Chapter 6 of 7 · 3937 words · ~20 min read

Part 6

Die tote Steppe Westsibiriens, einen Tagemarsch von Semipalatinsk, sonst nur der Tummelplatz von Steppenkiebitzen, Rotfußfalken und kohlschwarzen Mohrenlerchen, hatte sich über Nacht plötzlich mit lärmendem und buntscheckigem Leben erfüllt. Bei einem tropfenweise rinnenden Wässerchen standen eine Reihe besonders großer und schöner Jurten (Filzzelte), außen zierlich geschmückt mit kunstvoller Näherei und aufgeheftetem bunten Zierat aus stilvoll verschnörkelten Tuchflittern, innen mit kostbaren Teppichen und seidenen Decken, die rings an den Wänden hingen und den Boden bedeckten. Diese heimeligsten und vollkommensten aller Zelte beherbergten augenblicklich den weitgebietenden Statthalter des russischen Zaren, den General Poltaratzky nebst Familie und Gefolge, und bei ihm befanden sich als hochgeehrte Gäste drei Deutsche, unser Brehm, sein Berufsgenosse Dr. Otto Finsch aus Bremen und ein württembergischer Offizier, Graf Waldburg-Zeil-Trauchburg, die im März 1876 gemeinsam eine Forschungsreise nach Westsibirien angetreten hatten. Der General hatte sie mit echt russischer Gastfreundschaft zu einer Treibjagd auf Archare, die riesigen Wildschafe dieses Landes, eingeladen und dazu als ortskundige Gehilfen auch die in der Umgegend ansässigen Kirgisen aufgeboten. Und sie waren alle erschienen: Sultane, Gemeindevorsteher und andere Vornehme des Volkes der Steppe mit Schützen und Treibern und Stegreifdichtern, Jagd- und Rennpferden, mit gezähmten, auf Fuchs und Wolf, Murmeltier und Antilope abgetragenen Steinadlern, langhaarigen Windhunden, Kamelen und Saumtieren und was noch sonst erforderlich ist nach des Landes Brauch und Sitte. Das war so recht etwas für Brehm, der so gerne fremde Völker beobachtete und ihre Sitten ergründete.

Es herrschte eine etwas gedrückte Stimmung, denn der soeben beendigte erste Jagdtag war durchaus nicht nach Wunsch verlaufen. Ein Wolf war gefehlt worden, und das einzige Wildschaf im Triebe hatten die nächststehenden Schützen gar nicht bemerkt. Man hatte sich dann an reichbesetzter Tafel niedergelassen, aber da hatte plötzlich lauter Zuruf die Schmausenden aufgeschreckt. Aufspringend sah man fünf stattliche Archarböcke über das Gefels dahineilen, die sich dem Trieb in einem Seitental entzogen gehabt hatten. Eiligst griff alles nach den Büchsen, warf sich auf die Pferde und jagte dem edlen Wilde nach. Zu spät! Obwohl die Schafe nur trabten, war doch in dem unwegsamen Gelände kein Pferd imstande, sie einzuholen. Ruhig, stolz und bedachtsam waren sie weitergezogen und bald im zerklüfteten Gefels verschwunden. Man unterhielt sich jetzt über dieses unerhörte Mißgeschick. „Für mich war es überhaupt keines,“ sagte Brehm, „denn ich hatte doch das Glück, die gewaltigen Tiere hier in ihrer Heimat frei und in voller Bewegung zu sehen. Und dann war doch das ganze Bild dieser Gebirgsjagd mit berittenen Treibern so eigenartig und fesselnd, wie eine Jagd überhaupt nur sein kann.“ -- „Sehr richtig,“ stimmte Finsch bei, „und morgen ist ja auch noch ein Tag.“ -- „An dem uns die launische Diana hoffentlich etwas huldvoller gesinnt sein wird als heute,“ seufzte der schießlustige Graf.

[Illustration: Kartenausschnitt zu Brehms Reise nach Westsibirien]

Der nächste Morgen war bitter kalt. Wohl achtzig Reiter zogen diesmal in buntem Getümmel hinaus zum Felsengebirge. Hinter ihnen drein stelzten Kamele, mit einer Jurte, Küchengerät und Lebensmitteln befrachtet. Der Trieb begann. Reitend erkletterten die Treiber den steilen Höhenzug. Hier und da erschien einer von ihnen auf der Spitze der Felsen, die er erklommen, verschwand aber bald darauf wieder im Gestein. Kein einziger von ihnen wich trotz der Schwierigkeit des Geländes von der ihm angewiesenen Richtung ab. Wie Ziegen kletterten die belasteten Pferde in den Felsen umher, denn wo noch eine Ziege ihren Pfad findet, da kommt auch der kirgisische Reiter noch durch. Einem geübten Bergsteiger boten die Granitwände und Kegel allerdings nirgends unüberwindliche Schwierigkeiten, aber Reiter hatte Brehm doch niemals in derart zerklüftetem Gelände den Weg suchen und finden sehen. Stundenlang währte der Trieb, das bewegungslose Ausharren auf den angewiesenen Ständen wurde bei dem eisigen Schlackwetter zur Qual. Ein Wildschaf mit zwei Lämmern zog in mehr als doppelter Schußweite an Brehm vorüber. Von den Böcken keine Spur. Schon näherte sich der Trieb seinem Ende. Da endlich rieselten Steine hoch oben über Brehm, und wenige Minuten später stieg ein starker Archarbock, meist durch Felsen gedeckt und nur für Augenblicke sichtbar werdend, in Büchsenschußweite neben Brehms Stand in die Tiefe. Endlich zeigte er sich frei, und dröhnend hallte Brehms Schuß durch die Felsenwildnis. Sichtlich krank zog der Bock, von Zeit zu Zeit stehen bleibend, langsamer dem gegenüberliegenden Gebirgszuge zu. Ein zweiter Schuß, schon aus zu großer Entfernung abgegeben, blieb wirkungslos. Schnell entschlossen verließ Brehm seinen Stand, durcheilte das Tal und kletterte dann an der jenseitigen Bergwand empor, so rasch es das Gefels und die Lunge nur irgend gestatten wollten, um sich in einem Querschnitt des Kammes erneut anzusetzen. Der erfahrene Tierkenner hatte richtig berechnet. Noch keuchte die Brust und zitterten die Glieder von der gewaltigen Anstrengung, als dasselbe Wildschaf hoch über ihm auf die äußerste Kante des Felsens trat, um zu sichern. Aber noch ehe es den Jäger erspähen konnte, hatte ihm dessen sichere Kugel das Herz durchbohrt, und wie ein schwerer Felsblock stürzte es leblos herab. Staunender Jubelruf aus zwanzig Kirgisenkehlen hallte im Gebirge wider. Von allen Seiten sprengten und kletterten Reiter herbei. Vier kräftige Männer schleppten mühsam die schwere Beute zur Tiefe. Allseitig beglückwünscht, ritt man heim zu den Jurten. Die Kirgisen rühmten Brehms Jägergeschick und Treffsicherheit, die Gefährten sein Jagdglück.

Vor den Jurten wogte es in buntem Durcheinander. Unter lebhaftestem Gebärdenspiel gaben diejenigen Steppenleute, die dem Schluß der Jagd beigewohnt hatten, ihren Gefährten Bericht. Brehm war zum Helden des Tages geworden und hatte selbst den Sänger des Stammes begeistert, denn der ließ in langem Vorspiel seine einfache Laute erklingen und hob dann einen Gesang an, in dem er den General und seine Gemahlin und die übrigen Europäer mit seiner „roten Zunge“ begrüßte und dann des deutschen Forschers jagdlichen Erfolg verherrlichte. Der Tag wurde zum Feste. Die Jagdfertigkeit der Kirgisen hatte man zur Genüge kennen gelernt, ihre Steinadler und Windhunde mit gebührender Teilnahme betrachtet, den Worten ihres Sängers bewundernd gelauscht. Nunmehr mußten Ringer und Rennpferde ihre Kräfte üben. Reckenhaft gebaute Männer stellten sich einander zum Wettkampf; hochedle, wenn auch nach unseren Begriffen nicht vollendet schöne Pferde, geritten von sechs- bis achtjährigen Knaben, stürmten in die Steppe hinaus, um im Wettlauf vierzig Kilometer auf pfadlosem Gelände zurückzulegen. Beide, Ringkämpfer wie Rennpferde, entzückten durch ihre Leistungen Kirgisen wie Europäer. Es war wohl einer der stolzesten und schönsten Tage in Brehms reichem Forscher- und Jägerleben.

Obwohl die deutsche wissenschaftliche Expedition nach Westsibirien in ihrem ganzen Verlauf von der russischen Regierung auf das großzügigste unterstützt und gefördert wurde, hat sie durch eine Verkettung widriger Umstände ihr eigentliches Endziel doch nicht erreicht. Man war von Tomsk aus fast 400 geographische Meilen weit den majestätischen Ob hinuntergefahren, der ein größeres Stromgebiet umfaßt als alle Ströme Westeuropas zusammengenommen. In einem Tale, dessen Breite zwischen 10 und 30 Kilometer wechselt, strömt er dahin, mit unzähligen Armen zahllose Inseln umschließend, oft zu unabsehbarer seeartiger Fläche sich breitend. Weidenwaldungen in allen nur erdenklichen Wachstumszuständen decken die ewig durch die umgestaltenden Fluten bewegten, bald ihnen verfallenen, bald wieder neu von ihnen aufgebauten Ufer und Inseln. Arm und ärmer wird das Land, dürftiger und lichter werden die Wälder, unansehnlicher und armseliger die wenigen Siedlungen, je weiter man stromabwärts kommt. An die Stelle des Bauern tritt der Fischer und Jäger, an die Stelle des Viehzüchters der Renntierhirt. An der Schtschutschja wurde die letzte russische Niederlassung erreicht. Von hier aus sollte es mit Hilfe von Ostjaken, die in kegelförmigen Hütten aus Birkenrinde (sog. „Tschum“) hausen, auf Renntierschlitten durch die unendlich vor den Reisenden sich ausbreitende Tundra weitergehen. Alles hatte Brehm auf Grund seiner Erfahrungen für diese schwierige Reise aufs beste und bis in die geringsten Kleinigkeiten hinein vorbereitet, und doch erlag er einem ebenso unerwarteten wie furchtbaren Gegner, dem er erliegen mußte, weil er ihn nicht kannte, sich also auch nicht gegen ihn wappnen konnte.

An der Schtschutschja waren wider alles Erwarten keine Renntiere aufzutreiben. Es hieß, die Herden ständen neun Tagereisen entfernt auf bestimmten Weideplätzen im Ural, und so blieb nichts weiter übrig, als die Reise mit Fußmärschen zu beginnen und alle Beschwerden und Entbehrungen einer langen Wanderung durch unwegsames, nahrungsloses, mückenerfülltes, menschenfeindliches und nahezu unbekanntes Gebiet auf sich zu nehmen. Erst nach langen Beratungen mit den freundlichen, aber unsäglich schmutzigen Eingeborenen wurden die Reisevorbereitungen beendigt, sorgfältig die Lasten abgewogen, die jeder auf seinen Rücken laden sollte; denn drohend stand das Gespenst des Hungers vor den mutigen Forschern. Unverrichtetersache umkehren wollten sie aber keinesfalls, obwohl sie wußten, daß nur der Wanderhirt, nicht aber der Jäger imstande ist, sein Leben in der Tundra zu fristen, obwohl sie die unsagbaren Mühseligkeiten ahnten, die der pfadlose Weg, die Wetterwendigkeit des Himmels, die Unwirtlichkeit der Tundra überhaupt bereiten würden, und die entsetzlichen Qualen, die das unerschöpfliche Heer blutgieriger Stechmücken mit sich bringt.

In kurze Pelze gehüllt, keuchend unter der dem Rücken aufgebürdeten Last, stapften sie, ununterbrochen Tag und Nacht, von den Mücken gequält und zerstochen, mühselig durch traurige Einöde, alle halbe Stunden vor Erschöpfung umsinkend und doch der Mücken wegen ohne Erholung. Unfreundlicher, als es geschah, konnte die Tundra die deutschen Gelehrten nicht gut empfangen. Unablässig peitschte der Wind feinen, eiskalten Regen in die Gesichter, und in den durchnäßten Pelzen mußte man sich auf den wie ein Schwamm mit Feuchtigkeit vollgesogenen Moosboden niederlegen, ohne ein schützendes Obdach über, ohne ein wärmendes Feuer neben sich, unablässig gequält von den entsetzlichen Mückenschwärmen. Man kam aber doch wenigstens vorwärts, wenn auch nur langsam, und groß war die Freude, als Brehms Fernrohr eines Tages zwei einsame Tschums erkennen ließ und um sie herum eine Menge Renntiergestalten. Beglückt eilte man darauf zu; jetzt mußte ja alle Not ein Ende haben, und eine erfolgreiche Fortsetzung der Reise erschien gesichert. Aber Entsetzen weitete Brehms Blicke beim Näherkommen, denn der Anblick, der sich ihnen bot, war furchtbar und grauenhaft. Um die ärmlichen Behausungen herum lagen zu Dutzenden verendete Renns, Hirsche, Tiere und Kälber; andere wanden sich in den letzten Zuckungen, und auch die noch aufrecht stehenden trugen schon den Tod im Herzen, wie der weiße, blasige Schleim vor Maul und Nase deutlich verriet. Kein Zweifel -- hier wütete der Milzbrand, die fürchterlichste, auch für den Menschen gefährlichste aller Viehseuchen, ein unerbittlicher, ohne Wahl und Gnade vernichtender Todesengel, der in Asien ganze Völkerschaften verarmen macht und dessen verderbenbringendem Würgen der Mensch ohnmächtig gegenübersteht.

[Illustration: Renntierseuche auf der Tundra Sibiriens

Nach der Natur gezeichnet von O. Finsch im Jahre 1877]

Verzweiflungsvoll, wie vor den Kopf geschlagen, irren die ostjakischen Besitzer der Herde zwischen den sterbenden und verendenden Tieren hin und her, um in sinnloser Gier so viel zu retten, wie zu retten noch möglich ist. „Obwohl nicht unkundig der furchtbaren Gefahr, der sie sich aussetzen, wenn auch nur der geringste Teil eines Blutstropfens, ein Stäubchen des blasigen Schleimes mit ihrem eigenen Blute sich mischt, obschon vertraut mit der Tatsache, daß bereits Hunderte ihres Volkes unter entsetzlichen Schmerzen der unheilvollen Seuche erlagen, arbeiten sie doch mit allen Kräften, um die vergifteten Tiere zu entfellen. Ein Beilschlag endet die Qualen der sterbenden Hirsche, ein Pfeilschuß das Leben der Kälber, und einige Minuten später liegt das Fell, das noch nach Wochen ansteckend wirken kann, bei den übrigen, tauchen die blutigen Hände den vom Leibe der Kälber losgelösten Bissen in das in der Brusthöhle des erlegten Tieres sich sammelnde Blut, um ihn roh zu verschlingen. Schinderknechten gleichen die Männer, scheußlichen Hexen die Frauen, im Aase wühlende, blutbeschmierte, bluttriefende Hyänen sind die einen wie die andern; achtlos des über ihrem Haupte schwebenden, nicht an einem Roßhaar, sondern an einer Spinnwebe aufgehängten, toddrohenden Schwertes zerren und wühlen sie weiter, unterstützt sogar schon durch ihre Kinder, von halberwachsenen Knaben an bis zu den von Blut triefenden, kaum dem Säuglingsalter entwachsenen Mädchen herab.“

Für fünf der gierigen Schlinger wurde dieses widerwärtige Schwelgen zur Todesmahlzeit. Entsetzt verließ Brehm mit den Seinen diese Stätte des Grauens. Einige anscheinend noch gesunde Renntiere nahm man mit. Aber auch sie trugen schon den Todeskeim in sich und brachen unterwegs zusammen. Wieder Fußmarsch mit all seinen Beschwerden durch weglosen Morast bis zum nächsten Weideplatz. Das Gespenst des Hungers bedrohte die bis zum Tod erschöpften Männer! Regelmäßige oder ausgiebige Mahlzeiten gab es nicht mehr. Es war schon ein besonderer Glückstag, wenn es einmal gelang, einen armseligen Regenpfeifer zu erlegen oder eine Doppelschnepfe oder ein Moorhuhn. Gierig hockten dann die drei ausgehungerten Deutschen um den Bratspieß herum und verzehrten die wenigen schmalen Bissen. Endlich wurde der neue Weideplatz erreicht. Auch hier dasselbe Bild! Auch hier wütete die Seuche! Es half alles nichts: Brehm mußte sich zur Umkehr entschließen, ohne das ersehnte Polarmeer erreicht zu haben, wollte er nicht leichtsinnig das Leben der Gefährten aufs Spiel setzen. In sehr ernster Stimmung und unter immer fühlbarer werdendem Mangel zog man wieder der Schtschutschja zu. Unterwegs erlag noch einer der ostjakischen Begleiter, ein besonders heiterer und williger Bursche, der furchtbaren Seuche und wurde nach heidnischer Sitte in der weiten Tundra begraben. Brehm hatte einmal das Glück, eine ganze Familie Wildgänse zu schießen, und an diesem Tage konnte man sich zum ersten Male wieder satt essen, ohne um den einzelnen Bissen zu kargen. Alle atmeten erleichtert auf, als sie die Fluten des Ob wieder erblickten. Es war ihnen, als seien sie der Hölle entronnen. „Nach der Tundra ziehe ich wenigstens nicht wieder,“ hat Brehm später freimütig geäußert.

Im übrigen pflegte er zu sagen, daß die sibirische Reise, die er mit Vorliebe in seinen herrlichen Vorträgen behandelte, mehr einer Hetzjagd als einer Forschungsreise geglichen habe. In der Tat, soviel ihm im Sudan das Fieber zu schaffen machte, soviel auf seinen späteren Reisen der leidige Zeitmangel. Weder in Spanien noch auf der Donau, weder in Sibirien noch in Abessinien verblieb ihm genügend Zeit, seine Beobachtungen in der gewünschten Weise abzuschließen und abzurunden. Gerade auf Forschungsreisen wird die Zeit zum kostbarsten aller Güter, Mangel an Zeit aber zum schlimmsten Feinde des sammelnden Forschers. Mehr als jeder andere Reisende muß er die Stunde, den Augenblick in seiner Weise wahrnehmen können, ohne sonstwie behindert zu sein. Eine einmal gebotene Gelegenheit kehrt oft niemals wieder. „Freie Zeit“ gibt es für den sammelnden oder beobachtenden Forscher nicht, denn die Zeit ist es, die für ihn das alleinige, allzeit notwendige Mittel zur Verständigung mit der Natur ist und bleibt.

Mit dem Kronprinzen Rudolf auf der unteren Donau

Kronprinz Rudolf von Österreich kam an einem schönen Frühlingsabend des Jahres 1877 von anstrengender Adler- und Geierjagd aus den versumpften Auenwäldern der Donau beim Draueck zurück. Sein Wagen durchfuhr in flottem Trabe die kleine Ortschaft Kovil, an deren Landungsstelle ein schmucker Räderdampfer als gegenwärtiges Standquartier des Erben der habsburgischen Kaiserkrone vor Anker lag. Zwischen Ort und Strand zogen sich weite Wiesenflächen hin, die aber seit diesem Morgen knietief unter Wasser standen. Als der Blick des Kronprinzen beim Herauskommen aus dem Städtchen auf sie fiel, bog er sich plötzlich vor Lachen, bis ihm die Tränen in die Augen traten. Zum Teufel, was hatte da dieser Tausendsassa von Brehm wieder angestellt! Er hatte ja ein so unglaubliches Geschick, sich bei der urwüchsigen serbischen Bevölkerung dieser Gegenden beliebt zu machen, ihr Achtung einzuflößen und beides dazu zu benutzen, ihre eigenartigen Nationaltänze, Trachten und Sitten zu studieren. So hatte er schon am Abend vorher auf der grünen Wiesenfläche vor dem Dampfer einen großen Reigentanz (Kolo) veranstaltet, und die Jungfrauen des Ortes waren bereitwillig dem Wunsche des fremden und anscheinend doch sehr vornehmen Reisenden gefolgt. Heute nun wollte Brehm dies kleine Volksfest wiederholen, aber die eingetretene Wiesenüberschwemmung verursachte einige Hindernisse. Brehm thronte deshalb hoch oben auf dem Bugspriet des Dampfers und leitete von da aus die Unterhaltung, die sich in bis über die Knie reichendem Wasser abspielte, was aber den Reiz der Sache in den Augen der Zuschauer nur erhöhte, da die Tänzerinnen gezwungen waren, ihre bunten Kleider durch entsprechendes Hochraffen vor allzu inniger Berührung mit dem feuchten Element zu schützen. Einige Mädchen kamen dann noch auf das Verdeck, um Blumensträuße zu überreichen, und bald darauf setzte sich der Dampfer unter den Hochrufen der gesamten Bevölkerung in Bewegung.

[Illustration: Brehm mit dem Kronprinzen Rudolf von Österreich auf der Jagd in Kroatien

Nach einer Originalzeichnung für den „Kosmos“ von W. Planck]

Wie kam nun aber unser Freund zu so vornehmen Beziehungen, wie gelangte er hierher in die weltentlegene Einsamkeit der unteren Donau-Auen? Schon vor Jahr und Tag hatten sich zunächst briefliche Beziehungen zwischen dem bereits zu europäischer Berühmtheit gelangten Forscher und dem hochbegabten Kronprinzen angesponnen, der das lebhafteste Interesse für Vogelkunde zeigte und bald zu einem eifrigen Schüler des von ihm hoch und aufrichtig verehrten Brehm wurde. Bald ergaben sich auch persönliche Zusammenkünfte, die im Laufe der Zeit ein wahres Freundschaftsverhältnis zwischen Thronerbe und Forscher entwickelten. Es war keineswegs bloße Jagdlust, die den später so unglücklich endenden Kronprinzen zur Vogelkunde führte, und er beschäftigte sich keineswegs nur laienhaft oberflächlich mit ihr, sondern er arbeitete ernsthaft, nachdrücklich und erfolgreich mit an den wissenschaftlichen Streitfragen. Damals erregte die „Adlerfrage“ die Gemüter und gab zu erbitterten Fehden Anlaß. Man stritt sich darum, ob Stein- und Goldadler verschiedene Arten oder nur verschiedene Färbungsphasen der gleichen Art seien. Der Kronprinz bemühte sich redlich, seinen Freund aus dem weiten Gebiete der vogelreichen Doppelmonarchie mit Adlermaterial zu versorgen, und eines Tages überraschte er ihn gar durch die Frage:

„Wollen Sie mich zu Adlerjagden nach Südungarn begleiten? Ich habe bestimmte Nachrichten von vielleicht 20 Adlerhorsten und glaube, daß wir alle werden lernen können, wenn wir sie besuchen und fleißig dabei beobachten.“ Zwanzig Adlerhorste! Welche Versuchung für einen im raubvogelarmen Deutschland wohnenden Vogelforscher! Brehm hätte ja nicht der Sohn seines Vaters sein dürfen, wenn er nicht freudig eingeschlagen hätte. Außer ihm nahm auf Einladung des Kronprinzen noch ein zweiter deutscher Ornithologe an der Fahrt teil, der Baron Eugen Ferdinand von Homeyer aus Pommern, ferner der dem Kronprinzen persönlich befreundete Graf Bombelles und Rudolfs Schwager, Prinz Leopold von Bayern. Dem bekannten Wiener Präparator Hodek nebst Sohn und Gehilfen war das Geschäft des Abbalgens übertragen.

Die nur 15tägige Reise, bei der aber jede Minute ausgenützt wurde, gehört sicherlich zu den glücklichsten und ungetrübtesten Zeitabschnitten in Brehms vielbewegtem Leben. Kein Mißklang störte sie, von Anfang bis zu Ende klappte alles tadellos. Das war nun freilich eine ganz andere Stromfahrt als vor Jahren auf dem Nil in gebrechlicher Segelbarke mit widerspenstigem nubischem Schiffsvolk. Jetzt war für das Behagen und die Bequemlichkeit der Forscher in einer geradezu glänzenden Weise gesorgt. Nachts trug das brave Schiff sie mit der Geschwindigkeit und Sicherheit der Dampfmaschine dem neuen Tagesziele zu. Schon im Morgengrauen wurde aufgestanden, rasch gefrühstückt, die erste Zigarre geraucht und dann an Land gegangen, wo schon Wagen oder kleine Boote bereitstanden, um die einzelnen Jäger nach den ihnen zugewiesenen Revierteilen zu bringen. Ortskundige Grünröcke geleiteten sie dann zu Fuß nach den vom Forstpersonal vorher sorgfältig ausgekundschafteten Horsten, und nun hieß es, sich in Geduld zu fassen und Dianas Gunst zu erflehen, um den am Horste an- oder abstreichenden Adler oder Geier zu Schuß zu bekommen. War ein Horst mit oder ohne Erfolg erledigt, so befand sich gewöhnlich noch ein zweiter und dritter in der Nähe, an dem das Weidmannsheil erneut versucht werden konnte.

Den mächtigen Seeadler, den Brehm von Afrika her nur als räuberischen Wintergast kannte, durfte er hier an seiner umfangreichen Knüppelburg belauschen, und den gewaltigen Kuttengeier, den er im Sudan so oft beim Aase gestreckt hatte, konnte er hier von seiner Kinderwiege mit sicherer Kugel herabschießen. Besonders anregend war es für ihn, die zwischen diesem feigen Riesenvogel und dem kleineren, aber schneidigeren, kräftigeren und gewandteren Steinadler bestehende Todfeindschaft zu beobachten. Der Haß dieser großen Raubvögel gegeneinander ist ganz merkwürdig. Kronprinz Rudolf sah sogar einmal, wie Adler und Geier, in einen einzigen Knäuel verkrallt, sich wütend im Geierhorste herumwälzten, wobei der Horst wankte, Äste brachen und Wolken von Staub aufstiegen, bis schließlich der mächtige Geier herausgeworfen wurde und erschöpft auf einen niedrigeren Ast heruntertaumelte, wo die Kugel des Prinzen seinem Leben ein Ziel setzte. Auf diesen Schuß hin stürzte aber aus dem Horste nicht nur der siegreiche Steinadler hervor, sondern auch das brütende Geierweibchen, auf dessen breitem Rücken sich also offenbar der ganze erbitterte Kampf abgespielt hatte!

[Illustration: Alfred Edmund Brehm

Nach einer zeitgenössischen Aufnahme]

Abends kamen alle fünf Jäger aus den verschiedensten Richtungen her mit ihrer Beute wieder beim Schiff zusammen, wo schon ein reichliches Abendessen ihrer harrte und beim Becherklang die gegenseitigen Erfahrungen ausgetauscht wurden. War dann die Verdauungszigarre auf Deck geraucht, so ging es an die Abfassung der Tagebücher, und schließlich wollten auch die erlegten Vögel noch näher untersucht und gemessen sein. Das war namentlich bei den großen Geiern keine ganz angenehme Arbeit, vor der sich deshalb namentlich Prinz Leopold, der einzige noch lebende Teilnehmer dieser Frühlingsfahrt auf der Donau, und Graf Bombelles gern zu drücken suchten. Ohne eine Zigarre im Munde konnte man sich der unheimlich nach faulenden Kadavern duftenden Beute wirklich nicht nähern, und der Kronprinz brachte kein geringes Opfer, wenn er darauf bestand, alle Maße der Tiere ganz genau zusammen mit Brehm zu nehmen.

Der letzte Abend an Bord war eine wundervolle Maiennacht. Die Grillen zirpten laut an den Gestaden des majestätischen Stroms, leise rauschten die Wellen, und die weite ungarische Ebene dehnte sich in verschwommenen Umrissen endlos vor den Blicken. Unzählige Sterne glänzten am Himmel, und die Mondessichel stand klar und silberhell am Firmamente, sich in den Wellen des Stromes widerspiegelnd. Rudolf und Brehm blieben diesmal noch lange Stunden auf dem Verdeck, die herrliche Nacht bewundernd. Sie sprachen von den schönen Erinnerungen dieser Reise und entwarfen Pläne für neue Forscherfahrten. Die Freundschaft zwischen beiden ist nie getrübt worden und hielt trotz mancher Quertreibereien unvermindert bis zu Brehms Tode an, der auch für den Habsburgersproß zu früh kam.

Nach Amerika

Auch die Neue Welt hat Brehm kennen gelernt, freilich nur flüchtig und nicht als Forscher in Wasserstiefeln, Jagdjoppe und Lodenhut, sondern als Vortragsredner in Lackschuhen, Frack und Oberhemd. Er hat wohl keine seiner Auslandreisen so schweren Herzens angetreten wie gerade diese, die seine letzte sein sollte. Hatte doch der Würgengel Diphtheritis in seinem stillen, rosenumhegten Heim in Renthendorf seinen Einzug gehalten und alle fünf Kinder ergriffen. Eine hohe Geldstrafe wäre beim Nichteinhalten des Vertrages zu zahlen gewesen, und der Arzt glaubte die beruhigendsten Versicherungen geben zu dürfen. In der Tat genasen vier von den Kindern, aber als Brehm seinen Fuß auf den amerikanischen Boden setzte, traf ihn wie ein Keulenschlag die niederschmetternde Nachricht, daß sein Liebling, der jüngste Sohn, das letzte Vermächtnis der unvergeßlichen Lebensgefährtin, der tückischen Krankheit erlegen sei. Tief erschüttert erledigte er fast mechanisch die schwere Arbeit von 50 Vorträgen, mit echt amerikanischer Rücksichtslosigkeit vorwärtsgepeitscht von seinem unbarmherzigen Manager, bis ihn schließlich im Mississippi-Tale die alte Malaria, der die seelische Aufregung vorgearbeitet haben mochte, niederwarf. Als ein an Körper und Seele gebrochener Greis mit grauem Haar und trübem Blick kehrte er zurück. Schon am 11. November 1884 erlöste den erst 55jährigen ein Schlaganfall von weiteren Leiden. In seinem geliebten Renthendorf hat man den Rastlosen an der Seite des Vaters zur letzten Ruhe bestattet. Der schlichte Grabhügel wölbt sich über einem Edelmenschen im vornehmsten Sinne des Wortes, über einem Manne, auf den sein Vaterland mit Recht stolz sein darf.

Schlußwort

Nicht selten kann man die Meinung hören, daß Brehms Forschungsergebnisse, die ja nun schon 5–8 Jahrzehnte zurückliegen, heute im Zeitalter des Kraftwagens und des Kurbelkastens längst überholt und veraltet seien. Freilich braucht heute der Forscher, dem alle die großartigen Hilfsmittel neuzeitlicher Technik zur Verfügung stehen, zur Ausführung solcher Reisen, wie Brehm sie machte, höchstens so viel Monate, vielleicht sogar nur Wochen wie dieser Jahre, und er bringt nicht nur abgebalgte Tiere, sondern auch mehr oder minder schöne und ehrliche Filmaufnahmen zurück, die dann im Vortragssaale wieder lebendig werden. Von solchen Dingen konnte Brehm natürlich noch keine Ahnung haben, aber dafür verstand er mit Wort und Feder besser und anschaulicher zu malen als der photographische Apparat mit seinen lichtempfindlichen Platten. Die mit allen Hilfsmitteln der Gegenwart ausgerüsteten Expeditionen bringen größere Ausbeuten heim, aber in einer Beziehung stehen sie doch vielfach hinter den Brehmschen zurück: in der liebevollen, eingehenden und sorgfältigen Beobachtung der in fremden Ländern angetroffenen Tierwelt.