Chapter 5 of 6 · 3937 words · ~20 min read

Part 5

Und wieder lächelte die Sonne ihr hinterlistiges Lächeln und machte Eis aus dem Schnee. Noch langsamer, noch vorsichtiger zogen die Rehe dahin, mit Hälsen, so dünn wie Heister, schwarze Löcher in den Dünnungen. Und wo sie zogen, da wurde der Schnee rot.

Der Tod ging durch den Wald. Da war kein Reh am ganzen Berge, das nicht an den Läufen klagte. Das eine blieb stehen, wo es stand, und zitterte, bis es fiel. Ein anderes tat sich nieder und stand nicht wieder auf. Ein drittes stürzte halbverdurstet in die Quellschlucht und erstarrte im eisigen Wasser.

Noch niemals ging es dem Fuchs so gut, wie da. Sein Tisch war gedeckt, war reicher beschickt als zur Maienzeit, wenn alle Mäuse hecken und das Feld von Junghasen wimmelt. Auch der Marder konnte zufrieden sein und Bussard und Krähe nicht minder; sogar für die bunten Meisen blieb noch Fraß genug übrig, und die Waldmäuse nagten die letzten Sehnenfetzen von den Knochen.

Kein Ende der Not kam; jeden Tag ging der Tod seinen Belauf im Berge ab. Selbst die Hasen schonte er nicht; mancher von ihnen, der sich am gefrorenen Kohl verdarb, füllte den Pansen des Fuchses, der von Tag zu Tag mehr in die Breite ging.

Eines Morgens aber fuhr er mit ledigem Leibe zu Baue. Vor der Dickung lag ein gefallenes Reh, an dem er sich schon eine Nacht gütlich getan hatte. Doch als er die zweite Nacht heranschnürte, da schlug ihm eine seltsame Witterung entgegen, ein Geruch, den er nur einmal gewittert hatte. Rund um den Fleck, wo das gefallene Stück lag, schnürte er, und eine geschlagene Stunde dauerte es, ehe er sich ein Herz faßte und heranschlich. Und da stand er und windete und äugte lange Zeit, und schließlich schnürte er mit hängender Lunte und angelegten Gehören mißmutig ab; denn sein Reh war fort, war bis auf die Schalen und einige Deckenfetzen verschwunden, und weiter war nichts da, als die niederträchtige und dabei doch verlockende Witterung.

Aber der Tod ging immer noch durch den Wald, und er schlug Stück um Stück mit harter Hand. Der Fuchs verlor den Mut nicht. Behende trabte er von Wechsel zu Wechsel, bis er einen fand, in dem eine kranke Fährte stand, und der hing er nach. So ganz leicht war es nicht, sie zu halten. Es schneite und schneite, und der Wind pfiff böse; er schob den Schnee von den Blößen vor die Dickungen, fegte ihn hier zusammen, kehrte ihn dort fort, verdeckte auf weite Strecken die Rotfährte und verwischte sie endlich völlig. Das ganze helle Holz suchte der Fuchs ab; er nahm die Fährte wieder auf, wo er sie zuerst gefunden hatte, und er hing ihr nach bis zu der Stelle, wo sie in der großen Schneewächte unterging. Da saß er eine ganze Weile auf den Keulen, und dann schnürte er weiter, hungrig, müde und verdrießlich. Er suchte alle Rehdickungen ab; sie waren leer. Er schlich durch den Stangenort; da war es tot. Er trabte den Bach entlang bis zum Vorholze; es war dort unten so wie oben.

Da schnürte er zu Felde, um an der Dieme auf Mäuse zu passen. Als er dort angelangt war, vergaß er alle Mäuse, denn er fand die kranke Fährte wieder. Eilig, aber behutsam, nahm er sie auf und hielt sie bis zu dem Fichtenmantel unter dem Altholze. Immer länger wurde er, denn immer wärmer wurde die Fährte, und schon war er in den Fichten, da fuhr er wie besessen heraus und stob in das Feld zurück. Denn in den Fichten war es nicht geheuer. Es hatte da gebrochen, so laut und so grob, als wenn ein Mensch da gegangen wäre, und es hatte dort geschnauft und geschnarcht, wie kein Tier des Waldes zu schnaufen und zu schnarchen vermag.

In guter Sicherheit stand der Fuchs im Schatten der krausen Feldeiche und überlegte. Dann holte er sich Wind. In weitem Bogen trabte er am Vorberge entlang, verschwand bei der Quellschlucht im Altholze, schnürte hoch über dem Fichtenmantel durch die Räumdungen und schlich vorsichtig näher. Gerade, als der Mond die Wolken fortschob, kam der Fuchs bei den Fichten an. Da war es still und einsam. Der Fuchs schlich näher, den vollen Wind nehmend. Rehwitterung zog ihm entgegen. Langsam schlich er näher, verhoffte, schlich wieder näher, der guten Witterung entgegen; da fuhr er zurück. Denn da war eine zweite Witterung, die fremde Witterung von vorhin, dieselbe, die er bei dem gefallenen Stück wahrgenommen hatte, das ihm verlorengegangen war, eine unbekannte, verdächtige, absonderliche, geheimnisvolle, niederträchtige Witterung, zwar keine von Mensch oder Hund, aber immerhin nicht ungefährlich und auf keinen Fall vertrauenswert. Und jetzt der Ton! Ein Blasen, Schnaufen, Schnarchen, wie es nachts oft aus den Ställen bei den Gehöften kommt. Der Fuchs drehte um und stahl sich davon. Er traute dem Frieden nicht.

Eine gelbgesäumte Wolke brachte den Mond wieder zu Bett. Das Schneetreiben setzte abermals ein. Da blies es lauter in den Fichten, da krachte es im Schnee, brach es in dem Fallholz, und schwarz und groß schob es sich aus der Dickung, verhoffte, nahm laut schnaubend Wind, trat dichter an das gefallene Stück, daß der harte Schnee krachend zerbrach, prüfte noch einmal blasend den Wind und nahm dann den Fraß an.

Der Waldkauz, der allabendlich an dem Tannenmantel entlangstrich, um eine Maus zu schlagen oder einen Vogel aus dem Verstecke zu klatschen, rüttelte einen Augenblick neugierig über der kleinen Lichtung, von der ein lautes, gieriges Schmatzen und Schlabbern erscholl, untermischt mit dem Knirschen der Schneekruste und dem Krachen von Knochen. Dann strich die Eule ab; wo es so laut war, gab es für sie nichts zu fangen.

Als der Fuchs am Spätnachmittage des anderen Tages den Tannenmantel absuchte, fand er dort, wo das Schmalreh gelegen hatte, nur noch die Schalen, einige zertrümmerte Knochen und etliche Fetzen der Decke in dem zerwühlten, niedergetretenen, besudelten Schnee. Alles andere hatte der von weither zugewechselte, versprengte Schwarzkittel verschlungen.

Der Tod ging immer noch durch den Wald, aber dem Fuchs bescherte er nicht. Jedes Stück, das Hunger und Hartschnee umwarfen, verschwand im Gebräche der Sau, so daß auch Reineke empfand, daß sie gekommen war, die Zeit der schweren Not.

Hermann Löns

Am Futterplatz

Still träumt der Wald in tiefem Schnee. Ein weißer Dom schließt rings mich ein; Durch seine Lücken in der Höh Blickt grauer Winterhimmel drein. Wie starr der Bäume Säulen stehn! Von überall haucht’s kalt mich an; Und doch: wie schön, wie wunderschön! Ein Märchen, das der Tod ersann.

Zuweilen wie ein Glöcklein klingt’s: Das ist der Meise Silberton; Durchs weiße Netzwerk oben schwingt’s Und ist im Nu dem Blick entflohn. Und dort: ein Werk der Menschenhand – Gestützte Dächer, dick verschneit – Im unbarmherz’gen Winterland Ein Tempel der Barmherzigkeit.

Im weißen Grunde scharrt das Reh Und äugt und wittert langsam fort: Kein nährsam Hälmchen überm Schnee, Und drunter alles Grün verdorrt. Und näher stampft es, da – und da – Am nächsten Busche rührt sich’s schon. Zum Tempel kommt von fern und nah Die hungrig stumme Prozession.

Der Wärtel hat gedeckt den Tisch: Die Raufen füllt das duft’ge Heu. Nun quillt’s in schwärzlichem Gemisch Und zupft behaglich sonder Scheu … Ich späh versteckt; mein Auge hängt An ihrer zierlichen Gestalt, Bis alles satt und weiter drängt – Und wieder einsam träumt der Wald.

Victor Blüthgen

Fichtennadelduft

Durch schwülen Wald in Sommertagen, Wo der Pirol aus Wipfeln rief, Sonst alles ruhte, alles schlief, Da ging ich, wo man Holz geschlagen. Der sommerlichen Sonne Gluten, Sie senkten sich in goldnen Fluten Hin auf den unbeschützten Grund – Ein süßer Fichtennadelduft Erfüllte rings die heiße Luft, Still brütend in der Lichtung Rund. Und wie auf Schwingen fortgetragen, Hinflog mein Geist zu Wintertagen, Wo in des Zimmers stillem Kreis Der Tannenbaum die harz’gen Düfte, Haucht in die sanft durchwärmten Lüfte, Und Rauschgold knistert zart und leis. Und meinen Busen fühlt ich’s dehnen, Und mich befiel ein kindlich Sehnen Nach dir, du holde Weihnachtszeit. Was darf man in des Sommers Reichen Wohl deinem stillen Glanz vergleichen Und deiner trauten Heimlichkeit!

Die Zeit verging. – In Wintertagen, Da wurden Buden aufgeschlagen Mit all dem sonderlichen Tand. Das Wunder stieg vom Himmel wieder Auf die verschneite Erde nieder – Die heil’ge Weihnacht kam ins Land. Es stand die schön geschmückte Fichte In farb’gem Glanz, in hellem Lichte, Ein goldumglänzter Märchenbaum. Doch als der Zweige harz’ges Düften Nun schwebte in den warmen Lüften, Kam’s über mich gleichwie ein Traum. Da ward mein Geist hinweggetragen Zu glutgetränkten Sommertagen – Ich hört ihn rufen, den Pirol, Und Vogelsang und blühende Wälder, Und grüne Wiesen, goldne Felder – Ein Märchen schienen sie mir wohl. – Und meinen Busen fühlt ich’s dehnen, Und mich befiel ein tiefes Sehnen Mit drängend-lieblicher Gewalt, Und als ein Glück, nicht auszusagen, Erschien es mir: in Sommertagen Zu wandern durch den grünen Wald!

Heinrich Seidel

[Illustration]

Der vereisete Wald

Da wir endlich gegen den Taugrund kamen und der Wald, der von der Höhe herabzieht, anfing, gegen unsern Weg herüberzulangen, hörten wir plötzlich in dem Schwarzholze, das auf dem schön emporragenden Felsen steht, ein Geräusch, das sehr seltsam war und das keiner von uns je vernommen hatte – es war, als ob viele Tausende oder gar Millionen von Glasstangen durcheinander rasselten und in diesem Gewirre fort in die Entfernung zögen. Das Schwarzholz war doch zu weit zu unserer Rechten entfernt, als daß wir den Schall recht klar hätten erkennen können, und in der Stille, die in dem Himmel und auf der Gegend war, ist er uns recht sonderbar erschienen. Wir fuhren noch eine Strecke fort, ehe wir den Fuchs aufhalten konnten, der im Nachhauserennen begriffen war und auch schon trachten mochte, aus diesem Tage in den Stall zu kommen. Wir hielten endlich und hörten in den Lüften gleichsam ein unbestimmtes Rauschen, sonst aber nichts. Das Rauschen hatte jedoch keine Ähnlichkeit mit dem fernen Getöse, das wir eben durch die Hufschläge unseres Pferdes hindurch gehört hatten. Wir fuhren wieder fort und näherten uns dem Walde des Taugrundes immer mehr und sahen endlich schon die dunkle Öffnung, wo der Weg in das Gehölze hineingeht. Wenn es auch noch früh am Nachmittage war, wenn auch der graue Himmel so licht schien, daß es war, als müßte man den Schimmer der Sonne durchsinken sehen, so war es doch ein Winternachmittag, und es war so trübe, daß sich schon die weißen Gefilde vor uns zu entfärben begannen und in dem Holze Dämmerung zu herrschen schien. Es mußte aber doch nur scheinbar sein, indem der Glanz des Schnees gegen das Dunkel der hintereinander stehenden Stämme abstach.

Als wir an die Stelle kamen, wo wir unter die Wölbung des Waldes hineinfahren sollten, blieb der Thomas stehen. Wir sahen vor uns eine sehr schlanke Fichte zu einem Reife gekrümmt stehen und einen Bogen über unsere Straße bildend, wie man sie einziehenden Kaisern zu machen pflegt. Es war unsäglich, welche Pracht und Last des Eises von den Bäumen hing. Wie Leuchter, von denen unzählige umgekehrte Kerzen in unerhörten Größen ragten, standen die Nadelbäume. Die Kerzen schimmerten alle von Silber, die Leuchter waren selber silbern und standen nicht überall gerade, sondern manche waren nach verschiedenen Richtungen geneigt. Das Rauschen, welches wir früher in den Lüften gehört hatten, war uns jetzt bekannt; es war nicht in den Lüften; jetzt war es bei uns. In der ganzen Tiefe des Waldes herrschte es ununterbrochen fort, wie die Zweige und Äste krachten und auf die Erde fielen. Es war um so fürchterlicher, da alles unbeweglich stand; von dem ganzen Geglitzer und Geglänze rührte sich kein Zweig und keine Nadel, außer wenn man nach einer Weile wieder auf einen gebogenen Baum sah, daß er von den ziehenden Zapfen niederer stand. Wir harrten und schauten hin, man weiß nicht, war es Bewunderung oder war es Furcht, in das Ding hineinzufahren. Unser Pferd mochte die Empfindungen in einer Ähnlichkeit teilen; denn das arme Tier schob, die Füße sachte anziehend, den Schlitten in mehreren Rucken etwas zurück.

Wie wir noch dastanden und schauten – wir hatten noch kein Wort geredet –, hörten wir wieder den Fall, den wir heute schon zweimal vernommen hatten. Jetzt war es uns aber völlig bekannt. Ein helles Krachen, gleichsam wie ein Schrei, ging vorher, dann folgte ein kurzes Wehen, Sausen oder Streifen, und dann der dumpfe, dröhnende Fall, mit dem ein mächtiger Stamm auf der Erde lag. Der Knall ging wie ein Brausen durch den Wald und durch die Dichte der dämpfenden Zweige; es war auch noch ein Klingeln und Geschimmer, als ob unendliches Glas durcheinander geschoben und gerüttelt würde – dann war es wieder wie vorher, die Stämme standen und ragten durcheinander, nichts regte sich, und das stillstehende Rauschen dauerte fort. Es war merkwürdig, wenn ganz in unserer Nähe ein Ast oder Zweig oder ein Stück Eis fiel; man sah nicht, woher es kam, man sah nur schnell das Herniederblitzen, hörte etwa das Aufschlagen, hatte nicht das Emporschnellen des verlassenen und erleichterten Zweiges gesehen, und das Starren, wie früher, dauerte fort.

Es wurde uns begreiflich, daß wir in den Wald nicht hineinfahren konnten. Es mochte irgendwo schon über den Weg ein Baum mit all seinem Geäste liegen, über den wir nicht hinüber konnten, und der nicht zu umgehen war, weil die Bäume dicht stehen, ihre Nadeln vermischen und der Schnee bis an das Geäste und Geflechte des Niedersatzes ragte. Wenn wir dann umkehrten und auf dem Wege, auf dem wir gekommen waren, zurück wollten, und da sich etwa auch unterdessen ein Baum herübergelegt hätte, so wären wir mitten darinnen gewesen. Der Regen dauerte unablässig fort, wir selber waren schon wieder eingehüllt, daß wir uns nicht regen konnten, ohne die Decke zu zerbrechen, der Schlitten war schwerfällig und verglast, und der Fuchs trug seine Lasten – wenn irgend etwas in den Bäumen um eine Unze an Gewicht gewann, so mochte es fallen, ja die Stämme selber mochten brechen, die Spitzen der Zapfen, wie Keile, mochten niederfahren, wir sahen ohnedem auf unserm Wege, der vor uns lag, viele zerstreut, und während wir standen, waren in der Ferne wieder dumpfe Schläge zu vernehmen gewesen. Wie wir umschauten, woher wir gekommen, war auf den Feldern und in der Gegend kein Mensch und kein lebendiges Wesen zu sehen. Nur ich mit dem Thomas und mit dem Fuchse waren allein in der freien Natur. Ich sagte dem Thomas, daß wir umkehren müßten. Wir fuhren dann, so schnell wir konnten, gegen die uns zunächst gerichteten Eidunhäuser zurück.

Adalbert Stifter

Winter im Hochwald

Den Fels erstieg, demantenübersät, Im Hermelin des Winters Majestät.

Die Faust gekrampft in den vereisten Bart, Hält sinnend er hier Rast von langer Fahrt.

Kein Laut, kein Lauscher stört des Alten Ruh. Bald fallen ihm die müden Augen zu …

Ein fernes Fuchsgebell erstirbt im Forst; Leis schwebt ein Adler zum verschwiegnen Horst,

Und tief im Grunde tritt ein scheues Reh Lautlos heraus an den erstarrten See. –

Dies ist die Stunde, wo die müde Zeit Zu schlummern scheint im Schoß der Ewigkeit,

Wo uns der weiterschlossne Himmel still Sein wundersam Geheimnis künden will,

Und durch die Wälder leis von Baum zu Baum Ein Flüstern geht, ein goldner Frühlingstraum.

Paul Wolf

Der Tannenbaum

Draußen im Walde stand ein niedlicher Tannenbaum. Er hatte einen guten, luftigen Platz, war freundlich von der Sonne beschienen, und ringsumher wuchsen viele größere Kameraden, Tannen und Fichten. Der kleine Tannenbaum wünschte aber so sehnlich, größer zu werden! Er achtete nicht der warmen Sonne und der frischen Luft, er kümmerte sich nicht um die Bauernkinder, die in den Wald kamen, um Erdbeeren und Himbeeren zu sammeln. Oftmals kamen sie mit einem ganzen Topf voll und hatten Erdbeeren an einen Strohhalm gereiht; dann setzten sie sich neben den kleinen Tannenbaum und sagten: »Wie niedlich klein ist der!« Das mochte der Baum aber nicht hören.

Im folgenden Jahre wurde er schon um einen Ansatz größer und das Jahr darauf wieder; denn an den Tannenbäumen kann man an den Ansätzen, die sie haben, sehen, wie viele Jahre sie alt sind.

»O, wäre ich doch ein großer Baum,« seufzte er, »dann könnte ich meine Zweige weit umher ausbreiten und mit dem Gipfel in die weite Welt hinausblicken! Die Vögel würden dann ihre Nester in meinen Zweigen bauen, und wenn der Wind wehte, könnte ich ebenso vornehm nicken wie die andern!«

Er hatte keine Freude am Sonnenschein, an den Vögeln und an den rötlichen Wolken, die morgens und abends über ihn hinsegelten.

War es dann Winter und der Schnee lag blendendweiß ringsumher, so kam zuweilen ein Hase angesprungen und setzte gerade über den kleinen Baum weg – o, wie er sich darüber ärgerte! – Aber zwei Winter vergingen, und im dritten war das Bäumchen schon so groß, daß der Hase um dasselbe herumlaufen mußte. »O, wachsen, wachsen, groß und alt werden, das ist doch das einzig Schöne in dieser Welt!« dachte der Baum.

Im Spätherbst kamen Holzhauer und fällten einige der größten Bäume. Das geschah alle Jahre, und den jungen Tannenbaum schauerte dabei, denn die großen Bäume fielen mit Prasseln und Krachen zur Erde, die Zweige wurden ihnen abgehauen, so daß die Bäume ganz nackt aussahen; sie waren fast nicht mehr zu erkennen. Aber dann wurden sie auf Wagen gelegt, und Pferde zogen sie davon. Wo kamen sie hin?

Im Frühjahr, als die Schwalbe und der Storch geflogen kamen, fragte sie der Baum: »Wißt ihr nicht, wohin sie geführt wurden? Seid ihr ihnen nicht begegnet?«

Die Schwalbe wußte nichts; aber der Storch sah sehr nachdenklich aus, nickte mit dem Kopfe und sagte: »Ja, ich glaube fast! Mir begegneten viele neue Schiffe, als ich aus Ägypten flog; auf den Schiffen waren prächtige Mastbäume; ich glaube, daß sie es waren; sie hatten Tannengeruch; ich kann vielmals grüßen; sie sahen stolz und prächtig aus und überragten alles.«

»O, wäre ich doch auch groß genug, um so über das Meer hinfahren zu können! Wie sieht denn eigentlich das Meer aus?«

»Ja, das zu erklären, ist zu weitläufig,« sagte der Storch und ging fort.

»Freue dich deiner Jugend!« sagten die Sonnenstrahlen, »freue dich des jungen Lebens, das in dir ist!«

Und der Wind küßte den Baum, und der Tau weinte Tränen über ihn; aber das alles verstand der Tannenbaum nicht.

Gegen Weihnachten wurden ganz junge Bäume gefällt, die oft nicht einmal so groß wie dieser Tannenbaum waren, der weder Ruhe noch Rast hatte, sondern immer davon wollte. Diese jungen Bäume – es waren gerade die allerschönsten – behielten immer alle ihre Zweige; sie wurden auf Wagen gelegt, und Pferde zogen sie fort.

»Wohin sollen die?« fragte der Tannenbaum. »Sie sind nicht größer als ich, ja einer war sogar noch kleiner! Weshalb behielten sie alle ihre Zweige? Wohin fahren sie?«

»Das wissen wir! das wissen wir!« zwitscherten die Sperlinge. »In der Stadt haben wir in die Fenster gesehen! Wir wissen, wohin sie fahren! O, sie gelangen zur größten Pracht und Herrlichkeit! Wir haben gesehen, daß sie mitten in der warmen Stube aufgepflanzt und mit vergoldeten Äpfeln, Honigkuchen, Spielzeug und vielen Hunderten von Lichtern geschmückt werden.«

»Und dann?« fragte der Tannenbaum und bebte an allen Zweigen. »Und dann? Was geschieht dann?«

»Ja, mehr haben wir nicht gesehen!«

»Ob ich wohl auch bestimmt bin, diesen strahlenden Weg zu betreten?« jubelte der Tannenbaum. »Das ist noch schöner, als über das Meer zu ziehen! Wäre es doch Weihnachten! Nun bin ich groß, wie die anderen, die im vorigen Jahre weggeführt wurden! – O, wäre ich erst auf dem Wagen! Wäre ich doch erst in der warmen Stube mit aller Pracht und Herrlichkeit! Und dann –? Ja, dann kommt noch etwas weit Schöneres, weshalb würden sie uns sonst so schmücken! Es muß noch etwas Herrlicheres kommen –! Aber was? O, ich sehne mich, ich weiß selbst nicht, wie mir ist!«

»Freue dich,« sagten die Luft und das Sonnenlicht, »deiner frischen Jugend im Freien!«

Aber er freute sich gar nicht und wuchs und wuchs; Winter und Sommer stand er grün; die Leute, die ihn sahen, sagten: »Das ist ein hübscher Baum!« Und zu Weihnachten wurde er vor allen zuerst gefällt. Die Axt hieb tief ein, der Baum fiel mit einem Seufzer zu Boden; er fühlte einen Schmerz, eine Art Ohnmacht, er konnte gar nicht an das kommende Glück denken, er war betrübt, von der Heimat scheiden zu müssen; er wußte ja, daß er die lieben alten Kameraden, die kleinen Büsche und Blumen ringsum nie mehr erblicken würde, ja vielleicht nicht einmal die Vögel. Die Abreise war gar nicht angenehm.

Der Baum kam erst in einem Hofe in der Stadt wieder ganz zu sich, als er einen Mann sagen hörte: »Dieser hier ist prächtig! Wir brauchen nur diesen!«

Nun kamen zwei Diener und trugen den Tannenbaum in einen großen, schönen Saal. An den Wänden hingen Bilder, und neben dem Kachelofen standen große chinesische Vasen. Da gab es Schaukelstühle, seidene Sofas, große Tische voller Bilderbücher und Spielzeug. Der Tannenbaum wurde in ein großes, mit Sand gefülltes Faß gestellt; aber niemand konnte sehen, daß es ein Faß war; denn es wurde mit grünen Zweigen behängt und stand auf einem großen, bunten Teppich. O, wie der Baum vor Erwartung bebte! Was wird nun wohl vorgehen? Zunächst kamen Diener und Fräulein und schmückten ihn. An seine Zweige hingen sie kleine Netze aus farbigem Papier; jedes Netz war mit Zuckerwerk gefüllt; vergoldete Äpfel und Nüsse hingen herab, und über hundert rote, blaue und weiße kleine Lichter wurden in die Zweige gesteckt. Puppen, die wie Menschen aussahen, schwebten im Grünen, und oben auf der Spitze wurde ein Stern von Flittergold befestigt. Das war prächtig, ganz unvergleichlich prächtig!

»Heut abend,« sagten alle, »heut abend wird er strahlen!«

»O!« dachte der Baum, »wäre es doch Abend! Würden nur die Lichter bald angezündet! Und was dann wohl geschieht? Ob da wohl Bäume aus dem Walde kommen, um mich anzuschauen? Ob die Sperlinge gegen die Fensterscheiben fliegen? Ob ich hier festwachse und Winter und Sommer geschmückt dastehen werde?«

Er hatte ordentlich Borkenweh vor lauter Sehnsucht, und Borkenweh ist für einen Baum ebenso schlimm, wie Kopfschmerzen für uns andre.

Nun wurden die Lichter angezündet. Welcher Glanz! Welche Pracht! Der Baum bebte dabei in allen Zweigen so, daß eins der Lichter das Grüne anbrannte.

»Gott bewahre uns!« schrien die Fräulein und löschten es schnell aus.

Jetzt durfte der Baum nicht einmal mehr beben. Ihm war so bange, etwas von seinem Schmuck zu verlieren; er war ganz geblendet von all dem Glanze. Und nun gingen die Zimmertüren auf, und eine Menge Kinder stürzten herein, als wollten sie den Baum umwerfen; die älteren Leute kamen langsam nach. Die Kleinen standen ganz stumm, aber nur einen Augenblick, dann jubelten sie wieder, tanzten um den Baum herum, und ein Geschenk nach dem andern wurde abgepflückt.

»Was machen sie denn?« dachte der Baum. Und die Lichter brannten bis an die Zweige herunter, und je nachdem eins niederbrannte, wurde es ausgelöscht, und dann erhielten die Kinder Erlaubnis, den Baum zu plündern. O, die stürzten auf ihn ein, daß er in allen Zweigen knackte; wäre er nicht mit der Spitze an der Decke befestigt gewesen, so hätten sie ihn sicher umgeworfen.

Die Kinder tanzten dann mit ihrem prächtigen Spielzeuge herum. Niemand sah nach dem Baume, als die alte Kindsfrau, welche zwischen die Zweige blickte, aber nur, um zu sehen, ob nicht noch eine Feige oder ein Apfel vergessen worden sei.

»Eine Geschichte! Eine Geschichte!« riefen die Kinder und zogen einen kleinen, dicken Mann gegen den Baum hin; und er setzte sich gerade unter denselben, »denn da sind wir im Grünen,« sagte er, »und der Baum kann Nutzen davon haben, wenn er aufmerksam zuhört! Aber ich erzähle nur eine Geschichte. Wollt ihr die von Ivede-Avede oder die von Klumpe-Dumpe hören, der die Treppe herunterfiel und doch die Prinzessin erhielt?«

»Ivede-Avede!« schrien einige, »Klumpe-Dumpe!« schrien andre; das war ein Rufen und Schreien! Nur der Tannenbaum schwieg und dachte: »Komme ich gar nicht mit, werde ich nichts dabei zu tun haben?«