Chapter 4 of 6 · 3967 words · ~20 min read

Part 4

»Wie diesen Tieren geht’s uns allen!« klagte ein Weib, »keine Menschenmöglichkeit, daß der Wald gerettet wird – alles brennt, alles brennt! O Christi Heiland – es ist das Jüngste Gericht!«

Tagelang währte der Greuel.

Von unserem hochgelegenen Hause aus sahen wir aus den Wäldern des Filnbaum und der Fresenleiten die Flammen rot und langsam aufsteigen. Die ganze Gegend lag in einem Schleier, und scharfer Brandgeruch stach in die Nasen. Unser Berg schien eingewölbt von Rauch, daß es oft schier dunkel war. Und da stand ein großes, trübrotes Rad über uns, das der Rauch umwirbelte, verdeckte und doch nicht ganz vertilgen konnte. Es war die Sonne. Wir sahen aber auch, wie das Feuer allmählich gegen uns heranrückte, es stieg über die Höhen her, und es stieg in die Täler nieder, und es stieg endlich an unserem Berghange heran. Wir bedurften des Abends keines Kienspans.

Das Vieh hatten wir längst auf die Almweide gejagt und die Einrichtungsstücke des Hauses mitten auf das freie Feld hinausgeschleppt. Halb wahnsinnige Menschen kamen herbei. Der Vernünftigsten einer war der uralte Martin, dem die Hütte verbrannt war und der nun mitternächtig beim Scheine des Waldbrandes Preißelbeeren pflückte.

Mein Vater kletterte auf den Dächern unseres Gehöftes herum, und mit einer langen Stange, an deren Ende er einen nassen Lappen gebunden hatte, schlug er die Funken tot, die herangeflogen kamen und sich auf das Dach gesetzt hatten.

In der fünften Nacht, als wir in einer Ecke unserer ausgeräumten Stube kauernd schliefen, wurden wir plötzlich von einem lauten Tosen geweckt, und der alte Markus, der auf dem Dache Nachtwache hatte, rief: »Das ist schon recht! Das ist schon recht!«

Ein Wettersturm hatte sich erhoben und wütete in dem brennenden Walde, daß es eine schreckbare Pracht war. Als ob ein wüstes Gewässer dahinbrauste zwischen den Stämmen, so toste und dröhnte es. Aber das Feuer wurde in die entgegengesetzte Richtung von unserem Hause geworfen, und das war es, was dem alten Markus so recht war. Die Flammen waren wie auf wilder Flucht; sie übersprangen ganze Waldpartien, zündeten an neuen, entlegenen Stellen.

Als sich der Orkan gelegt hatte, kam ein Regenguß. Der Regen währte tagelang, und die Wolken stiegen träge auf und nieder. Lange noch mischte sich mit ihnen der Rauch der kohlenden Strünke – endlich aber war alles Feuer ausgelöscht. Über alles legte sich der feuchte, frostige Nebel – es war die herbstliche Zeit.

So ist die Begebenheit hier erzählt.

Doch endet der Wald mit seinem Untergange nicht, in ihm ist die Urkraft.

Der Nebel des Herbstes spann den Schnee; im Winter sahen wir von unseren Fenstern aus weit mehr weiße Flächen als sonst. Aber erst als der Lenz kam, sahen wir, was der Waldbrand angerichtet hatte. Überall verkohlter Grund, rostfarbige Steine, halbverbrannte Wurzeln, und darüber ragten die schwarzen Strünke einzelner Baumstämme. – Nun kamen die Leute und reuteten. Sie stachen den schwarzen Rasen um, sie säeten Korn in das Erdreich; den Obdachlosen wurden neue Hütten gebaut. Und als der Frühherbst kam, war’s eine Herrlichkeit. Kein Mensch in unserem Waldlande hatte je eine so große goldgelbe Pracht gesehen, als das Kornfeld war, das sich über die Berge hinzog. Wir mußten alle zusammenhalten, die Flut der Halme, wovon einer sein schweres Haupt auf die Achsel des anderen legte, einzuheimen. Ich erinnere mich noch an das Wort, das bei dieser Gelegenheit der Pfarrer sprach: »Der Herr schlägt die Wunden, aber er spendet auch den Balsam, sein Name sei gelobt!« – Am nächsten Tage schickte er seine Knechte, um von der reichen Ernte den Zehnt zu holen, und er hat recht getan.

Gegen dreißig Jahre lang gab der Grund des verbrannten Waldes den Menschen Brot. Dann kam die Landflucht der Menschen, und neuerdings sproßt auf den Berghöhen der junge, grüne Wald. Neues unendliches Leben webt darin – eine üppige Pflanzenwelt, ein lustiges Tierreich, eine helle Gottesmorgenfreude.

Peter Rosegger

[Illustration]

Waldkonzert

Konzert ist heute angesagt Im frischen, grünen Wald, Die Musikanten stimmen schon; Hört, wie es lustig schallt!

Der Distelfink spielt keck vom Blatt Die erste Violin; Sein Vetter Buchfink nebenan Begleitet lustig ihn.

Frau Nachtigall, die Sängerin, Die singt so hell und zart; Und der Herr Hänfling bläst dazu Die Flöt nach bester Art.

Die Drossel spielt die Klarinett, Der Rab, der alte Mann, Streicht den verstimmten Brummelbaß, So gut er streichen kann.

Der Kuckuck schlägt die Trommel gut; Die Lerche steigt empor Und schmettert mit Trompetenklang Voll Jubel in den Chor.

Musikdirektor ist der Specht; Er hat nicht Rast noch Ruh, Schlägt mit dem Schnabel, spitz und lang, Gar fein den Takt dazu.

Verwundert hören Has und Reh Das Fiedeln und das Schrein; Und Biene, Mück und Käferlein, Die stimmen lustig ein.

Georg Dieffenbach

Jüngst sah ich den Wind

Jüngst sah ich den Wind, das himmlische Kind, als ich träumend im Walde gelegen, und hinter ihm schritt mit trippelndem Tritt sein Bruder, der Sommerregen.

In den Wipfeln, da ging’s nach rechts und nach links, als wiegte der Wind sich im Bettchen; und sein Brüderchen sang: »Die Binke die Bank,« und schlüpfte von Blättchen zu Blättchen.

Weiß selbst nicht, wie’s kam, gar zu wundersam, es regnete, tropfte und rauschte, daß ich, selber ein Kind wie Regen und Wind, das Spielen der beiden belauschte.

Dann wurde es Nacht, und eh ich’s gedacht, waren fort, die das Märchen mir schufen. Ihr Mütterlein hatte sie fein hinauf in den Himmel gerufen.

Arno Holz

Schlechtes Wetter

Gestern durch den Wald ging ich im Regen Einem ungewissen Ziel entgegen.

Sah, bevor sie tot zu Boden fielen, Tausend Tropfen mit den Blättern spielen,

Die sich lustig mit dem Winde zausten Und voll Übermut gewaltig brausten.

Wie sie in der frischen Nässe blinkten Und von allen Seiten mich umringten,

Ward die Seele mir so frisch und weit, So voll Regenwetterlustigkeit,

Daß ich in das Rauschen unbewußt Sang ein Frühlingslied aus tiefster Brust –

Heut im Tagblatt hab ich dann gelesen, Daß das Wetter gestern schlecht gewesen …

Wilhelm Langewiesche

[Illustration]

Waldlieder

Arm in Arm und Kron an Krone steht der Eichenwald verschlungen, Heut hat er bei guter Laune mir sein altes Lied gesungen.

Fern am Rande fing ein junges Bäumchen an sich sacht zu wiegen, Und dann ging es immer weiter an ein Sausen, an ein Biegen;

Kam es her in mächt’gem Zuge, schwoll es an zu breiten Wogen. Hoch sich durch die Wipfel wälzend, kam die Sturmesflut gezogen.

Und nun sang und pfiff es graulich in den Kronen, in den Lüften, Und dazwischen knarrt und dröhnt es unten in den Wurzelgrüften.

Manchmal schwang die höchste Eiche gellend ihren Schaft alleine, Donnernder erscholl nur immer drauf der Chor vom ganzen Haine!

Einer wilden Meeresbrandung hat das schöne Spiel geglichen; Alles Laub war weißlich schimmernd nach Nordosten hingestrichen.

Also streicht die alte Geige Pan der Alte laut und leise, Unterrichtend seine Wälder in der alten Weltenweise.

In den sieben Tönen schweift er unerschöpflich auf und nieder, In den sieben alten Tönen, die umfassen alle Lieder.

Und es lauschen still die jungen Dichter und die jungen Finken, Kauernd in den dunklen Büschen sie die Melodien trinken.

Gottfried Keller

Gewitter im Walde

»Steht nun, Brüder, wie ein Turm!« Sprach im Forst die alte Eiche; »In den Lüften rast der Sturm, Und schon naht er unserm Reiche.

Junges Volk, noch reich belaubt, Schließt euch dicht an uns, die Alten; Stark den Stamm und hoch das Haupt, Laßt uns fest zusammenhalten!«

»Kinder,« sprach die Weide, »dreht Fügsam euch nach allen Winden; Schmiegt und biegt euch, wie es geht, Daß wir unversehrt uns finden!«

Rief das Moos: »Was das Gehölz Schwatzt von Kämpfen, Schmiegen, Ducken! Ich auf meinem grünen Pelz Fühl nur ein behaglich Jucken.« –

Doch die Windsbraut fährt alsbald In den Forst, die Bäume zittern; Bis zum Grund erbebt der Wald, Wipfel brechen, Stämme splittern.

Aus den Wolken, schwarz verhüllt, Wirft der Sturm des Blitzes Schlange, Und des Donners Stimme brüllt Dumpf ihm nach auf seinem Gange. – –

Tief gespalten und zerfetzt Steht der Baum, ein wunder Streiter; Moos und Weiden, taubenetzt, Grünen unbekümmert weiter.

Georg Scherer

Nach dem Gewitter

Der Sturm hat ausgetobt – es schimmert Die Sonne durch die Wolkenwand, Ein Regentropfen farbig flimmert An jedes Blättchens krausem Rand; Es beben noch die rauhen Stämme, Die ungestüm der Wind umsaust; Aufschäumend gegen Fels und Dämme Des Wildbachs trübe Woge braust; Und in der Lichtung, wo die Ranken Den Boden dornig überziehn, Wo tausend zarte Gräser schwanken Und tausend kleine Blumen blühn, Da liegt, umstrahlt vom Abendlichte, Der schönste Stamm in weiter Rund, Die alte, dunkelgrüne Fichte, Entwurzelt auf dem feuchten Grund. Ich streichle die gewalt’gen Äste, Die splitternd sich im Fall zerdrückt, Die wie zu einem Maienfeste Mit roten Knospen noch geschmückt. Zum schlanken Wipfel muß ich schauen, Der gestern in des Lufthauchs Wehn, Sich fröhlich wiegend hoch im Blauen, Noch übers weite Land gesehn; Muß denken, daß gleich jenem Baume Ich sterben möcht – vom Sturm gerafft, Umwogt noch von des Frühlings Traume, In ungebrochner Lebenskraft.

Sophie von Waldburg

Regen

Geht ein grauer Mann Durch den stillen Wald, Singt ein graues Lied. Die Vöglein schweigen alsbald.

Die Fichten ragen so stumm und schwül Mit ihrem schweren Astgewühl. In fernen Tiefen Vergrollt ein Ton.

Johannes Schlaf

[Illustration]

Durchlaucht

Da hilft kein alter Fürstenbrief, Daß ich mich bücken kann – Doch heute traf im Walde tief Ich eine Hoheit an.

Fest wurzelnd in der Erde Grund Steht frei sie und allein, Jahrhundertalt, doch kerngesund, Im neuen Sommerschein!

Und ihre Krone blätterdicht, Sie strahlt in lauterm Gold, Läßt sich durchleuchten von dem Licht, Wie Fürsten es gesollt.

Du bist so herrlich, bist so groß, Daß all mein Stolz verraucht – Verehrend streck ich mich ins Moos Zu Füßen der Durchlaucht!

Hanns von Gumppenberg

Bei den Holzern

Daß doch der Wald, wie er sich so hinbreitet über Höhen und Täler – unabsehbar, wie er daliegt, grün und dunkel und weiterhin duftig blauend am sonnigen Sehkreis – der stille, unendliche Wald –, daß er doch auch seine Feinde hat!

Wie ist das eine schöne, säuselnde, rauschende, brausende, allebendige Ringmauer, schützend vor dem wüsten Unfrieden draußen! Aber – Waldfried ist gestorben.

Im Forste braust der Sturmwind, schlägt manchem jungen Tannling den lustig winkenden Arm weg, bricht manchem trotzigen Recken das Genick. Und in der Tiefe rauscht und schäumt in weißen Gischten und Flocken – wie ein brandender Wolkenstrom – der Wildbach und wühlt und gräbt und nagt das Erdreich von den Wurzeln, immer weiter und weiter hinein, daß der wuchtige Baum zuletzt schier in der Luft dasteht und sich oben mit starken Armen nur noch an den Nachbarn hält, um nicht zusammenzubrechen, endlich aber doch niederstürzt in das Grab, das ihm jenes Wasser heimtückisch gegraben hat. Jenes Wasser, welches er durch seinen Nebeltau gestärkt, durch seine dichte Krone vor dem Lechzen des Windes geschützt, durch seinen Schatten vor dem zehrenden Kusse der Sonne bewahrt hat. – Und auf den luftigen Wipfeln hackt der Specht, und unter den Rinden frißt der Wurm die Borke, und das Sägerad der Zeit geht allerwege, und die Späne fliegen – im Frühlinge als Blüten, im Herbste als gedörrte Nadeln und Blätter.

Es geht ewig zu Ende, und im Ende keimt ewig der Anfang.

Da naht nun erst der Mensch mit seiner Zerstörungswut. Da schallt das Schlagen und Pochen, da surrt die Säge, da klingt das Beil auf das Stemmeisen im dunkeln Grunde; – wenn du oben hinblickest über das stille Meer der Wipfel, so ahnst du es nicht, welchen es angeht.

Aber das Stemmeisen und der Keil dringen tiefer und tiefer; da schüttelt einer der Hundertjährigen sein hohes Haupt, er weiß doch gar nicht, was die Menschlein wollen da unten, die kleinen possierlichen Wesen – er kann nicht begreifen und schüttelt wieder das Haupt. Da geht ihm der Stoß ins Herz; – unten knistert es, schnalzt es, und nun wankt der Riese, knickt ein, rauschend und pfeifend in einem ungeheuren Bogen kreist er hin, mit wildem Krachen stürzt er zu Boden. Leer ist es in der Luft, eine Lücke hat der Wald. Hundert Frühlinge haben ihn emporgehoben mit ihrer Liebe und Milde; jetzt ist er tot, und die Welt ist und bleibt ganz auch ohne ihn – den lebendigen Baum.

Still stehen die zwei, drei Menschlein, sie stützen sich auf den Beilstiel und blicken auf ihr Opfer. Sie klagen nicht, sie jauchzen nicht, eine grausame Kaltblütigkeit liegt auf ihren rauhen, sonnverbrannten Zügen, ihr Gesicht und ihre Hände sehen ja aus wie von Fichtenrinden. Sie stopfen sich ein Pfeiflein, schärfen die Hacken und gehen wieder an die Arbeit. Sie hauen die Äste von dem hingestreckten Stamme, sie schürfen ihm mit einem breiten Messer die Rinde ab, sie schneiden ihn vielleicht gar in klafterlange Stücke; – und nun liegt der stolze Baum in nackten Klötzen.

Peter Rosegger

[Illustration]

In der Stadt

Was ist das für ein Schrein und Peitschenknallen? Die Fenster zittern von der Hufe Klang, Zwölf Rosse keuchen an dem straffen Strang, Und Fuhrmannsflüche durch die Gasse schallen.

Der auf den freien Bergen ist gefallen, Dem toten Waldeskönig gilt der Drang; Da schleifen sie, wohl dreißig Ellen lang, Die Rieseneiche durch die dumpfen Hallen.

Der Zug hält unter meinem Fenster an, Denn es gebricht zum Wenden ihm an Raum; Verwundert drängt sich alles Volk heran.

Sie weiden sich an der gebrochnen Kraft; Da liegt entkrönt der tausendjährge Baum, Aus allen Wunden quillt der edle Saft.

Gottfried Keller

Herbstlicher Wald

Rings ein Verstummen, ein Entfärben; Wie sanft den Wald die Lüfte streicheln, Sein welkes Laub ihm abzuschmeicheln; Ich liebe dieses milde Sterben.

Von hinnen geht die stille Reise, Die Zeit der Liebe ist verklungen, Die Vögel haben ausgesungen, Und dürre Blätter sinken leise.

Die Vögel zogen nach dem Süden, Aus dem Verfall des Laubes tauchen Die Nester, die nicht Schutz mehr brauchen, Die Blätter fallen stets, die müden.

In dieses Waldes leisem Rauschen Ist mir, als hör ich Kunde wehen, Daß alles Sterben und Vergehen Nur heimlichstill vergnügtes Tauschen.

Nikolaus Lenau

Novembersonnenschein

Der Wald wirft seine Blätter ab; viele Bäume sind schon ganz kahl; andre haben noch etwas Laub; einige sind noch vollbelaubt; aber das sind wenige.

Vor zwei Wochen, da war es anders. Da hatte der Wald sein rotes Staatskleid an, das bunteste von allen dreien.

Denn drei hat er; eins aus hellgrüner Foulardseide; das trägt er im Mai. Dann das aus rotem Atlas, das er Ende Oktober trägt, und das weiße, mit Silber gestickte, das er nur an sehr schönen Wintertagen anzieht. Das andere sind alles mehr Alltagskleider, so auch das, was er jetzt anhat. Aber wenn er Besuch bekommt, vornehmen Besuch, dann macht er sich trotzdem fein, so gut es geht.

Heute zum Beispiel, denn da kam die Sonne zu Besuch, ein seltener Gast im November. Da hatte der Wald sich dann schnell hingesetzt und das fahle Alltagskleid etwas aufgeputzt, einen goldgelben Einsatz eingenäht, eine hellgrüne Rüsche eingeheftet, einen goldroten Volant angesetzt, hatte die knallroten Korallen angelegt und eine funkelnde Brosche vorgesteckt. Fein sah das aus.

Als ich gestern über die Felder ging, war er nicht so fein. Graubraun, fahlgelb, trübrot, so war sein Kleid, mit stumpfen, dunkelgrünen Samtaufschlägen. Heute aber ist die ganze Jungbuchenkante ein langer leuchtender goldroter Strich, als wenn Elbenfeuer brennten. Und im Walde die Buchenjugenden, die sind bunt wie ein Pantherfell, noch viel bunter. Denn ein Pantherfell ist rot und schwarz gefleckt; hier aber ist hellrot und goldbraun, orange und gelb, grün und tiefrot durcheinander gewirbelt. Von Rechts wegen müßte das unruhig aussehen, gesucht und augenverwirrend. Aber es wirkt gerade umgekehrt. Es beruhigt und erfrischt wie sprudelndes Wasser, dieses Sprudeln der Farben.

Der Querweg ist sauber gefegt, den geh ich nicht. Ich gehe den laubbedeckten Weg geradeaus. Das ganze Jahr mag ich leise treten im Walde und gehe um die trockenen Blätter herum; aber im November suche ich sie, und wo sie am dicksten liegen, gehe ich am liebsten.

Es redet dann so viel, das Rauschelaub. Wenn die Luft grau und der Himmel tief ist, redet es von Herbst und Sterben, von Vergehen und Verwesen und predigt das alte Entsagungslied.

Heute aber nicht. Von Ruhe vor neuem Schaffen, von Winterrast vor jungem Frühling, von stiller Gegenwart und froher Zukunft redet heute das Rauschelaub.

Hier unter den alten Samenbuchen muß ich stehen bleiben. So schön war es hier noch nie wie heute, wo die Sonne hier zu Besuch ist an diesem Novembertag. Ein unendlicher Teppich aus kupferrotem geschorenen Plüsch bedeckt den Boden; die altsilbernen Stämme der Buchen, der Fichten tiefviolette Schäfte teilen ihn ein, daß die Augen ihn in Absätzen genießen sollen.

An vielen Zweigen ist noch Laub, und leise bewegt der Wind diese Zweige, damit ich sie zuerst sehen soll und mich freuen an ihrem goldenen Rot und rotem Gold. Langsam schaukeln sie hin und her, und hin und wieder fällt ein goldenes Blatt von ihnen zu Boden.

[Illustration]

Absichtlich hat der Wind meine Augen abgelenkt; denn jetzt, wo sie dem einen fallenden Blatt folgten und von ihm weiterwandern, da sahen sie erst das Allerschönste. Eine Buche ist es, eine schlanke, mit vielen wagerechten Zweigen. Die hat noch alles Laub. Und darauf fällt die Sonne mit besonderer Liebe.

Gestern habe ich ihn gar nicht gesehen, diesen goldenen Buchenbaum; ich bin an ihm vorbeigegangen. Gestern schien die Sonne auch nicht. Es gibt Menschen, die sieht man auch erst, wenn sie lächeln; da leuchtet ihr goldenes Herz. Dort unten steht ein junger Ahorn; der leuchtet wie gelbes Glas. Prächtig sieht er aus und lustig; aber denken kann ich mir nichts bei ihm, und wenn er auch noch so prahlerisch seine goldgelben, spreizigen Blätter im Winde dreht. Höchstens, daß es auch solche Menschen gibt.

Durch das rote, rauschende Laub geh ich weiter. Ein blaugrüner Brombeerbusch wirft eine rauhe Schlinge um meinen Fuß. Als wenn er mir etwas sagen wollte. Er will auch etwas sagen, er, der nie blüht und nie Frucht trägt und Sommer und Winter grünt in demselben harten Grün. Draußen, am Moorwege oder am sonnigen Rain, wachsen seine Brüder. Purpurrote Ranken haben sie, prangen im Sommer mit weißen Blüten und im Herbst mit süßen Früchten und färben im Winter ihr Laub rot und gelb. Er bleibt aber das ganze Jahr, wie er ist. Denn hier unter dem Schatten der Buchen kriegt er keine Sonne, hat nicht Luft und Licht. Das bißchen müde Herbstsonne, das bißchen fahles Winterlicht kann ihn nicht zur Blüte und Frucht bringen.

Menschen gibt es auch, die so sind. Ihr Leben leben sie im schattigen Einerlei; sie blühen nicht in ihrem Mai, und wenn sie blühen, es trägt keine Frucht. Auch der Brombeerstrauch zu meinen Füßen hat wohl einmal eine Blüte gehabt, aber nie trug er eine Frucht.

Hinter den Fichten an der Waldstraße stehen hohe Kiefern. Schwer, entsagungsvoll, hängen ihre Zweige. Wenn sie jung sind, sind sie Himmelsstürmer, langen nach oben mit kecken Zweigen, wachsen und wachsen, schneller als jeder Baum im Wald, als könnten sie es gar nicht abwarten. Und wenn sie groß sind, sind sie müde und lassen die Zweige sinken.

Alles Schnellwüchsige wird früh müde. Unter den Fichten der Adlerfarn, kraftlos und altersschwach hängt er in den Zweigen des Faulbaums. Und wie wuchs er im Mai, und wie eilig hatte er es im Juni, und wie gierig spreizte er im Juli seine Wedel nach rechts und links! Alles Mache, nichts dahinter!

Wenn ich mir dagegen die winzige Eiche unter ihm ansehe: Drei Jahre ist sie alt. Dreimal wuchs ihr der freche Farn über den Kopf; aber jedesmal wurde er auch wieder klein, ganz klein, noch kleiner als die kleine Eiche.

Ein heller Klang, wie von einer silbernen Glocke, geht durch den Wald. Der Schwarzspecht ist es. Er lacht den Menschen aus, der in Novembersonne geht und doch nachdenklich ist. Er hat recht, der Rotkopf. Nachdenken ist gut genug für graue Tage. An hellen Tagen soll man leben und lachen.

Rauschelaub, rausch mir das Werdelied von goldener Frühlingszeit, wo junges Gras aus dir hervorkommt und weiße Blumen zwischen dir winken, wo alle Vögel singen im sonnigen Frühlingswald!

Gerade hier, wo ich bin, wo das dunkle Schaftheu seine starren Halme reckt und blanker Efeu schimmert, hier am Grabenrand, da wird es dann wunderbar sein. Braune Simsenknäulchen werden da zittern; weiß wird alles sein von Windröschen, und dazwischen wird die goldene Waldnessel blühn.

Einen großen, runden Fleck malt die Sonne vor mich hin auf rotes Laub und dunklen Efeu. Und mitten darin blüht es weiß und goldgelb, ein weißes Sternchen, drei goldene Mäulchen, zwei Frühlingsblüten im späten Herbst.

Das ist ein Wunder, ein wirkliches Wunder. Alle Windröschen haben im Frühjahr geblüht; alle Goldnesseln leuchteten im Mai; diese beiden aber blühen jetzt in dem großen, runden Fleck, den die Sonne auf den Grabenrand wirft, die Spätherbstsonne.

Denn Sonne bleibt Sonne und behält ihre Kraft. Ringsherum fallen die Blätter, rund umher welkt das Laub; hier allein blüht ein Stück Frühling in der Sonne im Wald.

Hermann Löns

Herbstgold

Wie war’s im Walde Heut wunderhold – Die Wipfel alle Von rotem Gold!

Golden der Boden, Golden der Duft, Fallende Blätter Von Gold aus der Luft!

Und es leuchtet Aus Tod und Vergehn Golden die Hoffnung Aufs Auferstehn.

Ferdinand Avenarius

Die Zeit der schweren Not

Der Wind pfiff halb von Nord, halb von Ost. Allem, was am Berge lebte, mißfiel er; alle, Maus und Eichhorn, Has und Reh, Fuchs und Dachs, blies er in ihre Verstecke, und Bussard und Krähe, Meise und Häher pustete er über den Kamm des Berges an den Westhang. Es fror, daß es knackte. Die Weizensaat unter dem Walde winterte aus, die Rinde der Eiche sprang, still stand der Graben, und der Bach verschwand.

Sieben Tage schnob der bitterböse Wind im Lande umher, dann verlor er den Atem. Über den Berg stieg eine Wolkenwand, schwarzblau und schwer, schob sich über den hellen, hohen Himmel und legte sich tief auf das Land, bis sie sich an den scharfen Klippen des Berges den Bauch aufschlitzte. Da quoll es heraus, weiß und weich, einen Tag und eine Nacht und noch einen Tag und noch eine Nacht und so noch einmal, bis alles zugedeckt war im Lande und auf dem Berge und so sauber aussah und so reinlich, daß die Sonne vor Freuden lachte. Ihr Lachen brachte Leben an den Osthang des Berges. Mit einem Male waren die Rehe wieder da und die Hasen, Fuchs und Dachs fuhren aus ihren Gebäuden, das Eichhorn verließ den Kobel und die Maus das Loch, Bussard, Krähe und Häher tauchten auf, und überall wimmelte es von buntem, lustigem Kleinvogelvolke.

Das Lachen der Sonne war falscher Art, es kündete Blut und Tod. Der tauende Schnee ballte sich und brach Äste und Bäume; er knickte die Fichten und krümmte die Jungbuchen, und auf dem Boden überzog der Schnee sich mit einer Kruste, hart wie Eis und scharf wie Glas. Der Ostwind hatte ausgeschlafen und blies auf das Neue gegen den Berg. Da kam die Zeit der schweren Not.

Die Maus hatte ihren Gang unter dem Schnee, das Eichhorn behalf sich mit Blattknospen und Rinde, der Hase rückte in die Kohlgärten, der Dachs verschlief die hungrigen Nächte, der Fuchs suchte die Dungstätten ab. Übel daran aber war das Reh. Die Saat war begraben in steinhartem Schnee. Die Obermast im Holze war verschwunden. Verschneit waren die Himbeeren, verweht die Brombeeren, unsichtbar die Heide. Buchenknospen und dürre Halme, trockene Blätter und harte Stengel, das war alles, was der Berg an Äsung bot.

[Illustration]

Der Hunger ging durch den Wald. Wo seine Augen ein Reh trafen, da fiel es ab. Der Hals wurde lang, die Dünnungen tief, rauh die Decke und immer größer die Lichter.

Langsam und vorsichtig zogen die Rehe am Hange entlang, aber alle Behutsamkeit half ihnen nichts; eins nach dem anderen trat durch die Eiskruste des Schnees und zerschabte sich die Läufe. In jedem Wechsel zeichneten sich blaßrote Flecke ab.

Und wieder baute sich eine schwarzblaue Wand hinter dem Berge auf, schob sich über den hellen Himmel, legte sich über das Land, riß sich an den Klippen den Pansen auf und schüttete Schnee auf das Gefilde, einen ganzen Tag und eine volle Nacht.