Chapter 5 of 20 · 3887 words · ~19 min read

Part 5

Ein Herr kommt in eine Konditorei und läßt sich eine Torte geben; bringt dieselbe aber bald wieder und verlangt an ihrer Statt ein Gläschen Likör. Dieses trinkt er aus und will sich entfernen, ohne gezahlt zu haben. Der Ladenbesitzer hält ihn zurück. „Was wollen Sie von mir?“ -- „Sie sollen den Likör bezahlen.“ -- „Für den habe ich Ihnen ja die Torte gegeben.“ -- „Die haben Sie ja auch nicht bezahlt.“ -- „+Die habe ich ja auch nicht gegessen.+“

Auch dieses Geschichtchen trägt den Schein von Logik zur Schau, den wir als geeignete Fassade für einen Denkfehler bereits kennen. Der Fehler liegt offenbar darin, daß der schlaue Kunde zwischen dem Zurückgeben der Torte und dem Dafürnehmen des Likörs eine Beziehung herstellt, die nicht besteht. Der Sachverhalt zerfällt vielmehr in zwei Vorgänge, die für den Verkäufer voneinander unabhängig sind, nur in seiner eigenen Absicht im Verhältnisse des Ersatzes stehen. Er hat zuerst die Torte genommen und zurückgegeben, für die er also nichts schuldig ist, dann nimmt er den Likör, und den ist er schuldig zu bezahlen. Man kann sagen, der Kunde wende die Relation „dafür“ doppelsinnig an; richtiger, er stelle vermittels eines Doppelsinnes eine Verbindung her, die sachlich nicht stichhaltig ist.[27]

Es ist nun die Gelegenheit da, ein nicht unwichtiges Bekenntnis abzulegen. Wir beschäftigen uns hier mit der Erforschung der Technik des Witzes an Beispielen und sollten also sicher sein, daß die von uns gewählten Beispiele wirklich richtige Witze sind. Es steht aber so, daß wir in einer Reihe von Fällen ins Schwanken geraten, ob das betreffende Beispiel ein Witz genannt werden darf oder nicht. Ein Kriterium steht uns ja nicht zu Gebote, ehe die Untersuchung ein solches ergeben hat; der Sprachgebrauch ist unzuverlässig und bedarf selbst der Prüfung auf seine Berechtigung; wir können uns bei der Entscheidung auf nichts anderes stützen als auf eine gewisse „Empfindung“, welche wir dahin interpretieren dürfen, daß sich in unserem Urteilen die Entscheidung nach bestimmten Kriterien vollziehe, die unserer Erkenntnis noch nicht zugänglich sind. Für eine zureichende Begründung werden wir die Berufung auf diese „Empfindung“ nicht ausgeben dürfen. Bei dem letzterwähnten Beispiel werden wir nun zweifeln müssen, ob wir es als Witz darstellen dürfen, als einen sophistischen Witz etwa, oder als ein Sophisma schlechtweg. Wir wissen eben noch nicht, worin der Charakter des Witzes liegt.

Hingegen ist das nächstfolgende Beispiel, welches den sozusagen komplementären Denkfehler aufweist, ein unzweifelhafter Witz. Es ist wiederum eine Heiratsvermittlergeschichte:

Der Schadchen verteidigt das von ihm vorgeschlagene Mädchen gegen die Ausstellungen des jungen Mannes. „Die Schwiegermutter gefällt mir nicht,“ sagt dieser, „sie ist eine boshafte, dumme Person.“ -- Sie heiraten doch nicht die Schwiegermutter, Sie wollen die Tochter. -- „Ja, aber jung ist sie nicht mehr und schön von Gesicht gerade auch nicht.“ -- Das macht nichts; ist sie nicht jung und schön, wird sie Ihnen um so eher treu bleiben. -- „Geld ist auch nicht viel da.“ -- Wer spricht vom Geld? Heiraten Sie denn das Geld? Sie wollen doch eine Frau. -- „Aber sie hat ja auch einen Buckel!“ -- Nun, was wollen Sie? „+Gar keinen Fehler soll sie haben!+“

Es handelt sich also in Wirklichkeit um ein nicht mehr junges, unschönes Mädchen mit geringer Mitgift, das eine abstoßende Mutter hat und außerdem mit einer argen Verunstaltung versehen ist. Gewiß keine zur Eheschließung einladenden Verhältnisse. Der Heiratsvermittler weiß bei jedem einzelnen dieser Fehler anzugeben, von welchem Gesichtspunkte man sich mit ihm versöhnen könnte; den nicht zu entschuldigenden Buckel nimmt er dann als den einen Fehler in Anspruch, den man jedem Menschen hingehen lassen müsse. Es liegt wiederum der Schein von Logik vor, welcher für das Sophisma charakteristisch ist, und der den Denkfehler verdecken soll. Das Mädchen hat offenbar lauter Fehler, mehrere, über die man hinwegsehen konnte, und einen, über den man nicht hinweg kommt; es ist nicht zu heiraten. Der Vermittler tut, als ob jeder einzelne Fehler durch seine Ausflucht beseitigt wäre, während doch von jedem ein Stück Entwertung erübrigt, das sich zum nächsten summiert. Er besteht darauf, jeden Faktor vereinzelt zu behandeln, und weigert sich, sie zur Summe zusammenzusetzen.

Die nämliche Unterlassung ist der Kern eines anderen Sophismas, das viel belacht worden ist, dessen Berechtigung ein Witz zu heißen man aber anzweifeln könnte.

A. hat von B. einen kupfernen Kessel entlehnt und wird nach der Rückgabe von B. verklagt, weil der Kessel nun ein großes Loch zeigt, das ihn unverwendbar macht. Seine Verteidigung lautet: „+Erstens habe ich von B. überhaupt keinen Kessel entlehnt; zweitens hatte der Kessel bereits ein Loch, als ich ihn von B. übernahm; drittens habe ich den Kessel ganz zurückgegeben.+“ Jede einzelne Einrede ist für sich gut, zusammengenommen aber schließen sie einander aus. A. behandelt isoliert, was im Zusammenhange betrachtet werden muß, ganz wie der Heiratsvermittler mit den Mängeln der Braut verfährt. Man kann auch sagen: A. setzt das „und“ an die Stelle, an der nur ein „entweder -- oder“ möglich ist.

Ein anderes Sophisma begegnet uns in der folgenden Heiratsvermittlergeschichte.

Der Bewerber hat auszusetzen, daß die Braut ein kürzeres Bein hat und hinkt. Der Schadchen widerspricht ihm. „Sie haben Unrecht. Nehmen Sie an, Sie heiraten eine Frau mit gesunden, geraden Gliedern. Was haben Sie davon? Sie sind keinen Tag sicher, daß sie nicht hinfällt, ein Bein bricht und dann lahm ist fürs ganze Leben. Und dann die Schmerzen, die Aufregung, die Doktorrechnung! Wenn Sie aber +die+ nehmen, so kann Ihnen das nicht passieren; da haben Sie eine +fertige Sach’+.“

Der Schein von Logik ist hier recht dünn, und niemand wird dem bereits „fertigen Unglück“ gar noch einen Vorzug vor dem bloß möglichen zugestehen wollen. Der in dem Gedankengang enthaltene Fehler wird sich leichter an einem zweiten Beispiel aufzeigen lassen, einer Geschichte, die ich des Jargons nicht völlig entkleiden mag.

Im Tempel zu Krakau sitzt der große Rabbi N. und betet mit seinen Schülern. Er stößt plötzlich einen Schrei aus und äußert, von den besorgten Schülern befragt: „Eben jetzt ist der große Rabbi L. in Lemberg gestorben.“ Die Gemeinde legt Trauer um den Verstorbenen an. Im Laufe der nächsten Tage werden nun die aus Lemberg Ankommenden befragt, wie der Rabbi gestorben, was ihm gefehlt, aber sie wissen nichts davon, sie haben ihn im besten Wohlbefinden verlassen. Es stellt sich endlich als ganz gesichert heraus, daß Rabbi L. in Lemberg nicht zu jener Stunde gestorben ist, in der Rabbi N. seinen Tod telepathisch verspürte, da er immer noch weiter lebt. Ein Fremder ergreift die Gelegenheit, einen Schüler des Krakauer Rabbi mit dieser Begebenheit aufzuziehen. „Es war doch eine große Blamage von Eurem Rabbi, daß er damals den Rabbi L. in Lemberg sterben gesehen hat. Der Mann lebt noch heute.“ „Macht nichts,“ erwidert der Schüler, „+der Kück[28] von Krakau bis nach Lemberg war doch großartig+.“

Hier wird der beiden letzten Beispielen gemeinsame Denkfehler unverhüllt eingestanden. Der Wert der Phantasievorstellung wird gegen die Realität ungebührlich erhoben, die Möglichkeit fast der Wirklichkeit gleichgestellt. Der Fernblick über die Krakau von Lemberg trennende Länderstrecke wäre eine imposante telepathische Leistung, wenn er etwas Wahres ergeben hätte, aber darauf kommt es dem Schüler nicht an. Es wäre doch möglich gewesen, daß der Rabbi in Lemberg in jenem Moment gestorben wäre, in dem der Krakauer Rabbi seinen Tod verkündete, und dem Schüler verschiebt sich der Akzent von der Bedingung, unter der die Leistung des Lehrers bewundernswert ist, zur unbedingten Bewunderung dieser Leistung. „In magnis rebus voluisse sat est“ bezeugt einen ähnlichen Standpunkt. Ebenso wie in diesem Beispiel von der Realität abgesehen wird zu Gunsten der Möglichkeit, so mutet im vorigen der Heiratsvermittler dem Bewerber zu, die Möglichkeit, daß eine Frau durch einen Unfall lahm werden kann, als das bei weitem Bedeutsamere ins Auge zu fassen, wogegen die Frage, ob sie wirklich lahm ist oder nicht, ganz zurücktreten soll.

[Sidenote: Automatische Denkfehler.]

Dieser Gruppe der +sophistischen+ Denkfehler reiht sich eine interessante andere an, in welcher man den Denkfehler als einen +automatischen+ bezeichnen kann. Es ist vielleicht nur eine Laune des Zufalls, daß alle Beispiele, die ich aus dieser neuen Gruppe anführen werde, wiederum den Schadchengeschichten angehören:

„Ein Schadchen hat zur Besprechung über die Braut einen Gehilfen mitgebracht, der seine Mitteilungen bekräftigen soll. Sie ist gewachsen wie ein Tannenbaum, meint der Schadchen. -- Wie ein Tannenbaum, wiederholt das Echo. -- Und Augen hat sie, die muß man gesehen haben. -- Heißt Augen, die sie hat! bekräftigt das Echo. -- Und gebildet ist sie wie keine andere. -- Und wie gebildet! -- Aber das eine ist wahr, gesteht der Vermittler zu, sie hat einen kleinen Höcker. -- +Aber ein Höcker!+ bekräftigt wieder das Echo.“ Die anderen Geschichten sind ganz analog, obwohl sinnreicher.

„Der Bräutigam ist bei der Vorstellung der Braut sehr unangenehm überrascht und zieht den Vermittler beiseite, um ihm flüsternd seine Ausstellungen mitzuteilen. ‚Wozu haben Sie mich hieher gebracht?‘ fragt er ihn vorwurfsvoll. ‚Sie ist häßlich und alt, schielt und hat schlechte Zähne und triefende Augen ...‘ -- ‚Sie können laut sprechen,‘ wirft der Vermittler ein, ‚+taub ist sie auch+.‘“

„Der Bräutigam macht mit dem Vermittler den ersten Besuch im Hause der Braut, und während sie im Salon auf das Erscheinen der Familie warten, macht der Vermittler auf einen Glasschrank aufmerksam, in welchem die schönsten Silbergeräte zur Schau gestellt sind. ‚Da schauen Sie hin, an diesen Sachen können Sie sehen, wie reich diese Leute sind.‘ -- ‚Aber,‘ fragt der mißtrauische junge Mann, ‚wäre es denn nicht möglich, daß diese schönen Sachen nur für die Gelegenheit zusammengeborgt sind, um den Eindruck des Reichtums zu machen?‘ -- ‚Was fällt Ihnen ein?‘ antwortet der Vermittler abweisend. ‚+Wer wird denn den Leuten was borgen!+‘“

In allen drei Fällen ereignet sich das nämliche. Eine Person, die mehrmals nacheinander in gleicher Weise reagiert hat, setzt diese Weise der Äußerung auch bei dem nächsten Anlasse fort, wo sie unpassend wird und den Absichten der Person zuwiderläuft. Sie versäumt es, sich den Anforderungen der Situation anzupassen, indem sie dem Automatismus der Gewöhnung nachgibt. So vergißt der Helfer in der ersten Geschichte, daß er mitgenommen wurde, um den Bewerber zu Gunsten der vorgeschlagenen Braut zu stimmen, und da er bisher seiner Aufgabe gerecht wurde, indem er die vorgebrachten Vorzüge der Braut durch seine Wiederholung unterstrich, unterstreicht er jetzt auch ihren schüchtern zugestandenen Höcker, den er hätte verkleinern sollen. Der Vermittler der zweiten Geschichte wird von der Aufzählung der Mängel und Gebrechen der Braut so fasziniert, daß er die Liste derselben aus seiner eigenen Kenntnis vervollständigt, wiewohl das gewiß nicht sein Amt und seine Absicht ist. In der dritten Geschichte endlich läßt er sich von seinem Eifer, den jungen Mann von dem Reichtum der Familie zu überzeugen, soweit hinreißen, daß er, um nur in dem einen Beweispunkte Recht zu behalten, etwas vorbringt, was seine ganze Bemühung umstoßen muß. Überall siegt der Automatismus über die zweckmäßige Abänderung des Denkens und Äußerns.

Das ist nun leicht einzusehen, aber verwirrend muß es wirken, wenn wir aufmerksam werden, daß diese drei Geschichten mit dem gleichen Recht als „komisch“ bezeichnet werden können, wie wir sie als witzig angeführt haben. Die Aufdeckung des psychischen Automatismus gehört zur Technik des Komischen wie jede Entlarvung, jeder Selbstverrat. Wir sehen uns hier plötzlich vor das Problem der Beziehung des Witzes zur Komik gestellt, das wir zu umgehen trachteten. (Siehe Einleitung.) Sind diese Geschichten etwa nur „komisch“ und nicht auch „witzig“? Arbeitet hier die Komik mit denselben Mitteln wie der Witz? Und wiederum, worin besteht der besondere Charakter des Witzigen?

Wir müssen daran festhalten, daß die Technik der letztuntersuchten Gruppe von Witzen in nichts anderem als in der Anbringung von „+Denkfehlern+“ besteht, sind aber genötigt zuzugestehen, daß deren Untersuchung uns bisher mehr ins Dunkel als zur Erkenntnis geführt hat. Wir geben jedoch die Erwartung nicht auf, durch eine vollständigere Kenntnis der Techniken des Witzes zu einem Ergebnis zu gelangen, welches der Ausgangspunkt für weitere Einsichten werden kann.

* * * * *

[Sidenote: Unifizierung.]

Die nächsten Beispiele von Witz, an denen wir unsere Untersuchung fortsetzen wollen, geben leichtere Arbeit. Ihre Technik erinnert uns vor allem an Bekanntes.

Etwa ein Witz von +Lichtenberg+:

„+Der Januarius ist der Monat, da man seinen guten Freunden Wünsche darbringt, und die übrigen die, worin sie nicht erfüllt werden.+“

Da diese Witze eher fein als stark zu nennen sind und mit wenig aufdringlichen Mitteln arbeiten, wollen wir uns den Eindruck von ihnen erst durch Häufung verstärken.

„+Das menschliche Leben zerfällt in zwei Hälften, in der ersten wünscht man die zweite herbei, und in der zweiten wünscht man die erste zurück.+“

„+Die Erfahrung besteht darin, daß man erfährt, was man nicht zu erfahren wünscht+“ (beide bei +K. Fischer+).

Es ist unvermeidlich, daß wir durch diese Beispiele an eine früher behandelte Gruppe gemahnt werden, welche sich durch die „mehrfache Verwendung desselben Materials“ auszeichnet. Das letzte Beispiel besonders wird uns veranlassen, die Frage aufzuwerfen, warum wir es nicht dort angereiht haben, anstatt es hier in neuem Zusammenhange aufzuführen. Die Erfahrung wird wieder durch ihren eigenen Wortlaut beschrieben, wie an jener Stelle die Eifersucht (vgl. S. 24). Auch würde ich mich gegen diese Zuweisung nicht viel sträuben. An den beiden anderen Beispielen, meine ich aber, die ja ähnlichen Charakters sind, ist ein anderes Moment auffälliger und bedeutsamer als die mehrfache Verwendung derselben Worte, der hier alles an Doppelsinn Streifende abgeht. Und zwar möchte ich hervorheben, daß hier neue und unerwartete Einheiten hergestellt sind, Beziehungen von Vorstellungen zueinander, und Definitionen durcheinander oder durch die Beziehung auf ein gemeinsames Drittes. Ich möchte diesen Vorgang +Unifizierung+ heißen; er ist offenbar der Verdichtung durch Zusammendrängung in die nämlichen Worte analog. So werden die zwei Hälften des menschlichen Lebens durch eine zwischen ihnen entdeckte gegenseitige Beziehung beschrieben; in der ersten wünscht man die zweite herbei, in der zweiten die erste zurück. Es sind, genauer gesagt, zwei sehr ähnliche Beziehungen zu einander, die zur Darstellung gewählt wurden. Der Ähnlichkeit der Beziehungen entspricht dann die Ähnlichkeit der Worte, welche uns eben an die mehrfache Verwendung des nämlichen Materials mahnen konnte (herbei -- wünschen). In dem Witz von +Lichtenberg+

(zurück -- wünschen).

sind der Januar und die ihm gegenübergestellten Monate durch eine wiederum modifizierte Beziehung zu etwas Drittem charakterisiert; dies sind die Glückwünsche, die man in dem einen Monat empfängt, und die sich in den anderen nicht erfüllen. Der Unterschied von der mehrfachen Verwendung des gleichen Materials, die sich ja dem Doppelsinn annähert, ist hier recht deutlich.[29]

Ein schönes Beispiel von Unifizierungswitz, das der Erläuterung nicht bedarf, ist folgendes:

Der französische Odendichter +J. B. Rousseau+ schrieb eine Ode an die Nachwelt (à la posterité); +Voltaire+ fand, daß der Wert des Gedichtes dasselbe keineswegs berechtige, auf die Nachwelt zu kommen, und sagte witzig: „+Dieses Gedicht wird nicht an seine Adresse gelangen.+“ (Nach +K. Fischer+.)

Das letzte Beispiel kann uns darauf aufmerksam machen, daß es wesentlich die Unifizierung ist, welche den sogenannt schlagfertigen Witzen zu Grunde liegt. Die Schlagfertigkeit besteht ja im Eingehen der Abwehr auf die Aggression, im „Umkehren des Spießes“, im „Bezahlen mit gleicher Münze“, also in Herstellung einer unerwarteten Einheit zwischen Angriff und Gegenangriff.

Z. B.: Bäcker zum Wirt, der einen schwärenden Finger hat: „+Der ist dir wohl in dein Bier hineingekommen?+“ Wirt: „+Das nicht, aber es ist mir eine von deinen Semmeln unter den Nagel geraten.+“ (Nach +Überhorst+, Das Komische, II, 1900.)

Serenissimus macht eine Reise durch seine Staaten und bemerkt in der Menge einen Mann, der seiner eigenen hohen Person auffällig ähnlich sieht. Er winkt ihn heran, um ihn zu fragen: „+Hat seine Mutter wohl einmal in der Residenz gedient?+“ -- „Nein, Durchlaucht,“ lautet die Antwort, „+aber mein Vater+.“

Herzog Karl von Würtemberg trifft auf einem seiner Spazierritte von ungefähr einen Färber, der mit seiner Hantierung beschäftigt ist. „+Kann er meinen Schimmel blau färben!+“ ruft ihm der Herzog zu und erhält die Antwort zurück: „+Jawohl+, Durchlaucht, +wenn er das Sieden vertragen kann+!“

Bei dieser ausgezeichneten „Retourkutsche“ -- die eine unsinnige Anfrage mit einer ebenso unmöglichen Bedingung beantwortet -- wirkt noch ein anderes technisches Moment mit, das ausgeblieben wäre, wenn die Antwort des Färbers gelautet hätte: „Nein, Durchlaucht; ich fürchte, der Schimmel wird das Sieden nicht vertragen.“

Der Unifizierung steht noch ein anderes, ganz besonders interessantes technisches Mittel zu Gebote, die Anreihung durch das Bindewort +und+. Solche Anreihung bedeutet Zusammenhang; wir verstehen sie nicht anders. Wenn z. B. +Heine+ in der Harzreise von der Stadt +Göttingen+ erzählt: „+Im allgemeinen werden die Bewohner Göttingens eingeteilt in Studenten, Professoren, Philister und Vieh+,“ so verstehen wir diese Zusammenstellung genau in dem Sinne, der durch den Zusatz +Heines+ noch unterstrichen wird: „welche vier Stände doch nichts weniger als scharf geschieden sind.“ Oder, wenn er von der Schule spricht, wo er „+soviel Latein, Prügel und Geographie+“ ausstehen mußte, so will diese Anreihung, die durch die Mittelstellung der Prügel zwischen den beiden Lehrgegenständen überdeutlich wird, uns sagen, daß wir die durch die Prügel unverkennbar bezeichnete Auffassung des Schulknaben gewiß auch auf Latein und Geographie ausdehnen sollen.

Bei +Lipps+ finden wir unter den Beispielen von „witziger Aufzählung“ („Koordination“) als nächst verwandt dem +Heine+schen „Studenten, Professoren, Philister und Vieh“ den Vers:

„+Mit einer Gabel und mit Müh’ zog ihn die Mutter aus der Brüh’+“; als ob die Mühe ein Instrument wäre, wie die Gabel, setzt +Lipps+ erläuternd hinzu. Wir empfangen aber den Eindruck, als sei dieser Vers gar nicht witzig, allerdings sehr komisch, während die +Heine+sche Anreihung ein unzweifelhafter Witz ist. Vielleicht werden wir uns später an diese Beispiele erinnern, wenn wir dem Problem des Verhältnisses von Komik und Witz nicht mehr auszuweichen brauchen.

* * * * *

[Sidenote: Darstellung durchs Gegenteil.]

Am Beispiel vom Herzog und vom Färber haben wir bemerkt, daß es ein Witz durch Unifizierung bliebe, wenn der Färber antworten würde: +Nein+, ich fürchte, der Schimmel wird das Sieden nicht vertragen. Seine Antwort lautete aber: +Ja+, Durchlaucht, wenn er das Sieden vertragen kann. In der Ersetzung des eigentlich hingehörigen „Nein“ durch ein „Ja“ liegt ein neues technisches Mittel des Witzes, dessen Verwendung wir an anderen Beispielen verfolgen wollen.

Ein dem eben erwähnten bei +K. Fischer+ benachbarter Witz ist einfacher: Friedrich der Große hört von einem Prediger in Schlesien, der im Rufe steht, mit Geistern zu verkehren; er läßt den Mann kommen und empfängt ihn mit der Frage: „+Er kann Geister beschwören?+“ Die Antwort war: „+Zu Befehl, Majestät, aber sie kommen nicht.+“ Hier ist es nun ganz augenfällig, daß das Mittel des Witzes in nichts anderem bestand, als in der Ersetzung des einzig möglichen „Nein“ durch sein Gegenteil. Um diese Ersetzung durchzuführen, mußte an das „Ja“ ein „aber“ geknüpft werden, so daß „ja“ und „aber“ dem Sinne von „nein“ gleichkommen.

Diese +Darstellung durchs Gegenteil+, wie wir sie nennen wollen, dient der Witzarbeit in verschiedenen Ausführungen. In folgenden zwei Beispielen tritt sie fast rein hervor: +Heine+: „+Diese Frau glich in vielen Punkten der Venus von Melos: sie ist auch außerordentlich alt, hat ebenfalls keine Zähne und auf der gelblichen Oberfläche ihres Körpers einige weiße Flecken.+“

Eine Darstellung der Häßlichkeit vermittels ihrer Übereinstimmungen mit dem Schönsten; diese Übereinstimmungen können freilich nur in doppelsinnig ausgedrückten Eigenschaften oder in Nebensachen bestehen. Letzteres trifft für das zweite Beispiel zu:

+Lichtenberg+: Der große Geist.

„+Er hatte die Eigenschaften der größten Männer in sich vereinigt, er trug den Kopf schief wie Alexander, hatte immer etwas in den Haaren zu nesteln wie Caesar, konnte Kaffee trinken wie Leibnitz, und wenn er einmal recht in seinem Lehnstuhl saß, so vergaß er Essen und Trinken darüber wie Newton, und man mußte ihn wie diesen wecken; seine Perücke trug er wie Dr. Johnson, und ein Hosenknopf stand ihm immer offen wie dem Cervantes.+“

Ein besonders schönes Beispiel von Darstellung durch das Gegenteil, in welchem auf die Verwendung doppelsinniger Worte gänzlich verzichtet ist, hat +J. v. Falke+ von einer Reise nach Irland heimgebracht. „Schauplatz ein Wachsfigurenkabinet“, sagen wir Madame +Tussaud+. Auch hier ein Führer, der eine Gesellschaft von alt und jung von Figur zu Figur mit seinen Erläuterungen begleitet. „+This is the Duke of Wellington and his horse+,“ worauf ein junges Fräulein die Frage stellt: „+Which is the Duke of Wellington and which is his horse?+“ „+Just as you like, my pretty child+,“ lautet die Antwort, „+you pay the money and you have the choice+.“ (Welches ist der Herzog von W. und welches ist sein Pferd? -- Wie es Ihnen beliebt, mein schönes Kind, Sie zahlen Ihr Geld und Sie haben die Wahl.) (Lebenserinnerungen, S. 271.)

Die Reduktion dieses irischen Witzes würde lauten: Unverschämt, was diese Wachsfigurenleute dem Publikum zu bieten wagen! Pferd und Reiter sind nicht auseinander zu kennen. (Scherzhafte Übertreibung.) Und dafür zahlt man sein gutes Geld! Diese entrüstete Äußerung wird nun dramatisiert, in einem kleinen Vorfall begründet, an Stelle des Publikums im allgemeinen tritt eine einzelne Dame, die Reiterfigur wird individuell bestimmt, es muß der in Irland so überaus populäre Herzog von Wellington sein. Die Unverschämtheit des Besitzers oder Führers aber, der den Leuten das Geld aus der Tasche zieht und ihnen nichts dafür bietet, wird durch das Gegenteil dargestellt, durch eine Rede, in welcher er sich als gewissenhaften Geschäftsmann herausstreicht, dem nichts mehr am Herzen liegt als die Achtung der Rechte, die das Publikum durch die Zahlung erworben hat. Nun merkt man auch, daß die Technik dieses Witzes keine ganz einfache ist. Indem ein Weg gefunden wurde, den Schwindler seine Gewissenhaftigkeit beteuern zu lassen, ist der Witz ein Fall von Darstellung durchs Gegenteil; indem er dies aber bei einem Anlaß tut, wo man ganz anderes von ihm verlangt, so daß er mit geschäftlicher Solidität antwortet, wo man Ähnlichkeit der Figuren von ihm erwartet, ist es ein Beispiel von Verschiebung. Die Technik des Witzes liegt in der Kombination der beiden Mittel.

[Sidenote: Überbietungswitze.]

Von diesem Beispiel ist es nicht weit zu einer kleinen Gruppe, die man als Überbietungswitze benennen könnte. In ihnen wird das „+Ja+“, welches in der Reduktion am Platze wäre, durch ein „+Nein+“ ersetzt, das aber mit einem noch verstärkten „+Ja+“ infolge seines Inhalts gleichwertig ist, und ebenso im umgekehrten Falle. Der Widerspruch steht an Stelle einer Bestätigung mit Überbietung; so z. B. das Epigramm von +Lessing+:[30]

„+Die gute Galathee! Man sagt, sie schwärz’ ihr Haar; Da doch ihr Haar schon schwarz, als sie es kaufte, war.+“

Oder die boshafte Scheinverteidigung der Schulweisheit durch +Lichtenberg+:

„+Es gibt mehr Dinge im Himmel und auf Erden, als Eure Schulweisheit sich träumen läßt+,“ hatte Prinz +Hamlet+ verächtlich gesagt. +Lichtenberg+ weiß, daß diese Verurteilung lange nicht scharf genug ist, indem sie nicht alles verwertet, was man gegen die Schulweisheit einwenden kann. Er fügt also das noch fehlende hinzu: „+Aber es gibt auch vieles in der Schulweisheit, das sich weder im Himmel noch auf Erden findet.+“ Seine Darstellung hebt zwar hervor, wodurch uns die Schulweisheit für den von +Hamlet+ gerügten Mangel entschädigt, aber in dieser Entschädigung liegt ein zweiter und noch größerer Vorwurf.

Durchsichtiger noch, weil frei von jeder Spur von Verschiebung, sind zwei Judenwitze, allerdings von grobem Kaliber.

Zwei Juden sprechen über das Baden. „+Ich nehme jedes Jahr ein Bad+,“ sagt der eine, „+ob ich es nötig habe oder nicht+.“

Es ist klar, daß er sich durch solche prahlerische Versicherung seiner Reinlichkeit erst recht der Unreinlichkeit überführt.

Ein Jude bemerkt Speisereste am Bart des anderen. „+Ich kann dir sagen, was du gestern gegessen hast. -- Nun, sag’. -- Also Linsen. -- Gefehlt, vorgestern!+“ --

Ein prächtiger Überbietungswitz, der leicht auf Darstellung durchs Gegenteil zurückzuführen ist, ist auch folgender:

Der König besucht in seiner Herablassung die chirurgische Klinik und trifft den Professor bei der Vornahme der Amputation eines Beines, deren einzelne Stadien er nun mit lauten Äußerungen seines königlichen Wohlgefallens begleitet. „+Bravo, bravo, mein lieber Geheimrat.+“ Nach vollendeter Operation tritt der Professor an ihn heran und fragt, sich tief verneigend: „+Befehlen Majestät auch das andere Bein?+“