Chapter 3 of 4 · 3991 words · ~20 min read

Part 3

Sie regte geistiges Leben und wirtschaftlichen Verkehr im Lande an und förderte durch zahlreiche Aufträge Kunst und Handwerk. Mit der Delmenhorster Heimat blieb sie in reger Verbindung. Der Handelsmann Martin Sommer aus Mellenbach besorgt Einkäufe für sie in Bremen. Johann Gerstenberger in Erfurt, Ratsoberster und Handelsmann, vermittelt ihr »Convoy«, das heißt Speditions- und Bankgeschäfte, mit Gerhart Arndt in Hamburg, dem Faktor ihres Vaters. Waren, die in Rudolstadt nicht zu beschaffen sind, läßt sie durch Boten auswärts holen, Schmuckwaren in Nürnberg, Kleiderstoffe in Leipzig.

Von 1639 bis 1646 schenkte sie ihrem Gemahl vier Töchter und einen Sohn, Albert Anton. Zu den eignen Kindern nahm sie dann ihr verwaistes Patenkind von Barby auf. Diese Pflegetochter wurde 1665 ihre Schwiegertochter. Mitten in den Drangsalen des Dreißigjährigen Krieges verlor Amilie Antonie 1646 den Gemahl. Tapfer nahm die junge Witwe Vormundschaft und Regentschaft in die Hand, beraten und unterstützt durch Heinrich II. von Reuß-Plauen.

Über ihren Witwensitz Leutenberg ließ sie Inventur aufnehmen als Grundlage für weitere Bauarbeiten, die bis 1656 laufen. Dann fand am 16. Juni ein feierlicher Einzug statt, bei dem die Ritterschaft der Lehensgüter aufwarten mußte. Siegmund und Ludwig von Dobeneck ritten ihr entgegen mit Gefolge, Christoph Georg Ernst von Beulwitz auf Löhma und Christoph Albrecht von Watzdorf aus Weitisberge versahen den Ehrendienst bei der Schloßherrin auf der Burg. Die Festgäste bezogen ihre Quartiere in der ganzen Stadt, ebenso die Lobensteiner Musikanten, die aufzuspielen hatten. Im Amt Leutenberg waren zu dieser Zeit 399 Untertanen lehenspflichtig, in der Stadt selbst 71 Mannespersonen und 31 Witwen.

In das Jahr 1659 fällt eine Besuchsreise nach Oldenburg, zwei Jahre später fährt sie zu ihrer Schwester Juliana, Herzogin zu Würtemberg und Teck, nach Weildingen. Als ihr Sohn, volljährig geworden, die Regierung übernimmt, zieht sie sich gänzlich auf ihr Schloß Leutenberg zurück. Fünf Jahre, bis zu ihrem Tode, herrschte nun reges Leben auf der Burg, und großer Segen ging als Rat und Tat hinaus in Stadt und Herrschaft.

Während der Friedensverhandlungen 1646 bis 1648 wendet sie sich in einem offenen Schreiben an den schwedischen Legaten in Osnabrück um »Abwendung der hiesigen Orts einlogierten Löwenhauptischen Völker«. Elias Augustinus Hüffler, Schwarzburgischer Rat und Abgesandter zu den Friedenstraktaten, soll einen Schutzbrief auf die Ober- und Unterherrschaft auswirken. Er vertröstet, die Verhandlungen gehen nur schwerfällig vorwärts. Dann wendet sich die Gräfin an Heinrich Christoph von Griesheim, den Pfalz-Neuburgischen Geheimen Rat beim schwedischen Hofe, um ein Protektorium. Endlich schreibt sie selbst wiederholt an die Königin von Schweden. Sie ist besorgt um ihr Leibgut Leutenberg, »darzu ein kleines Städtlein und ezliche geringe Dörfer, so anizo mit gar wenig Leuten besetzt, bei Durchzügen mit Einquartierung, Proviant- und Gold-Pressuren beschweret, auch wohl durch Plünderungen vollends gänzlichen ruinieret werden«. Die Königin möchte sich doch gnädigst willfährig erweisen, Ludwig Günther sei aus dieser schnöden Trübseligkeit abgefordert, sie selbst mit den kleinen unmündigen Kindern in Herzeleid und Trauer versetzt.

Der amtliche Schriftwechsel zieht sich hin, unterdessen sind vier Kompagnien von je hundert Dragonern samt 87 gemeinen Knechten zu verpflegen. Auf jede Kompagnie entfallen monatlich 1431 Gulden ohne Servis und Fourage. Von Erfurt aus wird unerträgliche Kontribution gefordert, und in Hof wirkt ein Bittgesuch nur höhnische Antwort der Kriegshauptleute aus. Dem Kommandanten des Regiments aber geht der scharfe Befehl zu, das zur Unterhaltung Nötige einzutreiben wie in Feindesland.

Als die Friedensglocken läuteten, waren noch lange Jahre hindurch Not und Krankheit und wüste Lebensführung in Palast und Hütte, in Stadt und Land zu überwinden, und doch erfüllte Dankgefühl das Herz der Gräfin, und sie suchte sichtbaren Ausdruck dafür.

In der eigenen Familie sorgte sie für gewissenhafte Ausbildung und religiöse Erziehung der Jugend. Seit 1650 war eine stattliche Reihe von Lehrern tätig. Im Schlosse Leutenberg wird unter den Räumen eine Schulstube und ein Präzeptorstüblein aufgeführt. Einen Ehrenplatz nimmt Johannes Hedwig ein, der sieben Jahre lang die älteren Kinder unterrichtet, bis er als Pfarrer nach Königsee übersiedelt. Mit ihrem »Magister«, seiner Frau und seiner Tochter stehen die Gräfinnen in vertrautem, freundschaftlichem Verkehr. Er überlebte sie alle. Von ihm war christliche Lebensauffassung, ernste Wissenschaft und fließende Latinität namentlich auf Amilie Juliane und Ludämilie Elisabeth übergegangen.

Von 1651 bis 1657 wurden die Lehrer der älteren gräflichen Kinder und der Pagen stets mit peinlich genauen Instruktionen versehen. Es waren dies die Theologen Johannes und Nikolaus Molwitz, Johann Valentin Schneider und Johann Heinrich Schröter. Als Sprachmeister des jungen Grafen erscheinen die Franzosen Pasté und Bersoy, als Berater und Repetenten die Rechtskandidaten Johann Christoph Falkner und Ahasverus Fritsch. Für die jüngeren Gräfinnen treten von 1658 bis 1661 als Lehrer die Theologen Christian Metzel und Georg Haucke ein. Inspektion übte die Gräfinmutter persönlich aus, und sie fand dabei umsichtige Hilfe an dem Oberhofmeister Hermann von Biesenrod.

Freunde der Literatur und Heimatgeschichte seien nur einen Augenblick daran erinnert: Amilie Juliane als Dichterin reifer Frauenlieder, Ludämilie Elisabeth mit jungfräulich zarten Gesängen, der Oberhofmeister Niklas Ernst von Günderode, der Magister und Hofprediger Johann Georg Roth, der Rechtsgelehrte und Staatsmann Ahasverus Fritsch, sie alle gehören der Geschichte des deutschen Kirchenliedes an und sind der Wissenschaft dieses Literaturzweiges bekannt. Daß sie in Leutenberg miteinander verkehrten und von dort ihre Geistesrichtung auf die nachfolgenden Geschlechter vererbten, verdient mit Heimatstolz festgehalten zu werden.

Die Kirchen der Nachbardörfer versorgte Amilie Antonie mit würdiger Ausstattung, bald mit einem Predigtstuhl, bald mit einem Tauftisch, bald mit einem Orgelwerk. Sie fühlte, das Gotteshaus war die Stätte, wo auf eine Stunde der Jammer und die Wüstenei des Alltags vergessen werden konnten. Auch die Stadtkirche von Leutenberg bedurfte wieder der Hilfe. Dort erinnerten die Wappenschilder der früheren gräflichen Schutzherren an vergangene Geschlechter. Eine Tafel mit lateinischer Inschrift in Versen berichtete über das Schicksal der ausgestorbenen Grafenfamilie. Eine andere Tafel war Kriegsdenkmal aus jüngster Zeit. Ein schwedischer Offizier hatte Frau und Kinder aus Stendal nachreisen lassen. Bei der Fahrt von Saalfeld herauf waren sie mit dem Wagen gestürzt und in der Sormitz ertrunken. Die Beisetzung war in Leutenberg erfolgt. Für Pfarrer und Adjunkt, die bisher im Kloster hatten wohnen müssen, kaufte die Gräfin am 13. Februar 1661 das »Schieferhaus gegenüber der Kirche samt Gärtlein« um 300 Gulden von den Erben des verstorbenen Pfarrers Johann Bock. Eine neue Lehrerstelle und das Rektorat stiftete sie aus eigenen Mitteln. Das war Kriegsfürsorge für die Jugend, die schwer gelitten hatte.

Von 1647 bis 1670 tritt kein »Diener« der Gräfin in ein Hofamt ein, ohne genaue Abgrenzung seiner Rechte und Pflichten. Christian von Heidenreich wird Wittumsrat und Oberhofmeister. Er hat im Schloß alles zu überwachen, den Burgvogt zu befehligen, führt die Aufsicht über die Vorwerke Cumbach, Roda und Geschwende, hält den Förster in Leutenberg an, auf Jägerei und Fischerei zu achten, muß bei Kriegsbeschwerung Salvagardien auswirken und hat »allen etwa einreißenden Lastern zu steuern, unordentliche Gefräße und Winkelgesäufe abzuschaffen«. Sein Nachfolger wird 1669 Niklas von Günderode aus Zopten. Unter den Wittumsräten gewinnt das Vertrauen und die Freundschaft der Gräfinnen Volkmar Happe, ebenso der Schösser und Verwalter im Wittum Johann Oberländer. Johann Köllner aus Schleiz amtiert als Burgvogt und Küchenschreiber, Wilhelm Konrad Straubel als Verwalter von Herschdorf und Rosental, Johann Stölgefuß aus Rittersdorf als Kornschreiber. In stetem Verkehr, persönlich oder schriftlich, erteilt der Hofmedikus Dr. Anton Mack von Rudolstadt aus Rat in Gesundheitsfragen und ebenso in der Führung der Apotheke, aus der die Gräfinnen angelegentlichst die Kranken in Stadt und Land während jener seuchenreichen Zeit versorgen. Gottfried Schreck ist Amtsschreiber, Heinrich Balthasar Rückhardt Hofschneider, rückt aber später zum Burgvogt auf. Als Lakaien dienen Hans Bunsold und Werner David, der letztere zugleich als Gärtner. Nikodemus Ruhland als Koch, Hans Heinrich Grahmann als Schlächter, ihnen zugeteilt Hieronymus Müller von Cumbach als Bankkoch, das heißt Schlachtgehilfe, Erhart Friedrich und Nikol Lißmann als Hofkellner besorgen Küche und Wein- und Biervorräte. Kurt Knabe erhält als Bäcker eingehende Unterweisung über den Bedarf von Brot und Feingebäck für den Haushalt. Anton Heußler und der Förster zu Lichtentanne Christoph Kreutzer führen die Aufsicht über das Wittumsgehölz, dürfen »Wildpret schießen und fällen«, müssen aber die Hälfte davon an die Hofstatt abliefern. Häute von Bären und Luchsen geben sie »gegen Rekompenz« an die Herrschaft, Bälge von Wölfen und Füchsen behalten sie für sich. Christoph Ernst Vogler hat Köhler, Holzfäller und Schneidemüller zu beaufsichtigen, auch den Wildgarten und das Fischwasser. Hans Streitberg in Kaulsdorf ist Hoffischer, Andreas Ziermann Hausknecht, Anselm Röber Schlotfeger und Hans Wagner Schafmeister. Eine vollkommene Rangordnung ließe sich abstufen nach den Gehältern, die, außer reichlichen Naturalien, von 150 Gulden bis herab zu 18 Gulden betragen.

Mit Lebensnahrung und -notdurft mußten auch die versorgt werden, die nicht Angestellte waren, aber als Taglöhner in Burg, Stadt, Flur und Wald dienten. Zur täglichen Nahrung gehörten die Getränke, die jedem nach fest überliefertem Satze zustanden und beschafft sein wollten. In den Kellereien lagerten Neckarwein, Frankenwein, Frankenhäuser, Blankenburger, Landwein, Kräuterwein, Naumburger und Leutenberger Bier.

Welche Handwerker, Künstler und Gelehrte in Stadt und Land bei der Gräfin Beschäftigung fanden, darüber geben ihre Hausakten genaue Auskunft.

Auf drei Terrassen erhoben sich die Burgbauten. Vor dem heutigen Eingang, links und rechts unter der Zugbrücke, lagen die Blumengärten mit Gewächshäusern, in denen Zitronen und Feigen reiften und Granat- und Lorbeerbäume gediehen. Küchengärten nahmen die Terrassen nach Osten hin ein, in das Ilmtal hinunter erstreckte sich der Tiergarten. Darin stand eine große Heuschopfe und ein Lusthaus, neu wieder aufgebaut vom Zimmermann Hans Thieme aus Heberndorf. Ein Rundgang führte in Stockwerkhöhe um einen Turm, dessen Spitze einen kupfernen Drachen als Windfahne trug. Ein Wandbild im Obergeschoß der Burg hat treulich die Erinnerung daran bewahrt. Der ganze Schloßberg nach Süden trug Garten- und Weinbergterrassen.

Das erste Eingangstor war als Ehrenpforte für den Einzug 1656 gebaut worden, der Kalkverputz zeigt noch die rot und weiß aufgemalten Steinquadern und unter dem Vorsprung des Schutzdaches die Jahreszahl in Barockzügen. Das Torwächterhäuschen rechts war 1656 bereits errichtet worden auf alten Grundmauern aus Balthasars Zeit. Es brannte 1658 nieder und wurde dann neu aufgebaut. Der zweite Torbogen stammt aus der Zeit der Gräfin Elisabeth. An dem mittelalterlichen runden Turme links fällt aufmerksamen Besuchern oft der ährenförmige Verband der Steine auf. Er wird als römisches ~opus spicatum~ für besonders alt gehalten, rührt aber doch wohl erst von Balthasars Bauzeit her. Als man 1491 den Burgeingang, der, wie ausdrücklich in den Bauakten gesagt wird, vorher weiter rechts hinauf führte, hier hart an dem Erdgeschoß des Turmes anlegte, mag das Mauerwerk durch vorgesetzte Schichten gegen Verschiebung geschützt worden sein. Der Tunnel trägt Balthasars Wappen und Namen über dem Torbogen. Die Ställe rechts im Tunnel waren für die Reisigenpferde bestimmt.

Das Obergeschoß des Südflügels wird von der obersten, ältesten Hofterrasse aus betreten. Es enthielt das große Rote Gemach, das hauptsächlich zu Besuchszwecken diente. Als Kammer gehörte dazu der nach der Stadtseite hin anstoßende Raum. Bei jedem Schlafraum war ein »Sekret«, ein Abort, vorgesehen.

Nach der Hofseite stößt an das Rote Gemach das heute so eigenartig genannte Apfelzimmer. Es wird oft angestaunt und mit mehr Dichtung als Wahrheit gedeutet. In den Bauakten führt es den Namen Buntes Gemach oder auch Pappstube. Die Abrechnung über die Arbeiten darin befindet sich bei dem Inventar 1667 mit Angaben der Einzelposten. Wände und Decke waren mit Holzlatten beschlagen, darüber war grobe Leinwand gespannt. Für 8 Taler 9 Groschen 8 Pfennig Papier wurde zerstoßen und, mit Leim und Kreide vermischt, zu den Tafeln geformt, die ein Blumenmuster flach erhaben tragen und den Wandschmuck bilden. An die Decke ließ die Gräfin ein Kreuz malen und in den vier Feldern die verschlungenen Buchstaben ~I H S~. Das sind die Anfangsbuchstaben der Worte ~in hoc signo <vinces>~, in diesem Zeichen (wirst du siegen). Die Legende sagt, daß dem Kaiser Konstantin das Kreuz und die drei Buchstaben in den Wolken erschienen und ihn zum Übertritt in das Christentum veranlaßten. Später galten die drei Buchstaben einfach als Christusmonogramm, und als solches setzte es Amilie Antonie regelmäßig über jedes Schriftstück, das aus ihrer Hand hervorging. Für die Arbeit im Bunten Gemach erhielt der Hofmaler Hans Heinrich Siegfried 12 Taler, ein Leutenberger Maler 9 Taler 16 Groschen. Die Gesamtkosten beliefen sich auf 8 Taler 13 Groschen 1½ Pfennig.

Der nach Osten angrenzende Raum hieß die Bunte Kammer, er liegt jetzt wüst. Von da aus führte eine Treppe höher der Zugang zu Balthasars Neuem Turm. Einen Treppenturm in Fachwerk ließ Amilie Antonie anlegen zum Schloßhof hinunter. Ein jetzt vollständig verschwundener Gang überbrückte von der Bunten Kammer aus den Hof und endigte in der Grünen Kammer. Seine Spur zeigt sich an den ausgehackten Stellen am Turm. Dieser Gang war überdacht, er empfing Licht durch vier Fenster an der Hofseite und durch zwei vergitterte Öffnungen auf der Stadtseite. Die Grüne Kammer lag in einem Anbau, der gleichfalls nicht mehr erhalten ist. Er erhob sich auf der Terrasse vor der Kirchtür. Im Oberstock führte eine Verbindungstür zum Grünen Saalgemach, für den die Grüne Kammer als Vorraum diente.

Unter dem alten Westbau auf dem obersten Schloßhof bilden starke, wiederholt erneuerte Tonnengewölbe die Keller. Von dem einen aus lief ein unterirdischer niederer Gang früher ins Freie am alten Burgweg. Jetzt ist er halb verfallen und endet in einem Stall des Südbaues. Die zwei Räume im Erdgeschoß des alten Baues dienten als Kleiderkammer und Rollenkammer. Die Kleiderkammer stößt westlich an den Alten Turm und führt östlich in das Erdgeschoß eines ebenfalls mittelalterlichen Turmes, dessen Oberteile abgetragen und durch einen Fachwerkbau mit Spitzhaube ersetzt wurden. Eine Tür aus der Kleiderkammer mündet in das kleine Gelbe Gemach über dem Tunneleingang, das mit dem Roten Gemach in Verbindung steht. Es war wiederholt Hofmeister-Amtsstube. An die Rollenkammer stieß ein Beigewölbe.

Der neue Fachwerkturm mit geschweifter Haube führt »den Wendel hinauf« links zu den Räumen des alten Baues. Dieser enthielt im ersten Obergeschoß nach Süden zu das Eßzimmer für gemeinsame Mahlzeiten, mit Ausblicken in den Schloßhof und in das Sormitztal, nach Norden zu lag die Wohnung der älteren Gräfinnentöchter mit dem Blick in das Ilmtal. Das zweite Obergeschoß war für die Schneiderei eingerichtet und enthielt sonst noch Schlafzimmer.

Am obersten Schloßhof lagen ferner zu ebener Erde Vorratsgewölbe und ein kleines Kontor. Die Bauten, die vom alten Bau stumpfwinkelig nach Nordosten und dann nach Osten hin weitergeführt worden sind, gehören mit ihrem massiven Mauerwerk dem Mittelalter bis zu Balthasars Zeit an. An den Fachwerkbauten sind mehrere Perioden abzulesen. Eine ältere wird man der Zeit Melchiors von Bodenhausen um 1600 zuweisen dürfen, eine jüngere der Mitte des siebzehnten Jahrhunderts, die jüngste im obersten Stockwerk des Ostflügels gehört nachweislich erst der Zeit an, als Amilie Antonie bereits gestorben war. Sie lassen sich unterscheiden an der Ausführung des Balkenwerks und der Fensterumrahmung.

»Den Wendel hinauf« nach rechts gelangte Amilie Antonie zu ihren Gemächern. Als Wohnzimmer diente ihr der saalartige Raum eine Treppe hoch. Er hieß der Weiße Saal und seit 1800 der Gerichtssaal. Er empfing Licht von Norden durch vier, von Süden durch fünf Fenster. Ein Vorbau bildete ein liebliches kleines Gemach, wo die Schloßherrin ihren Arbeitstisch hatte und den Betrieb im Schloßhof überwachen konnte. Die Heizung erfolgte vom »kleinen Heizgemach« aus auf dem Gang. Zur Linken nach Norden hin lag ihr geräumiges Schlafzimmer mit vier Fenstern in den lauschigen Nischen des alten dicken Gemäuers. Einige Stufen höher erreichte sie eine kleine Küche für persönlichen gelegentlichen Gebrauch. Ein Kochkamin ist noch, wenn auch in Trümmern, erhalten. Durch eingezogene Wände und Verlegung von Tür- und Fensteröffnungen ist im Jahre 1800 an diesen Räumen manches verändert worden. Auch der Ofen in Empireform stammt aus diesem Notjahre des großen Stadtbrandes.

Vom Wohnzimmer der Gräfin führen in den neueren Flügel über dem großen Schloßhof Räume weiter, die durch die Brandunfälle von Elisabeths Zeiten bis 1800 wiederholt Veränderungen erlitten haben. Sie dienten im siebzehnten Jahrhundert für die Schloßherrschaft als Zugang zum Großen Saal. Die Decke desselben zeigt noch schönes Stuckwerk in Renaissanceformen, die Wände waren mit Tuchtapete verkleidet, 120 Gemälde bildeten den künstlerischen Schmuck. Sie zeigten Bildnisse aus der gräflichen Familie und der weiteren Verwandtschaft; auch Landschaften, »historische Stücke« und Wappen waren dabei. Eine Empore für die Trompeter konnte auf einer schmalen Treppe in einem engen Anbau vom Untergeschoß herauf erreicht werden.

An den Großen Saal stieß das Grüne Saalgemach, ebenfalls ein Prunkraum, mit Bildern und »Landtafeln« geziert. Beide Säle hatten vom Schloßhof her noch einen Zugang für Gäste in Gestalt einer überdachten Treppe da, wo sie rechtwinklig aneinanderstoßen.

Zurück zum Wendel! Im zweiten Obergeschoß dehnte sich das Gebiet der Jugend aus. An dem langen geknickten Gang lagen die Zimmer der jüngeren Kinder und ihrer Pfleger, sowie das Präzeptorstüblein. Weiter reihte sich die Hofapotheke an mit Alkoven und Nebenraum. Dann schloß ein Kornboden diese Flucht ab. Erst nach dem Tode von Amilie Antonie wurde er zu den fünf Kammern und Stuben ausgebaut, die wir jetzt dort finden.

In dem letzten dieser Zimmer hat eine Falltür zu gruseligen Wahngebilden verführt. Mißliebige Gäste sollen hier meuchlings versenkt und in das mit Stacheln versehene Burgverlies gestürzt worden sein. Wer sehen kann und will, sieht: von hier führte eine schmale Treppe hinunter zum Trompeterchor am Festsaal und von da zu einem Raum ebener Erde und endlich zu der tiefer liegenden Kirche. Da diese in älteren Zeiten Brauhaus gewesen war, wird die schmale Treppe auch als Verbindung zum Kornboden gedient haben. Sie blieb dann beibehalten für den Verkehr der Dienerschaft und konnte jederzeit betreten werden, ohne daß Herrschaftszimmer zu durchschreiten waren.

Die Dachgeschosse des alten wie des neuen Baues waren durch Schadenfeuer oft heimgesucht worden, die ausgebauten Giebelstuben dienten als Heim für Dienerinnen.

Im großen Schloßhof führt eine Spitzbogentür jetzt zu den großen Kellern, eine zweite, rundbogige zur Küche, die mit Butter- und Mehlgewölben in Verbindung stand. Dann folgte ein großer Raum, früher als Kelter-, später als Backraum benutzt, und in der Ecke nach dem Ilmtal zu befand sich die Junker- oder hintere Kirchstube, die an die Empore der Kirche anstieß.

Schon unter der Gräfin Elisabeth wird erwähnt, daß das frühere Brauhaus Kirche geworden war, aber in Unordnung lag. Der Ausbau dieses Raumes sollte Amilie Antonies Dank für den wiedererlangten Frieden werden. Trotz der Furcht vor der Türkengefahr, die auf das tägliche Leben drückte, betreibt die Gräfin zwei Jahre hindurch lebhaft die Arbeiten, bis am 1. Advent 1664 der Hofprediger Roth die feierliche Einweihung vornehmen kann. Verwüstet und verwahrlost liegt auch heute wieder dieser Raum da. Aber er vermittelt die Stimmung des siebzehnten Jahrhunderts, ähnlich wie ein zermürbtes Pergament uns Geist und Form aus längstvergangenen Zeiten fühlbar nahebringt. Vorbildliches Handwerk in Stein- und ganz besonders in Eisenarbeit zeigt die Eingangstür vom Süden her. Wenn die Sonnenstrahlen durch die Baumwipfel huschen und mit Licht und Schatten um die altersgraue Tür und das junge Grün spielen, ist Weihestimmung gegeben. Der Altertumsfreund sucht im Boden der Terrasse und am Gemäuer die Spuren der Vorbauten und Aufgänge, die einst hier standen.

Der Fußboden des Kirchschiffes war mit glasierten Ziegeln ausgelegt. Die Tischlerarbeit am Gestühl und an den Brüstungen der Emporen bewegt sich in breiten Barockformen, die Bildschnitzerei ist gutgemeinte Leistung. Wenn sie nicht vom Standort des hohen Kunstgewerbes bewertet wird, legt sie Zeugnis ab von Geschmack und Geschick ehrlicher heimatlicher Meister. Dann ist auch die Kanzel in ihrer Formensprache, vom Moses, der sie trägt, bis zum triumphierenden Christus, der sie krönt, ein Geistesdenkmal, genau wie ein Kirchenlied jener Zeit, das uns in manchen Zügen befremden mag, aber doch immer wieder anzieht.

Dann rauschen die Hofdamen herein und betreten ihren Stand neben dem Engel, dann sitzen die Dienerinnen jede abgemessen auf dem ihr zukommenden Platz, dann wacht der gestrenge Oberhofmeister von der Empore aus über die Seinen, und hoch oben schauen die Köpfe der Küchenjungen über die Brüstung. Eben haben die Gräfinnen in ihrer Empore die hohen Lederstühle erreicht und schauen hinüber zur Kanzel und zur Sakristei. Da nickt die Perücke des Herrn Organisten zwischen den Prospektpfeifen »des Positivs mit dem Brustwerklein«, dann klingt es: »Bis hierher hat mich Gott gebracht durch seine große Güte!«

An der Wand, die zur gräflichen Empore aufsteigt, ist eine Ahnenprobe angebracht, nicht ein Stammbaum, wie die meisten Besucher es sich erklären. Der Stammbaum würde von einem Ahnenpaare ausgehen und dessen Nachkommen anführen. Die Ahnenprobe hier ging von Amilie Antonie aus und stieg bis zu sechzehn standesgemäßen Voreltern auf. Studiosus Büchner aus Leutenberg hat Wappen und Inschriften 1748 noch vollständig gesehen und nachgezeichnet.

Sechs größere Bilder zierten die Kirche: 1. die vier Evangelisten, 2. die Taufe Christi, 3. der gute Hirt, 4. der Einzug in Jerusalem, 5. das kananäische Weib, 6. das samaritanische Weib. Sie sind verschwunden.

Ein Sandstein mit schönen Schriftzügen ist hinter dem Altar in die Wand eingelassen: ~In solius Dei vere sancti honorem sacram hanc aedem extruxit illustris comes et domina domina Aemilia comes in Schwartzburg et Honstein nata comes in Oldenburg et Delmenhorst etc. Vidua. Jovae humiliter confidens.~ (Zur Ehre Gottes, des allein wahrhaft heiligen, errichtete dieses geweihte Haus die erlauchte Gräfin und Herrin Frau Amilie, Gräfin in Schwarzburg und Honstein, geborene Gräfin in Oldenburg und Delmenhorst usw. Witwe. Dem Ewigen in Demut vertrauend.)

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Sie war die Letzte ihres Stammes.

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Die Künstler und Handwerker in der Leutenberger Kapelle sind zum Teil dieselben, die die Stadtkirche in Rudolstadt hatten ausschmücken helfen. Als Maler haben mitgearbeitet Jakob Martini, Johann Heinrich Siegfried und Adam Förtsch. Die Orgel lieferte Wolfgang Bartholomäus Albrecht: wie schade, daß sein Werk verschwunden ist! Schloß Gehren besitzt noch ein liebliches kleines Instrument aus derselben Zeit. Als Glockengießer wird Hiob Breitinger genannt. Daneben quittiert Hans Rosa über einen Betrag. Er gehört der Volkstedter Glockengießerfamilie an, die nach Apolda übersiedelte. Eisenarbeiten leisteten Hans Bühl und der Hofschmied Ahmann, Holzarbeiten Asmus Valtin Fleck, Glaserei Christoph Möller. Außer ihnen bestätigen noch den Empfang von Zahlung Jakob und Gabriel Fleck, Andreas Schrött, Nikol Schmiedigen, Philipp Hofmann und Barthol Methfessel ohne nähere Angaben ihrer Lieferungen.

In harter Arbeit war dieses kleine Friedensdenkmal entstanden. Ganze Dörfer und Güter lagen verlassen, Häuser standen verwahrlost, Mittel und Mut fehlten, lichtscheues Raubgesindel schlich durch die Flur. Pest, Pocken und Masern wüteten, Aberglaube blühte, neue Kriegsqual drohte von Osten her. Die Landesmutter in Leutenberg, durch die Schule der Leiden gegangen, mit klarem Blick, mit warmem Herzen, mit festem Vertrauen, wies ihrem Hause und Lande den Weg zum Aufstieg.

Das schwerste Schicksal ihrer Familie sollte sie nicht mehr erleben. Im Jahre 1672 erlagen drei ihrer Töchter innerhalb kurzer Zeit der Masernseuche.

Amilie Antonie war nicht weltfremd. Treuherzig klingt ihre Sprache, wenn sie die kleinen Angelegenheiten des Tages verhandelt: »Haben zwei dage auch wider gewider gehabet, so genedich voruber gangen, aber zu Gleimen, wo es schloßen alß die hiener eiher geworffen, hat es denen ihr getrehde zuschlagen, gott helfe, das es sich den armen leiden wider vorhole.« Sie schickt ihren Töchtern »ein ieder ein paar hendischgen, weil der herbest nicht weit ist. Es sein auch 3 hornnebfchgen hierbei zu entfangen. Gott laß euch wol bekommen«. Sie ist sich den hochgelehrten Töchtern gegenüber bewußt, daß ihre eigene Schreibart unvollkommen bleibt, und setzt unter einen Brief die Bitte: »Nach dem leßen ins feuhr!«

Nach zärtlichem Abschied von den Ihrigen gab sie am 4. Dezember 1670 den Geist auf. Mit fürstlichen Ehren erfolgte die Überführung der Leiche nach Rudolstadt. Am 14. Februar 1671 verfaßte Johann Georg Roth ihr das »Ehrengedächtnis«, und am 1. März wurde sie in der Gruft unter der Stadtkirche beigesetzt.

Sichtbare Erinnerungen an Amilie Antonie sind vorhanden in Gemälden. Ein Brustbild der Gräfin ist von Rudolstadt als Leihgabe auf die Friedensburg zurückgekommen. Es könnte der Erscheinung nach dasselbe sein, das Jeremias Heider im November 1644 gemalt hat, und ist in Auffassung und Darstellung einem zweiten verwandt, das auf der Heidecksburg bewahrt wird. Aus ihrem Delmenhorster Erbe stammen die sechs Bilder von der Hunosage, ebenfalls in Rudolstadt. Andere Zusammenhänge werden sich noch erschließen lassen. In der Münzkunde sind die Sterbetaler bekannt, die Graf Albert Anton zur Erinnerung an die Mutter prägen ließ.

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Nach dem Tode der Gräfinmutter bewahrten ihre Kinder dem Schlosse Leutenberg ein dankbares Andenken. Sophie Juliane, Gelehrte, Dichterin, Apothekerin und tüchtige Wirtschafterin, starb am 14. Februar 1672 in Rudolstadt. Briefe, die sie empfangen hat, sind erhalten geblieben. Ludämilie Elisabeth, in der Geschichte des Kirchenliedes hochgeschätzt, Braut des Fürsten Christian Wilhelm von Sondershausen, verschied am 12. März. Christiane Magdalene war ihr an demselben Tage vorangegangen. Die jüngste, Maria Susanna, lebte bis 1688. Sie scheint musikalisch tätig gewesen zu sein, bei ihrer Bestattung führte der Hofkapellmeister Erlebach eine von ihr komponierte Abschiedsarie auf.