Part 7
»Soll ich denn meines Irrtumes wegen ganz verloren sein?« sprach er weiter. »Soll ich mein junges Leben selber zertreten, wie man einen Waldwurm zertritt, vor dem sich alle entsetzen? Ja, Frieda, ich tue es. Sie, im Adlerwirtshaus, hätte mich nie so weit vermocht, sie ist mir eine Fremde. Aber wenn ich weiß, daß auch du dich von mir wendest, dann ist es aus!«
»Wann,« entgegnete nun das Dirndel zagend, »wann habe ich dir denn einen Beweis gegeben, Adlerwirt, daß ich -- dir so gut wäre?«
»Leugne es nicht, Frieda!« sprach er mit Nachdruck, als wollte er einen Verbrecher überweisen. »Und wenn du mir ~nie~ was Liebes gesagt hättest, kein gutes Wort, und wenn du mir zehnmal weiter noch ausgewichen wärest, ich hätte es doch gewußt, daß du mich gern hast, und so gewiß, als ~du's~ von mir mußt wissen. Du hast es tapfer niedergedämpft, vielleicht tapferer als ich. Wir haben uns beide redlich voreinander gewehrt. Es hilft alles nichts. Von jenem Tanzabende in Schwambach an hat's so gespielt, daß wir zwei zusammenkommen sollen, wir haben's nicht verstanden, haben uns so lange gesträubt, bis es uns heute auf diesem Platze ganz zornig zusammenwirft. Ist es nicht so, Frieda? Ist es nicht so?«
Das Dirndel preßte die Hände ins Gesicht. »Ich hab' so gebetet da drinnen,« wimmerte sie, »so inständig gebetet zu der Mutter Gottes. Es ist alles umsonst! -- ~Ich kann ja auch nicht sein, ohne deiner!~« -- Mit diesem Schrei stürzte sie ihm an den Hals.
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9. Abschnitt.
Vom Schopper-Schub wissen wir, daß er seit Jahren die Jungmagd Frieda nicht mehr aus den Augen ließ. Er verfolgte immer ihre Spuren und oft war er in ihrer Nähe, ohne daß sie es ahnte. Beim Möstl in der Abachleuten war es ihm gar bequem, da konnte er sich aus seinem Holzschlag an den Samstagabenden und manchmal auch an den Sonntagnachmittagen einfinden, um mit ihr zu plaudern. Die ganze Woche hindurch freute er sich auf das Stündlein, an welchem er nahe bei ihr, wenngleich durch eine Wand getrennt, sitzen konnte. Es waren zumeist die allergewöhnlichsten Dinge, über die gesprochen wurde, aber dem Holzknecht war wohl, wenn er ihre Stimme hörte und wenn er sah, wie sie manchmal so kindlich lachte.
Also war er auch an diesem Sonntagnachmittage in die Abachleuten gekommen, beim Möstlhaus zugekehrt, hatte sich auf die Stubenbank hingesetzt und gesagt, er müsse doch ein wenig in den Schatten gehen.
»Ja,« hatte das Möstlweib neckend geantwortet, »Schattens wegen wirst du in die Abachleuten kommen! Den hast in deinem Siebenbacherwald weit besser. Wirst den weiten Weg heut wohl umsonst gemacht haben. Sie ist zu den sieben Lärchen hinauf wallfahrten gegangen.«
»So,« antwortete der Schopper ganz gleichgültig. »Da hat sie schon recht. Das Beten schadet niemandem.«
Und wenn das Beten niemandem schadet, dachte er für sich weiter, so wird's ja auch mir nicht schaden. Und stieg an gegen die Schabelhöhe. Er ging nicht den guten Fahrweg, er wählte die steileren, aber kürzeren Steige; Bergesmühsal gibt's für den Holzknecht keine, und durch den Wald hinauf mag er sich das Schlagholz ansehen. Als er auf die freien Weiden kam und auf die weiße Straße hinüberblicken konnte, sah er sie dort gehen, er erkannte sie ja schnell. Und einen Büchsenschuß hinter ihr eilte ein Mann drein. Der Schopper schärfte sein Auge und erkannte den jungen Adlerwirt von Kirchbrunn. -- Vor Überraschung wie gelähmt blieb er einen Augenblick stehen. -- Was ist das? -- Was ist das? -- Steht es so mit der Wallfahrt zu den sieben Lärchen? Ei, da wollen wir ihnen doch einen Baum über den Weg werfen. Ist denn schon alles falsch auf der Welt? Gut, alsdann will ich's auch sein. -- So seine Gedanken. Neuerdings zog er sich in den Wald zurück und lief durch denselben an der rückwärtigen Berglehne der Kapelle zu. Er kam früher hinauf als die anderen. Hinter der Kapelle kroch er in das Fichtendickicht und kauerte sich an die Holzwand, um durch eine Spalte in das Innere der Kapelle lugen zu können, während durch das Gezweige hin der Anger mit den Tischen sichtbar war. So beherrschte er den Schauplatz nach beiden Seiten. Er langte mit der Hand in seinen Sack, ob er das Messer bei sich habe. -- Ja, mein lieber Adlerwirt, ich habe dir's gesagt, und du hast es nicht geglaubt. Des Herrgotts Mühlen mahlen langsam, aber sicher! --
Er hatte gesehen, wie die Frieda beklommen in die Kapelle getreten war, und als er merkte, daß ihr Gebet ihm galt, da löste sich von seinem Auge ein salziger Tropfen los und rann über die rauhe Wange, durch den struppigen Bart bis an die Lippen. Dann stand plötzlich an der Tür der junge Adlerwirt mit heißbegehrendem Blick. Der Holzknecht erfaßte die Hirschhornschale seines Messers. Als er hernach vernahm, was draußen gesprochen wurde an den Tischen, jedes Wort des armen Burschen voller Unglück und voller Liebe, und wie das Dirndel dagegen ankämpfte, bis doch in beiden die wilde Allgewalt Siegerin ward -- da loderte in ihm Wut und Rachgier auf, daß der fliegende Atem glühte an seinem Munde. Und er stürzte mit gezücktem Messer hin auf das Paar. Die Frieda tat einen Schrei und wollte sich schützen unter dem Brette eines Tisches. Der Wolfram jedoch stand wie ein Baumstamm da und fragte: »Holzknecht! Was willst du?«
Diese starre Ruhe lähmte den Schopper für den Augenblick, denn er war auf Gegenwehr gefaßt gewesen und in einem Zweikampfe wollte er siegen oder fallen.
»Bist du da, um mich zu töten?« fragte der Wolfram. »So stoße zu. Ich habe mein Leben verspielt und wehre mich nicht. Willst aber ihr etwas zu Leide tun --!« Er ballte die Fäuste.
Dem Schopper sank der Arm mit dem Messer. Plötzlich wendete er sich, stürzte in das Dickicht und hastete davon durch den Wald hin. -- Halb betäubt war er, und seine Gedanken wurden wirr. -- Warum hast du es denn nicht getan? fragte er sich selbst. Und er selbst antwortete: Er hätte einen Bankbalken losreißen müssen. Nicht davonlaufen wollen und sich auch nicht wehren, wer kann denn da zustoßen? Einen Baum fällt man so, aber einen Menschen --. Und hernach, weiß ich denn, welches fort muß? Soll der Adlerwirt sterben? Ist er nicht der Ehebrecher und Verführer und der Räuber derer, die mir Gott gegeben hat? -- Oder soll sie sterben? Ist nicht sie die Ursache seiner Treulosigkeit, die den Sünder anlockt und einen treuen Menschen verschmäht, verachtet, in Verzweiflung treibt? -- Oder soll ein dritter sterben? Soll der Schopper sterben, weil alles aus ist, und freiwillig sterben, bevor er zum Mörder wird? Mir kommt's nur auf den Schuldigen an. -- Denn das sah er nun wohl, es war die unbändige, rasende Liebe, in welcher das junge wehrlose Menschenpaar hinschmolz wie Wachs im brüllenden Feuer eines brennenden Hauses. Armer Holzknecht, so wie du selber wehrlos bist gegen diese Macht, so sind auch sie es. Was können sie dafür! -- Du hast dir vorgenommen, Schopper-Schub, für die Frieda alles zu wagen und zu opfern, um sie glücklich zu machen. Siehst du es denn nicht, ~jetzt ist sie glücklich~! -- Was willst du denn noch? -- Einmal hast du dein eigenes Haus angezündet, weil es böse Ursach' ist gewesen. -- Kannst du rechnen, Holzknecht? Wenn du ein bißchen rechnen kannst, so sage, was mehr ist, eins oder zwei. Wenn zwei mehr sind als eins, so ist einer weniger als zwei. Laß die zwei sein, und den einen streiche weg. --
Also dachte der arme Mensch und ging -- ach wie traurig! -- den Holzhütten seines Tales zu.
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10. Abschnitt.
Wer genug Zeit und Tiefblick hat, um die Ursachen und Wirkungen zu betrachten, der wird -- sei es zu seinem Schreck, sei es zu seinem Trost -- finden, daß alle Fehltritte und Verstöße des Menschen gegen Sitte und Gesetz, gegen das Gute und Rechte überhaupt, sich fast allemal strafen, und zwar an derselben schuldigen Person oder an demselben Geschlechte. Schade nur, daß die Strafe nicht unmittelbar genug folgt, um stets als Strafe für Sünde und Vergehen empfunden zu werden. So mancher, der sein Elend selbst geschmiedet, hält sich für den Unschuldigsten von der Welt und ist geneigt, die Ursache dieses Elendes anderen in die Schuhe zu schieben. Solches Mißkennen führt ihn zu weiteren Fehlern und Ungerechtigkeiten, und im Gefühle des eigenen Sturzes sucht er auch andere mit sich zu reißen. Leichter kehrt der um, welcher ein schweres Verbrechen begangen, als einer, der tausend Fehler hat und den Mitmenschen täglich im kleinen tausendmal unrecht tut. Doch ist letzterer ebenso Verbrecher als ersterer, nur schreit er Zeter und Mordio, wenn endlich auch an ihn die Nemesis herantritt mit dem Richtschwert.
Frau Kunigunde hatte kaum eine Ahnung davon, daß sie eine der Hauptursachen an dem Niedergang ihres Hauses und die einzige Ursache an ihrem und ihres Mannes Unglück war. Sie war immer nur geneigt, alles auf ihren Mann, auf seinen Vater, auf alles andere zu schieben. Und je weher ihr ward, um so höher stieg ihre Verbitterung gegen die eingebildeten Feinde. Und das Schicksal nahm seinen Lauf.
Bei dem Adlerwirtshause zu Kirchbrunn hatte sich reges Leben entfaltet wie schon lange nicht. Allerhand Wägen kamen angefahren von oben und von unten und spannten aus, Bauern, Bürger und Herren waren da, Schacher und Händler, und die Wirtsstube war viel zu enge, auch im Vorhause und im Hofe standen Tische, und die Kellnerinnen liefen über die Gasse hin und her. Das gab doch wieder einmal ein Geschäft.
Meint ihr?
Da müßte man erst noch die Wirtsleute fragen. Der alte Adlerwirt lag bei einem Nachbar im Scheunenstroh und bat mit lallender Stimme fortwährend um Branntwein. Er wolle nie mehr nüchtern werden auf dieser verdammten Welt. Der junge Adlerwirt war seit Wochen verschollen. Im Siebenbachwald, so hieß es, wäre er einmal gesehen worden, aber ganz seltsam aufgeregt, er müsse etwas Besonderes im Sinne haben, man werde noch merkwürdige Geschichten von ihm hören. So kam es, daß auch Frau Kunigunde nicht ruhig sitzen bleiben konnte in ihrem Zimmer. Sie ließ ihre Mutter, der ja alles gleichgültig war, allein, und als sie auf einem Steirerwäglein und in ihrer tadellosen Trauerkleidung hübsch fein geputzt aus dem Hofe fuhr, klang in demselben das erste Mal der Ganthammer. Alles wurde versteigert im Adlerwirtshause, nur nach den Insassen war keine Nachfrage.
Frau Kunigunde fuhr in das Gebirge hinein. Sie hieß auf das Pferd dreinhauen, sie bewarf den Pferdeknecht mit Schimpfnamen, denn sie wußte ihrer Galle kein Ende. Was sie dem Knecht und dem Pferde antat, das war alles ihrem Manne vermeint. Dem Flüchtling! dem gewissenlosen Ausreißer! Solange er Geld erwartet von ihrem Vater, hat er den Hausherrn gespielt, jetzt weil nichts ist, weil alles in die Brüche geht, verläßt er sein armes Weib in Not und Schande und stromert in allen Weiten um, man weiß nicht wo und mit wem. Aber warte, Schelm, wir werden dich noch einfangen. Du sollst Gott erkennen lernen! Du sollst mir kirre werden! Hinwärts zieht mich noch das spottschlechte Roß, es ist aber vieltausendmal besser als du; herwärts sollst du den Bettelkarren ziehen, und daß du zahm wirst wie ein Pfründnerschaf und mir Brennesseln aus der Hand frißt, das soll meine Sorge sein. --
Unter solchen Liebesgedanken fuhr Frau Kunigunde auf die Suche nach ihrem Manne. Sie sprach bei manchen Häusern zu, schämte sich aber, geradehin zu fragen: Habt Ihr meinen Mann, den Adlerwirt von Kirchbrunn, nicht irgendwo gesehen? -- Ja, Frau Adlerwirtin, ist Euch Euer Mann durchgegangen? -- Das wäre eine hübsche Unterhaltung gewesen.
Also faßte sie es so: »Hat nicht mein Mann hier zugefragt?« -- »Wissen nichts, vor einer Woche oder wann haben wir ihn vorbeigehen gesehen.« -- »Sollte er nach mir fragen, so weiset ihn, ich bin vorausgefahren in den Siebenbacherwald, wegen des Holzkaufes.«
Bei den Holzknechthütten im Siebenbachwald ließ sie ausspannen und begehrte etwas zu essen.
»Ja,« meinte ein resches Holzerweib, »kein Wirtshaus ist halt bei uns nicht. Geißmilch mit Schoten, wenn's recht wäre?«
Von Herzen gern hätte Frau Kunigunde geantwortet, daß sie Schweinefutter nicht gewohnt sei, wäre nur ihr Hunger nicht gar zu groß gewesen. Während sie die Milch trank, erzählte sie, daß mit ihrem Mann eine Zusammenkunft draußen bei den drei Brücken verabredet gewesen sei, daß sie sich aber verfehlt hätten. Und sie fragte, ob er, der Adlerwirt von Kirchbrunn, nicht etwa hier herum gesehen worden wäre?
»Seid Ihr die Adlerwirtin?« fragte das Holzerweib. »Nachher glaub' ich's gern, daß er bei den drei Brücken nicht gekommen ist. Von Euch ist er ja eben davongelaufen, sagen die Leute.«
Frau Kunigunde warf eine Münze hin und machte sich entrüstet auf die Wander zu den Köhlerstätten.
Bei der Kohlenbrennerei fragte sie wieder an.
»Der Adlerwirt?!« schrie der alte Köhler, denn er war schwerhörig, daher hielt er auch andere dafür. »Weiß nichts davon. Aber der Vorknecht soll letzt' Zeit her alleweil vom Adlerwirt reden.«
»Wo ist denn dieser Vorknecht?«
»Der ist jetzt nicht da, der ist oben im Zagelwald. Für ein Weibsbild nicht gut hinaufzusteigen.«
»Ich ~will~ hinauf!« sagte Frau Kunigunde.
»Weiß nicht, ob es Euch viel nutzen wird,« meinte der Kohlenbrenner, »letzt' Zeit her ist der Schopper -- so heißt der Vorknecht -- nicht recht im Kopf, ganz kleinsinnig oder was lauter. Ist nichts Rechtes von ihm herauszubringen. Vom Adlerwirt redet er nächtig im Traum.«
Die Frau dingte sich einen herumlungernden Knaben und stieg mit diesem hinan gegen den Zagelwald. Mehrmals ging es in tiefen Schluchten über Sand, Gerölle und wuchtige Steinblöcke dahin an brausenden Wässern, mehrmals unter einem schwindelnd hohen Holzgerüste durch.
»Was das für ein hoher Steg wäre?« fragte die Adlerwirtin.
»Das ist kein Steg,« antwortete der Knabe, »das ist die neue Holzriesen, wo die großen Blöcker herabrutschen und zum Feierabend die Holzknechte selber. Wie viele Kreuzer krieg' ich denn dafür, daß ich mitgeh'?«
Nach einer Stunde waren sie auf der Höhe bei dem Holzschlag. Die Leute, welche hier arbeiteten, blickten einander nur so an, als sie vernahmen, die junge Frau wolle mit dem Vorknecht sprechen. Der Vorknecht sei aber gar nicht auf dem Schlag, der liege auf dem Buchenanger im Grase; er sage, er arbeite nichts mehr, und das liebe Christenvolk möge gesund bleiben und ihm an den Buckel gucken. »Wollt Ihr das, so könnt Ihr ihn ja aufsuchen,« setzte der Berichterstatter bei.
Da ist etwas dahinter! dachte Frau Kunigunde und ließ sich zum Buchenanger führen.
Der Schopper, als er sah, wer daherkam, sprang rasch vom Rasen auf. Er sah wirklich wild und wirr aus. Ohne viele Einleitung fragte sie in strengem Tone nach ihrem Manne, dem Adlerwirt.
»Was weiß ich?« knurrte der Holzknecht. »Habt Ihr mir ihn zum Aufheben geschickt?«
»Du weißt, wo er ist!« sprach sie scharf.
»So? Na, wenn ich's weiß, dann muß ich's freilich sagen. Den Adlerwirt hat sein Weib verlassen, da ist er zu einer anderen gegangen.«
»Wo er ist, will ich wissen!«
»Vor etlichen Tagen,« antwortete der Holzknecht gottlos ruhig, fast träge, »hat er sich auf der Schabelhöh' aufgehalten oder im Wirtshaus dort herum. Jetzt kann's sein, daß er drüben in der Abachleuten ist.«
»Ein Schandmensch! Ein Schandmensch!« keuchte sie, und fast verging ihr der Atem vor Wut. »Der soll das höllische Feuer beizeiten kennen lernen, dafür stehe ich gut!«
»Dieweilen sitzt er im Himmel,« sagte der Schopper. »Und ich wäre der Meinung, wer so fest drin sitzt, den laßt man sitzen.«
Frau Kunigunde hatte sich niedergelassen auf einem Baumstock, ihr zitterten die Beine.
»Wie weit ist's bis in die Abachleuten?« fragte sie.
»Zwei Stunden, wer gut antaucht.«
»Mein Gott, mich verlassen schon die Füße.«
»Wenn die Frau ein Stündlein wartet, so kann sie mit mir auf dem Brettel hinabrutschen,« sagte der Holzknecht.
Ja, sie wolle warten. Und der Schopper dachte: Herrgott im Himmel, was ist das für ein Schick! Ich rutsche mit seinem Weib auf der Riesen hinab. Und ganz plötzlich fuhr es ihm durch den Kopf: Wenn er mir die Meine nimmt, so nimm ich die Seine. Wert ist sie's, daß sie mit mir kommt. Es geht nichts über die Ordnung. Und nachher ist Fried. --
Dieweilen Frau Kunigunde erschöpft auf dem Baumstock saß und mißmutig den Holzhauern zusah, die immer Blöcke an die Riesen schleppten und hinabgleiten ließen, strich der Schopper wie halb verloren auf dem Schlage um. Manchmal blieb er stehen und starrte auf den Erdboden, dann hob er das krause Haupt gegen Himmel und schnappte nach Luft. Dann lachte er hell auf, und einer der Männer hörte ihn sagen: »Besser kunnt sich's nicht mehr reimen. Wer ungeschickt ist, der muß hinab, daß er anderen nicht im Wege steht.«
»Du, Franzel,« redete er, als die Abendstunde kam, einen Arbeiter an. »Wenn du einmal beim Möstl in der Abachleuten vorbeigehst, gelt, so bist so gut und gibst das Ding dort ab. Es ist für die Magd Frieda.« Damit gab er ihm ein rotes, zusammengeknulltes Tüchlein. »Und jetzt, Leute!« rief er laut hinaus über den Schlag, »jetzt ist Feierabend. -- Fahrt ihr nur voraus hinab, wir, ich und die Frau Adlerwirtin, rutschen hinten drein.«
Die Werkzeuge brachte man in Sicherheit, die Lodenröcke hing man sich über die Achsel, und da war's fertig.
Muldenförmige, vorn ein wenig aufgekurfte Bretter wurden in die Rinne der Riesen gelegt, und auf je einem solchen Fahrzeuge glitten ein oder auch zwei Mann hinab. In der Hand hatten sie lange Stöcke, mit welchen sie sich nötigenfalls leiten, anstemmen oder weiterschnellen konnten. Auf etwa hundert Schritte Zwischenräume wurden sie abgelassen. Anfangs glitt es gemächlich dahin, allmählich kam's in rascheren Lauf, und auf steileren Strecken sauste es unheimlich schnell dahin, manchmal an Erdeinschnitten und zweimal über grauenhaft tiefe Schluchten, aus welchen Schutt und Gestein und schäumendes Wasser heraufleuchtete. Über den schwindelndsten Stellen jauchzten einige. An den Rinnbäumen der Riesen dröhnte noch lange das Rollen herauf, selbst als die Bretter schon den Augen entschwunden waren.
Als die Holzknechte dermaßen alle angefahren waren, ging der Schopper zur Frau Kunigunde, die noch immer auf dem Stocke saß, machte eine kleine Verbeugung und sagte: »Also, Adlerwirtin, jetzt ist's an uns zweien.«
»Ist wohl doch keine Gefahr dabei?« fragte sie.
»Ihr seht ja, wie sie jauchzen unterwegs. In die ewige Seligkeit kann man nicht lustiger hineinfahren. Im Siebenbachwald gibt's halt keine so feinen Eisenbahnzüge wie in Geßnitz. Wir haben das lange Brettel mit zwei Sitzen. Ich setze mich voran, Ihr habt hinterwärts Platz. Nur frisch dran, Frau Adlerwirtin!«
»Es ist grauenhaft!« sagte die Frau.
»Nichts ist grauenhaft,« lachte der Schopper. »An fünf Minuten sind wir unten. Kommt nur. Prächtig wird's.«
»Ich will heut' ja noch weiterfahren.«
»Freilich, Adlerwirtin. Nur hübsch anhalten. Sitzen wir fest?«
»Ich sitze.«
»Also, im Gottesnamen!« Mit diesem Worte stieß der Schopper aus, und das Schifflein begann zu gleiten. Erst hielt der Mann mit beiden Händen den langen, derben Stock in die Luft. Vorwärts ging's rasch und rascher. Steiler wurde die Bahn, und da sauste das Brett pfeifend dahin. Es schoß über den ersten Abgrund, es schoß durch den Erdeinschnitt, es schoß dem zweiten großen Abgrunde zu, und als es hoch über der Schlucht rasend schnell hinglitt, senkte ganz plötzlich der Schopper den Stock, stemmte ihn vor sich in die Riesen, da sprang das Fahrzeug hinten empor, schlug über, und die beiden Menschen flogen in weitem Bogen durch die Luft -- stürzten in die Tiefe.
Ein ganz kurzer Schrei gellte durch die abendlichen Lüfte, und dann war nichts mehr zu hören als das rauschende Wasser in der Schlucht. -- --
[Illustration]
11. Abschnitt.
»Du, Alte!« schrie der Möstl in der Abachleuten seinem Weibe zu, als er von der Heuarbeit heimkam, »das wird nicht gehen mit der Frieda, 's ist schad', aber fortschicken mußt sie. Das Umziehen mit einem verheirateten Menschen können wir ja nicht leiden. Hab' sie just wieder auseinander gejagt allzwei.«
»Geh!« entgegnete das Weib, »bist doch nicht g'scheit! Schon wieder dagewesen ist er?«
»Soll ganz Kirchbrunn im Stich gelassen haben, sitzt jetzt da draußen im Zeilinger Hammer als Kohlenvermesser.«
»Das ist sauber,« sagte sie, »da hätten wir ihn alle Tag in der Hütten. Recht hart ist mir um die Magd, aber wenn sie's so macht, soll sie gehen, lieber heut' als morgen.«
»Ein Plangen haben die zwei zu einander, rein als ob's ihnen wär' angetan worden. Der Vorknecht Schopper soll ganz toll sein drüber, ich glaub's. Wenn nur da kein unliebsamer Handel herauskommt. Alte, der Schopper, wer ihn kennt, das ist ein gefährlicher Mensch!«
Noch sprachen sie so, als ein Holzknecht aus dem Siebenbachwald hereinstolperte. »Abrasten muß ich,« sagte er als Gruß und setzte sich gleich auf die Bank. »Bist eh daheim, Möstl, ist mir recht. Habt es schon gehört? das groß' Unglück im Siebenbachwald? Gestern auf dem Abend. Beim Abrutschen. Von der neuen Riefen in die Karwasserschlucht gestürzt!«
»Mutter Anna!« rief der Möstl aus. »Wer denn?«
»Er -- der Schopper und ein fremdes Frauenzimmer!«
»Was sagst?«
»Die Adlerwirtin von Kirchbrunn soll's gewesen sein.«
»Was sagst?« schrie der Möstl und lachte auf.
»Na ich danke, wer bei so was lachen kann!« sagte der Holzknecht.
»Ist nicht schlecht gemeint,« redete das Möstlweib drein. »Der lacht alleweil, hat's Weinen und's Lachen in einem Sackel beisammen.«
»Der Schopper und die Adlerwirtin!« murmelte der Möstl und faltete die Hände. »Aber Herr, himmlischer Vater, ist das dein Ernst?« Er lachte wieder.
»Wir können es uns auch gar nicht denken, wie es geschehen ist,« berichtete der Bote. »Es kann was dahinterstecken. Wird schon aufkommen. Schauderlich, wer's gesehen hat! Von ihr ist kein Knocherl ganz verblieben. Bei ihm fehlt nur der Kopf.«
»Aber mein Gott!« rief das Möstlweib, »wie soll sich denn ein Christenmensch so was zusammenreimen!«
»Ist nicht eine Magd Frieda bei Euch da?« fragte der Holzknecht. »An die hab' ich ein Tüchel abzugeben. Ich weiß nicht, mir hat's der Schopper zugesteckt, gerade vor dem Unglück. Wir kennen uns nicht aus. Ein Knoten ist im Tüchel und ein Papierl ist drinnen, aber wir können keiner lesen. Weil ich's versprochen hab', daß ich der Magd Frieda die Sach' übergeben will.«
Alsbald wurde die Magd von der Wiese heraufgerufen.
»Du Frieda,« redete der Möstl sie an, »der da, der hat was für dich.«
Mit Hast löste sie den Knoten, mit zitternden Fingern entwirrte sie das Papier, es war ein abgerissenes, graues Streifchen, und darauf standen mit grobem Bleistift ungefüg geschrieben die folgenden Worte:
»Liebe Friederika!
Bin überflüssig, mach mich davon. Nehm auch eine andere mit, die Euch im Weg möchte stehen. Mehr kann ich nicht tun für Dich. Sei glücklich mit ihm.
Schubhart Schopper.«
* * * * *
Also hat sich's zugetragen. Und was wird jetzt geschehen sein? Alles Menschengeschick steht in Gottes Hand, alles vollzieht sich nach seinem Ratschlusse und fast nichts nach dem Sinne der Menschen.
Als die Magd Frieda in dem Opfertode des armen Waldmenschen seine unermeßliche Liebe zu ihr besiegelt sah, als das letzte Hindernis gefallen war zwischen ihr und dem Adlerwirt, daß sie sich nun vor Gott und der Welt hätten können die Hände reichen -- fand sie, daß ihre heiße Leidenschaft für Wolfram anfing zu schwinden. Was war das für ein Unterschied! Was sind die gewöhnlichen Männer für zage, gemeinsinnliche, engherzige Schelme gegen diesen einen einsamen, heldenhaften! Von diesem allein war sie geliebt worden mit einer Liebe, wie wenigen Weibern auf Erden sie zuteil wird, mit einer Liebe, die stärker ist als der Tod. -- Aber gekannt hat er es nicht, das Weibesherz, sonst hätte er im voraus wissen müssen, daß sein Opfer umsonst ist.
An demselben Tage, als die Reste der beiden Verunglückten auf einem kleinen Alpenkirchhofe still bestattet worden waren, schrieb die Frieda einen Brief an den Adlerwirt:
»Lieber Wolfram!
Weil das geschehen ist, muß es aus sein und ganz aus sein bei uns zweien. Er tät' immer zwischen uns stehen mit seinen blutigen Wunden. Ich habe wohl einmal gemeint, ich kunnt Dich glücklich machen, jetzt nimmer. Und im Unglück bist schon genug gewesen. Du bist frei geworden vor drei Tagen, ich habe geheiratet. Sein Sterbetag ist der Hochzeitstag zwischen ihm und mir geworden. Ich bin sein, und Du wirst auch wieder eine andere finden. Ich wünsche Dir alles Gute, und was vergangen ist, das soll vergessen sein.«
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Nachwort zu dieser Geschichte.
(Als Ohrenbeichte an den Kritiker.)