Chapter 2 of 7 · 3917 words · ~20 min read

Part 2

Weitere Gäste kamen, einzeln, zu zweien und dreien -- meist aus den umliegenden Ortschaften. Die Schafheimer waren schon ziemlich vollzählig da.

Es war besetzt in der Kegelbahn. Nun kamen noch die Weilauer und gleich nach ihnen die Hatzbacher. Sie hatten die weitesten Wege und wurden darum allgemein begrüßt.

Jetzt hieß es zusammenrücken. Und man tat's auch. Nur da und dort war mal einer, der schimpfte.

»Der Knoll soll for Disch und Stiehl sorje, so e Drickerei!«

An Jeans Tisch saßen ein paar Hatzbacher. Einer erzählte, die Italiener aus Hatzbach, die da beim Bahnbau beschäftigt waren, kämen noch.

»Gibt's aach noch Krawall heit,« sagte einer.

Ja, und sie hätten auch noch die Tremplers Anna bei sich. Die hätt' sich dem einen an den Hals geworfen, am Sonntag vor acht Tagen, auf der Tanzmusik hätt' sich's gemacht. Ein »schöner Kerl« sei der Italiener ja. Aber es sei doch schad für die Anna. Sie habe auch schon ihr Teil Schläge daheim gekriegt. Aber sie lasse scheint's nicht los.

Sie habe doch ein paar tausend Mark Vermögen und sei von guten Leuten. Und sei auch immer so still und ordentlich gewesen. Und auf einmal ganz vernarrt.

Man mußt's ja sagen, schön sei der Italiener, der schönste und »feinste« von denen. Aber 's gäb doch auch noch »schöne Kerl« im »eigene Ort«.

Und dann wisse man auch, wie's da gehe. Erst alles Lieb's und Gut's. Dann mal so ein Suff -- und dann sei's geschehen. Bis dann's Kind da sei, sei der Kerl längst verduftet -- oder käm's mal zur Heirat, dann Hunger und Schläge.

Da wär's doch schad um die Tremplers Anna. Und dann hätt' man ja immer 's Totenhemd bei den Kerlen an. Beim geringsten 's Messer.

Der Jean hörte nur mit halbem Ohr.

Er kannte das ja all geradesogut. Und bei der Hübnerslies war's ja geradeso gewesen. Die Mädels nehmen ja aber nicht Vernunft an.

Da waren die Italiener schon. Sechs, acht Mann.

Sogleich gab's ein Lärmen, daß das Kegeln einen Augenblick aussetzen mußte. Die Italiener forderten einen Tisch für sich.

Der Ochsenwirt sprang. Man mußte den rauflustigen Burschen rasch den Willen tun. Er hätte ihnen schon lieber gleich auf den Rücken gesehen. Das waren immer böse Gäste, und erst wenn sie betrunken waren! Und das waren sie bald. Sie tranken ja das Bier wie Wasser. Und das starke Rauchen und Lärmen dazu -- da stieg's rasch ins Hirn.

Nun hatten sie ihren Tisch.

Die Anna saß mitten unter ihnen. Es wurde ihr doch bald ein bißchen genierlich, dies Lärmen der Italiener, dies Welschen, das sie ja nicht verstand. Erst war ihr das so merkwürdig vorgekommen, und sie lachte dazu. Bald war's ihr aber doch keine Unterhaltung mehr. Das Fremde hatte sie gereizt, die Gesten, die redenden Augen, das hatte ihr gefallen. Auch die gewandtere Art der Italiener. Wie wurde ihr nur das Glas hingehalten zum Prosit! #Cara mia!# wie lag ihr das im Ohr!

Bald hatte das alles aber den ersten lockenden Reiz verloren. Sie staunte nicht mehr, es war ihr bekannt, fast gewohnt. Fremd freilich blieb es ihr, so eine halbwehe Komik lag ihr darin. Heute wenigstens. Es war ihr unbehaglich. Vielleicht weil sie das einzige Mädchen auf der Bahn war.

Doch da wollte sie sich drüber wegsetzen.

Aber ewig dieses Italienisch um sie herum. Sie war ordentlich froh, wenn sie deutsch radebrechten. Sie hatte das neulich bei der Tanzmusik gar nicht so bemerkt, gar nicht gefühlt. Da war die Musik, da waren die anderen Mädchen.

»Ein schöner Italiener!« hatten die gesagt.

Und sie hatte er zum Tanz geholt. Darauf war sie stolz. Sie hatte ja auch bei der Tanzmusik bei ihm und den anderen Italienern gesessen. Aber das war ihr ganz anders vorgekommen. Dies Lärmen, dies Fluchen und Spucken, es war ihr heute rein zum Ekel.

Sie betrachtete sich ihre Freunde. Die braunen, hartknochigen Gesichter unter den großen Hüten, die schwarzen Augen. Sie hätte sich fürchten mögen. Selbst ihr Lächeln war bös, kam ihr verzerrt vor.

Ein paar Geschichten fielen ihr ein. Sie schauderte heimlich. Sie mußte an die Hübnerslies denken, die mit ihrem Kinde in den Grafenteich gegangen war. Und der Italiener war fort über alle Berge.

Und an den Rothekarl mußte sie denken, wie er tot dalag am dritten Kirchweihtag. Wegen einer Kleinigkeit hatten sie ihn erstochen. Und keiner hätte sagen können, wer's getan hatte.

Die Anna mußte an ihren Heimweg denken. Nein, nicht für alles, sie ginge allein mit denen nicht nach Hause -- am Abend, die fünf Stunden Weg.

Und wie die wieder heut tranken! Auch der Fiori. Sie mußte immer mit ihm trinken.

O, wenn sie nur heraus könnte! Fortlaufen möchte sie. Beständig mußte sie an den Abend denken, an den Heimweg. Und die Hübnerslies fiel ihr ein, und der Rothekarl. O, sie hatte Angst! Eine Angst hatte sie! --

Sie betrachtete den Fiori. Er war ja schön. Diese dunklen, leuchtenden Augen! Die roten Lippen und das schwarze Schnurrbärtchen darüber.

Aber sie hatte Angst.

Ein bißchen Furcht hatte sie ja immer gehabt, wenn sie sich abends hinterm Garten trafen. Aber so noch nicht wie heute.

Hätte sie ihr Vater nicht gleich geschlagen -- sie hätt' ja nicht den Kopf aufgesetzt. Aber so --

Doch jetzt wußte sie's, sie mochte doch den Fiori nicht.

Sie malte sich ihr zukünftiges Leben mit ihm aus. Er verdiente ja viel, er verbrauchte aber auch viel. Dies starke Trinken! Und den ganzen Tag sie allein, ein paar Kinder zu besorgen, und dann in der Mittagshitze hinaus auf den Arbeitsplatz, den Essenkorb in der Hand. Und immer die Angst um ihn bei der gefährlichen Arbeit! Wie oft geschah ein Unglück bei den Sprengarbeiten! --

O, dann wär' sie auch bald so alt und abgerackert wie die anderen Italienerweiber! Und schließlich ging's wo anders hin! Gott weiß wohin! Unter ganz, ganz fremde Leute! Lauter fremde Menschen! Weinen könnt' sie ihr gut Teil, das Lachen wär' ihr was Seltenes! Und die armen Würmchen, die Kinder! --

Noch nie hatte sie seither ans Heiraten gedacht, so ernstlich wenigstens noch nie.

Ach, wie war's ihr jetzt so furchtbar!

Da stieß der Fiori schon wieder an ihr Glas.

Sie war ganz verzweifelt. Sie wollte nicht mehr trinken.

Da stieg ihm eine Zornglut zu Kopfe, er stieß sein Glas hin, er zischte einen Fluch, und er kollerte einen langen italienischen Satz heraus, daß ihn die anderen beruhigten. Sie beruhigten ihn, sie merkte es an ihren Gebärden; denn sie verstand ja ihre Sprache nicht.

Aber ganz außer sich war sie. Wenn sie nur eine Hilfe finden könnte! Aber wen, aber wie!

»Du lieber Herrgott!«

Sie nahm ihr Glas und trank.

Sie sah sich um, als ob sie eine Hilfe finden könnte. Über alle Tische ging ihr Blick, in jedes Auge. Er fiel auch auf den Jean. Der hatte schon die ganze Zeit beobachtend zu ihr herübergesehen.

Er musterte sie. Er musterte sie mit tiefer Befriedigung und stillem Wohlgefühl. Ein Weib! Es war sofort ein unbewußtes Einssein, ein Verlangen, ein Besitz. Es war wie ein Erwachen über den Jean gekommen, wie eine Verklärung lag's in ihm.

Und so wuchs alles in ihm, wie er diese Anna der Italiener betrachtete. Es wuchs still, wie eine heimliche Glut. Es machte ihm nicht heiß, es machte ihm nur wohl. Es nahm ihm nicht die Herrschaft über sich und peitschte ihm nicht die Sinne.

Diese Anna war schön. Sie hatte volles, blondes Haar, große blaue Augen. Ihr runder Kopf saß auf einem schlanken Hals, der aus einer weißen Krause wie feines Elfenbein leuchtete. Ihre Wangen waren rot, aber zart wie das Rot des Pfirsichs. Sie waren sauber und appetitlich zum Anbeißen.

Der Jean sah nach der Bewegung ihrer Hände. Auf ihre Anmut legte er Wert. Er hatte sich schon oft dabei ertappt, daß er das bei allen Menschen tat. Leute mit ungeschickten Händen, mit Steifheit und Ungeschick in ihren Handbewegungen, konnten ihn abstoßen. Das hatte er wohl noch vom Theater her in sich.

Ohne weiteres Gezier mit den Fingern hatte sie ihr Glas genommen. Die Hand hatte sich hübsch gerundet, das Gelenk leicht gebogen. Er lächelte. Sie hatte nicht gerade eine kleine Hand, aber groß war sie auch nicht. Und daß sie nicht plump und täppisch war, war ihm jetzt alles.

Die Anna saß da wie eine beleidigte Prinzessin, wie ein ängstliches Kind.

Und wie jetzt ihre Blicke umgingen!

Jean erkannte sofort: die schämte sich.

Und alles war in ihr gespannt. Es wirkte direkt auf ihn, auch in ihm trieb etwas zu einer Spannung. Er sah scharf zu ihr hin. Wie sie sich vor dem Italiener hütete, förmlich vor ihm verbarg.

Sie hatte Angst -- das wußte er mit einem Male.

Sie war voller Unruhe, aber sie verhielt sich ruhig. Sie wußte, daß sie ein gewagtes Spiel spielte.

Voller Harmlosigkeit deutete sie dem Italiener dies und das in der Kegelbahn, wohin ihre Augen gegangen waren. Er sah hin -- ihr Auge ging darüber weg. Fast mit einer Rührung fühlte der Jean: die fleht zu den Menschen fromm und stumm.

Er sah ihr lange zu.

Und nun dachte er: sie ist doch raffiniert.

Doch wie er sie nun weiter sah, hilflos, flehend, da schalt er sich. Sie war doch herzlich, arm und bittend wie ein Kind. Keiner verstand ihren Blick. Blitzschnell ging er weiter.

Eine Verzweiflung lag nun schon darin. Er wurde heißer und heißer. Er war fast irr. Sie würde es nicht mehr aushalten können, sie würde sich ihm verraten. Und sie wäre verloren -- er würde sie niederstechen.

Da sah sie zu Jean.

Sie sah seinen Blick. Sie zuckte. Einen Moment.

Sie flehte, flehte, flehte. Ganz Kind. Einen Moment.

Sie wußte schon, daß sie verstanden und erhört sei.

Sie atmete auf. Ihre Brust hob sich. Ein Weiches trat in ihren Blick, legte sich über ihre Züge.

Die Spannung in ihr wollte sich lösen, sie fühlte es, und man sah es deutlich.

Da ging's wieder wie ein Schreck über ihr Antlitz, fuhr in ihr Auge. Sie raffte sich auf.

Sie warb, warb, warb. Einen Moment. Einen heißen, tiefen Moment. Der Jean rührte sich nicht. Aber sie verstand sein Auge.

In diesem Augenblick war sie nur noch Weib. Sie strich sich ein Stirnlöckchen von der Stirne hoch und glitt mit der Hand über die Augen. Sie lockte. Aber es war nicht gewöhnlich, es war ein unendliches Glück darin. Und sie mußte die Augen schließen, sie mußte sie schließen. Sie war wie im Taumel.

Ein Lächeln spielte um ihren Mund.

Der Italiener stieß sie an.

»Prost!« sagte sie. -- Er tat einen tiefen Zug.

Aber in seinen Augen flackerte es.

Er verfolgte jede ihrer Bewegungen, jeden ihrer Blicke. Er lag auf der Lauer wie ein Luchs. In dem Jean war die Glut zur Flamme geworden. Sie schlug nun auf und wuchs hoch in ihm.

Und er selbst wuchs dabei. Er fühlte seine Kräfte, und er fühlte sich ihr Meister.

Er hatte sich vorhin gefragt: wie bring ich dies Mädchen aus dieser Gesellschaft? Er fragte sich's nicht mehr. Er sagte sich: dies Mädchen muß aus dieser Gesellschaft heraus.

Er hatte sich einen Augenblick geängstigt: kann dies Mädchen in dieser Gesellschaft rein geblieben sein? Es fiel ihm ein -- sie war ja zu kurz darin, sie mußte rein sein -- sie war rein.

Er sah noch ihren flehenden Kinderblick, ihr ängstliches Werben. Immer sah er diese Augen, diese Wimpern, die weit aufschlugen, die sich scheu senkten und schlossen, während die Hand von der Stirne herunter über die Augen glitt.

Und plötzlich wußte er's: sie mußte sein werden.

»Sie muß mein werden!« rief's in ihm. »Ich will sie erringen!«

Er stand auf -- er ging wie im Traume.

Er kam sich viel größer vor als alle, viel stärker, viel wichtiger. Die anderen sah er nicht, er war nur ganz von sich erfüllt. Aber ganz in ihr und nur in ihr. Als ginge er eine weite Straße hin, war's ihm, in ein weites Land, ihr entgegen. Und aller Widerstand war ihm ein Spiel, spielend überwand er ihn -- und sie sah ihm zu. Lächelnd, winkend.

So ging er wie im Traume. Weit war ihm die Welt geworden, und doch nur eine enge Bühne für seine Taten. Vornehm, stolz–gerüstet, ein glänzender Ritter -- seine Jugend grüßte ihn. Das Beste seiner Jugend -- in seinem schönsten Lebensmomente.

Er zahlte seinen Einsatz.

»Der Jean wirft! Hurra!«

Er würde gewinnen, er wußte es. Siegen! Es war die größte Tat, die er jetzt vollbringen konnte.

Er stellte sich in die Reihe, er wartete geduldig. Er sah gar nicht, was die anderen warfen. Das war ihm gleichgültig.

Es rief seinen Namen. Er trat vor -- wieder wie im Traume. Er nahm eine Kugel. Er prüfte nicht erst. Die erste beste nahm er und schob sie hinaus.

»Hurra! Alle neune!«

Sie lagen alle.

»Alle neune, richtig!« rief der Polizeidiener.

»Zweite Kugel, Herr ›Ober‹!« rief der Lehrer.

Jean schob die zweite.

»Runde! -- Bravo, bravo!«

»Der hot Glick! Dunnerwetter! Der hot die Uhr!«

»Runde, richtig!« rief der Polizeidiener.

»Dritte Kugel, Herr ›Ober‹ -- auf den König!« rief der Lehrer.

»E fein Spritzkigelche jetzt,« sagte einer wohlmeinend zum Jean und klopfte ihm auf die Schulter, »do kimmt kaner driwwer.«

Der Jean schob die dritte. Er zielte jetzt doch ein wenig.

Zweimal zagte er. Dann beim drittenmal flog die Kugel. Fein mitten setzte sie auf. Drei Schritte lief er mit. »Der liegt!« sagte er und drehte sich um.

In der halben Bahn tat die Kugel den ersten Sprung, gleich darauf noch einen, beim dritten »spritzte« sie über den liegenden Bauer, und der König lag.

»König!«

»König, richtig!« rief der Polizeidiener.

»Neun, Runde, König --«

Der Lehrer zählte dann die Würfe zusammen, aber der Lärm, das Hallo war so groß geworden, daß man's nicht mehr verstehen konnte.

Jean schritt auf seinen Platz zu. Stolz, hoch in die Brust geworfen. Die Buchenauer brachten ihm ein Hoch aus. Er schwenkte ihnen den Hut zu.

»Danke!« rief er. Dabei sah er die Anna an. Mit einem großen verschlingenden Blick.

»Einen Humpen! Einen Humpen Wein!«

Die Anna strahlte. Ihr Blick hing an dem seinen, so tief, so innig, so eins.

Das Fremdartige, was ihr an dem starken und schönen Italiener so sehr gefallen hatte, das wurde jetzt ganz in Schatten gestellt von der Kraft und Schönheit der eigenen Stammesart.

Heiß entbrannt war ihr Herz. Doppelt heiß in dieser Stunde, da er sie aus ihrer Bedrängnis befreien, aus der Gefahr, in die sie sich begeben, erlösen wollte. Sie war sein! Sie fühlte: der konnte sie fordern, er würde es tun. Ihr Blick gab ihm alle Rechte auf sie.

Sie zitterte. Nicht aus Angst -- in glücklicher Erregtheit. Den Italiener fürchtete sie jetzt nicht mehr. Der war ihr gleichgültig.

Sie vertraute voll auf den Jean. Wie es werden sollte, was werden sollte, wußte sie ja nicht, konnte sie nicht ausdenken. Am liebsten wäre sie ihm in die Arme gestürzt, hätte ihn geküßt, nur geküßt, geküßt!

Aber sie tat nichts. Sie wartete auf ihn. Er würde alles schon machen, dieser starke, stolze, umjubelte Mann.

Der Italiener knirschte. Er sprach erregt mit seinen Kameraden. Er hatte erkannt, daß hier einer um sein Mädchen warb -- daß er ihm den Rang ablaufen würde. Ja, daß er schon gewonnen hatte.

Die Italiener tranken rasch leer.

»Auf!« zischte er, »#amante mia#; Anna!« flötete er nach. -- Sie gehorchte.

Da kam der Jean mit dem Humpen auf sie zu.

Flamme ging zu Flamme.

»Auf deine Gesundheit, Mädchen!«

»Prost! -- Bravo!« schrie's rings. Man hatte jetzt den Jean verstanden.

»Prost!«

Hinten rollte dumpf eine Kugel in die Vollen.

Anna schlug die Augen nieder.

Der Jean tat einen tiefen Zug. Dann reichte er den Humpen dem Mädchen.

Der Italiener hatte die Anna schon am Arm.

»Die bleibt hier!« sprach der Jean, als ob er ihr Herr, ihr Vater sei.

Sie stand schon an seiner Seite und atmete tief auf.

Die Italiener waren doch verblüfft. Einen Augenblick waren sie sprachlos. Dann brachen sie in Fluchen aus.

Die Anna schmiegte sich eng an den Jean. Der legte seinen Arm um ihren Nacken.

»Wer will nun noch was?«

Und groß stand er da.

»Bravo!« rief's.

Eben kam der Humpen mit dem Rest zurück.

Der Jean leerte ihn. Wie er trank, flog ihm ein Messer an den Augen vorbei.

»Ha, ha!« sagte er. »Jetzt gilt's! Aber offen und ehrlich, Kraft gegen Kraft. Ein Schuft, der sich sein Mädchen nehmen läßt. Nun wer gewinnt!«

Rasch hatte er die Anna hinter sich auf einen sicheren Platz gesetzt.

Nun stand er zum Kampfe bereit.

»Hier stehe ich -- allons!« sagte er.

Ein Italiener war schon gepackt worden. Der habe das Messer geworfen. Der Polizeidiener war dazwischengesprungen -- er war machtlos. Von allen Seiten sausten die Hiebe. Stöcke, Gläser, Fäuste. Alles ging schon drunter und drüber.

»Ehrlich!« rief der Jean, »Kraft gegen Kraft, nicht das Messer! Ein feiger Schuft, wer sticht!«

Vor ihm rangen sie, in einem solchen Durcheinander, daß Freund oder Feind schwer zu unterscheiden war. Nun sprang der Jean hinein. Wer von ihm gepackt wurde, fiel, den Freund befreite er, half ihm, den Verletzten riß er heraus. Keine Waffe hatte er, seine Faust, sein starker Arm genügten ihm.

Der verschmähte Liebhaber kämpfte wütend. Er suchte an den Jean heranzukommen.

Und auch dem Jean war's recht.

Jetzt hatte er freie Bahn.

»Ach Gott!« schrie die Anna.

Sie wußte, jetzt ging's auf Leben und Tod.

Der Italiener fiel den Jean an. Der war aber gefaßt. Kragen, Rock, Weste, Hemd wurden ihm nur aufgerissen.

Nun kämpfte er mit freier Brust.

Er packte den Gegner an den Armen. Wie Eisenringe legte er seine Finger um des Feindes Muskeln. Er drückte ihm die Arme in die Seiten. Der Italiener keuchte.

Anfangs leistete er Widerstand. Auf einmal ward er geringer. Aber der Jean war vorsichtig. Die Kraft des Gegners konnte ja noch nicht erschöpft sein.

Plötzlich schnellte er denn auch auf, den Jean, den er siegesgewiß wähnte, zu werfen.

Aber der hatte ihn schon an der Kehle gepackt und zusammengerissen, daß er sich überschlug.

»Hurra!« schrie's. »Der Jean hot gewunne!«

Der Italiener bäumte sich auf. Der Jean hielt ihm die Arme bei. Auch jetzt fürchtete er eine List.

Der Italiener warf sich auf die Seite. Er suchte nach seiner Messertasche.

»Freundchen, Messer nicht!« sagte der Jean.

»Steh doch einer dem Herrn ›Ober‹ bei!« rief's.

»Wenn der Kerl sein Messer erwischt!«

»Nicht helfen, keiner helfen -- Kraft gegen Kraft! So will ich gewinnen!« rief der Jean halb außer Atem dagegen. Und mit aller Kraft suchte er dem Gegner den Kopf auf den Boden zu zwingen.

»Er hot gesiegt -- gewunne! hoch der Herr ›Ober‹!« rief's schon.

Da gellte ein Schrei. Er gellte furchtbar durch Mark und Bein. Ein Menschenschrei -- und doch kaum zu glauben, daß er aus einer Menschenkehle kommen könnte.

»Ah -- hui--u--u--io!«

Das schnitt, das riß, das pfiff, das röchelte. Das ging durch eine ganze Tonleiter, durch alle Vokale. Entsetzen machte alle starr.

Der Streit war aus.

Der Jean war rücklings hingeschlagen.

»Schu--u--ffft!« stöhnte er.

Einer der Italiener hatte ihm hinterrücks das Messer ins Herz gestoßen. Er stöhnte noch einmal -- noch einmal warf er sich auf. Er schnellte hoch.

Schwer und dumpf fiel er nieder.

Dann lag er still, die Arme weit auseinander, Blut vorm Munde.

Die Italiener waren fort. In der Bestürzung hatte sich keiner nach ihnen umgesehen, selbst der Polizeidiener nicht. Unbemerkt hatten sie sich davongemacht.

Welcher hatte gestochen? Der Fiori nicht.

Man stand um den Toten.

Einer bückte sich nieder und legte dem Jean das Ohr auf die freie Brust. »Er ist tot!« sagte er.

Die Anna saß auf ihrem Platz und weinte.

Sie konnte nichts denken, nichts begreifen.

Der Jean war tot.

Da lag er -- nie wieder würde er aufstehen. Tot, tot!

* * * * *

Sein letztes Hochamt.

Man darf das jetzt von ihm erzählen, wenn er selbst es auch nie getan hätte. Er ist ja nun schon beinahe zwei Jahrzehnte tot. Und er war immer so schweigsam gewesen und sprach gar nie von sich. Es lag so in seiner Natur. Und es war auch wohl ein gut Teil Angewöhnung. Er war nie so recht verstanden worden, nie in seiner engsten Umgebung, und auch in seiner weiteren nur selten. Bei seinen Freunden höchstens hat er sich tiefer ausgesprochen. Aber das waren selbst wieder so stille Leute, und sie sind ja nun auch alle tot.

Es war in den Jahren der Reaktion nach der Volkserhebung 1848–1849. Der einzelne war durchaus unsicher geworden, die Gegensätze der Parteien waren heftig und wuchsen immer mehr. Die Wühlarbeit machte stets größere Fortschritte, und ihre Erfolge, die anfangs noch heimlich waren, traten offen zutage.

Besonders wer ein Amt hatte, mußte sich hüten. Nichts unbedacht sagen, nicht immer ehrlich seine Meinung sagen. Nicht mal eine Meinung haben wollen. Das war im Amt so verderblich und war so unvereinbar mit dem Amt, wie das Aufklären und Agitieren am Wirtstisch. Oder gar im vertrauten Kreise, denn überall hockten die Heuchler und Horcher, und brühwarm und gehörig vergröbert kam alles ins Pfarrhaus. Denn der Pfarrer war der Hüter des zahmen und unterwürfigen Geistes, der Hüter der Meinungslosigkeit und der Verdammer der Freiheit. Und die Falschen und Ohrenbläser, die Locker und Lügner waren ihm gute Werkzeuge.

Eine Meinung haben und ein Mann sein -- ja oft einen »Kopf« haben und nicht dumm sein, das hieß frei sein, hieß anrüchig, ja direkt gefährlich sein.

Da red' ich von meinem Heimatdorfe. Es war der Schullehrer Andreas Krafft, der der Stein des Anstoßes geworden war. Es wäre schwer zu sagen gewesen, warum.

Es lag vielleicht im Krafft. Ich stelle mir ihn vor, wie er über die Straße ging. Ein Schullehrer vom alten Schlage. Auf den ersten Blick ein Schullehrer. Aber mehr als das, auf den ersten Blick zu sehen: eine Persönlichkeit. Einer, der mehr hatte vom Leben als sein armes Amt. Einer, der ein Leben gelebt hatte, dem das Leben einen Inhalt gegeben hatte, und der seinen Idealismus, den alten guten, hohen, heiligen Idealismus, durch sein Leben trug. Er leuchtete auf seiner Stirn, er glühte in seinen Augen. Und mag er uns öde und töricht geworden sein -- wo er uns heute noch so ganz eins mit dem ganzen Menschen begegnet, ziehen wir den Hut ab.

Der Krafft war nach oben nicht genehm. Er war gewissermaßen schon prädestiniert dazu. Es lag so in seiner ganzen Art. Sie machte nicht warm, sie machte vielleicht scheu, machte einem unbehaglich. Es war so etwas Starkes, Abwehrendes in ihm, es wurde oft etwas Herausforderndes, Herrschendes. Man sah's auf den ersten Blick, man hörte es beim ersten Wort. Vielleicht ein starkes geistiges Übergewicht. Vielleicht war's etwas Äußeres nur: der Blick, die Stirn, die Schädellinie -- vielleicht der graue Hambacher Bart, das lange Haar -- vielleicht die Art zu gehen oder zu sitzen, ja nicht zum wenigsten die Art zuzuhören, stille zu sein.

Ja, das war's vielleicht beim Krafft, wie still er war. Und wie ernst immer. Er ging durchs Feld, immer in den gleichmäßigen breiten Schritten -- »guten Tag, Herr Lehrer!« rief's, er dankte und schritt weiter. Und wenn er in den Gesangverein kam -- und war der lauteste Lärm im Saale, und ging die Tür auf und der Krafft trat ein, war's mäuschenstill. Und alle sahen nach ihm, und alle hingen an seinem Blick, und es war mehr als Furcht, es war ein hoher Respekt. Etwas Vornehmes trug er an sich, trug er überall hin, so einfach er war. Keiner kam ihm zu nahe, selbst wenn er scherzte. Und keiner wagte sich so recht aus sich heraus, wenn der Krafft dabei war. Jede Bemerkung wurde zweimal bedacht, eh' sie gemacht wurde. Und doch -- wer den Krafft respektierte, und es waren die Besten meines Dorfes, der hing ihm auch an.