Part 1
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Anmerkungen zur Transkription.
Das Original ist in Fraktur gesetzt. Die Schreibweise und Interpunktion des Originaltextes wurden übernommen; offensichtliche Druckfehler sind stillschweigend korrigiert worden.
Wörter in Antiqua sind so +gekennzeichnet+; gesperrte so: ~gesperrt~
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[Illustration]
Volksbücher der Deutschen Dichter-Gedächtnis-Stiftung Heft 19
Peter Rosegger: Der Adlerwirt von Kirchbrunn
Hamburg-Großborstel Verlag der Deutschen Dichter-Gedächtnis-Stiftung 1908
11.-20. Tausend
[Illustration]
Inhalt.
Seite
Einleitung von Wilhelm Lottig 3-4
~Peter Rosegger~: Der Adlerwirt von Kirchbrunn 7-139
[Illustration]
Für die Abdruckserlaubnis dieser Novelle schulden wir dem Herrn Verfasser und der Verlagsbuchhandlung L. Staackmann in Leipzig Dank. Die Novelle ist dem Bande »Hoch vom Dachstein« von Peter Rosegger entnommen.
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Ein Bild Peter Roseggers ist hinter Seite 4 eingeheftet.
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~Peter Rosegger~[1], geboren den 31. Juli 1843, war also vor 50, 60 Jahren noch das nichtige Waldbauernpeterl in der weltab liegenden kleinen steirischen Dorfgemeinde Alpel bei Krieglach, danach vom 17. bis übers 20. Lebensjahr hinaus Lehrbub und Gesell beim Bauernschneider zu Kathrein am Hauenstein. Heut ist er unser bester Volksschriftsteller, einer, der sich selbst die Aufgabe stellen durfte: Ich will mitarbeiten an der sittlichen Klärung unserer Zeit. So seltsam solche Entwicklung scheint, so folgerichtig ist sie doch. Die Landschaftsbilder, die unbewußt schon das helle Kindesauge aufsog, die Menschen und die Menschenschicksale, die der Wachsende, in mehr als 60 Bauernhäusern schneidernd, regen Sinnes mit erlebte, sie sind der Grundstock des reichen Vermögens, das der »Waldpoet« so köstlich verwaltete. 21jährig wagte er, halb gedrängt vom übermächtigen inneren Emporquellen, halb gezogen von helfend sich entgegenstreckenden Händen, den Sprung vom Naturdasein als bäuerlicher Handwerker hinüber ins Weltleben des Kulturmenschen. Die schwierige Verpflanzung gelang nach harten Übergangswehen; aber der Riß in der Entwicklung vernarbte nur, weil und soweit die abgerissenen Wurzelfäden den Weg zurück fanden zu dem Nährboden ihrer Kraft. Sie gruben ihn mit Urgewalt; ein schier krankhaftes Heimweh zwang den körperlich auf Reisen oder stofflich in seinem Schaffen sich von seiner »Waldheimat« Entfernenden immer wieder in ihre Mutterarme zurück. Rosegger wohnt jetzt abwechselnd in Graz und auf dem bescheidenen Sommersitz, den er sich, zunächst dem Ursprung seines Werdens und Wesens, in Krieglach gegründet. Aus allen seinen Werken, von dem 1869 erschienenen ersten Büchelchen an die lange Reihe von Bänden hindurch, die sein unermüdlicher Fleiß, sein unerschöpflicher Gestaltungsdrang uns gegeben haben, quillt dieselbe Urwüchsigkeit, dieselbe gottgegebene Frische des Gemüts im Ernst und im »Hamur«, dieselbe Kraft und Tiefe der Erfassung, die schon den Waldbauernbuben schmerzhaft und glückhaft über seine Umwelt hinaushob. »Der ewige Waldbauernbub«, in dies Wort schließt Rosegger einmal selbst seine ganze Entwicklung ein; seine Dichtergröße aber ist, wie durch seine Augen gesehen ein kleines Einzelschicksal wächst und sich verklärt zu einem uns im Innersten ergreifenden und reinigenden Abbild großen Menschheitsringens und Gottheitssiegens. Wer die in diesem Bändchen abgedruckte Novelle mit so gerichteten Gedanken liest, der wird selbst etwas von der schmerzhaften und doch glückhaften Erschütterungsfähigkeit spüren, deren Vollbesitz den Waldbauernbuben zum Dichter krönte.
Hamburg, im Juli 1907. W. Lottig.
[1] Die Deutsche Dichter-Gedächtnis-Stiftung druckte schon im 3. Bande ihrer »Hausbücherei« zwei kleine Humoresken Roseggers: »Als ich das erste Mal auf dem Dampfwagen saß« und »Wie wir die Gürtelsprenge haben gehalten«.]
[Illustration: _Peter Rosegger_]
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Peter Rosegger:
Der Adlerwirt von Kirchbrunn.
[Illustration]
Der Adlerwirt von Kirchbrunn.
Eine Dorfgeschichte.
1. Abschnitt.
»Also vorwärts!« rief das Männlein und sprang flink in den Wagen. »Wolfram, komm an meine grüne Seite, du hast ganz nett Platz neben dem alten Knaben! Wir wollen ja schwatzen unterwegs!«
Demnach setzte sich der junge Kutscher nicht auf den Bock, sondern schickte sich an, vom bequemen Sitze des Landauers aus die Pferde zu leiten. Es waren zwei muntere Braune, deren glatte Haut einen feinen Seidenglanz hatte, als ob sie wie das Riemzeug gewichst worden wäre.
Der Kutscher war Wolfram Seltensteiner, der junge Wirt vom »Schwarzen Adler« zu Kirchbrunn. Ein froh und freundlich in die Welt blickender Blondkopf von etwa dreiundzwanzig Jahren. »Ein Gesicht, länglich-rund wie ein Taubenei, Augen hell und blau wie der Himmel im Mai, Nase schlank Und stramm, rote Oberlippe keck und zahm, der Mund so angetan, daß er gut lachen und küssen kann. Vom Scheitel bis zur Zehe hinab ein schlanker, hübscher, gesunder Knab'.«
»Junger Mann!« rief ihm der kleine Alte zu, »stelle ja nichts an! Wenn du durchgehst und ich erlasse auf dich den Steckbrief, so kommst du nicht weit, die Weiber fangen dich ein!«
Einen Schnalzer mit der Zunge machte der junge Mann, da trabten die Rößlein fürbaß.
»Behüt' Gott, Herr Professor! Kommen Sie fein wieder im nächsten Jahr!« So riefen jetzt die vor dem Wirtshause stehenden Leute. Männer schwenkten die Hüte, Weiber die Sacktücher.
Das ältliche Herrlein im Wagen streckte die offene Hand zurück nach den Leuten, als wollte er ihnen noch wie Körner die Worte hinstreuen, die er sprach: »Grüß Gott das letzte Mal und gebet acht, Kinder, daß ihr nicht weniger werdet, bis ich wiederum komm', und betet manchmal ein Vaterunser oder ein Schnaderhüpfel für den alten Professor Nix!«
Der Wagen rollte die glatte Straße davon und verschwand bald im tauenden Herbstnebel.
»Ist ein lieber Herr!« sagten jetzt die Zurückbleibenden untereinander, »ist ein lustiger Herr! Alleweil heiter! So pudelnärrisch und so gescheit dabei! Wer wird uns jetzt Geschichten erzählen, Liedeln lehren am Feierabend, Rätsel aufgeben, Zaubereien vormachen und guten Rat austeilen? Das ist ein lieber Schatz!«
»Er heißt Nix!« brummte einer der Umstehenden.
»Was sagst du! der Professor heißt Nix? Ich denk' wohl ein bissel mehr wie du! Gib acht, daß wir dir dein Lästermaul nicht mit einer Feigensalbe verkleben!«
»Nein, er heißt Nix!« lachte ein Junge.
»Nix heißt er!« lachten jetzt auch die übrigen.
»Wenn ich nur wüßte, woher er den dummen Namen hat!«
»Muß ein Spitzname sein, weil er allemal nix antwortet, wenn man ihn fragt, wer er ist, was er treibt, was er weiß, was er hat, was er will! Er ist nix und treibt nix und weiß nix und hat nix und will nix! Darauf haben sie ihn den Professor Nix geheißen.«
»Ist nicht wahr!« rief der Nagelschmied. »Seit Jahren kommt er auf die Sommerfrische nach Kirchbrunn, wir kennen ihn als braven Mann. Das ist etwas! Nachher geht er in der Gegend umher, Pflanzen sammeln, Bäume und Hunde zeichnen, traurige Leut' lustig machen. Das ist auch etwas. Er weiß zu erzählen von Himmel und Erden, von den Russen und Franzosen, auch wie die Eisenstiften gemacht werden, weiß er, und wie er zu mir einmal in die Werkstatt kommt, nimmt er mir das Zeug aus der Hand und macht den Eggnagel fertig, daß es nur so eine Form hat. Das ist schon was, meine lieben Leut'. Wer ein Handwerk kann! Handwerk ist besser wie Kopfwerk! Nur fürs Nixhaben und Nixwollen mag sein Name passen, ich hab' mir oft gedacht: der lebt von der Luft und vom Wasser und vom Lustigsein.«
»Er hat gegessen und getrunken und seine Sach' bezahlt!« berichtete der alte Adlerwirt, der in Hemdärmeln und unter dem grünen Sammetkäppchen am Pferdetrog stand und mit dem kurzen Worte die Ehre seines Hauses und seines Gastes rettete.
Der Wagen fuhr mittlerweile hinaus über Wiesen und Fluren, durch Dörfer und Wälder, dem Bahnhofe in Geßnitz zu.
»Wolfram!« sagte der kleine hagere Mann, den sie den Professor Nix geheißen hatten, »warum rauchst du heut' keine Zigarre?«
»Weil ich keine habe,« antwortete der Bursche und zog den Leitriemen an.
»Was ist denn das?« fragte der Professor und tippte an Wolframs Brusttasche, aus welcher ihrer drei oder vier Glimmstengelspitzen hervorguckten.
»Das da?« fragte der Bursche schmunzelnd entgegen, »das sind Zigarren.«
»Knabe, du glaubst, daß mir der Rauch unangenehm sei!«
»Wer selber nicht raucht --«
»Ich will dich nicht zwingen. Weiß nur, daß man den Mund nicht gern leer stehen läßt. Wir Alten schwatzen, Ihr Jungen wollet busseln oder rauchen. Zum Busseln wirst keine im Sack haben. Also steck' etwas anderes in Brand!«
Lächelnd zündete Wolfram sich eine an.
Als sie aus dem Gebirgstal in die Fläche herausgekommen waren und am Dorfe Schwambach vorüberfuhren, kehrten im dortigen Wirtshause, denn es war Sonntag, gerade vier Musikanten ein: ein Trompeter, ein Klarinetter, ein Geiger und ein Baßgeiger.
»Was denkest du darüber?« fragte Professor Nix seinen Kutscher.
»Bis ich zurückfahre, wird's schon umgehen,« antwortete dieser. »Der Schwambacher gibt einen Freiball.«
»Du, da gib nur acht, daß dir die Pferde nicht scheuen auf der Rückfahrt! Ein paar feurige Tiere, die du hast!« so neckte das magere Männlein.
Auf der Hochebene, über die sie nachher wieder dahintrabten, kamen sie in einen Eichenwald, an welchem bereits die Blätter gilbten. Manchmal wehte ein goldig leuchtendes Blatt nieder auf die weiße Straße, und der Wald war so still und feierlich, daß es dem Professor wie ein Seufzer aus der Brust kam: »Ja, der Herbst!«
Jetzt sahen sie neben der Straße im Laubwerk und Schlinggewächse zwei Mädchen. Junge, erwachsene Mädchen, das eine in putziger Bauerntracht, das andere bürgerlich angetan; das eine mit einem roten Tuch über dem Haupt, das andere mit einem schwarzen Hütchen. Die unter dem Tuche hatte ein lachendes Rundgesichtlein, die unter dem Hute war blaß und ernsthaft und hatte schwarze Augen.
»Was wollen denn die?« fragte der Professor den jungen Kutscher.
»Sie haben Körblein bei sich. Wahrscheinlich Brombeeren pflücken.«
»Wollt' ein Madel früh aufstehn, Wollt' Brombeer brocken gehn« --
trillerte der Alte. »Kennst du das?«
»Ja, man singt so,« antwortete Wolfram.
»Wenn du der Jägerssohn wärest,« neckte der Alte weiter, »mit welcher von den zweien wolltest du Brombeer brocken?«
»Weiß 's nit,« sagte der Bursche.
»Na, dann ist es mit dir noch nicht gefährlich!« lachte der Professor, dem Burschen auf die Achsel klopfend.
»Just übel wär' keine -- von den zweien,« sagte der Wolfram.
»Na, dann ist es gefährlich,« setzte jener bei. Sein frisches Gesichtlein unter dem grauenden Haar war plötzlich ernsthaft. Und die Mädchen waren ihren Augen entschwunden.
Als der Wagen wieder aus dem Walde kam, sah man in der Ferne die zwei weißen Türme von Geßnitz. Sie leuchteten nur schwach durch die nebelgraue Luft. Hinter dem stattlichen Marktflecken die Berglehne konnte man nicht mehr erkennen. Und gerade dorthin hatte Wolfram sein Auge gerichtet.
»Siehst du den Salmhof?« fragte ihn der Professor.
»Man sieht nichts,« antwortete der Bursche.
»Liegt sie dir im Sinn?« fragte der Professor.
»Aber ich kenne sie ja gar nicht,« entgegnete Wolfram. »Das ist wieder nur so von meinem Vater etwas. Weil sie Geld hätte, meint er. Ich denke, es muß nicht alles Geschäft sein, was der Mensch tut.«
»Brav bist, mein Sohn!« sagte der Professor, »für Geld heiratest keine. Aber ganz verachten mußt auch das Geld nicht, wenn sie zufällig eins hat. Geld ist Mist, aber Mist ist Dung, und Geld ist der Dung des ehelichen Glückes.«
»Die Salmhoferische wäre mir auch viel zu fürnehm,« bemerkte der Bursche, »die will höher fliegen als auf ein Wirtshaus, sagen sie. Körbe kann ich auch in Kirchbrunn haben, da brauch ich d'rum nicht gar bis Geßnitz zu gehen.«
»Junge!« rief der Alte und hieb ihm die Hand auf den Rücken, »du bist nur zu wenig keck! Ein Kerl, wie du bist, verlegt sich nicht auf Korbhandel. Aber auch nicht dreinpatschen! Keck und klug!«
Der Wolfram schwieg. Über die Hochebene her strich ein kühler Wind, der brachte Regenschauer.
»Ist schon gut,« rief der Professor ins Weite hinaus; »Herrgott, ich sehe deinen guten Willen, mir den Abschied von der Sommerfrische so leicht als möglich zu machen. Hast du nichts dagegen, Wolfram, so machen wir den Wagen zu!«
Das war bald geschehen, aber dann saß der Kutscher auf dem Bock und der alte Herr in dem finsteren Lederkotter. An das hatte er nicht gedacht. Nach einer Weile klärte sich der Himmel wieder, und da waren sie auch schon in Geßnitz auf dem Bahnhof. Professor Nix sprang rüstig aus dem Wagen. »Wolfram, mein Sohn!« sagte er noch, »geweint und gelacht wird nicht. Höre auf zum Wachsen, bleibe munter und mach' keine Dummheit. So Gott will, im nächsten Sommer komme ich wieder!«
Damit sprang er auf das Trittbrett, denn es läutete das dritte Mal, und der Sommerfrischler dampfte ab in die große Stadt.
Wolfram schaute dem Zuge nach und dachte: Der gute Professor Nix! Seinen bluteigenen Oheim kann man nicht lieber haben. Die elf Jahre kommt er schon nach Kirchbrunn und ist immer der gleiche. Wenn er lacht, ein Kind, wenn er schwärmt, ein Jüngling, und wenn er guten Rat gibt, ein Greis. Wenn man nur eigentlich wüßte, wie alt! Die Leute tragen ihn auf den Händen, das deutet auf ein Kind hin. -- Und jetzt, Fuchsen, heimwärts nach Kirchbrunn.
Der Bursche war seit fünf Minuten anders geworden. Früher der fast befangene, wortkarge, dienstwillige Dorfwirt, der sein Verhältnis fühlt dem vornehmen Gaste gegenüber; jetzt der aufgeweckte, keck dareinschauende Hausbesitzerssohn von Kirchbrunn, sein eigener Diener und Herr, Kutscher und Kavalier zugleich auf dem Wagen. Nachdem er im Posthause etliche Briefe abgegeben, ein Kistchen mit Likören in Empfang genommen und auf dem Kutschbocke noch ein paar Gläser Bier ausgetrunken hatte, ließ er seine Zunge schnalzen, das ersetzte bei den klugen Rößlein stets die Peitsche, und ließ heimwärts traben.
Bei einer Straßenbiegung sah er vor sich an der Berglehne einen stattlichen Bauernhof liegen; der nahm sich fast schloßartig aus, hatte sogar ein Türmchen, auf dem eben Mittag geläutet wurde. Es war, als ob die Glocke zur Straße herabriefe: Komm, komm! Komm, komm! -- Allein der Wirtssohn aus Kirchbrunn fuhr stolz vorüber. -- Oh, zu ~der~ hätte ich weit! dachte der Wolfram. Wenn ich jetzt zur Haustochter im Salmhof hinauf wollte, um zu freien, da müßt' ich erst wissen, ob sie mich gern hat. Und ihr Gernhaben möchte mich nur freuen, wenn ich in sie verliebt wäre. Und verliebt in sie könnte ich nur sein, wenn ich mit ihr bekannt wäre, und das ist wieder nur möglich, wenn man sie einmal gesehen hat. -- Ich weiß gar nichts von ihr, als daß mein Vater sagt, das wäre eine Frau für den »Schwarzen Adler« zu Kirchbrunn. Gott, bis sich so ein langer Faden abwickelt! Und am Ende wär' nachher ein Scheusal im Knäuel. Hübsche Dirndln haben kein Geld. Reiche sind oft nicht recht sauber. -- Hia, Füchseln! Heim zu geht's! --
Der Himmel hatte sich fast aufgeheitert, es ward ein sommerlich warmer Mittag. Als der Wagen in den Eichenwald kam, leckerte es die Pferde nach grünem Kraute, das am Wege wuchs, und sie nahmen im Vorbeigehen manche Schnauze mit sich.
»Wenn es euch so sehr nach Preiselbeerkraut und Enzianen gelüstet,« sagte der Wolfram, »ich fände zwar nichts Gutes dran, aber es sei euch wohl vergunnt. Spannen wir ein bißchen aus.«
Er ließ den Wagen ein wenig von der Straße seitwärts auf ein grünes Angerlein ziehen, löste die Pferde los und hieß sie sich frei ergehen zwischen den Bäumen. Er selbst schlenderte auch so dahin, und da es gar warm und wohlig geworden war und die Pferde eine prächtige Grasbank gefunden hatten, so streckte er sich aufs Moos. Ein Stündel Rast kann nicht schaden. Heute ist ja doch alles beim Schwambachwirt, und in Kirchbrunn nichts los. Da kommt man noch früh genug heim. -- Die Arme unter dem Haupte, so lag er auf dem Rücken schlank ausgestreckt und schaute in die hohen Baumkronen auf. -- Warum im Herbst die Vögel nicht singen wollen! dachte er, kein einziger! Ist es denn gar so schlimm? Ich merke keinen Unterschied zwischen Frühjahr und Herbst ...
Fast ein wenig geschlafen mußte er haben. Regentropfen weckten ihn auf. -- Ja, Knabe, es ist doch ein Unterschied zwischen Frühjahr und Herbst. -- Eilig stand er auf, die Pferde waren nicht weit, er führte sie über das weiche Moos hin gegen den Wagen. Jetzt erlebte Wolfram eine Neuigkeit. In seinem Wagen hatten sich fremde Wesen eingeheimt. Er hörte schon von weitem kichern und lachen. Die zwei Brombeermädchen waren vom Sprühregen unter dieses Dach gejagt worden, und der Fürwitz der einen hatte alsogleich Besitz ergriffen von dem herrenlosen Wagen, der so mutterseelenallein unter den Bäumen stand. Der Schlag zu beiden Seiten geschlossen und zugefenstert, so hockten sie nun darinnen auf dem Lederpolster und waren just daran, in diesem feinen Gelasse ihr mitgebrachtes Mittagsmahl zu verzehren. Brot und Käse hatten sie, das schnitten sie auf dem Schoße säuberlich in Stückchen, naschten auch von den gesammelten Brombeeren dazu. Die eine mit dem blassen Gesichtchen war ernsthaft, die andere mit den blühenden Wangen und dem roten Kopftuche darüber war voller Schalkheiten.
»Hui sauer!« kicherte diese; »da wär' mir schon ein Bussel lieber.«
»Das kannst auch haben, Frieda,« sagte die andere und tat, als wollte sie einen Kuß hergeben.
»Geh, geh, Haustochter Kundel!« wehrte die Frieda ab, »da müßtest erst einen Schnurrbart haben!«
»Ach so!« antwortete die andere. »Wie kommst du mir denn vor, Jungdirn?«
Da trillerte Frieda:
»Busserlgebn, busserlgebn, Das is nit Sünd, Hat mir's schon d' Muater glernt Als a kloans Kind!«
»Ich kann da nicht mitreden,« gestand die mit dem Hütchen.
»Mich ärgert 's nur,« warf die Frieda ein, »da reden und singen sie immer davon, daß einem ordentlich der Mund wässerig wird, und wann's Ernst werden will, ist's verboten. Und das ist auch dumm: heimlich möcht' man's probieren, und kommt einer, schwupps hat er eine auf der Wange!«
»Wer wird denn so leckerig sein!« sagte die Kundel, »das sind lauter Dummheiten.«
»Weißt, von wem ich ein Bussel möcht'?« gab das frische Rundgesichtel zu raten, denn es schien, als wollte sie einlenken.
»Wahrscheinlich von einem schönen Junggesellen,« antwortete die Kundel.
»Von einem Mannsbild nit!« versicherte die andere. »Von einem Mannsbild möcht' 's mir grausen. Weißt du: ein Kindel, wenn ich hätt', von dem möcht' ich ein Bussel.«
In demselben Augenblick machte der Wagen einen Ruck und rollte davon.
Einen grellen Schreckruf hatten die beiden Mädchen ausgestoßen und dann ein Jammergeschrei erhoben. Das nützte nichts und schadete nichts, die Rößlein trabten flink die Straße entlang, der Wolfram auf dem Bocke schnalzte tapfer mit der Zunge, und so rollte es dahin wie der Wind, die Richtung gegen Kirchbrunn. Der Wolfram hörte das Gekreische und Hilfegeschrei in der Kutsche, er schmunzelte bei sich: »Das ist kein schlechter Spaß, ich entführe sie zum Freiball nach Schwambach. Zwei fremde Brombeerbrockerinnen, denen die Brombeeren nicht süß genug sind. Na, wartet!«
Als die gefangenen Dirndeln merkten, daß ihr Geschrei nichts richtete und das Hinausspringen zum Wagenschlag gefährlich sei, wurden sie mäuschenstill und berieten unter sich.
»Zwei Rösser sind angespannt und auf dem Bock ein Mannsbild!« flüsterte die Kundel. »Frieda, was wird mit uns geschehen?«
»Haustochter, wir kommen ins Afrika und werden als Sklaven verkauft,« antwortete die in dem roten Tuche mit einer Ernsthaftigkeit, in der man den Schalk kaum herausmerkte.
»Ich spring' aus!« rief die Kundel.
»Dann bist hin!« antwortete die Frieda. »Ich glaube, wir bleiben hübsch sitzen. Kommen wir durch eine Ortschaft, so schlagen wir Lärm.«
»Um keinen Streich!« versetzte die Kundel. »Die Schande! Eher laß ich mich entführen bis zum großen Wasser, dort springe ich hinein.«
Die Frieda hatte mittlerweile zum Fenster hinausgelauert und gefunden, daß der Mann auf dem Kutschbocke, soweit man von ihm etwas erblicken konnte, nicht allzu schrecklich aussehe. Ja, es wollte sie bedünken, als hätte sie diesen Menschen schon irgendwo gesehen, ohne Furcht vor ihm zu empfinden. Darüber waren die beiden nun ein bißchen getröstet.
Draußen regnete es, die Tropfen schlugen scharf ans Fenster, und schwere Nebel hatten sich niedergelegt über die Ebene, daß es schier dunkel ward. Und der Wagen rollte unablässig fort und in das Ungewisse hinein.
»Ach, mein junges Leben!« seufzte die Kundel. »O dieses unglückliche Brombeerbrocken.«
»So kommt es, wenn man am Sonntag die heilige Messe versäumt und im Walde umgeht,« sagte die Frieda lustig.
»Zwick' mich am Arm!« bat die Kundel.
»Du kommst mir wunderlich für, Haustochter. Warum soll ich dich jetzt am Arm zwicken?« fragte die Frieda.
»Damit ich wach werde. Drei Heuschöber verwett' ich, das ist nur ein Traum. Ich habe vor kurzer Zeit eine Rittergeschichte gelesen, wie der Raubritter Kuno das schöne Burgfräulein Adelgunde auf einem Rappen entführt hat. Das kommt mir jetzt im Schlafe vor. Ich bitte dich, so wecke mich doch auf!«
Frieda kicherte. »Wenn es bei mir auch ein Traum sollt' sein, dann sei so gut, wecke mich nicht auf,« sagte sie. »In einer so fürnehmen Kalesch' bin ich mein Lebtag noch nie gefahren und werd' auch gewiß nicht mehr die Gnad' haben. Jetzt laß ich mir's schmecken und denk' an nichts. Wenn er uns hinführt, so muß er uns auch zurückführen, jetzt kommt mir die Kurasch.«
»Frieda, du bist schrecklich leichtsinnig!« sagte die andere.
»Du bist nicht leichtsinnig und mußt auch mit.«
»Wenn ich glücklich davonkomme, so stifte ich eine Kapelle im Eichenwald,« beteuerte die Kundel.
»Und ich gehe hinein beten!« nahm die Frieda sich vor. »Jetzt wollen wir die gnädige Frau spielen und Brombeeren naschen.«
Die Brombeeren wären großenteils auf dem Kutschboden zu suchen gewesen, auf welchem sie zerstreut umherlagen.
»Sind die Rösser schwarz?« fragte die Kundel plötzlich.
»Fuchsbraun,« antwortete die Frieda.
»Gott sei Lob und Dank!« warf die Kundel hin.
»Warum?«
»'s kunnt auch der Teufel sein Spiel haben!«
»Ich weiß mich nicht schuldig. Bin eine arme Magd.«
»Schuldig weiß ich mich auch nicht,« sagte die Kundel, »wenn nicht etwa die fürwitzigen Träume was machen, manchmal. Dem Ritter Kuno traue ich um keinen Preis.«
»Ritter machen mir wieder nichts,« gestand die Frieda, »aber wenn gerade so ein sauberer Bauernknecht käm', da wollt' ich für nichts gutstehen.«
»Oder ein kernfester Holzknecht aus dem Siebenbachwald!« neckte die andere.
»Laß das gut sein, Haustochter, ich mag nichts hören von ihm,« so antwortete die Frieda.
Ähnliches sprachen sie halb im Ernst, halb im Scherz, halb in süßer Verwirrung. Der Jungmagd Frieda kam es possierlich vor, daß sie heute einmal mit der gleichen Elle wie die Haustochter gemessen wurde. Plötzlich hielt der Wagen. Ringsum standen, von düsteren nässelnden Nebeln halb verschleiert, Scheunen und Häuser, und aus einem solchen klang helle und grelle Tanzmusik.
»Du,« flüsterte die Frieda zur Genossin, »jetzt kenn' ich mich aus, wir sind in Schwambach.«
2. Abschnitt.
Der Wolfram öffnete den Wagenschlag. »Schöne Jungfrauen,« sagte er schmunzelnd, »da sind wir. Ich bin der Adlerwirt aus Kirchbrunn, ein durch und durch bösartiger Geselle, und lade euch zu einem Tanzel mit mir beim Schwambachwirt.«
Die mit dem roten Tuche wollte zeigen, daß sie sich durchaus nicht so leicht ins Bockshorn jagen lasse; sie machte daher, rasch aus dem Wagen steigend, einen Knix und sagte: »Wird uns eine große Ehr' sein! Aber nimm dich in acht, Adlerwirt, wir sind auch bösartig.«
»Nachher stimmt's,« versetzte der Wolfram, Roß und Wagen dem Hausknechte überlassend. Er nahm die eine gleich am rechten Arme, während die andere sich an seinen linken hielt. Diese schwieg, dachte aber bei sich: Ist er nett, so wird's fein, und sonst wird er gefoppt.
Also trat zum Erstaunen der Leute der Schwarze Adler von Kirchbrunn mit den beiden hübschen Dirndln ins Haus und alsogleich die Stiege hinan auf den Tanzboden. Einen funkelnden Silbergulden warf er auf den Spielleuttisch, da schrieen die Pfeifer und Geiger vor Freuden auf, und einen »gestrampften« Steirischen machte der Wolfram mit der, welche Frieda hieß. Wenigstens ein Dutzend junger Paare reigten zugleich, die Burschen mit den Händen klatschend, mit der Zunge schnalzend, lustig jauchzend oder kecke Liedlein singend, die Mädchen sich den Tänzern sanft anschmiegend, ihre Köpflein hingegeben an die Brust der Burschen legend; manche schloß also im Arme des Trauten die Augen, als wolle sie die Seligkeit bis an die äußerste Grenze austräumen. -- Macht es nicht auch die Frieda so? Liegt sie nicht hingegossen an die breite wogende Brust Wolframs, von seinen Armen fest umschlossen, von seinem Auge, das unverwandt auf ihrem blühenden Gesichtlein ruhte, bewacht, und angeweht die heiße Stirn, die glühenden Wangen von seinem warmen Atemhauch! Wohl war's nach ihrer scheinbar gelassenen Sicherheit zu vermuten, daß sie heute vielleicht nicht ganz das erste Mal einer solchen Kopflehne sich erfreute, doch aber der Unterschied! Ach Gott, was nicht für ein Unterschied ist zwischen Mannsbild und Mannsbild! -- O du herziger Schatz! dachte sich der Wolfram, dich habe ich gefangen, wie man das Vöglein fängt mit der Falle, und dich laß ich nimmer frei, nimmer! mein Lebtag nimmer! -- Die Frieda, die dachte gar nichts mehr, sie fühlte, als würde sie hingetragen durch die Lüfte, hoch über den Erdboden, hoch über den Wolken -- wohin? Das wußte sie nicht, war ihr auch ganz gleichgültig.