ihn ihre Erzählung versetzt haben mochte, ihm schaden könnte. Sie wollte bei ihm eintreten, aber seine Tür war verschlossen. Erst auf wiederholtes Klopfen, und als sie ihn inständig bat, ihr zu öffnen, schloß er auf.
»Was willst du?« Es war wieder etwas von dem alten abweisenden Klang in seiner Stimme.
Aber sie ließ sich nicht abschrecken. »Ich dachte, es wäre dir doch vielleicht lieb, noch – nun, noch darüber zu reden,« sagte sie weich.
»Was soll ich tun?!« Er rief’s, rang die Hände und ging wieder mit großen Schritten rastlos im Zimmer auf und ab. »Wenn mir nur einer sagen wollte, was ich jetzt tun soll! Aber das weiß ja keiner! Kann ja auch keiner wissen! Was soll ich tun – was soll ich tun?!«
Bestürzt stand Käte: ach, nun machte er sich solche Gedanken! Sie sah es, er hatte geweint. In sorgendem Mitgefühl hing sie sich an ihn. Was sie lange, ewig lange nicht getan hatte, sie küßte ihn. Und von seinem ›Was soll ich tun?‹ wie von einem gerechten Vorwurf im innersten Herzen erschüttert, bat sie zerknirscht: »Quäle dich nicht! Gräme dich nicht! Wenn du willst, reisen wir hin – wir suchen sie – wir finden sie gewiß!«
Aber er schüttelte den Kopf in heftiger Verneinung und stöhnte: »Das ist ja nun zu spät – viel zu spät! Was soll ich jetzt noch da? Dafür und hierfür« – er machte eine ablehnende Handbewegung – »für alles untauglich! Mutter, Mutter!« Käte mit beiden Armen umschlingend, fiel er schwer vor ihr nieder und preßte das Gesicht in ihr Kleid.
Sie fühlte sein Schluchzen am Zucken seines Körpers, am Krampfen seiner heißen Hände, die ihre Taille umklammerten.
»Wenn ich nur wüßte – meine Mutter – Mutter – ach, Mutter, was soll ich tun?!«
Jetzt weinte er laut heraus, und sie weinte mit ihm in mitleidsvoller Teilnahme. Wenn doch nur Paul hier wäre! Sie selber fand kein tröstendes Wort, sie fühlte sich selber so getroffen, sie glaubte an keine Tröstung mehr. Vor ihr stand eingegraben in großen Lettern, wie Inschriften stehen über Kirchhofstüren, die =eine= peinvolle, qualvolle Frage: ›Wie soll das enden?!‹
* * * * *
Käte überlegte sich: sollte sie an ihren Mann schreiben: ›Komm!‹ –? Wolfgang war entschieden wieder nicht wohl. Er klagte nicht, er sagte nur, er könne nachts nicht schlafen, und das mache ihn so müde. Nun wußte sie nicht, war es seelisches Leiden, das ihm den Schlaf nahm, oder körperliches. Sie war in einer großen inneren Unruhe, aber sie verschob das Schreiben an ihren Mann doch noch. Warum sollte sie ihn herjagen, ihn die weite Reise machen lassen? Hier war doch nichts zu helfen! Daß sie ihn für sich, für sich selber herwünschte, das war ihr noch nicht klar. Sie unterließ sogar ein paar Tage das Schreiben an ihn ganz.
Wolfgang lag viel auf dem Ruhebett in seinem Zimmer, bei geschlossenen Läden; er las nicht einmal. Sie kam oft zu ihm herein, um ihm Gesellschaft zu leisten – er durfte sich nicht vereinsamt fühlen! – aber es schien ihr fast so, als bliebe er ebensogern allein.
Wenn sie nun über ihr Buch hinweg im Halbdunkel des Zimmers verstohlen nach ihm schaute, konnte sie doch wiederum gar nicht denken, daß er so krank sei. Es war wohl mehr die Unlust an sich selber, eine Schlaffheit des Wollens, die ihn auch körperlich so apathisch machte. Wenn sie ihn nur aufrütteln könnte! Sie schlug ihm alles mögliche vor: Wagenfahrten die Küste entlang, zu all den herrlich gelegenen Nachbarorten; Touren hinauf ins Gebirge – es war ja unbegreiflich schön, den höchsten Gipfeln der Apenninen so nah, hinabzublicken in die gesegneten Weintäler der _cinque terre_ – Fahrten auf dem Golf, bei denen unterm regelmäßigen Ruderschlag geübter Schiffer das Schiffchen so sanft trägt, daß man kaum die Entfernung vom Lande merkt und doch bald weit draußen auf hoher See schwimmt, auf diesem himmlisch-blauen klaren Meer, dessen Hauch die Seele befreit. Wollte er nicht fischen – es gab ja so entzückende bunte Fischchen hier, die Signorinen und Trillien, die dumm-gefräßig auf jeden Köder beißen –, wollte er nicht auf Fischadler schießen? Sie quälte ihn förmlich.
Aber er wich ihr immer aus; er wollte nicht. »Ich bin heute wirklich zu müde!«
Da ließ sie den italienischen Arzt holen. Aber Wolfgang war ungehalten: was sollte ihm der Quacksalber? Er war so unliebenswürdig gegen den alten Mann, daß Käte sich förmlich schämte. Nun ließ sie ihn gewähren. Was sollte sie ihm denn Liebes tun, wenn er sich nicht Liebes tun lassen wollte?! Sie verzweifelte an ihm. Es drückte sie unsagbar nieder, daß auch die Reise hierher verfehlt schien – ja, sie war es, mit jedem Tage sah sie das mehr ein. Der Reiz der Neuheit, der ihn während der ersten Tage angeregt hatte, war verflogen; nun war’s wieder wie vordem. Noch schlimmer.
Denn nun schien ihm die Luft nicht mehr zu bekommen. Wenn sie zusammen spazierten, stand er oft still und schöpfte Atem, wie einer, dem das Atmen sauer wird. Es wurde ihr oft ganz ängstlich dabei: »Laß uns umkehren, dir ist wohl nicht gut?!« Aber diese Atembeschwerden gingen doch immer wieder so rasch vorüber, daß sie sich ihrer übertriebenen Fürsorge wegen, mit der sie sich viele Jahre vergällt hatte, schalt.
Aber in einer Nacht bekam er einen neuen Anfall, schlimmer als die andern Anfälle, die er schon zu Hause gehabt hatte.
Es mochte gegen Mitternacht sein, als Käte, die sanft schlief, eingewiegt vom steten Rauschen des Meeres, durch ein Pochen an der Tür, die ihre beiden Zimmer verband, aufgeschreckt wurde. Und durch ein Rufen: »Mutter, ach Mutter!« Jammerte da nicht ein Kind?! Schlaftrunken richtete sie sich auf – da erkannte sie seine Stimme.
»Wolfgang, ja, was ist dir?« Erschrocken warf sie ihren Morgenrock über, schlüpfte in die Samtschuhe, öffnete – da stand er vor ihrer Tür, im Hemde, auf bloßen Füßen, zitterte und stammelte: »Mir ist – so schlecht!« Sah sie mit angstvollen Augen flehend an und fiel, ehe sie noch zufassen konnte, ihn zu halten, schon um.
In ihrer Angst riß Käte fast die Klingel ab. Portier und Zimmermädchen kamen. »An meinen Mann, an meinen Mann depeschieren: ›Komm!‹ Rasch, sofort!«
Als der erschrockene Wirt auch erschien, legten sie den Kranken wieder auf sein zerwühltes Bett; der Portier stürmte zu Telegraphenamt und Arzt, das Zimmermädchen schluchzte. Der Hotelier eilte selber in seinen Keller, um vom ältesten Kognak, vom besten Champagner zu holen. Der junge Mensch tat ihnen allen so unbeschreiblich leid; er schien in einer tiefen Ohnmacht zu liegen.
Käte weinte nicht, wie die gutmütige Person, das Zimmermädchen, dem in einem fort die Tränen über die Backen liefen. Sie hatte zu vieles zu beachten, sie hatte ihre Pflicht zu tun bis zum Schluß. Zum Schluß – jetzt wußte sie’s. Es bedurfte nicht des Kopfschüttelns des Arztes, nicht seines geheimnisvollen Flüsterns mit dem Hotelier. Medikamente wurden aus der Apotheke gebracht; man bettete den Kopf des Erkrankten tiefer, die Füße höher, man machte Kampfereinspritzungen – das Herz ließ sich nicht mehr anpeitschen.
Käte verließ ihn nicht; sie stand dicht an seinem Bett. Glorreich hob sich eben draußen das goldene, unbesiegliche, ewige Licht aus den Wellen, da lallte er noch einmal etwas. Sie beugte sich dicht über ihn, so dicht, wie sie es einstmals über den schlafenden Knaben getan, da es sie gedrängt hatte, ihm Odem von ihrem Odem einzuhauchen, ihn für sich umzubilden, Leben aus ihrem Leben. Nun hatte sie diesen Wunsch nicht mehr. Nun gab sie ihn frei. Und wenn sie sich jetzt so nah zu ihm neigte, so hingebend an seinen Lippen hing, so war es nur, um seinen letzten Wunsch zu vernehmen.
»Mut–ter?!« Es klang so fragend. Weiter sagte er nichts mehr. Er öffnete nur noch einmal die Augen, sah suchend um sich, seufzte und verschied.
* * * * *
Von außen lachte die Sonne herein. Und die Frau, die jetzt am Fenster stand und mit trockenen Augen hinaus in den Glanz sah, in den erquickenden, herrlichen Morgen, der leuchtender war als einer je zuvor, fühlte sich bezwungen von der Kraft der Natur. Die war so groß, so erhaben, so unwiderstehlich – vor der Natur mußte sie sich bewundernd beugen, so umflort auch ihr Blick war. Lange, lange stand Käte sinnend: draußen war das Leben, hier innen war der Tod. Der Tod aber ist der Übel größtes nicht! Mit einem zitternden Aufseufzen wandte sie sich und trat zurück ans Bett: »Gott sei Dank!«
Nun sank sie vor dem Toten in die Kniee, faltete seine kalten Hände und küßte sie.
Sie hörte es nicht, daß leise angepocht wurde.
»Madame!« Das Zimmermädchen steckte den Kopf herein. Und hinter dem Zimmermädchen reckte sich ein Männerkopf.
»Madame!«
Käte hörte nicht.
»Hier ist jemand – der Herr – der Herr ist angekommen!«
»Mein Mann?!«
Schlieben hatte das Mädchen beiseite geschoben und war eingetreten, blaß, hastig, in höchster Erregung: seine Frau, seine arme Frau! Was hatte sie allein durchmachen müssen! Der Junge tot! Man hatte ihn unten damit empfangen, als er ahnungslos ankam, sie beim Morgenkaffee zu überraschen.
»Paul!« Es war ein Aufschrei seligster Überraschung, wahrer Erlösung. Von dem kalten Toten weg flüchtete sie in seine warmen Arme. »Paul, Paul – Wolfgang ist tot!« Nun fand sie Tränen. Nicht endenwollende, strömende und doch so wohltuende Tränen.
All die Bitterkeit schwamm mit ihnen weg, die sie gegen den Sohn in sich getragen hatte, als er noch lebend war. »Armer Junge – unser armer, lieber Junge!« Diese Tränen wuschen ihn rein, so rein, daß er wieder das kleine, unschuldige Jungchen wurde, das im blühenden Heidekraut gelegen und mit blanken Augen in die helle Sonne gelacht hatte. O, hätte sie ihn dagelassen! Diesen Vorwurf, den sie sich selber machen mußte, den wurde sie ja nie wieder los!
»Paul, Paul,« schluchzte sie auf. »Gott sei Dank, daß du da bist! Hast du’s geahnt? Ja, du hast es geahnt! Du weißt, wie schrecklich, wie furchtbar mir zumute ist!« Die gealterte Frau umschlang den gealterten Mann mit noch fast jugendlicher Inbrunst: »Wenn ich dich nicht hätte – ach, das Kind, das arme Kind!«
»Weine nicht so sehr!« Er wollte sie trösten, aber auch ihm liefen die Tränen über das gefurchte Gesicht. Da war er nun hergereist in fliegender Hast, von einer jähen Unruhe getrieben – ihre Briefe waren ja ausgeblieben! – er war gekommen, freudig, um sie zu überraschen, und nun fand er’s so hier?! Er rang nach Fassung.
»Hätt ich ihn dort gelassen – ach, hätt ich ihn dort gelassen!«
Schlieben fühlte seiner Käte die Qual, den Selbstvorwurf nach, aber er wies auf den Toten, dessen Gesicht über dem weißen Hemd seltsam verfeinert, fast edelschön, jung und glatt war und ganz friedvoll, und zog sie mit der andern Hand fester an sich. »Weine nicht! Du hast ihn doch eigentlich erst zum Menschen gemacht – das vergiß nicht!«
»Meinst du –?! Ach, Paul« – in tiefem Schmerz neigte sie das betränte Gesicht – »ich habe ihn dadurch nicht glücklicher gemacht!«
Sie mußte weinen, unaufhaltsam weinen in tiefer Erkenntnis menschlichen Irrens. Zitternd faßte sie ihres Mannes Hände und zog ihn mit sich nieder am Totenbett.
Beider Hände falteten sich vereint über dem verlorenen Sohn. Wie aus einem Munde, in tiefer Reue flüsterten sie:
»Vergib uns unsre Schuld!«
Verlag von =Egon Fleischel & Co. / Berlin W 9=
Romane und Novellen
von
C. Viebig
Einzelausgaben
Kinder der Eifel / Novellen
11. Auflage. Preis geh. M. 3.50; geb. M. 5.–
In diesem Werke der bisher unbekannten Schriftstellerin offenbart sich ein siegreiches Talent, an dem nicht nur die Reife der Lebensanschauung, sondern auch die geschlossene Lebendigkeit der Darstellungskunst überrascht. Das Eifelgebirge und die aparte Natur seiner Bewohner sind mit erstaunlicher Kraft gezeichnet, und das Buch gewinnt dadurch jenen herben Erdgeruch, welcher den meisten Werken moderner Autoren fehlt.
(=Internationale Literaturberichte.=)
Rheinlandstöchter / Roman
11. Auflage. Preis geh. M. 6.–; geb. M. 7.50
Realismus in der Wahrhaftigkeit der Darstellung, Idealismus in der Gesinnung und Denkweise.
(=St. Petersburger Zeitung.=)
Dilettanten des Lebens / Roman
5. Auflage. Preis geh. M. 3.50; geb. M. 5.–
Mit ergreifender Wahrheit malt uns Clara Viebig den Verlauf eines tragischen Geschickes, und sie entfaltet eine bedeutende Kraft und lebensvolle Anschaulichkeit.
(=Norddeutsche Allgemeine Zeitung.=)
Vor Tau und Tag / Novellen
5. Auflage. Preis geh. M. 3.–; geb. M. 4.50
Eine überreiche Skala von Stimmungstönen steht der Verfasserin zur Verfügung, und sie macht ausgiebigsten Gebrauch davon.
(=Neue Preußische (Kreuz-)Zeitung.=)
Es lebe die Kunst / Roman
5. Auflage. Preis geh. M. 6.–; geb. M. 7.50
Was dem Roman einen starken Wert verleiht, ist zuerst sein typischer Gehalt: Er hat den Wert eines Kulturdokuments.
(=Die Nation.=)
Das Weiberdorf / Roman aus der Eifel
26. Auflage. Preis geh. M. 3.50; geb. M. 5.–
Ein Werk, wie es in der Frauenliteratur in gleicher Wucht noch nicht geschrieben worden ist.
(=Tägliche Rundschau.=)
Das tägliche Brot / Roman (Volksausgabe)
20. Auflage. Preis geh. M. 3.–; geb. M. 4.–
Das tägliche Brot ist eine der bedeutendsten sozialen Dichtungen unserer Zeit.
(=Breslauer Zeitung.=)
Die Rosenkranzjungfer / Novellen
8. Auflage. Preis geh. M. 3.–; geb. M. 4.50
Herzbewegend, voll mahnender Anregung sind diese Erzählungen alle, kurz angeschlagene Töne, die lange noch nachklingen in wehmütiger Trauer.
(=Berliner Börsen-Courier.=)
Die Wacht am Rhein / Roman
24. Auflage. Preis geh. M. 6.–; geb. M. 7.50
Es ist ein Buch für das deutsche Volk im höchsten und besten Sinne, ein Buch, das in keinem deutschen Hause fehlen sollte, ein deutscher Roman, wie wir ihn brauchen.
(=Der Tag.=)
Vom Müller-Hannes / Eine Geschichte aus der Eifel
12. Auflage. Preis geh. M. 3.50; geb. M. 5.–
Möchten recht viele den herben Eifelwind einatmen, der durch die Geschichte vom Müller-Hannes weht; er ist erfrischend und gesund.
(=Rheinisch-Westfälische Zeitung.=)
Das schlafende Heer / Roman
26. Auflage. Preis geh. M. 6.–; geb. M. 7.50
Es findet sich unter den deutschen Romandichtern der Gegenwart wohl kaum einer, der mit dieser ungewöhnlichen Kraft der Darstellung noch so viel Anmut und Schönheit verbände.
(=Neue Hamburger Zeitung.=)
Naturgewalten / Neue Geschichten aus der Eifel
12. Auflage. Preis geh. M. 3.50; geb. M. 5.–
Ein herrliches Buch, die »Naturgewalten«! Ein Buch voll wuchtiger Kraft, ein Buch – voll Schönheit.
(=Österreichische Rundschau.=)
Einer Mutter Sohn / Roman
20. Auflage. Preis geh. M. 5.–; geb. M. 6.–
Einer Mutter Sohn ist eine bange Schmerzensklage, ein zitternder Angstruf aus krankem Herzen, die ergreifende Bitte einer irre gegangenen Seele.
(=Frankfurter Zeitung.=)
_Absolvo te!_ / Roman
18. Auflage. Preis geh. M. 5.–; geb. M. 6.–
Das ist ein Roman wie ein Sturm. Ein Föhn der Leidenschaft setzt gleich im Anfang ein und braust mit nie ermüdendem heißem Atem bis zum Schluß.
(=Berner Bund.=)
Das Kreuz im Venn / Roman
17. Auflage. Preis geh. M. 6.–; geb. M. 7.50
Das Venn ist der eigentliche Held des Romanes, und aus dem Blühen der Heide, und der dörrenden Glut der Julisonne, aus dem Brausen des Schneesturms klingt eine Stimme, eindringlicher als Menschenwort, erlauscht von einer feinhörigen, überzeugten Kunst.
(=Berliner Tageblatt.=)
Die heilige Einfalt / Novellen
12. Auflage. Preis geh. M. 3.–; geb. M. 4.–
Diese lautere Glut in einer Zeit, schlapp und bekenntnisfeig wie unsere, sie erzwingt sich Achtung und Bewunderung.
(=Die Zeit, Wien.=)
Die vor den Toren / Roman
16.-21. Tausend. Preis geh. M. 6.–; geb. M. 7.50
Ein groß angelegtes und glänzend durchgeführtes Kulturgemälde, das von einer Fülle scharf individualisierter, lebensechter Typen belebt wird. Es ist nicht bloß ein herbes, sondern auch ein starkes Buch, das jeden Freund einer ernsthaften epischen Kunst zu hoher Bewunderung zwingt.
(=Neues Tagblatt, Stuttgart.=)
Buchdruckerei Roitzsch, Albert Schulze, Roitzsch.
Liste korrigierter Druckfehler
Seite 11, »wennn« durch »wenn« ersetzt (Ja, wenn Käte ein Kind hätte, dann wäre alles gut, ...);
Seite 32, »ererziehen« durch »erziehen« ersetzt (Ich werde es mir erziehen.);
Seite 38, Punkt ergänzt hinter »sollte« (wie sie sich und ihre fünf satt machen sollte.);
Seite 43, Punkt ergänzt hinter »dagegen« (Sie preßte die Hände dagegen.);
Seite 44, »Aste« durch »Äste« ersetzt (... mit mächtigen Hieben ein paar starke Äste zu zerkleinern.);
Seite 58, »auseinandergreissen« durch »auseinandergerissen« ersetzt (... dessen Nebelwand jetzt für Augenblicke durch einen wütenden Windstoß auseinandergerissen ward ...);
Seite 78, Anführungszeichen am Ende der wörtlichen Rede ergänzt (»Nein – um keinen Preis – nein! Nie, nie!«);
Seite 90, Punkt ergänzt hinter »gesammelt« (Oder Kienäpfel in den großen Sack gesammelt.);
Seite 95, »zufllig« durch »zufällig« ersetzt (Hätte nicht zufällig ein Arbeiter den Ranzen entdeckt ...);
Seite 112, Einfaches Anführungszeichen hinter »schon« ergänzt (... Spittelmarcht zehne, die weeß schon‹ – au weih, war mich schlecht!);
Seite 121, »weiß« durch »weißt« ersetzt (Du weißt es ja gar nicht!);
Seite 135, Punkt ergänzt hinter »leid« (... es tat ihm aufrichtig leid.);
Seite 146, »heraußbeißen« durch »herausbeißen« ersetzt (...wie häßlich von den Dienstboten, die andre heraußbeißen zu wollen!);
Seite 168, Punkt ergänzt hinter »riet er« (»Du müßtest mehr lachen,« riet er.)
Seite 220, »Unwikürlich« durch »Unwillkürlich« ersetzt (Unwillkürlich sah Wolfgang nach der Pendüle auf dem Kaminsims ...);
Seite 234, »einen« durch »einem« ersetzt (... und zwei Herren halfen einem dritten heraus.);
Seite 242, »zusamenbeißend« durch »zusammenbeißend« ersetzt (Die Zähne zusammenbeißend, den Ekel zurückdrängend, ...);
Seite 245, »Muter« durch »Mutter« ersetzt (So was kommt vor, das macht jede Mutter durch!);
Seite 252, »eine Zug« durch »ein Zug« ersetzt (... ein Zug von Trotz und Widersetzlichkeit machte sein Gesicht nicht angenehm.);
Seite 258, »er leuchteten« durch »es leuchteten« ersetzt (... es leuchteten wie Glühwürmchen brennende Zigarren auf, ...);
Seite 266, »Mittenacht« durch »Mitternacht« ersetzt (Es war schon weit nach Mitternacht, ...);
Seite 321, »in Zimmer« durch »im Zimmer« ersetzt (... sah er sich nachdenklich im Zimmer um.);
Seite 326, »nierderzuknieen« durch »niederzuknieen« ersetzt (Eine ungeheure Sehnsucht erfaßte Wolfgang, auch hier niederzuknieen.).
Seite 334, »inere« durch »innere« ersetzt (... und daß die innere Erregung, ...).