Chapter 4 of 8 · 3989 words · ~20 min read

Part 4

Übrigens hatte die Hochzeit des jungen Adlerwirtes mit der Salmhofer Tochter etwas Städtisches. Es gab dabei Herrschaften in Frack und mit hohen Seidenhüten, worunter der Herr Schwager Amtskontrollor eine der würdigsten Erscheinungen war. Auch der Salmhofer trug einen sehr langen Frack, einen schwarzen Röhrenhut, einen hohen, aufgesteiften Halskragen mit zwei an beiden Seiten des Kinnes hervorstehenden Spitzen, eine schneeweiße Weste, die über den halben Bauch hinabging, ein schwarzes Beinkleid und tadellose weiße Handschuhe. Die Salmhoferin an seiner Seite sah dagegen ganz bäuerlich und fast ärmlich aus. Der Bräutigam war in schwarzem, dorf-bürgerlichem Anzug, der sich nur auszeichnete durch das Myrtensträußchen am linken Brustflügel. Dieses schwarze Gewand gab dem jungen Manne ein überaus interessantes Aussehen, sein Gesicht schien blasser als sonst, und in seinem großen Auge war ein seltsamer Schmelz, wer es nur hätte sagen können, ob mehr auf frischen Mut oder auf weichmütige Rührseligkeit hinweisend. Seine natürliche Heiterkeit schien er heute daheimgelassen zu haben beim Alltagsgewand, ernsthaft, gesetzt, wie es einem Bräutigam ansteht, war sein Wesen, und man sah gleich, daß die Würde des Großbauernhofes sich auf ihn zu vererben begann. Die Braut Kunigunde trug ein schweres weißes Seidenkleid mit Schleppe, und auf dem kunstvoll geflochtenen, fast schwarzglänzenden Haar ein Myrtenkränzlein. Ihr schönes Gesicht war jetzt, wie sie vor dem Altare standen, als ob es von reinstem weißen Marmor gemeißelt wäre. Man hatte zu Geßnitz nie eine Braut gesehen, die so würdig und ernst war, und nie eine, die am Hochzeitstage nicht einmal ein wenig gelächelt und nicht einmal ein wenig geweint hätte. Aber die Kunigunde war eine solche. Manche behaupteten, das wäre ein tiefes Wasser, auswendig eine Mutter Gottes, inwendig --. Ein Glücksmensch sei dieser Adlerwirt! Die Braut so schön, so achtunggebietend, so reich! -- Ob sie für eine Wirtin am Ende nicht doch ein wenig zu vornehm ist! Wirtinnen können nicht artig genug sein. -- Oho, Wirtinnen können nicht zurückhaltend und ernsthaftig genug sein! -- Ein Glücksmensch, dieser Adlerwirt!

Als das Brautpaar vor dem Altare stand, als der Wolfram ihre zarte kleine Hand in der seinen hielt, als der Priester die Stola darüber wand, da machte der junge Adlerwirt im Herzen ein Gelöbnis. -- Ich will ein treuer Mensch sein. Junge, leblustige Weiber gibt es genug, auch solche, die Ehrenhaftigkeit verkaufen! Nein. Ich habe jetzt mein Weib. Und ist sie gleichwohl noch frostig wie ein Märztag, ich will so viel Sonnenschein auf sie legen, bis die Blume aufblüht. Durch die Liebe kann man alles überwinden, sagt mein Professor Nix, auch die schlimmen Weiber. Schlimm aber ist sie gar nicht, nur ein wenig herb. Und herbe Trauben geben den haltbarsten Wein. Mein liebes Weib, du! -- Er drückte ihre Hand, sie wußte freilich nicht, was er dachte.

Die Mahlzeit im Salmhofe war üppig bis zum Tischbrechen. Auch dabei ging es so vornehm zu, daß alle Kellner von Geßnitz anwesend waren, um an der Tafel die Speiseschüsseln herumzutragen von Gast zu Gast. Die Braut winkte fast jedes Gericht mit einer Handbewegung ab, sie aß nichts, sie trank nichts, sie sprach nur wenig, ließ aber ihr wachsames Auge stets in die Runde gehen, um die Ordnung des Dienervolkes zu überwachen und etwaige Verstöße desselben mit einem strafenden Blick, mit einem tadelnden Worte zu rügen. Der Wolfram suchte mit der nebensitzenden Schwiegermutter ein Gespräch zu unterhalten; es war jedoch mit der einfachen, bescheidenen Frau nicht viel anzufangen. Um so mehr fröhlichen Lärm machte der Salmhofer, besonders wenn das weiße Kätzchen, welches er bei sich auf dem Schoß hatte und mit Leckerbissen fütterte, auf den Tisch sprang und ungebührlich ward. Also, dachte der Wolfram, werden wir uns nur ans Essen und Trinken halten, dieser Tag wird mit Gottes Hilfe ja auch nicht ewig dauern.

Am Abende, als die Lichter gekommen waren und die Musikanten, hub die Hochzeitsgesellschaft einen anderen Takt an. Es ward laut und lustig, die Leute wogten durcheinander, aber die Braut zog sich zurück auf ihr Stübchen, weil ihr die Aufregung und der Lärm des Tages ein wenig Kopfschmerz verursacht hatten.

Der Wolfram ging hinaus in die frische Luft. Ein klarer Sternenhimmel flimmerte, der Adlerwirt sah ihn kaum, er war in verschiedenerlei Empfindungen versunken, und auf einmal tat er einen tiefen Atemzug und sagte halblaut: »Also wäre ich verheiratet!«

Dann kam ihm zu Sinn, was er am Altare gedacht und daß er nun von jemandem Abschied nehmen müsse mit allem Ernst.

Im Wirtschaftsgebäude war die Gesindestube hell beleuchtet, da drin ging's fröhlich zu, der Wolfram trat ein. Mit hellem Geschrei hoben sie ihm die Gläser entgegen und tranken auf seine Gesundheit. Er setzte sich ein bißchen zu dem Gesinde an den Tisch, da erschien die Aufträgerin mit frischem Teller und Glase, legte ihm Krapfen vor, und einschenken, meinte sie, würde er sich wohl selber können.

»Ja, Frieda!« lachte der Bräutigam der jungen Aufträgerin zu, »einschenken, das kann ich, aber austrinken mußt du. Auch von dir will ich eine Gesundheit haben.«

Die Jungdirn nahm das Glas, schwenkte es ein wenig gegen ihn: »Zur guten Gesundheit!« und nippte.

»Jetzt ist's recht!« rief der Wolfram lustig mit der Zunge schnalzend und faßte sie an der Hand und blickte ihr frisch ins Auge, »trink' noch einmal, Frieda!«

»Dank' schön!« antwortete sie schmunzelnd, »es möcht' zu viel sein.«

»So gib her!« Er nahm ihr das Glas aus der Hand, und während er ihr fest ins Auge blickte, leerte er es auf einen Zug.

Als er nachher wieder über den Hof schritt, ward ihm bedenklich. -- Ein Abschied das? --

* * * * *

Also das war die Hochzeit gewesen.

Und nun kam das Siedeln. Der Möbelfuhren von Geßnitz nach Kirchbrunn waren so viele, daß die Leute schon sagten: »Mein Gott, wie wird denn das alles Platz haben beim Adlerwirt, es zersprengt ja das Haus!«

Frau Kunigunde war eingerichtet wie eine Gräfin. Alles nagelneue Sachen. Rokoko war Mode. Rokoko! Man wußte zwar nicht, was das war, bestellte es aber. »Kosten tut auch ein Trödel was,« hieß es, »also am besten, sich gleich ordentlich einrichten.« Es gab Überraschungen, als die Sachen ankamen. Frau Kunigunde war nicht so leicht zufriedengestellt von den Arbeiten der Tischler und Tapezierer aus der Kreisstadt, sie meinte, das plumpe Zeug sei gar nicht anzusehen und es wäre am klügsten, solche Dinge geradeswegs aus Paris zu bestellen. Mit diesem Sinn für die feinste Vornehmheit setzte die junge Frau ganz Kirchbrunn in Erstaunen.

Ungefähr eine Woche nach der Hochzeit war der Salmhofer angefahren gekommen, um sich das neueingerichtete Nest der jungen Leute zu besehen.

»Nur so zu, Wolf!« schnarrte er den Schwiegersohn an. »Meine Tochter hat Erziehung genossen. Halt' sie fein! Laß ihr nichts abgehen! Für die Küche nimm dir eine Köchin, mein Kind hat Nerven, die nicht für den Küchendunst sind.«

Der Wolfram nahm diese Verhaltungsmaßregeln ganz ruhig hin. Nach einem Imbiß, der dem Schwiegervater vorgesetzt worden und wobei der Salmhofer einmal seinen würdigen Bart streichelte und das andere Mal seinen Oberschenkel, obzwar heute das weiße Kätzchen nicht darauf saß -- bat der alte Adlerwirt ihn auf ein Wort in seine Stube. Der alte Wirt war vor langem Zuwarten auf eine gewisse Unterredung schon ganz aufgeregt geworden. Und weil der Schwieger auch heute wieder nichts desgleichen tat, als wäre eine solche an der Zeit, so machte der Wirt nun keine Umstände mehr.

»Schwieger,« sagte er, ihm einen Sessel hinschiebend, »mußt schon entschuldigen, es ist, daß man sich einmal ausredet von wegen Lebens und Sterbens. Wir sind nimmer jung, und mein Sohn weiß, was er von mir zu erwarten hat. Es ist, daß er weiß, wie er daran ist und die Wirtschaft einrichten kann.«

»Hast ganz recht, Adlerwirt, nur alles in Ordnung machen,« antwortete der Salmhofer. »Weiß auch, daß mein Kind bei Euch gut gestellt ist. Ist ein gutes Kind, wer es zu behandeln versteht, ein herzensgutes Kind.«

»Und eine rechtschaffen stolze Natur,« lenkte der schlaue Adlerwirt über, »so daß ich mir schon gedacht habe, ob sie nicht etwa gedrückt ist, wenn ... Das möchte ich ihr nicht wünschen! Sie wird auch auf was pochen wollen, und hat ganz recht. Ich meine, Schwieger, du -- sollst was schreiben lassen.«

Der Salmhofer hatte sich kaum gesetzt, so stand er jetzt wieder auf, nahm Hut und Stock; aber noch an der Tür wendete er sich um und stieß sprudelnd die Worte hervor:

»Ich glaube, die Ausstattung ist nicht zu gering ausgefallen. Hat mich bare zweitausend Gulden gekostet. Nach meinem Ableben -- wenn ich um ein Eichtel Geduld bitten darf! -- wird sie kriegen, was da ist. Wer denn sonst?«

Ohne ein weiteres Abschiedswort ging der Großbauer zur Tür hinaus und fuhr davon.

Etwas kleinlaut teilte der alte Adlerwirt dem jungen dieses Gespräch mit und fügte bei: »Heißt's halt so weiter fretten derweil. Wie lang wird er's denn machen! Er trinkt zu viel.«

Der Frau Kunigunde war es nach ihrem Einzuge ins Adlerwirtshaus vor allem darum zu tun gewesen, jedermann zu zeigen, daß sie hier die Frau sei. Alles wurde geändert, schon in den ersten Tagen. Kein Möbelstück blieb an seinem Platze stehen, und wenn der Wolfram einwendete, das sei schon bei seiner Mutter Lebzeiten so gewesen, gab sie zur Antwort: »Liebes Kind, also hat's deine Mutter gestellt nach ihrem Belieben, und ich werde es auch tun.« Im Salmhofe war um zwölf Uhr Mittagszeit, also mußte auch im Adlerwirtshause die Suppe um zwölf Uhr auf dem Tische stehen. »Kundel,« gab ihr der Wolfram zu bedenken, »in den Wirtshäusern macht sich eine spätere Mittagsstunde besser, wenn die Gäste gespeist haben.« -- »Was kümmern mich die Gäste!« war ihre Entgegnung.

Der Wolfram wußte wohl, was darauf zu sagen war, doch er wollte nicht streiten. »Junge Hausfrauen sind schon so,« tröstete ihn der Vater, »und sie wird sich die Hörner schon abstoßen.«

Auch mehrere Dienstboten, die sich nicht gleich in die neue Hausordnung schicken konnten, wurden entlassen und neue aufgenommen. Und gerade wenn eins recht brauchbar war und schon lange im Hause, gerade das mußte fort. Die Frau Kunigunde wollte nicht, daß ein Dienstbote im Hause sei, welcher besser Bescheid wußte als sie selber.

»Daß dir die fremden Gesichter nicht zuwider sind!« sagte einmal der Wolfram zu seiner Frau.

»Mir sind die einen wie die anderen fremd,« war ihre Antwort.

»So möchte ich an deiner Stelle wenigstens solche nehmen, die ich schon kenne. Dein Vater wollte dir gewiß gerne ein paar Leute von seinem Hofe abtreten, die deiner Art und Weis' leichter nachkommen könnten. Besonders Weibsleute solltest verläßliche um dich haben.«

»Meinst?« gab sie lauernd zurück.

»Wir haben jetzt keine ordentliche Küchenmagd und keine Weidmagd.«

»Wie soll sie denn heißen?«

»Heißen kann sie wie sie will, aber brav und fleißig muß sie sein.«

»Soll sie nicht Frieda heißen?« fragte spitzig die Frau Kunigunde.

Der Wolfram tat überlaut einen Lacher. »Wie du jetzt auf die Frieda kommst!« Er brach ab und ging hinaus.

Von diesem Tage an war er eine Weile wortkarg. Und damit Frau Kunigunde die Ursache nicht merken sollte, warf er ihr unverhohlen vor, daß das nicht schön wäre von ihr, dem alten Vater die liebgewordenen Gewohnheiten zu vergällen, ihm sogar die Mittagszeit nach ihrem Gutdünken zu verlegen. Über die Speisen selbst rede man ohnehin nichts, diese würden zubereitet nicht nach seinem, sondern nach ihrem Geschmack, und der sei nicht allemal der beste.

»Einen besseren hast du,« gab sie rasch wie immer zur Antwort, »weil du deiner eigenen Frau schon jetzt, wenige Wochen nach der Hochzeit, das Essen mißgönnst und dich nach einer Stalldirne umsehen möchtest.« Da weinte sie auch schon heftig in ihr Spitzentuch.

»Aber Kunigunde!« rief nun der Wolfram und wollte kosend begütigen, sie stieß mit dem Ellbogen heftig nach ihm, da ging er zum Herde, zündete sich eine Zigarre an, stieg in die Gaststube und unterhielt sich mit den Gästen.

Ein Fleischhauergeselle aus Geßnitz war da, den fragte der junge Adlerwirt nach Neuigkeiten. Natürlich marschierte der drohende Krieg auf, der in den Zeitungen stand, denn er steht immer drin. Aber dem Wolfram war das zu wenig. Als braver Schwiegersohn fragte er dem Salmhofe nach, ob dort alles gesund sei, oder sonst beim alten? Ja, der Salmhofer liege auf seiner Holzbank, schäkere mit den Katzen und habe so manchmal sein Räuschchen. Man merkte es dem Fleischergesellen an, welche Gewalt er sich antun mußte, um die ganz unverhältnismäßige Verkleinerung zuwege zu bringen, aber anders mochte er mit dem Schwiegersohne doch nicht sprechen. -- Und was die Mutter mache? wollte der Wolfram wissen. -- »O Gott!« sagte der Fleischer.

»Daß sie nicht am Ende mehr Sorgen zu tragen hat, jetzt, weil die Tochter fort ist!« fürchtete der junge Adlerwirt. »Sie wird sich doch von den Dienstmägden eine abrichten fürs Haus oder so?«

»Im Gegenteil,« erzählte der Geßnitzer, »verjagen tut sie eins ums andere. Gestern ist bei der Jungmagd die Dienstzeit aus worden.«

»Bei der Frieda?« fragte der Wolfram.

»Wird so geheißen haben. Bin just mit einem Kalb vorübergekommen, wie sie mit ihrem Bündel den Hof verlassen hat. Und Augenwasser, daß ich sie noch frag': Was hat's denn, Dirndel? Wandern mußt? Ja, wohin denn jetzt im Winter? Wisse es selber nicht, hat sie gesagt, und fort nach der Straßen.«

Nun wußte er's, der Adlerwirt, was er wissen wollte. Daß er jetzt aber noch mehr wissen wollte, und was alles, das konnte er niemandem sagen.

[Illustration]

6. Abschnitt.

Endlich war der Winter vorbei.

Und eines Tages in den Maien kam der junge Adlerwirt zu seiner Frau mit einem erbrochenen Briefe und sagte froh erregt: »Dies Jahr kommt er früh. Er kann es schon kaum erwarten, die junge Adlerwirtin kennen zu lernen, schreibt er. Der Professor Nix.«

»Wer ist denn der?« fragte Frau Kunigunde gleichmütig.

»Ich habe dir ja erzählt von dem Herrn, der allsommerlich zu uns kommt und bei uns bleibt, und der mich so mancherlei gelehrt hat. In diesem deinem Zimmer hat er immer gewohnt.«

»So soll ich wohl jetzt ausziehen und den Herrn Professor Nix hereinlassen?«

»Kundel,« sprach der junge Adlerwirt und machte einen vorwurfsvollen Blick. »Kundel, du bist immer so boshaft. Wie kann denn vom Ausziehen die Rede sein! Der Professor bekommt das Stübchen gegen den Baumgarten hinaus, er wird damit zufrieden sein. Es ist ein netter Herr, du wirst ihn gewiß liebgewinnen.«

»Das Baumgartenzimmer kann ich ihm nicht abtreten, ich habe meine Garderobe drin.«

»Vielleicht wolltest du deine Kleider hier in der Nebenkammer unterbringen, es wäre bequemer für dich.«

»Geh, geh, Wolf,« entgegnete sie, »meine Bequemlichkeit, daß ich nicht lachen muß! Nur um deinen Herrn Professor geht's dir. Nein, das Baumgartenzimmer bekommt er nicht!«

»So werde ich ihm das große Zimmer über der Gaststube einräumen,« sagte er, aber in einem Tone, der anzeigte, daß er nicht gewillt sei, weiter mit sich handeln zu lassen.

»Das kannst du tun,« antwortete Frau Kunigunde. »Ich kümmere mich nicht um deine guten Freunderln. Nur bitte ich dich, auch mir nichts dreinzureden, ich will Ruhe haben.«

Und eine Woche nach Ankunft seines Briefes kam er selber. Es war noch ganz der alte wie im vorigen Jahre. Dem Wolfram fiel er mit den Worten: »Junge! Hat die Liebe noch ein Stückchen Wolfram übrig gelassen für den alten Nix?« in die Arme.

Die Artigkeiten, welche der Adlerwirt stotterte, unterbrach er sofort: »Ist schon recht. Laß die Torheiten, dein Weibchen will ich sehen.«

Er stürmte in die Gaststube, in die Küche, da war sie aber nicht. Als er später hinaufstieg zu seiner neuen Stube, begegnete ihm auf der Treppe eine Dame, die er flüchtig grüßte, weil er sie für eine Fremde hielt. Es war aber Frau Kunigunde. Als er das gewahr wurde, eilte er ihr nach: »Frau Adlerwirtin! So wollen wir zwei nicht beginnen selbander. Einen herzhaften Händedruck oder so etwas! Mit meinem Segen für den heiligen Ehestand komme ich wohl spät! Aber nie zu spät! Nie zu spät! Gottes Gruß zu tausendmal, Frau Adlerwirtin!«

»Guten Morgen!« entgegnete die Frau ruhig.

Professor Nix war hübsch abgekühlt, und sie wechselten einige höfliche Worte.

Mit der Stube war der Professor recht zufrieden, da hatte er Platz genug für alle seine Bücher und Schriften und Ledertaschen und Botanisierbüchsen und Staffeleien, und er breitete sich behaglich aus. »Ein Herzenskerl bist du!« rief er dem Wolfram zu, »gut meinst du mir's. Wenn ich einmal sterbe, so bedenke ich dich in meinem Testament. Du sollst das ganze Firmament haben mit allen Sonnen und Sternen. Nur der Halbmond ist ein Legat für die Türken. Ein charmantes Zimmer das!«

Der Wolfram sagte nichts auf diese Ergießung. Und bald machten sich zwei kleine Nachteile fühlbar in der schönen großen Stube. Tagsüber war's der Rauch des scharfen Bauerntabaks, dessen Düfte von dem Gastzimmer durch die Fugen in des Professors Stube drangen. Aber das war nicht das schlimmste, am Bauerntabak war auch noch eine Pfeife, und an der Pfeife sog so ein unsauberer Geselle, der bis in die Nacht hinein sitzen blieb und mit anderen ähnlichen Gesellen lärmte, so daß der gute Professor Nix oben kein Auge schließen konnte. Aber er tat nichts desgleichen, sondern tröstete sich damit, daß solches zur Sommerfrische gehöre.

Bei einer nächsten Gelegenheit sagte er zu seinem jungen Wirte folgendes: »Wolf! Ich muß dir nur gestehen, du hast ein schneidiges Weib. Das hat mir alle Kurasch abgekauft. Eine solche Hausfrau wird ganz gut sein, sie erspart den Kettenhund. Die Diebe und die Betrüger und die Heuchler und Schmeichler wirst du nicht zu fürchten brauchen, Frau Kunigunde hält sie alle fern. Einer Untreue wirst du bei ihr auch sicher sein, sie läßt keinen an sich herankommen. Wenn sie dir so recht ist, nachher bist du geborgen, nachher kann dir nichts mehr geschehen.«

Der Wolfram wußte nicht recht, waren diese Bemerkungen ein Lob auf seine Frau oder etwas anderes. Er nahm's in Gottesnamen fürs erstere und war's zufrieden.

Der Professor ging, wie es in den früheren Sommern geschehen, seinen Vergnügungen nach in Wald und Flur. Die Gegend um Kirchbrunn ist so recht das, was man freundlich nennt. Mittelhohe Berge mit sanften Kuppen und Muldungen und alles, was nicht im Tale Feld und Wiese war, hübsch bedeckt mit hellgrünenden Buchenwäldern, in welchen dunklere Fichtenbestände eingesprenkelt waren. Aus den schattigen Engtälern kamen Bäche hervor, zwischen den Wiesen gab es Teiche und Heuschoppen und Getreidemühlen. Professor Nix kannte alle Wege und Stege und die meisten Bewohner des Tales. Mit dem einen sprach er ernsthaft, mit dem anderen scherzte er. Wenn er aber in Regentagen an das Adlerwirtshaus gebannt war, da kam's ihm -- so sehr der Regen draußen auch rieseln mochte -- in der Stube nicht mehr ganz so gemütlich vor wie sonst. Häufig saß er in der Gaststube, doch es fehlte auch hier manchmal an Gesellschaft. Der alte Wirt war mißlaunig, der junge wortkarg und die Wirtin gar nicht zu sehen.

Eines Tages war der Wolfram davon. Am ersten Tage kümmerte sich um seine Abwesenheit niemand; am zweiten Tage meinte der alte Wirt, sein Sohn müsse auf einen Vieheinkauf gegangen sein, aber man wunderte sich doch, daß er weder seiner Frau noch seinem Vater davon etwas gesagt hatte. Als er am dritten Tage immer noch nicht zurück war, wurde dem alten Wirt bang und wurde dem Professor bang. -- Wenn der Wolf nichts gesagt hat, wohin, so dachte letzterer sich, und in der Nachbarschaft weiß auch niemand etwas von ihm, und es ist sonst nicht seine Art, daß er so davonläuft, so sieht das ja aus wie ein Unglück! Frau Kunigunde hub an zu zanken. Der Professor stellte ihr vor, daß dem Wolfram etwas zugestoßen sein könne.

»Ja natürlich, der Leichtsinn ist ihm zugestoßen!« rief sie. »Gott weiß, wo er umherzigeunert! Ich laufe ihm nicht nach. Meinetwegen mag er fortbleiben über Jahr und Tag. Wenn ich nicht will, da kriegt mich keiner mit Lieb' und keiner mit Trutz.« --

Der Wolfram war unter dem Vorwande, vorjährigen Apfelwein zu kaufen, die Geßnitzergegend abgegangen bis hinaus nach Niederleuth und Sankt Magdalena; in allen Bauernhäusern hatte er zugesprochen, sich nebenbei auch um Zuchtkälber umgesehen; erstanden jedoch hatte er nirgends etwas. Dann war er in großem Umkreis gegen das Gebirge gewandert, hatte dort anstatt nach Apfelwein nach Bauholz gefragt, aber auch hier nichts gekauft. Endlich rückte er seiner Absicht näher und erkundigte sich nach Dienstboten für die Sommerarbeit, vor allem nach Heuheberinnen und Schnitterinnen -- es war vergebens, die er suchte, fand er nicht.

Und als er ratlos schon auf dem Heimweg war, fiel es ihm ein: sie ist im Siebenbachwald bei den Holzleuten. Er mußte es aber wissen. Er wanderte in die Wälder und kam zu den Siebenbachhütten, welche in einem engen Waldtale standen, von zerrissenen Bergen umgeben. Hoch von einem Bergschlag nieder ging eine neue Holzriesen, in deren Rinne glatte wuchtige Blöcke herabglitten. Sausend und dröhnend kam das niederwärts auf steiler Riesen, die in großen Bogen sich wand, über Hänge und Schluchten gebrückt war und so sorgfältig und wohlberechnet gemuldet, daß kein Block ausspringen konnte. So kam das herab bis zu Tale, wo die Riesen sachte sich ebnete und die schwersten Blöcke fast sanft aufs Erdreich warf, daß die Blöcke dann von etlichen Männern zur Kohlstatt geschafft werden konnten. Bei diesen Männern war sie nicht. Der Wolfram fragte dem Schopper-Schub nach. Der sei auf dem Berge an dem obersten Ende der Riesen. Der Adlerwirt stieg hinauf; der Berghang war steil und vielfach von Schluchten und Gräben durchfurcht. Da sah man erst die ganze Kühnheit des Baues der Holzleitung. Streckenweise strich sie in schönen Kurven an dem steilen Hang dahin, dann setzte sie, auf schlanken Stämmen wie auf Strohhalmen gestützt, über Waldwipfel und Abgründe, in deren Tiefen Wässer rauschten.

»Seit Menschengedenken,« so erzählte der Holzknecht, welcher den Adlerwirt hinaufbegleitete, »hätte man es nicht für möglich gehalten, daß wir den Zagelwald herabkriegen könnten. Zu Hunderten und zu Tausenden sind sie vermodert und verfallen, oben, die schönsten Tannen und Lärchen, und kein Mensch hat sie nutzen können, weil sie nicht herabzubringen gewesen sind. Jetzt geht's spielend. Und haben ihn zuerst alle ausgelacht, den Schopper, wie er gesagt, er baut die Riesen. Hat aber den Holzmeister sauber überzeugt, daß es geht, hat sie mit dreißig Holzknechten in vier Monaten gebaut, und jetzt lacht niemand mehr. Der Schopper ist Vorknecht geworden.«

»Also der Schopper-Schub hat dieses Werk gebaut!« Der Adlerwirt hätte es ihm nicht angesehen. Der Mann, der solches kann, darf sich am Ende doch keck um die Herzliebste bewerben.

Auf der Höhe gab es eine schöne Aussicht hin in die Waldberge, aber dem Wolfram ging es nicht um das. Rings um ihn lag der geschlagene Urwald in vielen tausend Stämmen, welche von den Holzhauern entschält, zu Blöcken geschnitten und an die Einmündung der Riesen gebracht wurden; dem Wolfram ging's auch nicht um Holz. Inmitten der Leute stand der Schopper in braunen Hemdärmeln und barhaupt. Er hielt einen langen Maßstab in den Boden gestemmt und traf Anordnungen. Der Wolfram hatte ihn erkannt an dem üppigen Barte und ging nun, über Stämme und Rindenwälle kletternd, auf ihn zu.

Die beiden Männer standen sich ein Weilchen gegenüber und schauten sich an, bevor das erste Wort gesprochen wurde.

»Dich suche ich,« sagte endlich der Adlerwirt. »Wenn ich den weiten Weg her mache zu dir, so kannst dir denken, daß es etwas Wichtiges wird sein. Willst so gut sein, Schopper, und mit mir ein wenig auf die Seite gehen?«

»Das kann ich schon tun,« antwortete der Holzknecht, und sie gingen gegen einige Schirmtannen hin, die man stehen gelassen hatte.

»Schopper,« bemerkte der Wolfram, »deine Riesen ist ein Meisterwerk.«

»Daß du mir das sagst, deswegen bist du nicht gekommen,« entgegnete der Holzknecht. »Adlerwirt, tu' nicht lang' um und sag', was du willst.«

»Schopper,« sprach nun der andere im vertraulichen Tone. »Du kannst dir's denken, es ist der Frieda wegen. Du bist offenherzig mit mir gewesen, und ich will es auch sein. Hast du das Dirndel noch im Kopf?«

Der Schopper starrte den Fragenden an und entgegnete: »Was geht das dich an? Du hast dein Weib.«

»Das wohl, Schopper, das habe ich, und just deswegen kann ich offen mit dir sprechen. Die Frieda ist eine Jugendfreundin meiner Frau, und wir wollen nicht, daß sie sollte verderben müssen. Vielleicht, daß ihr meine Frau einen Platz verschaffen könnte.«

»Hat sie denn keinen?« fragte der Schopper.

»Du wirst doch wissen, daß sie nicht mehr im Salmhof ist.«

»Ei freilich weiß ich das.«