Chapter 9 of 18 · 3888 words · ~19 min read

Part 9

„Ja, da gibt es manche Heilige, die habe ich besonders gern: den Stefan, den heiligen Franz und andere. Von ihnen sehe ich nun manchmal Bilder und auch vom Heiland und der Muttergottes, solche verlogene, verfälschte, verdummte Bilder, und die kann ich gerade so wenig ausstehen wie du jenes Goethebild. Wenn ich so einen süßen dummen Heiland oder heiligen Franz sehe und sehe, wie andere diese Bilder schön und erbaulich finden, dann spüre ich es wie eine Beleidigung des richtigen Heilands und denke: ach, wozu hat er gelebt und so furchtbar gelitten, wenn den Leuten schon so ein dummes Bild von ihm genügt! Aber ich weiß trotzdem, daß auch _mein_ Heiland- oder Franzbild bloß ein Menschenbild ist und an das Urbild nicht hinreicht, daß dem Heiland selbst mein inneres Heilandbild gerade so dumm und unzulänglich vorkommen würde wie mir jene süßlichen Nachbilder. Ich sage dir das nicht, um dir in deiner Verstimmung und Wut gegen das Goethebild recht zu geben, nein, du bist da im Unrecht. Ich sage es bloß, um dir zu zeigen, daß ich dich verstehen kann. Ihr Gelehrte und Künstler habt ja allerlei aparte Sachen in euren Köpfen, aber ihr seid Menschen wie andre, und auch wir andern haben unsre Träume und Spiele im Kopf. Ich habe nämlich gemerkt, gelehrter Herr, daß du ein bißchen in Verlegenheit kamst, wie du mir deine Goethegeschichte erzählen solltest – du mußtest dich anstrengen, um deine idealen Sachen so einem einfachen Mädchen verständlich zu machen. Nun, und da möchte ich dir doch zeigen, daß du dich nicht so anzustrengen brauchst. Ich verstehe dich schon. So, und jetzt Schluß! Du gehörst ins Bett.“

Sie ging, und mich führte ein greiser Hausdiener zwei Treppen hinauf, vielmehr, erst fragte er nach meinem Gepäck, und als er hörte, es sei keines da, mußte ich das, was er „Schlafgeld“ nannte, vorausbezahlen. Dann brachte er mich, durch ein altes finstres Treppenhaus, in eine Kammer hinauf und ließ mich allein. Da stand ein dürres Holzbett, sehr kurz und hart, und an der Wand hing ein Säbel und ein farbiges Bildnis von Garibaldi, auch ein verwelkter Kranz von einer Vereinsfeier. Für ein Nachthemd hätte ich viel gegeben. Wenigstens war Wasser und ein kleines Handtuch da, ich konnte mich waschen, dann legte ich mich in den Kleidern aufs Bett, ließ das Licht brennen und hatte Zeit zum Nachdenken. Also mit Goethe war ich jetzt in Ordnung. Herrlich, daß er im Traum zu mir gekommen war! Und dieses wunderbare Mädchen – wenn ich doch ihren Namen gewußt hätte! Plötzlich ein Mensch, ein lebendiger Mensch, der die trübe Glasglocke meiner Abgestorbenheit zerschlug und mir die Hand hereinstreckte, eine gute, schöne, warme Hand! Plötzlich wieder Dinge, die mich etwas angingen, an die ich mit Freude, mit Sorge, mit Spannung denken konnte! Plötzlich eine Türe offen, durch die das Leben zu mir hereinkam! Ich konnte vielleicht wieder leben, ich konnte vielleicht wieder ein Mensch werden. Meine Seele, in der Kälte eingeschlafen und nahezu erfroren, atmete wieder, schlug schläfrig mit kleinen schwachen Flügeln. Goethe war bei mir gewesen. Ein Mädchen hatte mich essen, trinken, schlafen geheißen, hatte mir Freundliches erwiesen, hatte mich ausgelacht, hatte mich einen dummen kleinen Jungen genannt. Und sie hatte mir auch, die wunderbare Freundin, von den Heiligen erzählt und mir gezeigt, daß ich sogar in meinen wunderlichsten Verstiegenheiten gar nicht allein und unverstanden und eine krankhafte Ausnahme sei, daß ich Geschwister habe, daß man mich verstehe. Ob ich sie wiedersehen würde? Ja, gewiß, sie war zuverlässig. „Ein Wort ist ein Wort.“

Und schon schlief ich wieder, schlief vier, fünf Stunden. Es war zehn Uhr vorüber, als ich aufwachte, in zerknitterten Kleidern, zerschlagen, müde, die Erinnerung an irgend etwas Gräßliches von gestern im Kopf, aber lebendig, hoffnungsvoll, voll guter Gedanken. Bei der Heimkehr in meine Wohnung empfand ich nichts mehr von den Schrecken, die diese Heimkehr gestern für mich gehabt hatte.

Auf der Treppe, oberhalb der Araukarie, traf ich mit der „Tante“ zusammen, meiner Vermieterin, die ich selten zu Gesicht bekam, deren freundliches Wesen mir aber sehr gefiel. Die Begegnung war mir nicht angenehm, ich war immerhin etwas verwahrlost und übernächtig, nicht gekämmt und nicht rasiert. Ich grüßte und wollte vorübergehen. Sonst respektierte sie mein Verlangen nach Alleinbleiben und Nichtbeachtetwerden stets, heut aber schien in der Tat zwischen mir und der Umwelt ein Schleier zerrissen, eine Schranke gefallen zu sein – sie lachte und blieb stehen.

„Sie haben gebummelt, Herr Haller, Sie waren ja heut nacht gar nicht im Bett. Sie werden schön müde sein!“

„Ja,“ sagte ich und mußte auch lachen, „es ging heut nacht etwas lebhaft zu, und weil ich den Stil Ihres Hauses nicht stören wollte, schlief ich in einem Hotel. Mein Respekt vor der Ruhe und Achtbarkeit Ihres Hauses ist groß, manchmal komme ich mir darin sehr wie ein Fremdkörper vor.“

„Spotten Sie nicht, Herr Haller!“

„Oh, ich spotte bloß über mich selber.“

„Eben das sollten Sie nicht tun. Sie sollen sich in meinem Haus nicht als ‚Fremdkörper‘ fühlen. Sie sollen leben, wie es Ihnen gefällt, und treiben, was Sie mögen. Ich habe schon manche sehr, sehr achtbare Mieter gehabt, Juwelen an Achtbarkeit, aber keiner war ruhiger und hat uns weniger gestört als Sie. Und jetzt – wollen Sie einen Tee haben?“

Ich widerstand nicht. In ihrem Salon mit den schönen Großväterbildern und Großvätermöbeln bekam ich Tee vorgesetzt, und wir schwatzten ein wenig, die freundliche Frau erfuhr, ohne eigentlich zu fragen, dies und jenes aus meinem Leben und meinen Gedanken und hörte zu mit der Mischung von Achtung und mütterlichem Nicht-ganz-ernst-nehmen, welche kluge Frauen für die Verschrobenheiten der Männer haben. Es war auch von ihrem Neffen die Rede, und sie zeigte mir in einem Nebenzimmer dessen neueste Feierabendarbeit, einen Radioapparat. Da saß der fleißige junge Mensch an seinen Abenden und stocherte eine solche Maschine zusammen, hingerissen von der Idee der Drahtlosigkeit, anbetend auf frommen Knien vor dem Gott der Technik, welcher es fertiggebracht hat, nach Jahrtausenden Dinge zu entdecken und höchst unvollkommen darzustellen, welche jeder Denker schon immer gewußt und klüger benutzt hat. Wir sprachen darüber, denn die Tante neigt ein klein wenig zur Frömmigkeit, und religiöse Gespräche sind ihr nicht unlieb. Ich sagte ihr, die Allgegenwart aller Kräfte und Taten sei den alten Indern sehr wohl bekannt gewesen und die Technik habe lediglich ein kleines Stück dieser Tatsache dadurch ins allgemeine Bewußtsein gebracht, daß sie dafür, nämlich für die Tonwellen, einen vorerst noch grauenhaft unvollkommenen Empfänger und Sender konstruiert habe. Die Hauptsache jener alten Erkenntnis, die Unwirklichkeit der Zeit, sei bisher von der Technik noch nicht bemerkt worden, schließlich werde aber natürlich auch sie „entdeckt“ werden und den geschäftigen Ingenieuren in die Finger geraten. Man werde, vielleicht schon sehr bald, entdecken, daß nicht nur gegenwärtige, augenblickliche Bilder und Geschehnisse uns beständig umfluten, so, wie die Musik aus Paris und Berlin jetzt in Frankfurt oder Zürich hörbar gemacht wird, sondern daß alles je Geschehene ganz ebenso registriert und vorhanden sei und daß wir wohl eines Tages, mit oder ohne Draht, mit oder ohne störende Nebengeräusche, den König Salomo und den Walther von der Vogelweide werden sprechen hören. Und daß dies alles, ebenso wie heute die Anfänge des Radios, den Menschen nur dazu dienen werde, von sich und ihrem Ziele weg zu fliehen und sich mit einem immer dichteren Netz von Zerstreuung und nutzlosem Beschäftigtsein zu umgeben. Aber ich sagte alle diese mir geläufigen Dinge nicht mit dem gewohnten Ton von Erbitterung und Hohn gegen die Zeit und gegen die Technik, sondern scherzhaft und spielend, und die Tante lächelte, und wir saßen wohl eine Stunde beisammen, tranken Tee und waren zufrieden.

Auf Dienstag abend hatte ich das schöne, merkwürdige Mädchen aus dem Schwarzen Adler eingeladen, und die Zeit bis dahin herumzubringen, machte mir nicht wenig Mühe. Und als endlich der Dienstag gekommen war, war mir die Wichtigkeit meiner Beziehung zu dem unbekannten Mädchen bis zum Erschrecken klar geworden. Ich dachte nur an sie, ich erwartete alles von ihr, ich war bereit, ihr alles zu opfern und zu Füßen zu legen, ohne doch im mindesten in sie verliebt zu sein. Ich brauchte mir nur vorzustellen, sie würde unsere Verabredung brechen oder vergessen können, dann sah ich deutlich, wie es mit mir stand; dann wäre die Welt wieder leer, wäre ein Tag so grau und wertlos wie der andre, wäre um mich her wieder die ganze grauenvolle Stille und Erstorbenheit gewesen und kein Ausgang aus dieser schweigsamen Hölle als das Rasiermesser. Und das Rasiermesser war mir in diesen paar Tagen um nichts lieber geworden, es hatte nichts von seinen Schrecken verloren. Dies eben war ja das Häßliche: ich hatte eine tiefe, herzerdrückende Angst vor dem Schnitt durch meine Kehle, ich fürchtete mich vor dem Sterben mit ebenso wilder, zäher, sich wehrender und bäumender Kraft, als wenn ich der gesundeste Mensch und mein Leben ein Paradies gewesen wäre. Ich erkannte meinen Zustand mit voller, rücksichtsloser Deutlichkeit und erkannte, daß die unerträgliche Spannung zwischen Nichtlebenkönnen und Nichtsterbenkönnen es war, die mir die Unbekannte, die kleine hübsche Tänzerin aus dem Schwarzen Adler, so wichtig machte. Sie war das kleine Fensterchen, das winzige lichte Loch in meiner finstern Angsthöhle. Sie war die Erlösung, der Weg ins Freie. Sie mußte mich leben lehren oder sterben lehren, sie mit ihrer festen und hübschen Hand mußte mein erstarrtes Herz antasten, damit es unter der Berührung des Lebens entweder aufblühe oder in Asche zerfalle. Woher sie diese Kräfte nahm, woher die Magie ihr kam, aus welchen geheimnisvollen Gründen ihr diese tiefe Bedeutung für mich erwachsen war, darüber konnte ich nicht nachdenken, es war auch einerlei; mir lag nichts daran, dies zu wissen. An keinem Wissen, an keiner Einsicht war mir mehr das mindeste gelegen, eben damit war ich ja überfüttert, eben darin lag die schärfste und höhnendste Qual und Schmach für mich, daß ich meinen eigenen Zustand so deutlich sah, seiner so sehr bewußt war. Ich sah diesen Kerl, dieses Vieh von Steppenwolf vor mir wie eine Fliege im Netz und sah zu, wie sein Schicksal der Entscheidung zutrieb, wie er verstrickt und wehrlos im Netze hing, wie die Spinne zum Zubeißen bereit war, wie eine rettende Hand ebenso nahe schien. Ich hätte über die Zusammenhänge und Ursachen meines Leidens, meiner Seelenkrankheit, meiner Verhextheit und Neurose die klügsten und einsichtsvollsten Sachen sagen können, die Mechanik war mir durchsichtig. Aber nicht Wissen und Verstehen war es, was mir not tat, wonach ich mich so verzweifelt sehnte, sondern Erleben, Entscheidung, Stoß und Sprung.

Obwohl ich in jenen paar Tagen des Wartens niemals daran zweifelte, daß meine Freundin ihr Wort halten werde, war ich am letzten Tage doch sehr erregt und ungewiß; nie im Leben habe ich ungeduldiger auf den Abend eines Tages gewartet. Und während die Spannung und Ungeduld mir beinahe unerträglich wurde, tat sie zugleich doch wunderbar wohl: unausdenklich schön und neu war es für mich, den Ernüchterten, der seit langer Zeit auf nichts gewartet, sich auf nichts gefreut hatte – wunderbar war es, diesen ganzen Tag voll Unruhe, Bangigkeit und heftiger Erwartung hin und her zu rennen, sich die Begegnung, die Gespräche, die Ergebnisse des Abends im voraus auszudenken, sich dafür zu rasieren und anzukleiden (mit besonderer Sorgfalt, neuem Hemd, neuer Krawatte, neuen Schuhnesteln). Mochte dies kluge und geheimnisvolle kleine Mädchen sein, wer sie wollte, mochte sie auf diese oder auf jene Weise in diese Beziehung zu mir geraten sein, mir war es einerlei; sie war da, das Wunder war geschehen, daß ich nochmals einen Menschen und ein neues Interesse am Leben gefunden hatte! Wichtig war nur, daß dies weiterging, daß ich mich dieser Anziehung überließ, diesem Stern folgte.

Unvergeßlicher Augenblick, als ich sie wiedersah! Ich saß an einem kleinen Tisch des alten behaglichen Restaurants, den ich unnötigerweise vorher telephonisch bestellt hatte, studierte die Speisekarte und hatte im Wasserglase zwei schöne Orchideen stehen, die ich für meine Freundin gekauft hatte. Ich mußte eine ganze Weile auf sie warten, fühlte mich aber ihres Kommens sicher und war nicht mehr erregt. Und nun kam sie, blieb vor der Garderobe stehen und grüßte mich nur durch einen aufmerksamen, etwas prüfenden Blick aus ihren hellgrauen Augen. Mißtrauisch kontrollierte ich, wie sich der Kellner gegen sie benehme. Nein, Gott sei Dank, keine Vertraulichkeit, kein Mangel an Distanz, er war tadellos höflich. Und doch kannten sie sich, sie nannte ihn Emil.

Als ich ihr die Orchideen gab, war sie erfreut und lachte. „Das ist hübsch von dir, Harry. Du wolltest mir ein Geschenk machen, nicht wahr, und wußtest nicht recht, was wählen, du wußtest nicht so ganz, wieweit du eigentlich berechtigt seiest, mich zu beschenken, ob ich nicht beleidigt sein werde, und da hast du denn Orchideen gekauft, das sind bloß Blumen und sind doch hübsch teuer. Also danke schön. Übrigens will ich dir gleich sagen: ich will nicht von dir beschenkt werden. Ich lebe von den Männern, aber von dir will ich nicht leben. Aber wie du dich verändert hast! Man kennt dich nicht wieder. Neulich hast du ausgesehen, als hätte man dich grade vom Strick abgeschnitten, und jetzt bist du schon beinah wieder ein Mensch. Hast du übrigens meinen Befehl ausgeführt?“

„Welchen Befehl?“

„So vergeßlich? Ich meine, ob du jetzt Foxtrott tanzen kannst? Du hast mir gesagt, daß du dir nichts Besseres wünschest, als Befehle von mir zu erhalten, dir sei nichts lieber, als mir zu gehorchen. Erinnerst du dich?“

„O ja, und dabei soll es bleiben! Es war mir Ernst.“

„Und doch hast du noch nicht tanzen gelernt?“

„Kann man denn das so schnell, bloß in ein paar Tagen?“

„Natürlich. Fox kannst du in einer Stunde lernen, Boston in zwei. Tango geht länger, aber den brauchst du gar nicht.“

„Aber jetzt muß ich endlich deinen Namen wissen!“

Sie blickte mich eine Weile schweigend an.

„Du kannst ihn vielleicht erraten. Es wäre mir sehr lieb, wenn du ihn erraten würdest. Paß einmal auf und sieh mich gut an! Ist dir noch nicht aufgefallen, daß ich manchmal ein Knabengesicht habe? Zum Beispiel jetzt?“

Ja, indem ich jetzt ihr Gesicht genau betrachtete, mußte ich ihr recht geben, es war ein Knabengesicht. Und als ich mir eine Minute Zeit ließ, begann das Gesicht zu mir zu sprechen und erinnerte mich an meine eigene Knabenzeit und an meinen damaligen Freund, der hatte Hermann geheißen. Einen Augenblick schien sie ganz in diesen Hermann verwandelt.

„Wenn du ein Knabe wärst,“ sagte ich staunend, „müßtest du Hermann heißen.“

„Wer weiß, vielleicht bin ich einer und bin bloß verkleidet“, sagte sie spielerisch.

„Heißt du Hermine?“

Sie nickte strahlend, froh über mein Erraten. Eben kam die Suppe, wir begannen zu essen, und sie wurde kindlich vergnügt. Von allem, was mir an ihr gefiel und mich bezauberte, war dies das hübscheste und eigenartigste, daß sie ganz plötzlich vom tiefsten Ernst zur drolligsten Lustigkeit übergehen konnte und umgekehrt und sich dabei gar nicht änderte und verzerrte, es war wie bei einem begabten Kinde. Jetzt war sie eine Weile lustig, neckte mich mit dem Foxtrott, stieß mich sogar mit den Füßen an, lobte das Essen mit Eifer, bemerkte, daß ich mir mit dem Anziehen Mühe gegeben habe, hatte aber noch eine Menge an meinem Äußeren auszusetzen.

Zwischenein fragte ich sie: „Wie hast du das gemacht, daß du plötzlich wie ein Knabe aussahest und daß ich deinen Namen erraten konnte?“

„Oh, das hast alles du selber gemacht. Begreifst du das nicht, du gelehrter Herr: daß ich dir darum gefalle und für dich wichtig bin, weil ich wie eine Art Spiegel für dich bin, weil in mir innen etwas ist, was dir Antwort gibt und dich versteht? Eigentlich sollten alle Menschen füreinander solche Spiegel sein und einander so antworten und entsprechen, aber solche Käuze wie du sind eben wunderlich und verlaufen sich leicht in eine Verzauberung, daß sie in den Augen andrer Menschen nichts mehr sehen und lesen können, daß es sie nichts mehr angeht. Und wenn dann so ein Kauz plötzlich doch wieder ein Gesicht findet, das ihn wirklich anschaut, in dem er etwas wie Antwort und Verwandtschaft spürt, ja, dann hat er natürlich eine Freude.“

„Du weißt alles, Hermine“, rief ich erstaunt. „Es ist genau so, wie du sagst. Und doch bist du so ganz und gar anders als ich! Du bist ja mein Gegenteil; du hast alles, was mir fehlt.“

„So kommt es dir vor,“ sagte sie lakonisch, „und das ist gut.“

Und jetzt floß über ihr Gesicht, das mir in der Tat wie ein Zauberspiegel war, eine schwere Wolke von Ernst, plötzlich sprach dies ganze Gesicht nur noch Ernst, nur noch Tragik, bodenlos wie aus den leeren Augen einer Maske. Langsam, Wort für Wort wie widerwillig hergebend, sagte sie:

„Du, vergiß nicht, was du zu mir gesagt hast! Du hast gesagt, ich solle dir befehlen, und es würde dir eine Freude sein, allen meinen Befehlen zu gehorchen. Vergiß das nicht! Du mußt wissen, kleiner Harry: so, wie es dir mit mir geht, daß mein Gesicht dir Antwort gibt, daß etwas in mir dir entgegenkommt und dir Vertrauen macht – ebenso geht es mir auch mit dir. Als ich dich neulich im Schwarzen Adler hereinkommen sah, so müd und abwesend und schon beinah nicht mehr auf dieser Welt, da spürte ich gleich: der wird mir gehorchen, der sehnt sich danach, daß ich ihm befehle! Und das werde ich auch tun, darum habe ich dich angesprochen, und darum sind wir Freunde geworden.“

Sie sprach so voll schweren Ernstes, so unter hohem Druck der Seele, daß ich nicht ganz mitkam und sie zu beruhigen und abzulenken suchte. Sie schüttelte das nur mit einem Zucken der Augenbrauen von sich, sah mich zwingend an und fuhr fort, mit ganz kalter Stimme: „Du mußt dein Wort halten, Kleiner, das sage ich dir, oder du sollst es bereuen. Du wirst viele Befehle von mir erhalten und wirst ihnen folgen, hübsche Befehle, angenehme Befehle, es wird dir eine Lust sein, ihnen zu gehorchen. Und zuletzt wirst du auch meinen letzten Befehl erfüllen, Harry.“

„Ich werde“, sagte ich halb willenlos. „Was wird dein letzter Befehl für mich sein?“ Ich ahnte ihn aber schon, Gott weiß warum.

Sie schüttelte sich wie unter einem leichten Frostschauer und schien aus ihrer Versunkenheit langsam zu erwachen. Ihre Augen ließen mich nicht los. Sie wurde plötzlich noch finsterer.

„Es wäre klug von mir, dir das nicht zu sagen. Ich will aber nicht klug sein, Harry, diesmal nicht. Ich will etwas ganz anderes. Paß auf, hör’ zu! Du wirst es hören, wirst es wieder vergessen, wirst darüber lachen, wirst darüber weinen. Paß auf, Kleiner! Ich will mit dir um Leben und Tod spielen, Brüderchen, und ich will dir meine Karten, noch eh wir anfangen zu spielen, offen zeigen.“

Wie schön war ihr Gesicht, wie überirdisch, als sie das sagte! In den Augen kühl und hell schwamm wissende Trauer, diese Augen schienen schon alles irgend erdenkliche Leid gelitten und ja dazu gesagt zu haben. Der Mund sprach schwer und wie behindert, etwa so, wie man spricht, wenn einem großer Frost das Gesicht erstarrt hat; aber zwischen den Lippen, in den Mundwinkeln, im Spiel der nur selten sichtbar werdenden Zungenspitze floß, im Widerspruch zu Blick und Stimme, lauter süße spielende Sinnlichkeit, inniges Lustverlangen. In die stille glatte Stirn hing eine kurze Locke herab, von dort aus, von dieser Stirnecke mit der Locke her, strömte von Zeit zu Zeit wie lebendiger Atem jene Welle von Knabenähnlichkeit, von hermaphrodisischer Magie. Angstvoll hörte ich ihr zu, und doch wie betäubt, wie nur halb anwesend.

„Du hast mich gern“, fuhr sie fort, „aus dem Grunde, den ich dir schon gesagt habe: ich habe deine Einsamkeit durchbrochen, ich habe dich gerade vor dem Tor der Hölle aufgefangen und wieder aufgeweckt. Aber ich will mehr von dir, viel mehr. Ich will dich in mich verliebt machen. Nein, widersprich mir nicht, laß mich reden! Du hast mich sehr gern, das spüre ich, und du bist mir dankbar, aber in mich verliebt bist du nicht. Ich will machen, daß du es wirst, das gehört zu meinem Beruf; ich lebe ja davon, daß ich Männer in mich verliebt machen kann. Aber paß gut auf, ich tue das nicht darum, weil ich gerade dich so entzückend fände. Ich bin nicht in dich verliebt, Harry, so wenig, wie du in mich. Aber ich brauche dich, wie du mich brauchst. Du brauchst mich jetzt, im Augenblick, weil du verzweifelt bist und einen Stoß nötig hast, der dich ins Wasser wirft und dich wieder lebendig macht. Du brauchst mich, um tanzen zu lernen, lachen zu lernen, leben zu lernen. Ich aber brauche dich, nicht heute, später, auch zu etwas sehr Wichtigem und Schönem. Ich werde dir, wenn du in mich verliebt sein wirst, meinen letzten Befehl geben, und du wirst gehorchen, und das wird für dich und mich gut sein.“

Sie hob eine von den braunvioletten, grüngeäderten Orchideen ein wenig im Glase, beugte ihr Gesicht einen Augenblick darüber und starrte die Blume an.

„Du wirst es nicht leicht haben, aber du wirst es tun. Du wirst meinen Befehl erfüllen _und wirst mich töten_. Das ist es. Frage nicht mehr!“

Mit dem Blick noch bei der Orchidee, verstummte sie, ihr Gesicht entspannte sich, wie eine aufgehende Blumenknospe entrollte es sich aus Druck und Spannung, und plötzlich stand ein entzückendes Lächeln auf ihren Lippen, während die Augen noch einen Augenblick starr und gebannt blieben. Und jetzt schüttelte sie den Kopf mit der kleinen Bubenlocke, trank einen Schluck Wasser, sah plötzlich wieder, daß wir am Essen waren und fiel mit freudigem Appetit über die Speisen her.

Ich hatte Wort für Wort ihrer unheimlichen Rede deutlich gehört, hatte sogar ihren „letzten Befehl“ erraten, noch ehe sie ihn aussprach, und war über das „Du wirst mich töten“ nicht mehr erschrocken. Alles, was sie sagte, klang mir überzeugend und schicksalhaft, ich nahm es an und wehrte mich nicht dagegen, und doch war alles, trotz dem grauenhaften Ernst, mit dem sie gesprochen hatte, für mich ohne volle Wirklichkeit und Ernsthaftigkeit. Ein Teil meiner Seele sog ihre Worte auf und glaubte ihnen, ein andrer Teil meiner Seele nickte begütigend und nahm zur Kenntnis, daß also doch auch diese so kluge, gesunde und sichere Hermine ihre Phantasien und Dämmerzustände habe. Kaum war ihr letztes Wort gesprochen, so überzog eine Schicht von Unwirklichkeit und Unwirksamkeit die ganze Szene.

Immerhin konnte ich nicht mit derselben seiltänzerischen Leichtigkeit wie Hermine den Sprung ins Wahrscheinliche und Wirkliche zurück tun.

„Also ich werde dich einmal töten?“ fragte ich, leise nachträumend, während sie schon wieder lachte und voll Eifer ihr Geflügel zerschnitt.

„Natürlich,“ nickte sie obenhin, „genug davon, es ist Essenszeit. Harry, sei nett und bestelle mir noch ein wenig grünen Salat! Hast du denn keinen Appetit? Ich glaube, du mußt alles erst lernen, was sich bei andern Menschen von selber versteht, sogar die Freude am Essen. Also sieh, Kleiner, dies hier ist ein Entenbeinchen, und wenn man das helle hübsche Fleisch vom Knochen löst, dann ist das ein Fest, und es muß einem dabei gerade so appetitlich und spannend und dankbar ums Herz sein, wie einem Verliebten, wenn er seinem Mädchen zum erstenmal aus der Jacke hilft. Hast du verstanden? Nicht? Du bist ein Schaf. Paß auf, ich gebe dir ein Stück von diesem schönen Entenbeinchen, du wirst sehen. So, mach’ den Mund auf! – Oh, was für ein Scheusal du bist! Jetzt hat er, weiß Gott, zu den andern Leuten hinübergeschielt, ob sie es nicht sehen, wenn er einen Bissen von meiner Gabel kriegt! Sei ohne Sorge, du verlorener Sohn, ich werde dir keine Schande machen. Aber wenn du zu deinem Vergnügen erst die Erlaubnis anderer Leute brauchst, dann bist du wirklich ein armer Tropf.“