Chapter 3 of 4 · 3947 words · ~20 min read

Part 3

April! April Weiß nicht, was er will, Ist gar ein launischer Gesell, Bald düster, bald hell, Bald lacht er wie Maien-Sonnenschein Dir freundlich und hell ins Herz hinein Und grüßt dich mit Blicken, mit frühlingswarmen, Bald weint er und heult schier zum Erbarmen. Bald läßt er des Sommers Strahlen blitzen, Daß Perlen dir von der Stirne schwitzen, Bald rüttelt und schüttelt er deine Glieder Und hagelt und wettert wild hernieder. Dem Frühling heut zu dienen beginnt er, Und morgen dient er wieder dem Winter. Ist eben zweier Herren Knecht Und macht’s drum keinem Herren recht, Will sich für keinen von den beiden Mit ehrlich festem Sinn entscheiden. Was er verspricht, das hält er nicht, Was er bringen soll, das bringt er nicht, Was er singen soll, das singt er nicht, Wenn er lachen kann, so lacht er nicht, Was er machen kann, das macht er nicht, Tut, was er schafft, nur mit Verdruß, Und tut’s nur darum, weil er muß. Da lob ich mir, denn der kommt jetzt herbei, Vor allem doch den Monat Mai!

Rudolf Löwenstein

Das arme Vöglein

Ein Vogel ruft im Walde, Ich weiß es wohl, wonach? Er will ein Häuschen haben, Ein grünes, laubig Dach.

Er rufet alle Tage, Und flattert hin und her, Und in dem ganzen Walde Hört keiner sein Begehr.

Und endlich hört’s der Frühling, Der Freund der ganzen Welt. Der gibt dem armen Vöglein Ein schattig Laubgezelt.

Wer singt im hohen Baume So froh vom grünen Ast? Das tut das arme Vöglein Aus seinem Laubpalast.

Es singet Dank dem Frühling Für das, was er beschied, Und singt, so lang er weilet, Ihm jeden Tag ein Lied.

Hoffmann von Fallersleben

[Illustration]

An den Mai

Es ist doch im April fürwahr Der Frühling weder halb noch gar! Komm, Rosenbringer, süßer Mai, Komm du herbei! So weiß ich, was der Frühling sei.

-- Wie aber? Soll die erste Gartenpracht, Narzissen, Primeln, Hyazinthen, Die kaum die hellen Äuglein aufgemacht, Schon welken und verschwinden? Und mit euch besonders, holde Veilchen, Wär’s dann fürs ganze Jahr vorbei? Lieber, lieber Mai, Ach, so warte noch ein Weilchen!

Eduard Mörike

Mailied

Es kommt ein wundersamer Knab Jetzt durch die Welt gegangen, Und wo er geht, bergauf, bergab, Hebt sich ein Glast und Prangen. In frischem Grün steht Feld und Tal, Die Vögel singen allzumal, Ein Blütenschnee und Regen Fällt nieder allerwegen.

Drum singen wir im Wald dies Lied Mit Hei und Tralaleyen; Wir singen’s, weil es sprießt und blüht, Als Gruß dem jungen Maien.

Den Mai ergötzt Gebrumm und Summ, Ist immer guter Laune; Drum schwirren durch den Tann herum Die Maienkäfer braune, Und aus dem Moos wächst schnell herfür Der Frühlingsblumen schönste Zier; Die weißen Glocken läuten Den Maien ein mit Freuden.

Drum singen wir im Wald das Lied mit Hei und Tralaleyen; Wir singen’s, weil es sprießt und blüht, Als Gruß dem jungen Maien.

Viktor v. Scheffel

[Illustration]

Nochmals vom Kirschbaum

Nun sagt, was ist im Kirschenbaum? In seinen Schlaf kam’s wie ein Traum: In seinen Adern regte sich’s leis: In seinen Ästen bewegte sich’s leis: Noch eine einzige laue Nacht -- Und plötzlich steht er in Blütenpracht!

Jetzt schwirren die Boten rings weitum -- Gesumm, Gebrumm Von feinsten Stimmen: „Heran, ihr Immen, Zum Feste: Der Alte erwartet die Gäste!“ Leg dich darunter, nach oben schau -- Dies Funkeln im Weiß, dazwischen das Blau! --

Und lausche: von fern und nah Richtig, sind schon die Bienen da, Ganz aus ist nun die Winternacht, Der alte Herr ganz aufgewacht -- Behaglich rauscht er: „Laßt’s euch schmecken!“ Wie sie von allen Tellerchen schlecken.

Von einem zum andern, summ, summ, summ, Zu Tausenden tummeln sie sich herum, Nippen, naschen, trinken, brummen, Die Blüten selber, meinst du, summen Immer im gleichen Geschwirr in Ruh -- Der Alte strahlt über und über dazu.

Endlich zieht davon der Schwarm, Aber nun werden die Tage warm, Aber nun brechen die Blätter heraus, Aber nun reifen die Früchte aus.

An jedem Aste die Körbe schwer, Richtet er’s jetzt für die Großen her: Stützt ihm die Arme, daß er nicht Unter dem eignen Segen bricht!

Ferdinand Avenarius

Der Säemann

Immer seh ich dich so, mein Vater, zu jeder Zeit des Jahres, so oft ich dein gedenke: als Säemann. Und deine Söhne, groß und schlank wie du, ganz dein verjüngtes Bild, barhäuptig und barfuß am Pflug.

Ein breiter Acker, aus der Mulde, die so windstill, nach der Höhe, luftig bewegt.

Lang am Wald hin dunkle Eichen und helle Birken, und wilde Heckenrosen am Rain in runden Büschen, an den Dornen Wollen-Flöckchen. Die frisch gebrochenen Furchen braun und dampfend im herben, würzigen Frühwind. Hinter uns stolzierend der schwarzglänzende Rabe, emsig im Spähen nach des Engerlings fettem Wurm.

Weiße Wolken als träumende Schäfchen hinziehend am hohen Himmel.

Du in langen Schritten gradaus, kräftig atmend, das Auge hell und fest.

Kuckucksruf aus dem Wald: Du blickst uns an und lächelst schalkhaft. Wir klopfen dreimal an die Tasche.

Nun gürtest du um den Leib den grauen, körnerschweren Samensack. Der rechte Arm, nackt bis zum Ellenbogen, mit flatterndem Ärmel, geht im Schwung mit dem Schritt. Aus der Hand fliegen sausend im Bogen die Körner, sorglich erlesen, glatt und prall und glänzend in Keimkraft. Stillbedächtig, wie in verhaltener Lust, empfängt sie die Erde und zieht sie ein in den harrenden Schoß, Hampfel um Hampfel.

Immer seh ich dich so, mein Vater, als Säemann. Immer so im festen Schritt über den frischgepflügten, dampfenden Acker hin, wie von heimlicher Musik aus der Tiefe der Erde begleitet, von segnenden Winden umsungen aus des Himmels leuchtender Höhe. Und deine Söhne alle, emsig wie du, was auch sonst ihre Hantierung, immer wieder am Pflug, bespannt mit jungen Stieren, gelben und weißen, weit leuchtend über die Felder hin.

Und aus der Ferne hör ich den Zuruf der Mutter, lieb und fröhlich: „Wie seid ihr fleißig heute!“ Dann erscheint sie, die Hand schirmend über den lachenden Augen, die feine Gestalt umflossen vom goldenen Licht: „Längst ist vorüber der Mittag, habt ihr nicht läuten gehört? Kommt jetzt, der Tisch ist bereitet, Linsensuppe gibt’s und Spätzli --“

Und wir wischen uns den Schweiß von der Stirn: „Gleich, Mutter, gleich. Wir sind hungrig wie Wölfe.“

„Gott sei Dank,“ sagst du, Vater, „wir haben das Unsrige getan. Nun schenk uns der Himmel gut Wetter zu Wachstum und Ernte.“

Immer seh ich uns so, ganz deutlich, und hör jedes Wort von dir und der seligen Mutter. So lange ist’s her, so lange, so lange. Und immer noch schwillt uns das Herz in Hoffnung künftiger Ernten.

Michael Georg Conrad

Säerspruch

Bemeßt den Schritt! Bemeßt den Schwung! Die Erde bleibt noch lange jung! Dort fällt ein Korn, das stirbt und ruht. Die Ruh ist süß. Es hat es gut. Hier eins, das durch die Scholle bricht. Es hat es gut. Süß ist das Licht. Und keines fällt aus dieser Welt Und jedes fällt, wie’s Gott gefällt.

C. F. Meyer

Junge Kätzchen

Fünf Kätzchen vorm Fenster und Lieschen dazu, Die stehen zusammen längst schon auf du. Trippelt zum Garten sie in der Früh, Wartet Frau Miezekatz schon auf sie, Putzt die vier Kleinen noch akkurat; Jeder macht gern mit den Kindern Staat.

Die Kätzchen haben heut Augen gekriegt, Gucken ganz dumm und blinzeln vergnügt. Wenn solch ein großes Wunder geschehn, Das muß die Mutter doch auch mal sehn! Holt ein Näpfchen, so ein kleins; Macht für die Kätzchen was Extrafeins. Das ist ein Springen, hinauf und hinab, Lecken sich alle Pfoten ab.

Durch den Apfelbaum, schwerbelaubt, Fällt der Mutter ein Strahl aufs Haupt, Glänzt dann auf Lieschens Blondhaar hell, Gleitet hernieder aufs Katzenfell, Bis zu den Kätzchen winzig und klein Kriegt jedes sein bißchen Sonnenschein.

Ludwig Jacobowski

Der Sperling

Der Sperling ist ein kleines Tier, Hat ein kurzes Schwänzchen, Sitzt vor Hänschens Kammertür, Macht ein Reverenzchen.

Volksmund

[Illustration]

[Illustration]

Spatzenausflug

Die Spatzen schrein in ihrem Nest, Als hätten sie ein großes Fest; Philippzipzip! Philippzipzip! Und weiß nicht, wie viel Gäst. --

Nun ist vorbei Gesang und Schmaus, Da fliegen sie aufs Dach heraus: Philippzipzip! Philippzipzip! Und ruhn ein wenig aus.

Der alte Spatz, der kluge Mann, Hebt jetzo seine Rede an: Philippzipzip! Philippzipzip! Hoch auf der Wetterfahn;

„Ihr Kinder, eh nach Samen Ihr ausfliegt auf das Feld, Geb ich euch eure Namen, Dann schlagt euch durch die Welt, Ihr könnt nun prächtig singen Und flattern und hüpfen und springen, Und baun, wo’s euch gefällt.

So merkt denn auf und horchet, Wie jeder von euch heißt, Und seid dann unbesorget, Wenn ihr von dannen reist. Helft nur einander treulich, Und seid nicht so abscheulich, Seid friedlich allermeist!

Du bist der Winkelschlupfer, Der Mück und Schnak ertappt, Du bist der Gassenhupfer, Der Korn und Haber schnappt, Und du der Bröselesser, Und du der Kirschenfresser, Wohl schmeck euch, was ihr habt!

Und wohnt ihr in den Hecken, Und wohnt ihr unterm Dach: Fern sei euch jeder Schrecken Und jedes Ungemach! Seid nur auch auf der Lauer, Wenn über Zaun und Mauer Euch schleicht das Kätzchen nach!

Miau! Dort kommt sie schon, die Katz, Die hat uns all auf einen Satz: Zwickelwickbembem! Zwickelwickbembem! Sucht einen sichern Platz.“

Friedrich Güll

Bei Goldhähnchens

Bei Goldhähnchens war ich jüngst zu Gast! Sie wohnen im grünen Fichtenpalast In einem Nestchen klein Sehr niedlich und sehr fein.

Was hat es gegeben? Schmetterlingsei, Mückensalat und Gnitzenbrei Und Käferbraten famos -- Zwei Millimeter groß.

Dann sang uns Vater Goldhähnchen was, So zierlich klang’s wie gesponnenes Glas. Dann wurden die Kinder besehn: Sehr niedlich alle zehn!

Dann sagt ich: „Adieu!“ und „Danke sehr!“ Sie sprachen: „Bitte, wir haben die Ehr, Und hat uns mächtig gefreut!“ Es sind doch reizende Leut!

Heinrich Seidel

Unser Fritz

Unser Fritz richt’t seinen Schlag, Wollt ein Meislein fangen, Doch weil ihm denselben Tag Keines drein gegangen, Wird dem Fritz zu lang die Zeit. Denkt: ich hab umsonst gestreut, Will ja keine kommen.

Nach acht Tagen fällt ihm ein, Im Garten zu spazieren: Es ist schöner Sonnenschein, Man kann nicht erfrieren, Und am alten Apfelbaum Kommt’s ihm plötzlich wie im Traum: Ob der Schlag gefallen?

„Ja! Es sitzt ein Vogel drin! Aber, weh! o wehe! Das ist trauriger Gewinn: Tot, so viel ich sehe! -- Aber, was kann ich dafür? Sicher hat das dumme Tier Sich zu Tod gefressen!“

So tröst’t sich dein Mörder wohl, Der dich hungern lassen, Aber ich vor Leid und Groll Weiß mich nicht zu fassen! Hast alle Körnlein aufgepickt, Hast dann vergebens umgeblickt, Wo noch ein Bröslein wäre!

Ihr andern Vöglein allesamt, Wohl unterm blauen Himmel, Ihr habt mit Wehgesang verdammt Den Vogelstellerlümmel. Ach, eines starb so balde, bald, Eben da in Feld und Wald Der Frühling wollte kommen.

Eduard Mörike

[Illustration]

Ritter Mai

Ich weiß hoch droben, im Walde versteckt, Am Berg eine wilde Wiese; Da liegt todwund auf den Grund gestreckt Der Winter, der reisige Riese. Den stach vom Rosse in scharfem Turnei Der Ritter Mai, der Ritter Mai.

Grieswärtel war dorten der Meister Specht, Kampfrichter waren die Dohlen. Den Ritterdank, ein Rankengeflecht, Mit Primeln durchwirkt und Violen, Empfing aus den Händen der lieblichsten Fei Der Ritter Mai, der Ritter Mai.

Nun reitet im Harnisch von klarem Gold Der herrliche Sieger zu Tale, Drommeter blasen, der Ehrenhold Verkündet mit hellem Schalle: „Viel Grüße entbeut den Vasallen in Treu Der Ritter Mai, der Ritter Mai!“

O. Kernstock

Die Kurfürsten

Die Kinder schreien Vivat hoch! In die blaue Luft hinein; Den Frühling setzen sie auf den Thron, Der soll ihr König sein.

Theodor Storm

Kling hinaus

Leise zieht durch mein Gemüt Liebliches Geläute. Klinge, kleines Frühlingslied, Kling hinaus ins Weite!

Kling hinaus bis an das Haus, Wo die Blumen sprießen! Wenn du eine Rose schaust, Sag, ich laß sie grüßen!

Heinrich Heine

Was im Maien Wunder man gewahrt

Der Mai hat Gewalt! Ob er Zauberlist ersonnen? Wo er naht mit seinen Wonnen, Da ist niemand alt.

Walther von der Vogelweide

Begegnung

Ich ging im Feld. Die Drossel schlug. Ein lindes, weiches Wehen trug Von einem wilden Apfelbaum Ein Blütenblatt, einen Frühlingsflaum. Da kam aus Osten, hügelab, Trug keinen Hut und keinen Stab Und führte keinen Ranzen mit, Der Tag im leichten Wanderschritt.

Auf seine helle Stirne fiel Ein frei Gelock, des Windes Spiel. Kein Kleid umgab der Glieder Pracht, Nackt schritt er, wie ihn Gott erdacht. Nur eine Sonnenblume hielt Er in der Linken. Hochgestielt, Der goldne Sternkelch scheitelnah Ihm schwankend über die Schulter sah.

So ging er strahlend gradeaus, Und über ihm zog mit Gebraus Ein Schwarm von weißen Schwänen mit. Er wuchs, wie er das Feld durchschritt, Und stand zuletzt am Horizont, Ein Riese, flammend übersonnt. Um ihn wie lichte Wölkchen sahn Die Vögel aus, Schwan neben Schwan. Und aus dem weißen Glitzermeer Grüßte die gelbe Blume her.

Gustav Falke

Übersehen

Es tat ein Gelahrter im Garten spazieren Und seinem Nachbar demonstrieren, Was doch für eine Lumperei Im Grund der deutsche Frühling sei. Statt daß der März die Vöglein bringe, Was Wunder, wenn bei solcher Tück Im Mai noch Schnee herunterdringe, Die Flora bleibe stets zurück. Drum, wollten wir ihr Recht begreifen, So müßten wir gen Süden schweifen. So sprach das Männlein baß verdrossen Und machte seine scharfen Glossen: Da war er, blind für junges Prangen, Einem Rosenbeet vorbeigegangen.

Martin Greif

[Illustration]

Frühlingsgespenster

Ich saß noch spät in meinem Zimmer Studierend bei der Lampe Schimmer, Und ob mein Auge müd und matt, Wandt ich doch emsig Blatt um Blatt.

Da klopft es plötzlich an mein Fenster, Ich glaube zwar nicht an Gespenster, Doch weil gar hoch mein Fenster war, Schien mir das Klopfen wunderbar.

Ich spähte in die nächt’gen Räume, Der Mond schien freundlich durch die Bäume. Tief unten schlug die Nachtigall, Sonst tiefes Schweigen überall.

Doch kaum saß ich zu lesen nieder, So klopft es auch vernehmlich wieder; Weit macht ich nun das Fenster auf Und ließ den Klopfern freien Lauf.

Und plötzlich schwärmten durch das Fenster Zwei braune, surrende Gespenster; -- Maikäfer waren’s, die’s verdroß, Daß ich im Zimmer mich verschloß;

Daß ich mich über Büchern härmte, Genießend nicht, wie sie, durchschwärmte Die linde, weiche Maiennacht Voll Blütenduft und Sternenpracht.

Julius Sturm

Maienkäferlied

Maikäferchen, Maikäferchen, fliege weg! Dein Häuschen brennt, Dein Mütterchen flennt, Dein Vater sitzt auf der Schwelle, Flieg in Himmel aus der Hölle!

Volksmund

Gedenk!

Es ist kein Vöglein so gemein, Es spürt geheime Schauer, Wenn draußen streift der Sonnenschein, Vergoldend seinen Bauer. Und du hast es vergessen fast In deines Kerkers Spangen, O Menschlein, daß du Flügel hast Und daß du hier gefangen.

Josef von Eichendorff

Lenzfahrt

Es wollten um das Lenzerwachen Drei Freunde eine Lustfahrt machen, Da wendete der eine ein: „Es muß der Tag erst länger sein!“ Und als sie wieder Ratschlag hatten, Der zweite sprach: „Es fehlt an Schatten!“ Doch als sie zechten bald in Schweiß, Der dritte sprach: „Es ist zu heiß!“ -- So war, noch eh sie sich verglichen, Der schöne Lenz auch schon verstrichen.

Martin Greif

Der Mai

Der Mai ist gekommen, die Bäume schlagen aus, Da bleibe, wer Lust hat, mit Sorgen zu Haus! Wie die Wolken dort wandern am himmlischen Zelt, So steht auch mir der Sinn in die weite, weite Welt.

Herr Vater, Frau Mutter, daß Gott euch behüt! Wer weiß, wo in der Ferne mein Glück mir noch blüht? Es gibt so manche Straße, da nimmer ich marschiert, Es gibt so manchen Wein, den ich nimmer noch probiert.

Frisch auf drum, frisch auf drum im hellen Sonnenstrahl Wohl über die Berge, wohl durch das tiefe Tal; Die Quellen erklingen, die Bäume rauschen all; Mein Herz ist wie ’ne Lerche und stimmet ein mit Schall.

Und abends im Städtlein, da kehr ich durstig ein: „Herr Wirt, Herr Wirt, eine Kanne blanken Wein! Ergreife die Fidel, du lustger Spielmann, du! Von meinem Schatz das Liedel, das sing ich dazu.“

Und find ich keine Herberg, so lieg ich zur Nacht Wohl unter blauem Himmel; die Sterne halten Wacht; Im Winde die Linde, die rauscht mich ein gemach, Es küsset in der Frühe das Morgenrot mich wach.

O Wandern, o Wandern, du freie Burschenlust! Da wehet Gottes Odem so frisch in der Brust; Da singet und jauchzet das Herz zum Himmelszelt: Wie bist du doch so schön, o du weite, weite Welt!

Emanuel Geibel

Frühling, Frühling überall

Vor meinem Fenster sang der Fink: „Heraus ins Freie, frisch und flink! Der Frühling ist ja kommen!“ Ich ging noch in der Mauern Kluft, Da kam schon lind und lau die Luft Entgegen mir geschwommen.

Und wie ich schreite durch das Tor, Steigt jubelnd eine Lerch empor, Als flög sie in den Himmel. Lustwandelnd lenk ich querfeldein: Blauveilchen duftet schon am Rain, Am Bach die goldne Primel.

Wohin ich seh, die Bäume weiß Und laubig schon der Büsche Reis Und sammetgrün die Hulde. Und wie ich wieder steh und horch: Am Weiher klappert laut der Storch, Der Kuckuck ruft im Walde.

So lug und lausch ich, bis von fern Am Himmel blinkt der Abendstern Und rings die Glocken gehen. Nun tracht ich heim; o Nachtigall, Da bringt mir deines Liedes Hall Der Nachtluft sanftes Wehen!

Und so ich nochmals rückwärts schau, Erglühen Wald und Strom und Au Im goldnen Abendrote. -- O Finke, deß gedenk ich lang, Wie mich herausgelockt dein Sang, Du lieber Frühlingsbote!

Friedrich Güll

Ostern

Vom Eise befreit sind Strom und Bäche Durch des Frühlings holden, belebenden Blick; Im Tale grünet Hoffnungsglück! Der alte Winter in seiner Schwäche Zog sich in rauhe Berge zurück. Von dorther sendet er, fliehend, nur Ohnmächtige Schauer körnigen Eises In Streifen über die grünende Flur; Aber die Sonne duldet kein Weißes; Überall regt sich Bildung und Streben, Alles will sie mit Farben beleben; Doch an Blumen fehlt’s im Revier, Sie nimmt geputzte Menschen dafür. Kehre dich um, von diesen Höhen Nach der Stadt zurückzusehen. Aus dem hohlen, finstern Tor Dringt ein buntes Gewimmel hervor. Jeder sonnt sich heute so gern; Sie feiern die Auferstehung des Herrn. Denn sie sind selber auferstanden. Aus niedriger Häuser dumpfen Gemächern, Aus Handwerks- und Gewerbesbanden, Aus dem Druck von Giebeln und Dächern, Aus der Straßen quetschender Enge, Aus der Kirchen ehrwürdger Nacht Sind sie alle ans Licht gebracht. Sieh nur, sieh! wie behend sich die Menge Durch die Gärten und Felder zerschlägt, Wie der Fluß, in Breit und Länge, So manchen lustigen Nachen bewegt; Und, bis zum Sinken überladen, Entfernt sich dieser letzte Kahn. Selbst von des Berges fernen Pfaden Blinken uns farbige Kleider an. Ich höre schon des Dorfs Getümmel; Hier ist des Volkes wahrer Himmel, Zufrieden jauchzet groß und klein: Hier bin ich Mensch, hier darf ich’s sein.

Wolfgang von Goethe

[Illustration]

Das Birkenbäumchen

Ich weiß den Tag, es war wie heute, Ein erster Maitag, weich und mild, Und die erwachten Augen freute Das übersonnte Morgenbild.

Der frohe Blick lief hin und wieder, Wie sammelt er die Schätze bloß? So pflückt ein Kind im Auf und Nieder Sich seine Blumen in den Schoß.

Da sah ich dicht am Wegessaume Ein Birkenbäumchen einsam stehn, Rührend im ersten Frühlingsflaume, Konnt nicht daran vorübergehn.

In seinem Schatten stand ich lange, Hielt seinen schlanken Stamm umfaßt Und legte leise meine Wange An seinen kühlen Silberbast.

Ein Wind flog her, ganz sacht, und wühlte Im zarten Laub wie Schmeichelhand. Ein Zittern lief herab, als fühlte Das Bäumchen, daß es Liebe fand.

Und war vorher die Sehnsucht rege, Hier war sie still, in sich erfüllt; Es war, als hätte hier am Wege Sich eine Seele mir enthüllt.

Gustav Falke

Wieder vorwärts!

Berghinan vom kühlen Grund Durch den Wald zum Felsenknauf Haucht des Frühlings holder Mund, Tausend Augen tun sich auf.

Sachte zittert Reis an Reis, Langt hinaus, noch halb im Traum. Langt und sucht umher im Kreis Für drei grüne Blättlein Raum.

Doch mit lautem Wellensang Weckt der Bach die Waldesruh; Mitten drin am jähen Hang Schläft ein Trumm von einer Fluh.

Das einst hoch am Silberquell In des Berges Krone lag, Nieder führt an diese Stell Es ein solcher Frühlingstag,

Wo es hundert Jahre blieb Hangen an der Eschenwurz; Heute reißt der junge Trieb Weiter es im Wassersturz.

Dröhnend springt’s von Stein zu Stein, Trunken von der wilden Flut, Bis es dort am Wiesenrain Schwindelnd unter Blumen ruht.

Du versteinte Herrlichkeit, O, wie tanzest du so schwer Mit der tollen Frühlingszeit -- Hinter dir kein Rückweg mehr!

Gottfried Keller

Die heilige Woche

Als Jesus von seiner Mutter ging Und die große, heilige Woch anfing, Da hatte Maria viel Herzeleid, Sie fragte den Sohn mit Traurigkeit:

„Ach Sohn, du liebster Jesu mein, Was wirst du am heiligen Sonntag sein?“ „Am Sonntag werd ich ein König sein, Da wird man mir Kleider und Palmen streun.“

„Ach Sohn, du liebster Jesu mein, Was wirst du am heiligen Montag sein?“ „Am Montag bin ich ein Wandersmann, Der nirgends ein Obdach finden kann.“

„Ach Sohn, du liebster Jesu mein, Was wirst du am heiligen Dienstag sein?“ „Am Dienstag bin ich der Welt ein Prophet, Verkünde, wie Himmel und Erde vergeht.“

„Ach Sohn, du liebster Jesu mein, Was wirst du am heiligen Mittwoch sein?“ „Am Mittwoch bin ich gar arm und gering, Verkauft um dreißig Silberling.“

„Ach Sohn, du liebster Jesu mein, Was wirst du am heiligen Donnerstag sein?“ „Am Donnerstag bin ich im Speisesaal Das Opferlamm bei dem Abendmahl.“

„Ach Sohn, du liebster Jesu mein, Was wirst du am heiligen Freitag sein?“ „Ach Mutter, ach liebste Mutter mein, Könnt dir der Freitag verborgen sein!“

„Ach Sohn, du liebster Jesu mein, Was wirst du am heiligen Samstag sein?“ „Am Samstag bin ich ein Weizenkorn, Das in der Erde wird neu geborn.

Und am Sonntag -- freu dich, o Mutter mein! -- Dann werd ich vom Tod erstanden sein: Dann trag ich das Kreuz mit der Fahn in der Hand, Dann siehst du mich wieder im Gloriestand.“

Volksmund

Da Jesus in den Garten ging

Da Jesus in den Garten ging Und ihm sein bittres Leiden anfing, Da trauert alles, was da was, Es trauert alles Laub und Gras.

Maria, die hört ein Hämmerlein klingen: O weh, o weh, meins lieben Kindes! O weh, o weh, meins Herzen ein Kron, Mein Sohn, mein Sohn will mich verlon.

Maria kam unter das Kreuz gegangen, Sie sah ihr liebs Kind vor ihr hangen An einem Kreuz, was ihr nit lieb, Maria war das Herz betrübt.

„Johannes, liebster Diener mein, Laß dir mein Mutter befohlen sein! Nimm s’ bei der Hand, führ s’ weit hintan, Daß sie nit seh mein Marter an!“

„Ach Herr, das will ich gerne tun, Ich will sie führen also schön, Ich will sie trösten also wohl, Wie ein Kind sein Mutter trösten soll.“

Nun bieg dich, Baum! Nun bieg dich, Ast! Mein Kind hat weder Ruh noch Rast. Nun bieg dich, Laub! Nun bieg dich, Gras! Laßt euch zu Herzen gehen das!

Die Feigenbäum, die bogen sich, Die harten Felsen zerkloben sich, Die Sonne verlor ihren güldnen Schein, Die Vögel ließen ihr Singen sein.

Volksmund

Golgatha

Das Land lag wie aus Glas gesponnen um mich, So rein, so klardurchsichtig war die Luft. Ich stand auf einem sanften Heidehügel In meiner Heimatinsel Schleswig-Holstein. Rings Sonne; eine weite, leere Aussicht. Die Himmelsschlüssel blühen überall, Vergißmeinnicht und gelber Löwenzahn. Der Tod hat sich ins Kraut zum Schlaf gestreckt, Reumütig liegt die Sense neben ihm. Kein Pflügerruf, kein Vogel läßt sich hören, Kein Wagen ringt sich durch den dicken Sand, Die Mühle selbst hält Rast: es ist Karfreitag.

Auf meinem kleinen Berge stehn drei Kiefern, Ich schreite ab: sechs Fuß weit voneinander. An eine dieser Kiefern dann gelehnt, Sah ich hinab in all die stille Landschaft Und freute mich des wundervollen Friedens. Ein Schwarm von Eintagsfliegen nur gab Leben, Von feuchtem Ort im Wind hierhergetrieben. Er hob und senkte sich vor mir wie Rauch, Glückselig in der Freude seines Daseins. Mich drückt die Frühlingsluft, ich sitze nieder. Der Mittag kam, ich saß noch immer da. Die Sonne sticht, die Frühlingsluft wird schwerer, Ich werde müde, Träume tun sich auf: