VIII.
Träte Kaspar, welcher jetzt zu den gesitteten Menschen von Lebensart gerechnet werden darf, unerkannt in eine gemischte Gesellschaft, so würde er bald Jedermann als eine befremdende Erscheinung auffallen. Sein Gesicht, in welchem die weichen Züge eines Kindes mit den eckigen Formen des Mannes und einigen, leicht gezogenen Furchen vorzeitigen Alters, herzgewinnende Freundlichkeit mit bedächtlichem Ernst und einem leichten Anflug von Melancholie sich vermischen[39]; seine Naivetät, zutrauliche Offenheit und oft mehr als kindische Unerfahrenheit, verbunden mit einer gewissen Art von Altklugheit und vornehmer, doch ungezwungener Gravität im Reden und Benehmen; dann die Schwerfälligkeit seiner, zuweilen nach Worten suchenden, oft fremdklingenden, harten Sprache, bei der Steifheit seiner Haltung und der Ungelenkigkeit seiner Bewegungen, -- lassen ihn jedem beobachtungsfähigen Auge als ein Gemisch von Kind, Jüngling und Mann erscheinen, ohne daß man sobald mit sich einig werden könnte, welcher Altersstufe dieser einnehmende Mischling wirklich angehöre.
In seinem Geist regt sich nichts von Genialität, nicht einmal von irgend einem ausgezeichneten Talent[40]; was er lernt verdankt er beharrlichem, hartnäckigem Fleiß. Auch jener wildlodernde Feuereifer, womit er Anfangs die Pforten alles Wissens sprengen zu wollen schien, ist längst gedämpft, beinahe erloschen. In Allem was er unternimmt, bleibt er entweder beim Anfang, oder bei der Mittelmäßigkeit stehen. Ohne ein Fünkchen Phantasie, unfähig irgend einen Witz zu machen oder nur eine bildliche Redensart zu verstehen, ist er von trocknem, aber kerngesundem Menschenverstand, und, bezüglich aller Dinge, die zunächst seine Person betreffen, oder innerhalb des engbegrenzten Kreises seiner dürftigen Kenntnisse und Erfahrungen liegen, von so richtig treffendem Urtheil und Scharfsinn, daß er damit manchen gelehrten Schulfuchs beschämen oder in Verlegenheit bringen könnte.
An Verstand ein Mann, an Einsichten ein kleiner Knabe, in Manchem noch weniger als ein Kind, zeigt sein Reden und Benehmen oft eine seltsam contrastirende Mischung von Männlichkeit und kindischem Wesen. Mit ernsthafter Miene und im Tone großer Wichtigkeit thut er nicht selten Aeusserungen, die bei jedem Andern desselben Alters dumm oder läppisch heißen würden, aus seinem Mund aber immer ein wehmüthig mitleidiges Lächeln sich erzwingen. Ganz possirlich nimmt es sich besonders aus, wenn er von seinen künftigen Lebensplanen spricht, von der Art, wie er, wenn er einmal etwas Rechtes gelernt und Geld verdient habe, sich einrichten und mit seiner Frau, die er als einen notwendigen Hausrath betrachtet, es halten wolle. Unter einer Ehefrau weiß er sich nichts anders zu denken, als eine Haushälterin oder Obermagd, die man so lange behält als sie taugt, und wieder fortschickt, wenn sie öfters die Suppe versalzen, die Hemden nicht ordentlich geflickt, die Kleider nicht gehörig rein gebürstet hat u. s. w.
Mild, sanft, ohne lasterhafte Neigungen, ohne Leidenschaften und Affekte, gleicht sein immer sich gleichbleibendes, stilles Gemüth einem spiegelglatten See in der Ruhe einer Mondscheinnacht. Unfähig einem Thier wehe zu thun, mitleidig gegen den Wurm, den er zu zertreten fürchtet, dabei furchtsam bis zur Feigheit[41], wird er gleichwohl rücksichtlos, sogar schonungslos nach seinem Sinne handeln, sobald es gilt, einmal gefaßte, für Recht erkannte Vorsätze zu behaupten und durchzusetzen. Fühlt er sich in seiner Lage bedrückt, so wird er lange duldend schweigen, dem Beschwerlichen auszubeugen oder dieses durch milde Vorstellungen zu ändern suchen, endlich aber, wenn nichts helfen will, sobald dazu die Gelegenheit sich bietet, die hemmenden Bande ganz gelassen abstreifen, ohne demjenigen, der ihm damit wehe gethan, dafür nachzuzürnen. Er ist gehorsam, willig, nachgebend; aber wer ihm mit Unrecht Etwas schuld gibt, oder als wahr behauptet, was er für unwahr hält, erwarte nicht, daß er, aus bloßer Gefälligkeit oder andern Rücksichten, in das Unrecht oder in die Unwahrheit sich bequeme; er wird bescheiden, doch immer fest, bei seinem Recht stehen bleiben und allenfalls, wenn der Andere hartnäckig gegen ihn das Feld behaupten will, schweigend davon gehen.
Als reifer Jüngling, der seine Kindheit und Jugend verschlafen, zu alt, um noch als Kind, zu kindisch unwissend, um als Jüngling zu gelten; ohne Altersgenossen, ohne Vaterland, ohne Aeltern und Verwandte; gleichsam das einzige Geschöpf seiner Gattung: erinnert ihn jeder Augenblick an seine Einsamkeit mitten im Gewühl der ihn umdrängenden Welt, an seine Ohnmacht, Schwäche und Unbehülflichkeit gegen die Macht der über sein Schicksal gebietenden Umstände, vor allem an die Abhängigkeit seiner Person von der Gunst oder Ungunst der Menschen. Daher seine, ihm gleichsam zur Nothwehr abgedrungene Fertigkeit in Beobachtung der Menschen, sein umsichtiger Scharfblick, womit er schnell ihre Eigenthümlichkeiten und Schwächen auffaßt, die Klugheit -- von Uebelwollenden Schlauheit oder Pfiffigkeit genannt -- womit er sich in diejenigen, die ihm wohl oder wehe thun können, zu bequemen, Anstößen auszubeugen, sich gefällig zu erweisen, seine Wünsche geschickt anzubringen, den guten Willen seiner Gönner und Freunde sich dienstbar zu machen weiß. Kinderstreiche, Muthwille, Possen sind eben so wenig von ihm zu erzählen, als Beispiele von Bosheit und Tücke; für die ersten ist er zu ernsthaft und kalt verständig, für die letzten zu gutmüthig und bis zur Pedanterei rechtlich.
Einer der größten Mißgriffe in der Erziehung und Bildung dieses Menschen war unstreitig, daß man, statt ihm eine seiner Eigenthümlichkeit angemessene, gemein menschliche Bildung zu geben, ihn seit einigen Jahren auf das Gymnasium schickte, und ihn noch obendrein sogleich in einer höheren Klasse den Anfang machen ließ.[42] Dieser arme verwahrloste Jüngling, der erst seit Kurzem den ersten Blick in die Welt gethan und noch nachzuholen hatte, was unsere Kinder schon an der Mutterbrust, im Schoos ihrer Wärterinnen lernen, mußte auf einmal mit der lateinischen Grammatik, mit lateinischen Exercitien, mit =Cornelius Nepos= und endlich gar mit =Caesar de bello Gallico= seinen Kopf zermartern. In lateinische Schul-Schrauben eingezwängt, erlitt nunmehr sein Geist gleichsam seine zweite Gefangenschaft. Wie früher die Kerkermauern sperrten ihn jetzt die bestaubten Wände der Schulstube von der Natur und dem Leben aus; statt nützlicher Dinge gab man ihm Worte und Phrasen, deren Sinn und Beziehung er nicht zu begreifen fähig war, und verlängerte so auf das widernatürlichste von neuem seine Kindheit. Während er an dürrem Schulkram seine Zeit und seine ohnehin geringen Kräfte vergeuden mußte, darbte er fortwährend an der nothdürftigsten Kenntniß von Dingen, die seine Seele nähren und erfreuen, seinem wunden Gemüth einigen Ersatz für die verlorne Jugend gewähren, und ihm zur Grundlage für irgend einen künftigen Beruf dienen konnten. »Ich weiß gar nicht -- sagte er öfters in Unmuth und halber Verzweiflung -- wozu ich alle die lateinische Sachen brauchen soll, da ich doch kein Pfarrer werden kann, und kein Pfarrer werden mag.« Als ihm einst hierauf ein Pedant erwiederte: »das Erlernen der lateinischen Sprache sei ihm der deutschen Sprache wegen unentbehrlich; um gründlich Deutsch zu lernen, müsse man gründlich Latein gelernt haben,« erwiderte sein gesunder Menschenverstand, »ob denn auch die Römer deutsch hätten lernen müssen, um gründlich lateinisch sprechen und schreiben zu können?« Wie das Latein zu Kaspar, Kaspar zum Latein paßte, mag man daraus abnehmen, daß dieser bärtige Lateiner, als er im Frühjahr 1831 bei mir lebte, noch nicht einmal die Erfahrung gemacht hatte, daß Gegenstände des Gesichts in der Entfernung kleiner scheinen als sie wirklich sind; er war ganz befremdet darüber, daß die Bäume einer Allee, in der ich mit ihm spazieren ging, immer kleiner und niedriger seien, und der Weg in der Ferne immer schmaler, so daß man am Ende gar nicht mehr hindurchgehen könne. Er hatte so etwas zu Nürnberg noch nicht beobachtet, und gerieth, wie über eine Zauberei, in Erstaunen, als er, mit mir die Allee hinabgehend, endlich fand, daß jeder dieser Bäume gleich hoch und der Weg überall gleich breit sei.
Das drückende Gefühl von seiner Unwissenheit, Unbehülflichkeit und Abhängigkeit; die Ueberzeugung, daß er nie im Stande sein werde, die verlorne Jugend wieder einzubringen, seinen Altersgenossen gleich zu kommen und ein in der Welt brauchbarer Mensch zu werden; daß man mit seiner Jugend ihm nicht blos den schönsten Theil des Menschenlebens genommen, sondern auch sein ganzes übriges Leben ihm verkümmert und verkrüppelt habe; endlich zu diesem allen noch der grausenhafte Gedanke, daß dem kümmerlichen Rest seiner ihm gefristeten Tage jeden Augenblick ein unsichtbares Mordbeil, ein geheimes Banditenmesser drohe: -- dies ist der schwere Inhalt der seine Stirn umziehenden Trauerwolken, die, wenn äußere Anlässe sie verdichten, nicht selten in Thränen und wehmüthigen Klagen sich ergießen. Zur Zeit seines Aufenthalts bei mir nahm ich ihn öfters mit mir auf meine Spaziergänge und führte ihn einst an einem freundlichen Morgen auf einen unsrer sogenannten Berge, von wo aus sich über die zu den Füßen liegende, niedliche Stadt und das liebliche, von Anhöhen begränzte Thal, eine schöne heitere Aussicht öffnet. Kaspar, Anfangs von diesem Anblick sehr erfreut, wurde bald still und traurig. Meiner Frage um die Ursache seiner veränderten Stimmung, antwortete er: »Ich denke mir eben, wie es doch so viel Schönes auf der Welt gibt, und wie hart es für mich ist, so lange schon gelebt und nichts davon gesehen zu haben, und wie glücklich die Kinder sind, die alles dies von ihren ersten Jahren an sehen konnten und noch immer sehen können. Ich bin schon so alt, und muß noch immer lernen, was lange schon die Kinder wissen. Ich wollte, ich wäre nie aus meinem Käfig gekommen; wer mich hineingethan, hätte mich auch darin lassen sollen. Dann hätte ich von allen dem nichts gewußt und hätte nichts vermißt und hätte keinen Jammer darüber gehabt, daß ich kein Kind gewesen und so spät auf die Welt gekommen bin.« Ich suchte ihn damit zu beruhigen, daß ich ihm sagte: »Was die Schönheiten der Natur betreffe, so habe er nicht eben Ursache, sich in Vergleich mit unsern Kindern und mit den Menschen, die seit ihrer Kindheit auf der Welt seien, zu beklagen. Die meisten Menschen, unter diesen Herrlichkeiten aufgewachsen, betrachteten sie, als etwas Gewöhnliches, Alltägliches, mit gleichgültigen Augen, nähmen diese Stumpfheit durch ihr ganzes Leben mit sich und empfänden in der Regel bei den Wundern der Natur nicht mehr, als das Thier auf der Weide. Ihm aber (Kaspar), der als Jüngling in die ihm neue Welt getreten, seien diese Genüsse, in aller ihrer Frische und Reinheit vorbehalten geblieben, und hierin habe er einen nicht geringen Ersatz für den Verlust der früheren Jahre und einen bedeutenden Vorzug vor andern Menschen gewonnen.« Er erwiederte mir nichts, und schien, wo nicht überzeugt, doch einigermaßen getröstet. Doch wird er zu keiner Zeit jemals über sein Schicksal ganz zu trösten sein. Er ist ein zartes Bäumchen, dem man seine Krone genommen, dessen Herzwurzel ein Wurm zernagt.
Bei solchen Stimmungen, in solchem Gefühl von seiner Lage mußte wohl die Religion, Glaube an Gott und gläubiges Hoffen auf die Vorsehung, Eingang in seine des Trostes bedürftige Seele finden. Er ist jetzt im ächten Sinne des Wortes ein frommer Mensch, spricht mit Andacht von Gott und beschäftigt sich gerne mit vernünftigen Erbauungsschriften. Aber freilich würde er auf keines der symbolischen Bücher schwören und noch weniger in einer andächtigen Gesellschaft von Hengstenberg und Compagnie sich behaglich fühlen[43].
Bei Zeiten den Ammenmährchen der Wärterinnen entrückt, als Kind begraben, als reifer Jüngling zu frischem Leben auferstanden, brachte er eine von Vorstellungen leere, aber auch von allen Vorurtheilen reine, von jedem Aberglauben freie Seele mit auf die Welt des Lichts. Er, dem es Anfangs so schwer war, seines eignen Geistes sich bewußt zu werden, ist noch viel weniger fähig und geneigt, gespenstige Geister sich zu denken. Ueber den Glauben an Gespenster spottet er als über die unbegreiflichste aller menschlichen Albernheiten und fürchtet nichts als den unsichtbaren geheimen Unheimlichen, dessen Mordwerkzeug er empfunden hat. Gäbe man ihm Bürgschaft, daß er gegen diesen Mann gesichert sei, so würde er zu jeder Stunde der Nacht auf einen Kirchhof gehen und ohne Grauen über Gräbern schlafen.
Seine Lebensweise ist jetzt fast ganz die gewöhnliche anderer Menschen. Er genießt, ausgenommen Schweinefleisch, alle Arten von Speisen, doch ohne hitzige Gewürze. Sein liebstes Gewürz blieben Kümmel, Fenchel und Koriander. Sein Getränk besteht noch immer in Wasser; nur Morgens wird dieses von einer Tasse Gesundheits-Chocolade vertreten. Alle gegohrnen Getränke, Bier, Wein, wie auch Thee und Kaffe, sind ihm fortwährend ein Gräuel, und würden, wollte man ihm davon einen Tropfen aufnöthigen, ihn unfehlbar krank machen.
Die ausserordentliche, fast übernatürliche Erhöhung seiner Sinne hat ebenfalls gegenwärtig ganz nachgelassen und ist beinahe auf das gewöhnliche Maaß herabgestimmt. Er sieht zwar noch immer im Dunkeln, so daß es für ihn keine wahre Nacht, sondern nur Dämmerung gibt; doch ist er nicht mehr im Stande im Finstern, wie sonst, zu lesen oder in weiter Entfernung die kleinsten Gegenstände zu erkennen. Während er ehemals bei dunkler Nacht weit besser und schärfer sah, als bei Tag, ist es jetzt umgekehrt. Gleich andern Menschen verträgt und liebt er nun das Sonnenlicht, das nicht mehr, wie sonst, seine Augen verwundet. Von der Riesenhaftigkeit seines Gedächtnisses und andern staunenswürdigen Eigenschaften ist keine Spur mehr zu finden. Nichts Ausserordentliches ist mehr an ihm, als das Ausserordentliche seines Schicksals und seine unbeschreibliche Güte und Liebenswürdigkeit.
[Illustration]
Fußnoten:
[1] Ueber die näheren Umstände, wie Kaspar mit dem erwähnten Bürger vom Unschlittplatze bis zur Wache und von da bis zur Wohnung des Rittmeisters von W. gekommen, sind die Acten theils so lückenhaft und unbefriedigend, theils, bezüglich angegebener Umstände, so sehr den Zweifeln historischer Kritik unterworfen, daß ich mich in obiger Erzählung sehr kurz fassen zu dürfen glaubte. So gibt z. B. jener Bürger an: nachdem er unterwegs mit K. ein Gespräch anzuknüpfen gesucht und ihn über manches befragt, habe er endlich bemerkt, ~daß K. von allem nichts wisse und gar keinen Begriff habe, weshalb er dann nichts mehr zu ihm gesprochen~. Hiernach zeigte sich ihm also K. eben so, wie noch denselben Abend bei dem Herrn Rittmeister von W. und später auf der Wachtstube, dann an den folgenden Tagen und Wochen. Gleichwohl erzählt zugleich jener Bürger: K. habe auf die Frage, woher er komme? geantwortet: »von Regensburg.« Ferner: als er mit K. zum neuen Thor gekommen, habe dieser gesagt: »Dös is gwiß erst baut worn, weil mer's neu Thor heißt« u. s. w. -- Daß Zeuge dieses und dergleichen gehört zu haben ~glaubt~, ist mir eben so wenig zweifelhaft, als dies: daß es K. ~nicht gesagt~ hat. Alles Folgende gibt dafür den unumstößlichsten Beweis. Aus der stehenden Redensart Kaspars: »Reutä wähn, wie mein Vottä wähn is« konnte sein Führer, der diesem Simpel, wofür er ihn hielt, gewiß nur halbe Ohren lieh, gar wohl jene Worte herauszuhören glauben. -- Ueberhaupt aber sind die in dieser Sache erwachsenen Polizei-Acten auf eine solche Weise geführt, enthalten so viele Widersprüche, nehmen vieles gar so leicht, sind in einigen ihrer wesentlichsten Bestandtheile ein so arger ~Anachronismus~, daß sie als Geschichtsquelle nur mit großer Vorsicht benutzt werden können.
[2] Mit diesen Redensarten, namentlich dem: Reutä wähn &c. verband er, wie sich späterhin ergab, keinen besonderen Sinn; es waren nichts als papageienmäßig eingelernte Töne, die er als gemeinsame Ausdrücke für alle seine Vorstellungen, Empfindungen und Begehrungen gebrauchte.
[3] Welches unbesonnener Weise, angeblich wegen seiner schlechten Beschaffenheit, sammt den Stiefeln, gleich in der ersten Zeit hinweggeworfen wurde! So verfuhr man mit Sachen, welche als ~Anzeigen~ äußerst wichtig werden konnten!
[4] Das folgende ~Signalement~ ist nicht etwa aus den Polizei-Akten genommen, wo dergleichen nicht zu finden ist, sondern aus meinen eigenen Beobachtungen und den schriftlich aufgezeichneten Bemerkungen anderer glaubwürdiger Personen.
[5] Der Verf. dieses äußerte damals den Wunsch, es möge Kaspars Gesicht von einem geschickten Porträtmaler gezeichnet werden, weil jenes sich gewiß bald verändern werde. Jener Wunsch blieb unerfüllt, diese Vermuthung aber wurde bald wahr.
[6] Es ist ein bedauernswerther Umstand, daß es in der ganzen Stadt Nürnberg keinen einzigen Menschen gab, welcher so viel wissenschaftliches Interesse in sich gefunden hätte, um diesen Menschen zum Gegenstand physiologischer Untersuchungen zu machen. Schon allein die chemische Untersuchung des Urins, des Speichels und anderer Auswurfsstoffe dieses blos mit Brod und Wasser aufgefütterten jungen Menschen, hätte manches wissenschaftlich nicht unwichtige Ergebniß gehabt, so wie diese wissenschaftlichen Ergebnisse den juridisch bedeutenden Umstand: daß Kaspar bisher wirklich nur mit Wasser und Brod genährt worden, gleichsam zu anschaulicher Gewißheit würden bewahrheitet haben. Als aber die Justiz sich mit der Hauser'schen Angelegenheit zu befassen, endlich, nach vielen vergeblichen Bemühungen von ihrer Seite, in den Stand gesetzt wurde, war die Gelegenheit, solche Untersuchungen nachzuholen, längst vorüber.
[7] Man soll sogar einmal -- was ich jedoch nicht zu verbürgen wage -- ein Feuergewehr, zur belustigenden Probe, nach ihm abgeschossen haben. --
[8] Er war noch lange nachher äusserst schwach in den Armen, wie in den Füßen. Erst im September 1828, als er schon den Anfang mit Fleischspeisen gemacht hatte, waren seine Kräfte durch wiederholte Uebung so weit gediehen, daß er ein Gewicht von 25 Pfund mit beiden Händen ein wenig vom Boden in die Höhe ziehen konnte.
[9] Nicht lange nachher erwachte jedoch das Gefühl der Schaam; und er wurde nun so verschämt, wie das zartfühlendste, keuscheste Mädchen. Eine Entblößung ist für ihn etwas Entsetzliches. Nachdem das wilde Brasilianische Mädchen Isabella, welches die Hrn. ~Spix~ u. ~Martius~ mit sich nach München gebracht hatten, einige Zeit unter civilisirten Menschen gelebt und Kleider getragen hatte, war sie nur mit der größten Mühe durch Drohungen und Schläge dahin zu bringen, daß sie, um einem Zeichner zu stehen, sich entkleidete.
[10] Man hätte aber auch ~späterhin~ nicht den bedenklichen Versuch machen sollen, die bloßen Privatunterhaltungen in die ~scheinbare Form~ amtlicher Verhöre umzukleiden: was den in dieser Sache erwachsenen Polizei-Acten ein seltsames Ansehen gibt.
[11] Diese Bekanntmachung ist es, welche bisher allen über Kaspar erschienenen Broschüren und Blättleins-Nachrichten zur Grundlage gedient hat.
[12] Ein ihm noch jetzt geläufiger Ausdruck, womit er seine Aussetzung zu Nürnberg und sein Erwachen zum geistigen Leben zu bezeichnen pflegt.
[13] Nach Kaspars umständlicher Angabe, -- welche durch die an seinem Körper zurückgebliebenen unverkennbaren Spuren, durch den ihm ganz eigenen Bau des Knies und der Kniekehle, durch die, nur ihm mögliche, ganz eigenthümliche Art auf dem Boden mit ausgestreckten Füßen zu sitzen, vollkommen bestätigt wird -- hat er niemals, auch nicht im Schlafe, mit dem ganzen Körper ausgestreckt gelegen, sondern immer, wachend und schlafend, ~mit gerade angelehntem Rücken gesessen~. Wahrscheinlich, daß die Beschaffenheit seines Lagers und eine besondere Vorrichtung ihm diese Stellung nothwendig machten. Er selbst weiß hierüber keine nähere Auskunft zu geben.
[14] Daß dieses Wasser mit Opium gemischt gewesen, ließ nicht nur schon diese Erzählung vermuthen, sondern wurde auch späterhin bei folgender Gelegenheit zu vollkommener Gewißheit. Als Kaspar schon längst bei Prof. Daumer lebte, suchte ihm einmal sein Arzt einen Tropfen Opium in einem Glas Wasser beizubringen. Kaum hatte Kaspar einen Schluck von diesem Wasser gethan, so sagte er: Das Wasser da ist garstig, das schmeckt ja gerade wie das Wasser, das ich manchmal in meinem Käfich habe trinken müssen.
[15] Hieraus und aus andern Umständen ergibt sich, daß Kaspar, während seiner Einkerkerung, immer mit einer gewissen Sorgfalt behandelt worden. Daher erklärt sich denn auch seine lang bewahrte Anhänglichkeit an den Mann »bei dem er immer gewesen«, welche erst in sehr späten Zeiten nachgelassen hat, doch auch jetzt noch nicht bis zu dem Grade, daß er eine Bestrafung dieses Mannes wünschte. Er möchte nur diejenigen bestraft wissen, auf deren Geheiß er eingesperrt worden ist; der Mann aber habe ihm nichts böses gethan.
[16] Daß Kaspar wirklich Unterricht im Schreiben, und zwar ~regelmäßigen Elementar-Unterricht~ gehabt habe, dafür lieferte er, schon am ersten Morgen nach seinem Erscheinen zu Nürnberg, augenscheinlichen Beweis. Als der Gefangenwärter Hiltel an gedachtem Morgen zu ihm in sein Gefängniß kam, gab er ihm, um ihn zu beschäftigen oder ihm eine Freude damit zu machen, einen Bogen Papier nebst einem Bleistift. Kaspar fiel hastig über beides her, legte das Papier auf die Bank, setzte sich davor hin auf den Boden und fing zu schreiben an und schrieb, ohne aufzublicken oder sich durch irgend etwas darin stören zu lassen, unablässig fort, bis der ganze Folio-Bogen auf allen seinen vier Seiten voll geschrieben war. Dieser, bei den Polizei-Acten befindliche Bogen sieht nun nicht viel anders aus, als wenn Kaspar, der gleichwohl nur aus dem Gedächtnisse schrieb, eine Vorschrift, nach welcher Kinder beim ersten Schreibunterricht sich zu üben pflegen, eben jetzt vor sich liegen gehabt hätte. Dieser Bogen besteht nämlich aus Reihen von Buchstaben und Silben, von denen jede Zeile fast immer nur denselben Buchstaben, dieselbe Silbe wiederholt; am Ende der Seiten sind sogar, wie bei Kindervorschriften üblich ist, alle Buchstaben des Alphabets, wie sie auf einander folgen, wieder in Einer Zeile zusammengestellt und gegenüber stehen, in einer andern Zeile, die arabischen Ziffern, von 1 bis 0, ebenfalls in vollkommener Ordnung. Eine Seite des Bogens wiederholt immer den Namen »Kaspar Hauser.« Auch kommt darauf das Wort: reider (Reuter) mehrmals vor. Daß jedoch Kaspar über die ersten Elemente des Schreibens nicht hinausgekommen, geht aus jenem Probebogen ebenfalls klar hervor.
[17] Es ist an sich klar, und wird durch andere Umstände erweislich, daß Kaspar die aufsteigende Bewegung von der absteigenden, Höhe und Tiefe damals, selbst im Gefühl, noch nicht unterscheiden, wie viel weniger diesen Unterschied durch Worte gehörig bezeichnen konnte. Was Kaspar »Berg« nennt, war wohl, wie nach andern Aeußerungen desselben nicht unwahrscheinlich ist, eine ~Treppe~. Kaspar will sich erinnern, daß er beim Tragen neben angestreift sei.
[18] In dessen ~Reisen durch Deutschland~. (S. Gött. gel. Anz. Juli 1831. S. 1097)
[19] In ~Calderons Leben ein Traum.~
[20] S. oben.
[21] Siehe ~Abegg Unters.~ aus dem Gebiete der Strafrechtswissenschaft, Abthl. =III.=
[22] ~Handbuch der Strafrechtswissenschaft~, Thl. =I.= §. 179 ff.
[23] Der Speichel war so sehr leimartig, daß beim Wegnehmen der Blätter, entweder Stückchen von diesen an der Wand, oder Theile vom Bewurf der Wand an dem Papier hängen blieben.
[24] Auch Prof. Daumers Notaten stimmen mit dieser Beobachtung überein.
[25] In dessen =~Philosophie de Newton~ (~Oeuvres complètes.~ Gotha. 1786. T. XXXI, p. 118 sq.)=
[26] =~Lettre sur les aveugles à l' usage de ceux qui voyent~ (Londres 1749) p. 159-164.= =Diderot= hat übrigens die Erzählung Voltaire's von Wort zu Wort abgeschrieben.
[27] Das Werk des ~Cheselden~ selbst konnte ich mir nicht verschaffen. Ich benutze übrigens diese Gelegenheit, um Hrn. Bibliothekar ~von Falkenstein~ für die, während meines Aufenthalts zu Dresden, auch bezüglich dieses Gegenstandes, erwiesenen Gefälligkeiten öffentlich meinen Dank zu sagen.
[28] =On ajute à ces raisonnemens les fameuses expériences de +Chéselden+. Le jeune homme à qui cet habile Chirurgien abbaissa les cataractes, ne distingua de longtems ni grandeurs, ni distances, ni situations, ni même figures. Un objet d'un pouce mis devant son oeil, et qui lui cachoit une maison, lui paroissoit aussi grand que la maison. Il avoit tous les objets sur les yeux, et ils lui sembloient appliqués à cet organe, comme les objets du tact le sont à la peau. Il ne pouvoit distinguer ce qu'il avoit jugé ronde à l'aide de ses mains, d'avec ce qu'il avoit jugé angulaire; ni discerner avec les yeux, si ce qu'il avoit senti être en haut ou en bas, étoit en effet en haut ou en bas. Il parvint, mais ce ne fut pas sans peine, à apercevoir que sa maison étoit plus grande que sa chambre, mais nullement à concevoir comment l'oeil pouvoit lui donner cette idée. Il lui fallut un grand nombre d' expériences réiterées, pour s'assurer que la peinture représentoit des corps solides; et quand il se fut bien convaincu, à force de regarder des tableaux, que ce n'étoient point des surfaces seulement qu' il voyoit, il y porta la main, et fut bien étonné de ne rencontrer qu' un plan uni et sans aucune saillie: il demanda alors quel étoit le trompeur du sens du toucher ou du sens de la vue. Au reste la peinture fit le même effet sur les sauvages, la première fois qu' ils en virent: ils prirent des figures peintes pour des hommes vivans, les interrogèrent, et furent tout surpris de n'en recevoir aucune réponse: cet erreur ne venoit certainement pas en eux du peu d' habitude de voir.=
[29] =It is, i think, agreed by all that ~distance~ of itself,= and immediately cannot be seen. For ~distance~ being a line directed end-wise to the eye, it projects only one point in the fund of the eye. Which point remains invariably the same, whether the distance be longer or shorter. -- I find it also acknowledged, that the estimate we make of the distance of ~objects~ considerably remote, is rather an act of judgment grounded on ~experience~, than of sense. For example: When I perceive a great number of intermediate ~objects~, such as houses, field, rivers, and the like, which I have experienced to take up a considerable space; I thence form a judgment or conclusion, that the ~object~ I see beyond them is at a great distance. Again, when an ~object~ appears faint and small, which at a near distance I have experienced to make a vigorous and large appearance; I instantly conclude it to be far off. And this, it is evident, is the result of ~experience~; without which, from the faintness and littleness, I should not have inferred any thing concerning the distance of ~objects~.=
[30] Diese Bekanntmachung hatte gleichwohl nicht die gewünschte, vollständige Wirkung. Wie nicht leicht ein Fremder nach Nürnberg kommt, ohne sich das Sebaldus-Grab, die Glasmalereien der Lorenz-Kirche, das Gänsemännchen u. s. w. zeigen zu lassen, so glaubte jetzt Niemand Nürnberg recht gesehen zu haben, wenn er nicht auch das geheimnißvolle Adoptiv-Kind dieser Stadt, in Augenschein genommen habe. -- Seit Kaspars Aufenthalt zu Nürnberg bis jetzt, wo ich dieses schreibe, haben viele hundert Personen fast aller europäischen Nationen von allen Ständen, Gelehrte, Künstler, Staatsmänner, Beamte aller Gattungen, hohe und höchste Personen, ihn gesehen und gesprochen.
[31] Der Psycholog, besonders unser geistreicher ~Schubert~, wird diese Umstände nicht unbeachtet lassen und in ihnen ein frappantes Zeugniß für Kaspars damaligen Seelenzustand erkennen.
[32] Ehe er warme Speisen vertragen konnte, hatte er beständig Durst und trank täglich 10 bis 12 Maas kalten Wassers. Aber auch noch jetzt ist er ein gewaltiger Wassertrinker, so daß unser berühmter Wasserdoctor, Prof. Oertel, ihn einem Jeden zum Muster vorstellen könnte.
[33] Herr ~Merker~ zu Berlin.
[34] Bezieht sich auf einen Fall, wo Kaspar von dem Kaminkehrer, der in der Küche fegte, sehr erschreckt worden war.
[35] So nennt er immer seine Pflegmutter, die Mutter des Prof. Daumer.
[36] Jeder Schritt und Tritt Kaspars in der folgenden Erzählung wurde durch Blutspuren nachgewiesen.
[37] Die Blutspuren am Schranke waren noch einige Tage zu sehen.
[38] Die Wirkungen des Schreckens und der Angst, wie treffend, wahr und naturgemäß erzählt! -- Daß Kaspar nicht durch die schon ~offene~ Kellerthür in den Keller sich verkrochen, daß er selbst zuvor diese Kellerthür ~aufheben~ mußte und wirklich aufgehoben hat, ist eine nicht zu bezweifelnde Thatsache; eben so gewiß ist es aber auch, daß dem Schwächling Kaspar die herkulische Arbeit des Aufhebens der Kellerthür zu jeder andern Zeit, unter andern Voraussetzungen, ganz unmöglich gewesen sein würde.
[39] Das diesem Werke beigegebene, nach dem Originalgemälde des Hrn. ~Greil~ verfertigte Bildniß, ist zwar sprechend ähnlich, zeigt aber nur den heiteren, freundlich lächelnden Kaspar. Seit Verfertigung dieses Bildnisses hat er sich merklich verändert. Sorgen, Gram und Verdruß haben die spärlichen Ueberreste verkümmerter Jugendblüthe fast gänzlich abgestreift. Auf seiner Stirn und um die Augen bilden sich Furchen, seine Backen werden hängend, die Gesichtsfarbe spielt in's Fahle. Er ist ein im Finstern gezogenes Gewächs, das, zu spät in's Sonnenlicht gebracht, nur auf kurze Zeit die Knospen einer Blüthe zeigt und bald verwelkt.
[40] Ausser zum Reiten, das er noch immer leidenschaftlich liebt. An Gewandtheit und Eleganz im Reiten, wie im Aufsitzen und Absitzen kann er es wohl mit dem geschicktesten Stallmeister aufnehmen. Mehren unserer ausgezeichnetesten Offiziere ist Kaspar in dieser Beziehung ein Gegenstand der Verwunderung.
[41] Besonders seit dem an ihm verübten Mordversuch.
[42] Aus welcher Lage er jedoch, während ich dieses Werkchen schrieb, durch die Großmuth des edlen Grafen ~Stanhope~, der ihn als seinen Pflegsohn förmlich angenommen, endlich erlöst worden ist. Er lebt jetzt zu Ansbach, wo er einem tüchtigen Schullehrer übergeben wurde, in dessen häuslicher Pflege er sich zugleich befindet. Später wird er seinem geliebten Pflegvater, unter sicherer Begleitung, nach England folgen.
[43] Er wurde in der Religion erzogen, zu welcher die Mehrheit der Bewohner Nürnbergs sich bekennt, nämlich in der lutherisch-evangelischen.