Chapter 2 of 8 · 3953 words · ~20 min read

Part 2

Endlich war der Tanz aus. Der Wolfram ließ seine Genossin lockerer und erinnerte sich nun, daß er deren zwei gehabt hatte. Wo war denn die andere! -- Der Schwambachwirt hatte schon Lichter aufgesteckt im Saale, aber die andere war nicht zu sehen. Sie wird schon auch gut aufgehoben sein, flüsterte eins dem anderen zu, und die beiden machten sich nicht viel daraus. Mittlerweile tranken sie auch Wein, die Frieda mit, der Wolfram ohne Zucker. Die Leute ringsum wurden immer lauter, lustiger und toller, und Weindunst und Menschendunst betäubten die Herzen und regten sie auf. Dort und da im dämmernden Winkel kauerte ein Einschichtiger und schleuderte scheelsüchtige Blicke auf die glücklichen Pärchen, wovon viele ganz in sich selber versunken und weder Auge noch Ohr hatten für die Umgebung. So auch der Adlerwirtssohn von Kirchbrunn und seine Entführte. War nur erst der Abend vorgerückt, dann wollte er mit ihr ein unbelauschtes Plauderstündchen halten und sie nach ihrem Herkommen fragen. Übrigens war es recht reizend, daß er nicht wußte, wer sie war, und falls er hätte voraussetzen können, daß auch er ihr unbekannt gewesen, tat es ihm fast leid, sich vorgestellt zu haben. Sich so weltfremd sein und sich so innig umschlungen halten, das ist ja doch ein Hauptspaß, wie es nicht leicht einen zweiten gibt.

Als es draußen rabenschwarze Nacht geworden war, trat durch das Gedränge ein Holzknecht aus der Kirchbrunner Gegend auf den Wolfram zu und sagte: »Der Adlerwirt soll hinaus kommen in den Hof, dort möcht' wer sprechen mit ihm.«

Aha, fiel es dem Burschen bei, die andere! Jetzt will die andere dran. Hätte sie sich nicht einen anderen aussuchen können? Nun aber, da er sie schon mit hergeführt hat, muß er auch an ihr Ritterdienste üben.

Es war aber nicht ~die~ andere, sondern ~ein~ anderer, der im Hofe seiner wartete. Am Brunnentroge lehnte er, und vom Küchenfenster hinaus fiel das breite Licht auf seine Gestalt. Ein baumstarker Kerl stand da, in der Tracht der Gebirgsholzhauer, mit wildwucherndem Bart und tief ins Gesicht gedrücktem Hute.

»Grüß dich Gott, Adlerwirt! Geh nur her! Komm nur herüber da!« Also lockte der ruppige Geselle mit einem zarten Fistelstimmlein den Wolfram hinter den Brunnentrog.

»Wer ist's denn?« fragte der Wolfram.

»Komm nur her zu mir!« sagte der andere.

Der junge Adlerwirt erkannte in dem Manne jetzt einen Holzarbeiter aus dem Siebenbachwalde, welcher von den Leuten der Schopper-Schub genannt ward. Der Mann war mehrmals schon im Adlerwirtshause zu Kirchbrunn eingekehrt, hatte sich dort aber stets in die hinterste Ecke gesetzt, ein paar Gläschen Branntwein getrunken und dabei stier vor sich auf den Tisch geblickt. Er war ein Mann von etwa dreißig Jahren, aber stets im Äußern so zerfahren und ungepflegt, daß es sogar den Weibern zweifelhaft schien, ob das ein hübscher oder ein häßlicher Mann sei. Er war nicht in der Gegend daheim, und man wußte nicht viel von ihm, als daß er ein tüchtiger Arbeiter, sonst aber ein ungeselliger und sonderbarer Mensch wäre. Irgend jemand wollte von seiner Vergangenheit etwas gehört haben und deutete an, daß in derselben so etwas wie Brandgeruch zu verspüren wäre.

»Du bist ja der Holzknecht Schopper,« sagte nun der Wolfram.

»Ah, kennst mich schon?«

»Was willst denn von mir?«

»Auf ein ganz kleines Wörtel, Adlerwirt. Da stell dich her, daß ich auch was seh' von dir. So.« Hernach hob er seine Stimme in eine noch weichere Tonlage und sagte: »Adlerwirt, was geht denn dich die Frieda an?«

»Welche Frieda?«

»Tu' nicht so, mein Lieber, liegt dir doch nur eine im Kopf. Wo hast sie denn her, deine Tänzerin?«

»So?! Meine Tänzerin? Wen kümmert denn die?«

»Die wird schier ~mich~ kümmern, Adlerwirt.« Dann wurde er um einen halben Kopf höher und setzte in einer keuchenden, wie vor Wut erstickten Stimme bei: »Wenn du mir sie nochmal anrührst, nachher --«

»Nachher --? -- Nun!« also jetzt der Adlerwirt und stellte sich stramm vor den Waldgesellen hin.

»-- nachher siehst du keine Sonne mehr aufgehen!«

Der Wolfram trat einen Schritt zurück, so daß er über den Unterbalken des Troges stolperte. In demselben Augenblicke war der finstere Bursche schon über ihm, in der Hand das blinkende Messer.

»Stechen?!« schrie der andere, im Hause gellte die Musik, polterten die Tanzenden.

»Stechen --« sagte es der Waldmensch langsam nach und ließ den Arm sinken. »Nein, jetzt noch nicht. Du hast es vielleicht nicht wissen können, daß sie mein ist. Das Unband sagt's ja keinem! Aber aufgesetzt ist sie mir! Das Grausen, das sie haben, diese Gäns', vor einem Manne, der kein Nest hat und bei dem 's Weib selber sein Brot muß verdienen. Na freilich, besser ist's schon, wenn das Mandel alles zusammenschleppt, was Weib und Kind not haben -- ich glaub's. Ein armer Holzarbeiter kann so was nicht leisten und desweg ist er der Niemand bei den Weibsbildern. Aber wenn eine ins Wasserfloß stürzt und unters Mühlrad kommt, da ist er gut genug, der Waldbär, daß er sich gegen das Rad stemmt, ehe die Kröt' -- Kreatur, will ich sagen -- totgedrückt ist -- ja freilich, da ist er gut --«

Der Wolfram war wieder frei geworden und so fragte er nun: »Red' deutlich, wie stehst denn mit ihr?«

»Hast es nicht gehört, im vorigen Winter? Am Faschingdienstag! Der Salmhofer läßt seine Leute zum Freiball gehen nach Geßnitz. Die Frieda auch mit. Ich vor sie hin, werb' um einen Tanz. Dank schön! sagt sie und geht einem anderen nach. Sich halb zu Tod tanzen und beim Heimgehen in der Nacht auf dem Steg schwindelig werden -- und plumps in den Mühlbach. Schwimmen kann sie wie ein toter Spatz, und schnurgerade der Mühle zu, wo das Rad geht. Jesus, wenn ich ihr in derselbigen Nacht nicht wäre nachgeschlichen! Gleich spring' ich in die Radlaufe, stemm' mich an. Das Zeug steht still, und wie mein stolzes Schätzel dahergeschwommen kommt, zieh' ich's heraus und sag': Guten Morgen! -- Nach einer langen Weile, wie sie wahrnimmt, wo und bei wem sie ist, und wie sie fertig vom Wasserspucken, sagt sie: Dank schön! und läuft davon. Just wie auf dem Tanzboden. Dank schön! sagt sie und läuft davon.«

»Das ist wohl brav von dir gewesen,« versetzte jetzt der Adlerwirt.

»Still sei!« knurrte der Holzhauer, »gelobt bin ich schon mehr als genug worden, das hilft mir nichts. Die Dirn will ich haben.«

»Hätte ich das gewußt,« also der Wolfram, »daß du ein Recht auf sie hast, so wollt' ich mich nicht an sie gemacht haben. Aber das möchte ich wissen: hat sie dich auch gern?«

Jetzt zuckte der andere zusammen, tief ließ er sein Haupt sinken, preßte das Gesicht in den Ellbogen seines Armes und hub an zu grölen.

»Zur Liebe kann man niemand zwingen,« sagte der Wolfram.

»Verfault! Ihre Knochen von den Würmern abgenagt, wenn ich nicht bin!« gurgelte der Waldmensch schluchzend. »Und ihr Leben, mit dem sie jetzt da drinnen wie eine Mairose steht, das hat sie von mir, das gehört mir! Und wenn ich zum hohen Gericht gehe, so muß es mir zugesprochen werden.«

»O du guter, armer Mensch,« sagte nun der Wolfram. »Leben und Liebe, das wird wohl ein großer Unterschied sein. Dir ist gewiß noch die Zeit im Kopfe, wo die Leute leibeigen gewesen sind. Wen du dazumal gekauft oder gewonnen hast oder auf der Straße gefunden oder im Mühlbach, der ist dein gewesen mit Seel' und Leib. Das ist anders geworden. Eine Dienstmagd hat freilich auch ihren Herrn; wenn ihr wer das Leben rettet, so soll sie dankbar sein, aber ihr Herz kann sie verschenken, an wen sie will.«

»Nachher ist's aus,« sagte der Schopper-Schub.

»Hast sie denn gar so gern, Holzknecht?«

»Sündhaft gern. Und schon lang her. Und gerade die! Und just die! Als ob ich besessen wär'! Zu Wallischdorf draußen habe ich einen Vetter, der hat mir vor einem Jahre sein Bauerngut wollen in Pacht geben, es wär' mir besser gangen, als wie da oben im Siebenbachwald. -- Ich habe nicht fort können -- ihretwegen nicht. Alle Sonntage gehe ich hinaus in die Geßnitzer Kirche und stehe hinter dem Turmpfeiler und schau' hin auf den Platz unter der Kanzel, wo sie sitzt. Und geh' dann wieder in den Wald zurück. -- Wenn ich wüßt', wer mir diese Lieb' hat angetan!« Er knirschte mit den Zähnen, als wollte er einen Missetäter zermalmen.

Eine Magd, die mit dem Wasserzuber zum Brunnen kam, unterbrach dieses Gespräch. Der Schopper-Schub packte den jungen Adlerwirt am Arm und raunte ihm zu: »Hüte dich!« dann schritt er rasch über den dunklen Hof dahin.

Als der Wolfram in einer recht wunderlichen Stimmung zurück ins Haus kam, hörte er von mehreren Seiten zugleich, daß die Salmhofertochter von Geßnitz da sei! -- Die Salmhofertochter! da horchte der junge Adlerwirt einmal auf. Und die Erregung im Wirtshaus war keine geringe. Das ist schon eine besondere Auszeichnung des Freiballes beim Schwambachwirt, daß ihn die Salmhofertochter besucht. Die Fürnehmste in der ganzen Gegend, die von den Burschen heimlich Begehrte und doch nur wenig Umworbene, weil sie stolz und unnahbar. Ist sie mit ihrem Vater da? oder mit einer Gesellschaft von Geßnitzer Bürgern und Bürgerinnen? oder gar mit einem Bräutigam, der sie heute das erste Mal als Braut aufzeigt! Das alles nicht! Ganz allein soll sie sitzen d'rin im Extrazimmer, nur die Schwambachwirtin bei ihr, welche ihr Gesellschaft leisten zu müssen glaubt, trotzdem sie draußen in der Küche alle Hände voll Arbeit hätte. Will denn niemand ins Stübel, die Salmhofertochter zu unterhalten? -- Dachte der Wolfram: Kennen lernen möchte ich sie doch, dieselbige, von der es immer heißt, sie wäre die richtige Adlerwirtin. Was kann mir geschehen, wenn ich sie zu einem Tanz auffordere? Weist sie mich ab, so drehe ich mich vor ihrer Nase mit einer anderen um und um.

Wie nun aber der Wolfram ins Extrazimmer trat, sah er am weißgedeckten, mit feinem Backwerk besetzten Tische neben der dicken Wirtin das schwarzbraune Mädel sitzen, welches er mit der anderen, der Frieda, in seinem Wagen kecklich dem Walde entführt und nach Schwambach gebracht hatte. Und das -- das wäre die Salmhofertochter, die stolze Kundel?

Er brauchte sich nicht erst nach einer Ansprache zu besinnen.

»Da ist er ja, der tapfere Ritter,« so redete sie ihn schier ernsthaft und gelassen an. »Schön ist es nicht vom Adlerwirt, daß er sich um die zweite Entführte gar nicht mehr umsehen will, bevor er die erste zu Tode getanzt.«

Der Wolfram stammelte eine Entschuldigung. Die Kundel sah recht gut ein, daß es das beste sei, das Abenteuer, welches ihr nun gar nicht geheuer schien, ins Scherzhafte zu ziehen. Sie rückte daher ein wenig auf der Bank und sagte: »Setzen Sie sich nur willig her zu mir, es wird Ihnen nichts mehr anderes übrig bleiben. Sie zahlen mir jetzt ein feines Nachtmahl, tanzen einen mit mir und führen mich dann wieder nach Hause.«

Das war alles so ernsthaft und kühl gesprochen, als ob sie zu einem Diener redete. Er setzte sich hin neben sie und tat, wie sie befohlen hatte. Alsogleich ward es im ganzen Hause kund: der schwarze Adler von Kirchbrunn und die Salmhofertochter von Geßnitz sitzen beieinander, essen und trinken miteinander wie ein Brautpaar. Und als die beiden gar Arm in Arm auf den Tanzboden traten, da wichen die Leute nur so in Staunen und Ehrfurcht zurück, daß das schöne junge Paar fast allein den Reigen tanzte im Saale. In der Ecke hinter dem Stiegenverschlag stand die Frieda, ein großer Schreck hatte ihr Antlitz blaß gemacht. -- Er ist verspielt! so konnte sie noch denken, meine Haustochter hat ihn, da ist er verspielt für die arme Magd. Ist das ein Tag, dieser heutige Sonntag! -- Wie das Paar in der Nähe vorüberreigte, trafen sich die Blicke des Wolfram und der Frieda. In diesem Augenblick war ihm, er tanze mit einem Stück Holz. Fast plötzlich, bevor der Tanz aus war, ließ er die Kundel los und machte vor ihr eine höfliche Verbeugung.

Es half ihm aber nichts, er hatte für den Abend ihr Ritter zu sein und war recht froh, als die Kundel den Wunsch aussprach, nach Hause zu fahren. Endlich saßen die beiden Mädchen wieder im geschlossenen Wagen und der Wolfram auf dem Kutschbock.

Als sie aus dem Hoftor des Schwambacher Wirtshauses fuhren, noch zum Abschiede mit hellem Musikklang begrüßt, sah der Wolfram, wie hinter dem Pfosten sich der Waldmensch duckte -- dann ging es fort, hinaus in Nacht und Nebel.

Die beiden Mädchen im Wagen führten nicht die angelegentliche Unterhaltung miteinander, wie auf der Herfahrt. Die Kundel war mürrisch und breitete sich so sehr aus, daß die andere völlig in die Ecke gedrückt wurde. Wohl auch die Frieda war nicht aufgelegt zum Sprechen, sie hatte zu denken genug und zu tun genug, ihre Gedanken nicht zu verraten. Wie erschrocken war sie daher, als die Haustochter mit einem Male den Mund auftat: »Eine wahre Schand' ist's, wie du dich heute aufgeführt hast!«

Es hatte schon den Anschein, als wollte die Magd nichts entgegnen, endlich sagte sie aber doch: »Kann ich etwas dafür, daß er zuerst mit mir gegangen ist?«

»Du hast dich ihm ja angeklettet! Männersüchtige Rassel, du!«

Nun sagte die Frieda nichts mehr.

»Ich werd' mir's merken,« setzte die Kundel noch bei, und damit war das Gespräch zu Ende.

Der Kutscher Wolfram sah träumerisch auf die Bäume, Büsche und Wegplanken hin, die im Scheine der Wagenlaternen gespenstisch auftauchten und verschwanden. Die Laternenlichter warfen im dichten Nebel eine Art Heiligenschein um die Kutsche. -- Ein sauberer Heiligenschein, das! dachte der Wolfram; wenn ich heute nicht sündige, so geschieht's einzig nur, weil die Gelegenheit dazu fehlt. Jetzt kann ich in der ödweiligen Nacht den langen Weg dahinradeln und nachher wieder zurück. Ein hübsches Vergnügen. Bis ich nach Kirchbrunn komme, stehen schon die Leute auf. Das hat man von seinem Übermut. Sonst nichts. -- Hia! den Braunen wird's auch schon zu dumm.

Endlich waren sie auf dem Marktplatz zu Geßnitz. Der Wolfram wollte halten, aber die Kundel rief zum Wagenschlag heraus: »Vorwärts! Zum Salmhof hinauf!«

Und nach einer weiteren Weile hielten sie vor dem großen Hofe, der mit seinen weitläufigen Gebäuden wie leblos dalag. Nur ein gewaltiger Hund reckte sich mitten im Hofe und der knurrte ein wenig, schien ihm aber nicht der Mühe wert, sich weiter um das herangerollte Gefährte zu bekümmern.

Die Kundel wartete im Wagen, bis der junge Adlerwirt abgestiegen war und ihr den Arm zum Aussteigen bot.

»Und was wird jetzt mein Vater sagen?« fragte das Mädchen. »Wenn ich ihm nicht gleich nach der Ankunft in Schwambach einen Boten geschickt hätte, daß er weiß, wo ich bin -- Sie hätten seiner Angst nicht geachtet.«

Jauchzen wollte der junge Mann über dieses Wort, es war ein Herzenswort gewesen, das erste, welches er von ihr gehört. Ein gutes Kind kann wohl auch ein gutes Weib sein ... Ei ja, mein Vater kann doch recht haben! Wer die einmal heimführt!

»Anläuten, geh'!« hastete die Kundel der Jungmagd zu, die schier kopflos dagestanden; und während diese nun an die Haustür eilte und den Glockenstrang zog, flüsterte die Salmhofertochter zum Wolfram: »Seien Sie schön bedankt, kühner Ritter! Aber wie böse ich auf Sie bin, das sollen Sie noch erfahren. Warten Sie nur! Schnell hinweg! Gute Nacht!«

Diesen raschen Abschied erklärte der Adlerwirt sich so, als sollten die Hausbewohner das nächtliche Gefährte nicht wahrnehmen; das war aber ein wenig anders, die Haustochter wollte es verhindern, daß er der Jungmagd gute Nacht sagen konnte. Und den Wolfram wurmte es richtig den ganzen Weg heimwärts, daß er ohne einen Händedruck, ohne ein einziges gutes Wort von Frieda hatte scheiden müssen.

[Illustration]

3. Abschnitt.

Jetzt würde männiglich raten, daß am anderen Tage der alte Adlerwirt zu Kirchbrunn seinem Sohne ein arges Wetter gemacht hätte. Anstatt am Sonntagnachmittage, war der Wolfram mit den Rössern am Montag früh nach Hause gekommen!

Männiglich hätte aber schlecht geraten. Als am Montag nach zwölf Uhr mittags der Wolfram erwacht war und die Küchenmagd ihm den Kaffee ans Bett brachte, kam auch der alte Adlerwirt herein, er brachte das Semmelkörbchen, schaute schmunzelnd auf den Burschen hin, der kerzengerade ausgestreckt da lag und gähnend sich noch ein Weiteres streckte.

»Geschlafen hast nicht schlecht,« sagte der Wirt.

Jetzt kommt's, dachte der Wolfram, und er hat ganz recht, ich verdiene schon eine Portion.

Aber es kam nicht.

»Trink' ihn, so lange er noch heiß ist,« riet der Alte, auf die Kaffeetasse deutend, »was Warmes tut immer gut nach einer solchen Nacht.«

Der Wolfram richtete sich, auf den Ellbogen gestützt, halb empor; der Hemdkragen war abzubinden vergessen worden, er lag noch um den Hals; durch die Spalte des weißen Hemdes sah man einen Teil der nackten Brust; das Gesicht des jungen Mannes war ein wenig blässer als sonst, also daß der junge Bart um so dunkler schattete. Die wirren, feuchten Haare hingen in braunen Tatzen und Ringen über die Stirn herab. Der Wirt schaute nicht ohne Wohlgefallen auf seinen Sohn. So ein hübscher Junge ist auch ein Kapital. Nur muß man ihn versilbern oder vergolden lassen. Sind ja auch in der Kirche die größten Heiligen vergoldet.

»Trau' einer noch einmal so einem Duckmäuser!« sprach nun der alte Wirt mit schwerem Wiegen des Hauptes und im Tone des Vorwurfes. »Wo unsereiner erst hindenkt, ist der schon gewesen. -- Aber,« fuhr er fort, »lachen habe ich auch müssen gestern abends. Wie der Weidknecht heimkommt, sag' ich: Wo denn heute der Wolfram stecken mag mit den Pferden! Daß ihm am Ende kein Malheur passiert ist! -- Oh, gibt der Weidknecht Antwort, dem jungen Herrn fehlt nichts, der sitzt draußen beim Schwambachwirt im Extrastübel und tut mit der jungen Salmhofertochter aus Geßnitz Nachtmahl essen. Wär nicht schlecht! sage ich. Ja freilich nicht, meint der Knecht und erzählt mir die ganze Geschichte, wie du sie mit dem Wagen zum Tanz geholt hättest. Teufel! denk' ich, der geht's scharf an! Der kennt sich aus. Je schwerer man an eine herankann, desto kecker muß man sie anpacken. -- Jetzt hast gewonnen, Wolf, und ich kann dir's nicht sagen, wie mich das freut. Wirst sehen, jetzt stehst auf einmal ganz anders da. Neider wirst genug haben, ich glaub's! Und nun, Wolf, kann ich dir's wohl sagen: wir brauchen eine reiche Heirat so notwendig wie der Fisch den Schluck Wasser. Seit die neue Eisenbahn drüben geht, steht's nicht gut mit uns Wirtsleuten auf der Kirchbrunnerstraße. Zu harter Not, daß es mir bisher gelungen ist, unser Ansehen aufrecht zu halten, lange wär' das nicht mehr möglich gewesen. Wir stecken tief in der Schlamaß, mein Bub', wir stecken tief!«

Der Wolfram war von dieser Mitteilung nicht gerade erbaut, er sagte aber nichts darauf, sondern war von diesem bitteren Augenblicke an entschlossen, das Abenteuer mit der Salmhoferischen ernsthafter aufzufassen, als er es bisher getan.

»Schau nur dazu, Wolf, daß Ihr bald Hochzeit macht!« mahnte der Alte noch. »Ist gut, daß dem Professor sein Zimmer leer geworden, das lassen wir jetzt gleich herrichten. Wird Euch eh am liebsten sein, ist hübsch groß und ruhig.«

»Ja ja!« sagte der Wolfram ziemlich barsch, um dieses Gespräch abzubrechen, welches ihm durchaus nicht heimlich war. Er sah sein Verhältnis zur Salmhofertochter lange nicht so rosig als sein Vater, und wenn etwas Rosiges für ihn dabei war, so konnte es nur das blühende Gesichtlein der -- anderen sein.

Auf gar keinen Fall war es zu leugnen, daß Wolframs Sinn nach dem Salmhofe in Geßnitz stand. Und es ereignete sich auch, daß er nun häufig nach Geßnitz fuhr, immer in Geschäften, wie es hieß. Einige Wochen vergingen so, da hatte der alte Adlerwirt die feinste Brautwerberfahrt veranstaltet.

Rollte eines Tages das sorgfältig aufgewichste Gefährte die Straße entlang gegen Geßnitz. Auf dem Bock saß heute der Pferdeknecht, aber hübsch mit flatterndem Hutbande. Im Wagen saßen der alte Adlerwirt und sein Schwager, der Herr Amtskontrollor aus der Kreisstadt. Beide im schwarzen Anzuge, mit Seidenhut und bunten Halsmaschen. Dem Adlerwirt war besonders in den weißen, stramm um die fleischigen Finger gespannten Handschuhen höchst unbehaglich, er war nicht imstande, den einfachsten Handgriff zu tun, selbst den Überrock mußte -- als es gegen Geßnitz hin schwüler wurde -- der Herr Schwager ihm aufknöpfen, und als sie zur Wegmauth kamen, fanden die eingepferchten Finger in den Taschen kein Geldschnäppchen, so daß wieder der Schwager aushelfen mußte. Trotzdem war der Adlerwirt guten Mutes und hieb dem Genossen ein- ums anderemal die breite Hand auf den Oberschenkel: »Na, was meinst, Schwager, wirst stecken bleiben bei der Anrede?«

»Du wirst dir noch die Hundeledernen zersprengen!« mahnte der Schwager fürsorglich.

Der Amtskontrollor war ein dürres Herrchen, dem auch die Kampflust, das heißt die Brautwerbelust aus den Augen blitzte. Der Adlerwirt hatte ihn eigens für diesen Zweck aus der Kreisstadt verschrieben. Es fährt sich doch ganz anders auf mit einer Autorität aus der Stadt, die Schick kennt und Vornehmheit hat. Das Amt, in welchem der Herr Schwager saß, oder vielmehr auf und ab sprang, bestand in einer Fahrkartenkontrollorstelle auf der Pferdeeisenbahn.

Nun also, im Bewußtsein voller Ehrenhaftigkeit fuhren sie den Hügel hinan gegen den Salmhof. Da fielen ihnen die zahlreichen armen Kinder auf, die -- obzwar schon zur Allerheiligenzeit -- barfuß und in schlechten Gewändlein den Weg hin und her liefen. Durch das weit offenstehende Tor rollte der Wagen so rasch in den Hof, daß es mit einem der Kleinen schier ein Unglück gegeben hätte. Alsogleich stand auch der dienstbare Bursche da, der die beiden Pferde in Obhut nahm, während die beiden Herren sich an einen Mann wandten, um so gleichsam wie im Vorübergehen ein wenig die Wirtschaft begucken zu können. Der Angesprochene führte sie bereitwilligst durch verschiedene Gebäude, und überall war es erstaunlich. Dieser Wohlstand, dieser Überfluß in allem. Die Haustiere in schönsten Rassen, die Vorräte an Feldfrüchten, an Heu, an Werkzeug, an Wagen und Schlitten, an Häuten, Pelzwerk und Wolle, an Edelholz, kurz an allerlei, woran die meisten Leute gar nicht denken, geschweige es besitzen.

Nach einem solchen Rundgang im Hofe kamen sie zum Eingange in das stattliche Wohnhaus; das Untergeschoß desselben war gemauert und weiß übertüncht, der obere Stock aus Holz gezimmert. Es hatte viele Fenster, die größer waren als solche bei anderen Bauernhöfen und mit zierlichen Holztäfelungen ausgeschlagen. Auch an den Dachvorsprüngen waren Holzschnitzereien, das Dach selbst war aus Schindeln, und über demselben ragten mehrere weiß übertünchte Schornsteine empor. Neben der Haustür an der Wand hing eine schwarze Tafel, auf welcher Kundmachungen klebten, denn der Salmhofer war Vorstand der Landgemeinde Geßnitz, die sich einen eigenen »Bürgermeister« wählte, seitdem der Ort Geßnitz selbst eine Marktgemeinde geworden war. Als die beiden Gemeinden sich trennten, wollte jede den Salmhof für sich haben, der lag so gut bürgerlich als bäuerlich, allein der Salmhofer mochte gedacht haben: lieber der erste Bauer, denn der letzte Bürger, und hatte sich zur Landgemeinde geschlagen, was ihm seine Nachbarn gar nicht hoch genug anrechnen konnten.

An der offenen Haustüre war in der unteren Weite ein zierliches Holztörchen, wie solche an vielen Bauernhöfen üblich sind und dazu dienen, daß vom Hofe das Kleinvieh nicht ins Haus laufen kann. An diesem Türchen grunzten heute aber weder Schweine, noch meckerten Lämmer oder Ziegen, es war umdrängt von armen Kindern, dreijährigen bis etwa zwölfjährigen, die ihre Händchen aufhoben und mit hellen Stimmen schrieen: »Bitt' gar schön um ein Allerheiligenbrot!«

Und hinter dem Törchen stand ein feines, etwas blasses, ernsthaftes Mädchen in dunkelblauem, fast städtisch geschnittenem Anzug, am Halse ein weißes Kräglein, wie es Männer tragen. Dieses Mädchen nahm aus einem großen Korbe, der neben ihm stand, geschnittene Brotstücke und verteilte sie an die Kinder. Die vorne standen, denen gab sie es in die Hand, den hinteren, vergeblich nach vorne drängenden warf sie die Stücke über den Köpfen zu und kümmerte sich nicht weiter um das Gebalge, welches darüber entstand.

»Da ist sie!« flüsterte der alte Adlerwirt dem Herrn Amtskontrollor zu, und sie zogen ehrerbietig vor ihr die hohen Hüte. Das Mädchen dankte dem Gruße mit einem fast unmerklichen Neigen des Hauptes, scheuchte mit einer lebhaften Handbewegung die Kinder auseinander, und unsere beiden Männer traten in das Haus.