Chapter 20 of 20 · 2404 words · ~12 min read

Part 20

Beim Humor verwischt sich der hier in den Vordergrund gerückte Charakter. Wir verspüren zwar die humoristische Lust, wo eine Gefühlsregung vermieden wird, die wir als eine der Situation gewohnheitsmäßig zugeordnete erwartet hätten, und insofern fällt auch der Humor unter den erweiterten Begriff der Erwartungskomik. Aber es handelt sich beim Humor nicht mehr um zwei verschiedene Vorstellungsweisen desselben Inhalts; daß die Situation durch die zu vermeidende Gefühlserregung mit Unlustcharakter beherrscht wird, macht der Vergleichbarkeit mit dem Charakter beim Komischen und beim Witze ein Ende. Die humoristische Verschiebung ist eigentlich ein Fall jener andersartigen Verwendung eines frei gewordenen Aufwandes, der sich als so gefährlich für die komische Wirkung herausgestellt hat.

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[Sidenote: Die Formeln für Witz, Komik, Humor.]

Wir stehen nun am Ende unserer Aufgabe, nachdem wir den Mechanismus der humoristischen Lust auf eine analoge Formel zurückgeführt haben wie für die komische Lust und den Witz. Die Lust des Witzes schien uns aus +erspartem Hemmungsaufwand+ hervorzugehen, die der Komik aus +erspartem Vorstellungs+-(Besetzungs-)+aufwand+, und die des Humors aus +erspartem Gefühlsaufwand+. In allen drei Arbeitsweisen unseres seelischen Apparats stammt die Lust von einer Ersparung; alle drei kommen darin überein, daß sie Methoden darstellen, um aus der seelischen Tätigkeit eine Lust wiederzugewinnen, welche eigentlich erst durch die Entwicklung dieser Tätigkeit verloren gegangen ist. Denn die Euphorie, welche wir auf diesen Wegen zu erreichen streben, ist nichts anderes als die Stimmung einer Lebenszeit, in welcher wir unsere psychische Arbeit überhaupt mit geringem Aufwand zu bestreiten pflegten, die Stimmung unserer Kindheit, in der wir das Komische nicht kannten, des Witzes nicht fähig waren und den Humor nicht brauchten, um uns im Leben glücklich zu fühlen.

[60] Ich habe hier überall das Naive mit dem Naivkomischen identifiziert, was gewiß nicht allgemein zulässig ist. Aber es genügt unseren Absichten, die Charaktere des Naiven am „naiven Witz“ und an der „naiven Zote“ zu studieren. Ein weiteres Eingehen würde die Absicht voraussetzen, von hier aus das Wesen des Komischen zu ergründen.

[61] Auch +Bergson+ (Le rire, 1904) weist (S. 99) eine solche Ableitung der komischen Lust, die unverkennbar durch das Bestreben beeinflußt worden ist, eine Analogie mit dem Lachen des Gekitzelten zu schaffen, mit guten Argumenten ab. -- Auf einem ganz anderen Niveau steht die Erklärung der komischen Lust bei +Lipps+, die im Zusammenhange mit seiner Auffassung des Komischen als eines „unerwarteten Kleinen“ darzustellen wäre.

[62] Die Erinnerung an diesen Innervationsaufwand wird das wesentliche Stück der Vorstellung von dieser Bewegung bleiben, und es wird immer Denkweisen in meinem Seelenleben geben, bei welchen die Vorstellung durch nichts anderes als diesen Aufwand repräsentiert wird. In anderen Zusammenhängen mag ja ein Ersatz dieses Elements durch andere, z. B. durch die visuellen Vorstellungen des Bewegungszieles, durch die Wortvorstellung, eintreten, und bei gewissen Arten des abstrakten Denkens wird ein Zeichen anstatt des vollen Inhalts der Vorstellung genügen.

[63] „Was man nicht im Kopfe hat,“ sagt das Sprichwort, „muß man in den Beinen haben.“

[64] Diese durchgehende Gegensätzlichkeit in den Bedingungen des Komischen, daß bald ein Zuviel, bald ein Zuwenig als die Quelle der komischen Lust erscheint, hat zur Verwirrung des Problems nicht wenig beigetragen. Vgl. +Lipps+ (l. c., S. 47).

[65] Degradation. +A. Bain+ (The emotions and the will, 2. edit. 1865, sagt: „The occasion of the Ludicrous is the degradation of some person or interest, possessing dignity, in circumstances that excite no other strong emotion.“) (S. 248).

[66] „So heißt überhaupt Witz jedes bewußte und geschickte Hervorrufen der Komik, sei es der Komik der Anschauung oder der Situation. Natürlich können wir auch diesen Begriff des Witzes hier nicht brauchen.“ +Lipps+, l. c. S. 78.

[67] Dies wird höchstens vom Erzähler als Deutung eingesetzt.

[68] L. c. S. 83. (3. Aufl. S. 87).

[69] +Bergson+, Le rire, essai sur la signification du comique. 3me édition, Paris 1904.

[70] Sechste Auflage, Berlin 1891.

[71] „Du hast leicht lachen, dich geht es nicht weiter an.“

[72] Daß die komische Lust ihre Quelle im „quantitativen Kontrast“ im Vergleich von Klein und Groß hat, welcher schließlich auch die wesentliche Relation des Kindes zum Erwachsenen ausdrückt, dies wäre in der Tat ein seltsames Zusammentreffen, wenn das Komische weiter nichts mit dem Infantilen zu tun hätte.

[73] Die großartige humoristische Wirkung einer Figur wie des dicken Ritters +Sir John Falstaff+ beruht auf ersparter Verachtung und Entrüstung. Wir erkennen zwar in ihm den unwürdigen Schlemmer und Hochstapler, aber unsere Verurteilung wird durch eine ganze Reihe von Momenten entwaffnet. Wir verstehen, daß er sich genau so kennt, wie wir ihn beurteilen; er imponiert uns durch seinen Witz, und außerdem übt seine körperliche Mißgestalt eine Kontaktwirkung zu Gunsten einer komischen Auffassung seiner Person anstatt einer ernsthaften aus, als ob unsere Anforderungen von Moral und Ehre von einem so dicken Bauch abprallen müßten. Sein Treiben ist im ganzen harmlos und wird durch die komische Niedrigkeit der von ihm Betrogenen fast entschuldigt. Wir geben zu, daß der Arme bemüht sein darf zu leben und zu genießen wie ein anderer, und bemitleiden ihn fast, weil wir ihn in den Hauptsituationen als Spielzeug in den Händen eines ihm weit Überlegenen finden. Darum können wir ihm nicht gram werden und schlagen alles, was wir bei ihm an Entrüstung ersparen, zur komischen Lust, die er sonst bereitet, hinzu. +Sir John’s+ eigener Humor geht eigentlich aus der Überlegenheit eines Ich’s hervor, dem weder seine leiblichen noch seine moralischen Defekte die Heiterkeit und Sicherheit rauben können.

Der geistreiche Ritter +Don Quijote de la Mancha+ ist hingegen eine Gestalt, die selbst keinen Humor besitzt und uns in ihrem Ernst eine Lust bereitet, die man eine humoristische nennen könnte, obwohl deren Mechanismus eine wichtige Abweichung von dem des Humors erkennen läßt. +Don Quijote+ ist ursprünglich eine rein komische Figur, ein großes Kind, dem die Phantasien seiner Ritterbücher zu Kopfe gestiegen sind. Es ist bekannt, daß der Dichter anfangs nichts anderes mit ihm wollte, und daß das Geschöpf allmählich weit über die ersten Absichten des Schöpfers hinauswuchs. Nachdem aber der Dichter diese lächerliche Person mit der tiefsten Weisheit und den edelsten Absichten ausgestattet und sie zum symbolischen Vertreter eines Idealismus gemacht hat, der an die Verwirklichung seiner Ziele glaubt, Pflichten ernst und Versprechen wörtlich nimmt, hört diese Person auf, komisch zu wirken. Ähnlich wie sonst die humoristische Lust durch Verhinderung einer Gefühlserregung entsteht sie hier durch Störung der komischen Lust. Doch entfernen wir uns mit diesen Beispielen bereits merklich von den einfachen Fällen des Humors.

[74] Ein Terminus, der in der Ästhetik von +Fr. Th. Vischer+ in ganz anderem Sinne verwendet wird.

[75] Wenn man sich nicht scheut, dem Begriff Erwartung einigen Zwang anzutun, kann man nach dem Vorgange von Lipps ein sehr großes Gebiet des Komischen der Erwartungskomik zurechnen, aber gerade die wahrscheinlich ursprünglichsten Fälle der Komik, die aus der Vergleichung eines fremden Aufwandes mit dem eigenen hervorgehen, würden sich dieser Zusammenfassung am wenigsten fügen.

[76] Man kann an dieser Formel ohne weiteres festhalten, denn sie läuft auf nichts heraus, was im Widerspruch zu früheren Erörterungen stünde. Die Differenz zwischen den beiden Aufwänden muß sich im wesentlichen auf den ersparten Hemmungsaufwand reduzieren. Das Fehlen dieser Hemmungsersparung beim Komischen und der Wegfall des quantitativen Kontrastes beim Witze würden, bei aller Übereinstimmung im Charakter der zweierlei Vorstellungsarbeit für die nämliche Auffassung, den Unterschied des komischen Gefühls vom Eindruck des Witzes bedingen.

[77] Die Eigentümlichkeit der „Double face“ ist den Autoren natürlich nicht entgangen. +Mélinaud+, dem ich obigen Ausdruck entnahm (Pourquoi rit-on? Revue des deux mondes, Februar, 1895), faßt die Bedingung für das Lachen in folgende Formel: Ce qui fait rire, c’est ce qui est à la fois, d’un côté, absurde et de l’autre, familier. Die Formel paßt auf den Witz besser als aufs Komische, deckt aber auch den ersteren nicht ganz. -- +Bergson+ (l. c., S. 98) definiert die komische Situation durch die „interférence des séries“: „Une situation est toujours comique quand elle appartient en même temps à deux séries d’événements absolument indépendantes, et qu’elle peut s’interpréter à la fois dans deux sens tout différents.“ -- Für +Lipps+ ist die Komik „die Größe und Kleinheit desselben“.

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Im Erscheinen begriffen:

Handbuch der Psychiatrie.

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=Prof. A. Alzheimer= (München), =Prof. E. Bleuler= (Zürich), =Prof. K. Bonhoeffer= (Breslau), =Priv.-Doz. G. Bonvicini= (Wien), =Prof. O. Bumke= (Freiburg i. B.), =Prof. R. Gaupp= (Tübingen), =Direktor A. Groß= (Rufach i. E.), =Prof. A. Hoche= (Freiburg i. B.), =Priv.-Doz. M. Isserlin= (München), =Prof. Th. Kirchhoff= (Schleswig), =Direktor A. Mercklin= (Treptow a. R.), =Prof. E. Redlich= (Wien), =Prof. M. Rosenfeld= (Straßburg i. E.), =Prof. P. Schroeder= (Breslau), =Prof. E. Schultze= (Greifswald), =Priv.-Doz. W. Spielmeyer= (Freiburg i. B.), =Priv.-Doz. E. Stransky= (Wien), =Prof. H. Vogt= (Frankfurt a. M.), =Priv.-Doz. G. Voß= (Greifswald), =Prof. J. Wagner Ritter von Jauregg= (Wien), =Prof. W. Weygandt= (Hamburg-Friedrichsberg)

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Beabsichtigte Einteilung des Werkes:

A. Allgemeiner Teil.

1. Abteilung: =Alzheimer, Prof. Dr. A.=, Die normale und pathologische Anatomie der Hirnrinde.

2. Abteilung: =Rosenfeld, Prof. Dr. M.=, Die Physiologie des Großhirns. -- =Isserlin, Priv.-Doz. Dr. M.=, Physiologische Einleitung.

3. Abteilung: =Voß, Priv.-Doz. Dr. G.=, Die Ätiologie der Psychosen. -- =Aschaffenburg, Prof. Dr. G.=, Allgemeine Symptomatologie der Psychosen.

4. Abteilung: =Kirchhoff, Prof. Dr. Th.=, Geschichte der Psychiatrie. -- =Groß, Direktor Dr. A.=, Allgemeine Therapie der Psychosen.

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B. Spezieller Teil.

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6. Abteilung: =Stransky, Priv.-Doz. Dr. E.=, Das manisch-depressive Irresein. Preis M 10·-- = K 12·--.

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K. u. K. Hofbuchdruckerei Karl Prochaska in Teschen.