Part 18
Ein Tier, das seit langen Zeiten durch seinen Farbenwechsel allgemein bekannt ist und daher sprichwörtlich geworden ist, ist das Chamäleon (Abbildung 21). Der Farbenwechsel des Chamäleons ist aber durchaus nicht, wie man vielfach glaubt, eine Anpassung an die Umgebung, sondern wird von ganz anderen Faktoren hervorgerufen. Licht und Temperatur, sowie die Gemütsstimmung und jeweilige Körperbeschaffenheit rufen die Farbenveränderung hervor. Die Lederhaut des Chamäleons besitzt gelbe, rote und braune Farbzellen, die durch Kontraktion der farblosen Oberhaut genähert oder von ihr entfernt werden können. Im letzteren Falle sieht das Tier sehr hell, bisweilen fast weiß aus, im ersteren Falle treten die Farben mehr hervor. Die Farbzellen können ferner ihre Lage zueinander verändern. Sie können über- oder nebeneinander liegen, wodurch die verschiedenen Farben und Farbenschattierungen erzeugt werden. Auf diese Weise wechselt die Färbung zwischen weiß, gelb, braun, grau, blau, rostrot und grün und den dazwischenliegenden Abstufungen. Auf der Grundfarbe treten meist noch Zeichnungen hervor, wie Flecke, Tupfen und Streifen von mehr oder weniger unregelmäßiger Form. Die gewöhnliche Farbe ist ein schönes Grün oder Braungrün und paßt sehr gut zu der Umgebung der auf Bäumen lebenden Tiere. Lebhafte und dunkle Farbe ist ein Zeichen des Wohlbefindens, während helle Farbe meist mit einem krankhaften Zustand verbunden ist. Vor dem Tode wird das Chamäleon gelbweiß oder grauweiß. Wenn man das Chamäleon nur auf einer Seite belichtet oder erwärmt, so verändert nur diese Seite die Farbe, während die andere Seite nicht darauf reagiert, woraus der große Einfluß des Lichtes und der Wärme auf den Farbenwechsel hervorgeht.
Eine weitere Eigentümlichkeit des Chamäleons ist die unabhängige Bewegung der beiden Augen. Während das eine Auge nach oben gedreht wird, kann zu gleicher Zeit das andere nach unten oder nach der Seite gestellt werden. Zu der Beweglichkeit der Augen gesellt sich noch als dritte Eigentümlichkeit die Art der Ernährung. Das Chamäleon lebt von Insekten, hauptsächlich von Fliegen. Seine sehr langsamen und unbeholfenen Bewegungen würden ihm den Fang der beweglichen Kerbtiere sehr erschweren, ja fast unmöglich machen, wenn es nicht eine besondere Vorrichtung hierfür hätte in Gestalt der Zunge, die etwa 15 cm weit vorgeschnellt werden kann, die erspähte Beute anleimt und in den Rachen führt. Die Zunge wird also als Pfeil gebraucht, mit dem das Opfer aus der Ferne gewissermaßen geschossen wird. Die Mechanik der beweglichen Zunge ist folgende: die kurze, dicke und kolbenförmige Zunge ist vermittels einer Scheide mit dem Zungenbein verbunden. Die Scheide steckt wie eine Röhre auf dem Zungenbein und ist in der Ruhe harmonikaartig gefaltet. Durch Vorstrecken des Zungenbeines wird die kolbenartige Zunge wie eine Kugel im Blasrohr nach vorn geschleudert. Sie zieht dabei die bewegliche Scheide mit sich, deren zusammengelegte Falten sich zu einem langen Rohr ausdehnen. Infolge großer Muskelkraft wird die ganze Bewegung blitzartig schnell ausgeführt. Das Insekt wird durch den Klebstoff, der vorn an der Zunge sitzt, angeleimt (Abbildung 21).
[Sidenote: Laubfrosch]
Ein gewisser Farbenwechsel läßt sich auch beim Laubfrosch wahrnehmen. Die Farbe kann zwischen dem bekannten Blattgrün und einem schmutzigen Braungrün wechseln. Die Veränderung der Farbe wird durch den Tastreiz hervorgerufen. Befinden sich Bauch und Saugscheiben der Zehen auf glattem Grunde, so tritt die rein grüne Farbe hervor, während eine Berührung mit rauher Fläche die dunkle Färbung hervorruft. Der Lichtreiz spielt dabei keine Rolle, da der Farbenwechsel bei geblendeten Fröschen in derselben Weise erfolgt. So erklärt es sich, daß Laubfrösche, die auf rauher Rinde sitzen, dunkel sind, während der Frosch auf einem glatten Blatt grün ist. Durch diese seltsame Einrichtung wird also automatisch eine Anpassung hervorgerufen, die dem Tier einen vorteilhaften Schutz verleiht.
[Sidenote: Reptilien]
Einen lebhaften Farbenwechsel zeigen auch die Anolis, welche die Wälder und Gärten Südamerikas beleben und sehr gewandt und hurtig in den Zweigen umherklettern. Die sehr bunt gefärbten Tiere verändern ihre Farbe noch auffallender und schneller als das Chamäleon, wobei es sich jedoch weniger um eine Anpassung an die Umgebung zu handeln scheint, sondern mehr die jeweilige Gemütsstimmung die Ursache ist. Die Tiere sind außerordentlich erregbar und führen erbitterte Kämpfe untereinander aus (Abbildung 24).
Eine andere Echse, der australische Moloch (~Moloch horridus~), besitzt dagegen ähnlich wie das Chamäleon die Fähigkeit, sich in der Farbe bis zu einem gewissen Grade der Umgebung anzupassen. Der auf rotbraunem Grunde gelbgestreifte Körper nimmt auf grauem Gestein eine düstere rauchgraue Färbung an.
Der Moloch besitzt aber noch eine andere vortreffliche Nutztracht, die ihn vor Nachstellungen schützt. Sein ganzer Körper ist bis auf die Unterseite mit dornartigen Stacheln bedeckt, die dem Tier ein wahrhaft fürchterliches Aussehen geben und durch ihre Gefährlichkeit den lüsternen Feinden den Appetit vertreiben.
Ein stacheliges Schuppenkleid trägt auch der südafrikanische Riesengürtelschweif, eine Echse von fast ½ ~m~ Körperlänge. Der mit wehrhaften Stacheln besetzte Schwanz, mit dem das Tier empfindliche Schläge austeilt, ist eine vorzügliche Verteidigungswaffe des sonst harmlosen Kriechtieres (Abbildung 22).
Eine ähnliche Nutztracht besitzt auch die amerikanische Krötenechse (~Phrynosoma cornutum~). Mit seiner breiten, gedrungenen und plumpen Figur gleicht das Tier mehr einer Kröte als einer Echse. Wie beim Moloch ist der ganze Oberkörper mit Stacheln besetzt, die am längsten auf dem Hinterkopf sind. Die Stacheln sind nicht allein ein gutes Schreck- und Abwehrmittel gegen Feinde, sondern haben auch einen praktischen Nutzen. Mit Hilfe der Kopfstacheln bohrt sich das sonderbare Tier abends in den Sand ein, um hier die Nacht zu verbringen.
Die Krötenechse hat noch eine ganz besondere Eigenschaft. Bei gelindem Druck spritzt aus der Nase und den Augen Blut heraus. Eine besondere Schutzvorrichtung scheint das Blutspritzen nicht zu sein, sondern ist wohl nur eine Folge der zarten Struktur der Blutgefäße (Abbildung 23).
[Sidenote: Warnfarbe giftiger Tiere]
Giftige Tiere sind bisweilen sehr auffallend gefärbt, so daß man dann geradezu von einer „Warnfarbe“ sprechen kann. Die auf dunklem Grunde orangegelb gemusterte Krustenechse (~Xeloderma suspectum~) ist die einzige Echse, welche wie die Schlangen Giftzähne hat. Das Gift befindet sich in besonderen Giftdrüsen und dringt beim Biß durch die gefurchten Zähne in die Wunde. Das Gift tötet Hunde und Katzen infolge Herzlähmung in kurzer Zeit, ruft jedoch beim Menschen nur vorübergehende Krankheitserscheinungen hervor. Die eigenartige Echse lebt auf der Westseite der Kordilleren.
Als Warnfarbe kann man auch die schwarzgelbe Zeichnung unseres Feuersalamanders (~Salamandra maculosa~) ansehen, der an den Bauchseiten und auf dem Kopf Drüsen besitzt, die ein scharfes, ätzendes Sekret absondern, das den Salamander für Tiere, welche von Lurchen leben, ungenießbar macht, ja sogar kleinere Tiere tötet. Nur die Ringelnatter ist gegen das Gift unempfindlich und scheut sich nicht, gelegentlich auch den Feuersalamander anzugreifen und zu verzehren. Auch für den Feuersalamander selbst ist das Drüsensekret unschädlich, denn größere Tiere fressen nicht selten in Gefangenschaft kleinere Genossen auf, ohne Schaden zu erleiden. Die Fortpflanzung des Feuersalamanders zeigt besondere Eigentümlichkeiten. Gewöhnlich werden die Larven lebendig geboren, d. h. sie schlüpfen bereits im Mutterleibe aus dem Ei. Bisweilen werden auch Eier abgelegt, und die Jungen schlüpfen dann sofort aus. Es handelt sich in diesem Falle gewissermaßen um eine Frühgeburt. Der vom Weibchen empfangene männliche Samen kann viele Monate in einem besonderen Behälter aufbewahrt werden, von dem aus dann eine spätere Befruchtung der Eier erfolgt. So bringt bisweilen ein einzeln gehaltenes Salamanderweibchen zur Überraschung seines Besitzers nach einem halben Jahr plötzlich Junge zur Welt, ja es kann abermals nach mehreren Monaten eine zweite Geburt folgen, ohne daß das Weibchen mit einem Männchen in Berührung kam.
Beim Feuersalamander und der Krustenechse handelt es sich nicht um eine Schutzfarbe, die als Mimikry wirkt und das Tier durch Anpassung an die Umgebung unsichtbar macht, sondern im Gegenteil um eine sehr auffallende Färbung, die gewissermaßen ein Aushängeschild ist und dem lüsternen Feind schon von weitem entgegenruft: „Rühre mich nicht an, ich bin giftig.“ Diese Nutztracht ist also gerade das Gegenteil der Mimikry.
Aber auch eine bunte Färbung kann unter Umständen als Schutzfarbe wirken, indem das Tier gerade durch bunt zusammengewürfelte Farben unkenntlich gemacht wird. Ich konnte diesen Vorgang zuerst an einem Kleinen Buntspecht (~Dryobates minor~) beobachten, dem kleinsten Vertreter der bei uns heimischen Spechte, der nicht größer als ein Sperling ist. Er trägt wie seine größeren Vettern, Großspecht und Mittelspecht, ein schwarzweiß geschecktes Federkleid und eine rote Kopfplatte, ist also ein sehr auffällig gefärbter Vogel. Ich hielt einen jung aufgezogenen Kleinspecht längere Zeit in einer Zimmervoliere und war immer wieder erstaunt, wie oft ich den Vogel übersah, auch wenn er nicht weit vor mir an einem Stamm saß, freilich ohne sich zu bewegen. Ich forschte der Ursache dieser eigentümlichen Erscheinung näher nach, bis ich schließlich die Erklärung fand. Durch die bunte, wirre Färbung werden die Umrisse des Körpers verwischt. Dieser wirkt nicht mehr als einheitliches Ganzes, sondern er wird durch die unregelmäßige Fleckung und Zeichnung aufgelöst. Ich habe auf diese Art der Schutzfärbung zuerst in einem Vortrag der Deutschen Ornithologischen Gesellschaft im Jahre 1902 hingewiesen und sie „Körperauflösung“ oder „Somalyse“ genannt[5].
[Sidenote: Somalyse]
Die Somalyse spielt im Leben der buntgefärbten Tiere eine nicht zu unterschätzende Rolle. Die Jugendkleider vieler Hirscharten sind weiß gefleckt. Das Kalb drückt sich, wenn die Mutter nicht in der Nähe ist, bei nahender Gefahr regungslos auf den Erdboden nieder und wird infolge der Fleckung, die die Konturen des Körpers auflöst, nicht so leicht erkannt. Junge Möwen, Regenpfeifer, Strandläufer, Kiebitze und viele andere Vogelarten tragen ein unregelmäßig dunkel geflecktes und getupftes Dunenkleid, das, wenn sich die Tiere ruhig verhalten, schon auf nahe Entfernung ihre Körperform völlig unkenntlich macht. Die grün, rot und blau gefärbten Papageien verschwinden im Tropenwald weniger durch ihre Anpassung an die prächtige Blumenflora, sondern durch die Körperauflösung, welche durch die Zusammenstellung der bunten Farben hervorgerufen wird. Dies kommt am besten bei den buntgescheckten Loris zur Geltung, die, wie ich mich oft genug beim Anblick eines großen, mit diesen herrlichsten Papageien besetzten Flugkäfigs überzeugen konnte, schon aus nicht zu weiter Entfernung leicht übersehen werden, da durch die buntgescheckte Färbung der einheitliche Eindruck verlorengeht. Dasselbe ist auch bei vielen Reptilien der Fall, deren Schuppenkleid gefleckt oder gestreift ist. Die Kreuzotter mit ihrem schwarzen Zickzackstreifen auf der Oberseite ist, wenn sie zusammengerollt ruht, nur sehr schwer zu erkennen.
Bekanntlich sind Eier der meisten offen brütenden Vogelarten gefleckt. Ein auf bläulichem Grunde rötlich oder braun geflecktes Ei ist der Farbe des Nestinnern durchaus nicht angepaßt, aber es verschwindet schon in geringer Entfernung unseren Blicken, weil durch die Fleckung das Ei als solches nicht mehr zu erkennen ist. Die Eigestalt wird eben durch die Zeichnung aufgehoben.
Der Begründer der Tierphotographie +Schillings+, der als erster mit der photographischen Kamera ins dunkle Afrika hinauszog, um „Natururkunden“ von den Tieren der Wildnis heimzubringen, sagt in seinem vortrefflichen Werke „Mit Blitzlicht und Büchse“: „daß die so auffallend schwarzweiß gestreifte Färbung der Zebras ihre Träger in keiner Weise von der sie umgebenden Landschaft abhebt. Je nach der Beleuchtung sehen Zebras ganz verschieden gefärbt aus; aber selbst da, wo ihre schwarzweiße Färbung auf nächste Entfernung zur Geltung kommen könnte, verschwinden die Tiere in ganz außerordentlichem Maße mit der Färbung der Steppe.“
Die Ursache dieser eigenartigen Erscheinung, über die der berühmte Forscher seine Bewunderung ausspricht, liegt eben darin, daß die dunkle Querstreifung des hellen Felles die Umrisse des Körpers schon in großer Nähe völlig auflöst. Dieselbe Wirkung erzielt auch das gestreifte Tigerfell und die gefleckte Leopardenhaut.
Das Prinzip der Somalyse hat im Weltkriege eine große Bedeutung gewonnen. Man bemalte Geschütze, Flugzeughallen, Wagen und andere Teile der Heeresausrüstung mit bunten Farben, um ihre im Gelände sich abhebende Gestalt zu verwischen und sie für die Flieger unkenntlich zu machen.
Die Mimikry ist an eine ganz bestimmte Umgebung gebunden. Sie kommt nur dann zur Geltung, wenn das Tier sich auf dem Untergrunde befindet, dessen Farbe es angepaßt ist. Die Somalyse hat dagegen eine viel weitere, eine allgemeine Bedeutung. Sie ist völlig unabhängig von der Umgebung, denn sie beruht nicht auf einer Anpassung und auf einer Nachahmung, sondern sie wirkt ganz selbständig, einzig und allein durch eine möglichst unregelmäßige Verteilung der Farben, die die Umrisse der Gestalt verwischen und den Tierkörper in seinem Gesamteindruck auflösen.
Die Somalyse beruht auf Fleckung und Streifung, besonders Querstreifung, und zeigt uns, daß die buntfarbigen Tiere ebenso eine Schutzfarbe besitzen wie die einfarbigen Tiere, die einer bestimmten Umgebung angepaßt sind.
[Sidenote: Entstehung der Schutzfarben]
Eine andere, sehr wichtige Frage ist die, auf welche Weise diese Schutzfarben entstanden sind.
Der große englische Naturforscher +Charles Darwin+, der den von +Lamarck+ zuerst ausgesprochenen Gedanken einer allmählichen Entwicklung der Lebewesen aus einfachen, niedrigen Formen zu einer gewaltigen Lehre erhob, führt die Entstehung der Arten auf eine natürliche Zuchtwahl und Auslese zurück. Vererbung und Abänderung (~Variation~), beeinflußt durch den Kampf ums Dasein, der eine natürliche Auslese verursacht, sind nach +Darwin+ die Faktoren, welche die Arten bilden und umformen.
[Sidenote: Darwinismus]
Mit Hilfe des Darwinismus läßt sich die Entstehung jener Schutzfärbung, die wir in ihrer Anpassung als Mimikry bezeichnen, unschwer erklären.
Alle Lebewesen, sagt +Darwin+, variieren bis zu einem gewissen Grade. Je weiter wir in der Stammesgeschichte zurückgehen, um so größer mag die Variationsbreite gewesen sein und die Möglichkeit, sich umzubilden. Der Laubfrosch war ursprünglich nicht ausschließlich grün, sondern es kamen auch Individuen vor mit weniger ausgesprochener grüner Farbe, die vielleicht mehr eine gelbe oder braune Färbung zeigten. Alle diese vom Grün abweichenden Variationen hoben sich von dem grünen Blätterwerk mehr ab als ihre grüngefärbten Artgenossen. Sie wurden infolgedessen von den Feinden leichter erkannt und fielen diesen eher zum Opfer als die grünfarbigen Frösche mit ihrem dem grünen Laub besser angepaßten Kleid. So erfolgte im Kampf ums Dasein eine Auslese der Natur, die alles Unzweckmäßige vernichtete und eine rein blattgrüne Farbenvarietät des Laubfrosches heranzüchtete, wobei die Vererbung eine ausschlaggebende Rolle spielte.
Dies ist in kurzen Zügen, an einem einfachen Beispiel erläutert, der Gedankengang des Darwinismus. Es war nicht eine kühne, genial erfundene, spekulative Hypothese, die +Darwin+ aufstellte, sondern die in seiner Heimat, in England so blühende Rassenzucht der Haustiere gab dem ernsten Forscher und Denker den Hinweis für seine neue Lehre. Durch eine künstliche Zuchtwahl vermehrten die Züchter die Tierrassen. Sie wählten zur Zucht stets nur solche Individuen aus, die die zu formenden und zu festigenden Rassemerkmale zunächst andeutungsweise und später in immer höherem Grade zeigten, bis schließlich durch eine sorgfältige Auslese, die alles Minderwertige ausmerzte, die Rasse in höchster Potenz herausgeformt und durch Vererbung konstant gefestigt war. Diese wichtigen Prinzipien der Rassenzucht übertrug +Darwin+ auf die Natur, in der der Kampf ums Dasein auf natürlichem Wege jene Auslese erwirken soll, die der Züchter zielbewußt ausübt.
Der von +Darwin+ neu geprägte Begriff der „natürlichen Zuchtwahl“ hat eine fundamentale Bedeutung erlangt, weil hier zum ersten Male die Bildung der Lebewesen auf einen rein natürlichen Vorgang zurückgeführt wird, ohne Zuhilfenahme übernatürlicher Kräfte, ohne Wunderglauben.
[Sidenote: Entwicklungslehre und Religion]
Noch mehr als die Lehre eines +Kopernikus+ hat der Gedankengang +Darwins+ die Weltanschauung umgestaltet, ja sie völlig aus den Angeln gehoben. Von gegnerischer Seite, besonders von der Kirche, wurde scharfer Einspruch gegen die ketzerische Lehre des britischen Forschers erhoben. Das Fundament der Religion, an dem schon ein +Kopernikus+, ein +Lamarck+ gerüttelt hatten, schien völlig zusammenzustürzen. Mit aller Gewalt lehnte sich die Theologie gegen die neue Weltanschauung auf, die Moral und Ethik zu untergraben drohte. Unbeirrt der scharfen Fehde und Anfeindung ging die Wissenschaft ihren Weg weiter. Selbst der große Forscher +Cuvier+, der mit aller Kraft das teuflische Werk +Darwins+ zu bekämpfen suchte und sich ganz auf den alten Boden der biblischen Schöpfungsgeschichte stellte, vermochte den Stein, der ins Rollen gekommen war, nicht aufzuhalten. Die Entwicklungslehre oder Deszendenztheorie blieb in der Wissenschaft anerkannt. Sie wurde von +Darwins+ Schüler, dem Jenaer Zoologen +Ernst Häckel+, dem genialen Schöpfer des Biogenetischen Grundgesetzes, vollends ausgebaut und gefestigt.
[Illustration:
Abbildung 27 Friedrich v. Lucanus phot.
Harzhirsch
in der Suhle]
[Illustration:
Abbildung 28 James’ Preß Agency, London
Junger Gorilla]
Bedeutet die Entwicklungslehre, welche die allmähliche Entwicklung der Lebewesen aus gemeinsamen, niedrigen Urformen herleitet, in der Tat eine Vernichtung der christlichen Religion! Untergräbt sie wirklich Moral und ethisches Empfinden? Dies kann nur der ernstlich glauben, welcher die Dinge engherzig und laienhaft ansieht.
Was sagt doch die Schöpfungsgeschichte im 1. Buch Mose der Bibel? Das erste, was geschaffen wird, ist das Licht, das, wie die Wissenschaft uns lehrt, die Quelle alles Lebens ist. Der zweite Schöpfungstag bringt die Entstehung des Weltensystems, der am dritten Tage die Bildung der Erde mit erhärteter Oberfläche, mit Trennung von Land und Wasser folgt. Es entstehen auf der Erde als erste organische Gebilde die Pflanzen. Am vierten Schöpfungstage wird das Weltensystem durch Schaffung neuer Gestirne, deren Licht die Erde erleuchtet, vervollkommnet. Die beiden folgenden Schöpfungstage sind der Bildung der Tierwelt gewidmet. Am letzten Tage tritt dann der Mensch als Krone der Schöpfung in die Welt.
Nicht in kindlichem Aberglauben sollen wir die Schöpfungstage, wie sie uns +Moses+ vor Augen führt, als 24-Stunden-Tage auffassen. Als große Perioden müssen wir sie ansehen, als jene gewaltigen Zeiträume von Jahrmillionen, die die Wissenschaft in der Entwicklungsgeschichte der Erde als Primärzeit, Sekundärzeit usw. unterscheidet.
Die Reihenfolge der mosaischen Schöpfungsgeschichte entspricht durchaus der wissenschaftlichen Forschung, die nachgewiesen hat, daß erst die Pflanzenwelt und dann die Tierwelt entstanden ist, und daß der Mensch, dessen Dasein kaum bis in die Tertiärzeit hineinreicht, den letzten Akt der fortschreitenden Entwicklung verkörpert. Er ist, dank seines hoch ausgebildeten Gehirns, dem eine wahrhaft göttliche seelische Kraft innewohnt, der Herr der Schöpfung, der, um mit Moses zu reden, über alles Tier, das auf Erden kriechet, herrschet.
Die biblische Schöpfungsgeschichte nimmt freilich die Erschaffung jedes einzelnen Lebewesens unabhängig von der Gesamtheit an; aber in der Zeitfolge, wie das Weltsystem mit dem Planeten „Erde“ und den ihn belebenden Organismen in Erscheinung tritt, offenbart sich bereits eine allmähliche Entwicklung nach denselben Grundsätzen, wie sie die Deszendenzlehre aufstellt. Hierin liegt eine gewaltige Tiefe und Größe der biblischen Weltanschauung, die zur heutigen Wissenschaft keineswegs, wie der Laie glaubt, im Widerspruch steht, sondern mit ihr in versöhnender Harmonie ausklingt.
Der geniale Israelit, der den Schöpfungsakt Gottes niederschrieb, hat freilich von der Größe seines Gedankenganges, von dessen wissenschaftlicher Bedeutung keine Vorstellung gehabt. Er hat seine Vorstellungen mit kindlichem Gemüt niedergelegt, aber mit einem Gemüt, das eine gewaltige Geistesgröße in sich birgt. --
Wir wissen heute, daß alle Erscheinungen in der Welt unabänderlichen Gesetzen unterliegen, jenen Gesetzen, die das Weltsystem schufen, die Werden und Vergehen in eiserner Gewalt halten. Die Gesetzmäßigkeit in der Welt, in unserem Dasein kann und braucht das religiöse Empfinden nicht zu ertöten. Die berühmte Ignorabimus-Rede von +Du Bois-Reymond+ hat auch heute noch trotz allen wissenschaftlichen Fortschrittes ihre Gültigkeit. Selbst wenn es dem Forscher gelänge, die Urzelle künstlich herzustellen, das Leben auf physikalisch-chemischem Wege in der Retorte entstehen zu lassen, so bleibt das Fundament der Religion dennoch bestehen. Es bleibt immer wieder ein Letztes in Dunkel gehüllt, der Ursprung jener Kräfte, die imstande sind, ein Leben zu erzeugen. Mag der Freidenker diesen Ursprung „Stoff und Kraft“ nennen, mag der Gläubige hierin „Gott“ erblicken, im Grunde genommen ist es dasselbe -- ein gewaltiges Etwas, das die Welt beherrscht, dessen Wesen unsere Sinne niemals erfassen können.
+Spinozas+ wahrer Lehrsatz: „Nach großen, ehernen Gesetzen müssen wir alle unseres Daseins Kreislauf vollenden“, so unerbittlich hart er auch erscheinen mag, steht nicht im Gegensatz zum ethischen Empfinden, nicht im Widerspruch zum religiösen Gefühl.
Der Mensch mit seinen hohen Geistesgaben ist das einzige Wesen, das die Begriffe der Moral und der Ethik kennt, die der Tierseele fremd sind. Das Tier folgt automatisch im Unterbewußtsein seinen jeweiligen Trieben, die sein Wesen gesetzmäßig beherrschen. Es kann daher niemals für seine Handlungsweise verantwortlich gemacht werden. Gut und Böse, Recht und Unrecht vermag kein Tier zu unterscheiden, geschweige denn zu ahnen. Die Erkenntnis dieser Begriffe füllt nur die Menschenseele aus und macht den Menschen erst zu dem, was er ist, -- zum Menschen! Darum dürstet die Menschenseele nach Höherem als nach jenem, was die nüchterne Wissenschaft uns geben kann, darum behalten die herrlichen, tiefempfundenen Worte der Bergpredigt des schlichten Galiläers, der im Stall zu Bethlehem geboren wurde und einen harten Lebensweg wandelte, ebenso ihre Gültigkeit wie der Korintherbrief eines Paulus, der die Liebe als höchstes menschliches Gut preist. --
+Charles Darwin+ trug kein Bedenken, die Entwicklungslehre letzten Endes auch auf den Menschen anzuwenden und dies in seinem epochemachenden Werke „Die Abstammung der Menschen“ frei und offen der Welt zu verkünden. Hiermit trat der Mensch in die Reihe der Tiere als deren naher Verwandter.
Wohl kaum ist ein Gedanke so falsch verstanden und bewertet worden wie die tierische Abstammung des Menschen. „Der Mensch stammt vom Affen ab“, heißt es im Volksmund. Ein wie törichter Gedanke! Wer kann mit seinem Ahnen zusammen leben, das schließt der Begriff der Abstammung von vornherein aus. Die gemeinsame Wurzel liegt weit, sehr weit zurück. Die Spaltung zwischen Mensch und Affe muß sehr früh vor sich gegangen sein, es kann nur ein Wesen in Betracht kommen, das in der Entwicklung tief unter den heutigen Affen gestanden hat, und das die Fähigkeit besaß, nach der einen Seite hin sich zum Baumtier, dem Affen, auszubilden und anderseits durch stete Entwicklung des Gehirns zum Menschen zu werden. Der Gedanke der tierischen Abstammung des Menschen ist durchaus nicht entwürdigend. Er zeigt uns die gewaltige Bedeutung der Entwicklung, die es fertiggebracht hat, den Menschengeist zu einer so hohen Stufe emporzutragen, die zwischen Tierseele und Menschenseele eine gewaltige Kluft aufgetan hat. Das Verständnis für Moral, Kunst und Wissenschaft ist das alleinige und höchste Gut der Menschenseele, das den Menschen wieder aus der Reihe der Tiere heraushebt und ihn zum gottähnlichen Wesen macht.
Die Entwicklung kennt keinen Stillstand, sie geht unaufhaltsam weiter. So eröffnet die Lehre von der Entwicklung des Menschen aus niedriger Form den Ausblick auf einen weiteren Fortschritt jenes Organs, das den Menschen zum Menschen gemacht hat, auf eine immer höher werdende Stufe des Geistes. Der Übermensch als vollendetes Wesen, dem kein Mangel des Geistes mehr anhaftet, dem Haß, Grausamkeit und Neid fremd sind, dessen Herz allein die reine Liebe für seine Mitmenschen und alle Geschöpfe beseelt, steht vor unserem geistigen Auge als vollkommenste Entwicklungsstufe, die vielleicht in Jahrmillionen einst erreicht wird. Wahrlich ein erhebender Gedanke, dem nichts Niedriges, sondern nur Hohes und Heiliges innewohnt.
Die Auffassung von der tierischen Herkunft des Menschen gibt uns durchaus nicht das Recht, unseren unlauteren Begierden, die tierischen Ursprungs sind, freien Lauf zu lassen, wie das ungebildete Volk wohl glaubt. Im Gegenteil, sie ist nur ein Grund mehr zur Selbstzucht und Selbstbeherrschung. Wir müssen uns unserer Geisteskraft, die wir der Entwicklung verdanken, würdig zeigen. Moral und Ethik muß unser Sinnen und Trachten ausfüllen. Wer anders denkt und dies nicht tut, entwürdigt sich selbst, verleugnet seine menschliche Natur und sinkt wieder zum Tier herab, was er einst gewesen ist. --
[Sidenote: Unsterblichkeit]
Dissidenten und Atheisten glauben die auf den Menschen angewandte Entwicklungslehre als Beweis anführen zu können, um die Unsterblichkeit der Menschenseele zu widerlegen. Der Begriff der Unsterblichkeit läßt sich weder wissenschaftlich beweisen, noch wissenschaftlich leugnen. Keine Kraft im Weltall geht verloren. Sie setzt sich nur um und tritt in anderer Erscheinung wieder auf. So mag auch die Geisteskraft des Menschen unsterblich sein, in welcher Form dies geschieht, entzieht sich unserer Erkenntnis, und kein kirchliches Dogma kann uns hierauf Antwort geben. Es bleibt Sache des Glaubens und des religiösen Empfindens, das dem Einzelnen überlassen ist. --
Nach +Darwins+ Lehre soll die Schutzfarbe der Tiere, wie die Sandfarbe der Wüstenbewohner, die leuchtende, bunte Färbung der Tropenfauna und das weiße Haar- und Federkleid der Bewohner der Eisregion, im Kampf ums Dasein durch natürliche Auslese entstanden sein. So einleuchtend diese Theorie auch klingt, so läßt sie sich nach den neuen Forschungen in ihrem vollen Umfange nicht mehr aufrecht halten.
[Sidenote: Neue Forschungen über die Entstehung der Färbung der Tiere]
Wir wissen heute, daß die Färbung der Tiere auch noch von anderen, rein äußerlichen Faktoren bedingt wird. Das Klima spielt hierbei eine nicht zu unterschätzende Rolle.
Außerordentlich lehrreich für die Beurteilung der Farbenbildung sind die Versuche, welche +Kammerer+ mit Reptilien gemacht hat. Es gelang ihm durch Erhöhung bzw. Erniedrigung der Außentemperatur die Färbung von Eidechsen zu verändern.