Chapter 3 of 7 · 3999 words · ~20 min read

Part 3

Doch war der Krafft nicht hochmütig. Einige behaupteten auch das, aber schon die Freunde, die er sich ausgewählt hatte, bewiesen gegen sie. Die Freunde waren nicht aus den sogenannten »vornehmen« Kreisen, nicht »Doktor« und Apotheker, nicht Schullehrer und Angestellte -- es war der Musikant Jakob Veit, kurz der Veitjakob genannt, der die Violine spielte auf den Kirchweihen und im Gesangverein den ersten Tenor sang, war der Botsieben–Hannes, der die Post hatte von Thurn und Taxis und Musikant war nebenbei, war der Pankraz Klein, der den zweiten Baß »hielt« im Gesangverein, war freilich auch der Rudolf Schwarz, der Bürgermeister, der auch Freimaurer war, vielleicht auch sonst noch was Geheimnisvolles und Böses, was den Krafft anzog.

Der Krafft sah aber nicht aufs Äußere und nicht aufs Böse, er suchte in seinen Freunden eine Ergänzung zu sich selbst. Oder das nicht einmal, oder wenigstens nicht so bös egoistisch ausgedrückt -- er suchte gesunden Menschenverstand und ein warmes Herz, Liebe und Begeisterung. So beim Veitjakob, dem Musikanten -- beim »alten Schwarz« aber war's oft ein Aufblicken und Bewundern, öfter die freudige Gewißheit und Dankbarkeit, verstanden zu werden, angeregt und bestärkt zu werden. Denn der Schwarz war ein Weltmann. Das Leben hatte ihn nach allen Richtungen schon umhergeworfen, er hatte sich auf dem Dorfe vor Jahren festgesetzt, hatte erst eine Wirtschaft eröffnet, dann eine Branntweinbrennerei und war dann zum Bürgermeister gewählt worden. Denn er war reich. Er war aber auch ein heller Kopf. Und er war auch -- ein Demokrat.

Ein Demokrat war der Krafft nun freilich auch. Er hatte in seiner Jugend das Hambacher Fest mitgemacht und hatte flüchten müssen: er hatte im »tollen Jahre« geredet und geschrieben für die Freiheit und die Verwirklichung der Träume der deutschen Seele.

Aber nun war er still geworden, ganz still. Still im Kreise seiner zahlreichen Familie, für die er schwer zu sorgen hatte, still bei seinen Büchern und Noten, in seinem Schulgarten, den er fleißig bepflanzte. Und wenn er von seiner Arbeit ausruhte, saß er unter dem hohen Efeu an der alten Schloßmauer und paffte aus seiner Pfeife. Und alte Träume und alte Lieder wurden in ihm wach, er lächelte des Vergangenen und leid ward ihm um all das, was unerfüllt blieb -- aber er blieb still. Ja, ganz still war der Andreas Krafft. Er hatte sich vom Leben zurückgezogen, er hatte seinen Kreis verengert, und was er von dem Draußen dabei verloren hatte, das suchte er sich zu ersetzen durch die innigere Beschäftigung mit dem, was ihm lieb war.

So hatte seine Persönlichkeit ihre Gewichtigkeit und Schwere bekommen, und auch eine Ruhe war ihm geworden, und Kampf und Leid waren nicht verloren. Und so wurde der Krafft auch nicht zur Maschine, trotz der gleichmäßig schweren Tätigkeit, die er entfalten mußte. Er fand sich überall einen Punkt, von dem aus betrachtet alles einen eigenen Wert und Ansehen erhielt, von dem aus trotz aller Anstrengung und Überwindung der Krafft noch Werte für seinen inneren Menschen herausschlug, so daß er sich seine Freudigkeit bewahren konnte. Warm fühlte er sich von ihr durchströmt, wenn er seinen Gesangverein übte, wenn er ein Lied oder ein Präludium für die Orgel einrichtete, und ganz besonders, wenn er an der Orgel saß und die Töne ihm die Sprache seines Herzens wurden, in der sich das letzte sagen ließ, was sein Herz verborgen hielt.

Und nun war plötzlich die Hetze gegen ihn losgegangen. Es war fast über Nacht gekommen. Der eigentliche Anlaß wäre schwer zu finden gewesen. Der Anlässe und Gründe wußte man viele anzugeben. Kraffts politische Vergangenheit, seine geistige Selbständigkeit, sein Übergewicht, die Sicherheit und Reinheit seiner Persönlichkeit, ja gerade das mochte vielen ein Dorn sein. Auf einmal fand man ihn kirchlich zu lax, man fand bald, daß er kirchenfeindlich sei. Man gab hundert heimliche Anlässe zum Streit, tausend heimliche Stiche. Aber der Krafft stand über der Kleinlichkeit der Menschen, er blieb ruhig. Da riß die Geduld. Man ging im Amt gegen ihn vor. Man schikanierte ihn, man tadelte, rügte, drohte. Da stand der Krafft seinen Mann, er verteidigte sich. In seinem Amt ließ er sich nicht antasten. Er hatte allzeit seine Pflicht getan, er hatte sich nichts vorzuwerfen -- keiner sollte ihm etwas vorwerfen dürfen.

Da war die Flamme aufgeschlagen. Das Dorf war plötzlich in zwei Lager geteilt: hie Pfarrer! hie Lehrer! Und eigentlich hatte der Krafft gar nichts dazu getan. Er hatte seine Angelegenheit allein vertreten, fest und still, wie es seine Art war. Niemandes Hilfe hatte er angerufen, niemandes Beistand erbettelt. Nur einmal hatte er in der Erregung das Zeugnis seiner Schulkinder gefordert. Sonst war er passiv geblieben. Er glaubte an sein gutes Recht und seinen Sieg.

Aber Beichtstuhl und Kanzel hatten gute Arbeit getan und taten sie weiter. Die Gemeinde blieb in zwei Parteien gespalten. Und heiß war der Kampf. Auf den Straßen, in den Wirtshäusern begann er, in den Familien setzte er sich fort, und sogar die Jugend beteiligte sich daran.

Kraffts Partei war eigentlich ohne Führer, denn der Andreas Krafft wollte nichts mit dem Zwist zu tun haben. Er ermahnte immer zur Ruhe und ihn allein zu lassen. Aber die Fanatiker und Herausforderer der Gegenpartei ruhten nicht. Und der Streit spann sich immer weiter. Er wurde dann auch noch bei der Behörde gegen Krafft benutzt, dem alle Schuld zugeschoben wurde, und eines Samstags, da er gerade unterrichtete, wurde ihm sein Absetzungsdekret zur Unterschrift vorgelegt. Es riß ihn hin, es seinen Schülern vorzulesen. Dann unterschrieb er's und ging.

Die Gesangstunde für den Abend sagte er ab, er fürchtete einen heftigen Ausbruch von Streitigkeiten im Vereinslokal oder auf der Straße, wenn er sich jetzt zeigen würde. Und er fürchtete auch, sich nicht halten zu können und in der Erregung ein unbedachtes Wort zu reden, wenn er herausgefordert würde. Am Nachmittag kam noch einmal ein amtliches Schreiben. Es war vom Pfarrer, »daß er gehalten sei, die Orgel bis zum Eintreffen seines Nachfolgers zu spielen.«

Diesen Sonntag +wollte+ der Krafft noch einmal spielen, aber es sollte zum letztenmal sein. Er hatte sich's fest vorgenommen: Es sollte sein Abschied von der Orgel sein.

Am Sonntagmorgen, als es anfing »zusammenzuläuten«, ging der Krafft in seiner gewohnten Weise nach der Kirche. Er ließ sich vom Glöckner die Weisungen des Pfarrers holen, dann schritt er langsam die Treppe zur Empore hinauf. Als sein grauer Kopf sichtbar wurde, sah man von allen Seiten nach ihm. Auf allen Gesichtern lag ein tiefer Ernst. Der grimmigste Feind hätte jetzt im Gefühl seines Sieges nicht lächeln können. So ernst Kraffts Gesichtszüge waren, so ruhig und fast klar waren sie doch auch, denn nichts Bitteres sprach in ihm. So sah er fast feierlich aus, und allen war es feierlich bei seinem Anblick. Als ob jeder fühlte, daß da einer zwischen ihnen gehe, der ein Schicksal auf seinen Schultern trage. Es mochte manchem sein, als ob dies Haar, das in diesen schweren Tagen fast schlohweiß geworden war, mehr fordere als nur die Ehrfurcht vor dem Alter. Und manchem mochte auch das Herz bange geworden sein im Gedanken an des alten Lehrers Zukunft, und er mochte sich in diesem Augenblick seiner eigenen Schuld erinnern, die er selbst an dem Unglück des Lehrers trug, dem er doch nur hätte dankbar sein müssen. Einem oder dem anderen gar mochte es aufgehen, daß es etwas Gebietendes, Großes und Erhebendes sein müsse, so fest und sicher dahinzugehen, sich aufrecht zu halten und kein Mitleid zu fordern, wenn ein großes Leid die Seele beschwert, ein Wirken, eine Zukunft, eine Existenz zertrümmert liegt.

Alle waren ergriffen, jedem schlug das Herz höher. Das Schicksal erzwang sich Achtung, sein Anblick mahnte zur Einkehr. Der Krafft hatte jetzt die Orgel aufgeschlossen und die Noten aufgestellt. Dann setzte er sich auf den Orgelbock. Er wartete, bis der Priester aus der Sakristei trat.

Ernst und feierlich spielte er das Präludium, ernst und einfach begleitete er den Gesang des Volkes und des Priesters, schlicht und unverschnörkelt präludierte er und spielte die Zwischenstücke ohne viel Stimmenaufwand.

Durch nichts Äußerliches verriet sich die Bewegung seines Herzens, und sie niemand auch nur im leisesten zu künden, befleißigte sich Krafft der größten Strenge und bewahrte sie während des ganzen Gottesdienstes im begleitenden und füllenden Spiele.

Der Pfarrer hatte die Predigt ausfallen lassen. Der Krafft war froh darüber. Er hätte ihm heute nicht zuhören können. Er war froh, an seiner Orgel sitzen bleiben zu können. Zu spielen, zu vergessen. So wichtig waren ihm sonst die einzelnen Akkorde nie gewesen. Sie flossen ihm nicht zu -- er wählte streng und vorsichtig aus, alles Prunkende vermeidend. Er war schwer und ernst gestimmt. Er spielte nicht nur vor dem Gotte, dem der Priester opferte, den die Gemeinde anbetete -- groß und streng sah er sein Schicksal vor sich. Er spielte vor seinem Schicksal. Und er wollte nicht klein sein vor ihm.

Als sei es sein Richter, war ihm, als wäge es nun, ob er zu leicht sei und schwach, oder wert, die Schwere seiner Last zu tragen und seinen Arm zu fühlen, der wie aus einer Ferne, einer Höhe, einer Ewigkeit herüberreichte.

Gut und groß ward der Krafft vor seinem Blick.

Er hatte alle Kränkungen und Beleidigungen vergessen, er stand über dem Augenblick, der so schwer war, und es war ihm, als weihe er sich jetzt, sein Verhängnis zu tragen. Er fühlte sich so außerhalb der Menschen, außerhalb ihres Kreises gesetzt. Er fühlte sich ganz allein. Und er gab sich für das geringste, was er tat, tief und streng Rechenschaft.

So weihevoll gestimmt, wählte er die Akkorde aus. Dann war das #Ite missa est# gekommen, -- und Krafft atmete tief auf. Der Gottesdienst war zu Ende.

Und jetzt dachte der Krafft an den Abschied, an den Abschied von seiner Orgel, die er die langen Jahre gespielt, der er das verborgenste seiner Seele und ein ganzes Leben anvertraut hatte.

Mächtig durchdrang ihn, was die Musik je in ihm ausgelöst hatte, mächtig packte ihn, was sie ihm gewesen war. Daß sie ihm mehr war als ein Spiel, als eine Pflicht, daß sie ein Leben war, das außer ihm lebte und doch seinen Puls hatte.

Und nun Abschied. Krafft bebte. Der Künstler in ihm bebte, der vielleicht nie seinen ganzen Ausdruck hatte finden können, der ihm vielleicht nie klar geworden war. Der nichts weiter in ihm war als Liebe, als eine Freudigkeit, ein Vertrauen. Der vielleicht nie etwas mehr getan hatte, als in Stunden der Ergriffenheit seine Zuflucht zur Musik zu nehmen, und das nur in unklarem Trieb, fast mechanisch und unbewußt.

Aber der Krafft wollte es kurz machen. Er wollte abbrechen und gehen. Er konnte nicht. Es hielt ihn.

Daß er ja zum letztenmal spiele, rief's in ihm, daß er den Schluß machen müsse zu all dem, was er die Jahre hier in Tönen gesagt hatte. Daß er dann erst gehen könne für immer von diesen Tönen, die sein waren, sein eigen und seines Wesens -- und daß ihr Inhalt dann erst ganz sein könnte, wenn er seinen letzten Sinn bekäme, den Sinn seines schwersten Erlebnisses.

Mächtig fühlte Krafft dieses Erlebnis in sich. Seinen ganzen Schmerz, all das Traurige, all die schweren Folgen, all das Ungewisse -- freilich auch seinen Mut, seine Kraft, seinen Stolz und seinen Willen.

Daß er gefallen, fühlte er, aber nicht geschlagen fühlte er sich. Ja, ihm war, als habe er einen Sieg errungen.

Ein paar Akkorde hatte der Krafft wie im Traume gegriffen. Die Rechte war ihm von den Tasten gesunken, die Linke hielt die Akkorde fest. Ein Postludium von Bach hatte er fast mechanisch aufgeschlagen. Eine Fuge, deren Thema er jetzt spielte.

Er machte eine Pause und strich mit der Rechten über seine Stirn. Eine Strähne war ihm tief ins Gesicht gefallen.

Sein Schicksal stand nicht mehr vor ihm, es sprach in ihm. Er spielte. Er wiederholte das Thema. Zart und feierlich leitete er im oberen Manual ein. Dann zog er die Koppel. Immer inniger wurde die Verschlingung, immer mächtiger und sicherer schien das Thema zu werden, je gewaltiger die Gegensätze anwuchsen. Und immer wieder und wieder setzte er ein.

Der Krafft hatte die ganze Orgel gezogen. Der Schluß des Postludiums brauste durch die Kirche.

Die Gläubigen waren auf ihren Plätzen geblieben. Keiner hätte gehen können. Sie standen und sahen hinauf zur Empore.

Ein paar Männer waren tiefer ins Schiff gegangen und standen lauschend, staunend in den Gängen.

Krafft spielte weiter.

Etwas Großes brauste über die Gemeinde hin, etwas Großes, das kein Wort hat: der Atem einer Seele, die verhauchen möchte und festgehalten ist.

Keiner mochte wissen, was es war. Aber alle fühlten, daß es ein Etwas sein müsse, das stärker war als die Musik, die es trug, stärker als Feier und Andacht, die dem Gotte gegolten hatte.

Alle standen und lauschten und sahen empor.

Und Krafft spielte noch. Er hatte den Blick von den Noten abgewandt, er hatte den Kopf vorgebeugt, das rechte Ohr der Orgel zugewandt. Er lauschte tief in sein Spiel hinein. Er lauschte auf das letzte, das er +sich+ spiele, das er nicht hinauskündete in die Welt.

Er hatte alle Register eingeschoben bis auf die #vox humana# und einen Baß -- und nun schlug er #unisono# eine schlichte Folge von Tönen an, hielt jeden fest und sicher aus und faßte zuletzt einen Akkord, den er sacht verklingen ließ. Es war wie ein Verbluten, ein Seufzen. Oder es mochte wie ein Vergeben und Weinen sein.

Der Pfarrer war aus der Sakristei getreten. Er stand oben vor dem Marienaltar, deren Kerzen der Glöckner löschte. Er hatte die Rechte zur Faust geballt und stützte sie auf die Kommunionbank auf. Mit flammenden Augen sah er zur Orgel hinauf. Und er knirschte.

Krafft schloß die Orgel und zog die Schlüssel ab. Er blickte sich um. Er sah, daß die Leute jetzt erst ihre Plätze verließen. Es ging ihm auf -- sein Spiel hatte sie festgehalten. Er hatte alles vor allen gesagt, was sein Herz bewegt hatte. Und alle hatten's verstanden.

Er wurde tief rot. Er strich sich verlegen durchs Haar. Er schämte sich. Ihm war, als habe er sich der Menge preisgegeben.

Er war erlegen, er war schwach gewesen.

Er mußte sich stützen -- er griff nach dem Orgelbock. Er griff fehl.

»Herr Lehrer!« klang eine Männerstimme neben ihm.

Einer seiner Sänger hatte ihn beobachtet und war auf ihn zugetreten, ihn zu stützen. Der Krafft beherrschte sich wieder: »Ich danke!« sagte er.

Dann ging er. Er ging ruhig und sicher, wie er gekommen war. Die Kirche hatte sich geleert. Alle Kerzen waren gelöscht. Die Kirche lag im Dämmer. Nur durch ein offenes Fenster floß ein Sonnenstrahl. Andreas Krafft stand an der Tür. Er wollte sie aufziehen. Da mußte er sich noch einmal umsehen. Voll fiel das Sonnenlicht in sein Gesicht. Er senkte es ein wenig. Da sah er oben den Pfarrer stehen.

Sie standen einander gegenüber, die Gegner, der leere Raum nur zwischen ihnen.

Wenn sie hätten Freunde werden können, wenn es gekommen wäre, daß sie Freunde geworden wären?!

Krafft zitterte ein wenig. Dann aber hob er rasch den Kopf, obgleich das Licht seinen Augen weh tat. Und rasch ging er.

Auf dem freien Platz, vor der Kirche stand noch die Menge. Geteilt wie immer: links die Freunde, rechts die Gegner. Aber alle standen stumm. Aller Augen waren auf den Alten gerichtet, der jetzt oben auf der Freitreppe der Kirche stand. Der Krafft hielt betroffen den Fuß an. Unmerklich reckte er sich auf.

Dann schritt er fest und sicher die Treppe hinab.

Noch einmal hielt er an und nahm die Brille ab. Er wollte nicht scharf sehen jetzt, er konnte nicht.

Und er wollte auch nicht gerührt werden.

Er ging festen Schrittes zwischen den Reihen hin.

Es schnitt ihm durch die Seele: »Ich bin ein Gezeichneter.«

Ein Graukopf nahm tief den Hut ab.

Und er blieb stark und ging groß und stolz. Man hörte nur seinen Tritt -- und fast auch den Atem der Leute.

* * * * *

Cellist Behnke.

Seit vierzehn Tagen studierte das Theaterorchester des Kapellmeisters neue symphonische Dichtung »Märchen«. Der gemütliche Kapellmeister Hornbach brachte die Musiker diesmal fast um. Nichts konnte ihm recht sein. Ton nicht und Tempo. Er fand späte Einsätze, falsche Töne, Schwankungen in den einzelnen Stimmen, die er gewiß sonst übergangen hätte. Es waren nur sehr geringe Fehler, die immerhin mal passieren konnten. »Mehr Temperament, mehr Verve!« rief er ein übers andere Mal. »Mittun, bitte, nicht so lahm, nicht so hängen lassen.«

Die Musiker schüttelten die Köpfe. Sie taten doch schon alles mögliche. Aber weil sie Hornbach so lieb hatten und ihn als Künstler so hoch schätzten, setzten sie immer wieder froh und frisch die ganze Kraft und bestes Wollen ein. Hornbach aber schien eine Manie erfaßt zu haben, abzuklopfen.

Sonntag im Symphoniekonzert sollte die Premiere sein.

Am Samstag war Hauptprobe.

In den letzten Tagen war der Kapellmeister etwas milder geworden. So, wie er sonst war. Es ging flott, daß es eine Freude war. Und wenn er auch hier und da mal ein Gesicht zog, zuletzt lächelte er doch.

Fritz Behnke, der Cellist, war diesmal erster. Zum erstenmal, da der geniale Poppel, der seither als erster das Cello gespielt hatte, gestorben war.

Hornbach hatte lange gezögert. Im Cello lag ein großes Solo. Es verlangte einen ganzen Künstler. Ja, wenn das der Poppel noch streichen könnte. Da würde es zittern und wieder zittern bis in den letzten Saalwinkel. Bis in die Fußspitzen würd's prickeln.

Aber der Behnke!?

Er war ja fleißig, äußerst fleißig. Er hatte sich eine respektable Fertigkeit angeeignet. Wohl. Und er konnte auch Ton geben. Ja Gott, alles recht brav und ordentlich, gewissenhaft bis ins einzelnste. Aber es fehlte doch etwas. Das Individuelle, das persönlich Tiefe. Behnke war ein brauchbarer, guter Musiker, aber halt kein Künstler.

Aber es mußte doch sein. Und es ging auch nicht anders. Er war der älteste. Hornbach wollte ihn sein Bedenken und Zögern gar nicht merken lassen. Als er die Stimmen ausgab, sagte er liebenswürdig leichthin: »Behnke, Sie spielen erster. Seien Sie brav. Ein Solo, auf das ich alles setze, Behnke.«

Behnke verneigte sich tief, sehr tief. Er war krebsrot geworden, glücklich, als ob er's große Los gewonnen hätte.

Nun hatte er den Lohn, den großen Lohn für seinen Fleiß, seine jahrelange Mühe, sein Streben und seinen Eifer.

Er sollte das große Solo spielen, auf das der gute Hornbach »alles setzte«.

»Fritz Behnke, erster Cellist des Hoftheaterorchesters«, ließ er sich jetzt Visitenkarten drucken.

Er übte halbe Nächte lang. Es war kein Zeichen, das unbeachtet blieb. Die ganze Stimme stand bald sauber vor seinem Geiste. Er kannte sie genau auswendig. Er blätterte sogar im Gedächtnis um. Es sollte eine Musterleistung geben.

Hornbach lächelte vergnügt in sich hinein. Ein bißchen spöttisch, aber doch zufrieden. Es ging besser, als er gedacht hatte.

Und dann der Behnke. Man kannte ja den kleinen Kerl gar nicht mehr. Er war ordentlich gewachsen. Der gute Behnke! ... Nur ein bißchen Genialität! ...

-- Hauptprobe! Hornbach war in bester Laune. Behnke war ganz zappelig. Er stimmte schon eine Viertelstunde lang sein Cello. Immer wieder strich er und horchte. Das große Solo! -- ging's ihm beständig im Kopfe herum.

Er schmierte den Bogen. Seine Finger trommelten nervös auf dem Griffbrett.

Er betrachtete sein Cello. Da in der Fuge saß ein Fleckchen Staub. Er nahm sein sauberes weißes Taschentuch und wischte ihn aus.

Die zweite Piece war Hornbachs symphonische Dichtung.

Die Pause war jetzt um. Ganz leise und vorsichtig rupfte Behnke noch einmal an den Saiten. Er schüttelte den Kopf.

Aber Hornbach gab schon das Zeichen.

Es durchfuhr alle wie ein elektrischer Strom.

Behnke perlte der Schweiß von der Stirn.

Gar fein bebten die Geigen ... Zitternd jauchzten die Klarinetten und Flöten. Mächtig schmetterten die Blechbläser. Voller und voller rauschten die Akkorde. Das war der Tag, der erwachte.

Behnke hatte bis jetzt nur in der Begleitung zu spielen. Die Celli schwollen an und sanken wieder wie leichte Wellen eines Sees.

Und immer höher und mächtiger schwollen die anderen Stimmen an. Licht und Jubel und Leben ...!

Nun mußte es bald kommen.

Noch einmal riefen die Posaunen wie ein Halleluja! ins Land hinaus. -- Und Flöten und Klarinetten und Geigen vereinigten sich zu freudiger Antwort. Dann der große Triller ... und gleich nach dem Nachschlag kam das große Solo im Cello.

... Und die Lotosfee schwimmt ans Land ... und die Wasser murmeln ... und die Nixen haschen sich und neiden die schöne Schwester ... Und aus dem Dickicht tritt der Ritter mit klingendem Sporn ... Und kosend und schmeichelnd, verführerisch, in begehrender Brunst singt die Fee so süß das Lied der Liebe ...

Behnke schloß die Augen.

Als ob der Genius seine Hand gesegnet habe -- er hatte einen Ton und eine Tiefe, eine Wärme und einen Schmelz, goldig geradezu. Hornbach lauschte entzückt. War das der Behnke?!

Die Geigen malten die zitternde Glut ... Aber alles übersang das Cello.

Der Behnke hatte seine Stunde. Das war der Behnke nicht. Da war etwas lebendig geworden, das sonst nicht da war.

Voll setzte das Orchester ein, und der Jubel des Glückes und Genusses durchbrauste den Saal ...

Da klatschten die Geladenen Beifall.

»Bravo, Behnke!« rief der Theaterdirektor.

Und Hornbach legte den Stab hin. Er lächelte vergnügt.

»Behnke!« sagte er mit eigener Betonung und nickte ihm zu. »Famos!« Der arme Behnke aber wußte sich vor Glück nicht zu fassen und betrachtete dann sein Instrument.

Die Probe nahm ihren Fortgang. Die große symphonische Dichtung Hornbachs wurde tapfer bewältigt. Es mußte einen Erfolg geben.

Ein Meisterwerk, darin waren sich die Kunstverständigen, die zur Hauptprobe geladen waren, einig.

»Ich danke Ihnen, meine Herren,« schloß Hornbach die Probe. »Nur morgen so, dann ist's gut.«

Behnke konnte die ganze Nacht kein Auge zutun. Sein großes Solo! Der Applaus morgen! Die Lorbeerkränze! Nun war er der erste Künstler in der Stadt. Dem genialen Poppel, den sie so vergöttert hatten, gleich.

Der Fürst wird sicher der Premiere beiwohnen. O, dann das große Solo!

Er wird ihn sicher zum Kammermusiker, vielleicht zum Professor ernennen. Dann müßte er sich wieder andere Visitenkarten drucken lassen: --

»Kammermusiker Fritz Behnke, Professor« -- oder vielleicht besser: »Professor Fritz Behnke, Kammermusiker.«

Er entschied sich für diese Fassung.

In Gedanken ging er noch einmal seine ganze Stimme durch. Jede Note, haarklein. Es wird einen Triumph geben. Trotz Hornbach.

Ob er wohl gerufen würde?!

Er würde dann einen tiefen Knicks machen und die Hand aufs Herz legen. Aber wohin mit dem Cello? Er würde dann rasch den Bogen in die linke Hand nehmen und den Knicks machen. Das würde gewiß gut aussehen. Ob's wohl auf dem Zettel stehen würde, auf dem offiziellen natürlich:

Cello–Solo ..... Herr Fritz Behnke .....

Um fünf Uhr morgens hatte er schon wieder sein Instrument in der Kur. Er stimmte es nämlich. Auf einmal mußte sich sein Gehör zehnfach verfeinert haben. Bis auf die letzten Schwingungen hörte er genau. Es konnte ihm gar nicht genügen. So -- einigermaßen! -- Und er schloß die Augen und spielte sein Solo. Ganz Gefühl.

Ob er wohl den Tremulant etwas mehr anwenden sollte? Da lag doch alles Gefühl drin.

Hornbach mochte ja freilich das Tremulieren nicht so recht leiden. Persönliche Ansichten! Ja, er könnt's ja auch lassen. Also wie in der Hauptprobe.

Er hatte das Anklopfen wohl überhört. Die Hauswirtin brachte den offiziellen Zettel.

Da stand's wahrhaftig:

Cello–Solo ........... Herr Fritz Behnke.

Er hüpfte in die Höhe, daß ihm die Pantoffel von den Füßen flogen. Er hätte laut schreien mögen; Er hätte das Fenster aufmachen und auf die Straße rufen mögen:

Cello–Solo ........... Herr Fritz Behnke!

Er tanzte vor Vergnügen in seinem Zimmer herum.

»Ach was!« sagte er dann. »Selbstverständlich! Man muß ein bißchen blasiert sein, wie alle Genies. -- Der erste Cellist in der Stadt! Weit und breit!«

Dann suchte er die Plätze aus für die Lorbeerkränze. Einen über den Spiegel, einen über sein Bild, und da einen über das Bild seiner Eltern.

Er war ein pietätvoller Mensch.

Wenn er jetzt nur eine Braut hätte! Die würde er mit dem vierten bekränzen. Aber so war er ein alter Hagestolz. Er würde also seinen Ruhm und sein Glück allein tragen.

Heute schmeckte ihm nicht Essen und Trinken.

Er hatte nirgends Ruhe. Er konnte den Abend nicht abwarten.

Als erster kam er ins Theater. Der Dienstmann stellte sein Cello unsanft hin. Behnke räsonierte gewaltig.