Part 1
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Anmerkungen zur Transkription
Der vorliegende Text wurde anhand der Buchausgabe von 1924 so weit wie möglich originalgetreu wiedergegeben. Offensichtliche Fehler wurden stillschweigend korrigiert. Ungewöhnliche und heute nicht mehr verwendete Schreibweisen bleiben gegenüber dem Original unverändert.
Das Inhaltsverzeichnis wurde der Übersichtlichkeit halber an den Anfang des Buches versetzt.
Der Originaltext wurde in Frakturschrift gesetzt. Besondere Schriftschnitte werden im vorliegenden Text mit Hilfe der folgenden Symbole gekennzeichnet:
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Der deutsche Spielmann
Eine Auswahl aus dem Schatze deutscher Dichtung für Jugend und Volk
Herausgegeben von Dr. Ernst Weber
Frühling
Der deutsche Lenz und was er blühn und werden läßt
Bildschmuck von Hans von Volkmann
Vierte, veränderte Auflage
✤
+München 1924+ Georg D. W. Callwey ✤ Verlag des deutschen Spielmanns
Druck von Kastner & Callwey, München
Inhalt
Seite
Geleitspruch des deutschen Spielmanns 3
Kalter Frühlingsabend (Liliencron) 4
Frühlingsahnung (Uhland) 4
Schneeglöckchen (Storm) 4
Im Omnibus (Gilm) 4
Der Veilchenstrauß (Trojan) 6
Am Mühlengraben (Storm) 8
Vom Kirschbaum (Avenarius) 8
Vorfrühling (Heyse) 11
Wirbelnde Flocken (Weber) 11
Frühlingsnähe (Greif) 11
Er ist’s (Mörike) 12
Das kranke Kind (Gilm) 12
Die Meise (Seidel) 13
Frühlingsbotschaft (Greif) 14
Der Wind (Zoozmann) 14
Märznacht (Uhland) 16
Eine Morgenwanderung (Flaischlen) 16
Knabenlust (Fischer) 23
Wag’s! (Fontane) 23
Glaube (Uhland) 24
Trost (Wallpach) 24
Schwalbenmärchen (Freiligrath) 25
Dornröschen (Brüder Grimm) 26
Frühlingsgruß (Eichendorff) 31
Fallende Blüten (Sergel) 32
Die seidenen Döckchen (Volksmund) 32
Frühlingsstimmen (Trojan) 32
Lerchen (Faktor) 33
Maiglöckchen und die Blümelein (Fallersleben) 34
Die Amsel (Seidel) 35
Die schwarze Amsel (Volksmund) 35
Der Nimmersatt (Blüthgen) 35
Das Blumenbeet (Goethe) 36
Die Frösche (Goethe) 37
Winterbericht (Löwenstein) 37
Der Storch ist da (Greif) 38
Klapperstorch (Volksmund) 38
Kuckuck (Volksmund) 39
Der Zweig und der Vogel im April (Löwenstein) 39
Frühlingsregen (Wille) 40
Aprilwetter (Greif) 43
April (Löwenstein) 43
Das arme Vöglein (Fallersleben) 44
An den Mai (Mörike) 45
Mailied (Scheffel) 45
Nochmals vom Kirschbaum (Avenarius) 46
Der Säemann (Conrad) 47
Säerspruch (Meyer) 50
Junge Kätzchen (Jacobowski) 50
Der Sperling (Volksmund) 50
Spatzenausflug (Güll) 53
Bei Goldhähnchens (Seidel) 54
Unser Fritz (Mörike) 55
Ritter Mai (Kernstock) 56
Die Kurfürsten (Storm) 57
Kling hinaus (Heine) 57
Was im Maien Wunder man gewahrt (Vogelweide) 57
Begegnung (Falke) 57
Uebersehen (Greif) 58
Frühlingsgespenster (Sturm) 59
Maienkäferlied (Volksmund) 60
Gedenk! (Eichendorff) 60
Lenzfahrt (Greif) 60
Der Mai (Geibel) 61
Frühling, Frühling überall! (Güll) 61
Ostern (Goethe) 62
Das Birkenbäumchen (Falke) 64
Wieder vorwärts (Keller) 64
Die heilige Woche (Volksmund) 65
Da Jesus in den Garten ging (Volksmund) 66
Golgatha (Liliencron) 67
Karfreitag (Klopstock) 71
Die Steine werden zeugen (Ludwig) 71
Auferstanden (Stieler) 72
Osterhäslein (Güll) 73
Eine Frühlingsnacht (Storm) 74
Das Mädchen aus der Fremde (Schiller) 75
Frühlings Begräbnis (Paul Heyse) 75
Künftiger Frühling (Uhland) 77
[Illustration]
Ihn kennen heißt, ihn lieben, Den Lenz, den deutschen Lenz! Die letzten Flocken stieben; Doch jeder ruft: „Ich kenn’s, Es wird nicht lang mehr dauern Und Veilchen stehn am Rain; Ich traf ihn vor den Mauern -- Glaub, morgen zieht er ein!“
Da mag kein Sänger fehlen: Die sich davongemacht, Mit ausgeruhten Kehlen Heimkehrn sie über Nacht; Doch wer sich deß getraute Und blieb zum Schneeturnei, Die winterrostige Laute, Die stimmt er sich aufs neu.
Und all das Blühn und Weben Ringsum in Busch und Ried, Des Frühlings schwellend Leben, Gestaltet sich zum Lied. -- Darf da ein Spielmann feiern, Der sich den deutschen nennt, Wenn er der besten Leiern Lenzfrohe Weisen kennt?
Den Frühling sollt ihr schauen, Wie ihn der Dichter schaut Beim Willkommgruß der Auen, Beim letzten Vogellaut, Auf daß zunichte werde, Was je das Herz gequält, Wenn ihm die deutsche Erde Von ihrem Lenz erzählt.
Der deutsche Spielmann
Kalter Frühlingsabend
Kein Vogelruf, verlassen liegt das Feld. Fern grenzt der Wald: Das ist das große Schweigen. Und hinter ihm, als letzte Spur der Welt, Will langsam eine fahle Wolke steigen. Käm doch ein Huf, klippklapp, umstaubt, umbellt, Wär nur ein wenig Grün erst in den Zweigen, Hätt sich der drollige Starmatz eingestellt, Wann werden sich die lieben Primeln zeigen!
Detlev v. Liliencron
Frühlingsahnung
O sanfter süßer Hauch! Schon weckest du wieder Mir Frühlingslieder. Bald blühen die Veilchen auch.
Ludwig Uhland
Schneeglöckchen
Und aus der Erde schauet nur Alleine noch Schneeglöckchen; So kalt, so kalt ist noch die Flur, Es friert im weißen Röckchen.
Theodor Storm
Im Omnibus
Ein Omnibus knarrt in dem Schnee, Voll Menschen jeder Art, So wie der Zufall manchmal sie Zusammenpreßt und schart.
Es bläst der Wind so grimmig kalt, Die Fenster schließen schlecht, Ein jeder ist verdrießlich drob Und keinem etwas recht.
Dort in der Ecke hält ein Mann Ein Dütchen vor sich hin, So zärtlich und besorgt, als wär Ein Edelstein darin.
Zu seinem Nachbar einer sagt: „Was doch in aller Welt Der Mann dort in der Düte hat, Die er so sorgsam hält?“
Der hört die Frage, lächelt fein Und zieht aus dem Papier Ein Veilchen, eben aufgeblüht, Und zeigt’s dem Passagier.
Und wie es nun von Hand zu Hand, Ein Gruß des Frühlings, geht, So ist’s, als hätt der Freude Hauch Sie alle angeweht.
Als ob in ein verödet Haus Gekommen wär ein Kind, Als ob von schuldbeladner Brust Genommen wär die Sünd.
Es tauen schnell die Herzen auf, Und fröhlicher Gesang Mischt mit des Windes Orgel sich Den ganzen Weg entlang.
Hätt jeder doch in böser Stund Ein Veilchen gleich zur Hand, Es gäb der Sünde weniger, Der Liebe mehr im Land.
Hermann v. Gilm
Der Veilchenstrauß
An einem Tage in der ersten Frühlingszeit trat ein Herr, der nicht mehr jung war, aus seinem Kontor, schloß sorgfältig zwei Türen ab und begab sich auf die Straße, um nach Hause zu gehen zum Mittagessen. Wie er die Straße entlang ging, lief ein ganz kleines Mädchen auf ihn zu und schloß sich ihm an, sich immer dicht vor seinen Füßen bewegend. Das wurde ihm lästig, und er ging rechts und links von den breiten Steinen auf das Pflaster; aber das Kind blieb ihm immer vor den Füßen. Es war sehr hartnäckig für sein Alter. Da kam dem Mann dunkel der Gedanke, die Kleine möchte ihn vielleicht in Geschäftsangelegenheiten sprechen wollen. Er beugte sich zu ihr nieder und fragte: „Was hast du?“ Das Kind hob ein Schüsselchen zu ihm empor und sagte: „Veilchen! Bitte, bitte! kaufen Sie, lieber Herr!“ In ruhigem Tone -- um keine falschen Erwartungen rege zu machen -- fragte der alte Herr: „Was sollen sie kosten?“ -- „Einen Dreier das Sträußchen!“ war die Antwort.
Der alte Herr zog aus der Westentasche eine Handvoll kleinen Geldes, suchte einen Dreier heraus, gab ihn dem Kinde und empfing ein Sträußchen, das er schnell in die Rocktasche steckte. Die Rocktasche ist kein guter Aufbewahrungsort für Blumen; aber wenn man als alter Herr der Meinung ist, daß nur junge Leute Blumen am Hut oder in der Hand tragen dürfen, so kann man wohl einmal einen Strauß an einen Ort tun, auf den er am wenigsten gefaßt ist.
Übrigens blieb der Veilchenstrauß diesmal nicht in der Rocktasche, sondern nach kurzer Zeit holte der Besitzer ihn heraus, um ihn zu betrachten. Der kleine Strauß bestand aus etwa einem Dutzend Blumen und einem grünen Blatte und war gebunden mit einem grauen Wollfaden aus einem ausgeribbelten Strumpfe. -- ›Sie sollen gut riechen‹, dachte der Mann und näherte den Strauß seiner alten Nase. In der Tat hatten die Veilchen einen Wohlgeruch, der dem alten Herrn nicht ganz unbekannt vorkam. „Woher kommt das?“ sprach er zu sich, indem er nachsann. Er roch wieder an dem Strauß und fragte sich wieder: „Woher kommt das?“ Da fiel ihm ein Tag ein, der auch einmal in der ersten Frühlingszeit gewesen war. Das Wetter war damals auch so milde, und es war etwas Unruhiges in der Luft und in den Menschen. Dann sah er einen Mann, der ihm selbst ähnlich, aber viel jünger war, aus einem Kontor kommen und schnell durch die Stadt -- die eine andere war -- dem Tore zuschreiten. Vor dem Tore lief dem jungen Manne ein Kind nach, das mit Veilchen umherging. Dem kaufte er eine Menge der kleinen Sträuße ab, steckte sie aber nicht in die Rocktasche, sondern zog ein Papier hervor und machte eine Düte daraus, in die er die Veilchen hineintat. Vom Tore ab ging der junge Mann eine Landstraße entlang und ging so schnell wie jemand, der den Abgang eines Bahnzuges zu versäumen fürchtet -- oder wie einer, der seine Braut besuchen will. Dennoch warf er zuweilen nach rechts und links einen Blick über die flache Landschaft. Lerchen sangen über den Feldern, die teils noch schwarz dalagen, teils mit zartem Grün leise übermalt schienen. Die Bäume waren noch kahl; nur einige Pappeln hingen über und über voll graurötlicher Blütenkätzchen. Nach einstündigem Wandern etwa kam der Jüngling in eine kleine Ortschaft und schritt bald auf ein niedliches, blendend weiß getünchtes Haus zu. Eine alte Dame öffnete ihm die Türe und hieß ihn willkommen. Er begrüßte sie freundlich, aber doch flüchtig und fragte: „Wo ist sie?“ Die alte Dame wies auf die halboffene Tür eines Zimmers. In der Ecke am Fenster stand ein altmodischer Lehnstuhl, und im Lehnstuhl saß, in das Kissen zurückgelehnt und mit geschlossenen Augen, ein junges Mädchen. Sie war sehr hübsch, und etwas von ihrem goldblonden Haar war ihr über das Gesicht gefallen! Neben dem Stuhl am Fenster hatte ein kleiner Arbeitstisch seinen Platz, auf dem unter anderen zierlichen Dingen ein leeres Körbchen stand. In dieses legte der junge Mann die Veilchen; dann beugte er sich über die Schlafende, wohl, um sie wach zu küssen. Vielleicht aber hatte sie auch gar nicht geschlafen; denn als er sich über sie beugte, verzog sich ihr Mund zum Lachen. Dann schlug sie auch schon die Augen auf, zugleich ihre Arme öffnend. -- --
Bis dahin war der alte Mann in seinen Gedanken gekommen, als er bemerkte, daß er vor seinem Hause angelangt war. Er blieb stehen und überlegte, ob er noch ein Stückchen weitergehen sollte. Zuletzt entschied er sich dafür, in sein Haus zu gehn -- da er nun doch wußte, woher der seltsame Wohlgeruch der Veilchen kam. Schneller als sonst stieg er die Treppe empor und schloß die Tür auf. In der Tür trat ihm ein Mädchen entgegen, sehr schön, hochgewachsen und goldblonden Haares. Weil sie der Gestalt, mit der sich der Alte in Gedanken eben beschäftigt hatte, sehr ähnlich sah, so stutzte derselbe. Auch das Mädchen stutzte, weil sie etwas Auffallendes im Wesen des Eintretenden bemerken mochte, und sagte in fragendem Ton: „Vater?“ Er aber, sich schnell besinnend, reichte ihr die zerknickten und welken Veilchen. „Ich habe dir etwas mitgebracht: Veilchen! Sind die nicht schön?!“
Johannes Trojan
Am Mühlengraben
Die Kinder haben die Veilchen gepflückt, All, all, die da blühten am Mühlengraben. Der Lenz ist da; sie wollen ihn fest In ihren kleinen Fäusten haben.
Theodor Storm
Vom Kirschbaum
Ist alles ganz kahl und still, Nicht mal im Grase sich’s regen will, Steht alles geduckt, Klappert im Frost und muckt Mit dem Winter. Der putzt es mit Rauhreif auf, Doch im Garten Sagt einer: ich kann warten. Ist jemand, du kennst ihn wieder kaum, So dünn ist er worden: der Kirschenbaum. Schläft er nicht? Trau einer dem Wicht! Heute Mittag um Uhre eins Gab’s mal ein Pröbchen Sonnenscheins: Darin -- ich habe Das deutlich gesehn -- Mit seinen Knospen Fingerte der alte Knabe, Ein wenig vorsichtig und geziert, Wie man Badewasser probiert -- Und über seine Runzeln Ging ein Schmunzeln.
Ferdinand Avenarius
[Illustration]
Vorfrühling
Stürme brausten über Nacht Und die kahlen Wipfel troffen. Frühe war mein Herz erwacht, Schüchtern zwischen Furcht und Hoffen.
Horch, ein trautgeschwätz’ger Ton Dringt zu mir vom Wald hernieder. Nisten in den Zweigen schon Die geliebten Amseln wieder?
Dort am Weg der weiße Streif -- Zweifelnd frag ich mein Gemüte: Ist’s ein später Winterreif Oder erste Schlehenblüte?
Paul Heyse
Wirbelnde Flocken
Wirbelnde Flocken, was wollt ihr nur? Ist doch der Lenz im Land, Prangt doch im Frühlingsstaat die Flur, Seit der Winter schwand!
Wirbelnde Flocken, zu spät, zu spät Weht ihr vom Himmel herab! Der euch über die Aue sät, Sät euch nur ins Grab. --
Heija! mein Herz ist voll von Lust, Jeder Wonne reich -- Fallen die Sorgen mir in die Brust, Sterben sie gleich euch.
Ernst Weber
Frühlingsnähe
Wieder seh ich jenen Schimmer, Jenen Schimmer an den Bäumen, Der mir sagt, es könne nimmer Lange mehr der Frühling säumen.
Ja, es ist ein holdes Zeichen, Und, bevor wir ihn noch bitten, Wird er uns mit seinen reichen Wunderblüten überschütten.
Martin Greif
[Illustration]
Er ist’s
Frühling läßt sein blaues Band Wieder flattern durch die Lüfte; Süße, wohlbekannte Düfte Streifen ahnungsvoll das Land. Veilchen träumen schon, Wollen balde kommen. -- Horch, von fern ein leiser Harfenton! Frühling, ja, du bist’s! Dich hab ich vernommen!
Eduard Mörike
Das kranke Kind
Der Vater ist seit Jahren blind -- Blind sein ist mehr als sterben! -- Die Mutter hat ein krankes Kind Und kann nicht viel erwerben.
Die Stube war noch nie so warm, Obgleich das Fenster offen, Seitdem des Winters harter Arm Die Erde hat getroffen.
Die Sonne küßt das bleiche Kind Zum erstenmal im Jahre; Es spielt ein weicher, warmer Wind Mit seinem feuchten Haare.
Und wie sein Blick am Himmel hängt, Als möcht’s dahin entfliehen, Im Wangengrübchen langsam fängt Ein Röslein an zu blühen.
Und -- süßes Wunder! -- plötzlich, als Sei alles Leid zu Ende, Schlingt lächelnd um der Mutter Hals Es seine beiden Hände.
Die Mutter weiß vor Freud nicht Rat, Bricht aus in lautes Weinen -- Das war des Frühlings erste Tat, Und keine von den kleinen.
Hermann v. Gilm
Die Meise
Kopfüber, kopfunter, zweigab und zweigauf! Ein lustiges, kleines Ding, Und immer geschwätzig und flink, Und immer obenauf!
Denn ob die ganze Welt vereist, Sie findet den Tisch gedeckt: Hier wird ein Körnchen geschleckt Und dort ein Püppchen verspeist.
„Zizidä, zizidä! Der Frühling ist da!“ So ruft sie im knospenden Wald, Und wehn auch die Winde noch kalt: Sie weiß es, glaubt es nur ja!
Sie hat in das Herz der Knospe gesehn, In die Wiege von Blume und Grün, Sie weiß: Bald wird es nun blühn Und die Welt in Veilchen stehn.
Heinrich Seidel
Frühlingsbotschaft
Ich hab ein Vöglein gehöret Herab von einem Baum, Das hat mich nicht betöret. Gar weise sang es im Traum, Ich hab es nicht gestöret, Wußt von mir selbst mehr kaum: Tin din di!
Das Vöglein hat helle gesungen: „Die Veigelein sind da.“ Ich bin zu Walde gedrungen. Mein Aug sie selber sah. Ahi, ihr Vogelzungen, Wie süß mir da geschah: Tin din di!
Martin Greif
[Illustration]
Der Wind
Wind, Wind, Wo kommst du her?
„Weit übers Meer Fuhr ich geschwind! Habe die Wellen Gepeitscht und geschlagen, Machte zerschellen Die Schiffe Am Riffe -- Keinen Mast mehr sieht man dort ragen!“
Wind, Wind, Wo kommst du her?
„Übers Gebirge Saust ich mit Macht, Hab die Lawine ins Rollen gebracht. Wald und Saaten Hat sie geknickt, Hirt und Herden Zermalmt und zerdrückt. Des Älplers Dorf Liegt tief unterm Schnee, Kein Dach, kein Türmchen Ragt mehr zur Höh! -- Dann hab ich sacht In selbiger Nacht Ein glimmendes Fünkchen Zum Lodern gebracht, Ein Flammenmeer Durch die Gassen gefegt, Eine halbe Stadt in Asche gelegt!“
Wind, Wind, Was tatest du dann?
„Habe über den grünen Rasen Einer lachenden Wiese geblasen; Habe lind die Blüten gewiegt, Die der gaukelnde Falter umfliegt; Habe dem Bächlein sanft gesäuselt, Habe den Birken die Kronen gekräuselt. Hab um ein Kind, Das drunter schlief, Leis und lind Die Flügel geschwungen Und es gesungen In Schlummer tief.“
Wind, Wind, Was tatest du dann?
„Hab die Wolken am Himmel gejagt, Bis die Sonne golden getagt; Hab der ganzen Welt gelacht Und mit Brausen den Frühling gebracht!“
Wind, Wind, Wohin nun geschwind?
„Schwing mich nun auf zu des Himmels Bezirken, Neue Arbeit mir auszuwirken! Ich kann brausen Der Welt zum Grausen, Und kann weich wie ein Atem wehn! Aber nun frag nicht mehr, Denn ich sag nicht mehr -- Schweig und laß mich gehn!“
Wind, Wind, Gottes und Dämons Kind, Wenn deine Hand Fluch und Segen umspannt: Gnädig, nur mit sanftem Gebrause, Geh vorüber meinem Hause!
Richard Zoozmann
Märznacht
Horch! Wie brauset der Sturm und der schwellende Strom in der Nacht hin! Schaurig süßes Gefühl! Lieblicher Frühling, du nahst!
Ludwig Uhland
Eine Morgenwanderung
Dämmerige Nacht lag über dem Land. Es war mild, fast warm. Anfang Mai. Ein mächtiger Tausturm hatte sich erhoben und wogte seine Frühlingssehnsucht von den Bergen. Wie ein großer Osterchoral donnerte er über die Gräber und rief zur Auferstehung.
Die Wälder bogen sich und reckten sich und krachten unter seinem Rütteln; jahrhundertalte Eichen brachen zu Boden, und wie Rohr zerknickte vor ihm, was dürr und morsch war und keine Kraft mehr zum Frühling hatte. Nur was gesund und stark und triebfähig, hielt ihm stand. In der Tiefe des Himmels zuckten wie verlöschen wollende Lichter die Sterne zwischen den zerrissenen und zerreißenden Wolken, die er wie Flaum über uns dahinfegte, lachend, als freue er sich, einmal aufräumen zu können mit allem, was nicht niet- und nagelfest war. Selbst der Mond schien Sorge zu haben, über den Haufen geblasen zu werden, und verkroch sich hinter zusammenstiebende Wolkenfetzen. Die Erde bebte unter seinem Donner; aber es war nicht das Beben der Furcht, es war das Beben der Freude, denn er brachte die Erfüllung ihrer Sehnsucht.
Von den Hängen schwollen die Quellen mit lautem Geriesel, und die fahle, jeden Augenblick wechselnde Beleuchtung überrann alles mit phantastisch-gespenstischem Leben.
Vor den Gehöften und Häusern, an denen unser Weg vorüberführte, standen dann und wann die Leute. Der Sturm hatte sie von ihrem Schlaf aufgejagt; denn das leichte Balkenwerk ihrer Behausungen erzitterte in allen Fugen unter seinen Stößen. Die Wetterhähne schrien von den Giebeln. Es pfiff und heulte. Türen und Fenster sprangen auf und schlugen zu. Vom Dorf herüber klangen die Glocken, angstvoll, dumpf, drohend, wie wenn ....
Die Leute sagten: der Küster sei es nicht, der so läute! und blickten bleich und verstört, furchtsam und feig zum Himmel; und die Weiber beteten: „Der Jüngste Tag kommt! Die Welt geht unter! Herr Gott, behüt uns!“ ....
Nein, Mütterchen! Die Welt geht nicht unter! Noch lange nicht! Es wird nur endlich Frühling!
Frühling! und wenn’s noch so tobt!
Frühling! ja! ....
Und lachend zogen wir weiter und sangen und ließen uns den Tausturm in die Brust wogen. Wir waren ja gewohnt, im Sturm zu stehn! Und sangen und jauchzten: Frühlingswärts! Morgen zu! Sonn’ entgegen!
Sonn’ entgegen! Frühlingssonn’ entgegen!
Das war es ja auch!
Wir wollten die Sonne einmal aufgehen sehen, und das Frühlingsdrängen trieb uns ihr entgegen ... mit der ganzen Lust unseres Hoffens, mit dem ganzen Glauben unserer Jugend, mit der ganzen Jugend unseres Glaubens!
Ein paar, denen bangte und die Furcht überkam vor all den lebendig werdenden Baumstümpfen und Hohlwegschatten, drehten um, „da sie sich nicht erkälten wollten in dem sinnlosen Wetter“, und verloren sich zurück in ihren trübseligen Alltag.
Wir anderen aber zogen weiter durch die prächtige Nacht und ihren jauchzenden Frühlingssturm -- und ließen uns, aufschauernd, sein Evangelium in die Seele donnern: das Evangelium des Morgenwerdens!
Weiter hinter uns in qualmigem Nebelbrüten lag die Stadt und alles Mauerumgebene, Enge, Beschränkte und Beschränkende, die ganze dumpfe Leere und Schwere hungriger Alltagspflicht und würgender Werktagsangst, und vor uns, um uns, frei und freudig, mauerlos, weit und offen, voll Lebensdrang und Sonntagsglauben die sternüberflackerte, sturmlodernde Erfüllung unserer Sehnsucht.
Und wir sangen ihr Lied, das Lied des Morgens, das Lied der Sonne in den donnernden Sturm, und er trug es weiter über die Berge und von den Bergen in die Täler, und jauchzend rief das Echo es zurück.
Wir kamen durch Ortschaften und Höfe. Die Nachtwächter fuhren aus ihrem Schlummer, stolperten uns nach mit ihren Laternen: still zu sein und die Ruhe der Dörfer nicht zu stören mit unserem törichten Gesange. Der Morgen käme von selber ohne unser Geschrei. Vorderhand aber sei es noch Nacht, und wir sollten die Leute schlafen lassen. Schlaf sei etwas Heiliges!
Ja: Die Leute! Sie lagen und schliefen! Anstatt auf zu sein in Glauben und Freude, anstatt der Sonne entgegenzuwachen, mit der doch kommt, wovon sie träumen und wonach sie sich sehnen.
Es war immer heller geworden. Wir hatten die gerade Richtung verlassen und erklommen einen Hügelzug, der ins Tal auslief, und von wo sich eine freiere Aussicht bot. Der Sturm hatte sich allmählich auch gelegt, als ob er sich genug damit getan, die Nacht gebrochen zu haben. Die Sterne verglommen. Der Mond verschwamm in der Tiefe wie das weiße Segel eines am Horizont hinabtauchenden Bootes. Es war fast frostig geworden, und kühle Schauer rannen durch die Luft. In den Talbreiten zu unseren Füßen lag alles in schmutzigem Nebel, wie tot, und an den Abhängen krochen und kletterten scheue Dunstflüge herum.
Vor uns -- jenseits, überm Tal, stand das Gebirge. Sein Gipfelgrat zeichnete sich in harter, scharfer Linie von dem silbergrauen, sich nach und nach mit leisem Rot überhauchenden Grund des Himmels hinter ihm ab.
Da bemerkte ich auf einem der Berghäupter drüben etwas herumkrabbeln -- schwarze Gestalten, Menschen, wirkliche Menschen, nur infolge der Entfernung kaum viel größer als Gullivers Liliputer, zwerghaft, wunderlich. Es sah närrisch aus. So närrisch, wie jemand all dergleichen vorkommen muß, der etwas nur sieht und nicht auch hört. So närrisch, wie einem Tauben vielleicht unser ganzes Leben, das ganze Treiben der Welt erscheinen mag.
Als ob ich in einem Marionettentheater säße und einer niedlichen Pantomime zusähe.
Der helle Himmel hinter dem Gebirge bildete den weißen Vorhang, und wie in einem Schattenspiel hoben sich die Kerlchen mit ihren Bewegungen gleich zierlichen Silhouetten auf dem lichten Hintergrund ab.
Ein richtiges Schattenspiel ... der Nacht!
Der kleinen Kerlchen aber wurden immer mehr, wie mir schien, und als unter einem Windstoß der Nebel etwas verzog, erkannte ich, daß es darunter, in seinem Schutze, den ganzen Berg hinauf in hellen Haufen stand. Sie zappelten und fuchtelten mit den Armen in der Luft herum und liefen und rannten in seltsamer Hast und Unruhe hin und her.
Dann schien plötzlich etwas los zu sein. Sie kamen mit langen Stangen und Haken, mit mächtigen Winden, Haspeln und Kettenrollen. Wieder andere schleppten sich mit Leitern, die für ihre Größe ungeheuer waren, und es begann auf allen Punkten eine fast fieberhafte Geschäftigkeit. Die Erde wurde aufgegraben, der Felsgrund gesprengt und riesige Pflöcke darin verankert. Dann schmiedeten sie lange eiserne Ketten durch die Ringe, und Drahtseile und Taue, und verklammerten mit diesen wieder die großen Leitern, die sie heraufgeschleppt hatten.
Hinter dem Gebirgsstock aber wurde es immer heller und heller, wie brodelnder Gischt dampfte es ab und zu empor. Doch je heller es wurde, um so unruhiger und eiliger, um so aufgeregter wurde das Getrippel und Gearbeite der kleinen Schattenkerlchen.
Ich unterschied nun eine ganze Armee von Landsknechten mit Piken und Hellebarden, mit Morgensternen und Donnerbüchsen. Sie hielten am Berg hinauf, in verschiedene Fähnlein geteilt. Auf einer etwas tiefer gelegenen Kulm war eine ganze Batterie von Mörsern und Kanonen aufgefahren, als gelte es ... Gott weiß was für eine Völkerschlacht.
Die Leitern wurden aufgestellt und ragten senkrecht in die Luft, und die ganze Gratlinie stand voll von Leuten mit Stangen und Haken, so lang und schwer, daß es immer ein ganz Häuflein zugleich bedurfte, sie zu regieren.
Allmählich aber ahnte mir, was das alles bedeuten möchte.
Ich lachte.
„Nein, Mütterchen! Die Welt geht noch lang nicht unter! Keine Sorge! Es wird nur endlich Frühling!“
Gott sei Dank!
Es wird nur endlich Tag!
Nach so langer, dumpfer Nacht!
Und wir stimmten das Lied der Erfüllung an, das Lied des Morgens, das Lied der Sonne und ihres Aufgangs ... und es brauste wie Orgelklang durch die Stille, siegverheißend, jubelnd und jauchzend!
Kühle Schauer rannen durch die Luft, während der Himmel drüben sich mit roten Feuern überglutete und unsere Schattenmännchen, gleich tagscheuen, dunklen Nachtgeisterchen, immer unruhiger, erregter und gestikulierender hin und her rannten.
Da: Ein blendender Blitz zuckt empor.
Mit purpurgoldener Flamme taucht der Sonnenball über die graue Kammlinie und strahlt ein loderndes Halleluja über die Welt.
Tag! Tag! Tag!
Und Frühling! Frühling! --