Part 7
Über dem Streit zwischen den beiden Harrys wurde der Professor beinah vergessen; plötzlich war er mir wieder lästig, und ich eilte, ihn loszuwerden. Lange sah ich ihm nach, wie er unter der kahlen Allee davonging, mit dem gutmütigen und etwas komischen Gang eines Idealisten, eines Gläubigen. Heftig tobte die Schlacht in meinem Innern, und während ich mechanisch die steifen Finger krümmte und wieder streckte, im Kampf mit der heimlich wühlenden Gicht, mußte ich mir gestehen, daß ich mich da hatte übertölpeln lassen, daß ich mir nun eine Einladung auf halb acht Uhr zum Abendessen auf den Hals geladen hatte samt Verpflichtung zu Höflichkeiten, wissenschaftlichem Geschwatze und Betrachtung fremden Familienglücks. Zornig ging ich nach Hause, mischte Kognak und Wasser, schluckte dazu meine Gichtpillen hinunter, legte mich auf den Diwan und versuchte zu lesen. Als es mir endlich gelungen war, eine Weile in „Sophiens Reise von Memel nach Sachsen“ zu lesen, einem entzückenden Schmöker aus dem achtzehnten Jahrhundert, fiel mir plötzlich die Einladung wieder ein und daß ich nicht rasiert war und daß ich mich anziehen müsse. Weiß Gott, warum ich mir das angetan hatte! Also, Harry, steh auf, lege dein Buch weg, seife dich ein, kratze dir das Kinn blutig, zieh dich an und habe ein Wohlgefallen an den Menschen! Und während ich mich einseifte, dachte ich an das dreckige Lehmloch im Friedhof, in das man heut den Unbekannten hinuntergeseilt hatte, und an die verkniffenen Gesichter der gelangweilten Mitchristen und konnte nicht einmal darüber lachen. Dort endete, so schien mir, an jenem dreckigen Lehmloch, bei den dummen verlegenen Worten des Predigers, bei den dummen verlegenen Mienen der Trauerversammlung, bei dem trostlosen Anblick all der Kreuze und Tafeln aus Blech und Marmor, bei all den falschen Draht- und Glasblumen, dort endete nicht nur der Unbekannte, dort würde nicht nur morgen oder übermorgen auch ich enden, verscharrt, unter Verlegenheit und Verlogenheit der Teilnehmer in den Dreck gescharrt, nein, so endete alles, unser ganzes Streben, unsre ganze Kultur, unser ganzer Glaube, unsre ganze Lebensfreude und Lebenslust, die so sehr krank war und bald auch dort eingescharrt werden würde. Ein Friedhof war unsre Kulturwelt, hier waren Jesus Christus und Sokrates, hier waren Mozart und Haydn, waren Dante und Goethe bloß noch erblindete Namen auf rostenden Blechtafeln, umstanden von verlegenen und verlogenen Trauernden, die viel dafür gegeben hätten, wenn sie an die Blechtafeln noch hätten glauben können, die ihnen einst heilig gewesen waren, die viel dafür gegeben hätten, auch nur wenigstens ein redliches, ernstes Wort der Trauer und Verzweiflung über diese untergegangne Welt sagen zu können, und denen statt allem nichts blieb als das verlegne grinsende Herumstehen an einem Grab. Wütend kratzte ich mir am Kinn die ewige Stelle wieder auf und ätzte eine Weile an der Wunde, mußte aber dennoch den eben angelegten frischen Kragen nochmals wechseln und wußte durchaus nicht, warum ich das alles tue, denn ich fühlte nicht die mindeste Lust, zu jener Einladung zu gehen. Aber ein Stück von Harry spielte wieder Theater, nannte den Professor einen sympathischen Kerl, sehnte sich nach ein wenig Menschengeruch, Schwatz und Geselligkeit, erinnerte sich an des Professors hübsche Frau, fand den Gedanken an einen Abend bei freundlichen Gastgebern im Grunde doch recht ermunternd und half mir ein englisches Pflaster aufs Kinn kleben, half mir mich anziehen und eine anständige Krawatte umbinden und brachte mich sanft davon ab, meinem eigentlichen Wunsch zu folgen und zu Hause zu bleiben. Zugleich dachte ich: so, wie ich jetzt mich anziehe und ausgehe, den Professor besuche und mehr oder weniger erlogene Artigkeiten mit ihm austausche, alles ohne es eigentlich zu wollen, so tun und leben und handeln die meisten Menschen Tag für Tag, Stunde um Stunde zwanghaft und ohne es eigentlich zu wollen, machen Besuche, führen Unterhaltungen, sitzen Amts- und Bureaustunden ab, alles zwanghaft, mechanisch, ungewollt, alles könnte ebensogut von Maschinen gemacht werden oder unterbleiben; und diese ewig fortlaufende Mechanik ist es, die sie hindert, gleich mir, Kritik am eigenen Leben zu üben, seine Dummheit und Seichtheit, seine scheußlich grinsende Fragwürdigkeit, seine hoffnungslose Trauer und Öde zu erkennen und zu fühlen. Oh, und sie haben recht, unendlich recht, die Menschen, daß sie so leben, daß sie ihre Spielchen spielen und ihren Wichtigkeiten nachlaufen, statt sich gegen die betrübende Mechanik zu wehren und verzweifelt ins Leere zu starren, wie ich entgleister Mensch es tue. Wenn ich in diesen Blättern zuweilen die Menschen verachte und auch verspotte, so glaube doch darum niemand, daß ich ihnen die Schuld zuwälzen, daß ich sie anklagen, daß ich andre für mein persönliches Elend verantwortlich machen möchte! Ich aber, der ich nun einmal so weit gegangen bin und am Rande des Lebens stehe, wo es ins bodenlose Dunkel fällt, ich tue unrecht und lüge, wenn ich mir und andern vorzutäuschen versuche, als laufe auch für mich jene Mechanik noch, als sei auch ich noch zu jener holden kindlichen Welt des ewigen Spiels gehörig!
Der Abend wurde denn auch entsprechend wunderbar. Vor dem Hause meines Bekannten blieb ich einen Augenblick stehen und sah zu den Fenstern empor. Da wohnt dieser Mann, dachte ich, und tut Jahr um Jahr seine Arbeit weiter, liest und kommentiert Texte, sucht nach Zusammenhängen zwischen vorderasiatischen und indischen Mythologien und ist vergnügt dabei, denn er glaubt an den Wert seines Tuns, er glaubt an die Wissenschaft, deren Diener er ist, er glaubt an den Wert des bloßen Wissens, des Aufspeicherns, denn er glaubt an den Fortschritt, an die Entwicklung. Er hat den Krieg nicht miterlebt, nicht die Erschütterung der bisherigen Denkgrundlagen durch Einstein (das, denkt er, geht nur die Mathematiker an), er sieht nichts davon, wie rings um ihn der nächste Krieg vorbereitet wird, er hält Juden und Kommunisten für hassenswert, er ist ein gutes, gedankenloses, vergnügtes, sich wichtig nehmendes Kind, er ist sehr zu beneiden. Ich gab mir einen Ruck und trat ein, wurde vom weißbeschürzten Dienstmädchen empfangen, aus irgendeiner Ahnung mir genau die Stelle merkend, wohin sie meinen Hut und Mantel brachte, ich wurde in ein warmes helles Zimmer geführt und zu warten gebeten, und statt ein Gebet zu sprechen oder ein wenig zu schlafen, folgte ich einem spielerischen Trieb und nahm den nächsten Gegenstand in die Hände, der sich mir anbot. Es war ein kleines gerahmtes Bild, das auf dem runden Tisch seinen Standort hatte, durch eine steife Kartonklappe zum Schrägstehen gezwungen. Es war eine Radierung und stellte den Dichter Goethe dar, einen charaktervollen, genial frisierten Greis mit schön modelliertem Gesicht, in welchem weder das berühmte Feuerauge fehlte noch der Zug von leicht hofmännisch übertünchter Einsamkeit und Tragik, auf welche der Künstler ganz besondere Mühe verwandt hatte. Es war ihm gelungen, diesem dämonischen Alten, seiner Tiefe unbeschadet, einen etwas professoralen oder auch schauspielerischen Zug von Beherrschtheit und Biederkeit mitzugeben und ihn, alles in allem, zu einem wahrhaft schönen alten Herrn zu gestalten, welcher jedem Bürgerhause zum Schmuck gereichen konnte. Vermutlich war dieses Bild nicht dümmer als alle Bilder dieser Art, alle diese von fleißigen Kunsthandwerkern hergestellten holden Heilande, Apostel, Heroen, Geisteshelden und Staatsmänner, vielleicht wirkte es nur durch eine gewisse virtuose Gekonntheit so aufreizend auf mich; sei dem wie ihm wolle, auf jeden Fall schrie mir, der ich schon hinlänglich gereizt und geladen war, diese eitle und selbstgefällige Darstellung des alten Goethe sogleich als ein fataler Mißklang entgegen und zeigte mir, daß ich hier nicht am richtigen Orte sei. Hier waren schön stilisierte Altmeister und nationale Größen zu Hause, keine Steppenwölfe.
Wäre jetzt der Hausherr eingetreten, so wäre es mir vielleicht geglückt, unter annehmbaren Vorwänden meinen Rückzug auszuführen. Es kam jedoch seine Frau herein, und ich ergab mich ins Geschick, obwohl ich Unheil ahnte. Wir begrüßten uns, und dem ersten Mißklang folgten lauter neue. Die Frau beglückwünschte mich zu meinem guten Aussehen, während mir nur allzu bewußt war, wie sehr ich in den Jahren seit unsrer letzten Begegnung gealtert war; schon bei ihrem Händedruck hatte der Schmerz in den Gichtfingern mich fatal daran erinnert. Ja, und dann fragte sie, wie es denn meiner lieben Frau gehe, und ich mußte ihr sagen, daß meine Frau mich verlassen habe und unsre Ehe geschieden sei. Wir waren froh, als der Professor eintrat. Auch er begrüßte mich herzlich, und die Schiefheit und Komik der Situation fand alsbald den denkbar hübschesten Ausdruck. Er hielt eine Zeitung in Händen, das Blatt, auf das er abonniert war, eine Zeitung der Militaristen- und Kriegshetzepartei, und nachdem er mir die Hand gegeben hatte, deutete er auf das Blatt und erzählte, darin stehe etwas über einen Namensvetter von mir, einen Publizisten Haller, der ein übler Kerl und vaterlandsloser Geselle sein müsse, er habe sich über den Kaiser lustig gemacht und sich zu der Ansicht bekannt, daß sein Vaterland am Entstehen des Krieges um nichts minder schuldig sei als die feindlichen Länder. Was das für ein Kerl sein müsse! Na, hier kriege der Bursche es gesagt, die Redaktion habe diesen Schädling recht schneidig erledigt und an den Pranger gestellt. Wir gingen jedoch zu anderem über, als er sah, daß dies Thema mich nicht interessiere, und die beiden dachten wirklich nicht von ferne an die Möglichkeit, daß jenes Scheusal vor ihnen sitzen könne, und doch war es so, das Scheusal war ich selbst. Na, wozu Lärm machen und die Leute beunruhigen! Ich lachte in mich hinein, gab aber jetzt die Hoffnung verloren, an diesem Abend noch etwas Angenehmes zu erleben. Ich habe den Augenblick deutlich in Erinnerung. In diesem Augenblick nämlich, während der Professor vom Vaterlandsverräter Haller sprach, verdichtete sich in mir das schlimme Gefühl von Depression und Verzweiflung, das sich seit der Begräbnisszene in mir angehäuft und immer verstärkt hatte, zu einem wüsten Druck, zu einer körperlich (im Unterleib) fühlbaren Not, einem würgend angstvollen Schicksalsgefühl. Es lag etwas gegen mich auf der Lauer, fühlte ich, es beschlich mich von hinten eine Gefahr. Zum Glück kam jetzt die Meldung, daß das Essen bereitstehe. Wir gingen ins Speisezimmer, und während ich mich bemühte, immer wieder irgend etwas Harmloses zu sagen oder zu fragen, aß ich mehr, als ich gewohnt war, und fühlte mich von Augenblick zu Augenblick jämmerlicher. Mein Gott, dachte ich beständig, warum strengen wir uns denn so an? Deutlich fühlte ich, daß auch meine Gastgeber sich gar nicht wohl fühlten und daß ihre Munterkeit ihnen Mühe mache, sei es nun, daß ich so lähmend wirkte, sei es, daß sonst eine Verstimmung im Hause war. Sie fragten mich nach lauter Dingen, auf welche eine aufrichtige Antwort nicht zu geben war, bald hatte ich mich richtig festgelogen und kämpfte mit dem Ekel bei jedem Wort. Schließlich begann ich, um abzulenken, von dem Begräbnis zu erzählen, dessen Zuschauer ich heut gewesen war. Aber ich traf den Ton nicht, meine Anläufe zum Humor wirkten verstimmend, wir kamen mehr und mehr auseinander, in mir lachte der Steppenwolf mit grinsendem Gebiß, und beim Nachtisch waren wir alle drei recht schweigsam.
Wir kehrten in jenes erste Zimmer zurück, um Kaffee und Schnaps zu trinken, vielleicht würde uns das ein wenig aufhelfen. Aber da fiel der Dichterfürst mir wieder ins Auge, obwohl er beiseite auf eine Kommode gestellt worden war. Ich kam nicht los von ihm, und, nicht ohne warnende Stimmen in mir zu vernehmen, nahm ich ihn wieder in die Hand und begann mich mit ihm auseinanderzusetzen. Ich war wie besessen von dem Gefühl, daß die Situation unerträglich sei, daß es mir jetzt gelingen müsse, meine Wirte entweder zu erwärmen, mitzureißen und auf meinen Ton zu stimmen oder aber vollends eine Explosion herbeizuführen.
„Hoffen wir,“ sagte ich, „daß Goethe nicht wirklich so ausgesehen hat! Diese Eitelkeit und edle Pose, diese mit den verehrten Anwesenden liebäugelnde Würde und unter der männlichen Oberfläche diese Welt von holdester Sentimentalität! Man kann ja gewiß viel gegen ihn haben, auch ich habe oft viel gegen den alten Wichtigtuer, aber ihn _so_ darzustellen, nein, das geht doch zu weit.“
Die Hausfrau schenkte den Kaffee vollends ein, mit einem tief leidenden Gesicht, dann eilte sie aus dem Zimmer, und ihr Mann eröffnete mir, halb verlegen, halb vorwurfsvoll, dies Goethebild gehöre seiner Frau und werde von ihr ganz besonders geliebt. „Und selbst wenn Sie objektiv recht hätten, was ich übrigens bestreite, durften Sie sich doch nicht so kraß ausdrücken.“
„Da haben Sie recht“, gab ich zu. „Es ist leider eine Gewohnheit, ein Laster von mir, mich immer für den möglichst krassen Ausdruck zu entscheiden, was übrigens Goethe in seinen guten Stunden auch getan hat. Dieser süße spießige Salongoethe freilich hätte nie einen krassen, einen echten, unmittelbaren Ausdruck gebraucht. Ich bitte Sie und Ihre Frau sehr um Entschuldigung – sagen Sie ihr bitte, daß ich Schizophrene bin. Und zugleich bitte ich um Erlaubnis, mich empfehlen zu dürfen.“
Der betretene Herr erhob zwar noch einige Einwände, kam auch wieder darauf zu sprechen, wie schön und anregend unsre einstigen Unterredungen gewesen seien, ja, daß meine Vermutungen über Mithras und Krischna ihm damals tiefen Eindruck gemacht hätten und daß er gehofft habe, auch heute wieder ... und so weiter. Ich dankte ihm und sagte, daß dies sehr freundliche Worte seien, daß aber leider mein Interesse für Krischna ebenso wie meine Lust zu wissenschaftlichen Gesprächen ganz und gar geschwunden sei, daß ich ihn heute mehrmals angelogen habe, so sei ich zum Beispiel nicht seit einigen Tagen hier in der Stadt, sondern seit vielen Monaten, lebe aber für mich allein und sei nicht mehr für den Verkehr in besseren Häusern geeignet, denn erstens sei ich stets sehr schlechter Laune und mit Gicht behaftet und zweitens meistens betrunken. Ferner, um reinen Tisch zu schaffen und wenigstens nicht als Lügner wegzugehen, müsse ich dem verehrten Herrn erklären, daß er mich heute recht sehr beleidigt habe. Er habe sich jene dumme, stiernackige, eines beschäftigungslosen Offiziers, nicht aber eines Gelehrten würdige Stellung eines reaktionären Blattes zu Hallers Meinungen zu eigen gemacht. Dieser „Bursche“ und vaterlandslose Geselle Haller aber sei ich selber, und es stünde besser um unser Land und um die Welt, wenn wenigstens die paar denkfähigen Menschen sich zu Vernunft und Friedensliebe bekennten, statt blind und besessen auf einen neuen Krieg loszusteuern. So, und damit Gott befohlen.
Und so erhob ich mich, nahm Abschied von Goethe und dem Professor, riß draußen meine Sachen vom Kleiderhaken und lief davon. Laut heulte in meiner Seele der schadenfrohe Wolf, ein gewaltiges Theater fand zwischen den beiden Harrys statt. Denn, das war mir sofort klar, diese unerquickliche Abendstunde hatte für mich viel mehr Bedeutung als für den indignierten Professor; für ihn war sie eine Enttäuschung und ein kleines Ärgernis, für mich aber war sie ein letztes Mißlingen und Davonlaufen, war mein Abschied von der bürgerlichen, der moralischen, der gelehrten Welt, war ein vollkommener Sieg des Steppenwolfes. Und es war ein Abschiednehmen als Flüchtling und Besiegter, eine Bankrotterklärung vor mir selber, ein Abschied ohne Trost, ohne Überlegenheit, ohne Humor. Ich hatte von meiner ehemaligen Welt und Heimat, von Bürgerlichkeit, Sitte, Gelehrsamkeit nicht anders Abschied genommen als der Mann mit dem Magengeschwür vom Schweinebraten. Wütend lief ich unter den Laternen hin, wütend und todestraurig. Was war das für ein trostloser, beschämender, böser Tag gewesen, vom Morgen bis zum Abend, vom Friedhof bis zur Szene beim Professor! Wozu? Warum? Hatte es einen Sinn, noch mehr solche Tage auf sich zu laden, noch mehr solche Suppen auszufressen? Nein! Und so würde ich denn heut nacht der Komödie ein Ende machen. Geh heim, Harry, und schneide dir die Kehle durch! Lang genug hast du damit gewartet.
Hin und her lief ich durch die Straßen, vom Elend geritten. Natürlich war es dumm von mir gewesen, den guten Leuten ihren Salonschmuck zu bespucken, es war dumm und unartig, aber ich konnte und konnte nun einmal nicht anders, ich konnte dies zahme, verlogene, artige Leben nicht mehr ertragen. Und da ich, wie es schien, auch die Einsamkeit nicht mehr ertragen konnte, da auch meine eigene Gesellschaft mir so unsäglich verhaßt und zum Ekel geworden war, da ich im luftleeren Raum meiner Hölle erstickend um mich schlug, was gab es da noch für einen Ausweg? Es gab keinen. O Vater und Mutter, o ferne heilige Feuer meiner Jugend, o ihr tausend Freuden, Arbeiten und Ziele meines Lebens! Nichts von allem war mir geblieben, nicht einmal Reue, nur Ekel und Schmerz. Nie, so schien mir, hatte das bloße Lebenmüssen so weh getan wie in dieser Stunde.
In einer trostlosen Vorstadtkneipe ruhte ich einen Augenblick aus, trank Wasser und Kognak, lief wieder weiter, vom Teufel gejagt, die steilen krummen Gassen der Altstadt hinauf und hinab, durch die Alleen, über den Bahnhofplatz. Fortreisen! dachte ich, ging in den Bahnhof, starrte auf die Fahrpläne an den Wänden, trank etwas Wein, versuchte, mich zu besinnen. Immer näher, immer deutlicher begann ich das Gespenst zu sehen, vor dem ich mich fürchtete. Es war die Heimkehr, die Rückkehr in meine Stube, das Stillhaltenmüssen vor der Verzweiflung! Dem entging ich nicht, auch wenn ich noch viele Stunden herumlief, nicht der Rückkehr zu meiner Tür, zum Tisch mit den Büchern, zum Diwan mit dem Bild meiner Geliebten darüber, nicht dem Augenblick, da ich das Rasiermesser abziehen und mir die Kehle durchschneiden mußte. Immer deutlicher tat dies Bild sich vor mir auf, und immer deutlicher, mit rasend klopfendem Herzen, fühlte ich die Angst aller Ängste: die Todesfurcht! Ja, ich hatte eine grauenhafte Furcht vor dem Tode. Obwohl ich keinen andern Ausweg sah, obwohl Ekel, Leid und Verzweiflung rings um mich getürmt standen, obwohl nichts mehr mich zu locken, mir Freude und Hoffnung zu machen imstande war, graute mir doch unaussprechlich vor der Hinrichtung, vor dem letzten Augenblick, vor dem kalten klaffenden Schnitt ins eigene Fleisch!
Ich sah keinen Weg, dem Gefürchteten zu entrinnen. Würde im Kampf zwischen Verzweiflung und Feigheit heute auch vielleicht die Feigheit siegen, morgen und jeden Tag würde von neuem die Verzweiflung vor mir stehen, noch erhöht durch die Selbstverachtung. Ich würde so lange das Messer zur Hand nehmen und wieder wegwerfen, bis es endlich doch einmal getan war. Dann lieber heute noch! Vernünftig sprach ich mir selber zu, wie einem geängstigten Kind, aber das Kind hörte nicht, es lief davon, es wollte leben. Zuckend riß es mich weiter durch die Stadt, in weiten Bogen umkreiste ich meine Wohnung, stets die Heimkehr im Sinn, stets sie verzögernd. Da und dort blieb ich in einer Kneipe hängen, einen Becher lang, zwei Becher lang, dann jagte es mich weiter, im weiten Kreise um das Ziel, um das Rasiermesser, um den Tod herum. Todmüde saß ich zuweilen auf einer Bank, auf einem Brunnenrand, auf einem Prellstein, hörte mein Herz klopfen, wischte mir den Schweiß von der Stirn, lief wieder weiter, voll tödlicher Angst, voll flackernder Sehnsucht nach Leben.
So zog es mich, spät in der Nacht, in einer entlegenen und mir wenig bekannten Vorstadt, in ein Wirtshaus hinein, hinter dessen Fenstern heftige Tanzmusik erscholl. Überm Tor las ich im Hineingehen ein altes Schild: Zum schwarzen Adler. Drinnen war Freinacht, lautes Menschengetümmel, Rauch, Weindunst und Geschrei, im hintern Saale wurde getanzt, dort wütete die Tanzmusik. Ich blieb im vordern Raume, wo lauter einfache, zum Teil ärmlich gekleidete Leute sich aufhielten, während hinten im Ballsaal auch elegante Erscheinungen zu erspähen waren. Vom Gedränge durch den Raum gestoßen, ward ich neben dem Büfett an einen Tisch gedrängt, ein hübsches bleiches Mädchen saß auf der Wandbank, in einem dünnen, tief ausgeschnittenen Ballkleidchen, eine verwelkte Blume im Haar. Das Mädchen blickte mich, als es mich kommen sah, aufmerksam und freundlich an, lächelnd rückte es ein wenig beiseite und machte mir Platz.
„Darf ich?“ fragte ich und setzte mich neben sie.
„Gewiß, du darfst,“ sagte sie, „wer bist du denn?“
„Danke,“ sagte ich, „ich kann unmöglich nach Hause gehen, ich kann nicht, ich kann nicht, ich will hierbleiben, bei Ihnen, wenn Sie es erlauben. Nein, ich kann nicht heimgehen.“
Sie nickte, als verstünde sie mich, und indem sie nickte, betrachtete ich die Locke, die von ihrer Stirn am Ohr vorbeifiel, und ich sah, daß die welke Blume eine Kamelie war. Von drüben schmetterte die Musik, am Büfett riefen die Kellnerinnen hastig ihre Bestellungen aus.
„Bleib nur hier“, sagte sie mit einer Stimme, die mir wohl tat. „Warum kannst du denn nicht heimgehen?“
„Ich kann nicht. Zu Hause wartet etwas auf mich – nein, ich kann nicht, es ist zu schrecklich.“
„Dann laß es warten und bleib da. Komm, wische dir erst die Brille ab, du kannst ja gar nichts sehen. So, gib dein Taschentuch. Was wollen wir denn trinken? Burgunder?“
Sie wischte mir meine Brille ab; nun sah ich sie erst deutlich, das bleiche feste Gesicht mit dem blutrot gemalten Mund, mit den hellen grauen Augen, mit der glatten kühlen Stirn, mit der kurzen straffen Locke vorm Ohr. Gütig und ein klein wenig spöttisch nahm sie sich meiner an, bestellte Wein, stieß mit mir an und sah dabei auf meine Schuhe hinunter.
„Mein Gott, woher kommst du denn? Du siehst aus, wie wenn du zu Fuß von Paris gekommen wärst. So kommt man doch nicht an einen Ball.“
Ich sagte ja und nein, lachte ein wenig, ließ sie reden. Sie gefiel mir sehr, und ich war darüber verwundert, denn solche junge Mädchen hatte ich bisher gemieden und eher mit Mißtrauen betrachtet. Und sie war genau so mit mir, wie es in diesem Augenblick für mich gut war – oh, und so ist sie auch seither zu jeder Stunde mit mir gewesen. Sie behandelte mich so schonend, wie ich es nötig hatte, und so spöttisch, wie ich es nötig hatte. Sie bestellte ein belegtes Brot und befahl mir, es zu essen. Sie schenkte mir ein und hieß mich einen Schluck trinken, aber nicht zu rasch. Dann lobte sie meine Folgsamkeit.
„Du bist brav,“ meinte sie ermunternd, „du machst es einem nicht schwer. Wollen wir wetten, daß es lange her ist, seit du zum letztenmal jemandem hast gehorchen müssen?“
„Ja, Sie haben die Wette gewonnen. Woher wußten Sie denn das?“
„Keine Kunst. Gehorchen ist wie Essen und Trinken – wer es lang entbehrt hat, dem geht nichts darüber. Nicht wahr, du gehorchst mir gern?“
„Sehr gern. Sie wissen alles.“
„Du machst es einem leicht. Vielleicht, Freund, könnte ich dir auch sagen, was das ist, was daheim auf dich wartet und wovor du solche Angst hast. Aber du weißt es ja selber, wir brauchen nicht davon zu reden, gelt? Dummes Zeug! Entweder einer hängt sich auf, nun ja, dann hängt er sich eben auf, er wird Grund dazu haben. Oder er lebt noch, und dann hat er sich bloß um das Leben zu kümmern. Nichts ist einfacher.“
„Oh,“ rief ich, „wenn das so einfach wäre! Ich habe mich, bei Gott, genug um das Leben gekümmert, und es hat nichts genützt. Sich aufhängen ist vielleicht schwer, ich weiß es nicht. Aber leben ist viel, viel schwerer! Weiß Gott, wie schwer es ist!“
„Nun, du wirst sehen, daß es kinderleicht ist. Den Anfang haben wir schon gemacht, du hast deine Brille geputzt, hast gegessen, hast getrunken. Jetzt gehen wir und bürsten deine Hosen und Schuhe ein wenig, sie haben es nötig. Und dann wirst du einen Shimmy mit mir tanzen.“
„Da sehen Sie,“ rief ich eifrig, „daß ich doch recht hatte! Nichts tut mir mehr leid, als einen Befehl von Ihnen nicht ausführen zu können. Aber diesen kann ich nicht ausführen. Ich kann keinen Shimmy tanzen, und auch keinen Walzer und keine Polka und wie die Dinger alle heißen, ich habe nie in meinem Leben tanzen gelernt. Sehen Sie jetzt, daß doch nicht alles so einfach ist, wie Sie meinen?“
Das schöne Mädchen lächelte mit seinen blutroten Lippen und schüttelte den festen, knabenhaft frisierten Kopf. Indem ich sie ansah, wollte mir scheinen, sie gleiche der Rosa Kreisler, dem ersten Mädchen, in das ich mich einst als Knabe verliebt hatte, aber die war ja bräunlich und dunkelhaarig gewesen. Nein, ich wußte nicht, an wen dies fremde Mädchen mich erinnerte, ich wußte nur, es war etwas aus sehr früher Jugend, aus der Knabenzeit.
„Langsam,“ rief sie, „langsam! Du kannst also nicht tanzen? Überhaupt nicht? Nicht einmal einen Onestep? Und dabei behauptest du, weiß Gott, welche Mühe du dir mit dem Leben gegeben habest! Da hast du geflunkert, Junge, das sollte man in deinem Alter nicht mehr tun. Ja, wie kannst du sagen, du habest dir mit dem Leben Mühe gegeben, wenn du nicht einmal tanzen willst?“