Part 1
Anmerkungen zur Transkription
Das Original ist in Fraktur gesetzt. Im Original gesperrter oder unterstrichener Text ist _so ausgezeichnet_. Im Original in Antiqua gesetzter Text ist ~so markiert~.
[Illustration: Cover]
Rein / Die Friedensburg bei Leutenberg
Thüringer Heimatbücher
Veröffentlichungen des Thüringer Heimatbundes
Band I
Berthold Rein
Die Friedensburg bei Leutenberg
*
[Illustration]
1·9·2·5
Der Greifenverlag zu Rudolstadt (Thür.)
Berthold Rein
Die Friedensburg bei Leutenberg
Eine thüringische Grenzfeste
und ihre Bewohner
*
[Illustration]
1·9·2·5
Der Greifenverlag zu Rudolstadt (Thür.)
Die Ausstattung besorgte Willi Geißler
Alle Rechte vorbehalten. Copyright by Greifenverlag Rudolstadt 1925. Gedruckt von Mänicke & Jahn A.-G., Rudolstadt, in der Ehmcke-Fraktur. Buchbinderarbeit ebenfalls von dort.
[Illustration]
Vorwort
Die Friedensburg ist oft das Ziel von Wanderungen oder der Ort, wo Erholung in der frischen grünen Bergwelt gesucht wird. Wer die eigenartige Stimmung genießt, die das Schloß vermittelt, empfindet dann auch den Wunsch, etwas von den vergangenen Geschlechtern zu vernehmen, die hier gelebt haben, und aus deren Lebensbedürfnissen heraus die Gebäude entstanden sind. Die Frage wird dann oft gestellt: Wann ist die Burg gebaut worden? – Die Antwort kann nur lauten: Eine Burg ist das Werk von Jahrhunderten! – Man hat ihre Geschichte abzulesen an der Form der Bauteile, am Baustoff, an gediegener oder flüchtiger Arbeit und an den Schmuckbeigaben ihrer Einrichtung. Aber diese Formenschrift zu entziffern, gelingt nicht ohne weiteres und ist nicht jedem geläufig. Dann erhebt sich die Frage nach geschichtlicher Belehrung in Büchern oder Urkunden. Gedruckte Literatur über Leutenberg ist nur ganz spärlich vorhanden. Einzelaufsätze sind in Fachschriften zerstreut. Die Urkunden der Stadt sind Opfer der Feuersbrünste geworden, mit denen Leutenberg heimgesucht wurde wie kaum eine zweite Stadt. Die Urkunden im ehemals Fürstlichen, jetzt Thüringischen Staatsarchiv zu Rudolstadt sind noch nicht zusammenhängend durchforscht worden auf Leutenberger Nachrichten hin.
Durch das überaus gütige Entgegenkommen des Staatsarchivars Herrn Geheimen Rat Dr. Bangert, der auf Ordnung und Verzeichnisse der Archivschätze die Kraft eines vollen Manneslebens verwendet hat, war es mir möglich, die unter vielen Gesichtspunkten zerstreut liegenden Angaben zu finden und in knapper Fassung zusammenzustellen. Die Bilderschätze der Heidecksburg in Rudolstadt, die aus dem sechzehnten und siebzehnten Jahrhundert erhalten geblieben sind, haben, soweit sie Leutenberg betreffen, die heimatliche Forschung noch wenig beschäftigt. Was davon deutlich zu erkennen und nachzuweisen war, habe ich hier mit verwertet und berücksichtigt.
Die Stammtafeln des Hauses Schwarzburg von Oskar Vater haben mir bei der Arbeit wesentliche Hilfe geleistet. Für das späte Mittelalter diente Paul Jovius, ~Chronicon Schwarzburgicum~, als Wegweiser, doch war dabei manches zu berichtigen.
Meine Aufgabe erblickte ich nicht in gelehrter Deutung der Nachrichten, sondern in schlichter, allgemein verständlicher Schilderung des Lebens, das sich die Jahrhunderte hindurch auf der Burg abgespielt hat. Heimatliebe hat mich dabei geleitet. Heimatkunde tut uns not.
Rudolstadt, Frühjahr 1925. Dr. Berthold Rein.
Schriftliche Urkunden über die Burg Leutenberg im frühen Mittelalter fehlen. Der Gipfel des steilen Berges eignete sich als Zufluchtstätte, hier konnten die Bewohner des Ortes Hab und Gut unterbringen, wenn im Tal Unruhen drohten. Der Blick reichte von hier über Täler und auf Höhen, wenn feindlicher Zuzug zu befürchten war. Als Fluchtburg und Wachtburg mag dann ein festes Haus entstanden sein für einen Burgvogt. Dieser übte den Landesschutz aus und überkam allmählich Herrschaftsrechte.
Der Reichtum der Gegend bestand in Feldbau und Viehzucht, Wiesen- und Waldflur, Wildbahn und Fischwasser, sowie im Bergwerk. Flößerei und Kohlenbrennerei wurden zeitig ausgeübt. Deutsche und sorbische Bevölkerung, Ackerbauer und Viehzüchter, wohnten nebeneinander und hatten oft einen Schiedsrichter nötig, um nachbarlich in Frieden auszukommen. Wander- und Handelsverkehr führte von Norden und Osten namentlich nach Süden vorüber, bedurfte sicheren Geleites und trug dafür Zollabgaben ein. Als Unterbehörden dienten die adeligen Gutsbesitzer, die auf Anruf Bewaffnete zu stellen hatten. Am lebhaftesten war der Verkehr und am stärksten die Verantwortung da, wo der Weg über den Roten Berg in das Saaletal bei Eichicht einmündete und in das Loquitztal weiterlief. Das scharfe Auge und die starke Hand des Burggrafen überwachte und beschirmte die Ordnung der ganzen Herrschaft. Diese war nach Osten deutsches Grenzgebiet gegenüber dem stark gemischt deutsch-sorbischen Vogtland und dem bis in späte Zeit mangelhaft überwachten und unsicheren Böhmen.
Vom zwölften Jahrhundert an erscheinen Grafen aus dem Hause Schwarzburg als Bewohner des festen Hauses Leutenberg. Ein Heinrich von Leutenberg besitzt um 1187 den Wald Winthagen bei Ludwigstadt, ein anderer unterschreibt 1301 einen Kaufbrief als Zeuge.
Aus dem vierzehnten Jahrhundert stammt im wesentlichen der massive Westflügel der bis heute erhaltenen Burganlage. Er schmiegt sich im Grundriß als Viereck mit stumpfen und spitzen Winkeln dem Felsboden an, ist kräftig unterkellert und wurde von vier Rundtürmen flankiert, deren stärkster noch heute links am Torweg aufsteigt.
Am 30. Juli 1326 verkaufte der kinderlose Graf Günther XV., oberster Landrichter von Thüringen, auf einer Tagung der Schwarzburger zu Erfurt das Haus und die Stadt zu »Luthenberg« an seine Vettern Heinrich IX. und Günther XVIII. Seine Neffen, Heinrich X. in Arnstadt und Günther XXI. in Blankenburg, der spätere Deutsche König, stimmten zu, daß dieser Teil des Schwarzburgischen Erbes von dem gemeinsamen Besitz abgetrennt wurde. Das ließ sich insofern leicht ausführen, als nicht andere Lehensherren dabei mitzusprechen hatten, denn die Herrschaft Leutenberg war unmittelbares Reichslehen.
Heinrich IX. war Pfleger und Oberamtmann in Thüringen, er starb 1361. In erster Ehe war er vermählt mit Helene von Schaumburg. Ein Jahr nach deren Tode schloß er 1342 eine zweite Ehe mit Helene, einer Tochter Friedrichs IV., des Burggrafen von Nürnberg. Sie brachte als Witwe Ottos V. von Orlamünde-Lauenstein den Leutenberger Grafen Beziehungen zu der Nachbarburg über dem Loquitztal ein.
Heinrichs IX. Söhne teilten 1362 ihren Besitz in der Weise, daß Günther XII. auf der Schwarzburg blieb und Heinrich XV. seinen Sitz in Leutenberg erhielt. Er heißt 1367 Graf zu Schwarzburg und Herr zu Leutenberg und ist der Stammvater der Leutenberger Linie, die bis 1564 blühte.
Die Leutenberger Grafen und Gräfinnen, die durch Beruf und Schicksal veranlaßt wurden, die heimatliche Burg zu verlassen, nehmen in der Kriegs- und in der Kirchengeschichte von Deutschland, wie in der Geschichte der Schwarzburgischen Länder, ehrenvolle Stellungen ein. Von denen, die in der Heimat ihr Leben beschlossen, wurden mehrere in einer Gruft an der Klosterkirche bestattet. Diese stand östlich von der heutigen Stadtkirche, wo sich jetzt die neue Schule erhebt, und erlag dem großen Brande im Jahre 1800.
Heinrich XV., 1359–1402, war noch ein Kind, als sein Vater starb. Seine Mutter, zum zweiten Male Witwe geworden, mußte sich fürsorglich ihres Sohnes und seiner Erbschaft annehmen. Heinrichs Halbbruder Gerhard war erfolgreicher, tatkräftiger Staatsmann und streitbarer Held als Bischof von Naumburg und Fürstbischof von Würzburg. Heinrichs Gemahlin, Anna von Gleichen, pflegte besonders ihren Besitz Remda. Das Leutenberger Schloß wird 1375 kriegsbereit genannt. Es mag um diese Zeit für die kinderreiche Herrschaftsfamilie und deren Hofhaltung erweitert worden sein durch Anbau nach Norden hin, soweit heute das massive Haus am obersten kleinen Schloßhof reicht.
Heinrich XXII., 1375–1438, folgte seinem Vater 1402 in der Herrschaft. Er hatte den Bergbau auf Gold zwischen Saalfeld und Lauenstein zu verteidigen gegen die Übergriffe und Ansprüche der Markgrafen von Meißen, die von Saalfeld aus vordrangen. Seine Gemahlin Elisabeth von Orlamünde brachte ihm mit ihrem Heiratsgut Orlamünde auch den Lauenstein zu. Kriege und Aufläufe entstanden daraus namentlich um den Goldberg. Ein Vertrag zwischen den Schwarzburger, Orlamünder und Leutenberger Grafen sollte den Fehden 1404 ein Ende setzen durch die Grenze »bei der Geßra«. Die Erb- und Besitzstreitigkeiten ruhten aber nicht und machten richterliche Entscheidungen auf dem Konzil zu Konstanz nötig.
Das Urteil ist enthalten in einer Urkunde vom 30. April 1417. Im Augustinerkloster zu Konstanz verrichtet als Hofrichter König Sigmunds sein Amt Günther XXVIII., Graf von Schwarzburg und Herr zu Ranis. Heinrich von Leutenberg klagt gegen Günther von Schwarzburg. Er fordert »alle die Brief, die do hielten über Lutemberg, Schloß und Stat, – über Lantzendorf, Jamen, Glide, Lemtze, Hersdorf, Grüne, Witensberg, Gortzbach, Ußel, Heuendorf, Smydbach und über die Gut, die er het zu der Lichtentann, Wittichendorf, Rode, Steinbach, Zelle und über die Pröpsty und Behusung doselbs, Cüschinde, Hogkenruwe, über die Smydt doselbs, über Lockuwitz, Lasen, Arembach, Dolen, Knobelichstorf, Fischersdorf, Bretternitz, Duswitz, Eichich, über die Fischwasser an der Sal und über die zwey Wasser, genant die Sorowitz, und die Loquwitz, über Lomen, Munswitz, Steisdorf, Swendichen, Ylmen, Aldengeseße, Rupelsdorf, Wisebach, Hersbach, Swymbach, Ezelrode, über die Fischwasser und Mülen, Wisewachs und über alle ire Tyche, wo die legen in den obgeschrieben iren Guten«.
Die Urkunden über den gemeinsamen Besitz, wie Langewiesen, müssen »in ein gemein Hand« gelegt werden, die über Remda, das Erbe von mütterlicher Seite, sowie über die Herrschaft Leutenberg müssen dem Kläger ausgeliefert werden.
Abgesehen von geringen Veränderungen hat das Leutenberger Gebiet seinen Bestand bis in die Neuzeit behalten. Nachbarländer waren im fünfzehnten Jahrhundert die Landgrafschaft Thüringen bei Saalfeld, die Markgrafschaft Meißen bei Ziegenrück, nach Osten die Grafschaft Reuß, nach Süden die Burggrafschaft Nürnberg und das Bistum Bamberg. Da die Grafen der Leutenberger Linie zugleich Anteil an dem Stammgebiet Schwarzburg behielten, ergaben sich die vielfachen schwierigen Auseinandersetzungen bei jeder Erbteilung.
Heinrich XXV., 1412–1463, übernahm 1438 das Erbe seines Vaters und bahnte friedlichen Ausgleich mit der sächsischen Nachbarschaft an. Er war verheiratet mit Brigitte von Reuß-Gera, der Witwe eines Herrn von Schönburg zu Glauchau. Die Ansprüche von verwandten und verschwägerten Nachbarn wollten nicht zur Ruhe kommen. Als er vorübergehend von der Burg abwesend war, benutzte Graf Ludwig von Gleichen die Gelegenheit zu einem Überfall. Vom Lauenstein aus rückte er nächtlicherweile 1447 vor den Burgeingang, wurde hier aber gestellt. Die schwache Besatzung hielt ihn auf bis zum Anbruch des Tages. Dann zog er ab. Dieses mehr heiter als ernst zu nehmende Ereignis aus der Zeit des Faustrechts würde wohl vergessen sein, wenn es nicht 1793 in einer romantisch-scherzhaften Ballade dichterisch verherrlicht worden wäre.
Auf Fürstentagen zu Naumburg, Erfurt, Halle und Zeitz strengte man sich an, die Besitzstreitigkeiten um die Grenzgebiete beizulegen. Ein Vergleich kam schließlich in Gera zustande. Von diesem Friedensschluß will man die Benennung der Burg ableiten, doch kommt der Name Friedeburg tatsächlich erst in Schriftstücken des achtzehnten Jahrhunderts vor, als man anfing, im Auftrage der Staatsbehörde geschichtliche Aufzeichnungen zu sammeln.
Heinrich XXV. starb in Leutenberg und wurde in der Grafengruft beigesetzt. Er hatte dem Kloster am Fuße seines Schloßberges vier Schock ewigen Zinses aus dem Dorf Laasen vermacht. Seine Witwe fügte für Prior und Konvent noch fünf Gulden jährlichen Zins hinzu. Ein gewaltiger Brand legte kurz vor seinem Tode fast die ganze Stadt in Trümmer. Die Burg bewährte sich dabei als Zufluchtstätte für Obdachlose.
Balthasar, 1453–1525
Heinrichs Sohn Balthasar war erst zehn Jahre alt, als er den Vater verlor. Seine Erziehung muß christlich, ritterlich und wissenschaftlich geleitet worden sein, doch sind nähere Angaben darüber nicht mehr aufzufinden. Gelehrte Schriftsteller, die ihn persönlich kannten, schildern ihn als ernsten Herrn von jähem und starkem Sinn, doch von rechtschaffenem und aufrichtigem Gemüt. Sein Schriftwechsel hat sich zu einem großen Teil erhalten. Wer sich in diese Berichte und Geisteserzeugnisse vertieft, empfindet den Leutenberger Grafen als Seelenverwandten seines großen Zeitgenossen Luther. Er war eine gerade Natur, streng rechtlich, kampfbereit, gütig und milde gegen Schwache, ritterlich-scherzhaft und begabt mit treffendem Mutterwitz.
Kaum achtzehn Jahre alt kündigte er seinem Vetter Heinrich XXVI. die Vormundschaft und nahm die Verwaltung seines Besitzes zielsicher in die eigene Hand. Er fand viel aufzuräumen. Alte Überlieferungen hatten sich verschleppt und unhaltbare Zustände erzeugt. Sein ganzes Leben sollte ein Kampf werden, daheim in Grenz- und Rechtsverhandlungen, fern der Heimat in Kriegsdiensten. Über die letzteren mögen die Akten in Süd- und Norddeutschland zerstreut liegen, über die ersteren werden wir gut unterrichtet durch die sorgfältige Art, wie er Briefentwürfe aufbewahrt.
Im Jahre 1472 vertritt der Neunzehnjährige seine Hoheitsrechte über die Rittergüter. Gegen Kunz und Reinhart von Mosen führt er einen Prozeß über die Einkünfte des Lauensteins bis vor die Feme, »den Freien Stuhl des Heimlichen Gerichts zu Volkmarsen«. Von 1474 an wahrt er seine Lehensansprüche in Verhandlungen mit dem Rat zu Erfurt. Zu gleicher Zeit läuft ein Rechtsstreit gegen seinen Vormund um Anteile an der gemeinsamen Herrschaft Schwarzburg, besonders um das Dorf Langewiesen. Heinrich schlägt die sächsischen Herzöge als Schiedsrichter vor, Balthasar weist sie zurück. Er mißtraut ihnen wegen der Saalfelder Nachbarschaft und erkennt sie überhaupt nicht als zuständige Behörde an, da er unmittelbarer Reichsgraf ist.
Als Freund des jungen Herzogs Georg von Bayern-Landshut nimmt er 1475 an dessen prunkvoller Hochzeit mit der Tochter des Polenkönigs Kasimir in Landshut teil. Fast alle Fürsten Mittel- und Süddeutschlands samt Kaiser Friedrich III. und seinem Sohn Maximilian waren zugegen. Balthasar muß sich gut eingeführt haben, denn Georg der Reiche empfiehlt ihn an Kurfürst Philipp nach Heidelberg, und beide setzen den Schwarzburger 1478 als Pfleger der Herrschaft Heideck ein, die südlich von Nürnberg liegt. So war Balthasar mit fünfundzwanzig Jahren Verwaltungsbeamter und militärischer Befehlshaber geworden, und er behielt diese Würden inne bis 1505.
Inzwischen kämpft er auf eigene Faust hartnäckig gegen den Bischof von Würzburg um Ansprüche, die er von seinen Eltern ererbt hat. Dieser Feldzug endet zwar glücklich für ihn, setzt ihn aber in Schulden, da viel Kriegsvolk zu entlohnen ist. Rührend nimmt sich aus, wie er in einem Briefe an die Mutter in Leutenberg mit den Seinen daheim fühlt und sorgt: »Liebe Frau und Mutter, ich bitt Euch gar freundlich, Ihr wollet Euch Erhart von Waldenfels Hausfraue und das Seine lassen befohlen sein, angesehen daß er in meinem Dienst ist. Das will ich allweg um Euch verdienen.«
Bis 1486 steigert sich seine wirtschaftliche Bedrängnis. Auf Mittwoch nach Neujahr setzt er eine Tagung im Rathaus zu Leutenberg an, um die Herrschaft Leutenberg an seinen Vetter Heinrich XXVI. zu verkaufen. Dieser erscheint aber nicht und gibt später vor, er habe seinen Dienst bei Herzog Albrecht von Sachsen nicht verlassen können, außerdem sei Leutenberg beschwerlich von Leipzig aus zu erreichen. Als Balthasar hört, daß Heinrich sich Langewiesen vom Kaiser hat verschreiben lassen, sammelt er Streitkräfte. Darauf nehmen sich Kurfürst Friedrich der Weise und Herzog Johann von Sachsen ihres Rates und Vasallen Heinrich an und verwarnen seinen kampfbereiten ehemaligen Mündel. Trotzig antwortet dieser, er habe nicht zum Angriff, sondern zur Verteidigung gerüstet, und entschieden weist er die Sachsen auch nur als Unterhändler zurück. Unfruchtbar verläuft daher ein besonderer Versöhnungsversuch in Torgau 1487. Als Heinrich XXVI. stirbt, ist Balthasar wieder in sein Amt nach Landshut zurückgekehrt. Er erklärt sich von dort aus bereit zu einem Vergleich, dann kann die Fehde 1488 in Jena beigelegt werden.
Auf der Burg Leutenberg beginnt drei Jahre später ein Neubau im Anschluß an das alte Haus. War Hofhaltung und landwirtschaftlicher Betrieb durch die Amtsleute stark erweitert worden? Waren die leichten Anbauten aus Vaters Zeiten verwittert? Hegte der bald Vierzigjährige trotz aller scherzhaften Abrede doch Heiratsgedanken? Einen Teil seiner landesherrlichen Befugnisse, das ~Jus patronatus~, übertrug er dem Prior seines Klosters Johannes Ellinck, einem geborenen Leutenberger. War es christliche Andacht, war es der Wunsch, die Ritterschaft des Heiligen Grabes zu erwerben: er beschließt, nach Jerusalem zu wallfahren. Er errichtet sein Testament, nimmt 6000 Gulden auf bei den Äbten von Saalfeld und Paulinzelle und verschreibt ihnen dagegen den dritten Teil der Herrschaft Leutenberg. Auf dieser Palästinafahrt 1493–94, an der auch Friedrich der Weise und Lukas Kranach teilnehmen, lernt Balthasar die sächsische Ritterschaft kennen, darunter seine späteren Schwäger, die Grafen von Sack zu Mühltruff. Zurückgekehrt vermählt er sich 1495 mit deren Schwester Anna, einer feinen und sorgsamen Hausfrau und Landesherrin.
Schon 1496 zieht ihn der Waffendienst wieder in die Ferne, obwohl das häusliche Glück durch ein Söhnchen befestigt worden war. Kaiser Maximilian rüstete gegen König Karl von Frankreich, und Balthasar folgt seinem Aufgebot nach Italien. Die Kosten für den Aufwand von Rittern und Knechten deckt eine Anleihe bei dem Abt von Paulinzelle.
Leutenberg erhielt in demselben Jahre ein neues Stadtrecht entsprechend den veränderten Lebensverhältnissen. Schon 1497 scheint Balthasar wieder daheim zu sein, denn seine schriftlichen Befehle an seinen Schreiber Johann Siebensun wettern über liederliche Wirtschaft mit Frauensleuten in Schwarzburg: »Dann ob du mehr dergleichen übest, so wollten wir dich strafen, ob du gleich neun Weihen auf der Platten sitzen hättest.«
Inzwischen waren Balthasars Beziehungen zu den Sachsen vertrauensvoll geworden, so daß er 1498 als Schiedsrichter zwischen Herzog Georg von Sachsen und dem Pfalzgrafen bei Rhein, Herzog Georg in Ober- und Niederbayern, angerufen wurde, als diese wegen Sitz und Stimme im Reichstag verhandelten.
Von Heideck aus beklagt sich der um die Heimat Besorgte, daß er von seinem Vetter Günther in dem Anteil an der Herrschaft Schwarzburg geschmälert wird. Er möchte dieses Anrecht am liebsten verkaufen. Seine Amtsleute weist er an, sie sollen auf der Hut sein, man hat ihm in Nürnberg berichtet, Leutenberg soll überfallen werden. Im Mai 1500 ist er bereit, seinen Teil an der Grafschaft Schwarzburg seinem Vetter abzutreten gegen 7000 Gulden auf Wiederkauf. Für 1379 Gulden verkauft er Unterloquitz an den Abt Georg von Saalfeld.
Ein Aufgebot Georgs des Reichen ergeht 1501, der bayrisch-pfälzische Erbfolgekrieg bereitet sich vor. Auch Balthasar folgt dem Ruf. Er wird 1503 Hauptmann von Ingolstadt, und als sein fürstlicher Freund am Ende des Jahres stirbt, tritt er für dessen Schwiegersohn Ruprecht von der Pfalz ein, dessen Gegner von den Sachsen unterstützt werden. Dann löst er 1504 seine Beziehungen zu den Bayern und nimmt sächsischen Dienst an als Rat Friedrichs des Weisen und Johanns des Beständigen. Am 10. September 1505 verzeichnen seine Büchsenmeister Peter Vischer und Hans Kessel gewissenhaft das Kriegs- und Hausgerät, das von Heideck nach Leutenberg überführt worden ist. Es war eine stattliche Anzahl von Notschlangen und Büchsen in der Burg unterzubringen, Pulvervorräte und Geschosse waren im Turm zu verstauen, die Pulvermühle samt Zubehör fand im Pfarrhofe Platz, Rüstungen, Jagdzeug, Kleider und Betten waren zu versorgen.
Der Fünfzigjährige richtet sich neu in der Heimat ein, hat aber wie alle großen und kleinen Landesherren seiner Zeit viele Sorgen um die täglichen wirtschaftlichen Fragen. Er beginnt zu klagen, wie er »ytzo mit Vehden und großen Handlungen beladen« ist, und beruft sich gern auf seine ritterliche Ehre: »wir sind ein frummer und tugendlicher Graf zu Schwarzburg«.
In einem erregten Briefwechsel, bei dem die Boten zwischen Leutenberg und Saalfeld hin und her hasten, setzt er dem Abt Georg zu, Spielschulden zu bezahlen an Leutenberger Untertanen. Er schont zunächst dessen geistliche Würde, erinnert ihn aber schließlich notgedrungen und immer kräftiger daran, wie »Spott, Beschämen und Schaden mag erwachsen«, wenn die Öffentlichkeit erfährt, »Ihr habt gespielt, seid trunken gewesen und Geld darob schuldig worden«.
Aus Balthasars Niederschriften geht als ergötzliches Sittenbild jener Zeit hervor ein Beleidigungsprozeß mit Klage und Wiederklage in den Jahren 1506–1508. Dr. Kitscher, ein geistlicher Beamter der sächsischen Kurfürsten, schleicht sich an den Generalvikar der Augustinerorden, Dr. Staupitz, auf einem Fürstentag zu Koburg heran, um ihm ein günstiges Urteil über seine Amtsführung zu entlocken. Staupitz, der scharfe Menschenkenner und später der Förderer Luthers, spielt aber vorsichtig darauf an, daß er erfahren hat, Kitscher lebt in unsittlichen Beziehungen zu einer adeligen Jungfrau aus Weida und zu einer Bübin in Altenburg. Kitscher, höchst enttäuscht und entrüstet, greift zur Feder und veröffentlicht eine urkräftige Schmähschrift gegen Unbekannt. Er will erzwingen, daß ihm der Urheber der Gerüchte genannt wird. Allmählich verlautet, daß der Leutenberger Graf scherzhaft derbe Ausdrücke über Kitschers blühendes Aussehen und weltliche Gewohnheiten geäußert hat. Nun spitzt sich die Feindschaft zu. Balthasar fühlt sich durch jene Schmähschrift getroffen und an seiner Ehre gekränkt. Wie um sich selbst Standhaftigkeit einzuflößen, zeichnet er in seinen Briefentwurf zwei gekreuzte Degen mit der Umschrift: »Halt hart, liebe werte Schwarzburg!« Er setzt dann auch dem Gegner markig zu, bis dieser sich unter dem Druck seines nicht recht sauberen Gewissens windet und schließlich klein beigeben muß. Ein Vergleich kommt 1508 zustande und wird auf einem Blatt mit schönen gotischen Lettern von Weimar aus veröffentlicht.
In demselben Jahre gibt Balthasar seiner Stadt Leutenberg ein neues Stadtregiment »mit Rat und Bedenken der Bürgermeister und Ratspersonen«.
Im Jahre 1509 baut er eine neue Schmelzhütte mit sechs Öfen, und seitdem pflegt er auf Grund der Erfahrungen, die er in der sächsischen Verwaltung gesammelt hat, den Bergbau um Sormitz, Loquitz und Saale. Als Schutzherr der Kirche beweist er sich 1512, indem er das verfallene Gotteshaus am Fuße seines Burgberges zu Ehren der Maria Magdalena neu errichten läßt. Seinen Anteil an der Herrschaft Schwarzburg verpfändet er abermals, doch den Weinwachs zu Blankenburg läßt er sich wohlweislich nicht entgehen.
Aus seinem sächsischen Amt entlassen, erhält er ein Gnadengeld von 50 Gulden vierteljährlich »in Ansehung der treuen, willigen und nutzbaren Dienstbarkeit«. Feinsinniges Verhalten und bescheidenes Selbsturteil geht aus seinen Eingaben nach Weimar hervor.
Seine Klagen wiederholen sich, er fühlt sich »mit Schwachheit umgeben und mit schwerem Gemüt« beladen. Zu Schiedsrichterämtern ruft man ihn nach Bamberg, Böhmen und Sachsen, er muß sich immer mehr wehren gegen Reisen nach auswärts: »Ich han so eine unlustige Krankheit, daß ich mich billich vor allen ehrenwerten Leuten schäme.«
Um Ordnung in seinen Haushalt zu bringen, greift der einst so Freigebige und Uneigennützige auf alte Außenstände zurück. Es entwickelt sich ein lebhafter Briefwechsel mit seinen Schwägern Hans und Kaspar Sack zu Mühltruff und deren Schwager Ulrich von Zedwitz. Balthasar hat »den Säck« auf ihrer Palästinafahrt Vorschüsse geleistet. An diese erinnert er jetzt eindringlich, auch erwartet er, daß seiner Frau nun endlich ihr Erbteil ausgezahlt wird. Die Schuldner schweigen sich aus. Später ergehen sie sich in trotzigen Reden gegen die Leutenberger Boten, erwidern die Briefe aber nicht. Tagungen werden ihnen vorgeschlagen in Saalburg, Remptendorf, Weißbach und Drognitz. Sie fürchten sich jedoch, sächsisches Gebiet zu verlassen, obwohl ihnen ihre Schwester freies Geleit zusichern will unter Balthasars Siegel oder Petschaft und Handzeichen. Anna fährt selbst nach Mühltruff: umsonst! Balthasar droht mit Klage an den Fürstenhöfen und mit Bekanntgabe in den Familien, wo Hans Sack als Brautwerber auftritt: umsonst! Anna beschwört sie in schwesterlicher Liebe: »Mit Wissen und Vorwillen meines lieben Vaters seliger Gedächtnus und Euer bin ich dem wohlgeboren, meinem lieben Herrn und Gemahl aus sunder Gunst und Neigung, die er zu mir gehabt, vermählt worden.« – »Mein Herze hat um das von meinem väterlichen und mütterlichen Erb gefällig gewesen, getraut und glaubt mich darauf mit Vermächtnus wie bekannt versehen. So Ihr aber Euch dermaß erzeiget, so werden ungezweifelt alle Verwandte der Herrschaft Leutenberg nach wenig Verscheinung der Zeit mit ihren Pflichten, Eiden und Gelübden meinem Sohn Hans Heinrich zugewiesen und eingegeben. Alsdann, so der allmächtig Gott nach Geschehung seines Willens schicken wolle, so ich meinen Herrn überlebt, müßt ich meinem Sohn als eine Dienerin zu Gnaden leben, dann ich hätte nichts mir zuständig.« Die Not drängt sie, sie fürchtet, daß sie als Witwe »viel minder dann ein Dienstmaid« dasteht. Balthasar bewegt sich gelegentlich in Worten, die an Luthers Sprachweise anklingen: »Die Säck tun diese Ding mit Schweigen verschlucken, wie hungrig Säu Molken trinken.« »Man hätte fürwahr den Unflat nit erwarten dürfen zu seiner Zeit.« Lang ziehen sich die Verhandlungen hin, und noch im Jahre 1559 wechseln die Beamten von Mühltruff und Leutenberg Briefe, weil die Schulden noch nicht abgetragen sind.