Chapter 17 of 18 · 3989 words · ~20 min read

Part 17

Vieles erlebte ich in Pablos kleinem Theater, und kein Tausendstel davon ist mit Worten zu sagen. Alle Mädchen, die ich je geliebt, waren nun mein, jede gab mir, was nur sie allein zu geben hatte, jeder gab ich, was nur sie von mir zu nehmen wußte. Viel Liebe, viel Glück, viel Wollust, viel Verwirrung auch und Leid bekam ich zu kosten, alle versäumte Liebe meines Lebens blühte in dieser Traumstunde zauberhaft in meinem Garten, keusche zarte Blumen, grelle lodernde Blumen, dunkle schnellwelkende Blumen, flackernde Wollust, innige Träumerei, glühende Schwermut, angstvolles Sterben, strahlende Neugeburt. Ich fand Frauen, die nur eilig und im Sturm zu gewinnen waren, und andre, um welche lang und sorgfältig zu werben ein Glück war; jeder dämmernde Winkel meines Lebens tauchte wieder auf, in welchem einst, sei es nur eine Minute lang, die Stimme des Geschlechts mir gerufen, ein Frauenblick mich entzündet, ein Schimmer weißer Mädchenhaut mich gelockt hatte, und alles Versäumte ward eingeholt. Jede wurde mein, jede auf ihre Art. Die Frau mit den merkwürdigen tiefbraunen Augen unter flachshellem Haar war da, neben der ich einst eine Viertelstunde am Fenster im Gang eines Schnellzugs gestanden und die später mehrmals in meinen Träumen erschienen war, – sie sprach kein Wort, aber sie lehrte mich ungeahnte, erschreckende, tödliche Liebeskünste. Und die glatte, stille, glasig lächelnde Chinesin vom Hafen in Marseille, mit dem glatten tiefschwarzen Haar und den schwimmenden Augen, auch sie wußte Unerhörtes. Jede hatte ihr Geheimnis, duftete nach ihrem Erdreich, küßte, lachte auf ihre Weise, war auf ihre besondere Art schamhaft, auf ihre besondere Art schamlos. Sie kamen und gingen, der Strom führte sie mir zu, spülte mich zu ihnen hin, von ihnen weg, es war ein spielendes, kindliches Schwimmen im Strom des Geschlechts, voll Reiz, voll Gefahr, voll Überraschung. Und ich staunte darüber, wie reich mein Leben, mein scheinbar so armes und liebloses Steppenwolfleben, an Verliebtheiten, an Gelegenheiten, an Lockungen gewesen war. Ich hatte sie fast alle versäumt und geflohen, war über sie hinweggestolpert, hatte sie schleunigst vergessen – aber hier waren sie alle aufbewahrt, lückenlos, Hunderte. Und jetzt sah ich sie, gab mich ihnen hin, stand ihnen offen, sank in ihre rosig dämmernde Unterwelt hinab. Auch jene Verführung kehrte wieder, die mir Pablo einst angeboten hatte, und andre, frühere, die ich zu ihrer Zeit nicht einmal ganz begriffen hatte, phantastische Spiele zu dreien und vieren, lächelnd nahmen sie mich in ihren Reigen mit. Viele Dinge geschahen, viele Spiele wurden gespielt, nicht mit Worten zu sagen.

Aus dem unendlichen Strom der Lockungen, der Laster, der Verstrickungen tauchte ich wieder empor, still, schweigend, gerüstet, mit Wissen gesättigt, weise, tief erfahren, reif für Hermine. Als letzte Figur in meiner tausendgestaltigen Mythologie, als letzter Name in der unendlichen Reihe tauchte sie auf, Hermine, und zugleich kehrte mir das Bewußtsein wieder und machte dem Liebesmärchen ein Ende, denn ihr wollte ich nicht hier in der Dämmerung eines Zauberspiegels begegnen, ihr gehörte nicht nur jene eine Figur meines Schachspiels, ihr gehörte der ganze Harry. Oh, ich würde nun mein Figurenspiel so umbauen, daß alles sich auf sie bezog und zur Erfüllung führte.

Der Strom hatte mich an Land gespült, wieder stand ich im schweigenden Logengang des Theaters. Was nun? Ich griff nach den Figürchen in meiner Tasche, aber schon war dieser Antrieb wieder verblaßt. Unerschöpflich umgab mich diese Welt der Türen, der Inschriften, der magischen Spiegel. Willenlos las ich die nächste Aufschrift und schauderte:

Wie man durch Liebe tötet

stand da geschrieben. Schnell aufzuckend leuchtete ein Erinnerungsbild in mir, eine Sekunde lang: Hermine, am Tisch eines Restaurants, plötzlich von Wein und Speisen weg in ein abgründiges Gespräch verloren, furchtbaren Ernst im Blick, wie sie mir sagte, daß sie mich nur darum in sich verliebt machen werde, um von meiner Hand getötet zu werden. Eine schwere Woge von Angst und Dunkelheit flutete über mein Herz, plötzlich stand wieder alles vor mir, plötzlich spürte ich im Innersten wieder Not und Schicksal. Verzweifelnd griff ich in meine Tasche, um die Figuren hervorzulangen, um ein wenig Magie zu treiben und die Ordnung meines Schachbretts umzustellen. Es waren keine Figuren mehr da. Statt der Figuren zog ich ein Messer aus der Tasche. Zu Tode erschrocken lief ich durch den Korridor, an den Türen vorbei, stand plötzlich dem riesigen Spiegel gegenüber, blickte hinein. Im Spiegel stand, hoch wie ich, ein riesiger schöner Wolf, stand still, blitzte scheu aus unruhigen Augen. Flackernd blinzelte er mich an, lachte ein wenig, daß die Lefzen sich einen Augenblick trennten und die rote Zunge zu sehen war.

Wo war Pablo? Wo war Hermine? Wo war der kluge Kerl, der so hübsch vom Aufbau der Persönlichkeit geschwatzt hatte?

Nochmals blickte ich in den Spiegel. Ich war toll gewesen. Kein Wolf stand hinter dem hohen Glas und rollte die Zunge im Maul. Im Spiegel stand Ich, stand Harry, mit grauem Gesicht, von allen Spielen verlassen, von allen Lastern ermüdet, scheußlich bleich, aber immerhin ein Mensch, immerhin jemand, mit dem man reden konnte.

„Harry,“ sagte ich, „was tust du da?“

„Nichts,“ sagte der im Spiegel, „ich warte nur. Ich warte auf den Tod.“

„Wo ist denn der Tod?“ fragte ich.

„Er kommt“, sagte der andre. Und ich hörte, aus den leeren Räumen im Innern des Theaters her, eine Musik tönen, eine schöne und schreckliche Musik, jene Musik aus dem „Don Juan“, die das Auftreten des steinernen Gastes begleitet. Schauerlich hallten die eisigen Klänge durch das gespenstische Haus, aus dem Jenseits, von den Unsterblichen kommend.

„Mozart!“ dachte ich und beschwor damit die geliebtesten und höchsten Bilder meines inneren Lebens.

Da klang hinter mir ein Gelächter, ein helles und eiskaltes Gelächter, aus einem den Menschen unerhörten Jenseits von Gelittenhaben, von Götterhumor geboren. Ich wandte mich um, durchfroren und beseligt von diesem Lachen, und da kam Mozart gegangen, lachend ging er an mir vorüber, schlenderte gelassen auf eine der Logentüren zu, öffnete sie und trat ein, und ich folgte ihm begierig, dem Gott meiner Jugend, dem lebenslangen Ziel meiner Liebe und Verehrung. Die Musik erklang weiter. Mozart stand an der Logenbrüstung, vom Theater war nichts zu sehen, den grenzenlosen Raum füllte Finsternis.

„Sie sehen,“ sagte Mozart, „es geht auch ohne Saxophon. Obwohl ich diesem famosen Instrument gewiß nicht zu nahe treten möchte.“

„Wo sind wir?“ fragte ich.

„Wir sind im letzten Akt des Don Giovanni, Leporello liegt schon auf den Knien. Eine vortreffliche Szene, und auch die Musik kann sich hören lassen, nun ja. Wenn sie auch noch allerlei sehr Menschliches in sich hat, man spürt doch schon das Jenseits heraus, das Lachen – nicht?“

„Es ist die letzte große Musik, die geschrieben worden ist“, sagte ich feierlich wie ein Schullehrer. „Gewiß, es kam noch Schubert, es kam noch Hugo Wolf, und auch den armen herrlichen Chopin darf ich nicht vergessen. Sie runzeln die Stirn, Maestro – o ja, auch Beethoven ist ja da, auch er ist wunderbar. Aber das alles, so schön es sei, hat schon etwas von Bruchstück, von Auflösung in sich, ein Werk von so vollkommenem Guß ist seit dem Don Giovanni nicht mehr von Menschen gemacht worden.“

„Strengen Sie sich nicht an“, lachte Mozart, furchtbar spöttisch. „Sie sind ja wohl selber Musikant? Nun, ich habe das Metier aufgegeben, ich habe mich zur Ruhe gesetzt. Nur Spaßes halber sehe ich zuweilen dem Betrieb noch zu.“

Er hob die Hände, als dirigierte er, und ein Mond oder sonst ein bleiches Gestirn ging irgendwo auf, über die Brüstung blickte ich in unmeßbare Raumtiefen, Nebel und Wolken zogen darin, Gebirge dämmerten und Meergestade, unter uns dehnte sich weltenweit eine wüstenähnliche Ebene. In dieser Ebene sahen wir einen ehrwürdig aussehenden alten Herrn mit langem Barte, der mit wehmütigem Gesicht einen gewaltigen Zug von einigen zehntausend schwarzgekleideten Männern anführte. Es sah betrübt und hoffnungslos aus, und Mozart sagte:

„Sehen Sie, das ist Brahms. Er strebt nach der Erlösung, aber damit hat es noch gute Weile.“

Ich erfuhr, daß die schwarzen Tausende alle die Spieler jener Stimmen und Noten waren, welche nach göttlichem Urteil in seinen Partituren überflüssig gewesen wären.

„Zu dick instrumentiert, zuviel Material vergeudet“, nickte Mozart.

Und gleich darauf sahen wir an der Spitze eines ebenso großen Heeres Richard Wagner marschieren und fühlten, wie die schweren Tausende an ihm zogen und sogen; müde mit Dulderschritten sahen wir auch ihn sich schleppen.

„In meiner Jugendzeit“, bemerkte ich traurig, „galten diese beiden Musikanten für die denkbar größten Gegensätze.“

Mozart lachte.

„Ja, das ist immer so. Aus einiger Entfernung gesehen, pflegen solche Gegensätze einander immer ähnlicher zu werden. Das dicke Instrumentieren war übrigens weder Wagners noch Brahms’ persönlicher Fehler, es war ein Irrtum ihrer Zeit.“

„Wie? Und für den müssen sie nun so schwer büßen?“ rief ich anklagend.

„Selbstverständlich. Es ist der Instanzenweg. Erst wenn sie die Schuld ihrer Zeit abgetragen haben, wird sich zeigen, ob noch so viel Persönliches übrig ist, daß sich eine Abrechnung darüber lohnt.“

„Aber sie können doch beide nichts dafür!“

„Natürlich nicht. Sie können auch nichts dafür, daß Adam den Apfel gefressen hat, und müssen es doch büßen.“

„Das ist aber furchtbar.“

„Gewiß, das Leben ist immer furchtbar. Wir können nichts dafür und sind doch verantwortlich. Man wird geboren, und schon ist man schuldig. Sie müssen einen merkwürdigen Religionsunterricht genossen haben, wenn Sie das nicht wußten.“

Mir war recht elend geworden. Ich sah mich selbst, einen todmüden Pilger, durch die Wüste des Jenseits ziehen, beladen mit den vielen entbehrlichen Büchern, die ich geschrieben, mit all den Aufsätzen, mit allen den Feuilletons, gefolgt vom Heer der Setzer, die daran hatten arbeiten, vom Heer der Leser, die das alles hatten schlucken müssen. Mein Gott! Und Adam und der Apfel und die ganze übrige Erbsünde war außerdem noch da. Alles dieses also war abzubüßen, endloses Fegefeuer, und erst dann würde die Frage entstehen, ob hinter alle dem auch noch etwas Persönliches, etwas Eigenes vorhanden, oder ob all mein Tun und seine Folgen bloß leerer Schaum auf dem Meere, bloß sinnloses Spiel im Fluß des Geschehens war!

Mozart begann laut zu lachen, als er mein langes Gesicht sah. Vor Lachen überschlug er sich in der Luft und schlug Triller mit den Beinen. Dazu schrie er mich an: „He, mein Junge, beißt dich die Zunge, zwickt dich die Lunge? Denkst an deine Leser, die Äser, die armen Gefräßer, und an deine Setzer, die Ketzer, die verfluchten Hetzer, die Säbelwetzer? Das ist ja zum Lachen, du Drachen, zum lauten Lachen, zum Verkrachen, zum In-die-Hosen-machen! O du gläubiges Herze, mit deiner Druckerschwärze, mit deinem Seelenschmerze, ich stifte dir eine Kerze, nur so zum Scherze. Geschnickelt, geschnackelt, spektakelt, schabernackelt, mit dem Schwanz gewackelt, nicht lang gefackelt. Gott befohlen, der Teufel wird dich holen, verhauen und versohlen für dein Schreiben und Kohlen, hast ja alles zusammengestohlen.“

Dies hingegen war mir zu stark, der Zorn ließ mir keine Zeit mehr, der Wehmut nachzuhängen. Ich packte Mozart am Zopf, er flog davon, der Zopf wurde länger und länger, wie ein Kometenschweif, an dessen Ende ich hing und durch die Welt gewirbelt wurde. Teufel, war es kalt in dieser Welt! Diese Unsterblichen vertrugen eine scheußlich dünne Eisluft. Aber sie machte vergnügt, diese eisige Luft, das spürte ich noch in dem kurzen Augenblick, eh mir die Sinne vergingen. Es durchdrang mich eine bitterscharfe, stahlblanke, eisige Heiterkeit, eine Lust, ebenso hell, wild und außerirdisch zu lachen, wie Mozart es getan hatte. Aber da war Atem und Bewußtsein zu Ende.

* * * * *

Verwirrt und zerschlagen fand ich mich wieder, das weiße Licht des Korridors spiegelte im blanken Boden. Ich war nicht bei den Unsterblichen, noch nicht. Ich war noch immer im Diesseits der Rätsel, der Leiden, der Steppenwölfe, der qualvollen Verwicklungen. Kein guter Ort, kein erträglicher Aufenthalt. Dem mußte ein Ende gemacht werden.

Im großen Wandspiegel stand Harry mir gegenüber. Er sah nicht gut aus, er sah nicht viel anders aus, als er in jener Nacht nach dem Professorenbesuch und dem Ball im Schwarzen Adler ausgesehen hatte. Aber das lag weit zurück, Jahre, Jahrhunderte; Harry war älter geworden, er hatte tanzen gelernt, hatte magische Theater besucht, er hatte Mozart lachen gehört, er hatte vor Tänzen, vor Frauen, vor Messern keine Angst mehr. Auch der mäßig Begabte, wenn er ein paar Jahrhunderte durchrannt hat, wird reif. Lange sah ich Harry im Spiegel an: noch kannte ich ihn wohl, noch immer glich er ein ganz klein wenig dem Harry von fünfzehn Jahren, der an einem Märzsonntag in den Felsen der Rosa begegnet war und seinen Konfirmandenhut vor ihr gezogen hatte. Und doch war er seither einige hundert Jährchen älter geworden, hatte Musik und Philosophie getrieben und satt gekriegt, hatte im „Stahlhelm“ Elsässer gesoffen und mit biederen Gelehrten über Krischna disputiert, hatte Erika und Maria geliebt, war Herminens Freund geworden, hatte Automobile abgeschossen und mit der glatten Chinesin geschlafen, hatte Goethe und Mozart angetroffen und verschiedene Löcher in das Netz der Zeit und der Scheinwirklichkeit gerissen, in dem er noch gefangen war. Hatte er auch seine hübschen Schachfiguren wieder verloren, so hatte er doch ein braves Messer in der Tasche. Vorwärts, alter Harry, alter müder Kerl!

Pfui Teufel, wie schmeckte das Leben bitter! Ich spuckte den Harry im Spiegel an, ich trat mit dem Fuß gegen ihn und trat ihn in Scherben. Langsam ging ich durch den hallenden Gang, aufmerksam betrachtete ich die Türen, die soviel Hübsches versprochen hatten: an keiner mehr stand eine Inschrift. Langsam schritt ich alle die hundert Türen des magischen Theaters ab. War ich nicht heute an einem Maskenball gewesen? Hundert Jahre waren seither vergangen. Bald wird es keine Jahre mehr geben. Etwas war noch zu tun, Hermine wartete noch. Eine sonderbare Hochzeit würde das sein. In einer trüben Welle schwamm ich dahin, trüb gezogen, Sklave, Steppenwolf. Pfui Teufel!

An der letzten Tür blieb ich stehen. Dorthin hatte die trübe Welle mich gezogen. O Rosa, o ferne Jugend, o Goethe und Mozart!

Ich öffnete. Was ich hinter der Türe fand, war ein einfaches und schönes Bild. Auf Teppichen am Boden fand ich zwei nackte Menschen liegen, die schöne Hermine und den schönen Pablo, Seite an Seite, tief schlafend, tief erschöpft vom Liebesspiel, das so unersättlich scheint und doch so schnell satt macht. Schöne, schöne Menschen, herrliche Bilder, wundervolle Körper. Unter Herminens linker Brust war ein frisches rundes Mal, dunkel unterlaufen, ein Liebesbiß von Pablos schönen schimmernden Zähnen. Dort, wo das Mal war, stieß ich mein Messer hinein, so lang die Klinge war. Blut lief über Herminens weiße zarte Haut. Dies Blut hätte ich weggeküßt, wenn alles etwas anders gewesen, etwas anders gegangen wäre. Nun tat ich es nicht; ich sah nur zu, wie das Blut lief, und sah ihre Augen sich eine kleine Weile öffnen, schmerzvoll, tief verwundert. „Warum ist sie verwundert?“ dachte ich. Dann dachte ich daran, daß ich ihr die Augen zudrücken müsse. Aber sie schlossen sich von selbst wieder. Es war getan. Sie drehte sich nur ein wenig auf die Seite, von der Achselhöhle zur Brust sah ich einen feinen zarten Schatten spielen, der wollte mich an irgend etwas erinnern. Vergessen! Dann lag sie still.

Lange sah ich sie an. Endlich schauerte ich wie erwachend auf und wollte gehen. Da sah ich Pablo sich dehnen, sah ihn die Augen öffnen und die Glieder recken, sah ihn sich über die schöne Tote beugen und lächeln. Nie wird dieser Kerl ernsthaft werden, dachte ich, alles bringt ihn zum Lächeln. Behutsam schlug Pablo eine Ecke des Teppichs um und deckte Hermine zu bis zur Brust, daß die Wunde nicht mehr zu sehen war, und ging dann unhörbar aus der Loge. Wo ging er hin? Ließen alle mich allein? Ich blieb, allein mit der halbverhüllten Toten, die ich liebte und beneidete. Über ihre bleiche Stirn hing die Knabenlocke herab, der Mund strahlte rot aus dem ganz erblaßten Gesicht und war ein wenig geöffnet, ihr Haar duftete zart und ließ das kleine, reichgeformte Ohr halb durchschimmern.

Nun war ihr Wunsch erfüllt. Noch eh sie ganz mein geworden war, hatte ich meine Geliebte getötet. Ich hatte das Unausdenkliche getan, und nun kniete ich und starrte und wußte nicht, was diese Tat bedeute, wußte nicht einmal, ob sie gut und richtig gewesen sei oder das Gegenteil. Was würde der kluge Schachspieler, was würde Pablo zu ihr sagen? Ich wußte nichts, ich konnte nicht denken. Immer röter glühte der gemalte Mund aus dem erlöschenden Gesicht. So war mein ganzes Leben gewesen, so war mein bißchen Glück und Liebe gewesen wie dieser starre Mund: ein wenig Rot, auf ein Totengesicht gemalt.

Und von dem toten Gesicht, den toten weißen Schultern, den toten weißen Armen hauchte, langsam schleichend, ein Schauder aus, eine winterliche Öde und Einsamkeit, eine langsam, langsam wachsende Kälte, in der mir Hände und Lippen zu erstarren begannen. Hatte ich die Sonne ausgelöscht? Hatte ich das Herz alles Lebens getötet? Brach die Todeskälte des Weltraums herein?

Schaudernd starrte ich auf die steingewordene Stirn, auf die starre Locke, auf den bleichkühlen Schimmer der Ohrmuschel. Die Kälte, die von ihnen ausströmte, war tödlich und war dennoch schön: sie klang, sie schwang wunderbar, sie war Musik!

Hatte ich nicht einst, in einer frühern Zeit, schon einmal diesen Schauder gefühlt, der zugleich etwas wie Glück war? Hatte ich nicht schon einmal diese Musik vernommen? Ja, bei Mozart, bei den Unsterblichen.

Verse kamen mir in den Sinn, die ich einst, in einer frühern Zeit, irgendwo gefunden hatte:

Wir dagegen haben uns gefunden In des Äthers sterndurchglänztem Eis, Kennen keine Tage, keine Stunden, Sind nicht Mann noch Weib, nicht jung noch Greis ... Kühl und wandellos ist unser ewiges Sein, Kühl und sternhell unser ewiges Lachen ...

Da ging die Logentür auf, und herein kam, erst beim zweiten Blick von mir erkannt, Mozart, ohne Zopf, ohne Kniehosen und Schnallenschuhe, modern gekleidet. Dicht neben mir setzte er sich hin, beinah hätte ich ihn berührt und zurückgehalten, daß er sich nicht an dem Blut beschmutze, das aus Herminens Brust an den Boden geronnen war. Er setzte sich und beschäftigte sich eingehend mit einigen kleinen Apparaten und Instrumenten, welche da herumstanden, er hatte es damit sehr wichtig, rückte und schraubte an dem Zeug herum, und ich blickte mit Bewunderung auf seine geschickten, flinken Finger, die ich so gern einmal hätte Klavier spielen sehen. Gedankenvoll sah ich ihm zu, oder eigentlich nicht gedankenvoll, sondern träumerisch und in den Anblick seiner schönen, klugen Hände verloren, vom Gefühl seiner Nähe erwärmt und auch etwas beängstigt. Was er da eigentlich treibe, was er da zu schrauben und zu hantieren habe, darauf achtete ich gar nicht.

Es war aber ein Radioapparat, den er da aufgestellt hatte und in Gang brachte, und jetzt schaltete er den Lautsprecher ein und sagte: „Man hört München, das _Concerto grosso_ in F-Dur von Händel.“

In der Tat spuckte, zu meinem unbeschreiblichen Erstaunen und Entsetzen, der teuflische Blechtrichter nun alsbald jene Mischung von Bronchialschleim und zerkautem Gummi aus, welchen die Besitzer von Grammophonen und Abonnenten des Radios übereingekommen sind, Musik zu nennen, – und hinter dem trüben Geschleime und Gekrächze war wahrhaftig, wie hinter dicker Schmutzkruste ein altes köstliches Bild, die edle Struktur dieser göttlichen Musik zu erkennen, der königliche Aufbau, der kühle weite Atem, der satte breite Streicherklang.

„Mein Gott,“ rief ich entsetzt, „was tun Sie, Mozart? Ist es Ihr Ernst, daß Sie sich und mir diese Schweinerei antun? Daß Sie diesen scheußlichen Apparat auf uns loslassen, den Triumph unsrer Zeit, ihre letzte siegreiche Waffe im Vernichtungskampf gegen die Kunst? Muß das sein, Mozart?“

O wie lachte da der unheimliche Mann, wie lachte er kalt und geisterhaft, lautlos und doch alles durch sein Lachen zertrümmernd! Mit innigem Vergnügen sah er meinen Qualen zu, drehte an den verfluchten Schrauben, rückte am Blechtrichter. Lachend ließ er die entstellte, entseelte und vergiftete Musik weiter in den Raum sickern, lachend gab er mir Antwort.

„Bitte kein Pathos, Herr Nachbar! Haben Sie übrigens das Ritardando da beachtet? Ein Einfall, hm? Ja, und nun lassen Sie einmal, Sie ungeduldiger Mensch, den Gedanken dieses Ritardando in sich hinein – hören Sie die Bässe? sie schreiten wie Götter – und lassen Sie diesen Einfall des alten Händel Ihr unruhiges Herz durchdringen und beruhigen! Hören Sie einmal, Sie Männlein, ohne Pathos und ohne Spott, hinter dem in der Tat hoffnungslos idiotischen Schleier dieses lächerlichen Apparates die ferne Gestalt dieser Göttermusik vorüberwandeln! Merken Sie auf, es läßt sich etwas dabei lernen. Achten Sie darauf, wie diese irrsinnige Schallröhre scheinbar das Dümmste, Unnützeste und Verbotenste von der Welt tut und eine irgendwo gespielte Musik wahllos, dumm und roh, dazu jämmerlich entstellt, in einen fremden, nicht zu ihr gehörigen Raum hinein schmeißt – und wie sie dennoch den Urgeist dieser Musik nicht zerstören kann, sondern an ihr nur ihre eigene ratlose Technik und geistlose Betriebmacherei erweisen muß! Hören Sie gut zu, Männlein, es tut Ihnen not! Also, Ohren auf! So. Und nun hören Sie ja nicht bloß einen durch das Radio vergewaltigten Händel, der dennoch auch in dieser scheußlichsten Erscheinungsform noch göttlich ist, – Sie hören und sehen, Wertester, zugleich ein vortreffliches Gleichnis alles Lebens. Wenn Sie dem Radio zuhören, so hören und sehen Sie den Urkampf zwischen Idee und Erscheinung, zwischen Ewigkeit und Zeit, zwischen Göttlichem und Menschlichem. Gerade so, mein Lieber, wie das Radio die herrlichste Musik der Welt zehn Minuten lang wahllos in die unmöglichsten Räume wirft, in bürgerliche Salons und in Dachkammern, zwischen schwatzende, fressende, gähnende, schlafende Abonnenten hinein, so, wie er diese Musik ihrer sinnlichen Schönheit beraubt, sie verdirbt, verkratzt und verschleimt und dennoch ihren Geist nicht ganz umbringen kann – gerade so schmeißt das Leben, die sogenannte Wirklichkeit, mit dem herrlichen Bilderspiel der Welt um sich, läßt auf Händel einen Vortrag über die Technik der Bilanzverschleierung in mittleren industriellen Betrieben folgen, macht aus zauberhaften Orchesterklängen einen unappetitlichen Töneschleim, schiebt seine Technik, seine Betriebsamkeit, seine wüste Notdurft und Eitelkeit überall zwischen Idee und Wirklichkeit, zwischen Orchester und Ohr. Das ganze Leben ist so, mein Kleiner, und wir müssen es so sein lassen, und wenn wir keine Esel sind, lachen wir dazu. Leuten von Ihrer Art steht es durchaus nicht zu, am Radio oder am Leben Kritik zu üben. Lernen Sie lieber erst zuhören! Lernen Sie ernstnehmen, was des Ernstnehmens wert ist, und lachen über das andre! Oder haben Sie selber es denn etwa besser gemacht, edler, klüger, geschmackvoller? O nein, Monsieur Harry, das haben Sie nicht. Sie haben aus Ihrem Leben eine scheußliche Krankengeschichte gemacht, aus Ihrer Begabung ein Unglück. Und Sie haben, wie ich sehe, da ein so hübsches, ein so entzückendes junges Mädchen zu nichts andrem zu brauchen gewußt, als daß Sie ihm ein Messer in den Leib gestochen und es kaputt gemacht haben! Halten Sie denn das für richtig?“

„Richtig? O nein!“ rief ich verzweifelt. „Mein Gott, alles ist ja so falsch, so höllisch dumm und schlecht! Ich bin ein Vieh, Mozart, ein dummes böses Vieh, krank und verdorben, da haben Sie tausendmal recht. – Aber was dieses Mädchen betrifft: sie hat es selbst so gewollt, ich habe nur ihren eigenen Wunsch erfüllt.“

Mozart lachte lautlos, hatte nun aber doch die große Güte, das Radio abzustellen.

Meine Verteidigung klang mir selbst, der ich eben noch treuherzig an sie geglaubt hatte, unversehens recht töricht. Als einst Hermine – so erinnerte ich mich plötzlich – über Zeit und Ewigkeit gesprochen hatte, da war ich sofort bereit gewesen, ihre Gedanken für ein Spiegelbild meiner eigenen Gedanken anzusehen. Daß aber der Gedanke, sich von mir töten zu lassen, Herminens eigenster Einfall und Wunsch und von mir nicht im mindesten beeinflußt sei, hatte ich als selbstverständlich angenommen. Aber warum hatte ich damals diesen so schrecklichen und so befremdlichen Gedanken nicht bloß angenommen und geglaubt, sondern sogar im voraus erraten? Vielleicht doch, weil es mein eigener war? Und warum hatte ich Hermine gerade in dem Augenblick umgebracht, wo ich sie nackt in den Armen eines andern fand? Allwissend und voll Spott klang Mozarts lautloses Lachen.

„Harry,“ sagte er, „Sie sind ein Spaßvogel. Sollte wirklich dieses schöne Mädchen von Ihnen nichts andres zu wünschen gehabt haben als einen Messerstich? Machen Sie das einem andern weis! Na, wenigstens haben Sie brav zugestochen, das arme Kind ist mausetot. Es wäre nun vielleicht an der Zeit, daß Sie sich die Folgen Ihrer Galanterie gegen diese Dame klarmachten. Oder sollten Sie sich um die Folgen drücken wollen?“