Chapter 5 of 7 · 3863 words · ~19 min read

Part 5

Er stammelte so etwas wie Dank; und daß es nicht zu spät sei. Er wußte selber nicht, was er sagte.

Wie immer, wenn's die Schule anging, war er heftig erregt. Alles wippelte und zappelte in ihm. Dann eilte er nach Dingskirchen hinunter. Er brauchte höchstens eine halbe Stunde.

Er lief direkt in die Klasse. Da lag noch ein Stoß Hefte. Aufsätze, die noch nicht korrigiert waren. Und ein Stoß Diktate. Er nahm sie unter den Arm, steckte seine rote Tinte ein und lief nach Hause. Da fiel ihm ein, daß er in seinen Listen noch etwas nachzutragen hatte. Er eilte wieder in die Klasse, sah alles nach, trug ein, legte und rückte dann alles in Ordnung, nahm ein frisches Stück Kreide, stäubte das Kruzifix ab, stellte sich dann mitten ins Schulzimmer und musterte alles.

-- In Ordnung -- gut so! --

Dann ging er.

Er sprach daheim kein Wort. Sogleich fiel er über seine Hefte her und arbeitete fieberhaft. Es wollte ihm ganz schwindlig werden. Aber er bezwang sich. Ein roter Strich nach dem anderen -- da ein Wort eingeflickt -- da einen ganzen Satz ausgestrichen -- dann überblickte er das Ganze noch einmal und schrieb dann die Note darunter. So bei jedem Heft.

Die Zeit ging weiter, ohne daß er's merkte.

Seine Frau rief zum Nachtessen. Er winkte ab, ohne aufzusehen.

Seine Frau brachte ein Licht.

Er arbeitete weiter, immer weiter.

Schlag zwölf Uhr war er fertig.

Aber wie war ihm nun. Er spürte in seinem Kopfe ein Stechen, wie wenn Nadeln darin wären. Er mußte sich den Kopf halten und drückte ihn. Darauf wurde es ein bißchen besser.

»Eß noch was!« rief die Grete vom Bett aus.

Aber er konnte vor lauter Aufregung nichts essen.

Er legte sich. Aber an Einschlafen war gar nicht zu denken. Er war zu aufgeregt. Und alle Augenblicke schrie das Jüngste. Es war eine harte Nacht.

Ganz abgespannt stand der Schullehrer bei guter Zeit auf und trug seine Hefte in die Klasse.

Schlag sieben trat der Schulinspektor mit dem Ortsschulvorstand ein.

Die Prüfung begann.

Der Schullehrer zitterte am ganzen Leibe.

»Lesen!« befahl der Inspektor.

Das Lesen ging so leidlich. Dem Lehrer wollte es ein bißchen leichter werden.

»Kopfrechnen!« befahl der Inspektor.

Der Lehrer gab eine Aufgabe. Nach einer Weile gingen die Finger in die Höhe.

»Wieviel? -- Du? -- Du? -- Du?«

»Falsch!« rief der Lehrer mit seiner dünnen Stimme nach jeder Antwort.

Er spürte es ganz heiß, daß ihn der Inspektor scharf ansah.

Die Aufgabe wurde vorgerechnet. Das Resultat war das der Schüler. Dem Lehrer hämmerte es in den Schläfen. Er gab eine zweite Aufgabe. Die fiel ihm schwer; er verschluckte, verbesserte sich, die Aufgabe war nicht recht klar. Auf den Gesichtern in der obersten Bank erschien ein Lächeln. Der Lehrer wiederholte dieselbe Aufgabe noch einmal. Jetzt war's ihm gelungen.

Es gab verschiedene Antworten. Der Lehrer wurde ganz verwirrt. Er konnte sich nicht entscheiden.

»Wir wollen die Aufgabe vorrechnen,« stammelte er.

»Wer hat 253?« fragte der Inspektor.

Die Finger gingen in die Höhe.

»Die haben's recht,« sagte der Inspektor, dann führte er das Kopfrechnen weiter.

Er machte sich einige Notizen in sein Büchelchen.

Mit dem Lehrer ging alles herum. Er sah alles grün. Über die Gesichter seiner Schüler ging ein grüner Schein. Und er hörte ein leises Geflüster und Gekicher neben sich und hinter sich.

Der Schweiß wurde ihm kalt. Seine Zähne klapperten. Er fror.

»Geographie, bitte,« sagte der Schulinspektor sehr freundlich. Er hatte wohl Mitleid mit dem armen, blassen, zitternden Lehrer.

Als der Inspektor sprach, ging es ihm wie ein elektrischer Strom durch den Körper. Er rappelte sich auf und fing an zu prüfen. Aber in seinem Kopfe war alles verwirrt, alles lag durcheinander. Ein Name jagte den andern. Und alles waren nur noch Namen. Er fragte und wußte selbst nicht was. Er fühlte nur so dunkel, daß alles falsch war. Da hörte er den Schulinspektor mit der Zunge schnalzen. Er fühlte es deutlich, jetzt schüttelte er wohl den Kopf. Aber es mußte, mußte gehen. Er tat noch ein paar Fragen und verhaspelte sich immer mehr. Die Schüler lachten hell auf.

Der Inspektor berührte ihn an der Schulter.

»Das ist ja gräßlich, lassen Sie es, bitte.«

»Herr Inspektor -- ich -- -- -- --«

»Sie sind wohl unwohl -- ich sehe es Ihnen an -- -- oder -- --?«

»Ach Gott,« seufzte der Lehrer.

Dann besprach sich der Inspektor mit dem Ortsschulvorstand. Sie betrachteten die Hefte. Der Lehrer merkte deutlich, der Pfarrer trat für ihn ein. Der Schulinspektor widersprach. Er erhitzte sich nun sogar.

Dem Lehrer wurde nun alles gleichgültig.

»Nun denn,« hörte er den Inspektor sagen, »wollen wir es beschließen. Unter solchen Umständen -- -- also,« wandte er sich an den Lehrer, »Schluß für heute -- ich sehe bald wieder nach -- unbegreiflich ... ihr könnt gehen, ihr Kinder.«

Und nach und nach leerte sich das Schulzimmer. Der Schulinspektor sagte dem Lehrer noch etwas, aber das hörte er gar nicht. Er war ganz abwesend. Ihm war, als sei er geköpft worden, oder doch wenigstens, als sei ihm mit einem schweren Hammer auf den Kopf geschlagen worden, gerade vorn oben hin, wo die Stirn anfängt. Denn da spürte er noch den Druck.

Er stand allein in seinem Schulzimmer. Noch eine kurze Weile nur, und er ging auch.

Wohin er gehen wollte, wußte er selbst nicht. Er ging nur. Zur Tür hinaus, die Treppe hinunter und dann die Straße weiter. Er schritt dem Walde zu. Als ob der Weg ganz eben wäre, so leicht schritt er die Höhe hinauf. Ziellos ging er weiter. Und endlich stand er vor der großen Eiche.

Ein scharfer Wind ging da. Er nahm seinen Hut ab. Die Kühlung tat ihm wohl.

Und er ging weiter. Allmählich verlor sich der Schmerz in seinem Kopfe, und er fühlte sich kräftiger.

Auch die Erinnerung seines heutigen Erlebnisses begann sich zu verwischen. Bald war es ihm, als habe er einen Kater. Nur noch ein schwaches Brummen im Kopfe. Und nun dachte er an seine Frau und seine Kinder.

Er trat den Heimweg an.

Er kam gerade recht zum Nachtessen. Die Grete wußte schon alles; aber sie sagte nichts. Der Pfarrer hatte es ihr ausdrücklich verboten -- ihr Mann sei überarbeitet, hatte er gesagt. Obgleich sie zuerst darüber ungläubig gelacht hatte, denn von Überarbeiten begriff sie nichts, folgte sie doch dem Rate des Pfarrers und schwieg.

Die Schullehrersleute legten sich früh ins Bett. Sie hatten ja immer schlechte Nächte mit dem Jüngsten. Das ließ gar nicht ruhen. Frau Grete, um ihren Mann nicht zum Legen überreden zu müssen, legte sich zuerst. Ihr Mann tat ihr alsbald nach. Er saß noch im Hemd auf der Bettkante und zog seinen Strumpf aus, als das Jüngste schon anfing zu schreien.

»Ach Gott!« stöhnte die Grete.

»Bsch -- wsch -- wsch,« sang der Schullehrer.

Aber das Jüngste schrie immer ärger.

Nun sang die Grete:

»Feierche, Feierche brennt -- Mein Kind des friert an de Händ', Mein Kind des friert am linke Fuß, Daß des Feierche brenne muß.« ...

Geschrei und Singen dauerten eine Weile. Endlich hörte der Gesang auf.

»Ach Gott, was en Last, was en Last!« seufzte die Mutter. Der Vater machte nur »hm, hm«.

»Tag und Nacht kein Ruh,« fuhr die Mutter fort. »Und das viele Geld, was es kost! Ach Gott, ach Gott!«

Nun kam wieder eine unheimliche Erregung über den Schullehrer. Tausenderlei schwirrte ihm durch den Kopf. Unglück -- Krankheit -- Brotlosigkeit -- Not -- Elend -- ohne Stelle -- --! Wo das nur all auf einmal herkam!? Er dachte nun sogar ans Sterben ...

»So en Last wie mir, so en Last wie mir,« fing die Grete wieder an. »Des saure Lewe -- is denn beim liebe Herrgott gar kein Erbarmen!«

Das kam mitten in des Schullehrers Gedanken vom Sterben hinein.

Rasch, ohne daß er's eigentlich merkte, stieg ein schlimmer Wunsch auf und schlüpfte über seine Lippen: »Ja, wenn er es zu sich nähme, der liebe Gott --« Er erschrak heftig, und nun war's ihm, als ob er erwache -- --.

Er lag nun im Bette. In einem fort hörte er wie drohend den argen Wunsch. Das ließ ihm keine Ruhe.

Das Jüngste war nun still. Die Mutter schlief. Aber der Vater konnte den Schlaf nicht finden. Immer und immer wieder der arge Wunsch. Er stand auf und sah nach seinem Kinde. Es schlief ruhig. Aber ihm war doch so sonderbar. Es schien ihm, als sei's noch blasser als sonst, als gehe sein Atem schneller. Er sah genauer und horchte. -- Nein, doch nicht -- beruhigte er sich. Er legte sich wieder. Das Wort »Erfüllung« ging ihm durch den Sinn. Eine unheimliche Angst faßte ihn. Er weckte seine Frau.

»Grete, sieh mal nach dem Kind!«

»Loß mich schlofe,« knurrte die. »Wann mer emol Ruhe kennt.« Sie schlief schon weiter.

Der Schullehrer stand wieder auf und sah nach seinem Kinde. Alles wie vorhin. Er legte sich wieder.

Jetzt zitterte er am ganzen Körper. Schweiß trat auf seine Stirn. Eine Last legte sich auf seine Brust. Das nahm ihm fast den Atem. Nun wurde es ihm zum Ersticken heiß. »Erfüllung« -- das gespenstische Wort wieder und wieder.

Er sah eine Gestalt auf sich zukommen, halb Habicht, halb Mensch. Die Hände waren mächtige Fänge, die Augen glühten, in dem krummen Schnabel staken spitze, blutige Zähne. Dieses Untier würgte alles Leben. Und ein junges, liebes, blasses Kind spielte da am Wege. Sein Kind. Und der Habichtmensch griff schon nach ihm ...

Eine stöhnende Angst ... Und das Kind hob das Auge, sah seinen Vater an, so gehorsam–vorwurfsvoll, so traurig ... Welch ein Schmerz! -- Und er lief davon, weit fort, über Steine, über Felsen -- immer den Berg hinauf ... Aber es heftete sich etwas an seine Fersen. Er trat nach hinten ... Er hörte das Weinen seines Kindes, als habe es den Tritt bekommen ... Aber es hielt ihn fest, fest wie mit einem scharfen Haken ... Und es lief an ihm hinauf ... Das Leben war's, das junge Leben, das nicht vergehen wollte ...

»Du Mörder, du Egoist!« schrie's ihm gellend ins Ohr.

Nun saß es ihm fest im Genick -- und es drückte seine Nägel in seinen Hals ... Es überlief ihn starr, kalt ...

»Gleiches Recht -- Recht zu leben wie du -- oder Kampf!« schrie's.

Er konnte nur noch stöhnen.

»Kampf! -- Kampf!« jubelte es.

Da drückte es ihn nieder, nieder auf einen Felsengrat über einem dunklen Abgrund. -- Er schlug sich die Schläfe auf -- da fühlte er einen schnellen scharfen Schnitt, noch einen blutigen Riß im Gehirn -- -- alles war auseinander ...

»Leben, Leben!« schrie's über ihm. »Triumph!« ... Da brach er in sich zusammen zu einem morschen Klumpen ...

-- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- --

»Johann! -- Johann!« rief die Grete.

Aber er rührte sich nicht.

Sie schüttelte ihn. Da lallte er etwas und sang: »Bsch -- wsch -- wsch -- -- wsch« und zog's immer länger.

Die Grete sah ihm in die Augen. Die waren erloschen, beinahe wie bei einem Toten.

Sie griff sich in die Haare. -- --

* * * * *

Draußen rappelte eine Chaise. Der Kreisarzt fuhr am Hause vorbei. Er war ins Dorf gekommen, um die Impfung vorzunehmen. Die Grete rief ihn herein.

Er betrachtete den Schullehrer, fragte ihn dies und das, konnte aber nichts aus ihm herausbringen.

Dann murmelte er etwas vor sich hin -- Nervenschlag! -- Gehirnerweichung? -- so etwas murmelte er ...

Bis Mittag riefen sich die Kinder, die froh waren, daß sie keine Schule hatten, auf der Straße zu: »Unser Schullähre is närrischt worn ... ja -- er is +närrischt+ worn ...«

* * * * *

Die Freite.

Also nun war es wieder November geworden. Trübe Tage. Der Oktober war noch einmal licht und freundlich gewesen, und das Land hatte weit und breit klar gelegen. Nur am Morgen waren die Nebel aufgezogen, lang und dicht das Selztal hin, aber bald war die Sonne gekommen und hatte sie vertrieben. Da hatten sie dann in den Weiden und Erlen in losen Fetzen geflattert, bis die auch verflogen waren und nur in den ausgespannten Spinnennetzen als dünne glitzernde Perlchen eine Spur zurückgelassen hatten. Es waren so schöne Tage gewesen, die Oktobertage diesmal, und man hatte noch einmal ans Leben gedacht, als wär's Sommer, hatte hinaus gedacht zu den Menschen, ins Weite und Gesellige.

Und nun war's November und trübe, und man war mit seinem ganzen Sinnen und Sorgen zurückgetrieben in seine vier Wände, in die Enge, und man mußte sich einrichten auf den Winter, auf Frost und Feuchte, auf die lange tote und unliebe Zeit.

Nun blieb die Wiesenmühle ganz abgeschlossen von der Welt. Niemand mehr, der im Felde arbeitete. Höchstens vielleicht, wenn es Eis gab, daß die Eismacher herauskamen. Dann die paar Bauern, die mahlen ließen. Es waren nicht mehr viel. Die Hauptsache war schon weggemahlen, das wenige, das noch in den Scheunen lag, das war nicht mehr der Mühe wert.

Die Wiesenmühle hatte sehr nachgelassen in den letzten Jahren. Alles fuhr nach der mittleren Mühle, die dem Jerrisepp gehörte, weil dahin die neue Chaussee vorbeiführte und die Bauern bequemer anfahren konnten, als den holprigen Feldweg zur Wiesenmühle hin. Der war nun fein heraus, der Jerrisepp. Oben, die Ecklocher Mühle, hat auch fast gar nichts mehr zu mahlen, die Kettenmühle hätte auch fast das Rad abstellen können. Nur noch ein paar alte Kunden waren ihr treu geblieben, und nur dadurch, daß der Kettenmüller eine Bäckerei eingerichtet hatte, hatte er sich über Wasser halten können.

Der Wiesenmüller war keiner von denen, die sich allzu viel Sorgen machten. Im Gegenteil, er gönnte es dem Schlauberger Jerrisepp, daß er so viel zu tun hatte. Er dachte, das würde auch einmal wieder anders werden, und die vier Mühlen liefen wieder wie in guten Jahren, da sie Tag und Nacht geklappert hatten und keiner dem anderen Neid getragen hatte. Wozu auch neiden! Damit schadet man sich nur selbst und ändert die Dinge doch nicht.

Vor ein paar Tagen, bei dem hellen Oktoberwetter, hatte der Wiesenmüller noch gern droben gestanden am Giebelfenster und hatte über die Wiesen hin hinauf zum Jerrisepp gesehen, ob noch tüchtig die Kornwagen bei ihm einfuhren. Und richtig, der ganze Hof stand ihm noch voll. Aber dann hatte der schöne Sonnenschein den Blick weiter gelockt, und er hatte nach dem Dorfe gesehen, wo die Schornsteine rauchten und woher die Glocken klangen, klar und rein herüber in den stillen Mühlengrund, in dem die Töne verhallten wie in einem weiten Dom. Er war nicht von Sorgen bedrückt. Er und seine Frau, sie hatten genug zusammengebracht und genug zusammen errungen, wenn es auch einmal einen Winter lang gar nichts war, sie verhungerten noch nicht. Was sie zum Leben brauchten, das wuchs auf ihren Feldern um die Mühle herum, und was sonst nötig war, das konnte von den Zinsen bestritten werden, wenn die Kasse leer wurde. Nein, es war dem Wiesenmüller leicht und froh sogar ums Herz, wie er da oben stand. Der Himmel war so klar und rein wie frisch ausgewaschen, und das Land war so voll von seltenen Farben, wie man sie sonst im Jahre gar nicht sah, und die Sonne hatte etwas so Mildes und Zartes, wie wenn sich eine Mutter über die Wiege von ihrem Neugeborenen bückt. Er wußte gar nicht, was es war und wie er es sich klarmachen sollte. Er kannte doch das Land und hatte es zu den verschiedensten Zeiten gesehen, aber so schön und anziehend hatte es noch nie dagelegen, soweit er sich erinnern konnte. Es lockte ordentlich hinaus, und man konnte sich gar nicht vorstellen, daß der Winter vor der Tür stünde. Er dachte daran, daß er am Sonntag einmal mit seiner Frau und seiner Tochter ins Dorf gehen könnte, den »Neuen« zu probieren. Ja, das könnte man wirklich einmal, es war ganz gut, sich von Zeit zu Zeit im Wirtshaus sehen zu lassen. Sonst wurde man den Leuten ganz fremd und muffelte sich so in sein Alleinsein ein, daß kein Mensch mehr etwas mit einem zu tun haben wollte und die Welt einen gar nicht mehr verstand. Er summte ein altes Liedchen vor sich hin. Dann pfiff er. Und weil in der Mühle der Gang jetzt leer gelaufen war, hallte die Schelle laut zu ihm herauf, daß er aus seiner Stimmung gerissen wurde und ein barsches Hallo! hinunterrief. Dann ging er, aufzuschütten. Aber das behielt er sich, daß er am Sonntag ins Dorf zum »Neuen« gehen wollte.

Da er aber am Sonntag aufwachte und zum Fenster hinaussah, war alles in dichten Nebel gehüllt, daß man keine drei Schritt weit sehen konnte. Und der Wiesenmüller sagte nichts zu seinen Leuten vom »Neuen« und behielt seinen Gedanken für sich. Aber er sagte zu seiner Frau, daß man jetzt an den Winter denken und sich verwahren müsse.

* * * * *

Richtig, am Montag, in aller Frühe, saß er denn auch schon auf seiner Scheunentenne am langhalmigen Stroh und legte sich's zu Schichten und Wulsten, machte dann eine Strohtür für den Stall, rahmte Fenster und Haustür mit Strohzöpfen ein, stopfte sonst noch zu, was die Kälte hereinlassen konnte, die Keller– und Dachluken, die Löcher in den Stalltüren und die Tröge des Schweinestalles. Die Wasserpumpe und die Pfuhlpumpe umwickelte er so geschickt mit den hellen Strohzöpfen, daß sie ordentlich stolz aussahen und so recht behaglich in ihren warmen Kleidern dastanden, wie junge Mädchen, die zum erstenmal die neuen Wintermäntel anhaben.

Die Müllerin saß indessen drin am wärmenden Kastenofen und strickte warme Wintersocken und Knie– und Pulswärmer. Sie stopfte die Fausthandschuhe Und sah auch die wollene Strumpfkappe des Müllers nach, ob nicht die Motten Löcher hineingefressen hätten oder eine Masche aufgegangen war. Es war eine recht mechanische Arbeit, und sie duselte von Zeit zu Zeit ein kleines Weilchen drüber ein und nickte ein Stückelchen herunter. Wenn dann die Schelle am Mahlgang riß, fuhr sie auf und strickte oder stopfte hastig weiter und sah sich jedesmal dabei ein wenig in der Stube um, ob sie niemand beobachtet hatte, obgleich sie wußte, daß sie allein war.

Nur für die Eve, die einzige Tochter, brachte die Zeit nichts Neues und keine Veränderung. Sie besorgte die Arbeit in der Küche, und Sommer wie Winter wollten die Menschen ihren Tisch gedeckt haben, und das Vieh wollte sein Futter; Küche und Stube und Ställe brachten immer die gleiche Arbeit. Nur die Feldarbeit fiel freilich ein paar Wochen lang weg. Dafür half sie der Mutter etwas bei ihren Ausbesserungen, wenn sie mit dem anderen fertig war.

Die Eve tat ihre Arbeit mit Fleiß und Lust. Es freute sie, etwas hinter sich zu bringen, was es war, war ihr gleich. Sie wußte, es war auf der Welt keinem Menschen etwas gespart. Warum sollte es ihr sein. Und sie schaffte ja auch für sich selbst. Wenn's für andere Leute wäre, ja dann wär's eher zum Murren und Überdrüssigwerden, aber so. Sie war eine vergnügliche Natur, freute sich, mit jemand zu plaudern, hörte gern Neuigkeiten, fragte gern aus -- was hatte sie denn auch sonst hier draußen in der Abgelegenheit! -- sang gelegentlich ein Liedchen und lief gern in die Kirche. Sie konnte den Rosenkranz aus dem »ff« beten. Und das war so bequem. Dabei konnte sie sich in der Kirche umsehen -- links ein bißchen herausschielen, rechts ein bißchen -- und das Lippenwerk ging immer weiter, und wenn die Kirche aus war, waren es nur wenige, von denen sie nicht gewußt hätte, was sie anhatten und was sie auf dem Kopfe trugen, wer etwas Neues hatte und wer nur immer und ewig dasselbe trug. Selten auch, daß sie sich in ihren Berechnungen getäuscht hatte, wenn sie im Dorfe fragte, ob denn da und dort das Kleine noch nicht angekommen sei.

Es stimmte denn auch fast immer, und wenn es einmal nicht stimmte, so war daran ein Grund schuld, den die Eve nicht vorher hatte wissen können. Aber alles, was sie von den Menschen wußte, das plauderte sie nicht weiter aus. Sie sagte keinem etwas Böses nach. Nur ihrer Mutter erzählte sie die Dorfmirakel, und die war schon so abgestumpft, die hörte sie nur mit einem halben Ohr. Die Eve war keine Ausmacherin. Sie war nur neugierig. Sie ließ sich mehr erzählen, als sie selber erzählte. Und von jedermann war sie wohl gelitten, wenn sie auch einige eine »Trutschel« nannten. Das waren aber meist solche, die bei dem alten Wiesenmüller abgefahren waren, wenn sie um die Eve angehalten hatten. Denn der alte Wiesenmüller, so ein guter Kerl er auch war, vormachen ließ er sich doch nichts. Er wußte ganz genau, daß es den Werbern nicht um die Eve zu tun war, sondern um das, was sie mitbekam, und da sagte er immer nein. Ganz hart und schroff. Die Eve war nicht schön. Der Müller wußte das. Ihr eckig Gesicht verlockte keinen. Darum war's keinem zu tun. Aber die einzige Tochter, der einmal das ganze Vermögen zufiel, das stach ihnen in die Augen. Zudem hatte die Eve zu keinem eine besondere Zuneigung verraten, und der Müller war noch aus der alten Zeit, in der man gemeint hatte, zum Heiraten gehöre auch noch etwas anderes, als nur ein Schrank voll Weißzeug, ein paar Verschreibungen, ein Bündel blaue Scheine, und die Frau nur so als Dreingabe, weil man sich ja trösten konnte, daß bei Nacht alle Katzen grau sind. Und seine Verweigerung mußte die Eve dann büßen. Sie wurde eine dumme »Trutschel« genannt.

Wer aber die Leute ein bißchen besser kannte, wußte, daß da ein paar Füchsen die Trauben zu sauer gewesen waren, und sie lachten sich heimlich ins Fäustchen.

So ging also die Zeit herum und brachte keine Veränderung in der Mühle. Der November war feucht und neblig, und wenn die Müllersleute abends beisammen saßen, sagte die Eve einmal: »Es ist doch schade um den schönen Oktober, es war doch gar so schön Wetter!«

Die Mutter nickte der Eve zu. Der Vater aber murrte: »Dumm Gered, das ich nit hör'n kann. Nix ist schad. Der Oktober ist da, daß er vergeht, damit auch der November vergehen kann. Du solltest's nur mal erleben, 's ganze Jahr Mai oder 's ganze Jahr dein schöner Oktober, da könntest du bald blau pfeifen, sag' ich dir. Man muß die Feste nehmen, wie sie fallen, und 's Wetter, wie's wird. Alles andere ist Weibergewäsch und hat keinen Wert. Fertig! Und wenn's Frühjahr kommt, dann fangen wir wieder von vorn an und tun unser Bestes, das wir tun können. Fertig. Und das ist das Richtige!«

»Du bist doch ein alter Brummbär,« sagte die Müllerin.

»Ich jammer nur nit, weiter gar nix. Wer anders besser zu seinem Teil kommt, meinetwegen. Ich mach's auf meine Art. Fertig!«

* * * * *

Es war wieder Sonntag. Wieder hatte er mit dem dicken Nebel begonnen, der wie lauter graue Wolle war. Aber es schien, die Sonne könnte ihn heute packen. Sie hing schon den ganzen Morgen als blasse Scheibe am Himmel, und man sah sie von früh an ihren stillen Weg gehen, wenn sie auch verborgen war. Da es gegen Mittag ging, hatte sie richtig den Sieg davongetragen. Sie glänzte im Blauen, daß man ihr nicht ins Antlitz sehen konnte. Und die ganzen Wiesen glitzerten, und an den Gerten der Weiden glitzerte es.