Chapter 2 of 4 · 3926 words · ~20 min read

Part 2

Als üble Nachbarschaft war Balthasars Verhältnis zu dem Prior und den Mönchen des Klosters in Leutenberg angewachsen. Persönliche und sachliche Beweggründe kamen dabei ins Spiel. Von 1507 bis 1517 läuft ein Briefwechsel, den er mit der Ordensbehörde in Leipzig führt. Dorthin war Johannes Ellinck übergesiedelt, nachdem er zum Lesemeister der Heiligen Schrift aufgerückt war. Als Vertreter des Provinzials Hermann Rabe beantwortet er die Briefe des Leutenberger Grafen. Die Gegnerschaft zwischen Burg und Kloster hatte klein begonnen. Balthasar hatte das eine Mal Leute, die zur Messe gehen wollten, zu sich gerufen. Das andere Mal hatte er einem Kirchenbesucher, während dieser niedergekniet war, zugewinkt, er möchte einem Priester, der gerade ohne Meßdiener amtierte, das Wasser zur Handwaschung gießen. Dafür beschimpfte ihn der Prior von der Kanzel herab, beschuldigte ihn des Kirchenfrevels und behauptete: der Graf achtet sich höher denn Gott. Besorgt um ihren kranken Gemahl hatte sich die Gräfin Anna von einem Heilkünstler und Wahrsager aus Tambach ein Amulett anfertigen lassen. Balthasar versichert zwar, daß er es nicht angelegt hat. Doch »Mönch Linck« verklagt ihn wegen Zauberei und Abgötterei und verkleinert so das Ansehen des Landesherrn. Balthasar macht geltend, was er Treues und Gutes schon dem Kloster gewährt hat, und versichert, gewißlich auch weiter will er die Diener Gottes fördern, wie er nur kann. Sein Wunsch ist, er möchte einmal in der Klostergruft, auf seinem väterlichen Erbe, bei seinen frommen Ahnen begraben liegen. Die Leipziger Ordensvorsteher hoffen, der Streit soll in Frieden allmählich ausklingen. Sie verleugnen auch wohl den Empfang eines Beschwerdebriefes und versprechen höchstens, persönlich einmal in Leutenberg einzutreffen, kommen aber nicht dazu.

Dann geht Balthasar zu schwereren Anklagen über. Er zeigt an, im Kloster wird widernatürliche Unzucht getrieben. Er beschwert sich, die Mönche haben einen heimlichen Gang über die Klostermauer und den Stadtgraben angelegt, dadurch ist die Sicherheit der Stadt gefährdet. Ringsum in den Nachbarländern wütet Mordbrand, und die Leutenberger, genugsam gewarnt durch Schadenfeuer, müssen Posten an den Toren stellen, während den verborgenen Ein- und Ausgang im Kloster niemand überwachen kann. Am Kirchberg hat der Prior ackern und säen lassen, wo es ihm nicht zusteht, dadurch ist den Bürgern die Viehtreibe versperrt. Um das ganze Kloster sind Stangen errichtet mit Schlägen für 60–70 Paar Tauben, die schädigen die Feldflur im Übermaß. Die Brauhausverordnungen werden von den Brüdern wild übertreten. Der Graf droht, den Mönchen soll keine Hilfe mehr geleistet werden beim Einbringen der Ernte, nur mit eigenem Geschirr dürfen sie künftig im gräflichen oder städtischen Brauhaus brauen. Schlimmsten Falles wird er sich nicht bedenken, ihnen die Kirche und den Gottesdienst wieder zu entziehen. Immer wieder versichert er aber demütig, er will sich nicht mehr mit dem Kloster beschäftigen, als ihm zukommt. Als ein armer und kranker Mann möchte er nicht noch Leibes und Lebens beraubt werden, sondern in Frieden heimgehen. Ein Sittenbild jener Zeit: Altes versinkt, Neues steigt sturmgeladen herauf!

Ergreifende Kleinbilder entfalten sich in Bestellzetteln, die ausgehen, Bittschriften, die einlaufen, privaten und amtlichen Entscheidungen, die der alte Herr zu treffen hat. Mancher Seufzer entschlüpft seiner Feder: »Wenn der Wolf alt wird, so reiten ihn die Krähen!« Bald verhandelt er in diplomatisch gefälligen Wendungen über Grenzfälle mit Ludwig von Aib, Hauptmann auf dem Gebirge in brandenburgisch-kulmbachischem Dienst, bald versichert er wortreich einem Beamten des Bischofs von Bamberg, wie er als ein armer gemeiner Diener dem geistlichen Fürsten wohl nach allem Vermögen in Treuen dienen möchte, aber seinen Untertanen muß ihr Recht werden. Der Wirt von Steinbach hat den Schäfer Klaus Müller von Roda um 40¼ Gulden für verkaufte Schafe betrogen. Die bischöflichen Räte wollen die Sache verschleppen. Balthasar gibt aber nicht nach, bis der Schuldige »durch den Nachrichter mit Ernst besprochen« wird und sein »armer Freund« 40 Gulden in Bamberg erheben kann.

Sein Schwarzburger Vetter hat Aufruhr niederzukämpfen gehabt und bietet den halben Teil der Herrschaft Schwarzburg aus. Darüber werden Tagfahrten in Leutenberg und Blankenburg gehalten, und Balthasar stellt ein Verzeichnis der Bergwerke um Leutenberg auf. Mit Rechtsbeiständen hat er nicht gern zu schaffen. Von einem derselben versichert er: »So iß ich auch nit gern heiß Suppen mit ihm.«

Die armen Leute von Munschwitz können ihr Land fast nicht erhalten. Balthasar nimmt sich ihrer an, als der Gutsherr auf Löhma ihnen zusetzt, weil sie bei einem Holzschlag auf dem Löhmberg die Grenze verletzt haben sollen. Der Kirchner von St. Jakob hat Holzfrevel begangen, der Key von Steinsdorf hat Beulwitzsche Eichen gefällt: »die soll man nicht ungestraft lassen, doch einen jeglichen nach Gehalt seiner Übung«.

Der Schmied Hofheinz in Wurzbach muß vor das Leutenberger Gericht geladen werden. Sein Sohn hat den Heberndorfer Untertan Blidler verwundet. Der Vater hat den schuldigen Sohn gehaust, geherbergt, geatzt, getränkt und gehalten. Dafür muß er zur Rechenschaft gezogen werden. Friedrich von Gahma und Nickel in Gleima sind in einen Messerdiebstahl verwickelt und sollen in Lobenstein vernommen werden. Dazu bedarf es herüber und hinüber erst der Genehmigung der Landesbehörden.

Von der Leipziger Messe bringt ein Leutenberger Kaufmann die Kunde mit, die Bamberger und Nürnberger Fuhrleute sollen überfallen werden. Darum müssen Hans von Thun auf dem Lauenstein und die von Beulwitz im Eichicht scharfe Wache aufstellen und ihre Leute in Bereitschaft halten.

Ein Aufruhr droht auch in das Leutenberger Gebiet überzugreifen. Deshalb hat Hans von Oberweimar in Weitisberge, genannt Ulfrich, mit seinen Leuten kriegsbereit auf der Burg anzutreten. Geleitsfragen sind umständlich zu regeln: kein Leutenberger darf Saalfeld betreten, der je gegen Sachsen gekämpft hat. Übergriffe am Fischwasser und im Wildbann erregen die Gemüter. Die Bürger sollen die Mauer unter der Badestube im Schloß aufrichten helfen und mit Schiefer decken. Die Bretter dazu liefert der Müller: »doch soll man dem Armen, ob es anders zu denken ist, hilflich sein«. Die Läden am Pulverturm soll man auftun, die Glasfenster zulassen: »doch daß man aufs Unwetter groß Achtung hab, daß dem Pulver nichts widerfahr«. Zwei Wagenpferde soll man verkaufen, »dann ihrer ist genug an vieren«. Landsendorfer Untertanen haben durch Spiel, Trunkenheit und andere Leichtfertigkeit ihre Güter vernachlässigt: Schultheiß, Dorfmeister und die ganze Gemeinde werden scharf angelassen, bei 10 Gulden Strafe haben sie zu wachen, daß das unterbleibt.

Im Sommer 1520 will der Graf Günther von Schwarzburg seinem Vetter, den er auf dem Reichstag zu Worms vertreten muß, ein klein Pferdlein zusenden, ins Kloster und zu seinem Garten zu reiten. Balthasar wehrt jedoch ab, er braucht es nicht mehr, da ihm der Markgraf von Brandenburg ein Eselein geschickt hat.

Müde und mit Sorgen überladen tritt der erst achtundsechzig Jahre alte Kriegshauptmann, Friedensrat und Burgherr 1521 die Herrschaft an seinen Sohn Hans Heinrich ab und erwartet das Lebensende. Am 18. Juni 1525 erlöst ihn der Tod, dann nimmt ihn die Gruft seiner Väter auf.

Der Südflügel des Schlosses, wie er noch heute steht, der massive Teil des Nordflügels bis zu gleicher Länge, der starke Neue Turm, sowie der mittlere Schloßhof überhaupt stammen aus Balthasars Bauzeit. Daß außerdem noch Fachwerk- und leichte Holzgebäude vorhanden waren, die restlos verschwunden sind, muß immer bedacht werden. Bis 1491 ging die Zufahrt zur Burg über die Felsen hinauf, die gesprengt wurden, um Bauplatz für den Südflügel zu gewinnen. Dadurch entstand der Tunnel, über dessen Eingang Balthasars Wappen und Namen prangten und, wenn auch zertrümmert, noch zu sehen sind.

Münzkundige kennen zwei kleine Münzen, die Graf Balthasar 1493 prägen ließ. Freunde des Kunsthandwerks oder der Waffenkunde werden sich gern durch zwei schöne Geschützrohre im Rudolstädter Schloßhof an den Leutenberger Artilleriehelden und seine bayrische Laufbahn erinnern lassen.

Johann Heinrich, 1496–1555

Balthasars Sohn Hans Heinrich war Vertreter einer neuen Zeit. Über sein Leben fließen die heimatlichen Geschichtsquellen spärlich. Er war humanistisch gebildet, mit Männern der Wissenschaft befreundet, verkehrte in Jena mit Lehrern der Hochschule und erwies sich als fromm und tapfer in Kirchen- und Staatsangelegenheiten.

Zum Verdruß des Vaters hatte er 1517 eine Palästinafahrt unternommen, um die Ritterschaft des Heiligen Grabes zu erwerben. Daraus waren neue drückende Verpflichtungen entstanden. Die kaiserliche Bestätigung seiner Herrschaft Leutenberg empfing er 1521 auf dem Reichstag zu Worms durch Karl V. Als die Bauernaufstände ringsum die Nachbargebiete in Unruhe versetzten, ließ er 1525 die Gewehre und Waffen seiner Untertanen einfordern. Wie es um diese Bewaffnung bestellt war, geht noch aus den Verzeichnissen darüber hervor. Jeder Bürger war von Pflicht und Rechts wegen gehalten, je nach der Größe seines Besitzes »ein püchs, ein armbrust und wynd, oder ein helmpartn« in gutem Stand zu führen.

Durch die Ehe mit Margarete von Weida knüpfte er 1527 verwandtschaftliche Beziehungen auch zu den Mansfelder Grafen an. Als das Kloster Paulinzelle aufgelöst wurde, nahm er sich des Abtes an, trat aber selbst 1530 in Augsburg zur Reformation über und erfreute sich des Schutzes und der Freundschaft der sächsischen Kurfürsten und Herzöge, besonders Johann Friedrichs des Großmütigen.

Die Rechtsstreitigkeiten um das schwarzburgische Erbe liefen weiter und wurden 1541 durch ein kaiserliches Mandat auf dem Reichstag zu Regensburg verglichen; die Herrschaft Leutenberg war bereits 1536 wieder eingelöst worden. Diese Verpfändungen oder Verkäufe auf Wiederkauf hingen ganz allgemein mit dem Mangel an Zahlungsmitteln in jener Zeit zusammen: »Es will niemand bar Geld haben.«

Das Schloß Leutenberg bedurfte 1542 der Ausbesserung. Andreas Thiem, der Schieferdecker von Heberndorf, wird aus Selb, wo er arbeitet, dazu heimgerufen.

Als verlautet, daß Herzog Heinrich der Jüngere von Braunschweig einen Überfall auf die sächsischen Lande vorbereitet, ergeht 1545 das Aufgebot, auch Hans Heinrich soll Montag nach Michaelis in Weimar erscheinen »mit allen Knechten und Pferden in blanker oder sonst guter Rüstung, Armzeug, Knie, Köpf, Spieß und Hauben und allem dem, so zum Ernst und Krieg gehörig«.

Aufgebote ergehen, und Anlässe zu Reisen mehren sich, da klagt der erst Zweiundfünfzigjährige, er ist »mit Schwachheit beladen und nie aus dem Bett gekommen«. Es war allgemein böse Zeit. Sein Amtmann Heinrich von Heldorff in Schwarzburg jammert: »Das Sterben will noch nit nachlassen und will immer weiter überhand nehmen. – Gott der Allmächtig wolle uns für die Straf seine Barmherzigkeit verleihen, und daß wir uns auch besserten.«

Als 1546 der Erbstreit der Mansfelder Grafen geschlichtet werden sollte, war mit Luther und Fürst Wolfgang von Anhalt auch Hans Heinrich von Leutenberg als Schiedsrichter und Berater in Eisleben tätig. Verwandtschaft, vielfache gemeinsame wirtschaftliche Beziehungen zu den Mansfeldern und die genaue Kenntnis von deren Bergwerksrechten um Leutenberg befähigten ihn zu einem friedlichen und sachlichen Urteile. Dabei wurde er Zeuge von Luthers Tod, über den er sofort in die Heimat berichtete.

Im Jahre 1551 befindet er sich mit Wolfgang von Anhalt im Lager des Kurfürsten Moritz von Sachsen, um dessen Streit mit der Stadt Magdeburg beilegen zu helfen.

In Vorahnung des Lebensendes erneuert er 1554 sein Testament: seine Gemahlin Margarete mit ihren drei Töchtern erhält Recht auf Behausung im Schloß und 500 Gulden Jahreszins auf ihr eingebrachtes Heiratsgut. Bei seinen schönburgischen Verwandten ereilt ihn der Tod in Glauchau am 14. März 1555. Zwei Tage darauf findet die Beisetzung in Leutenberg ohne Gepränge statt.

Zwei Bronzegeschütze im Schloßhof zu Rudolstadt erinnern an die Zeit von Hans Heinrich, das eine trägt nur die Jahreszahl 1522, das andere die Anfangsbuchstaben von Ernst Peter Graf Mansfeld.

Philipp, 1540–1564

Drei Söhne von Hans Heinrich waren als Kinder gestorben, der vierte, Graf Albert, fünfundzwanzig Jahre alt als strebsamer, hochbegabter Student am 26. Januar 1555 in Jena. Sein Lehrer, Professor Stiegel, hat ihm in einem wortreichen Nachruf ein Denkmal gesetzt. Der fünfte Sohn, Philipp, folgte dem Vater in der Herrschaft. Über seine Ausbildung und Lebensschicksale sind nur vereinzelte Nachrichten auf uns gekommen. Der Magister Bonaventura Albrecht aus Saalfeld, bekannt als Liederdichter der Reformationszeit, war sein Lehrer. Studien in Jena scheinen dann gefolgt zu sein.

Graf Philipp war wohl auch von Jugend auf schwächlich. Außerdem lasteten die mißlichen Vermögensverhältnisse schwer auf ihm. Seine drei Schwestern verheirateten sich nach Braunschweig, Hohnstein und Plauen, sein jüngerer Bruder, Sighart, verunglückte noch als Knabe in Schwarzburg durch einen Sturz aus dem Fenster. Kaum 19 Jahre zählte der Graf, als er sich vermählte mit Katharina, einer geborenen Herzogin von Braunschweig-Grubenhagen. Sie war 16 Jahre älter als er und verwitwet aus einer Ehe mit Johann Ernst von Sachsen-Koburg.

In Leipzig, wo er sich zur Kur bei einem Spezialarzt aufhielt, starb der letzte Graf von Leutenberg am 8. Oktober 1564. Die Beisetzung erfolgte in Leutenberg. Seine Witwe war ein unglücklicher Charakter, überstolz auf ihre Abstammung, unruhig und führerlos. Sie starb in Saalfeld 1581. Mit ihren Anliegen beschäftigte sie lebhaft die schwarzburgischen, sächsischen und kaiserlichen Behörden, so daß sich die Verhandlungen lang hinzogen und erst nach ihrem Tode beigelegt wurden.

Das Schloß als Witwensitz

Bereits seit 1554 stand das Schloß nur unter der Aufsicht von Schloßhauptleuten. Doch wohnte die Dienerschaft von zwei Witwen und drei nach auswärts verheirateten Gräfinnen noch da, die sich das Recht auf einen Wohnsitz vorbehalten hatten. Es entstand daher große Not, als im Sommer 1567 fast das halbe Schloß abbrannte, und die stehengebliebenen Teile zusammenzubrechen drohten.

Herrenloser Betrieb war in der Burg eingerissen. Am 18. März 1567 schreibt die Gräfinwitwe Margareta: »An meine getreue Dienerin Martte uff unserem Haus zu Leutenberg: Daß Du auch aus dem Schloß nit gehest, sondern wir Dich und die andern, die wir noch im Schloß beneben unserm Vieh haben, darin behalten wollen bis auf unser Zukunft. – Desgleichen hat mir die alte Gräfin zu Schwarzburg gesagt, wo ihr Gesinde essen, so sollt Ihr auch mit ihnen essen, denn ich Euch nichts schicken kann, bis ich mit ihnen verglichen werde, Ihr Euch auch wollt gegen den Hauptmann haben, so daß er nicht über Euch zu klagen habe.«

Ein Brief des Schössers Johann Schüffener an den Schloßhauptmann vom 26. März erwähnt die Gräfin Katharina: »Daß sie aber Euer Gnaden bei unserer alten Gräfin übel ausgetragen, ist hier nicht neu, denn es ist ihr alter Brauch. – Wann sie ihr wesentlich Bleibens wieder hier anstellen würde, ich wollt eher auf allen Vieren davonkriechen.«

Aus dem Briefe eines Grafen Günther an den Schösser in Leutenberg geht hervor, daß Graf Philipps Witwe oft gemahnt worden ist, das Schloß zu erneuern. »Wenn sie in das Haus einziehen will, Du wollest sie mit glimpflichen Worten abweisen und vermahnen, daß sie solches müßig zeihe und etwan in ein Wirtshaus bis auf unseren ferneren Bescheid einziehen wolle. – Und Du wollest ihr Gesind alsbald aus dem Haus abschaffen und sie etwan in ein anderes Haus ziehen und das Ihrige, so sie bedürfen, aus dem Haus folgen lassen und alsbald alle Türen und alles verschließen.« Die Gräfin Katharina selbst war zur Kur in Karlsbad und beklagt sich auf der Heimreise von Hof Pegnitz aus am 1. November bei ihrem »Schwager«, daß der Schösser ihr Gesinde »kompellieren« will, sie ist bereit, in ein, zwei, drei Bürgerhäuser zu ziehen, weil der Feuersunfall im hintern Schloß auch ihre Wohnräume daneben verderbet hat.

Da auch »beinahe die ganze Stadt in Feuersnöte geraten« ist, wird der Schriftwechsel dringender, und am 16. November gibt Christoph von Enzenberg dem Schloßhauptmann Eitel Kurt Glock den Auftrag, der Neubau soll vorbereitet werden. Der Bauanschlag sieht 700 bis 800 Taler vor, einen Betrag, der ziemlich viel bedeutet nach damaligem Wert, und neben dem noch die vertragsmäßig zu leistenden Frondienste und Sachlieferungen anzusetzen wären. Es muß demnach ein stattlicher Oberbau oder ein Anbau im Nordflügel entstanden sein.

Die Herrschaft Leutenberg wechselte nun rasch ihre Landesherren. Schon 1563 ließ Friedrich der Mittlere, Herzog von Sachsen, Landgraf in Thüringen und Markgraf zu Meißen, durch drei Weimarische Räte die Gemeinde Leutenberg den Huldigungseid leisten. Vier Jahre später wurde diese Abhängigkeit gelöst. Nach Graf Philipps Tode ging das Leutenberger Erbe an Albrecht VII. zu Rudolstadt und seinen Bruder Johann Günther von Sondershausen über. Graf Albrecht nahm sich 1571 des Amtes Leutenberg an und regelte die »Gerechtigkeiten, Mannschaft, Zugehörungen, Einkommen und Nutzungen«. Dem Stadtrat erteilte er 1578 das Privileg, auf dem neu erbauten Rathaus Bier und Branntwein zu schenken. Die Dörfer müssen das Bier in der Stadt nehmen, schoß- und zinsbare Güter dürfen nicht an Auswärtige verkauft werden. Nur Hausgenossen, nicht angesehene Bürger haben mehr als Treiber zur Hasenjagd und als Fröner zu dienen. Im Frühjahr darf der gräfliche Schäfer keinen umzäunten Grasgarten mehr öffnen und betreiben.

Graf Philipps hinterlassene Schulden ließen sich aber so bald nicht tilgen, und die Schwierigkeiten in der Landesverwaltung wuchsen übermächtig an. Deshalb verkaufen 1598 Graf Albrecht von Rudolstadt und seine vier Neffen von Sondershausen ihre Hoheit über die Herrschaft Leutenberg, Schloß, Stadt, Vorwerk Roda und 13 Dörfer für 56100 Gulden auf Wiederkauf nach sechs Jahren. Käufer war Melchior von Bodenhausen, auf Arnstein, Mühldorf und Almen, Kurfürstlich sächsischer Rat und Hauptmann, der auch Blankenhain innehatte. Der ausführlich abgefaßte Kaufvertrag sieht besonders vor, das »bishero in ziemlichen Abfall gekommene Schloß« von Jahr zu Jahr »zu rektifizieren und auszurichten« – »gegen Tilgung notdürftiges Bauholzes und Erstattung der Baukosten«. Während der Bodenhausenschen Verwaltung, die bis 1607 dauerte, sind tatsächlich Bauten im Schloß ausgeführt worden »an der alten Kirche«, die eingegangen war, »am vorderen Bau«, am Turm und am Brunnen. Doch läßt sich Genaueres nicht erschließen.

Im Jahre 1605 starb Albrecht VII. in Rudolstadt und hinterließ vier Söhne und sechs Töchter aus erster Ehe, sowie eine erst siebenunddreißig Jahre alte Witwe aus zweiter Ehe, die ihren Pflegekindern eine treue Erzieherin blieb.

Elisabeth, 1568–1617

Elisabeth stammte aus dem pfälzischen Grafengeschlecht von Leiningen-Westerburg, hatte ihrem um 31 Jahre älteren Gemahl reiche Mittel eingebracht, und ihre Stiefsöhne waren nun bestrebt, sich dankbar zu beweisen. Sie ließen das Schloß Leutenberg neu herrichten, setzten bei den Grafen in Schwarzburg durch, daß ihrer Pflegemutter das Reichslehen Leutenberg zugewiesen wurde, wozu Kaiser Rudolf Konsens erteilte, und 1608 zieht die neue Herrin in ihr Wittum ein.

In Schloß, Stadt und Amt stehen ihr Hoheitsrechte zu, ausgenommen sind die Nutzungen an Bergwerken, die ritterschaftlichen und die freien Mannslehen. Vornehme Ausstattung und reiche Schätze barg das Schloß, wie die Inventarien von 1608 und 1618 ausweisen.

Die Gräfin »beschwert ihr Gewissen damit«, unter den Geistlichen der Umgegend »eine genugsam geklärte Person« zu finden als Schulmeister für Schloß und Stadt. Günther Brömel aus Ilm, zuletzt in Königsee, hält Probepredigt, erwirbt die Anerkennung der Gräfin und beweist sich als treuer Seelsorger bis an ihr Sterbelager.

Wir erhalten Einblick in die Wirtschaftsführung des großen Haushaltes, wenn 55 Gulden für Fische aus Erfurt zu verrechnen sind, für »Halbfisch, Bricken, Hering, Lachs, Bickling, Sbierollen und Stockfisch«. Wir müssen staunen über ihre Gewänder, ihre Pelze, ihre mit ~Æ W~ gezeichneten Wäschevorräte, ihren Reichtum an Schmuck, und wir erfahren, daß ein Positiv und zwei Clavicordia zum Mobiliar der Burg gehören. Eine Apotheke im Schloß verwaltet die Gräfin selbst, und besorgt schickt sie Arzeneien nach Rudolstadt, als dort die Pest ausbricht. Bloche aus der Mühle, Wein aus Rudolstadt, die Erträgnisse des Schafhofes Roda erscheinen in ihren Schriftstücken für die Hofhaltung.

Die alten Teile des Schloßbaues bereiten Kummer. Die Küche unter dem Gemache der Gräfin ist feuergefährlich: »Weil auch dise stunde wider ein balcken in der Küchen entzwey geglummet und herunter gefallen, welcher auch gleich den andern mit blech beschlagen gewesen, undt wir befürchten, es mechte eins mals gros Unheill doraus entstehen, als bitten wir, Euer Liebden wollen doch die Anordnung thun, darmit gantz Eisern stebe an stadt solcher balcken mechten eingemauert werdenn.« Der Sturm hat das Gebäude »bey dem alten Dorme« verschoben, den Kachelofen im Frauenzimmer umgestoßen, eine getäfelte Stube ist Mäusegeniste, die Wände werden mit schwarzgrünen Teppichen beschlagen. Hans Pfau aus Krölpa besorgt den »neuen Bau« und richtet die Kapelle, die düster und öde liegt, wieder zu. Auch die Kirche in der Stadt ist baufällig, der Pfarrer kann auf der Kanzel nicht lesen bei dunklem Wetter, »der Rat und das arme Völklein hat kein Vermögen«, die Gräfin hilft und stiftet auch eine neue Orgel.

Treuherzig und pfälzisch-witzig nehmen sich ihre Briefe aus in der Schreibung ihrer Heimatsprache, so wenn sie sich an den nur wenige Jahre jüngeren Stiefsohn wendet eines Reitpferdes wegen für die Reise: »ich bitte Euer Liebden helffe ia das bestde dozu, das ich ia das pferdt mochtde bekommen, atder es mosch auch ein ansehen habben, E. L. wissen wol, wi es sein soll, E. L. scuchen mir ein schon pert auß, ich wil E. L. ein mall weider ein schon freulin weider helffen außscuchen, E. L. haben es mir nicht vor ebel, das ich E. L. selber nicht weider habben geschriben, den der bott gar ser weider gros eile hatt. So hei mitt wil ich E. L. in schutz und schirm des almichtigen befellen«.

Von 1613 ab vernehmen wir Klagen über Unpäßlichkeit, obwohl die Gräfin erst fünfundvierzig Jahre alt ist. Sie vertröstet sich, ihr Leiden werde »mit dem abgewiesenen Märzen verschleichen«, vorläufig gibt sie sich zufrieden, sie kann noch »umbschleichen, spazieren gehen und fahren«. Nach und nach wird es einsam um sie, die Pflegekinder fliegen aus in die Welt, und als ihre letzte Stunde herannaht, äußert sie dringendes Verlangen nach dem altbewährten Seelsorger, der von Ilm herbeigerufen wird.

Am 26. Oktober 1617 befreit ein sanfter Tod die opferfreudige Schloßherrin von ihren Sorgen. Heikle Rechtsfragen erheben sich um ihren reichen Nachlaß. Die Beisetzung in einem kostbaren Zinnsarg findet statt, aber erst am 24. Dezember erfolgt mit stattlichem Zuge die Überführung der Leiche nach Rudolstadt.

Dort wurde sie in der zwiefachen Höhle unter dem Fürstenstand der Stadtkirche beigesetzt, wo bereits ihr Vater und ihre Schwester Hermanna ruhten. Auf dem goldenen Reliefbild am Fürstenstand ist Elisabeth dargestellt hinter Juliana, der ersten Gemahlin Albrechts.

Der älteste Stiefsohn Karl Günther zu Kranichfeld übernimmt die Herrschaft Leutenberg und läßt die Beamten vereidigen. Die Burg und der große landwirtschaftliche Betrieb stehen wieder unter Aufsicht von Schloßhauptleuten. Als einer derselben tritt Daniel von Watzdorff im Jahre 1628 auf. Er erhält am 27. Januar Befehl, daß die Lehensleute und ihre Hintersassen »eine halbe Kompagnie Reuter einlogieren und akkomodieren« sollen. In der Tat rückte jedoch eine ganze Kompagnie ein und lag elf Wochen in Burg und Stadt.

Leutenberg und die Amtsdörfer hatten 5175 Taler Kontribution aufzubringen. Was sonst noch an Lasten zu tragen und an Schäden zu erleiden war, darüber sind die unmittelbaren Nachrichten durch Feuersbrünste zugrunde gegangen. Aus dem Jahre 1640 verlautet, daß die Pfarrwohnung eingeäschert wurde.

Die Salvagardie, die der regierende Graf Ludwig Günther 1641 bei dem kaiserlichen Kriegsrat Generalfeldmarschall Hatzfeld für seine Schwarzburgischen Länder auswirkte, mag auch dem Leutenberger Gebiet zugute gekommen sein. In Vorahnung des Todes wies er die Herrschaft Leutenberg seiner Gemahlin Amilie als Wittum zu und das Schloß, wo er gute Jugendjahre bei seiner zweiten Mutter Elisabeth verlebt hatte, als Wohnsitz.

Amilie Antonie, 1614–1670

Am 30. und 31. März 1647 zählt ein genaues Inventarium des Schlosses und Amthauses die einzelnen Räume auf und berichtet sowohl über den baulichen Zustand wie auch über die Wohngeräte. »Vors erste ist das Schloß, an Dach und Fach, wie auch sonsten noch, auser was die Schwedischen eine Zeitlang darauf gelegene Trajouner an Fenstern, und Ofen, sowohl Ständen in Reisigen- und Gutschstellen verwüstet, in guthen baulichen Weßen.« Nur »die Grundmauer unter dem Waschhaus befindet sich also mangelhafftig, daß sich das Obergebäude darnach gesenkt«, weshalb die große Feueresse auseinanderzubrechen droht.

Es werden außer den Wohnungen für Herrschaft, Gäste Amtsleute und Dienerschaft, nebst den Stallungen, namentlich Räume genannt, die einen Schluß auf die Größe des Betriebes gestatten, wie Wollengewölbe, Brenngewölbe, Kornböden, Kelterhaus, Darr- und Brauhaus, Kontore, Apotheke mit Laboratorium und Niederlage, Wasch- und Badehäuser, Zeughaus, Reithaus und Gewächshäuser. Der unterste, heute mit Gras überzogene Schloßhof trug den größten Teil dieser Wirtschaftsgebäude.

Amilie Antonie, geborene Gräfin von Oldenburg-Delmenhorst, hatte am 15. Juni 1614 das Licht der Welt erblickt. Sie war 1637 als Kanonissin in das Stift Quedlinburg eingetreten und kurz darauf zur Taufe ihrer Nichte Amilie Juliane von Barby und Mühlingen nach Rudolstadt gekommen. Hier lernte sie der um dreiunddreißig Jahre ältere Graf Ludwig Günther kennen, und am 4. Februar 1638 führte er sie als seine Gemahlin in die Heidecksburg ein. Sie sollte seinem Hause und seinem Lande in schwerer Zeit eine umsichtige und treusorgende Mutter und Herrin werden. Ihr Delmenhorster Erbe brachte große Barmittel und reiche Ausstattung ein. Dagegen wurde ihr eine ansehnliche Leibrente und für den Witwenfall Haus, Stadt und Amt Leutenberg zugeschrieben.