Chapter 4 of 4 · 2695 words · ~13 min read

Part 4

Die großen Bildnisse Johann Friedrichs und Bernhardines beherrschen den Raum. Diese, wie die sechs Gesellschaftsstücke über den Türen sind Werke des Malers Johann Ernst Heinsius, geboren in Ilmenau, gestorben 1795 als Hofmaler in Weimar. Eine glänzende Monographie von Oulmont, Paris 1913, behandelt ihn, bedarf aber von Grund auf der Nachprüfung und Richtigstellung. Die beiden Bilder des Fürstenpaares sind in Lebensgröße ausgeführt.

Die Prunksucht des Sonnenkönigs hatte den Ton angeschlagen. Die Macht der französischen Mode übertrug dann die Pose und den ganzen malerischen Apparat als Ausdruck für Souveränität auf die Fürstenbilder von Europa.

Das Bild Johann Friedrichs zeigt eine kräftige Mannesgestalt. Die gebräunten Züge werden durch gepudertes Haar und weiße Halsbinde stark hervorgehoben. Roter Rockkragen, blaues Ordensband, glänzender Harnisch, dunkelroter Sammetmantel, hermelingefüttert, schwarzblauer Rock mit Spitzenmanschetten, Goldbrokat am Rockschoß, weiße Hose, schwarze Reiterstiefel mit blitzenden Sporen! Auch Kämmerer empfindet: Das Auge wird in Unruhe versetzt, es irrt umher, ohne das Ganze zu fassen, bis es endlich sich auf das Gesicht allein heftet. Der weite Mantel mit schweren Falten verleiht der Gestalt Breite und Wucht. Die Linke deutet auf den ritterlichen Helm, die Rechte führt den Kommandostab. Der silbergraue Tisch hebt sich mit funkelndem Widerschein von den Schattenflächen ab. Als Umrahmung dient der ganzen Erscheinung eine dunkle Säule und ein grünblauer schwerer Vorhang, der die Fernsicht auf rötlichgrauen Himmel und hellgrüne Landschaft einfaßt. Gern kehrt das Auge auf das gemütvolle deutsche Gesicht zurück, auf den frischen Blick und die gütigen Mienen eines fürsorglichen Landesherrn. Wenn die Chronik von ihm schwiege, seine Bildungsanstalten und Staatseinrichtungen eingingen, und deutsche Kunst- und Wissenschaftsgeschichte nicht mehr von ihm berichteten, so würde dieses Bild sein Denkmal sein: er war seinem Lande und seinem Hause ein Vorbild im Tun und im Dulden.

Klugheit und Stolz spricht aus den Zügen seiner Gemahlin, Feinheit und Anmut aus Haltung und Bewegung, gerade weil das schwere Kostüm einen starken Gegensatz dazu bedeutet. Das gepuderte Haar, der leichte Federstutz, der Brillantschmuck in den Ohrgehängen und im Kollier erhöhen den Reiz der zierlichen Mienen. Mieder und breiter Rock, graublau mit schwerer Brokatstickerei, rotes Ordensband, roter Mantel mit weißem Pelz bestimmen die malerische Wirkung. Die linke Hand greift anmutig nach dem Mantelsaum, die rechte weist auf den Herzogshut hin. Ein Säulengang mit schwerer Draperie und einer Urne öffnet den Fernblick auf einen weiten, zarten Himmel. Kaum dreizehn Jahre hatte die Fürstin an der Seite ihres Gemahls gestanden, als sie im Alter von dreiunddreißig Jahren aus dem Leben abgerufen wurde. Auch ihr Bild bleibt eine sprechende Urkunde, wenn ihr Name nicht mehr an den Stätten genannt wird, wo ihr Kunstsinn und ihre Fürsorge gewaltet haben.

Aus den sechs Gesellschaftsstücken über den Türen spricht ebenfalls unmittelbares Leben. Sie sind offensichtlich nicht Atelierkompositionen nach Modellen, die der Künstler ausgewählt und in die von ihm beabsichtigte Haltung gebracht hat, sondern Porträtgruppen, die sich ihm ungekünstelt boten im Verkehr am fürstlichen Hofe. Als Zeit kommt das Jahr 1765–1766 in Betracht. Die älteste Tochter Johann Friedrichs, Friderike, war jung vermählt mit dem späteren Fürsten Friedrich Karl, ihre Schwester war Braut des Fürsten Ludwig von Nassau-Saarbrücken. Geselliges Leben, Künste und Wissenschaften wurden eifrig gepflegt, und die »Ludwigsburger« verkehrten viel auf der Heidecksburg. Durch drei Bilder geht ein strenges Damengesicht mit hochgezogenen Brauen, auf fünf Bildern ziehen anmutige Züge eines Schwesternpaares die Aufmerksamkeit an. Sowohl diese, wie die der Herren lassen sich durch Vergleich mit den Einzelporträts aus jener Zeit näher bestimmen. Doch abgesehen von dem heimatlichen Interesse, auch künstlerisch und kulturgeschichtlich belohnen die Gemälde mit Genuß, wenn sie nicht nur flüchtig betrachtet werden. Wie bei den großen Porträts ist auch bei den Gruppenbildern die Beleuchtung so gewählt, daß sie dem von den Fenstern her einfallenden Lichte entspricht.

Dichtkunst. Eine Prinzessin sitzt an einem Steintisch, in eine Handschrift versunken. Ein älterer Herr hinter ihr, der Fürst, bewegt eine Schriftrolle in der Hand. Ein junges Paar tritt erwartungsvoll hinzu. Ein jüngerer Herr hält sich bescheiden abwartend im Hintergrund.

[Illustration: Grüner Saal]

Sternkunde. Die ernste Prinzessin sitzt vor einem Tellurium und läßt sich belehren von einem Prinzen, der durch ein Augenglas auf das Instrument niederblickt. Der Fürst richtet ein Fernrohr zum Nachthimmel empor. Ein junges Paar tritt aus der Dunkelheit heraus, noch in ernstes Gespräch vertieft.

Baukunst. Ein Prinz in der Rolle des Hofbaumeisters unterbreitet dem Fürstenpaar Risse zu einem neuen Gebäude, allem Anschein nach in Tempelform. Die Fürstin, offenbar erfahren in Kunstfragen, gibt sachliche Auskunft über ihre Wünsche. Der Fürst hört gefällig und nachgiebig zu und wird bewilligen, was der Bau kostet. Der Herr Hofbaumeister ist ganz Ohr, wird seine Zeichnung zusammenrollen und mit tiefer Verbeugung verschwinden. Meßinstrumente und Zeichengeräte liegen rechts vorn auf dem Arbeitstisch.

Bildhauerkunst. In einem Atelier, wo fertige Arbeiten und Modelle die Stimmung andeuten, überreicht der Künstler eine Porträtbüste in Wachs. Die Empfängerin blickt mit ruhiger Verwunderung auf das Kunstwerk. Ihre Hofdame im Hintergrund, ein feuriges Gemüt, will den Beifall in ein spitzes Witzwort kleiden.

Malerei. Ein Atelier mit dunklem Behang bildet die Szene. Die Malerin wendet dem Beschauer den Rücken zu. Sie blickt scharf seitwärts auf ihr Modell, dadurch zeigt sich ihr Gesicht im Profil. Das Auge ist ganz Aufmerksamkeit, die Miene vollständig erstarrt. Auf der Staffelei entsteht ein Brustbild. Lieblich in Blick und Haltung, zwingt sich das Modell zu Geduld. Geistreich trägt eine Hofdame zur Unterhaltung bei.

Musik. Ein Herr und eine Dame halten ein Liederalbum: »Ach, kleine Rose, glaube mir, du sollst Luzinden schmücken!« Die Dame singt aufmerksam, der Herr vergißt sich und seinen Gesang in ihrem Anblick. Ein Flötenbläser begleitet das Lied. Zwei Hofdamen flüstern miteinander, eine ernst, die andere schalkhaft, sie deutet auf den Flötenbläser, vielleicht weil er Linkshänder ist!

Die Goldrahmen der Bilder setzen sich aus kräftigem Blattwerk zusammen, wiederholt scheinen Farnwedel als Anregung gedient zu haben. Zierliche Goldleisten mit zarten Ranken fassen die grünen Wandfelder ein. Die Pyramidenöfen heben sich von lebhaft verzierten Ofenstücken sowohl hier, wie in dem graugrünen, einfachen Eckzimmer ab, wo Palmblätter in dem Formenspiel Verwendung gefunden haben. Die Decken sind schlicht weiß, aber mit duftigen Rosetten verziert.

Mehr seltsam als schön wirkt das Bänderzimmer, früher als Vorraum für Audienzen benutzt. Auf düster grün gemalten Stoffbahnen heben sich weißgraue ovale Medaillons ab mit Köpfen in römischem Stil. Bandschleifen, rot und grün, halten die Plaketten und flattern weithin herab über die Wandflächen, von Blumengewinden durchflochten.

Die Galerie an der Ostseite des Großen Saales hat wiederholt während der Baujahre Änderung des Planes erfahren. Schließlich gab Johann Friedrich dahin den Ausschlag, daß nicht Bildnisse von hoher Kunst, sondern weniger anspruchsvolle Landschaften die kunstvoll geschnitzten Rahmen Kändlers füllen sollten. Reinthaler entwarf daher zwölf Landschaften, in der Mehrzahl mit großen Figuren im Vordergrund, und setzte als unteren Abschluß in die geschnitzten Rahmen prachtvolle, gemalte Rokokogitter ein mit ausgiebigem Formgefühl in immer neuem Schwung der Linien. Landschaften und Figuren atmen den Geist des achtzehnten Jahrhunderts. Übertrieben steile Berge, Paläste und Ruinen aus der Vergangenheit, aber ohne tieferen Sinn für ihre Bedeutung, Weltverkehr aus der Gegenwart, namentlich Beziehungen zu Asien und Amerika, und das Hochgebirge, das noch schreckhaft empfunden und gefürchtet wurde! Nähe und Ferne, Gegenwart und Vergangenheit kommen zur Darstellung in den Figuren und gewähren Einblick in Beschäftigung und Sehnsucht ihrer Entstehungszeit.

Auch ein Stück »Chinoiserie«, ein japanisches Zimmer, atmet noch Modelaune der Rokokozeit: Hinaus in ein erträumtes fernes Glück! Wiederum eine Vorahnung der Romantik! Seltsam nüchtern darin die kleinen Porträte aus den gräflichen und fürstlichen Familien!

Unruhig und bizarr der Traum!

Empirezeit auf der Heidecksburg

Ludwig Friedrich II., 1793–1807, war eine Feuerseele, Jünger Goethes im Schauen von Schönheit, begeistert für Kunst und Kunstgewerbe, leidenschaftlicher Zeichner und Radierer. Als junger Prinz belebte er den Rudolstädter geselligen Kreis, in dem Schiller, der heimatlose Flüchtling, wieder aufatmete. Seine Kenntnisse von der Welt hatte er auf einer Studienreise durch Deutschland, die Schweiz und Frankreich erweitert und in Genf bei De la Rive sich im Malen und Radieren ausgebildet. Kunstblätter aus dieser Zeit sind erhalten geblieben.

Ein Besuch am Hofe von Homburg hatte zur Vermählung mit der Prinzessin Karoline Luise von Hessen-Homburg geführt, die, selbst ein Bild blühender Schönheit und frischer Anmut, gleich ihm die Künste liebte und ausübte.

Als das junge Paar Schloßherrschaft auf der Heidecksburg wurde, zogen die neuen Formen der klassizistischen Mode in der Zimmerausgestaltung und in der Ausstattung von Wohngerät hier voll ein.

[Illustration: Weißes Zimmer]

Unverfälscht hat sich das Weiße Zimmer erhalten. Athene und Aphrodite beherrschen den Raum, auf Tanz, Musik und Bühnenkunst weisen die Reliefs an den Wänden hin. Das Treppenhaus flankieren die Musen, und in den Glasgalerien zu ebener Erde stehen die letzten Gipsabgüsse aus dem Antikenkabinett, das sich das Fürstenpaar anlegte. Eine Reise nach Rom 1803 vermittelte die Bekanntschaft mit Künstlern, wie Gmelin, Rehberg, Metz, Reinhart und Angelika Kauffmann. Deren Kunstblätter, Originale oder Drucke, wurden dem Kupferstichkabinett auf der Heidecksburg eingereiht, Schätze, die der Heimat zur Zierde gereichen könnten, wenn Ausstellungsräume zu gewinnen wären.

[Illustration: Karoline Luise]

Auf das Rudolstädter Antikenkabinett wies Goethe 1805 den Philologen Fr. A. Wolf hin, als er ihn überzeugen wollte, daß auch Kunstwerke die Beweiskraft von Geschichtsdenkmälern haben können. Wolf reiste darauf mit H. Meyer nach Rudolstadt, fand jedoch die Kolossalköpfe der Dioskuren noch an der Erde stehen, wo ihre Schönheit nicht wirksam war. »Wohl aufgenommen von dem dortigen Hofe, vergnügte er sich in den bedeutend schönen Umgebungen, und so kam er nach einem Besuch in Schwarzburg mit seinem Begleiter vergnügt und behaglich, aber nicht überzeugt, zurück.«

Noch im Jahre 1817 konnte das Verlangen nach antiker Formenschönheit derart stark in Goethe aufsteigen, daß er plötzlich wenigstens die nächsten Gipsabgüsse aufsuchen mußte. »Etwas dem Phidias Angehöriges mit Augen zu sehen, ward so lebhaft und heftig, daß ich an einem schönen sonnigen Morgen, ohne Absicht aus dem Hause fahrend, von meiner Leidenschaft überrascht, ohne Vorbereitung aus dem Stegreif nach Rudolstadt lenkte und mich dort an den erstaunenswürdigen Köpfen vom Monte Cavallo für lange Zeit herstellte.« Humorvolle Skizzen im Tagebuch des Fürsten zeigen die Vorgänge bei Ankunft und Aufstellung dieser Hilfsmittel für Kunstbetrachtung.

Lehrer, Berater und Freund in oft täglichem Verkehr wurde dem Fürsten Ludwig Friedrich der Volkstedter Maler und Bossierer Franz Cotta, der den Kennern des Rudolstädter Porzellans noch heute oft in seinen Werken begegnet. Sein Sohn Heinrich Cotta, als Dresdener Student von Kügelgen so drastisch geschildert, folgte dem Vater in der Würde des Hofmalers und hinterließ in dem Kabinett die wertvollen Radierungen aus der Napoleonischen Zeit, seine unerschöpflichen Pferdestudien und humorvollen Szenen aus dem Volksleben. (S. Thüringer Heimat-Kalender 1926. Greifenverlag Rudolstadt.)

Im Jahre 1797 kam Christian Friedrich Schuricht aus Dresden zu Gaste auf die Heidecksburg und gab Anweisungen für den Bau des Halbtempels, der romantischen Ruinen und des Teehauses im Schloßgarten, sowie der Anlagen auf dem Anger. Für Zimmereinrichtungen wies er auf die Vorlagen des Racknitzschen Werkes, Darstellung und Geschichte des Geschmacks, hin.

Ferdinand Thierry, der spätere Landesbaumeister in Konstanz, fand sich aus Weimar ein, zeichnete peinlich feine Möbelentwürfe und Pläne für die Gartenhäuser und für die klassizistischen Gebäude in der Stadt. Seinen Bruder Wilhelm Thierry, Jugendlehrer Karoline Luises in Homburg, Maler und Radierer in Meiningen, ließ die Fürstin Architektur studieren. Er vollendete den Schloßbau im Ostflügel und legte die Terrassenbauten an, die zum Schloßgarten hinunterführen. (S. Thüringer Kalender 1926. Museum Eisenach.)

Das Jahr 1806 erschütterte mit seinen weltgeschichtlichen Ereignissen auch das friedliche Leben auf der Heidecksburg. Die Schlacht von Saalfeld bereitete sich vor. Mit den letzten Tagen des Prinzen Louis Ferdinand von Preußen hat die Sagenbildung sich viel beschäftigt. Vielleicht kann das trockene Hoffurierbuch helfen, Dichtung und Wahrheit zu scheiden. Es meldet: Ihro Königliche Hoheit Prinz Louis von Preußen sind den 7. Oktober hier angekommen mit einem Adjutanten, Kapitän von Kleist, einem Kammerdiener und drei Bedienten. Ihro Königliche Hoheit wurden ins grüne Zimmer, der Herr Adjutant ins alte Tafelzimmer logiert. Den 8. Oktober früh abgereist. Den 9. wieder hier. Den 10. abgereist. – Das Tagebuch des Fürsten gibt an, daß am 7. Oktober abends Ball und Souper zu Ehren der Gäste stattfand. Als der Geschützdonner von Saalfeld herüberdröhnte, bestand man darauf, daß die Fürstin mit ihren Kindern sich entfernte. Ihr selbst war es ein Lieblingsgedanke, Mut zu zeigen und Gefahr zu bestehen. Sie schämte sich aber später ihrer Eitelkeit, daß sie eine Heldenrolle habe spielen wollen und die Ihrigen dadurch einer Gefahr ausgesetzt hätte. Während einer Rastpause beruhigte sie ihre Nerven mit einer niedlichen Bleistiftzeichnung von der Weißenburg im Saaltale.

Die Durchmärsche des Napoleonischen linken Flügels gingen durch Rudolstadt. Der Fürst blieb zur Stelle. Als die französischen Beamten Villain und Du Molart die Regierung übernahmen, mußte er sie gastlich im Schlosse aufnehmen. Schweren Sorgen und Gemütsbewegungen erlag sein schwacher Körper am 28. April 1807.

Kerndeutsch, wenn auch gewohnt, französische Tagesanmerkungen zu schreiben, führte die Fürstin für ihren minderjährigen Sohn die Regentschaft bis 1814. Als Landesmutter, gleich der Königin Luise von Preußen, war sie umsichtige Diplomatin nach außen und unermüdliche Beraterin der Bedrängten, die aus dem ganzen Lande zu ihr kamen. Beamtenfamilien der Stadt bewahren noch heute Korrespondenzzettel als Reliquien auf, sie zeigen, wie die Fürstin ihren Bittstellern geholfen wissen wollte.

Schillers Hinterbliebene fanden bei ihr Zuflucht in Not und Verlegenheit. (S. Schiller in Rudolstadt. Greifenverlag 1925.)

Als Fürstinmutter blieb sie das verehrte Oberhaupt der prinzlichen und fürstlichen Familien auf der Heidecksburg bis an ihr Lebensende 1854. Künstler wußte sie anzuregen in vorbildlich moderner Weise, ohne Zwang auszuüben.

[Illustration: Brunnen]

Mit führenden Geistern stand sie in Gedankenaustausch. Wilhelm von Humboldt schreibt über sie in den Briefen an eine Freundin:

»Rudolstadt, 2. Januar 1827.

Die verwitwete Fürstin ist eine der Frauen, wie man sie selten findet. Ich kenne sie seit meiner Verheiratung. Wir heirateten in derselben Zeit, und ich war unmittelbar nach meiner Verheiratung mit meiner Frau, mit der sie sehr freundschaftlich verbunden ist, einige Wochen hier, so daß mir der Ort auch wegen dieser Erinnerung sehr lieb ist.

Die Fürstin war sehr jung, ungemein liebenswürdig und schön. Als ich mit meiner Frau später in Rom war, kam sie mit dem Fürsten auf einige Monate hin, und wir lebten auch da viel miteinander. Bald nachher wurde sie Witwe und während der Minderjährigkeit des Prinzen Regentin des Landes. Sie führte in den schwierigsten Zeiten diese Regentschaft mit größter Klugheit, und stets mit der Güte und Wohltätigkeit, durch welche Fürsten, besonders in kleinen Ländern, sich von ihren Untertanen auch persönlich verehrt und geliebt machen können. Seit der Fürst die Regierung übernahm und die Erziehung der anderen Kinder vollendet ist, lebt sie bloß sich selbst, arbeitet und studiert für sich; sie besitzt sehr viele Kenntnisse, vorzüglich aber das, was man nicht ohne eigenen tiefen und umfassenden Geist erwirbt. Ihre Briefe sind gleich geist- und seelenvoll, und im Gespräch äußert sich dasselbe noch lebendiger und immer mit der größten Einfachheit und Bescheidenheit. Sie ist daher auch eigentlich kaum gekannt, nur bei den wenigen, die der Zufall ihr näher gebracht hat. Sie ist sehr religiös, verbindet das aber so schön mit dem tiefsten und freiesten philosophischen Nachdenken, daß die Religiosität ihr dadurch nur noch mehr eigen wird.«

Humboldt erwähnt dann einen Wagenunfall, den sie erlitten hatte, und der sie zwang, nur noch zu Fuß zu gehen, und ihr nicht mehr erlaubte, sich weit vom Schlosse zu entfernen. Um die Natur zu genießen, ließ sie sich die Borkenhüttchen, Bauernhäuschen und Teetempelchen im griechischen Stil bauen, deren letzte noch heute vom Schloß aus durch den Hain und die Flur von Rudolstadt an verklungene Zeit erinnern.

* * * * *

Die gewaltigen Ereignisse der Weltgeschichte haben auch das Leben auf der Heidecksburg in den Grundfesten erschüttert. Der Weltenlenker wird wissen, wie er Geschicke und Herzen der Menschen zum rechten Ziele führt.

Es sind nicht nur Vorgänge der engen Heimat, die sich in dem ehrwürdigen Schlosse der Schwarzburger Grafen und Fürsten abgespielt haben. Was die Heidecksburg uns überliefert, ist ein wichtiger Ausschnitt aus dem Thüringer Leben und ein wertvoller Bestand der deutschen Bildungsgeschichte überhaupt.

Wer diese geistigen Schätze in Zukunft zu erhalten und zu betreuen hat, trägt die Verantwortung vor dem deutschen Gewissen.

Inhalt

Seite

Vorwort 5

Frühgeschichte der Burg 7

Katharina die Heldenmütige 14

Amilie Juliane, die Liederdichterin 26

Rokokozeit auf der Heidecksburg 45

Empirezeit auf der Heidecksburg 72

Bilder:

Heidecksburg 4/5

Torhaus 12/13

Amilie Juliane 32/33

Großer Saal 48/49

Grüner Saal 68/69

Weißes Zimmer 72/73

Karoline Luise 72/73

Brunnen 76/77

Weitere Anmerkungen zur Transkription

Offensichtliche Fehler wurden stillschweigend korrigiert. Die fehlende Überschrift des ersten Kapitels wurde ergänzt. Zur leichteren Orientierung wurden die Titel unter den Bildern nach dem Bildverzeichnis ergänzt.