Chapter 2 of 4 · 3916 words · ~20 min read

Part 2

Im selben Augenblick aber schlugen die Kerlchen drüben die Widerhaken ihrer Stangen in den emporstrebenden Ball, um ihn festzulegen. Andere warfen die Leitern über ihn und kletterten mit flinkster Pioniergeschicklichkeit darauf hinüber. Sie rollten lange Seile und Taue hinter sich ab, rammten Pflöcke ein und verhakten ihre Ketten daran, während die ganze Soldateska auf dem Berg in Bewegung kam und an den diesseitigen Enden anpackte, die Sonne wieder in ihre Tiefe zu zwingen.

Wir lachten.

Aber immer neue Haufen rückten an, mit immer längeren Stangen und Leitern und Ketten.

Sie zerrten von den Berghängen große Wände herauf, Segelleinen oder was es war; Nebel? -- sie zu verhängen und darunter zu ersticken.

Doch wie blauer Rauch zerrannen sie vor ihrem Licht.

Und die Sonne stieg höher und höher über den Gebirgsgrat, ruhig, unbeirrt und unbekümmert, und blendete immer lichter in die Welt. Was wollten ihr diese Fliegen!?

Da griff die Feuerwehr in den Kampf ein; zwölf, zwanzig Schläuche zugleich ergossen ihre Wasserstrahlen, von uns aus gesehen so dünn freilich, wie Spinnwebfaden ... sie auszulöschen und über den Horizont hinunterzuspritzen.

Es zischte ein wenig, das war alles.

Schon flammte die halbe Scheibe über den Kamm.

Da plötzlich begann ein feines, zirpendes Geknatter, wie wenn Kinderpistölchen abgeschossen würden; die Landsknechte hatten mit ihren Donnerbüchsen losgelegt. Und von der seitwärts gelegenen Kulm krachte Kanonensalve um Salve durch die majestätische Bergruhe.

Doch es zischte nicht einmal darauf. Ruhig und unbekümmert stieg die Sonne empor, höher und höher.

Immer neue Kettentaue aber wurden hinübergeschleudert und von den Waghälsen drüben angepflockt. Immer neue Schübe kletterten hinüber mit Hämmern und Klammern. Und an die diesseitigen Enden hängten sich ganze Knäuel, ihre Kraft und Stärke zu messen.

Da -- mit einem Male -- war es doch, als ob sie siegten.

Die Sonne stand eine Spanne hoch über dem Grat und hing wie ein Fesselballon in dem eisernen Netz, mit dem die Kerlchen sie in wenig Minuten übersponnen hatten.

Sie war gefangen.

Ihr Aufatmen und Höhedringen spulte nur ein paar zu kurze Ketten ab, die in die Luft schnellten, die anderen zogen sich straff und straffer, aber sie hielten. Es gab einen sekundenlangen Stillstand.

Die schwarzen Männlein hatten gewonnen.

Und schon zerrte man wieder dicke Nebelwände von den Berghängen herauf und schon fuhr man allerlei sonderbare, mächtige Maschinen herbei, die Gekettete herabzuwinden, als es plötzlich einen kaum merkbaren, leisen, zitternden Ruck tat, der goldene Lichtwellen über das Tal warf.

Sie war wieder frei; und alles, was noch gehalten hatte bisher an Ketten, Klammern, Tauen, Seilen, Stricken, Leitern, Stangen und Haken, riß durch wie Baumwollfaden, schnellte hoch, und die ganze Soldateska purzelte jählings über den Haufen und kollerte in die Abgründe oder flog mitsamt ihren Ketten und mitsamt der ganzen schönen Verankerung kopfüber lustig in die Luft. Gleich einem Aschenregen quirlte und rieselte es über den Berg und putzte ihn sauber.

[Illustration]

Wir lachten. Es war grausam -- aber wir lachten: wie diese Sonnenstürmer in ganzen Klümpchen an ihren Stricken und Ketten zwischen Himmel und Erde zappelten und wie tollgewordene Ameisen in Verzweiflung und Todesangst an ihren Leitern auf und ab wuselten. Zu helfen war aber doch nicht; und ...

Ein Teil der Unglücklichen suchte sich durch kühnes Abspringen zu retten. Es sah aus wie schwarze, in rotes Feuer hüpfende Teufelchen.

Arme Schattenmännlein! Doch warum wagtet ihr euch an die Sonne!

Die anderen aber trug sie -- lächelnd -- höher und höher, bis in der steigenden Glut zuletzt auch die Ketten schmolzen, die ihr noch überhingen, und eine um die andere in den Abgrund klirrte, hinter dem Gebirg, und zu Stücken und Staub zersplitterte. -- -- --

Und frei und makellos klomm die Sonne in die Höhe, in schweigender Glorie, groß und feierlich, heilig und herrlich, und loderte den Tag ins Tal und über die Welt und mit dem Tag den Frühling und mit dem Frühling die Erfüllung.

Die Menschen schliefen noch drunten. Gleich scheuen Verbrechern aber flüchteten die letzten Nebel und Schatten sich in ihre Schluchten und Klüfte. Lerchen stiegen aus den Gründen und jauchzten zum Himmel, und wir standen und jubelten ihnen zu und sangen das Lied des Morgens, das Lied der Sonne und ihres Aufgangs, und es war ein Lied der Freude und ein Lied des Sieges. -- -- --

Leis aber fragte ich mich: ob es jedesmal so sei, wenn die Sonne aufgehe?!

Cäsar Flaischlen

Knabenlust

Horch, Märzenwind und Lerchenschlag Und keine Schule den Nachmittag! Die Füße ohne Strumpf und Schuh, Auf trocknem Weg den Wiesen zu! Zum Nesterbauen und Veilchenblühn, Zu Palmenweiden und Ostergrün! -- Die spielenden Mägdlein dort am Rain, Die möchten wohl unsre Gesellen sein. -- Nun rasch die Felsen emporgesaust, Daß den Mägdlein vor Schrecken und Freude graust!

Johann Georg Fischer

Wag’s!

Nun ist er endlich kommen doch In grünem Knospenschuh; „Er kam, er kam ja immer noch!“ Die Bäume nicken sich’s zu.

Sie konnten ihn all erwarten kaum. Nun treiben sie Schuß auf Schuß; Im Garten der alte Apfelbaum: Er sträubt sich, aber er muß.

Wohl zögert auch das alte Herz Und atmet noch nicht frei, Es bangt und sorgt: „Es ist erst März, Und März ist noch nicht Mai.“

O, schüttle ab den schweren Traum Und die lange Winterruh, Es wagt es der alte Apfelbaum, Herze, wag’s auch +du+!

Theodor Fontane

Glaube

Die linden Lüfte sind erwacht, Sie säuseln und weben Tag und Nacht, Sie schaffen an allen Enden. O frischer Duft, o neuer Klang! Nun, armes Herze, sei nicht bang! Nun muß sich alles, alles wenden.

Die Welt wird schöner mit jedem Tag, Man weiß nicht, was noch werden mag, Das Blühen will nicht enden. Es blüht das fernste, tiefste Tal; Nun, armes Herz, vergiß der Qual! Nun muß sich alles, alles wenden.

Ludwig Uhland

Trost

Schon schmilzt der Schnee auf Joch und Kar, Den Horizont trübt leichter Dunst, Sein Sommerhaus bezieht der Star, Und Primeln blühn im Wasserrunst.

Die Bienen schwirren honigsatt Ums aufgedeckte Veilchenbeet, Frisch rankt der Ginster, Blatt an Blatt, Am Fenster, das weit offen steht.

Das ist mein Trost nun: Tag für Tag Seh ich dem stillen Werden zu. Leis ebbt des raschen Herzens Schlag, Und alle Sorge geht zur Ruh.

Artur von Wallpach

Schwalbenmärchen

Auf dem stillen, schwülen Pfuhle Tanzt die dünne Wasserspinn; Unten auf kristallnem Stuhle Thront die Unkenkönigin.

Von den edelsten Metallen Hält ein Reif ihr Haupt umzogen, Und wie Silberglocken schallen Unkenstimmen durch die Wogen.

Denn der Lenz erschien; die Schollen Sind zerflossen; Blüten zittern; Dumpfe Frühlingsdonner rollen Durch die Luft, schwarz von Gewittern.

Wasserlilienkelche fließen Auf des Teiches dunkelm Spiegel, Und die ersten Schwalben schießen Drüberhin mit schnellem Flügel.

Aus den zarten Schnäbeln leise Tönt Gezwitscher in die Wellen: „Viele Grüße von der Reise Haben wir dir zu bestellen.

Lange waren wir in fremden, Sandbedeckten, heißen Ländern, Wo in weiten Kaftanhemden Träge Turbanträger schlendern.

Purpurfarbne Wunderpflanzen Dienten uns zu Meilenweisern; Gelbe Mauren sahn wir tanzen Nackt vor ihren Leinwandhäusern.

Lechzend auf dem warmen Sattel Saß der Araber, der leichte, Während Ziegenmilch und Dattel Ihm aufs Pferd die Gattin reichte.

Auf die Jagd der Antilopen Kriegerisch mit Spieß und Pfeile Zogen schlanke Äthiopen; Klagend tönte Memnons Säule.

Aus des Niles Flut getrunken Haben wir, matt von der Reise; Gruß dir, Königin der Unken, Von dem königlichen Greise!

Alles grüßt dich, Blumen, Blätter! Doch zumeist der Grüße viele Bringen wir von deinem Vetter, Von dem Krokodil im Nile!“

Ferdinand Freiligrath

Dornröschen

Vor Zeiten war ein König und eine Königin, die sprachen jeden Tag: „Ach, wenn wir doch ein Kind hätten!“ und kriegten immer keins. Da trug es sich zu, als die Königin einmal im Bade saß, daß ein Frosch aus dem Wasser ans Land kroch und zu ihr sprach: „Dein Wunsch wird erfüllt werden, ehe ein Jahr vergeht, wirst du eine Tochter zur Welt bringen.“ Was der Frosch gesagt hatte, das geschah, und die Königin gebar ein Mädchen, das war so schön, daß der König vor Freude sich nicht zu fassen wußte und ein großes Fest anstellte. Er lud nicht bloß seine Verwandten, Freunde und Bekannten, sondern auch die weisen Frauen dazu ein, damit sie dem Kind hold und gewogen wären. Es waren ihrer dreizehn in seinem Reiche, weil er aber nur zwölf goldene Teller hatte, von welchen sie essen sollten, so mußte eine von ihnen daheim bleiben. Das Fest ward mit aller Pracht gefeiert, und als es zu Ende war, beschenkten die weisen Frauen das Kind mit ihren Wundergaben: die eine mit Tugend, die andere mit Schönheit, die dritte mit Reichtum und so mit allem, was auf der Welt zu wünschen ist. Als elfe ihre Sprüche eben getan hatten, trat plötzlich die dreizehnte herein. Sie wollte sich dafür rächen, daß sie nicht eingeladen war, und ohne jemand zu grüßen oder nur anzusehen, rief sie mit lauter Stimme: „Die Königstochter soll sich in ihrem fünfzehnten Jahre an einer Spindel stechen und tot hinfallen.“ Und ohne ein Wort weiter zu sprechen, kehrte sie sich um und verließ den Saal. Alle waren erschrocken; da trat die Zwölfte hervor, die ihren Wunsch noch übrig hatte, und weil sie den bösen Spruch nicht aufheben, sondern nur ihn mildern konnte, so sagte sie: „Es soll aber kein Tod sein, sondern ein hundertjähriger tiefer Schlaf, in welchen die Königstochter fällt.“

[Illustration]

Der König, der sein liebes Kind vor dem Unglück gern bewahren wollte, ließ den Befehl ausgehen, daß alle Spindeln im ganzen Königreiche sollten verbrannt werden. An dem Mädchen aber wurden die Gaben der weisen Frauen sämtlich erfüllt; denn es war so schön, sittsam, freundlich und verständig, daß es jedermann, der es ansah, lieb haben mußte. Es geschah, daß an dem Tage, wo es gerade fünfzehn Jahre alt ward, der König und die Königin nicht zu Haus waren und das Mädchen ganz allein im Schloß zurückblieb. Da ging es aller Orten herum, besah Stuben und Kammern, wie es Lust hatte, und kam endlich auch an einen alten Turm. Es stieg die enge Wendeltreppe hinauf und gelangte zu einer kleinen Türe. In dem Schloß steckte ein verrosteter Schlüssel, und als es ihn umdrehte, sprang die Türe auf und da saß in einem kleinen Stübchen eine alte Frau mit einer Spindel und spann emsig ihren Flachs. „Guten Tag, du altes Mütterchen,“ sprach die Königstochter, „was machst du da?“ -- „Ich spinne,“ sagte die Alte und nickte mit dem Kopf. „Was ist das für ein Ding, das so lustig herumspringt?“ sprach das Mädchen, nahm die Spindel und wollte auch spinnen. Kaum hatte sie aber die Spindel angerührt, so ging der Zauberspruch in Erfüllung, und sie stach sich damit in den Finger.

In dem Augenblick aber, wo sie den Stich empfand, fiel sie auf das Bett nieder, das da stand, und lag in einem tiefen Schlaf. Und dieser Schlaf verbreitete sich über das ganze Schloß: der König und die Königin, die eben heim gekommen und in den Saal getreten waren, fingen an einzuschlafen und der ganze Hofstaat mit ihnen. Da schliefen auch die Pferde im Stall, die Hunde im Hofe, die Tauben auf dem Dache, die Fliegen an der Wand, ja, das Feuer, das auf dem Herde flackerte, ward still und schlief ein, und der Braten hörte auf zu brutzeln, und der Koch, der den Küchenjungen, weil er etwas versehen hatte, in den Haaren ziehen wollte, ließ ihn los und schlief. Und der Wind legte sich, und auf den Bäumen vor dem Schloß regte sich kein Blättchen mehr.

Rings um das Schloß aber begann eine Dornenhecke zu wachsen, die jedes Jahr höher ward und endlich das ganze Schloß umzog und darüber hinaus wuchs, daß gar nichts mehr davon zu sehen war, selbst nicht die Fahne auf dem Dach. Es ging aber die Sage in dem Land von dem schönen schlafenden Dornröschen, denn so ward die Königstochter genannt, also daß von Zeit zu Zeit Königssöhne kamen und durch die Hecke in das Schloß dringen wollten. Es war ihnen aber nicht möglich; denn die Dornen, als hätten sie Hände, hielten fest zusammen, und die Jünglinge blieben darin hängen, konnten sich nicht wieder losmachen und starben eines jämmerlichen Todes. Nach langen, langen Jahren kam wieder einmal ein Königssohn in das Land und hörte, wie ein alter Mann von der Dornhecke erzählte, es sollte ein Schloß dahinter stehen, in welchem eine wunderschöne Königstochter, Dornröschen genannt, schon seit hundert Jahren schliefe, und mit ihr schliefe der König und die Königin und der ganze Hofstaat. Er wußte auch von seinem Großvater, daß schon viele Königssöhne gekommen wären und versucht hätten, durch die Dornenhecke zu dringen, aber sie wären darin hängen geblieben und eines traurigen Todes gestorben. Da sprach der Jüngling: „Ich fürchte mich nicht, ich will hinaus und das schöne Dornröschen sehen.“ Der gute Alte mochte ihm abraten, wie er wollte, er hörte nicht auf seine Worte.

Nun waren aber gerade die hundert Jahre verflossen, und der Tag war gekommen, wo Dornröschen wieder erwachen sollte. Als der Königssohn sich der Dornenhecke näherte, waren es lauter schöne, große Blumen, die taten sich von selbst auseinander und ließen ihn unbeschädigt hindurch, und hinter ihm taten sie sich wieder als eine Hecke zusammen. Im Schloßhof sah er die Pferde und scheckigen Jagdhunde liegen und schlafen, auf dem Dache saßen die Tauben und hatten das Köpfchen unter den Flügel gesteckt. Und als er ins Haus kam, schliefen die Fliegen an der Wand, der Koch in der Küche hielt noch die Hand, als wollte er den Jungen anpacken, und die Magd saß vor dem schwarzen Huhn, das sollte gerupft werden. Da ging er weiter und sah im Saale den ganzen Hofstaat liegen und schlafen, und oben bei dem Throne lag der König und die Königin. Da ging er noch weiter, und alles war so still, daß einer seinen Atem hören konnte, und endlich kam er zu dem Turm und öffnete die Türe zu der kleinen Stube, in welcher Dornröschen schlief. Da lag es und war so schön, daß er die Augen nicht abwenden konnte, und er bückte sich und gab ihm einen Kuß. Wie er es mit dem Kuß berührt hatte, schlug Dornröschen die Augen auf, erwachte und blickte ihn ganz freundlich an. Da gingen sie zusammen herab, und der König erwachte und die Königin und der ganze Hofstaat und sahen einander mit großen Augen an. Und die Pferde im Hof standen auf und rüttelten sich; die Jagdhunde sprangen und wedelten; die Tauben auf dem Dache zogen das Köpfchen unterm Flügel hervor, sahen umher und flogen ins Feld; die Fliegen an den Wänden krochen weiter; das Feuer in der Küche erhob sich, flackerte und kochte das Essen; der Braten fing wieder an zu brutzeln, und der Koch gab dem Jungen eine Ohrfeige, daß er schrie, und die Magd rupfte das Huhn fertig. Und da wurde die Hochzeit des Königssohnes mit dem Dornröschen in aller Pracht gefeiert, und sie lebten vergnügt bis an ihr Ende.

Brüder Grimm

Frühlingsgruß

Es steht ein Berg in Feuer, In feurigem Morgenbrand, Und auf des Berges Spitze Ein Tannenbaum überm Land. Und auf dem höchsten Wipfel Steh ich und schau vom Baum, O Welt, du schöne Welt, du, Man sieht dich vor Blüten kaum!

Josef von Eichendorff

Fallende Blüten

Die Blütenblätter fallen dicht wie Flocken von den Bäumen, Die in der warmen Morgenluft von ihrem Sommer träumen.

Und immer dichter fallen sie, blühweiß ist’s aller Enden, Als hätten junge Mädchen still mit übervollen Händen

Die Blütenkörbe ausgeleert auf Wege und auf Beete, Daß weichen Schritts der junge Prinz, Prinz Frühling, sie betrete.

Albert Sergel

[Illustration]

Die seidenen Döckchen

Kling, kling, Glöckchen, Im Haus steht ein Döckchen, Im Garten steht ein Hühnernest, Stehn drei seidne Döckchen drin, Eins spinnt Seiden, Eins flicht Weiden, Eins schließt den Himmel auf, Läßt ein bißchen Sonn heraus, Läßt ein bißchen drinn, Daraus die Liebfrau Maria spinn Ein Röcklein für die Kindelein.

Volksmund

Frühlingsstimmen

Seht, was da draußen vor sich geht! Es regt sich, was schon lang geruht. Die Sonn besieht sich’s jeden Tag Und lacht es an und sagt: „’s wird gut.“

Man spricht davon im Sperlingsnest; Da zwitschert es mit hellem Ton. „Ihr Kinder, bald gibt’s größres Brot. ’s wird besser schon, ’s wird besser schon.“

Im Wald ist auch der Haselbusch Schon wach und blinzelt schon ins Licht. Und schneit’s ihm in die Augen mal, Er ist’s gewohnt, ihn stört es nicht.

Aus dunkeln Beeten bricht’s hervor; Hellgrün und rot drängt sich’s herauf. Eins sieht sich nach dem andern um: „Kommst auch so früh? Bist auch schon auf?“

Ein Sträuchlein schimmert grünlich schon, Noch zittert’s, wenn der Nordwind weht; Doch ruft’s getrost: „Ihr andern, kommt! Man hält es aus -- es geht, es geht.“

Ein Lerchlein schwebt in klarer Luft Hoch überm Ackersmann und singt: „Ich bin die erst; die erst bin ich, Die dir ein Lied vom Frühling bringt.“

So regt sich Leben überall Und neue Lust und froher Klang. Auf, stimmet mit den Herzen ein! Freut euch und sagt dem Himmel Dank!

Johannes Trojan

Lerchen

Du horchst, du siehst nicht ihr Gefieder, Du hörst nur lauter Frühlingslieder, Und immer lauter wird der Chor Von Lerchen, die im Himmel wohnen; Es hält den Atem an der Wind -- -- Berauschend schlägt es an mein Ohr Wie Jubelsang von Millionen, Die glücklich, überglücklich sind.

Emil Faktor

[Illustration]

Maiglöckchen und die Blümelein

Maiglöckchen läutet in dem Tal, Das klingt so hell und fein: So kommt zum Reigen allzumal, Ihr lieben Blümelein!

Die Blümchen blau und gelb und weiß, Die kommen all herbei, Vergißmeinnicht und Ehrenpreis, Zeitlos und Akelei.

Maiglöckchen spielt zum Tanz im Nu, Und alle tanzen dann, Der Mond sieht ihnen freundlich zu, Hat seine Freude dran.

Den Junker Reif verdroß das sehr, Er kommt ins Tal hinein: Maiglöckchen spielt zum Tanz nicht mehr, Fort sind die Blümelein.

Doch kaum der Reif das Tal verläßt, Da rufet wiederum Maiglöckchen zu dem Frühlingsfest Und läutet bim bam bum.

Nun hält’s auch mich nicht mehr zu Haus, Maiglöckchen ruft auch mich: Die Blümchen gehn zum Tanz hinaus, Zum Tanze geh auch ich!

Hoffmann von Fallersleben

Die Amsel

Wie tönt an Frühlingstagen So schwermutreich und hold Der Amsel lautes Schlagen Ins stille Abendgold.

Es schimmert an den Zweigen Ein zartverhülltes Grün, Die jungen Säfte steigen, Und es beginnt zu blühn.

Doch nicht mit Jubeltönen Begrüßt die Amsel nun Die Tage, jene schönen, Die in der Zukunft ruhn.

Es klingt wie Leides Ahnung, Sie singt im schwarzen Kleid Schon jetzt die trübe Mahnung: Wie kurz die schöne Zeit.

Heinrich Seidel

Die schwarze Amsel

Wann ich schon schwarz bin, Schuld ist nicht mein allein, Schuld hat meine Mutter gehabt, Weil sie mich nicht gewaschen hat, Da ich noch klein, Da ich noch wunderwinzig bin gesein.

Volksmund

Der Nimmersatt

In unserm Flieder raschelt was, Ein kleiner Spatz. „Hier sitz ich ohne Futter, Wo bleibt nur meine Mutter? Ich hab ein schön gelb Schnäbelein; Es tut mir keiner was hinein, Mir armen Matz.

Ade, du schöner Sonnenschein, Du grüner Platz! Hier muß ich nun verderben, Sie läßt mich Hungers sterben; Sie fliegt in aller Welt umher Und findet mich gewiß nicht mehr, Mich armen Matz.“

Da schwirrt’s und bringt ein Räuplein zart: „Hört eins den Fratz! Ich stopfe, und ich stopfe; Er schilt mit vollem Kropfe! Ich wüßt nicht, wer es besser hat: Du bist ein kleiner Nimmersatt, Mein kleiner Matz!“

Viktor Blüthgen

[Illustration]

Das Blumenbeet

Das Beet, schon lockert sich’s in die Höh, Da wanken Glöckchen So weiß wie Schnee; Safran entfaltet Gewaltge Glut, Smaragden keimt es Und keimt wie Blut. Primeln stolzieren So naseweis, Schalkhafte Veilchen, Versteckt mit Fleiß; Was auch noch alles Da regt und webt, Genug, der Frühling, Er wirkt und lebt!

Wolfgang v. Goethe

Die Frösche

Ein großer Teich war zugefroren; Die Fröschlein, in der Tiefe verloren, Durften nicht ferner quaken noch springen, Versprachen sich aber, im halben Traum, Fänden sie nur da oben Raum, Wie Nachtigallen wollten sie singen. Der Tauwind kam, das Eis zerschmolz, Nun ruderten sie und landeten stolz Und saßen am Ufer weit und breit Und quakten wie vor alter Zeit.

Wolfgang v. Goethe

Winterbericht

Der Storch ließ auf dem Dach sich nieder Und sprach: „Da, Kinder, bin ich wieder! Nun saget mir, was ist geschehn, Seit ich das Dörfchen nicht gesehn?“ „Ei“, sprach der Hans, „in diesen Tagen Da hat sich vieles zugetragen; Mein Vater kaufte eine Kuh Und meiner Schwester neue Schuh. Ich hab an Größe zugenommen Und jetzt auch Stiefel und Hosen bekommen, Weihnachten kriegte ich ein Schwert Und ein sehr wildes Wiegenpferd. Und in die Schule geht, mein Bester, Jetzt auch die Suse, meine Schwester, Und weil sie neulich nichts gewußt, Hat sie nachbleiben schon gemußt.“ „Pfui, Hans“, begann der Storch zu klappern, „Man darf nicht aus der Schule plappern!“

Rudolf Löwenstein

[Illustration]

Der Storch ist da

Juchheirasa, Der Storch ist da! Er steht vergnügt im Neste Und klappert auf das beste; Er bückt sich vor der Störchin fein Und dreht sich auf dem langen Bein.

Juchheirasa. Der Storch ist da! Was er im Wickelkissen Mitbringt, wer kann es wissen? Ein Schwesterlein? Ein Brüderlein? Es wird doch nicht ein Pärchen sein?

Martin Greif

Klapperstorch

Storch, Storch, Langbein, Wann fliegst du ins Land herein, Bringst dem Kind ein Brüderlein? Wenn der Roggen reifet, Wenn der Frosch pfeifet, Wenn die goldnen Ringen In der Kiste klingen, Wenn die roten Appeln In der Kiste rappeln.

Volksmund

Kuckuck

Der Gutzgauch auf dem zaune saß, guckguck, guckguck! es regnet ser, und er ward naß, guckguck, guckguck, guckguck! Darnach do kam der sonnenschein, guckguck, guckguck! der Gutzgauch der ward hüpsch und fein, guckguck, guckguck, guckguck! Alsdann schwang er sein gfidere, guckguck, guckguck! er flog dort hin wol über se, guckguck, guckguck!

Volksmund

Der Zweig und der Vogel im April

Wach auf! wie schläfst du gar so still -- Wach auf! wir haben schon April. Wach auf! was schläfst du gar so fest? Ich brauche Schatten für mein Nest, Ich brauch ein Dach, recht dicht gebaut, Damit mein Nest kein Würger schaut, Der mich beraubt und mich bedroht Und meinen Kleinen bringt den Tod. Drum, lieber Zweig, erwach, erwach, Bau mir solch dichtbelaubtes Dach! Was tut der stille Zweig darauf? Er schlägt die Blütenaugen auf Und spricht: „Geduld, lieb Vögelein, Ich brauch zum Bauen Sonnenschein. Wart nur zwei Wochen oder drei, Dann kommt mein Meister an, der Mai! Dann schmück ich dir dein kleines Haus Mit festen grünen Wänden aus, Von grünen Ziegeln hundertfach Bau drüber ich ein dichtes Dach, Daß dich kein böser Würger sieht. Dann kannst du singen froh dein Lied, Kannst pflegen deine kleine Brut Mit deinem Weibchen, still und gut, Den ganzen, lieben Sommer lang!“ Da spricht das Vöglein: „Schönsten Dank! So will ich baun mein Nest in Ruh; Doch für das Dächlein sorge du! Und kommt der Mai, dann ohne Rast Tu, was du mir versprochen hast!“

Rudolf Löwenstein

Frühlingsregen

Die grauen Wolken flogen, Umwölbend das Gefild, Und nieder kam gezogen Ein Regen warm und mild. Nun träufelt der Erquickung Tau, Es dampft die zartbegrünte Au -- Die Erde hat gesogen Und ihren Durst gestillt.

Ein Duft von jungem Leben Den kühlen Hain durchdringt; Die Knospen wonnig beben, Und sachtes Tröpfeln klingt. Durch Erlenbüsche streift der Wind, Mit feuchtem Haar -- ein heitres Kind; Ein Säuseln läßt er schweben Aus dem Gezweig und singt:

„Sonne, erschließe Das himmlische Blau, Goldglanz gieße Auf grüne Au! Ihr gebadeten Blumen, Laßt die feuchten Äuglein leuchten! Ich schüttle von schwanken Erlen Zum Spiel euch glitzernde Perlen -- Solch bunte Perlen woben Die schwebende Brücke droben Am blauen Himmelssee.“

Bruno Wille

[Illustration]

Aprilwetter

Sprühregen, drein die Sonne scheint, Jetzt da und jetzt auch schon vorüber, So kurz, wie wach der Säugling weint, Er wendet sich und schlummert wieder. Sprühregen! Jetzt der Himmel blau, Und jetzt von Wolken überzogen, Nun lachend über allem Grau Im Wunderschein der Regenbogen.

Martin Greif

April