Part 5
Brehm ist zweimal in Spanien gewesen, hat aber leider gerade über diese beiden Reisen fast nichts veröffentlicht; das erstemal kam er gleich nach seiner Studentenzeit zusammen mit seinem älteren Bruder Reinhold, der dabei als Arzt in Madrid hängen geblieben ist und den jüngeren Alfred um viele Jahre überlebt hat. Durch den Verkehr mit Schmugglern, Räubern, Zigeunern und halbwilden Hirten soll gerade diese Reise, über die Brehm nicht gern redete, überreich gewesen sein an Abenteuern und romantischen Erlebnissen aller Art. Bald sprach Brehm fließend Spanisch und konnte sich nach seiner Art auch in das Studium der Bevölkerung vertiefen, die er dabei herzlich lieb gewann. Ihre vornehme Haltung, ihr stolzes, ritterliches Wesen entsprach ja so ganz seiner eigenen Wesens- und Denkart. Zur Deckung der Reisekosten hatten die Brüder „Aktien“ herausgegeben, deren Inhaber das Recht besaßen, für einen entsprechenden Betrag unter der Ausbeute das ihnen Zusagende sich auszuwählen. Deshalb konnte leider ein Großteil dieser wertvollen Ausbeute, soweit sie nicht in die Sammlung des Vaters überging, nicht als Ganzes wissenschaftlich bearbeitet werden, sondern wurde gleich nach Beendigung der Reise in alle Welt zersplittert. Das ist tief zu beklagen, denn Spanien ist auch heute noch das ornithologisch unerforschteste Land Europas. Die zweite spanische Reise machte Brehm 1879 zusammen mit seinem Freunde, dem Kronprinzen Rudolf von Österreich. Es war wohl mehr eine Art höfischer Jagdreise, die hauptsächlich den Steinböcken, Adlern und Bartgeiern galt und die Brehm mancherlei Orden und Auszeichnungen eintrug, woraus er sich aber nie viel gemacht hat. Als er starb, stand ein Prachtexemplar der zweiten Auflage des „Tierlebens“ in Renthendorf versandfertig für den König von Spanien bereit. Mit Veröffentlichungen über diese doch gewiß auch sehr interessante Reise wollte Brehm wahrscheinlich dem Kronprinzen, der ja selbst schriftstellerte, nicht vorgreifen, und so sind sie leider ganz unterblieben.
Nordlandfahrt
Erik Svensen, der alte verwitterte norwegische Trapper, der Brehms unzertrennlicher Jagdgefährte in Lappland geworden war, kniete nieder, prüfte aufmerksam den Boden und sagte: „Hier hat heute ein Renntier geäst. Schau, diese Pflanzen sind frisch abgebissen, und hier liegt ein Stengel daneben, noch saftig und unverwelkt.“ Nicht weit davon fand denn auch Brehm an einer feuchten Stelle die scharf und frisch abgedrückte Fährte des begehrten Wildes. Kein Zweifel also: wilde Renntiere, an deren genauer Beobachtung Brehm so viel lag, waren wirklich in der Nähe. Es kostete aber noch manchen vergeblichen Pirschgang und manchen Schweißtropfen, bis man zum Ziele gelangte. Es bedurfte oft meilenweiter Märsche auf völlig ungewohntem und überaus schwierigem Gelände. An Gefahr war dabei allerdings kaum zu denken, aber Beschwerden gab es genug. Die Halden bestanden nur aus wirr durcheinander und übereinander gewürfelten Schieferplatten, die entweder beim Darüberschreiten in rutschende Bewegung gerieten oder aber so scharfkantige Ecken, Spitzen und Kanten hervorstreckten, daß jeder Schritt durch die Stiefelsohlen hindurch schmerzlich fühlbar wurde. Die außerordentliche Glätte der Platten, über die das Wasser herabrieselt, vermehrte noch die Schwierigkeiten des Weges, und das beständige Durchwaten der glatt gescheuerten Rinnsale erforderte ängstliche Vorsicht, wenn man blutige Abschürfungen an Armen und Beinen sowie ein unfreiwilliges Bad im eiskalten Gebirgswasser vermeiden wollte. Man kam deshalb auf Pirschgängen nicht gerade rasch vorwärts. Die Renntiere selbst standen oben auf den kahlen Hochflächen, die nur noch mit Zwergbirken, Beerengestrüpp, Moosen und Flechten spärlich bekleidet waren.
Endlich erspähte Brehm von einem Hügel aus in einer Talmulde ein Rudel von 18 Renntieren. Er und Svensen entledigten sich rasch alles überflüssigen Gepäcks, prüften die Windrichtung und krochen dann Schritt für Schritt mit aller erdenklichen Vorsicht das scheue und scharfsinnige Wild an, bis sie hinter einigen großen Steinen Deckung fanden und Atem schöpfen konnten. Brehms Wunsch war erfüllt: Es war ein prachtvolles Schauspiel, das das Rudel ihm bot. Er brachte das Fernrohr gar nicht mehr vom Auge, um nur ja keine Bewegung der edlen Tiere sich entgehen zu lassen. Einige ästen, andere hatten sich niedergetan, wieder andere liefen spielerisch hin und her oder neckten sich mit ihren vielzackigen Geweihen. Plötzlich aber kam Leben und Bewegung, Schrecken und Furcht über alle. Sie stoben davon und jagten trottend durch Sumpf und Moor, gerade auf die Jäger zu, blieben dann aber wieder sichernd stehen, noch immer außer Schußweite. Brehms scharfes Auge erspähte auch bald die Ursache der ärgerlichen Störung in einem dunklen Klumpen, den er zunächst für einen Bären hielt. Als das Tier sich aber bewegte, erkannte er sofort, daß er es mit einem ungewöhnlich großen Vielfraß zu tun habe, und nun überwog bei ihm natürlich der Forscher den Jäger, denn der sagenumwobene Vielfraß gehört ja zu denjenigen Tieren, deren ein Zoologe nur ganz selten einmal in freier Natur ansichtig wird. Brehm bemerkte, wie der Vielfraß mit sehr stark bogenförmigen Sätzen lief, einem Marder entfernt ähnlich, aber mit weit mehr gebogenem Rücken und viel größeren Wölbungen, beinahe lauter Purzelbäume schlagend. Dieser Gang, die stattliche Größe und die dicke, buschige Lunte machen den Vielfraß sofort kenntlich. Der Räuber schien aber Verdacht geschöpft zu haben. Plötzlich verließ er seinen Ausguck, trabte, trottelte und kugelte dem Gebirge zu, fing unterwegs flugs noch einen Lemming, verspeiste ihn im Weiterlaufen, sah sich noch einmal mißgünstig nach dem menschlichen Störenfried und betrübt nach den Renntieren um und verschwand dann im Geklüft des Bergrückens.
Da das Gelände nirgends Deckung zum Anschleichen bot, blieb den Jägern nichts übrig, als sich an zwei halbwegs günstigen Stellen niederzulegen und ein Näherkommen des Wildes abzuwarten. Drei volle Stunden lang wurde ihre Geduld auf eine harte Probe gestellt. Sie durften sich ja nicht rühren, alle Glieder wurden steif, und in dem quatschnassen Moos lag es sich auch nicht gerade behaglich. Endlich äste sich das Rudel ganz langsam näher heran. Schon hob Brehm zögernd die Büchse, da krachte drüben der Schuß des Norwegers. Das Rudel schreckte, zog ängstlich hin und her, sicherte und wurde schließlich flüchtig. Ein Stück lahmte, trennte sich von den anderen und nahm die Richtung auf Brehm zu. Der schoß und sah zu seiner unaussprechlichen Freude das edle Wild im Feuer zusammenstürzen.
* * * * *
Donnernd hallte ein Kanonenschuß über die bewegten Fluten des Eismeeres und brach sich an den jähen Felsenwänden des Nordkaps und des Vogelberges Svärtholm. Der norwegische Schiffskapitän hatte sein Geschütz abfeuern lassen, um Brehm das Schauspiel der aufgescheuchten Brutkolonie von Dreizehenmöwen zu ermöglichen. Wie wenn ein tosender Wintersturm durch die Luft zieht und schneeschwangere Wolken aneinander schlägt, bis sie, in Flocken zerteilt, sich herniedersenken: so schneite es jetzt von oben lebendige Vögel herunter. Man sah weder den Berg noch den Himmel, sondern nur ein Wirrsal ohnegleichen. Eine dichte Wolke erfüllte den ganzen Gesichtskreis, und erfüllt war Fabers Wort: „Sie verbergen die Sonne, wenn sie fliegen.“ Heftig blies der Nordwind, und wütend brandete das Eismeer am Fuß der Klippen, aber lauter noch erklangen die kreischenden Schreie der Möwen, damit auch das Wort sich bewahrheitete: „Sie übertäuben das Tosen der Brandung, wenn sie schreien.“ Die Wolke senkte sich endlich auf das Meer hernieder, die bisher von ihr umnebelten Umrisse von Svärtholm traten wieder hervor, und ein neues Schauspiel fesselte die Blicke. Auf den Felsbändern schienen noch ebensoviele Möwen zu sitzen wie vorher, und Tausende flogen noch ab und zu, auf dem Meere aber, soweit es sich überschauen ließ, lagen, leichten Schaumballen vergleichbar, die weißen Vögel und schaukelten mit den Wogen auf und nieder. „Wie soll ich diesen herrlichen Anblick beschreiben? Soll ich sagen, daß das Meer Millionen und aber Millionen lichte Perlen in sein dunkles Wellenkleid geflochten habe? Oder soll ich die Möwen mit Sternen und das Meer mit dem Himmelsgewölbe vergleichen? Ich weiß es nicht, aber ich weiß, daß ich auf dem Meere noch niemals Schöneres erschaut habe. Und als wäre es noch nicht genug des Zaubers, goß plötzlich die auf kurze Zeit verhüllt gewesene Mitternachtssonne ihr rosiges Licht über Vorgebirge und Meer und Vögel, beleuchtete alle Wellenkämme, als ob ein goldenes, weitmaschiges Netz über die See geworfen wäre, und ließ die ebenfalls rosig überstrahlten, blendenden Möwen nur um so leuchtender erscheinen. Da standen wir sprachlos im Schauen!“
Es gibt aber auch noch Vogelberge anderer, nicht minder großartiger Art im Norden, die auf ihren Rücken mit torfiger Erde bedeckt sind und die hauptsächlich von Alken, Lummen und Lunden bevölkert werden, zwischen die nur vereinzelt Kormorane und Möwen sich eindrängen. Brehm hat auf seiner durch die Unterstützung der „Gartenlaube“ ermöglichten Nordlandreise auch die größte dieser Siedlungen besucht. Die Torfrinde des Berges war nach Art von Kaninchenhöhlen dicht von Bruthöhlen durchlöchert. Unter Brehms Tritten, der in Schraubenlinien zum Gipfel des Berges emporstieg, zitterte das unterwühlte Erdreich. Und hervor aus allen Höhlen lugten, krochen, rutschten, flogen mehr als taubengroße, oberseits schieferfarbene, auf Brust und Bauch glänzend weiße Vögel mit phantastischen Schnäbeln und Gesichtern, kurzen, schmalen, spitzigen Flügeln und stummelhaften Schwänzen. Aus allen Löchern erschienen sie, aus Ritzen und Spalten des Gesteins nicht minder. Wohin man blickte, boten sich nur Vögel dem Auge, und ihre leise knarrenden Stimmen vereinigten sich zu einem sonderbaren Gedröhn. Jeder Schritt weiter entlockte neue Scharen dem Bauche der Erde. Von dem Berge herab nach dem Meere begann es zu fliegen, von dem Meere nach dem Berge hinauf schwärmten bereits unzählbare Massen. Aus Hunderten waren Tausende, aus Tausenden Zehntausende geworden, und Hunderttausende entwuchsen fortwährend dem braungrünen Boden. Eine Vogelwolke umhüllte den Forscher, umhüllte den ganzen Berg, so daß dieser, zauberhaft wohl, aber den Sinnen noch begreiflich, zu einem riesenhaften Bienenstocke sich wandelte, um den nicht minder riesenhafte Bienen schwirrend und summend schwebten und gaukelten. Je weiter Brehm kam, um so großartiger gestaltete sich das Schauspiel. Der ganze Berg wurde lebendig. Hunderttausende von Vogelaugen lugten auf den Eindringling herab.
[Illustration: Der Vogelberg in Vesteraalen (Norwegen). Nach einer Zeichnung aus dem Jahre 1861
Von links nach rechts: Teisten, Scharbe, Lummen, Lunde, Möwe, Alk]
„Aus allen Ecken und Enden, von allen Winkeln und Vorsprüngen her, aus allen Ritzen, Höhlen und Löchern wälzte es sich heraus, zur Rechten wie zur Linken, ober- und unterhalb, in der Luft wie auf dem Boden wimmelte es von Vögeln. Von den Wänden wie vom Gipfel des Berges herab ins Meer stürzten sich ununterbrochen Tausende in so dichtem Gedränge, daß sie dem Auge ein festes Dach vorzutäuschen vermochten. Tausende kamen, Tausende gingen, Tausende saßen, Tausende tänzelten unter Zuhilfenahme der Schwingen in wundersamer Weise dahin, Hunderttausende flogen, Hunderttausende schwammen und tauchten, und neue Hunderttausende harrten des auch sie aufscheuchenden Fußtritts.“
Es wimmelte, schwirrte, rauschte, tanzte, flog und kroch um Brehm herum, daß ihm fast die Sinne vergingen; das sonst so scharfe Auge versagte den Dienst, das Gewehr zitterte in der sonst so zielsicheren Hand. Halb betäubt kam er endlich auf dem Gipfel an und blieb 18 Stunden auf ihm liegen, um das Leben der Alken recht genau kennen zu lernen. Sie hatten bald alle Scheu vor ihm verloren; tänzelnden Ganges näherten sie sich ihm so weit, daß er mit der Hand nach ihnen zu greifen versuchte. Die Schönheit und der Reiz des Lebens zeigten sich in jeder Bewegung der wunderlichen Vögel. Mit Erstaunen erkannte Brehm, wie steif und kalt auch die besten Abbildungen dieser absonderlichen Geschöpfe sind, denn er bemerkte eine Regsamkeit und eine Lebhaftigkeit in den wundersamen Gestalten, wie er sie ihnen nie zugetraut hätte. Nicht einen Augenblick saßen sie ruhig, bewegten mindestens Kopf und Hals fort und fort nach allen Seiten hin, und ihre Umrisse gewannen dabei wahrhaft künstlerische Linien. Es war, als ob die Harmlosigkeit, mit der sich Brehm ganz der Beobachtung hingab, durch unbeschränktes Vertrauen von ihrer Seite vergolten werden sollte. Er verkehrte mit den Tausenden, als ob sie Haustiere wären, die Millionen schienen ihn geradezu als einen der ihrigen zu betrachten.
Manch feinen Zug konnte Brehm dabei dem Leben der Alken ablauschen. Ihre geselligen Tugenden erreichen während der Brutzeit eine unvergleichliche Höhe. Während sonst in der Vogelwelt ein Mißverhältnis der Geschlechter zu ununterbrochenem Streite führt, wird bei den Lummen der Friede nicht gestört. Die beklagenswerten Hagestolze, die kein Weibchen zu ergattern vermochten, wandern trotzdem in Verein mit den glücklichen, unterwegs kosenden und tändelnden Paaren dem Brutberge zu. Hat das Weibchen sein einziges, aber sehr großes, kreiselförmiges und buntgetüpfeltes Ei gelegt und hat dessen Bebrütung begonnen, dann wollen auch die armen Junggesellen wenigstens ihren guten Willen bekunden und drängen sich den einzelnen Paaren als Hausfreunde auf. Wachehaltend stehen sie vor den Bruthöhlen, aus denen das Männchen sich entfernt hat. Wenn aber beide Eltern gleichzeitig zum Meere hinabgeflogen sind, dann rutschen sie ohne Zögern ins Innere der Höhle und wärmen inzwischen das verlassene Ei. Nur brüten, ein ganz klein wenig brüten wollen sie: gewiß ein bescheidenes Verlangen für einen Junggesellen! Diese selbstlose Hingabe hat eine Folge, um die wir Menschen die Alken beneiden könnten: auf den Vogelbergen gibt’s kein Waisenkind! Sollte der Gatte eines Paares verunglücken, so bietet sich der Witwe augenblicklich Ersatz, und sollten gar beide Eltern gleichzeitig umkommen, flugs sind die gutmütigen Junggesellen zur Hand, um das Ei vollends auszubrüten und das Junge sorgfältig aufzuziehen.
Mit dem Herzog von Koburg in Abessinien
„Melde gehorsamst, Königliche Hoheit, daß ich eine starke Elefantenherde aufgespürt habe und daß also die Herrschaften voraussichtlich in den nächsten Tagen auf Elefanten zum Schuß kommen werden.“ Mit diesen Worten trat Brehm, von einem Tagesausfluge zurückkehrend, schweiß- und staubbedeckt in das bei dem abessinischen Gebirgsdorfe Mensa aufgeschlagene Zelt des Herzogs Ernst II. von Sachsen-Koburg-Gotha, des bekannten „Schützen-Herzogs“, der mit zahlreichen Teilnehmern eine wissenschaftliche Jagdreise nach diesem afrikanischen Hochlande veranstaltet und die Oberleitung dem berühmten Tierforscher anvertraut hatte.
Der Herzog strich sich schmunzelnd den schwarzen Knebelbart, und die neben ihm stehenden Prinzen von Hohenlohe und von Leiningen lachten sogar aus vollem Halse. „Aber Brehm, wollen Sie uns mit so todernster Miene einen mächtigen Bären aufbinden? Nee, auf einen so plumpen Witz fallen wir nicht herein. So viel verstehen wir doch auch von der Natur des Elefanten, daß er kein Steinbock oder keine Gemse und auch kein Klettertier ist. Wie sollte denn der plumpe Koloß diese furchtbaren Steilhänge hinauf oder herunter kommen? Alles will ich Ihnen glauben, mein lieber Brehm, aber an Ihre Elefantengeschichte glaube ich nicht.“
„Und doch, Königliche Hoheit, ist es genau so, wie ich sagte,“ erwiderte Brehm, „ich habe die Spuren der Elefanten deutlich gesehen und eine große Strecke weit verfolgt. Sie sind doch nicht mit denen eines anderen Tieres zu verwechseln.“ „Was für Spuren eigentlich?“ „Ja, richtige Fährten sah ich freilich nicht oder doch nicht deutlich genug; sie drücken sich auf dem harten Felsboden der Berge zu wenig ab oder verwischen sich im Geröll. Aber ich sah einen Kaktus, auf den ein Elefant mit seiner schweren Fußsäule getreten war, denn alle seine Blätter waren bis zur Wurzel herab zerquetscht. Einzig und allein der Elefant tritt auf diese Weise den Kaktus nieder. Alle anderen Tiere, vielleicht noch mit Ausnahme des Nashorns, umgehen ihn. Dann fand ich auch die ganz unverkennbare Losung der Riesentiere.“ „Wie sieht sie denn eigentlich aus?“ frug der Prinz von Leiningen interessiert dazwischen. „Das kommt ganz darauf an, welche Nahrung die Elefanten aufgenommen haben. Ästen sie vorzugsweise Gras, Kräuter und Baumblätter, so erinnert die Losung nach Gefüge und Farbe stark an die bekannten Pferdeäpfel, nur daß sie natürlich sehr viel umfangreicher ist. Haben die Elefanten dagegen hauptsächlich Zweige gefressen, so sind die Klumpen noch ungeheuerlicher, dunkler gefärbt und enthalten Aststücke von ziemlicher Länge und bedeutender Stärke. Die aufgefundene Losung war sicher noch ganz frisch, denn sie wurde stark von Mistkäfern beflogen, die nur an frischen Mist gehen. Ein weiteres gutes Kennzeichen war es, daß an den Bäumen viele Äste abgebrochen und Zweige abgerissen waren und das in einer Höhe, die außer dem Elefanten höchstens noch die Giraffe erreichen könnte. Aber abgesehen von den ganz verschiedenen Aufenthaltsorten schält die Giraffe nicht die Äste ab, wie dies der Elefant immer tut. Ich habe sogar die Überzeugung gewonnen, daß die Elefanten zu gewissen Jahreszeiten ganz regelmäßig hier vorkommen, denn es sind regelrecht ausgetretene Straßen vorhanden, wie ich sie ja schon von Innerafrika her kenne. Sie führen im Zickzack die Hänge hinauf und hinab und sind mit geradezu bewundernswerter Berechnung und mit dem Geschick erfahrener Baumeister angelegt. Eine sehr nette Feststellung konnte ich dabei machen. An einer Stelle des Pfades hatte nämlich ein großer Stein gelegen, halb über dem Gehänge, halb auf dem Wege. Dieser Stein war ausgebrochen und in die Tiefe hinabgerollt. Er allein aber konnte unmöglich in dem dichten Grase und Gebüsch, das den Hang nach unten hin bedeckte, die greuliche Verwüstung angerichtet haben, die ich bemerkte. Es war, als ob eine große Walze da hinabgerollt wäre und alles niedergequetscht hätte, was ihr im Wege lag. Die Folgerung daraus führte notwendigerweise zu einem sehr ergötzlichen Ergebnis: einer der Elefanten hatte in der Dunkelheit den Stein -- und zwar auf seiner überhängenden Seite -- betreten, vielleicht gedrängt von anderen Mitgliedern der Herde. Der Stein war ausgebrochen, der Elefant hatte das Gleichgewicht verloren und einen großartigen Purzelbaum nach unten geschossen. Von der Tiefe herauf führte auch wirklich ein einziger Pfad nach dem oberen Wege zurück. Der schwere Sturz hat also offenbar dem Riesentiere nichts geschadet.“
[Illustration: Elefantenjagd auf der Reise des Herzogs Ernst von Sachsen-Koburg-Gotha nach Ägypten und den Ländern der Habab, Mensa und Bogos. Zur Reisegesellschaft gehörte auch der Maler Robert Kretschmer, von dem zwanzig große vielfarbige Arbeiten nach der Natur in dem Reisewerk des Herzogs (Leipzig, 1865) veröffentlicht wurden. Eines dieser vielfarbigen Bilder ist hier einfarbig wiedergegeben]
Der Herzog war nun doch nachdenklich geworden: „Auf Ihre Verantwortung hin, Herr Doktor, können wir ja in den nächsten Tagen mal einen Versuch in jener Gegend wagen. Aber wehe Ihnen, wenn überhaupt keine Elefanten da sind. Sie wären heillos blamiert, Herr Doktor!“ -- „Darauf will ich es ruhig ankommen lassen,“ meinte Brehm lächelnd. -- „Und ich bin schon ganz begeistert von der Geschichte,“ rief der bekannte Weltreisende und Schriftsteller Gerstäcker, der gleichfalls mit von der Partie war. „Ich möchte das, was Freund Brehm gesagt hat, Wort für Wort beschwören. Weiß ich doch aus eigener Erfahrung, wie wunderbar groß die Anpassungsfähigkeit der Tiere ist. Warum sollte sich da ein so kluges Tier wie der Elefant nicht auch an das Gebirgsleben gewöhnen können und darin mit seinem zwerghaften Vetter, dem Klippschliefer wetteifern? Also heisa! Es gibt eine Elefantenjagd!“ Sie fand wirklich einige Tage später statt und gab Brehms Behauptungen glänzend recht. Es war ein überwältigend großartiger Anblick, wie die aufgeregte Elefantenherde laut trompetend mit erhobenen Rüsseln und weit abgespreizten Riesenohren den steilen Berghang herunterstürmte, daß die Steine nur so stoben.
Brehm hatte auf dieser abessinischen Reise kaum eine ruhige Minute. Von früh bis spät war er unausgesetzt und angestrengt tätig. Er war Reisemarschall, Expeditionsführer und Jagdleiter in einer Person, es lastete also allzuviel auf ihm. Es war nicht leicht, die verwöhnte und vielköpfige Jagdgesellschaft unter einen Hut zu bringen und zufriedenzustellen, zu der auch die jagdkundige Herzogin und der begabte Tiermaler Robert Kretschmer gehörten, der später das „Tierleben“ so ausgezeichnet illustriert hat. Zu allen anderen Hemmnissen kam nach kurzer Zeit noch Brehms alter Feind, das klimatische Wechselfieber, das ihn namentlich während des zweiten Teils der Reise zeitweise völlig schachmatt setzte. Überdies dauerte der Aufenthalt in Afrika nur wenige Wochen, und so verbot schon die Kürze der Zeit eine eingehende wissenschaftliche Tätigkeit in einem Lande, das bereits durch Gelehrte vom Range eines Rüppell und eines Ehrenberg ziemlich gut erforscht war. Brehm war der großen Reisegesellschaft im März 1862 über Kairo, Aden und Massaua nach Habesch vorausgeeilt, um geeignete Lagerplätze auszusuchen und wildreiche Jagdgründe festzustellen. Diese 14 Tage, die er für sich allein in freier, tierreicher Wildnis weilte, ließen eigentlich die einzige Muße für seine wissenschaftlichen Beobachtungen. Und trotz alledem brachte gerade diese unter einem so unguten Stern stehende Reise nach den Bogosländern reiche Ernte. Es ist jedenfalls erstaunlich, welch überraschende Fülle von Neuartigem und Wissenswertem Brehm hier in der kurzen Zeit zusammengetragen hat und wie großartig er diese Beobachtungen später für sein „Tierleben“ zu verwenden wußte. Vielleicht ist seine geniale Begabung für die Tierforschung und Tierbeobachtung niemals so glänzend zutage getreten wie gerade hier unter so widerwärtigen Verhältnissen. Namentlich mit dem merkwürdigen Klippschliefer und verschiedenen größeren Affenarten wurde er hier näher bekannt. Vor allem fesselten ihn die ebenso kraft- und mutvollen wie klugen und überlegenden Mantelpaviane.
[Illustration: Mantelpaviane, eine Art größerer Affen, die Brehm auf seiner Reise nach Abessinien oft traf
(Nach einer Photographie von Carl Hagenbeck, Stellingen, 1928)]
Einmal begegnete die langauseinandergezogene Karawane einer großen Herde dieser stattlichen Tiere, die auf einem Felsgesims saß, etwas höher als Büchsenschußweite. Zuerst ließen die Paviane nur ihre gewöhnlichen bellenden Laute vernehmen. Als sie aber die vielen, ungewohnt weißen Menschen erblickten, kamen sie in Erregung und Bewegung, und nun hörte man von ihnen auch ganz andere Stimmen. Die alten Männchen brummten und grunzten wie Raubtiere oder Schweine, die jungen quiekten und kreischten wie Ferkel. Einige besonders eifrige Jäger stiegen die Felswand hinan und eröffneten das Feuer. Nach den ersten Schüssen erhob sich ein Stimmengewirr, das jeder Beschreibung spottete. Die allerverschiedensten Töne wurden laut: alles quiekte, kreischte, schrie, grunzte, brüllte und brummte wirr durcheinander. Alles flüchtete nach der entgegengesetzten Seite des Berges zu. Bei Schüssen aus größerer Nähe hielten sämtliche Affen an, schrien entsetzlich auf und faßten die Felsen, als wollten sie sich versichern, daß sie nicht heruntergeworfen würden. Weibchen und Junge verließen augenblicklich alle den Geschossen zugängliche Felsplatten, die Männchen aber rückten abwechselnd bis an den Rand der Gesimse vor und schauten wutfunkelnden Auges in die Tiefe, ihren Ingrimm durch heftiges Schlagen mit der Hand auf den Felsen bezeugend. Sie gingen sogar zum Angriff über, wenn auch nicht mit Händen und Zähnen, so doch dadurch, daß sie große Steine herausrissen und auf die menschlichen Störenfriede herabrollten. Man hatte genug zu tun, um diesen gefährlichen Geschossen auszuweichen. Mehrere Minuten war der Steinhagel so arg, daß er das schmale Alpental vollständig versperrte und die ganze Karawane zum Halten zwang. Es war eine richtige Affenschlacht! Ein besonders starkes Affenmännchen erstieg sogar mit einem großen Stein im Arme mühsam einen Baum und schleuderte dann von dessen Wipfel aus sein Geschoß mit um so kräftigerem Nachdruck und mit größerer Sicherheit. Ein Leopard gedachte bei diesem Kampfe im Trüben zu fischen und stürzte sich auf einen schwer angeschossenen Pavian. Aber die aufmerksamen Affen hatten den Mordanfall eher gesehen als die blindlings ihrer Jagdlust frönenden Menschen. Ungeachtet ihrer Angst vor den fortgesetzt fallenden Schüssen rückten sie sofort auf der Platte vor, und einige alte Männchen machten sich fertig, nach unten hinab zu klettern, um dem Angefallenen zu Hilfe zu kommen. Ihre Aufregung war furchtbar, ihre Wut überstieg alles, was Brehm je bei Affen beobachtet hatte.
Die Herde ging schließlich weiter unterhalb auf die andere Talseite hinüber und stieß dabei abermals mit der Karawane zusammen. Die mitgeführten Hunde, mutige Tiere, gewohnt, jeder Hyäne entgegenzutreten, stutzten einen Augenblick und stürzten sich dann mit freudigem Gebell auf die Paviane. Im Nu waren sie mitten unter der Affenherde, aber ebenso rasch auch von den stärksten Männchen der Paviane umringt und förmlich gestellt. Brüllend und wutschnaubend zeigten die Affen ihre fürchterlichen Gebisse den Hunden in so bedrohlicher Nähe, daß diese es vorzogen, vom Kampf abzustehen und beim Menschen Zuflucht zu suchen. Während sie von neuem ermuntert und angehetzt wurden, hatten die Affen ihren Weg fortgesetzt und bis auf wenige Nachzügler das Tal überschritten. Unter diesen Nachzüglern befand sich ein kleiner, etwa halbjähriger Bursche, der etwas entfernt von den andern seines Weges ging. Auf ihn hetzte man jetzt die Hunde. Sie gingen an und hatten bald den Affen, der auf einen Felsblock geflüchtet war, regelrecht gestellt. So schnell als möglich eilten die Menschen den Hunden zu Hilfe, sich schon mit der Hoffnung schmeichelnd, den jungen Pavian lebendig fangen zu können. Allein diese Hoffnung wurde gänzlich vereitelt. Auf das jammervolle Zetergeschrei des geängstigten Jungen hin kehrte nämlich vom andern Ufer her ein gewaltiges Männchen zurück, um ihm beizustehen. Ernst und würdevoll durchschritt er das Tal; ohne sich um die Hunde auch nur im geringsten zu kümmern, ging er schnurstracks auf sein Ziel los, mitten durch seine verblüfften Feinde hindurch, sprang auf den Felsen zu dem Jungtier, ermunterte es durch allerlei Zeichen und Gebärden, mit ihm zu gehen, und geleitete es dann ruhig und furchtlos nach dem andern Ufer, in dessen Dickicht beide alsbald verschwanden. Die Hunde setzte er durch wütendes Grunzen derart in Furcht, daß keiner es wagte, ihn oder seinen Schützling anzugreifen.
In Westsibirien