Chapter 2 of 6 · 3951 words · ~20 min read

Part 2

Also trat Grillchen ein, hing sein Violinchen auf und setzte sich zu der Ameise. Noch nicht lange saßen sie da, als sie in der Ferne ein Lichtchen schimmern sahen. Als es näher kam, erkannten sie es als ein Laternchen, das ein Johanniswürmchen in der Hand trug. »Ich bitt euch,« sagte das Johanniswürmchen höflich grüßend, »laßt mich die Nacht hier bleiben. Ich wollte eigentlich nach Moosbach zu meinem Vetter, habe mich aber im Walde verirrt und weiß weder aus noch ein.« – »Nur immer zu!« sagten die beiden. »Es ist recht gut für uns, daß wir Beleuchtung bekommen.« Gern folgte Johanniswürmchen der Einladung und stellte sein Laternchen auf den Tisch. Der Schein des Lichtchens führte ihnen bald einen Wanderer zu, der ziemlich ungeschickt über Laub und Moos herangestolpert kam. Er war ein Käfer von der großen Art. Ohne guten Abend zu sagen, trat er ein. »Aha!« rief er, »so bin ich doch recht gegangen und dies ist die Zimmergesellen-Herberge.« – Mit diesen Worten setzte er sich, holte seinen Schnappsack hervor und begann sein Abendbrot zu verzehren. »Ja, ja,« sagte er, »wenn man den ganzen Tag über Holz gebohrt hat, dann schmeckt das Essen!« – Als er mit dem Essen fertig war, stopfte er sich seine Pfeife, ließ sich vom Johanniswürmchen Feuer geben, zündete an und fing an, ganz gemütlich zu rauchen. Unterdessen war es draußen ganz dunkel geworden und das Wetter schlimmer, als vorher; da traf zu allgemeiner Verwunderung noch ein später Gast ein. Schon seit längerer Zeit hörte man in der Ferne ein eigentümliches Schnaufen; dies kam langsam näher und näher, und endlich erschien unter dem Pilze eine Schnecke, die ganz außer Atem war. »Das nenne ich laufen!« rief sie; »wie bin ich gejagt, ordentlich das Milzstechen hab ich bekommen! Ich will nur gleich bemerken, daß ich im nächsten Dorfe eine Bestellung zu machen habe, die Eile hat. Aber niemand kann über seine Kräfte, besonders, wenn er sein Haus trägt. Wenn die Gesellschaft erlaubt, will ich hier ein paar Stündchen rasten; dann kann ich nachher wieder galoppieren, als gälte es, den Dampfwagen einzuholen.« Niemand hatte etwas dagegen, daß sich die Schnecke ein gemütliches Plätzchen aussuchte. Da setzte sie sich vor ihre Haustür, holte ein Strickzeug hervor und fing an zu stricken. So waren nun die Fünfe da versammelt, als die Ameise das Wort nahm und also sprach: »Warum sitzen wir hier so trübselig beieinander und langweilen uns, da wir uns doch die Zeit auf angenehme Weise verkürzen könnten? Ich habe daran gedacht, daß wir uns Geschichten erzählen sollten, und gern würde ich selbst den Anfang machen, wenn ich nur eine recht hübsche Geschichte wüßte. Nun ist mir aber eben etwas noch Besseres eingefallen. Ich sehe, daß die Grille ihr Violinchen bei sich hat. Wenn sie nicht gar zu müde ist, möcht ich sie bitten, uns ein lustiges Stückchen zu spielen, damit wir eins tanzen können.« – Dieser Vorschlag der Ameise fand allgemeinen Beifall. Die Grille aber ließ sich nicht lange nötigen, sondern stellte sich sogleich mit ihrem Violinchen in die Mitte und spielte das lustigste Tänzchen herunter, welches sie auswendig wußte, während die andern um sie herumtanzten. Nur die Schnecke tanzte nicht mit. »Ich bin,« sagte sie, »nicht gewöhnt an das schnelle Herumwirbeln; mir wird zu leicht schwindelig. Aber tanzt, soviel ihr wollt, ich sehe mit Vergnügen zu und mache meine Bemerkungen.« – Die andern ließen sich denn auch gar nicht stören, sondern jubelten so laut, daß man es auf drei Schritte Entfernung hören konnte. Aber ach, durch welch ein furchtbares, ungeahntes Ereignis wurde plötzlich ihr Fest unterbrochen! Der Pilz, unter welchem die lustige Gesellschaft tanzte, gehörte leider einer alten Kröte. An schönen Tagen saß sie oben auf dem Dache, wie die Kröten zu tun pflegen; trat aber schlecht Wetter ein, so kroch sie unter den Pilz, und es konnte ihretwegen regnen von Pfingsten bis Weihnachten.

Diese Kröte nun war am Nachmittag nach dem nächsten Moor zu ihrer Base, einer Unke, gegangen und hatte sich mit derselben bei Kaffee und Napfkuchen so viel erzählt, daß es darüber dunkel geworden war. Jetzt am Abende kam sie ganz leise nach Hause geschlichen. Über den Arm hatte sie ihren Arbeitsbeutel hängen, und in der Hand trug sie einen roten Regenschirm mit messingener Krücke. Als sie in ihrem Hause den Jubel hörte, trat sie noch leiser auf; so kam es, daß die Leutchen drinnen sie nicht eher gewahr wurden, als bis sie mitten unter ihnen stand.

Das war eine unerwartete Störung! Der Käfer fiel vor Schreck auf den Rücken, und es dauerte fünf Minuten, ehe er wieder auf die Beine kommen konnte. Das Leuchtkäferchen dachte zu spät daran, daß es sein Laternchen hätte auslöschen sollen, um in der Dunkelheit zu entwischen.

Die Grille ließ mitten im Takt ihr Violinchen fallen, die Ameise sank aus einer Ohnmacht in die andere, und selbst die Schnecke, die sonst nicht leicht aus der Fassung zu bringen ist, bekam Herzklopfen. Sie wußte sich aber schnell zu helfen; sie kroch in ihr Häuschen, riegelte die Tür hinter sich ab und sprach zu sich: »Was da will, kann kommen! Ich bin für niemand zu sprechen.« – Nun hättet ihr aber hören sollen, wie die Kröte die armen Leute heruntermachte! »Sieh einmal an,« rief sie zornig und schwang ihren Regenschirm, »da hat sich ja ein schönes Lumpengesindel zusammengefunden? Ist das hier eine Herberge für Landstreicher und Dorfmusikanten? Ich sag es ja: Nicht aus dem Haus kann man gehen, gleich ist der Unfug los. Augenblicklich packt jetzt eure sieben Sachen ein, und dann fort mit euch, oder ich will euch schon Beine machen!« – Was war zu tun? Die armen Leute wagten gar nicht, sich erst aufs Bitten zu legen, sondern nahmen still ihre Sachen auf, riefen der Schnecke durchs Schlüsselloch zu, daß sie mitkommen solle, und als auch diese sich fertiggemacht hatte, zogen sie alle zusammen von dannen. Das war ein kläglicher Auszug! Voran das Johanniswürmchen, um auf dem Wege zu leuchten, dann der Käfer, dann die Ameise, dann das Grillchen und zuletzt die Schnecke. Der Käfer, der eine gute Lunge hatte, rief von Zeit zu Zeit: »Ist hier kein Wirtshaus?« Aber alles Rufen war vergeblich. Als sie ein Stück gegangen waren, merkten sie, daß die Schnecke nicht mehr bei ihnen war. Sie riefen alle zusammen in den Wald zurück: »Schnecke, Schnecke! Beeil dich!« – erhielten aber keine Antwort. Die Schnecke mußte wohl so weit zurückgeblieben sein, daß sie die Rufe nicht mehr hören konnte. Die andern zogen betrübt weiter, und nach langem Umherirren fanden sie unter einer Baumwurzel ein leidlich trockenes Plätzchen. Da brachten sie die Nacht zu unter großer Unruhe und ohne viel zu schlafen. Waren sie auch mit heiler Haut davongekommen, es blieb doch immerhin ein schlimmes Abenteuer, und die mit dabei gewesen sind, werden daran denken, so lange sie leben.

Johannes Trojan

[Illustration]

Was den Kindern im Walde passiert ist

Zwei Kinder gehen ganz allein Frühmorgens in den Wald hinein. Da springen sie wohl hin und her Nach mancher Erd- und Heidelbeer Und essen sich gemütlich satt Und werden endlich müd und matt, Die Hitze ist auch gar zu groß! Sie legen nieder sich aufs Moos – Kein Bettchen könnte weicher sein; Nicht lange währt’s, sie schlafen ein.

Da kommen aus dem dichten Wald Hervor die Tiere mannigfalt. Wie sie die beiden Kinder sehn, Da bleiben sie verwundert stehn. Nehmt euch in acht! Nur nicht zu nah! Was für Geschöpfchen schlafen da? Sie sind so nett und zart und fein, Was mögen das für Tierchen sein?

Der Hase sagt: »Beseht euch doch Die allerliebsten Näschen; Die Ohren wachsen ihnen noch, Dann sind’s die schönsten Häschen.« Eichkätzchen spricht: »Gebt einmal acht, Da find ich ein paar Vettern, Sie werden, sind sie aufgewacht, Mit mir zusammen klettern.« »Ei,« sagt das Reh, »was schwatzt ihr da! Das sind ja dumme Faxen. Rehkälbchen sind’s, man sieht es ja, Wie nett sind sie gewachsen!« Rotkehlchen ruft: »Ich sah noch nie Im Walde solche Gäste, Ich nähm sie mit, hätt ich für sie Nur Raum in meinem Neste.« Da kommt ein Käfer angesummt, Der sieht die kleinen Schläfer Und fliegt herum um sie und brummt: »Hu! Was für große Käfer!«

So schwatzen sie noch vieles mehr Und laufen eifrig hin und her, Besehn sich alles mit Bedacht, Bis daß die Kinder aufgewacht. Hast du gesehn! Mit einem Husch Ist alles fort in Wald und Busch. Und alle rufen: »Fort von hier! Das kann uns nimmer taugen, Im ganzen Wald kein einzig Tier Hat ja so große Augen. Das können keine Tierchen sein! Schnell flüchtet in den Wald hinein!«

Die beiden Kinder sehn sich an: »Was man doch alles träumen kann! Soeben war’s im Traume mir, Als stände alles Waldgetier Um uns herum – Jetzt ist ringsum Nichts mehr zu sehn. Komm, komm, laß uns nach Hause gehn, Da wartet schon indessen Die Mutter mit dem Essen; Und sind wir nicht zur Zeit zu Haus, Schilt sie uns aus.«

Da machen sie sich auf alsbald Und gehn zusammen durch den Wald. Wie ist nun alles still umher, Kein einz’ges Tierchen zeigt sich mehr! Allein ein Kuckuck, – seht nur, seht, Sitzt oben auf der Tanne Und ruft: »Kuckuck, da unten geht Der Gottlieb mit der Hanne!«

Johannes Trojan

Vom Bäumlein, das andere Blätter hat gewollt

Es ist ein Bäumlein gestanden im Wald In gutem und schlechtem Wetter; Das hat von unten bis oben halt Nur Nadeln gehabt statt Blätter; Die Nadeln, die haben gestochen, Das Bäumlein, das hat gesprochen:

»Alle meine Kameraden Haben schöne Blätter an, Und ich habe nur Nadeln, Niemand rührt mich an; Dürft ich wünschen, wie ich wollt, Wünscht ich mir Blätter von lauter Gold.«

Wie’s Nacht ist, schläft das Bäumlein ein, Und früh ist’s aufgewacht; Da hatt’ es goldne Blätter fein, Das war eine Pracht! Das Bäumlein spricht: »Nun bin ich stolz; Goldne Blätter hat kein Baum im Holz.«

Aber wie es Abend ward, Ging der Jude durch den Wald Mit großem Sack und großem Bart, Der sieht die goldnen Blätter bald; Er steckt sie ein, geht eilends fort Und läßt das leere Bäumlein dort.

Das Bäumlein spricht mit Grämen: »Die goldnen Blättlein dauern mich; Ich muß vor den andern mich schämen, Sie tragen so schönes Laub an sich; Dürft ich mir wünschen noch etwas, So wünscht ich mir Blätter von hellem Glas.«

Da schlief das Bäumlein wieder ein, Und früh ist’s wieder aufgewacht; Da hatt’ es glasene Blätter fein, Das war eine Pracht! Das Bäumlein spricht: »Nun bin ich froh; Kein Baum im Walde glitzert so.«

Da kam ein großer Wirbelwind Mit einem argen Wetter, Der fährt durch alle Bäume geschwind Und kommt an die glasenen Blätter; Da lagen die Blätter von Glase Zerbrochen in dem Grase.

Das Bäumlein spricht mit Trauern: »Mein Glas liegt in dem Staub, Die andern Bäume dauern Mit ihrem grünen Laub; Wenn ich mir noch was wünschen soll, Wünsch ich mir grüne Blätter wohl.«

Da schlief das Bäumlein wieder ein, Und wieder früh ist’s aufgewacht; Da hatt’ es grüne Blätter fein, Das Bäumlein lacht Und spricht: »Nun hab ich doch Blätter auch, Daß ich mich nicht zu schämen brauch.«

Da kommt mit vollem Euter Die alte Geiß gesprungen; Sie sucht sich Gras und Kräuter Für ihre Jungen; Sie sieht das Laub und fragt nicht viel, Sie frißt es ab mit Stumpf und Stiel.

Da war das Bäumlein wieder leer, Es sprach nun zu sich selber: »Ich begehre nun keiner Blätter mehr, Weder grüner, noch roter, noch gelber! Hätt ich nur meine Nadeln, Ich wollte sie nicht tadeln.«

Und traurig schlief das Bäumlein ein, Und traurig ist es aufgewacht; Da besieht es sich im Sonnenschein Und lacht und lacht! Alle Bäume lachen’s aus; Das Bäumlein macht sich aber nichts draus.

Warum hat’s Bäumlein denn gelacht, Und warum denn seine Kameraden? Es hat bekommen in einer Nacht Wieder alle seine Nadeln, Daß jedermann es sehen kann; Geh naus, sieh’s selbst, doch rühr’s nicht an! Warum denn nicht? Weil’s sticht.

Friedrich Rückert

[Illustration]

Das Häslein

Unterm Schirme, tief im Tann, Hab ich heut gelegen, Durch die schweren Zweige rann Reicher Sommerregen.

Plötzlich rauscht das nasse Gras – Stille, nicht gemuckt! – Mir zur Seite duckt Sich ein junger Has …

Dummes Häschen, Bist du blind? Hat dein Näschen Keinen Wind?

Doch das Häschen, unbewegt, Nutzt, was ihm beschieden, Ohren, weit zurückgelegt, Miene, schlau zufrieden.

Ohne Atem lieg ich fast, Laß die Mücken sitzen; Still besieht mein kleiner Gast Meine Stiefelspitzen …

Um uns beide – tropf – tropf – tropf – Traut eintönig Rauschen … Auf dem Schirmdach – klopf – klopf – klopf … Und wir lauschen … lauschen …

Wunderwürzig kommt ein Duft Durch den Wald geflogen; Häschen schnubbert in die Luft, Fühlt sich fortgezogen;

Schiebt gemächlich rückwärts, macht Männchen aller Ecken … Herzlich hab ich aufgelacht – Ei, der wilde Schrecken!

Christian Morgenstern

[Illustration]

Waldabenteuer

Als ich heut morgens – es war noch bald – Einsam spazierte draußen im Wald, Sprang plötzlich vor mir etwas Braunes auf Und – hast du gesehen – den Baum hinauf. Noch sucht ich umher am unteren Ast, Da war es auch schon der Krone Gast. Dort in einer Gabel hielt sich’s versteckt. Wär voller das Laubwerk, kein’ Seel’ hätt’s entdeckt.

Nun hing ihm aber sein buschiger Schwanz Wie ein aufgefangener, loser Kranz Vom Ast herab und wehte im Wind. So glaubt wohl auch ein bangendes Kind, Es bliebe damit schon unentdeckt, Wenn’s den Kopf unter Großmutters Schürze steckt.

Es ward dir wohl sicher längst schon klar, Daß jenes Etwas ein Eichhörnchen war. Das ist – weiß Gott – ein niedliches Tier! Ihm zuzuschauen, macht viel Pläsier: Gewandt und schneller wie eine Katz Springt es dann meist mit riesigem Satz Von Ast zu Ast, von Wipfel zu Wipfel, Erfaßt vom Zweiglein kaum noch ’n Zipfel, Schnellt auf und ab wie ein Gummiball Und kommt doch nimmermehr zu Fall.

Ja, in der Tat, es muß wohl erbauen, Solch einem Künstler zuzuschauen. Drum späht auch ich erwartend nach oben. Aber wie war’s? – Der Racker da droben Tat auf einmal nichts mehr dergleichen, Gab nicht das mindeste Lebenszeichen, Nur sein Schwänzlein baumelte munter Nach wie vor vom Ast herunter.

Wie mir das lange Stehen zu dumm, Sah ich mich nach ’m Plätzchen um, Wo ich mich könnte niederlassen, Das kommende Schauspiel abzupassen. Als ich nun nichts Geeignetes fand, Warf ich mich nieder, grad wo ich stand, Lag dann gemächlich im weichen Moose, Dachte dabei an meine Hose, Die, wenn man lang so im Moose liegt, Meistenteils grünliche Flecken kriegt.

Aber trotz alledem blieb ich liegen. Mag sie immerhin Flecken kriegen, Wenn ihr Träger dafür in der Nähe Einmal nur solch Kunststücklein sähe! Ewig konnt ja das Warten nicht dauern! Also begann ich ihm aufzulauern, Recht wie ein Luchs mit blinzelnden Blicken, Hielt ich mich mäuschenstill auf dem Rücken, Rührte und regte fortab kein Glied. – Über mir sang der Wald sein Lied, Und das Geäste, noch kahl in der Runde, Hob sich dunkel vom Himmelsgrunde, Schwankte und wogte bald hin, bald her, Wie ein Korallenbaum im Meer.

Da auf einmal, da kam mir’s vor, Zog sich schwupps das Schwänzlein empor, Und wo vorerst noch der Flederwisch, Sah nun vertraulich, keck und frisch Ein neugieriges Köpflein hernieder, Schwand und kam und schwand immer wieder, Riß gar verwundert die Äuglein auf, Nickte herab, ich nickte hinauf, Bis es zuletzt sonder Scheu und Scham Ruckweis zu mir hernieder kam.

Aber auf dem untersten Ast Hielt es noch einmal längere Rast, Schnüffelte mit dem winzigen Näslein, Spitzte die Ohren wie ein Häslein, Sah mir ins Auge fest und still: »Was nur der Kerl da unten will?«

Was nur das Bürschlein da droben denkt? – Haben uns ganz ineinander versenkt. Tierlein und Mensch und Mensch und Tier! »Was hältst du von mir? Was weiß ich von dir?« Sahen uns lange, lange an, Hat mir am Ende fast weh getan, Weil mich das Sonnenlicht geblendet, Hab ich mich ein wenig zur Seite gewendet, Hab mir ein bißchen die Wimper gejuckt, Hab dann gleich wieder hingeguckt.

Aber was meinst du? Vom alten Plätzchen War auf einmal verschwunden das Kätzchen, War auch sonst nicht mehr zu entdecken, Ob ich auch brach durch Busch und Hecken, Ob ich auch suchte ringsumher, ’s war wie verhext, ich fand’s nicht mehr! Und hätt es doch gar zu gerne belauscht. Aber der Wald nur hat gerauscht, Als trieb er selber mit mir sein Spiel, War stets nur ein Blatt, das zu Boden fiel, Wenn etwas raschelte im Geäste.

Da hielt ich’s am Ende für das Beste, Mich auf den Weg nach Hause zu machen. Das tat ich denn, und du würdest lachen, Wenn ich nun auch noch zum Schlusse schrieb, Was mir als Erinnrungszeichen verblieb. Sei’s denn! Nämlich auf heller Hose Zwei dunkle Flecken vom grünen Moose Und von dem Streifen durch Dünn und Dick Rechts überm Knie ein Zickzackflick.

Ernst Weber

[Illustration]

Der weiße Hirsch

Es gingen drei Jäger wohl auf die Birsch, Sie wollten erjagen den weißen Hirsch. Sie legten sich unter den Tannenbaum; Da hatten die drei einen seltsamen Traum.

Der Erste:

»Mir hat geträumt, ich klopf auf den Busch; Da rauschte der Hirsch heraus, husch, husch!«

Der Zweite:

»Und als er sprang mit der Hunde Geklaff, Da brannt ich ihn auf das Fell, piff paff!«

Der Dritte:

»Und als ich den Hirsch an der Erde sah, Da stieß ich lustig ins Horn, trara!«

So lagen sie da und sprachen, die drei, Da rannte der weiße Hirsch vorbei.

Und eh die drei Jäger ihn recht gesehn, So war er davon über Tiefen und Höhn. Husch husch! piff paff! trara!

Ludwig Uhland

[Illustration]

Der Schütze

Mit dem Pfeil, dem Bogen Durch Gebirg und Tal Kommt der Schütz gezogen Früh im Morgenstrahl.

Wie im Reich der Lüfte König ist der Weih, Durch Gebirg und Klüfte Herrscht der Schütze frei.

Ihm gehört das Weite; Was sein Pfeil erreicht; Das ist seine Beute, Was da fleugt und kreucht.

Friedrich von Schiller

Im Waldhof

Ich war vor Tag und Tau erwacht – Mich weckten meines Wirtes schwere Schlurfschritte in der Treppen Nacht, Umklirrt von seinem Jagdgewehre. Dann knirschte drunten kurz das Tor, Der Alte riß zurück die Hunde, Und lautlos sich sein Pfad verlor In nachtumblauter Wälderrunde …

Denn dieses war der Väter Saat: Es schlich wie vor vielhundert Jahren Der Bauer den gekrümmten Pfad, Den jene schon geschlichen waren. Auch er den Wildpfad sich erkor, Den Förstern trotzend, um verwegen Mit dem vererbten Feuerrohr Den besten Brunfthirsch zu erlegen.

Gewiß, ihn trieb der Väter Lust: Seit sie sich hier gesiedelt hatten, Bedrückte ihre breite Brust Der ungeheure Wälderschatten. Sie pflügten ihre Scholle schlicht, In ihre Ernte rauschten Föhren – Doch still erglänzte ihr Gesicht, Begann im Herbst der Hirsch zu röhren.

Ja, dieser Orgelruf voll Macht Ließ ihr verhülltes Lachen steigen: Brach er wie heut in kühler Nacht Das atemlose Wälderschweigen. Und stürzte unter ihrem Schuß Rotüberschweißt der Waldeskönig: Stand in dem Siegesechogruß Der Schütze hoch und jubeltönig. –

Inzwischen löste sich der Wald Aus mürrisch bleichem Morgengrauen; Ihr Schleppkleid rafften müd und alt Des nahen Flusses Nebelfrauen. Doch klang der Hirsche Brunftgeschrei Aus Dämmerwegen dicht und dichter; Mir war, als säh ich ihr Geweih Und ihre zorngetrübten Lichter …

Und nun ein Schuß, ein Donnerschuß, Erschütternd rings die Wälderrunde! – Die Nebel sanken in den Fluß, Der Hof stand auf im Lärm der Hunde. Und fern ein Rudel flüchtend flog – Auf eines Zwanzigenders Glieder Gewiß ein greises Haupt sich bog Gleich seinen Vätern lachend nieder …

A. K. T. Tielo

Sterben

In dumpfheißer Dickung, von goldgrünen Fliegen umschwirrt, liegt der starke Hirsch. Sein Atem geht scharf, seine Flanken jagen, immer wieder und wieder fährt er mit dem Lecker über den schwarzen Windfang. Der ist trocken und warm – und ferne die kühlende Suhle. Manchmal schlägt der Wunde nach den gierigen Schmeißfliegen, die so beharrlich die Stelle belagern, wo das Haar klebrig rot ist und zähe Tropfen sickern. Sie tasten die Gelegenheit nach einer Brutstätte ab. Selbst unter den Leib ihres Opfers kriechen sie; dort brennt die Wunde am ärgsten, dort fließt der Saft reichlicher, darum hat sich der Hirsch auf die linke Seite gelegt. Aber diesen teuflischen Peinigern vermag er nicht zu wehren, jede Bewegung läßt den Brand durch all seine Glieder lecken. Darum hält er still und leidet und denkt an Wasser. Wasser! Wasser!

Nur mehr diese eine Vorstellung ist in allen seinen zuckenden Nerven. Was geht ihn sein getreuer Freund, der zwölfendige Beihirsch an, was kümmert ihn die Wonne der großen Zeit, die schon in ihm vorbereitet war, da er die Kugel empfing! Nur Wasser! Ob er noch die Suhle erreicht? Sie liegt ferne über dem Hügel, eine halbe Hirschstunde von hier. Dort ist kühler Schatten, dort möchte er sterben – nur nicht in diesem stickigen Dunkel.

Keuchend, zitternd, dunstend vor Schmerz wird er hoch. Fast bricht er auf der Stelle zusammen, so flackert und siedet sein Eingeweide. Und seine Läufe sind so schwach, so müde, wie zerbrochen.

Aber er tut einen Schritt und einen zweiten und dritten, und siehe, er kommt besser vorwärts, als es zuerst schien. So zieht er langsam aus der schwülen Dickung und ins raume Stangenholz hinein, mit krummem Rücken und hängendem Haupte, fast so, als suchte er des Schmaltieres Liebesfährte. Aber ihm ist nicht danach. Wie er mit Anstrengung Lauf vor Lauf setzt, deucht ihn, er schreite hoch über dem Waldboden in freier Luft, alles ist fern und verschwommen und gleichgültig. In seinen Flanken tobt das Weh, sein brodelndes Blut will Wasser, seine trockene Drossel würde nach Wasser brüllen, vermöchte sie es. Und die grünen Fliegen summen hinterdrein.

Jetzt tritt er ins Altholz. Ferne klingen Axt und Säge, er vernimmt es, aber er deutet es nicht, er weiß, dort sind Menschen, Menschen, diese Feinde, grausamer fast als Winter und Seuche – aber er hat sie nicht mehr zu fürchten. Von seiner Flanke tropft es rotwäßrig, hier auf Farnkraut, dort auf die Streu; die Wunde ist wieder lebendig, der Schmerz wühlt in ihm. Fast verspürt er es nicht, solche Stumpfheit, Bleischläfrigkeit umfängt seine Sinne. Nur weiter, weiter! Hier ist der Abfuhrweg, den er sonst immer in heller Flucht überfiel; heute zieht er achtlos drüber hinweg. Jenseits beginnt das enge Stangenholz. Er gibt sich gar keine Mühe, leise aufzutreten, sein Krongeweih schlägt überall an, dem Menschen tausend Zeichen hinterlassend. Ein Holzwagen knarrt hinter ihm durch den Bestand, der Markolf warnt, Stimmen schreien. Das alles hat keine Schrecken mehr für ihn.

Er kann nicht weiter, niedertun muß er sich, bis wieder ein allerletzter Rest von Kraft zusammenkommt. Da sind die goldenen Blutfliegen auch schon wieder; wie Bienen umschwärmen sie die rote Blume des Todes, die ihnen so honigsüß duftet …

O, er weiß, daß jener Mensch es war, der ihm so wehe getan! Jener Mensch mit dem grauen Rock und dem grauen Bart, den er durch neun Winter für gut hielt, weil er ihm Heu brachte und den Schnee wegpflügte und salzige Steine an seinem Lieblingsstandorte aufstellte. Aber die Güte dieser Mächtigen ist nicht treuer Art; sie geben nur, um nehmen zu dürfen …

Weiter, weiter, eh das Blut gerinnt, die Flamme verlischt!

Stöhnend reißt er sich empor.

Stangenholz, Altholz, Stangenort, Abfuhrweg, hohes Holz, Schneise. Er sieht die Baumreihen wie im Traume an sich vorbeigehen. Er kennt jedes einzelne Jagen, jeden Stamm. Hier hat er vor zwei Jahren seine Zwölferstangen abgeschlagen, dort hat er im letzten Sommer sein Vierzehnergeweih fertiggefegt. Es war das beste, das er je trug, heute setzte er auf ungerade zwölf Enden zurück. Da der Futterraufen, drüben die Lecke; in diesem Bestande schlug er damals den Sechzehnendigen fast zuschanden und trieb ihm dann noch sein Rudel weg. Nun das enge Jungholz, wo einst der uralte Zehner plötzlich zurückblieb, kurz wurde, dröhnend ins Reisig brach. Dort stürzte das Schmaltier inmitten der Richtschneise; hier hat er zum ersten Male heimlicher Herbstminne gepflogen, während der Achtzehnendige im Farnkraut schlief …