Chapter 1 of 4 · 3972 words · ~20 min read

Part 1

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[Illustration: Cover]

Rein / Auf der Heidecksburg

Thüringer Heimatbücher

Veröffentlichungen des Thüringer Heimatbundes

Band 3

Berthold Rein

Auf der Heidecksburg

[Illustration]

1·9·2·6

Der Greifenverlag zu Rudolstadt (Thür.)

Berthold Rein

Auf der Heidecksburg

[Illustration]

1·9·2·6

Der Greifenverlag zu Rudolstadt (Thür.)

Ausstattung von Willi Geißler

»Rudolstadt ist eine der schönern und sehr schönen Gegenden Deutschlands; ich habe es in allen Jahreszeiten gesehen.«

Wilhelm von Humboldt, 2. Januar 1827

Alle Rechte vorbehalten. Copyright by Greifenverlag Rudolstadt 1926. Gedruckt von Mänicke & Jahn A.-G., Rudolstadt, in der Ehmcke-Fraktur. Buchbinderarbeit ebenfalls von dort.

[Illustration: Heidecksburg]

Vorwort

Wissenschaftlich oder künstlerisch aufmerksame Besucher von nah und fern stellen nicht selten Fragen nach Personen, Örtlichkeiten, Geschichts- oder Kunstdenkmälern auf der Heidecksburg. Die Heimatkunde vermochte bisher wohl allgemeine Auskunft zu erteilen, das Schloß mit seinen geistigen Beziehungen war aber doch nur wenig in der Öffentlichkeit bekannt geworden.

Wenn auch die Fürstin Elisabeth zur Lippe bei ihren Lieblingsstudien in Familien- und Kunstgeschichte vieles festgestellt hatte, so ging das doch nur selten über die Zeiten ihrer persönlichen Erinnerungen zurück. Mehreren Hofbeamten hatten die Pflichten ihres Dienstes nahegelegt, sich um die historische Bedeutung einzelner der ihrer Obhut anvertrauten Schätze zu bekümmern. Dankbar erkenne ich diese Vorarbeiten an.

Seit mir die Aufgabe zufiel, zuerst im Auftrag der Güntherstiftung und dann im Dienst der Thüringischen Regierung, die Sammlungen der Heidecksburg zu beaufsichtigen und an ihrer Erhaltung zu tun, was unter den trüben Verhältnissen der Gegenwart möglich ist, trafen oft Anfragen von wissenschaftlichen Anstalten, Kunstvereinen und Gelehrten aus dem In- und Auslande ein, die ohne genauere Kenntnis der Archivakten nicht zu beantworten waren. Deshalb war es nötig, planmäßig zunächst im Staatsarchiv alles zu suchen, was Aufschluß über die Kunstwerke geben konnte, dann aber auch in Verbindung mit der Verwaltung anderer Schlösser und Archive zu treten. So ist es jetzt zum Beispiel möglich, von dem Ende des sechzehnten bis zur Mitte des neunzehnten Jahrhunderts 56 Maler zu unterscheiden, deren Werke vorhanden waren oder sind und in Beziehung zur thüringischen oder auch deutschen Kunstgeschichte stehen. Mit Architektur, Bildhauerei und Kunstgewerbe verhält es sich ähnlich.

Aus dem, was von den Ergebnissen dieser Arbeit zunächst vielleicht die Aufmerksamkeit eines größeren Leserkreises erwarten kann, lege ich hiermit eine kleine Auswahl vor.

Daß mich dabei Liebe zur Heimat geleitet hat, hoffe ich nicht besonders versichern zu müssen. Aus der Bekanntschaft mit der Vergangenheit kann für die Zukunft treue Erinnerung hervorgehen.

Der Verwaltung des Staatsarchivs bin ich für nie ermüdende Geduld und dem Greifenverlag für unbekümmerten Wagemut zu großem Danke verpflichtet.

Rudolstadt, Ostern 1926.

Dr. Berthold Rein.

Frühgeschichte der Burg

Im Jahre 640 gründete der Herzog Rudolf von Thüringen auf einem felsigen Berge das Haus Rudolstadt. So behauptet die Sage.

Eine Urkunde aus dem Anfang des neunten Jahrhunderts verzeichnet unter den Gütern des Klosters Hersfeld den Ort Rudolstadt und meldet, daß dort auch Slawen wohnen.

Den unstet wandernden Viehzüchtern der sorbischen Stämme war an der Saale Halt geboten worden. Einzelnen von ihnen, die sich zu seßhaftem Leben entschlossen, räumten die deutschen Ackerbauer Wohnplätze neben ihren eigenen Gütern ein, wo sie als Viehknechte gute Dienste leisteten.

Eine lange Burgenkette von Eichicht bis Naumburg sicherte die Grenze, Burgvögte sorgten für Ordnung ringsum und erweiterten ihre Gebiete allmählich ostwärts über die Saale. Das feste Haus Rudolstadt lag dem Waldland der Heide gegenüber und mag davon seinen Namen empfangen haben.

In der Zeit um 900 vermachte ein Rudolstädter namens Bikko dem Kloster Fulda eine Schenkung, vermutlich das Fischerstal im Norden des Hains, das noch im achtzehnten Jahrhundert das Fuldental heißt.

Urkunden des dreizehnten Jahrhunderts nennen als Zeugen für Verträge drei Pfarrer, Bruno, Heinrich und Hermann, von Radolvestat. Die Umgegend war bereits reich besiedelt, wie die vielen Dorfnamen im Tal und auf den Nachbarhöhen beweisen.

Aus Burgvögten, die ihren Amtssitz auf den festen Häusern hatten, wurden allmählich erbliche Burgherren als Lehensleute höherer Machthaber, der Thüringer Landgrafen. Da Geldverkehr im Mittelalter spärlich war, traten bei Unternehmungen, die größere Summen erforderten, Verpfändungen oder Verkäufe auf Wiederkauf von Landbesitz ein, und so hören wir, daß auch Haus und Stadt Rudolstadt wiederholt aus einer Hand in die andere gingen.

Am 29. November 1264 überließ der Graf Hermann von Orlamünde dem Erzbischof Ruprecht von Magdeburg sein gesamtes Eigentum, dabei auch Rudolstadt mit zwei Schlössern. Diese, das »niedere« und das »hohe« Haus, wechselten nach der Zeit mehrfach ihre Besitzer aus den Reihen der Orlamünder und der Schwarzburger Grafen, die benachbart und untereinander verschwägert waren.

Die Schwarzburger Günther und Heinrich gaben am 20. Februar 1306 Rudolstadt, das niedere Haus und alles, was dazu gehörte, für neuntehalbhundert Mark dem Orlamünder Otto in Zahlung. Aber schon am 21. Januar 1334 gingen das obere und das untere Haus samt den damit verbundenen Stadtteilen in die Verwaltung Heinrichs X. von Schwarzburg über, und nach dessen Tode fiel 1340 Rudolstadt mit dem orlamündischen Erbe an seine Söhne, die Grafen Heinrich XII. und Günther XXV. Seitdem ist es schwarzburgisch geblieben.

Während der Fastenzeit 1345 drang im Thüringischen Grafenkrieg ein Heereshaufe Landgraf Friedrich des Ernsthaften in Rudolstadt ein, plünderte und brannte es nieder, dabei gingen auch das Rathaus und die beiden Schlösser in Flammen auf.

Wo das niedere Haus, die untere Burg, gestanden hat, läßt sich erschließen. Die Grenzen der Grundstücke und der alte Schloßweg geben den Hinweis dazu. Dieser, der heutige Schloßaufgang VI, in mehreren Jahrhunderten wiederholt erweitert, trägt die Merkmale eines mittelalterlichen Burgwegs und hat vor der Stelle, wo heute das Torgebäude steht, scharf nach rechts umgebogen, um über den Felsen die spitze Bergecke zu erreichen, die jetzt vom Schloßgarten verdeckt wird.

Hier, von dieser schmalen Felsrippe aus, konnte die Burg über die weite Saalaue und das enge Tal des Wüstenbaches die Wache halten. Als ihre Zeit vorüber war, lagen die Trümmer noch lange umher. Graf Wolrad von Waldeck besuchte sie 1548 als Sehenswürdigkeit, und nachdem sie bereits in den gewaltigen Mauern der Schloßgartenterrassen aufgegangen waren, hieß eine Stelle am Südabhang 1669 noch »unter der alten Burg«.

Unmittelbar am Fuße der steilen Höhe schob sich der Pfaffenhügel flach gegen die Talsohle vor. Er trug die Kapelle Sankt Andreas, den Mittelpunkt der deutsch-sorbischen Altstadt. Diese lief am Ufer des Wüstenbaches entlang und dehnte sich um drei Gutshöfe schließlich bis zur heutigen Brückengasse aus.

Das obere Haus stand eine Felsstufe höher, am Ostende des heutigen Schloßhofes. Der Fahrweg zu dieser Burg zweigte an der Krümmung des älteren Burgwegs ab, lief dann noch ein Stück am Südabhang des Berges weiter und bog schließlich scharf und steil nach rechts um. Seine letzte Strecke im heutigen Schloßtunnel erinnert noch an mittelalterliche Wegeführung und an die Leistungen, die man früher, namentlich mit schwerem Fuhrwerk, Menschen und Tieren zumutete. Die Baustelle dieser oberen Burg hat wiederholt tiefgreifende Veränderungen erfahren, zuletzt im Jahre 1823 durch Anlage der Terrassenbauten, die mit Treppen und Reitwegen zum Schloßgarten hinunterführen.

Das obere feste Haus, auch noch von den Orlamündern gebaut, schirmte die deutsche Stadt unmittelbar am Südfuße des Schloßberges. Ihre älteste Hauptstraße, die heutige Stiftsgasse und Kirchgasse, begann am Alten Tore vor dem Hause Stiftsgasse 44 und endete an der Stadtmauer bei der Kleinen Badergasse. Erst im Kampfe mit der Saale wuchs die Stadt nach Süden zu in die Breite. Ihr Gotteshaus war die Kapelle »Sente Elißabeth gelegin uff dem Martte«, an der Ecke der Ratsgasse.

Das Leben der Burggrafen spielte sich durchaus nicht immer in der engsten Heimat ab. Landespolizei auszuüben und Güter zu verwalten überließen sie daheim ihren Beamten, während sie selbst Einkünfte und Ehren im Dienste größerer Herren suchten.

Von Heinrich X. hören wir, er war Kriegsrat Kaiser Ludwigs des Bayern und erwarb sich Verdienste in den Kämpfen des Deutschen Ritterordens gegen die Polen. Einen Bau auf dem oberen Hause in Rudolstadt ließ er aufführen. Sein Bruder war Günther zu Blankenburg, der als Deutscher König 1349 in Frankfurt an Main starb.

Heinrich XII. begleitete den Gegner seines Oheims, Karl IV., auf dessen Krönungszuge nach Mailand und Rom. Sein eigentlicher Wohnsitz war Sondershausen, während sein Bruder Günther in Arnstadt residierte. Beide bezogen aber auch zeitweise die Heidecksburg.

Günther XXVIII. erbte zwar Rudolstadt, wohnte aber auf Ranis. Sein Amt als kaiserlicher Hofrichter führte ihn oft in die Ferne, so 1414–1417 auf das Konzil zu Konstanz, wo er starb.

Heinrich XXIV. hielt nur vorübergehend auf dem Hause Rudolstadt Hof. Er war, wie sein Bruder Günther, der Erzbischof von Magdeburg, zunächst Priester geworden, verließ aber den geistlichen Stand, um das schwarzburgische Erbe anzutreten, und zeigte dann erst seine wahre Natur als streitbarer Held. Sechs Feldzüge gegen die Hussiten führte er als Amtmann im Vogtland.

Heinrich XXVI. verschrieb seiner Gemahlin Elisabeth von Cleve Schloß und Stadt Rudolstadt als Witwensitz. Er ließ 1434–1448 ein neues Schloß mit drei Flügeln aufführen. Die Nordwand des heutigen Marstalles mit dem turmartigen runden Vorsprunge kann aus dieser Bauzeit stammen.

Vier Söhne Heinrichs XXVI., die den Namen Heinrich trugen, wurden Geistliche. Der älteste von ihnen starb als Erzbischof von Bremen in Münster, der zweite war Provisor des Eichsfeldes und endete als fehdelustiger Kämpe in Bremen. Der dritte liegt als Dompropst in der Stiftskirche von Hildesheim begraben, und der vierte starb als Subdiakonus in Straßburg. Drei andere Söhne erhielten den Namen Günther und führten das weltliche Regiment in der Heimat fort.

Der älteste von ihnen, Günther XXXVI., trat von Rudolstadt aus seine Palästinafahrt mit dem sächsischen Adel an, zog sich dann auf die Heidecksburg zurück und starb hier 1503.

Günther XXXVIII. war 1450 in Rudolstadt geboren, hielt sich jedoch bald von der Heimat fern. Der jüngste, Günther XXXIX., bekleidete das Amt eines Statthalters von Bremen, erbte dann aber die schwarzburgische Herrschaft und erhielt 1518 zu Augsburg von Kaiser Maximilian die Bestätigung seiner Würden und Rechte. Mit sächsischer Hilfe schlug er 1525 den Bauernaufstand bei Stadtilm nieder. Er wird als demütig und leutselig gerühmt im Verkehr mit seinen Untertanen. Zur Reformation konnte er sich nicht verstehen, da er jeder Neuerung abhold blieb.

[Illustration: Torhaus]

Sein Sohn Heinrich XXXII. hatte die fromme und sanfte Natur des Vaters geerbt, doch erzeugte seine Neigung zur evangelischen Lehre ein tiefes Zerwürfnis zwischen beiden und wurde die Ursache, daß er in eine Art Verbannung von Arnstadt nach Rudolstadt ziehen mußte. Hier durfte er sich, ohne daß es der Öffentlichkeit auffiel, Privatgottesdienst nach der neuen Form in der Andreaskirche einrichten. Als sein Vater starb, zog er nach Arnstadt zurück und ließ der Reformation freien Lauf bis zu seinem Tode 1538. In dem Ehevertrag hatte er seiner Gemahlin die Ämter Rudolstadt und Blankenburg gesichert für den Witwenfall. Das Haus Blankenburg, der Greifenstein, war ganz baufällig, das Haus Rudolstadt hatte nur Umbauten nötig. Die Erinnerungen an drei gute Jahre ihrer jungen Ehe zogen nun die junge Witwe hierher.

Katharina die Heldenmütige 1509–1567

Noch nicht sechzehn Jahre alt hatte sie die Henneberger Heimat verlassen, um dem Schwarzburger zu folgen, mit siebzehn Jahren war sie Mutter geworden, nun mußte sie als neunundzwanzigjährige Witwe ihr Schicksal selbst lenken. Zwei Töchter waren ihr am Leben geblieben, ein Kind erwartete sie. Warmes Herz, klarer Blick und kräftige Hand standen ihr zu Gebote.

Das Bild Katharinas würde wohl in dem Dämmerschein der Vergangenheit verblaßt sein, wenn nicht Schillers Aufsatz vom Frühstück auf dem Schlosse zu Rudolstadt es wieder an das Licht gerückt hätte. Der einzige ursprüngliche Zeuge für die seltsame Begebenheit ist Cyriacus Spangenberg, einer ihrer vielen Schützlinge. Sein Werk »Adelsspiegel« war schon für Schiller nicht erreichbar und wird heute sehr selten sein. Deshalb lohnt es sich vielleicht, sein Zeugnis im Wortlaut wiederzugeben.

»Hierbei will ich nur noch eine mannlich beherzte Tat einer deutschen Fürstin erzählen, wie ich die aus derselben eigen Munde Anno 1552 gehöret.

Im Schmalkaldischen Kriege 1547 hat sichs zugetragen, als Kaiser Karl wieder aus Sachsen durch Thüringen nach dem Franken- und Schwabenland gezogen, mit den beiden gefangenen Fürsten, Herzog Johann Friedrich, Kurfürst zu Sachsen, und Landgraf Philipp zu Hessen, daß die Gräfin von Schwarzburg auf Rudolstadt, Frau Katharina, geborne Fürstin von Henneberg, Witwe, für ihre armen Untertanen Salvaguardien ausgebracht, damit dieselbigen an Viehe und Gütern für den durchziehenden Kriegsvolk unbeschädigt bleiben möchten. Hat dagegen sich erboten, damit auch das Städtlein Rudolstadt unbeschweret bleiben möchte, um ziemliche Bezahlung Brot und andere Speis und Trank heraus an die Saalbrücke zur Notdurft zu verschaffen, wie denn auch geschehen. Doch hat sie die Brücke einen guten Weg weiter von dem gewöhnlichen Ort vom Städtlein am Wasser hinab über die Saale schlagen lassen. Mittlerweile haben ihre armen Leute, was ihnen sonst lieb, aufs Schloß Rudolstadt aus dem Wege geflöhet. Und haben im Vorüberzuge Herzog Heinrich von Braunschweig beneben seinen Söhnen und der Duc de Alba an gedachte Gräfin werben lassen, das Morgenbrot bei ihr zu nehmen. Darauf sie zur Antwort geben, daß sie mit ihren Personen wohl zufrieden wäre, hätte aber ein schlecht gering und ungebauet Haus, darauf jetzigerzeit viel schwangere Weiber, Sechswöchnerinnen und Kinder von ihren Untertanen aus Furcht gewichen, wollte aber für sie wohl Raum finden und gerne mitteilen, was das Haus vermöchte. Doch darneben gebeten haben, damit fürlieb zu nehmen und auch die Verschaffung zu tun, daß ihre armen Leute der ausgebrachten Salvaguardi genießen möchten. Hat aber insonderheit den Herzog von Braunschweig durch einen ihrer Gesandten, der sie auf das Schloß bringen sollte, bitten lassen, ihre Gelegenheit und Zustand als einer Witwe zu bedenken und daran zu sein, daß nicht zuviel Gesindes mit aufs Haus kommen, noch sie, derweil sie sich diesmal so eilend keiner Gäste versehen, zu hoch überladen werden möchte. Wollte sie die Herren gerne haben und ihnen tun, was ihr Vermögen, doch dem Gesinde, so sie mitbringen würden, im Städtlein auch ihre Notdurft verschaffen.

Hierauf gedachte Herren zu ihr auf das Haus kommen, denen sie auf eine Eile ziemliche gute Ausrichtung getan. Sie hat aber, alsbald ihr der Fürsten Zukunft zuentboten worden, ihre Junker in der Nähe eilends zu sich beschieden, beneben etlichen Schultheißen, wiewohl der Junker allbereit viel bei ihr auf dem Hause, dahin sie denn auch ihr Weib und Kinder geflöhet gehabt, gewesen. Unter der Mahlzeit aber kömmt ihr die Botschaft, daß die Spanier ungeachtet der Salvaguardien in etlichen Dörfern ihren armen Leuten das Viehe mit Gewalt genommen und mit sich davon getrieben, welches sie gar heftig bewegt, wie sie dann auch ein großmütiges Weib gewesen. Derwegen alsbald allen, die bei ihr auf dem Hause gewest, heimlich befohlen, sich mit ihrer besten Rüstung und Wehre gefaßt zu machen und auf der Fürsten Gesindlein Achtung zu geben, daß keins aus dem Hause komme, und derenwegen Tor und Pforten wohl in acht zu nehmen. Ist darnach wieder zu den Fürsten in das Gemach, da sie Mahlzeit gehalten, gangen und ihnen mit bewegtem Gemüt geklagt, wie es ihr und ihren armen Leuten ergehe über gegebene Sicherung. Dessen die Herren denn freundlich gelacht, sie heißen zufrieden sein und gesagt, daß in dergleichen Zügen ein solches nicht allerdinge noch allezeit so gar könnte verkommen werden. Darüber sie bei ihr selbst unmutig worden und begehret, sie wollten daran sein, daß ihre armen Leute ihr Viehe wieder bekommen möchten, oder es müßte Fürstenblut gelten für Ochsenblut. Welche Rede die Herren erstlich in Scherz geschlagen und sie vertröstet zu versuchen, das abgetriebene Viehe, wo nicht alles doch einsteils wieder zu bekommen. Damit sie aber nicht zufrieden gewesen, sondern begehret, alsbald dran zu sein, daß ihren armen Untertanen ihr Viehe wieder werden müßte.

Da sie nun einen aus ihrem Mittel hienach senden wollen, das Viehe wieder zurückzubringen, hat sie befahret, es möchte derselbige dieses ihr angefangenes ernstes Werk und harte Wort dergestalt und mit solcher Unbescheidenheit bei andern fürbringen, daß beide ihr und ihren armen Leuten ein Argers draus entstehen möchte, und derentwegen nicht zugeben wollen, daß der Herren einer oder auch jemand von ihrem Gesinde abgesandt würde, sondern darauf gedrungen, schriftlich das Viehe wieder abzufordern, wollte sie von den Ihren etliche darzu abfertigen. Und hat auch mit angehänget, daß ihr keiner von dem Hause kommen sollte, sie wüßte dann gewiß, daß sie ihr Viehe wiederbekäme. Und im Fall, daß darüber etwas Gewaltsames von ihnen sollte fürgenommen werden, sollte ihr keiner lebendig vom Hause hinwegkommen. Und hat darauf ihre gewappneten Leute ins Gemach mit ihren Wehren hereintreten und allda aufwarten heißen, dessen denn der Duc de Alba nicht ein wenig erschrocken. Der Herzog von Braunschweig aber sich nichts merken lassen, sondern solches alles ihr zum besten gedeutet als einer solchen Landesmutter, die sich ihrer armen Leute billich mit Ernst annehmen und die nicht gerne verderbt wissen wollte, sie freundlich angeredet, sie sollte sich zufrieden stellen, es sollte der Sachen bald Rat geschafft werden. Und beneben dem Duc de Alba ein kurz ernstliches Schriftlein mit ihrem Handsigill gefertigt mit Anzeigung, was für Gefahr denen darauf stehen würde, so wider gegebene Salvaguardi das Viehe abgetrieben. Und haben solchen Zettel der Gräfin auf ihr Begehren zum besten zu bestellen übergeben, welchen sie denn auch durch die Ihrigen eilend abgefertigt. Aber die Herren nicht weglassen wollen, bis einer schnell zurück kommen und die Botschaft bracht, daß den Bauern ihr Viehe wieder worden. Darauf sie den Fürsten zum höchsten gedankt, dieselbigen ihr aber bei ihren fürstlichen Ehren zusagen und versichern müssen, solches, was sie aus dringender Not tun müssen, weder an ihr noch den Ihren zu eifern noch zu rächen. Und hat Herzog Heinrich dieses ernsten Scherzens darnach wohl lachen müssen, auch die Gräfin darum gelobet. Und sind also endlichen mit Frieden in gutem voneinander geschieden.«

Bald nach jenem Ereignis sollte die unerschrockene Frau Gelegenheit haben, als Beschützerin des evangelischen Bekenntnisses dem Willen des fanatischen Kaisers selbst zu trotzen. Heimatschriftsteller des siebzehnten und achtzehnten Jahrhunderts erzählen gern davon.

Der Saalfelder Pfarrer Kaspar Aquila, ein tätiger Gehilfe Luthers bei der Bibelübersetzung, war gegen das Augsburger Interim aufgetreten und wurde bei Karl V. verklagt, so daß dieser eine Prämie von 5000 Gulden auf seinen Kopf setzte. Die Saalfelder ersuchten die Gräfin, den Bedrohten auf einige Zeit in Verwahrung zu nehmen. Sie ließ einen Kutschwagen bis vor Saalfeld fahren. Der Magistrat holte den standhaften Prediger in seinem Hause ab und begleitete ihn durch das Blankenburger Tor.

»Als die Frau Superintendentin damals beim Schießteiche ihre Tücher und Bettgewand gewaschen, erschrickt sie heftig über solchen Aufzug und fragt mit bestürztem Gemüte: Ei, daß Gott walte, wo wollt ihr meinen lieben Herrn hinführen? Darauf er sie mit den Armen umfangen und ihr mit folgenden Worten einen Kuß gegeben: Liebe Hausmutter, gehab dich mit den Kindern wohl! Bittet Gott für mich und gebet mir fleißig acht aufs Häusel! Darauf steiget der Herr Superintendent in Gottes Namen auf den Wagen und fähret geschwind fort auf den Hain zu.

Zur Losung hatte die Gräfin dem Kutscher ein weißes Tuch mitgegeben, damit er es, wenn er nahe an das Schloß komme, zu einem Zeichen auswerfen sollte. Als solches geschehen, verschickte die Gräfin all ihr Hofgesinde hin und wieder in die Stadt, bis auf einen Einzigen, ihren Schneider, und logiert Herrn Aquilam in aller Stille in einem Oberstüblein. Hat die teure Wohltäterin über der Tafel etwas Köstliches gehabt, hat sie dieses gesagt: Gehe hin und bringe mir das dem kranken Mann! Da denn mehrgedachter Schneider schon gewußt, wem solch Essen zugehöre.

Wenn die Gräfin zu gewissen Zeiten den Aquilam in seinem Stüblein besucht und denselben gefragt: Herr Aquila, wie stehts, was macht Ihr Gutes? hat er geantwortet: Gnädige Fürstin und Frau, da sitze ich und lese in meinem Psalterbüchlein die Worte: Deine Kinder werden um deinen Tisch sitzen wie die Ölzweige! Da fällt mir ein Zähren nach dem andern auf die Bibel.

Als nun die Gräfin gedacht, sie vermöchte als eine Witwe den Aquilam nicht länger bei sich behalten, hat sie an ihre Herren Brüder geschrieben und sie gebeten, daß sie doch den Aquilam zu sich in Verwahrung nehmen und von ihr abfordern lassen wollten.«

Lorenz Ritter, Poet und Priester in Blankenburg, besang die Gräfin:

~Sic Aquilam texit, qui propter dogmata Christi, Non, sibi commissa, tutus in orbe fuit, Sic alios etiam defendit saepe fideles Constantesque viros. En pietatis opus!~

So hat sie den Aquila beschützt, der wegen der Lehre Christi, die ihm anvertraut war, in der Heimat nicht sicher lebte, Ebenso verteidigte sie auch oft getreue und standhafte Männer. Sehet, welch ein Werk der Frömmigkeit!

Über die Lebensereignisse und die Geistesart der heldenmütigen Frau ist manches aus den Archiven bekannt geworden, manches wird noch darin schlummern. Als Landesherrin bestand sie herzhaft auf ihren Rechten gegenüber Gebietsnachbarn, die gar nicht immer ritterlich gegen sie handelten. Dann fand sie aber bei den sächsischen Herzögen, voran bei Johann Friedrich dem Großmütigen, gute Obervormundschaft. Freimütig wie in Alltagsfragen verhielt sie sich in ihrem Bekenntnis zur Reformation, was gar nicht immer leicht war, zumal geistliche und weltliche Rücksichten zu ihrer Zeit noch vielfach ungeklärt einander durchkreuzten.

Die Schwarzburgischen Besitzungen verursachten leicht Verdrießlichkeiten, da Nutzungsrechte der Verwandten an Bergwerk, Weinwachs, Jagd und Fischfang auf gemeinsamen Gebieten nebeneinander liefen. Sie verteidigte dann diplomatisch klug die Ansprüche ihrer Kinder, nicht ohne zartes Gefühl für Billigkeit.

Die Verwaltung ihrer Ämter Blankenburg und Rudolstadt nahm sie in die Hand wie die Herrin eines großen Gutes, und sie griff zu, lenkte selbst und sah persönlich nach dem Rechten.

Verlobungs- und Ehefragen ihrer Töchter erforderten feinen Takt, und sie bewies ihn in mütterlicher Liebe wie in vorbildlichem Verhalten ihren Schwiegersöhnen gegenüber, deren feinsinnigster, Graf Wolrad von Waldeck, ihr in seinem Tagebuch ein rührendes Denkmal setzte.

Wissenschaft und Kunst haben schon Verlangen gehabt, etwas von der äußeren Erscheinung der Gräfin zu erfahren. Ein Bild von ihr ist nicht aufzufinden, und sollte es noch vorhanden sein, nicht mehr nachzuweisen.

So bleiben als Äußerungen ihres Geistes ihre Briefe übrig. Katharina führte eine gewandte Feder, versäumte keine höfische Form, ließ aber darunter ihr Gemüt nicht ersticken, und ihre hennebergische Mundart klingt heimelig hindurch, auch der Goldglanz des Humors schimmert zwischen den Zeilen.

Bilder von der Szene Fürstenblut für Ochsenblut! sind entstanden in der Zeit, da man historisch-theatralisch malte, aber unser nüchternes Urteil sucht Wahrheit. Auch die Dichtung hat sich mit dem Vorgang beschäftigt und tut das heute noch, aber fern von Wahrscheinlichkeit.

Freunde der Graphologie mögen die Schriftzüge deuten, auch wenn sie hier nur stark verkleinert zu bringen sind. Sie bilden den Schluß eines Briefes an ihren Bruder.

[Illustration]

Euer Liebden treue schwester Catarina etc.

Nur zu einer allgemeinen Vorstellung von der Gestalt der Gegnerin Albas kann uns das verhelfen, was man 1875 vorfand, als ihr Grab in der Stadtkirche aufgedeckt wurde. Ihre Größe betrug nicht ganz 1,70 Meter, und ihre Ringe, Weite 17, entsprechen einer kräftigen Frauenhand. Es sind drei fadendünne Reifen, zwei aus Silber, einer aus Gold, die samt Resten von brauner Seide und gemustertem Sammet in der Heidecksburg als Reliquie aufbewahrt werden.

* * * * *

Im Jahre 1572 erbte Graf Albrecht VII. die Ämter Rudolstadt und Blankenburg, er wurde in der Folge Stifter der Linie Schwarzburg-Rudolstadt und Stammvater dieses Fürstenhauses. Kaum hatte er seine Residenz bezogen, als am 27. März 1573 das Schloß niederbrannte. In seiner Jugend hatte er auf deutschen und italienischen Universitäten studiert, dann am Hofe des Prinzen Wilhelm von Oranien gelebt und Kriegsdienste bei dem Könige von Dänemark genommen. Was er dabei an Schloßbauten als schön und zweckmäßig kennengelernt hatte, wird ihm nun bei dem Neubau seines Hauses vorgeschwebt haben. Schon nach drei Jahren konnte er die Gräfin Juliane von Nassau, die Schwester des Oraniers, als Herrin in sein neues Heim einführen. Auch seine zweite Ehe mit der reichbegüterten und heiteren Pfälzerin Elisabeth von Leiningen-Westerburg wird nicht ohne Einfluß auf die Ausstattung der Heidecksburg geblieben sein.

Bauteile dieser Periode dürften in den Untergeschossen des heutigen Südflügels und Westflügels zu suchen sein, und was von Schmuckformen die Zeit und neue Schadenfeuer überdauerte, fand pietätvolle Verwendung, so die schöne Portalumrahmung mit den fünf Statuen der Fürstentugenden vor dem Doppeleingang des Nordflügels.

Die Bautätigkeit Albrechts VII. setzten seine Söhne fort. Unter Graf Karl Günther wird das Reithaus die Form angenommen haben, die es noch heute im wesentlichen zeigt. Auch das Gebäude der Landesschule, heute Landesbibliothek, war sein Werk. Nicht unerwähnt soll bleiben, daß der Pädagog Wolfgang Ratich in Karl Günthers Schloß Aufnahme fand als Lehrer bei den Sprachstudien seiner Gemahlin Anna Sophie, einer geborenen Prinzessin von Anhalt.