Chapter 1 of 7 · 3980 words · ~20 min read

Part 1

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Anmerkungen zur Transkription

Besondere Schriftschnitte werden im vorliegenden Text mit Hilfe der folgenden Symbole gekennzeichnet: kursiv: *Sternchen* fett: =Gleichheitszeichen= gesperrt: +Pluszeichen+ unterstrichen: ~Tilden~ anderer Schriftfont: #Raute#

Detaillierte Hinweise zu Änderungen gegenüber dem Original am Textende

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[Illustration: Bild und Signatur Wilhelm Holzamer.]

Der Held

und andere Novellen.

Von

Wilhelm Holzamer.

Mit einer Einleitung

von

Richard Wenz.

Mit dem Bildnis des Dichters.

Leipzig

Druck und Verlag von Philipp Reclam jun.

Uebersetzungsrecht vorbehalten.

Einleitung des Herausgebers.

Wie eine lange, beschwerliche Bergwanderung war das Leben Wilhelm Holzamers. Vor dem Aufstieg ein frohes Schreiten über saftig grüne Matten, durch die klare, heitre Luft des Frühlenzes, darein drängende Lebenslust ihre Lieder schmetterte. Ein kurzes, behagliches Verweilen, aber doch die Unruhe im Herzen, hinaufzukommen zur Höhe, die sein Ziel sein sollte. Und nun das Aufwärts! Zuerst über öde, dürre Steinhalden, wo die Stimmen des Lebens schwiegen, wo nur die Helle von oben das Wandern noch erträglich machte, wo aber auch schon dann und wann eine fliehende Wolke ihren raschen Schatten über ihn hinwarf, daß ihm einen Augenblick lang das Herz klopfte vor ungewisser Ahnung. Aber die Sehnsucht in ihm drängte, und rüstig schritt er fürbaß. Der Pfad ward steiler. Ueber Felsvorsprünge ging's, dann wieder durch enge, dunkle Schluchten, in denen wirres Gestrüpp wucherte. Schritt um Schritt hemmte es seinen Fuß; aber das Licht und die Höhe lockten. Und dann wieder, kaum in der Sonne, der huschende, geheimnisvoll drohende Schatten der Wolke! Die Ahnung in ihm wuchs und machte ihn müd und traurig. Und einmal im Traum sah er den Tod schreiten, der ihm winkte. Da war ihm sein Ahnen zur schlummernden Gewißheit geworden. Aber die Wanderung und das weitgesteckte Ziel, die machten sie vergessen. Hohe Schroffen türmten sich auf vor ihm, und ganz oben lockte das üppige Grün einer Bergwiese. Sein Stab griff aus; aber dann: Fuß über Fuß, mit klammernden Händen die steile Bergwand hinauf! Und oft, daß ihm der Atem ausging, wenn er hinuntersah in die Tiefe, wohin es heil kein Zurück gab. Und wieder schreckte ihn der Schatten. Ein Straucheln -- aber eine unsichtbare, starke Hand hielt ihn, und nun, aus schweren Träumen erwachend, stand er müd auf blumiger Au, stand er auf der Höhe. Und neben ihm die Gefährtin, die den gleichen mühseligen Aufstieg gemacht, die Fremde und doch Vertraute, die ihm die Hand gereicht hatte, als sein Fuß strauchelte. Dann ein frohes Wandern über die Höhe, der Sonne entgegen, reich und glückvoll, bis wieder die Wolke ihren schwarzen Schatten über ihn hinwarf, der nicht mehr weichen wollte ... Der Tod hatte ihn eingeholt. Mitten auf seinem Weg. Mitten aus seinem Schaffen riß es ihn, den Frühgereiften aber nicht Vollendeten; denn sein letzter, großer Roman, »Der Entgleiste«, ist kein Ausklang, sondern eine volltönige Introduktion, ein kraftvoller Aufstieg zu neuen Höhen.

»Zum Licht« hieß seine erste Gedichtsammlung, die er 1897 veröffentlichte. Fast alles darin ist noch gärend und draufgängerisch; man spürt Dehmel, Falke, Liliencron und: Nietzsche, als einen, den er eben erst erlebte, der alles aufwühlte in ihm. Aber ein ganzer »Holzamer« war auch dieses Buch schon. Es umzirkte weit aber fest den Kreis seines Lebens und Schaffens. Und auch von seinen Erstlingserzählungen her, »Auf staubigen Straßen«, geht deutlich erkennbar ein einziger Weg, eine einzige Entwicklungslinie. Es hieße daher, das Bild des Dichters fälschen, wollte man, wie es geschehen ist, seine hessischen Dorferzählungen der Heimatkunst zuweisen und seine über die Grenzpfähle der Heimat hinausstrebende Allgemeinkultur als Abwärtsentwicklung oder Entartung abtun. »Im Dorf und draußen« war die zweite Novellensammlung, in deren Titel er, bewußt oder unbewußt, schon äußerlich andeutete, daß sich seine Kunst nicht in der Volks– und Bauerngeschichte erschöpfen wollte. Und innerlich? Sind nicht hier schon seine Gestalten meist Eingänger und Sonderlinge, wertbewußte Starke, die dem Leben ihre Notwendigkeit abtrotzen? Und keinem einzigen begegnet man unter seinen Helden, von dem man nicht sagen müßte, der hat seine ausgeprägte Art, der ist ein Vollmensch, ein Ganzer, so wie's nachher sein armer Lukas ist, sein Peter Nockler und sein heiliger Sebastian, so wie's die Frauen in diesen Büchern sind und ihre nur konsequenter gezeichneten, bis zur Härte eigenartigen Schwestern in den späteren Romanen »Inge« und »Ellida Solstratten«, in denen nur engherziges Pfahlbürgertum Dekadenz und Verkümmerung erkennen konnte. Und doch waren auch diese Frauen nicht andrer Art als die im höchsten Maße problematische Figur der jungen Dorth in »Vor Jahr und Tag«, dem Roman also, der zeitlich nach den beiden vielfach angefeindeten »Frauen«–Romanen liegt, aber unbedingt mit dem »Peter Nockler« zusammengenannt werden muß. Wäre Holzamer wirklich jemals der einseitige Heimatdichter und Volkserzähler gewesen, wie ihn seine Gegner sich wünschen, so hätte er in jener Schaffensperiode nicht die »Kunstbriefe an den deutschen Michel« über »Die Siegesallee« schreiben können, so hätte ihn auch nicht der Großherzog Ernst Ludwig von Hessen vom Schulkatheder in seine Kabinettsbibliothek und als Leiter an die Darmstädter Spiele berufen. Wenn einer, so erkannte dieser fürstliche Mäzen klar, welche hohen künstlerischen Qualitäten allgemeinkultureller Art in Holzamers Werken lagen.

Lediglich zur stofflichen Gruppierung darf man also die drei Romane (»Der arme Lukas«, »Peter Nockler« und »Der heilige Sebastian«) zusammenfassen und sie von den folgenden sondern. Ihre Ausgeglichenheit bis ins kleinste, die Holzamer selber sah und die ihn den »Peter Nockler« so hoch einschätzen ließ, mag man in »Inge« und »Ellida Solstratten« vermissen; dafür entschädigen aber der kühne Zug ins Große und die von Lebensernst gestählte Energie, die da ihren Ausdruck sucht. Wer diese neue Phase des Dichters künstlerisch oder auch nur psychologisch werten will, der darf ihn nicht im Werden ergreifen, sondern im Gewordensein, der muß ihn messen an seinen letzten Arbeiten, den zahlreichen Novellen aus den fünf Jahren seiner Pariser und Berliner Zeit, die in zwei Bänden erscheinen sollen, sowie seinen beiden Romanen »Vor Jahr und Tag« und »Der Entgleiste«, der im Herbst dieses Jahres herauskommt.

Kann damit die scheinbare Kluft in des Dichters Schaffen als überbrückt gelten, so wird man nun die markantesten Züge seiner Künstlerpersönlichkeit leicht erkennen können. Von seiner Bevorzugung besonders individuell gearteter Menschen war schon kurz die Rede. In zweiter Linie müßte die Ruhe und Sicherheit der Gestaltung hervorgehoben werden: scharfe Skizzierung und dann, Strich um Strich Tönung und Nuancierung bis ins feinste, bis zum blutwärmsten Leben. Und wo dann noch verborgene Unterströmungen aufzudecken sind, da greift, kaum merklich, seine überlegene Reflexionskunst ein, die Hand in Hand geht mit einer subtilen psychologischen Tiefgründigkeit. Schon der ruhige Fluß seiner Sprache, die erschöpfende Klarheit des Ausdrucks, der kaum die Feile verrät, kennzeichnen die Überlegenheit, mit der er charakterisiert. Und schön ist diese Sprache, voll Wohllaut, schmiegsam, weich und anderswo doch auch wieder kraftvoll und wuchtig. Dazu kommt eine feine poetische Stimmungsgabe; aber das Maß des lyrischen Einschlags ist so verständig innegehalten, daß man ihn vermissen würde, wenn er nicht da wäre.

Es ist schade, daß an dieser Stelle auf die Tendenz der einzelnen Romane ebensowenig eingegangen werden kann wie auf ihren Inhalt. Es würde einem dann auch der Mensch Holzamer näher gerückt werden. Man würde sich nicht nur mit dem träumerisch gemütvollen, dem edlen und weisen Manne befreunden, der aus dem »Peter Nockler« und dem »Armen Lukas« spricht; wir würden auch willig mit ihm gehen, wenn er uns vom »Heiligen Sebastian« bis zur »Ellida Solstratten« führte, und auch in der Härte, die weniger verwunden will als verwunden muß, Ehrlichkeit, Größe und Kraft sehen, die gepaart mit jener weisen Güte unserer Verehrung und Liebe würdig ist. Die ihn kannten, wissen gut, wie sehr Holzamer seine Künstler–Ideale auch lebte. Wer einmal den tiefen Eindruck dieser sympathischen Persönlichkeit empfing, konnte ihn nicht mehr vergessen. Er war ein vornehmer Charakter; aber seine Vornehmheit hatte eine Wärme, die man schon im Druck seiner Hand, im Blick seines Auges spürte.

Zwischen Holzamers ersten Gedichten und dem späteren Band, »Carnesie Colonna«, lagen die zart getönten dramatischen »Spiele«, die aber mit ihrer Weichheit und ihrem hohen Stimmungsgehalt eher seiner Lyrik zugezählt werden müssen als dem einzigen Drama (»Um die Zukunft«), das wiederum viel mehr auf seine wuchtige Epik, etwa die im »Heiligen Sebastian«, hinweist. Aber wenn man den Lyriker Holzamer einschätzen will, so muß man auf die zart rhythmische Musik des Leides und Glücks in den Phantasien »Carnesie Colonna« hinhören. Und klingt mancher Ton darin auch noch als Verheißung, so wird die Lyrik des durch Kampf und Schmerz gereiften Dichters, die der Nachlaß enthält, Erfüllung sein.

Sein Drama, das in die Pariser Zeit fällt, war ein erster Wurf, hatte als solcher aber seine große Tragweite und bewies jedenfalls, daß Holzamer auch auf diesem Gebiet ungewöhnlich starke Möglichkeiten bot. Daß es von keinem besondern Glück begünstigt war, lag am »Theater«, das außer Kunst ja auch eine gewisse Routine fordert. Ob er ihm nach dieser Richtung noch Konzessionen gemacht hätte, wer weiß!

So wenig aber, wie man den Dramatiker Holzamer übersehen darf, so wenig darf man auch an dem Essayisten vorübergehen. Sein selbständiges Urteil hatte Wert und Gewicht, nicht nur in der Literatur, sondern in der Kunst überhaupt. Unkenntnis und Vorurteil haben seinem dreijährigen Aufenthalt in Frankreich Unfruchtbarkeit nachgesagt; aber schon allein die Essaysammlung »Im Wandern und Werden«, eine Monographie über Conrad Ferdinand Meyer, der später eine solche über Heine folgte, könnten das Gegenteil beweisen, außer ihnen Dutzende von Aufsätzen und Kritiken in führenden Blättern. Holzamer war in seiner kritischen Tätigkeit kein Fanatiker irgendeiner Richtung; aber auch hier verleugneten sich nie seine unbestechliche Ehrlichkeit und sein hoher künstlerischer Ernst.

Von den sechs Novellen des vorliegenden Bändchens zeigen uns »Cellist Behnke«, »Hochsommerglück« und »Der böse Wunsch« des Dichters starkes Talent im ersten Wachsen, während »Der Held« und »Sein letztes Hochamt« die deutlichen Merkmale einer kräftigen Entwicklung an sich tragen. »Die Freite« endlich darf als eine reife Frucht aus der letzten Zeit seines Schaffens hingenommen werden.

Am 28. März dieses Jahres hätte Holzamer erst die Vierzig erreicht, und nun jährt sich am 28. August schon zum drittenmal sein Todestag. Ein Frühgereifter, aber kein Vollendeter.

*Köln*, im April 1910.

Richard Wenz.

Der Held.

Der Ochsenwirt zu Schafbach hatte ein Preiskegeln ausgeschrieben. »Erster Preis: eine goldene Uhr, zweiter Preis: ein Regulator, dritter Preis: ein Revolver.«

Er hatte damit die ganze Gegend in Aufruhr gebracht. So hohe Preise, das war ja unerhört! Allerdings war auch der Einsatz ziemlich hoch. Aber das war ja natürlich.

Der Ochsenwirt lachte sich ins Fäustchen. Er hatte es gut gemacht diesmal. Die ganze Woche war sein Lokal jeden Abend gestopft voll. Jeder wollte die Preise sehen. Es war ja nicht zu glauben, so hohe Preise! Und erst am Sonntag! Da war's ein Geschäft! Von Latzenbach kamen sie, von Werden, von Bellenbach, von Sundsbach, ja von Hatzbach, ganz drüben hinterm Gebirge, und von Weilau und Buchenau, ganz drunten im Tal, fünf, sechs Stunden Wegs.

Er hatte es dem Sternwirt zum Ärger getan. Darüber konnte der nicht. Es war für die Pfingstmusik, die der ihm abgespannt hatte.

»Dem hewwe mer emol -- ha, ha, ha! -- E Schoppe noch, Hannes? -- un Sie auch noch an, Herr Nochber? -- Na -- un sein Se de Sunndag aach debei? -- Die schön guldenig Uhr! -- Do gucke Se nor emol! -- -- -- Prost! bekumm's Ihne!«

Es war erst Mittwoch heut, aber der Ochsenwirt animierte schon tüchtig. Er war ein Geschäftsmann. »Wann mer Wert is, muß mer Wert sein!« war sein Wort. Und darin lag ihm alle Klugheit und Geschicklichkeit, alle List und Verschmitztheit als Recht und Sinn des Lebens.

Eins war dumm, daß ihm jetzt grad -- es war am Donnerstagnachmittag -- seine »Alte« ins Kindbett kommen mußte. -- Wer, Deiwel, sollte die Arbeit all schaffen am Sonntag! Da hieß es Beine machen -- unter Umständen auch Fäuste. Vor allen Dingen aber: Hand zu und Augen auf!

Aber der Peter Knoll war ein Geschäftsmann. »Wann mer Wert is, muß mer Wert sein!«

Er ließ ausschellen und ins »Kreisblättchen« setzen, daß das Kegeln auf den Sonntag darauf verschoben sei -- »auf Wunsch vieler Kegler aus Schafbach und Umgegend« -- und daß die Preise im großen Saal »zum Ochsen« ausgestellt blieben.

Das gab Ärger. Das vermehrte aber auch die Hitze. Jeder war jetzt ungeduldig. Der Ochsenwirt wußte das, er verstand sein Geschäft. Er kannte aber auch seine Leute. Jeder hatte ja in Gedanken schon die goldene Uhr in der Tasche -- oder den Regulator an der Wand -- oder wenigstens knallte er schon mit dem Revolver.

Der Ochsenwirt hatte so noch einmal am Sonntag ein vollbesetztes Lokal und das Haus »voll Disput«, wobei er tapfer ausschenken konnte. Er hatte »seinen Schnitt« bereits gemacht. »Ja, das Geschäft muß man verstehen!« Er hatte beinahe die Preise schon wieder verdient. Denn wieder waren sie gekommen, von Latzenbach und Werden, von Bellenbach und Sundsbach, ja von Hatzbach, von Weilau und Buchenau sogar. Es war ja »was Unerhörtes«, kaum zu glauben. So hohe Preise!

Man hatte »das Kreisblättchen« dreimal durchstudiert und jedem Schellen genau zugehört, ob es nicht wieder eine Verschiebung gegeben habe. Keiner hatte was davon gelesen, ausgeschellt war's auch nicht worden. Das Preiskegeln fand also statt. »Sonntagnachmittag von drei Uhr ab.«

Schon am Sonntagmorgen ging's beim Ochsenwirt hoch her. »Ich wett' en Humpe« -- »ich e Fäßche« -- »der krickt die Uhr -- der krickt se!«

»Halt die Meiler!« sagte der Schusteranton. »De Hannphilipp von Garnbach hot noch all die Preiskegele rundherum gewunne, der krickt aach die Uhr diesmol -- do will ich eich mein Kopp verwette. Un ich were den Regulator krieje, daß er meiner Fraa als die Stunne schlägt, wann ich owends hocke bleib« -- fügte er hinzu. Es war noch kein rechter Witz, wie sie der Schusteranton sonst machte, aber er hatte auch noch nichts »unnerm Dach«.

Schlag drei Uhr warf dann Peter Knoll eine Kugel in die Vollen. Damit eröffnete er das Preiskegeln. Und dann begann die Reihe. Auf jeden Einsatz drei Kugeln, die erste in die Vollen. Der Polizeidiener und der Lehrer führten die Liste. Die waren unparteiisch.

Anfangs ging's still her. Nur bei einem guten Wurf ein kurzes Hallo. Dann ruhig die Reihe weiter. Der Lehrer rief die Namen und bestimmte die Kugeln, der Polizeidiener rief die Würfe.

Gegen vier Uhr kamen die Burschen aus Buchenau. Sie kamen alle auf einmal, während sich die Gäste aus den anderen Ortschaften vereinzelt, zu zweien oder dreien, eingefunden hatten.

Bei den Buchenauern war der »Jean«. Der genoß ein ganz besonderes Ansehen. Der Jean wurde in der Gegend nur mit seinem Vornamen genannt. Höchstens hieß er auch noch »der Herr Ober«. Er war nicht in der Gegend geboren, er war ein Rheinhesse. Er war mit dem Grafen »herüber« gekommen, als dieser vom Militär kam. Er war sein Bursche gewesen -- bei der Artillerie hatten sie gedient -- und der Jean hatte dem Grafen gefallen. Und der Jean war auch gerne mit ihm gegangen. Während des Manövers hatte er mal im Odenwald gelegen, und da hatte es ihm gefallen: der Wald, die Berge! Seit zwei Jahren etwa war er nun der Oberknecht auf dem Gute des Grafen. So hatte er sich in die Höhe geschafft.

Und er war auch ganz der Kerl dazu. Schöner war keiner weit und breit. Und keiner stolzer.

Und gut war er. Er sorgte für seine Knechte; was sie ihm klagten, vertrat er beim Grafen. Und er forderte auch nicht zu viel von ihnen, keine Arbeit, die er nicht selbst tat. Er tat allen voraus.

Er hatte die schönsten Pferde. Die Schimmel hatte er sich genommen. Und wie sauber waren sie immer, wie glänzten sie. Er tat alles selbst, er ließ sich nichts tun, so leicht er das gekonnt hätte. -- Der Jean hielt sich stramm. Man mußte ihn fahren sehen, um ihn zu bewundern. Er stand immer auf seinem Wagen. Und man mußte den Jean gehen sehen, um zu wissen, daß er ein »anderer« war. Er hatte nicht den schweren, tappenden Gang der Gebirgler, er schritt rasch, gerade, kerzengerade mit gehobener Brust. Er stieß nie an, er stolperte nie. In seinem Tritt war Tempo. Aber auch Kraft und noch mehr Selbstbewußtsein lag darin.

Der Gutsverwalter, in seinem besten Staat, sah neben dem Jean wie ein gewöhnlicher Knecht aus. Der Jean hätte der Graf selbst sein können. Er hatte Augen, die förmlich glühten, die alles festhielten, die alles lenkten. Wenn er über den Hof schritt, entging ihm nichts, wenn er über die Straße ging, war's, als ginge er allein. Er war kein Diener und kein Ducker. Der Jean war ein Herr.

Er war Knecht, aber wem fiel das ein! Niemand dachte daran. Er war's am Gesindetisch -- und da saß er oben! -- sonst war er's nie. Er war der »Ober«. Unser »Ober« sagten die Knechte und die Mägde -- »der Gutsober« hieß er in Buchenau.

Die Mägde waren sämtlich in ihn verschossen, die Mädchen von Buchenau träumten von ihm. Er hätte sie billig wie Wecken haben können, die armen wie die reichen. Er wollte keine. Er hatte keiner Magd noch einen verlangenden Blick zugeworfen, wie er sie auch schon gesehen hatte. Und nichts hatte bei ihm verfangen, wie's auch manche schon angelegt hatte. Kein Mädchen von Buchenau konnte sich seiner Gunst rühmen, er sah jede so stolz und unbefangen mit seinen scharfen Augen an, als seien sie alle gleich schön oder gleich häßlich. Alle waren sie ihm gleichgültig.

Man sagte darum, er habe einen Schatz »überm Rhein«, dem sei er treu.

Außerdem -- man mußte den Jean noch am Sonntag sehen, wenn er im Wirtshaus war. Da war er vornehm. Da rüpelte er nicht, da schrie er nicht. Er saß vor seinem Bier und hörte zu, gerade als gehöre er nicht zu den Leuten, als sei er nur zufällig unter sie geraten und suche auf gute Art mit ihnen auszukommen. Als sei er andere Gesellschaft gewöhnt. Und wirklich, der Schullehrer setzte sich zu ihm, der Bahnassistent und der Postassistent, der Gutsverwalter und der Gemeindeschreiber. Er war ihnen der »Ober«, und man brauchte sich nicht zu schämen mit ihm. Er sprach, was er verstand, und was er nicht verstand, redete er nicht. Hatte er sich aber eine Meinung gebildet, vertrat er sie mit Wärme. So jüngst, als die Hübnerslies mit ihrem Kind in den Grafenteich gegangen war. Alle verurteilten sie -- wegen des Kindes und wegen des Selbstmordes. Der Jean allein tat's nicht. Er sprach für sie -- er entschuldigte nicht, er erklärte nur. »Leid ist mir für die arme Lies, was soll ich sie verdammen! Das Kind -- ich kann's schon verstehen, wie das Mädel vertraute und fiel. Sie hat den Franz wohl gern gehabt, und das kann was heißen bei einem jungen, feurigen Ding -- und daß sie, wie alles so ausging und zu Ende ging, verzweifelte -- ich kann's schon verstehen. Da sind die Menschen alle so gut und haben nie einen Fehler gemacht und werfen darauf, als ob sie dazu bestellt seien. Aber helfen, helfen! -- gibt's nicht. Die Menschen haben da immer Mitschuld, und ein gut Teil, gerade die ›guten‹, die das Maul so voll nehmen und die ›strengen‹, die so harte Augen, so verächtliche Blicke haben. Weh tun -- wer nicht weiß, was weh tun heißt, der soll da nicht richten, das ist meine Meinung,« schloß er. Und er war sogar ein wenig hitzig dabei geworden, ganz gegen seine Art.

Und als der Schullehrer und der Gemeindeschreiber abends noch ein Stück zusammen gingen auf dem gleichen Heimweg, da meinte der Lehrer: »Was der ›Herr Ober‹ da gesagt hat -- es ging an mich. Das steht nicht im Katechismus -- das kommt aus dem Herzen. Der muß schon was erlebt haben, der ›Herr Ober‹. Mir ist das heut abend eingefallen, so was kann man nur erleben. Der trägt was in sich herum, kommt's mir jetzt vor. Aber ich hab' Respekt. Ich hab' Respekt.«

* * * * *

Manche sagten, der Jean sei selbst ein Grafensohn. Andere aber behaupteten -- und das waren ein paar, die mit ihm beim Militär waren -- er sei das uneheliche Kind einer Schauspielerin. Man erzählte sich das im ganzen Dorf. Aber es schadete dem Jean nicht. Er war einer von den Menschen, die man nicht nach Stellung, nach Herkunft und Anhang beurteilt, die man als sie selbst nimmt und nach dem Werte schätzt, der in ihrem Benehmen, ihrem Tun, ihren Leistungen, ihrer Art, eben in ihrer Persönlichkeit in die Erscheinung tritt. Darin war er ein Glücklicher.

Was aber seine Herkunft anbetrifft, so war er wirklich der Sohn einer Schauspielerin, in wilder Ehe geboren, als seine Mutter die »Direktrice« einer Schmiere war. Und er hatte ein Schicksal, er hatte »was erlebt«. Als Kind hatte er schon auf der Bühne gestanden. Als Kind schon hatte er gehungert, hatte er stehlen müssen, und oft war gerade er's gewesen, den man geschickt benutzt hatte, die vielen Gläubiger, die's an jedem Orte rasch gab, wo ihr Karren hielt, hinters Licht zu führen.

Und welches Leben hatte gerade er gehabt bei dem Vater, dem »Direktor«. Manchmal fielen ihm die hübschen Titel ein, die ihm der Vater beigelegt hatte. Dann knirschte er. Aber weinen hätt' er mögen, wenn er an all die Gemeinheiten und Liederlichkeiten dachte, die er hatte ansehen müssen. Wozu hatte die Not nur seine Mutter oft gezwungen! Er schämte sich heute noch. Eine Blutwelle stieg ihm jedesmal heiß ins Gesicht.

Da hatte er Verachtung und -- Verzeihung gelernt. Denn er hatte sie in Verzweiflung gesehen, wildfeindlich gegen sich selbst, erstickend vor Ekel -- vor Haß und Scham. Da hatte er das Mitleid gelernt.

Früh war er reif geworden. Das Schicksal hatte ihn in die Lehre genommen. Es hatte ihm die Jugend vergiftet, denn es hatte seinen Kinderaugen das Leben gezeigt, in seiner Härte und seinem Schmutz, in seinen Abgründen, Lockungen und Falschheiten.

Da ward er in sich selbst zurückgeschreckt. Er fühlte sich als Gegner zum Leben, zu all seinen Reizen und Genüssen.

Sein Wille ward so geweckt. Dem Leben einen besseren Wert! schrie's in ihm.

Er hielt sich allein. Er war ernst. Er ward froh im Freien, befreit und gesund in der Natur draußen, wenn er im Grase lag, wenn er die Straße hinwanderte, wenn er die Vögel singen hörte, die Blumen blühen sah und die Bäume Früchte tragen. Den Bauer liebte er, der den Acker bestellte, und er hätte einen Tag lang zusehen können, wie sein Pflug durch den Boden schnitt.

So hatte ihn sein Schicksal geformt.

Gering war er, aber so jung er noch war, er hatte sich nicht herabziehen lassen. Er hatte einen Stolz in sich und eine starke Sicherheit. Und das wußte er: Klagen und Sehnen konnten ihm nicht helfen, es galt eine Tat.

Er war siebzehn geworden und eines Tages wußte er, was er tun mußte. Eine ekelhafte Szene zu Hause hatte ihn zum Entschluß gebracht. Ganz plötzlich war's ihm eingefallen: er wollte ein Bauer werden. Morgen wollte seine Gesellschaft weiterziehen. Am Abend ging er. Ohne Abschied, gleichsam ein Wankendwerden fürchtend. Und er fand auch eine Stelle und blieb, bis er »einrücken« mußte.

So war er frei geworden. Er arbeitete mit Pflug und Hacke, unermüdlich, und atmete auf. Er befreite sich. Manchmal zerrte es ja in ihm, so gering zu sein und unbeachtet. Aber er sprach sich Mut und Hoffnung zu. Geduld und Ausdauer, sagte er sich. Er würde schon »hinauf« kommen. Langsam in sich -- und dann auch vor den Menschen.

Und er hatte ja auch ein wenig Glück dabei. Wenigstens war's ein Glück zu nennen, daß er an den Grafen gekommen war.

* * * * *

Der Jean war also mit den Buchenauer Burschen zur Kegelbahn nach Schafbach gekommen. Er war unterwegs zu ihnen gestoßen.

In der Kegelbahn war's nun schon laut. Und heiß, sehr heiß. Die Luft dick vom Tabaksqualm.

Der Jean wünschte, lieber nicht hierher gegangen zu sein. Wenn er noch mal draußen wäre, ginge er vorbei. Da er aber nun mal drin war -- immerzu.

Er begrüßte den Lehrer, den er kannte.

Dann suchte er sich einen Platz abseits, von wo aus er gut sehen konnte. Er wollte nur zusehen.

Der Ochsenwirt brachte ihm ein Glas Bier.

»Nicht mitkegeln, Herr ›Ober‹?«

»Will mal sehen, später mal einen Wurf, warum nicht!«

Ein paar am Tisch hörten das.

»Dann kriegt der Herr ›Ober‹ die Uhr, dann adje Partie!«

Der Jean sagte aber nichts darauf, er sah still zu.