Chapter 3 of 20 · 3894 words · ~19 min read

Part 3

+Schleiermacher+ wird z. B. ein Witz zugeschrieben, der uns als fast reines Beispiel solcher technischen Mittel wichtig ist: +Eifersucht+ ist eine +Leidenschaft+, die mit +Eifer sucht+, was +Leiden schafft+.

Dies ist unstreitig witzig, wiewohl nicht gerade kräftig als Witz. Es fallen hier eine Menge von Momenten weg, die uns bei der Analyse anderer Witze irre machen können, so lange wir jeden von ihnen vereinzelt in Untersuchung ziehen. Der im Wortlaut ausgedrückte Gedanke ist wertlos; er gibt jedenfalls eine recht ungenügende Definition der Eifersucht. Von „Sinn im Unsinn“, „verborgenem Sinn“, „Verblüffung und Erleuchtung“ ist keine Rede. Einen Vorstellungskontrast wird man mit der größten Anstrengung nicht herausfinden, einen Kontrast zwischen den Worten und dem, was sie bedeuten, nur mit großem Zwang. Von einer Verkürzung ist nichts zu finden; der Wortlaut macht im Gegenteil den Eindruck der Weitschweifigkeit. Und doch ist es ein Witz, selbst ein sehr vollkommener. Sein einzig auffälliger Charakter ist gleichzeitig derjenige, mit dessen Aufhebung der Witz verschwindet, nämlich daß hier dieselben Worte eine mehrfache Verwendung erfahren. Man hat dann die Wahl, ob man diesen Witz jener Unterabteilung zurechnen will, in welcher Worte einmal ganz und das andere Mal zerteilt gebraucht werden (wie +Rousseau+, +Antigone+), oder jener anderen, in der die volle und die abgeblaßte Bedeutung von Wortbestandteilen die Mannigfaltigkeit herstellen. Außer diesem ist nur noch ein anderes Moment für die Technik des Witzes beachtenswert. Es ist hier ein ungewohnter Zusammenhang hergestellt, eine Art +Unifizierung+ vorgenommen worden, indem die Eifersucht durch ihren eigenen Namen, gleichsam durch sich selbst definiert ist. Auch dies ist, wie wir hier hören werden, eine Technik des Witzes. Diese beiden Momente müssen also für sich hinreichend sein, einer Rede den gesuchten Charakter des Witzes zu geben.

Wenn wir uns nun in die Mannigfaltigkeit der „mehrfachen Verwendung“ desselben Wortes noch weiter einlassen, so merken wir mit einem Male, daß wir Formen von „Doppelsinn“ oder „Wortspiel“ vor uns haben, die als Technik des Witzes längst allgemein bekannt und gewürdigt sind. Wozu haben wir uns die Mühe gegeben, etwas neu zu entdecken, was wir aus der seichtesten Abhandlung über den Witz hätten entnehmen können? Wir können zu unserer Rechtfertigung zunächst nur anführen, daß wir an dem nämlichen Phänomen des sprachlichen Ausdrucks doch eine andere Seite hervorheben. Was bei den Autoren den „spielerischen“ Charakter des Witzes erweisen soll, fällt bei uns unter den Gesichtspunkt der „mehrfachen Verwendung“.

Die weiteren Fälle von mehrfacher Verwendung, die man auch als +Doppelsinn+ zu einer neuen, dritten Gruppe vereinigen kann, lassen sich leicht in Unterabteilungen bringen, die freilich nicht durch wesentliche Unterscheidungen von einander gesondert sind, ebensowenig wie die ganze dritte Gruppe von der zweiten. Da gibt es zunächst _a_) die Fälle von Doppelsinn eines +Namens+ und seiner +dinglichen Bedeutung+, z. B. „+Drück dich aus unserer Gesellschaft ab, Pistol+“ (bei Shakespeare).

„Mehr +Hof+ als +Freiung+,“ sagte ein witziger Wiener mit Beziehung auf mehrere schöne Mädchen, die seit Jahren viel gefeiert wurden und noch immer keinen Mann gefunden hatten. „Hof“ und „Freiung“ sind zwei aneinander stoßende Plätze im Innern der Stadt Wien.

+Heine+: „Hier in Hamburg herrscht nicht der schändliche Macbeth, sondern hier herrscht +Banko+“ (Banquo).

Wo der unveränderte Namen nicht brauchbar -- man könnte sagen: nicht mißbrauchbar -- ist, kann man mittels einer der uns bekannten kleinen Modifikationen den Doppelsinn aus ihm gewinnen:

„Weshalb haben die Franzosen den Lohengrin zurückgewiesen?“ fragte man in nun überwundenen Zeiten. Die Antwort lautete: „+Elsas+ (+Elsaß+) wegen.“

_b_) Den Doppelsinn der +sachlichen+ und +metaphorischen+ Bedeutung eines Wortes, der eine ergiebige Quelle für die Witztechnik ist. Ich zitiere nur ein Beispiel: Ein als Witzbold bekannter ärztlicher Kollege sagte einmal zum Dichter +Arthur Schnitzler+: „Ich wundere mich nicht, daß du ein großer Dichter geworden bist. Hat doch schon dein Vater seinen Zeitgenossen den +Spiegel+ vorgehalten.“ Der Spiegel, den der Vater des Dichters, der berühmte Arzt Dr. +Schnitzler+, gehandhabt, war der +Kehlkopfspiegel+; nach einem bekannten Ausspruch +Hamlets+ ist es der Zweck des Schauspieles, also auch des Dichters, der es schafft, „der Natur gleichsam den Spiegel vorzuhalten: der Tugend ihre eigenen Züge, der Schmach ihr eigenes Bild und dem Jahrhundert und Körper der Zeit den Abdruck seiner Gestalt zu zeigen“ (III., 2. Szene).

_c_) Den eigentlichen Doppelsinn oder das +Wortspiel+, der sozusagen ideale Fall der mehrfachen Verwendung; dem Wort wird hier nicht Gewalt angetan, es wird nicht in seine Silbenbestandteile zerrissen, es braucht sich keiner Modifikation zu unterziehen, nicht die Sphäre, der es angehört, etwa als Eigenname, mit einer anderen zu vertauschen; ganz so wie es ist und im Gefüge des Satzes steht, darf es dank der Gunst gewisser Umstände zweierlei Sinn aussagen.

Beispiele stehen hier reichlich zur Verfügung:

(Nach +K. Fischer+.) Eine der ersten Regentenhandlungen des letzten Napoleon war bekanntlich die Wegnahme der Güter der Orléans. Ein vortreffliches Wortspiel sagte damals „C’est le premier +vol+ de l’aigle.“ „Vol“ heißt +Flug+, aber auch +Raub+.

Ludwig XV. wünschte den Witz eines seiner Hofherren, von dessen Talent man ihm erzählt hatte, auf die Probe zu stellen; bei der ersten Gelegenheit befiehlt er dem Kavalier, einen Witz zu machen über ihn selbst; er selbst, der König, wolle „Sujet“ dieses Witzes sein. Der Hofmann antwortete mit dem geschickten Bonmot: „Le roi n’est pas +sujet+.“ „Sujet“ heißt ja auch +Untertan+.

Der Arzt, der vom Krankenbett der Frau weggeht, sagt zu dem ihn begleitenden Ehemanne kopfschüttelnd: Die Frau +gefällt+ mir nicht. Mir +gefällt+ sie schon lange nicht, beeilt sich dieser zuzustimmen.

Der Arzt bezieht sich natürlich auf den Zustand der Frau, er hat aber seine Besorgnis um die Kranke in solchen Worten ausgedrückt, daß der Mann in ihnen die Bestätigung seiner ehelichen Abneigung finden kann.

Von einer satyrischen Komödie sagte +Heine+: „Diese Satyre wäre nicht so +bissig+ geworden, wenn der Dichter mehr zu +beißen+ gehabt hätte.“ Dieser Witz ist eher ein Beispiel von metaphorischem und gemeinem Doppelsinn als ein richtiges Wortspiel, aber wem läge daran, hier an scharfen Grenzen festzuhalten?

Ein anderes gutes Wortspiel wird bei den Autoren (+Heymans+, +Lipps+) in einer Form erzählt, durch die ein Verständnis desselben verhindert wird.[18] Die richtige Fassung und Einkleidung fand ich unlängst in einer sonst wenig brauchbaren Sammlung von Witzen.[19]

„+Saphir+ kam einst mit +Rothschild+ zusammen. Sie hatten kaum ein Weilchen miteinander geplaudert, als +Saphir+ sagte: ‚Hören Sie, +Rothschild+, meine Kasse ist dünn geworden, Sie könnten mir 100 Dukaten pumpen.‘ ‚Je nun,‘ erwiderte +Rothschild+, ‚darauf soll es mir nicht ankommen, aber nur unter der Bedingung, daß Sie einen Witz machen.‘ ‚Darauf soll’s mir ebenfalls nicht ankommen,‘ versetzte +Saphir+. ‚Gut, so kommen Sie morgen auf mein Bureau.‘ +Saphir+ stellte sich pünktlich ein. ‚Ach,‘ sagte +Rothschild+, als er den Eintretenden gewahrte, ‚+Sie kommen um Ihre 100 Dukaten+.‘ ‚Nein,‘ erwiderte dieser, ‚+Sie kommen um Ihre 100 Dukaten+, da es mir bis zum jüngsten Tage nicht einfallen wird, sie wieder zu bezahlen.‘“

„Was +stellen+ diese Statuen +vor+?“ fragt ein Fremder einen einheimischen Berliner angesichts einer Front von Denkmälern auf einem öffentlichen Platz. „Je nu,“ antwortet dieser, „+entweder das rechte oder das linke Bein+.“[20]

+Heine+ in der Harzreise: „Auch sind mir in diesem Augenblicke nicht alle Studenten+namen+ im Gedächtnisse und unter den Professoren sind manche, die noch gar keinen +Namen+ haben.“

Wir üben uns vielleicht in der diagnostischen Differenzierung, wenn wir hier einen anderen allbekannten Professorenwitz anschließen. „Der Unterschied zwischen +ordentlichen+ und +außerordentlichen+ Professoren besteht darin, daß die +ordentlichen+ nichts +außerordentliches+ und die +außerordentlichen+ nichts +ordentliches+ leisten.“ Das ist gewiß ein Spiel mit den zwei Bedeutungen der Worte „ordentlich“ und „außerordentlich“, in und außer der Ordo (dem Stande) einerseits und tüchtig, beziehungsweise hervorragend, anderseits. Die Übereinstimmung dieses Witzes aber mit anderen uns bekannt gewordenen Beispielen mahnt uns daran, daß hier die mehrfache Verwendung weit auffälliger ist als der Doppelsinn. Man hört ja in dem Satz nichts anderes als das immer wiederkehrende „+ordentlich+“, bald als solches, bald negativ modifiziert (vgl. S. 23). Außerdem ist hier wiederum das Kunststück vollbracht, einen Begriff durch seinen Wortlaut zu definieren (vgl. Eifersucht ist eine Leidenschaft usw.), genauer beschrieben, zwei korrelative Begriffe durcheinander, wenn auch negativ, zu definieren, was eine kunstvolle Verschränkung ergibt. Endlich kann man den Gesichtspunkt der Unifizierung auch hier hervorheben, die Herstellung eines innigeren Zusammenhanges zwischen den Elementen der Aussage, als man nach deren Natur zu erwarten ein Recht hätte.

+Heine+ in der Harzreise: „Der Pedell Sch. grüßte mich sehr kollegialisch, denn er ist ebenfalls Schriftsteller und hat meiner in seinen halbjährigen Schriften oft erwähnt; wie er mich denn auch außerdem oft +zitiert+ hat, und wenn er mich nicht zu Hause fand, immer so gütig war, die +Zitation+ mit Kreide auf meine Stubentür zu schreiben.“

Der „Wiener Spaziergänger“ +D. Spitzer+ fand für einen sozialen Typus, der zur Zeit des Gründertums blühte, die lakonische, aber gewiß auch sehr witzige, biographische Charakteristik:

„+Eiserne+ Stirne -- +eiserne+ Kasse -- +eiserne+ Krone.“ (Letzteres ein Orden, mit dessen Verleihung der Adelsstand verknüpft war.) Eine ganz ausgezeichnete Unifizierung, alles gleichsam aus Eisen! Die verschiedenen, aber nicht sehr auffällig miteinander kontrastierenden Bedeutungen des Beiwortes „eisern“ ermöglichen diese „mehrfachen Verwendungen“.

[Sidenote: Zweideutigkeit.]

Ein anderes Wortspiel mag uns den Übergang zu einer neuen Unterart der Doppelsinntechnik erleichtern. Der auf S. 26 erwähnte witzige Kollege ließ sich zur Zeit des Dreyfushandels den Witz zu Schulden kommen:

„Dieses Mädchen erinnert mich an Dreyfus. Die Armee glaubt nicht an ihre +Unschuld+.“

Das Wort „Unschuld“, auf dessen Doppelsinn der Witz aufgebaut ist, hat in dem einen Zusammenhang den gebräuchlichen Sinn mit dem Gegensatz: Verschulden, Verbrechen, in dem anderen aber einen sexuellen Sinn, dessen Gegensatz sexuelle Erfahrung ist. Nun gibt es sehr viele derartige Beispiele von Doppelsinn, und in ihnen allen kommt es für die Wirkung des Witzes ganz besonders auf den sexuellen Sinn an. Man könnte für diese Gruppe etwa die Bezeichnung „+Zweideutigkeit+“ reservieren.

Ein ausgezeichnetes Beispiel solch eines zweideutigen Witzes ist der auf Seite 22 mitgeteilte von +D. Spitzer+:

„Nach der Ansicht der einen soll der Mann +viel verdient+ und +sich dabei etwas zurückgelegt+ haben, nach anderen wieder soll +sich+ die Frau +etwas zurückgelegt+ und dabei +viel+ verdient haben.“

Vergleicht man aber dieses Beispiel von Doppelsinn mit Zweideutigkeit mit anderen, so fällt ein Unterschied ins Auge, der für die Technik nicht ganz belanglos ist. In dem Witz von der „Unschuld“ liegt der eine Sinn des Wortes unserem Erfassen ebenso nahe wie der andere; man wüßte wirklich nicht zu unterscheiden, ob die sexuelle oder die nicht sexuelle Bedeutung des Wortes die gebräuchlichere und uns vertrautere ist. Anders in dem Beispiel von +D. Spitzer+; in diesem ist der eine, banale, Sinn der Worte „sich etwas zurückgelegt“, der bei weitem aufdringlichere, verdeckt und versteckt gleichsam den sexuellen Sinn, der einem Arglosen etwa gar entgehen könnte. Setzen wir zum scharfen Gegensatz ein anderes Beispiel von Doppelsinn hin, in dem auf solches Verstecken der sexuellen Bedeutung verzichtet ist, z. B. +Heines+ Charakterschilderung einer gefälligen Dame: „Sie konnte nichts +abschlagen+ außer ihr Wasser.“ Es klingt wie eine Zote, der Eindruck des Witzes kommt kaum zur Geltung.[21] Nun kann die Eigentümlichkeit, daß die beiden Bedeutungen des Doppelsinnes uns nicht gleich nahe liegen, auch bei Witzen ohne sexuelle Beziehung vorkommen, sei es, daß der eine Sinn der an sich der gebräuchlichere ist, sei es, daß er durch den Zusammenhang mit den anderen Teilen des Satzes vorangestellt wird (z. B. c’est le premier +vol+ de l’aigle); alle diese Fälle schlage ich vor als +Doppelsinn mit Anspielung+ zu bezeichnen.

* * * * *

Wir haben bis jetzt bereits eine so große Anzahl verschiedener Techniken des Witzes kennen gelernt, daß ich fürchten muß, wir könnten die Übersicht über dieselben verlieren. Versuchen wir darum eine Zusammenstellung derselben:

I. Die Verdichtung: _a_) mit Mischwortbildung, _b_) mit Modifikation.

II. Die Verwendung des nämlichen Materials: _c_) Ganzes und Teile, _d_) Umordnung, _e_) leichte Modifikation, _f_) dieselben Worte voll und leer.

III. Doppelsinn: _g_) Name und Sachbedeutung, _h_) metaphorische und sachliche Bedeutung, _i_) eigentlicher Doppelsinn (Wortspiel), _k_) Zweideutigkeit, _l_) Doppelsinn mit Anspielung.

[Sidenote: Die Tendenz zur Ersparung.]

Diese Mannigfaltigkeit wirkt verwirrend. Sie könnte uns mißmutig werden lassen, daß wir uns gerade der Beschäftigung mit den technischen Mitteln des Witzes zugewendet haben, und könnte uns argwöhnen lassen, daß wir deren Bedeutung für eine Erkenntnis des Wesentlichen am Witze doch überschätzen. Stände dieser erleichternden Vermutung nicht die eine unabweisbare Tatsache im Wege, daß der Witz jedesmal aufgehoben ist, sobald wir die Leistung dieser Techniken im Ausdruck wegräumen! Wir werden also doch darauf hingewiesen, die Einheit in dieser Mannigfaltigkeit zu suchen. Es müßte möglich sein, alle diese Techniken unter einen Hut zu bringen. Die zweite und dritte Gruppe zu vereinigen ist nicht schwierig, wie wir uns schon gesagt haben. Der Doppelsinn, das Wortspiel ist ja nur der ideale Fall von Verwendung des nämlichen Materials. Letzterer ist dabei offenbar der umfassendere Begriff. Die Beispiele von Zerteilung, Umordnung des gleichen Materials, mehrfacher Verwendung mit leichter Modifikation (_c_, _d_, _e_) würden sich dem Begriff des Doppelsinnes nicht ohne Zwang unterordnen. Aber welche Gemeinsamkeit gibt es zwischen der Technik der ersten Gruppe -- Verdichtung mit Ersatzbildung -- und jener der beiden anderen, mehrfache Verwendung des nämlichen Materials?

Nun, eine sehr einfache und deutliche, sollt’ ich meinen. Die Verwendung des nämlichen Materials ist ja nur ein Spezialfall der Verdichtung; das Wortspiel ist nichts anderes als eine Verdichtung +ohne+ Ersatzbildung; die Verdichtung bleibt die übergeordnete Kategorie. Eine zusammendrängende oder richtiger +ersparende+ Tendenz beherrscht alle diese Techniken. Es scheint alles Sache der Ökonomie zu sein, wie Prinz +Hamlet+ sagt (Thrift, Horatio, Thrift!).

Machen wir die Probe auf diese Ersparnis an den einzelnen Beispielen. „C’est le premier vol de l’aigle.“ Das ist der erste Flug des Adlers. Ja, aber es ist ein Raubausflug. Vol bedeutet zum Glück für die Existenz dieses Witzes sowohl „Flug“ als auch „Raub“. Ist dabei nichts verdichtet und erspart worden? Gewiß der ganze zweite Gedanke, und zwar ist er ohne Ersatz fallen gelassen worden. Der Doppelsinn des Wortes +vol+ macht solchen Ersatz überflüssig, oder eben so richtig: Das Wort +vol+ enthält den Ersatz für den unterdrückten Gedanken, ohne daß der erste Satz darum einen Zusatz oder eine Abänderung brauchte. Das eben ist die Wohltat des Doppelsinnes.

Ein anderes Beispiel: Eiserne Stirne -- eiserne Kasse -- eiserne Krone. Welch außerordentliche Ersparnis gegen eine Ausführung des Gedankens, in welcher der Ausdruck das „+eisern+“ nicht gefunden hätte! „Mit der nötigen Frechheit und Gewissenlosigkeit ist es nicht schwer, ein großes Vermögen zu erwerben, und zur Belohnung für solche Verdienste bleibt natürlich der Adel nicht aus.“

Ja, in diesen Beispielen ist die Verdichtung, also die Ersparnis, unverkennbar. Sie soll aber in allen nachweisbar sein. Wo steckt nun die Ersparnis in solchen Witzen wie +Rousseau -- roux et sot+, +Antigone -- antik? o -- nee+, in denen wir zuerst die Verdichtung vermißt haben, die uns vor allem bewegen haben, die Technik der mehrfachen Verwendung des nämlichen Materials aufzustellen? Hier würden wir allerdings mit der Verdichtung nicht durchkommen, aber wenn wir diese mit dem ihr übergeordneten Begriff der „Ersparnis“ vertauschen, geht es ohne Schwierigkeit. Was wir in den Beispielen Rousseau, Antigone usw. ersparen, ist leicht zu sagen. Wir ersparen es, eine Kritik zu äußern, ein Urteil zu bilden, beides ist im Namen selbst schon gegeben. Im Beispiel der Leidenschaft -- Eifersucht ersparen wir es uns, eine Definition mühsam zusammenzustellen: Eifersucht, Leidenschaft und -- Eifer sucht, Leiden schafft; die Füllworte dazu und die Definition ist fertig. Ähnliches gilt für alle anderen bisher analysierten Beispiele. Wo am wenigsten erspart wird, wie in dem Wortspiel von +Saphir+: „Sie kommen um Ihre 100 Dukaten,“ da wird wenigstens erspart, den Wortlaut der Antwort neu zu bilden; der Wortlaut der Anrede genügt auch zur Antwort. Es ist wenig, aber nur in diesem Wenigen liegt der Witz. Die mehrfache Verwendung der nämlichen Worte zur Anrede wie zur Antwort gehört gewiß zum „Sparen“. Ganz, wie +Hamlet+ die rasche Aufeinanderfolge des Todes seines Vaters und der Hochzeit seiner Mutter aufgefaßt sehen will:

„Das Gebackene Vom Leichenschmaus gab kalte Hochzeitsschüsseln.“

Ehe wir aber die „Tendenz zur Ersparnis“ als den allgemeinsten Charakter der Witztechnik annehmen und die Fragen stellen, woher sie stammt, was sie bedeutet und wieso der Lustgewinn des Witzes aus ihr entspringt, wollen wir einem Zweifel Raum gönnen, der ein Recht hat, angehört zu werden. Mag es sein, daß jede Witztechnik die Tendenz zeigt, mit dem Ausdruck zu sparen, aber die Beziehung ist nicht umkehrbar. Nicht jede Ersparung am Ausdruck, jede Kürzung, ist darum auch witzig. Wir standen schon einmal an dieser Stelle, damals als wir noch bei jedem Witz den Verdichtungsvorgang nachzuweisen hofften, und damals machten wir uns den berechtigten Einwand, ein Lakonismus sei noch kein Witz. Es müßte also eine besondere Art von Verkürzung und von Ersparnis sein, an welcher der Charakter des Witzes hinge, und solange wir diese Besonderheit nicht kennen, bringt uns die Auffindung des Gemeinsamen in der Witztechnik der Lösung unserer Aufgabe nicht näher. Außerdem finden wir den Mut zu bekennen, daß die Ersparungen, welche die Witztechnik macht, uns nicht zu imponieren vermögen. Sie erinnern vielleicht an die Art, wie manche Hausfrauen sparen, wenn sie, um einen entlegenen Markt aufzusuchen, Zeit und Geld für die Fahrt aufwenden, weil dort das Gemüse um einige Heller wohlfeiler zu haben ist. Was erspart sich der Witz durch seine Technik? Einige neue Worte zusammenzufügen, die sich meist mühelos ergeben hätten; anstatt dessen muß er sich die Mühe geben, das eine Wort aufzusuchen, welches ihm beide Gedanken deckt; ja er muß oft erst den Ausdruck des einen Gedankens in eine nicht gebräuchliche Form umwandeln, bis diese ihm den Anhalt zur Zusammenfassung mit dem zweiten Gedanken ergeben kann. Wäre es nicht einfacher, leichter und eigentlich sparsamer gewesen, die beiden Gedanken so auszudrücken, wie es sich eben trifft, auch wenn dabei keine Gemeinsamkeit des Ausdruckes zu stande kommt? Wird die Ersparnis an geäußerten Worten nicht durch den Aufwand an intellektueller Leistung mehr als aufgehoben? Und wer macht dabei die Ersparung, wem kommt sie zu gute?

Wir können diesen Zweifeln vorläufig entgehen, wenn wir den Zweifel selbst an eine andere Stelle versetzen. Kennen wir wirklich bereits alle Arten der Witztechnik? Es ist sicherlich vorsichtiger, neue Beispiele zu sammeln und der Analyse zu unterziehen.

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[Sidenote: Kalauer.]

Wir haben in der Tat einer großen, vielleicht der zahlreichsten Gruppe von Witzen noch nicht gedacht und uns dabei vielleicht durch die Geringschätzung beeinflussen lassen, welche diesen Witzen zu teil geworden ist. Es sind die, welche gemeinhin +Kalauer+ (Calembourgs) genannt werden und für die niedrigste Abart des Wohnsitzes gelten, wahrscheinlich, weil sie am „billigsten“ sind, mit leichtester Mühe gemacht werden können. Und wirklich stellen sie den mindesten Anspruch an die Technik des Ausdrucks wie das eigentliche Wortspiel den höchsten. Wenn bei letzterem die beiden Bedeutungen in dem identischen und darum meist nur einmal gesetzten Wort ihren Ausdruck finden sollen, so genügt beim Kalauer, daß die zwei Worte für die beiden Bedeutungen durch irgend eine, aber unübersehbare Ähnlichkeit aneinander erinnern, sei es durch eine allgemeine Ähnlichkeit ihrer Struktur, einen reimartigen Gleichklang, die Gemeinsamkeit einiger anlautender Buchstaben u. dgl. Eine Häufung solcher, nicht ganz treffend, „Klangwitze“ benannter Beispiele findet sich in der Predigt des Kapuziners in Wallensteins Lager:

„Kümmert sich mehr um den +Krug+ als den +Krieg+, Wetzt lieber den +Schnabel+ als den +Sabel+,

Frißt den +Ochsen+ lieber als den +Oxenstirn’+,

Der +Rheinstrom+ ist geworden zu einem +Peinstrom+, Die +Klöster+ sind ausgenommene +Nester+, Die +Bistümer+ sind verwandelt in +Wüsttümer+,

Und alle die gesegneten deutschen +Länder+ Sind verkehrt worden in +Elender+.“

Besonders gern modifiziert der Witz einen der Vokale des Wortes, z. B.: Von einem kaiserfeindlichen italienischen Dichter, der dann doch genötigt war, einen deutschen Kaiser in Hexametern zu besingen, sagt +Hevesi+ (Almanaccando, Reisen in Italien, S. 87): Da er die +Caes=a=ren+ nicht auszurotten vermag, merzt er wenigstens die +Caes=u=ren+ aus.

Bei der Fülle von Kalauern, die uns zur Verfügung stünden, hat es vielleicht noch ein besonderes Interesse, ein wirklich schlechtes Beispiel hervorzuheben, das +Heine+ zur Last fällt. Nachdem er sich (Buch Le Grand, Kapit. V) durch lange Zeit vor seiner Dame als „indischer Prinz“ gebärdet, wirft er dann die Maske ab und gesteht: „Madame! Ich habe Sie belogen ... Ich war ebensowenig jemals in +Kalkutta+, wie der +Kalkuten+braten, den ich gestern Mittag gegessen.“ Offenbar liegt der Fehler dieses Witzes darin, daß die beiden ähnlichen Worte nicht mehr bloß ähnlich, sondern eigentlich identisch sind. Der Vogel, dessen Braten er gegessen, heißt so, weil er aus dem nämlichen Kalkutta stammt oder stammen soll.

+K. Fischer+ hat diesen Formen des Witzes große Aufmerksamkeit geschenkt und will sie von den „Wortspielen“ scharf getrennt wissen (S. 78). „Das Calembour ist das schlechte Wortspiel, denn es spielt mit dem Wort nicht als Wort, sondern als Klang.“ Das Wortspiel aber „geht von dem Klange des Wortes in das Wort selbst ein“. Anderseits zählt er auch Witze wie „famillionär“, Antigone (antik? o nee) usw. zu den Klangwitzen. Ich sehe keine Nötigung, ihm hierin zu folgen. Auch im Wortspiel ist das Wort für uns nur ein Klangbild, mit dem sich dieser oder jener Sinn verbindet. Der Sprachgebrauch macht aber auch hier wieder keine scharfen Unterschiede, und wenn er den „Kalauer“ mit Mißachtung, das „Wortspiel“ mit einem gewissen Respekt behandelt, so scheinen diese Wertungen durch andere als technische Gesichtspunkte bedingt zu sein. Man achte einmal darauf, welcher Art die Witze sind, die man als „Kalauer“ zu hören bekommt. Es gibt Personen, welche die Gabe besitzen, wenn sie in aufgeräumter Stimmung sind, durch längere Zeit jede an sie gerichtete Rede mit einem Kalauer zu beantworten. Einer meiner Freunde, sonst das Muster der Bescheidenheit, wenn seine ernsthaften Leistungen in der Wissenschaft in Rede stehen, pflegt dergleichen auch von sich zu rühmen. Als die Gesellschaft, die er einst so in Atem erhielt, der Verwunderung über seine Ausdauer Ausdruck gab, sagte er: „Ja, ich liege hier auf der +Ka-Lauer+,“ und als man ihn bat endlich aufzuhören, stellte er die Bedingung, daß man ihn zum +Poeta Ka-laureatus+ ernenne. Beides sind aber vortreffliche Verdichtungswitze mit Mischwortbildung. (Ich liege hier auf der +Lauer+, um +Kalauer+ zu machen.)

Jedenfalls aber entnehmen wir schon aus den Streitigkeiten über die Abgrenzung von Kalauer und Wortspiel, daß ersterer uns nicht zur Kenntnis einer völlig neuen Witztechnik verhelfen kann. Wenn beim Kalauer auch der Anspruch auf die mehrsinnige Verwendung des +nämlichen+ Materials aufgegeben ist, so fällt doch der Akzent auf das Wiederfinden des Bekannten, auf die Übereinstimmung der beiden dem Kalauer dienenden Worte, und somit ist dieser nur eine Unterart der Gruppe, die im eigentlichen Wortspiel, ihren Gipfel erreicht.

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Es gibt aber wirklich Witze, deren Technik fast jegliche Anknüpfung an die der bisher betrachteten Gruppen vermissen läßt.

Man erzählt von +Heine+, daß er sich eines Abends in einem Pariser Salon mit dem Dichter +Soulié+ befunden und unterhalten habe, unterdessen tritt einer jener Pariser Geldkönige in den Saal, die man nicht bloß um des Geldes willen mit Midas vergleicht, und sieht sich bald von einer Menge umringt, die ihn mit größter Ehrerbietung behandelt. „Sehen Sie doch,“ sagt +Soulié+ zu +Heine+, „wie dort das neunzehnte Jahrhundert das goldene Kalb anbetet.“ Mit einem Blick auf den Gegenstand der Verehrung antwortet Heine, gleichsam berichtigend: „+O, der muß schon älter sein+“ (+K. Fischer+, S. 82).

Worin ist nun die Technik dieses ausgezeichneten Witzes gelegen? In einem Wortspiel, meint +K. Fischer+: „So kann z. B. das Wort ‚goldenes Kalb‘ den Mammon und auch den Götzendienst bedeuten, im ersten Falle ist das Gold, im zweiten das Tierbild die Hauptsache; es kann auch dazu dienen, um nicht eben schmeichelhaft jemand zu bezeichnen, der sehr viel Geld und sehr wenig Verstand hat“ (S. 82). Wenn wir die Probe machen und den Ausdruck „goldenes Kalb“ wegschaffen, heben wir allerdings auch den Witz auf. Wir lassen dann +Soulié+ sagen: „Sehen Sie doch, wie die Leute den dummen Kerl umschwärmen, bloß weil er reich ist,“ und das ist freilich gar nicht mehr witzig. +Heines+ Antwort wird dann auch unmöglich.