Part 23
Die Arbeitsteilung ist im Termitenstaat bis ins kleinste durchgeführt und geregelt. Die „Hebammen“ entbinden die Königin, indem sie ihr die Eier aus dem Leibe herausholen. Andere Dienstboten putzen und reinigen den König und die Königin, die beide während ihres ganzen Lebens unzertrennlich beieinander weilen. Wieder andere Termiten schaffen Nahrung herbei und füttern das Herrscherpaar. Das königliche Gemach wird dauernd von einer Anzahl Soldaten bewacht. Außer dieser Leibwache gibt es noch Schutzleute, die die Arbeiter, welche das Königspaar betreuen, beaufsichtigen und Nachlässige zur Arbeit anfeuern. Den Aufbau des Wohnhauses besorgen die eigentlichen Arbeiter, und zwar auch wieder unter der Aufsicht von Wachen und unter dem Schutz von Soldaten, die Posten stehen. Erfolgt ein feindlicher Angriff, so schlagen die Posten Alarm, indem sie durch Aneinanderschlagen der Kiefer oder durch Reiben des Kopfes an der Brust Töne erzeugen, die als Signal dienen und sogleich das unter Führung von Offizieren bereitstehende Heer herbeilocken.
Eine merkwürdige Einrichtung finden wir bei einer auf Ceylon lebenden Termitenart, die in hohlen Bäumen haust. Die Tiere legen sich außen am Baumstamm Aborte an, die aus einzelnen Zellen bestehen, in denen die Bewohner der Kolonie ihre Bedürfnisse verrichten. Soldaten versehen den Dienst von „Abortfrauen“. Sie reinigen die Kloaken und geleiten die einzelnen Termiten, die erscheinen, zu den „unbesetzten“ Stellen.
Stirbt die Königin, so wird sofort eine neue Königin herangezogen, denn die Arbeiter haben es ganz in der Hand, aus einer jungen Termite, die nicht als Larve, sondern gleich im fertigen Zustande aus dem Ei schlüpft, je nach der Fütterungsweise einen Arbeiter, einen Soldaten, eine Königin oder auch einen König heranzuziehen. Nach dem Tode der Königin lebt der König häufig in Vielweiberei. Es werden mehrere junge Termiten zu Weibchen ausgebildet und als Kebsweiber dem verwitweten König zugeführt, der nun als Sultan ein Haremsleben führt.
Erweist sich die Anzahl der Individuen in einer Kaste zu groß, so werden die überflüssigen Tiere einfach getötet, denn Faulenzer und unnütze Esser dulden die strengen Gesetze des Termitenstaates nicht, in dem eine mustergültige Ordnung und hervorragende Disziplin herrschen. --
Die Durchführung eines so hoch organisierten sozialen Lebens, das bis ins kleinste in straffer Disziplin geregelt ist, scheint ohne gegenseitige Verständigung der einzelnen Individuen kaum möglich, und so dürfen wir mit Recht annehmen, daß auch die Bienen, Ameisen und Termiten eine Sprache haben, mit der sie sich untereinander ihre Gefühle und Empfindungen mitteilen.
Da unter den Sinnen der Geruchssinn bei diesen Tieren am höchsten ausgebildet ist, so darf man vermuten, daß er bei der gegenseitigen Verständigung eine große Rolle spielt. Der Sitz des Geruchssinnes befindet sich bei den Bienen auf den Fühlern. Eine Arbeiterin hat auf jedem Fühler nicht weniger als 5000 Geruchsorgane, woraus die große Bedeutung des Geruchs für das Seelenleben der Biene am besten hervorgeht.
[Sidenote: Verständigung der Termiten u. Ameisen]
Unter den Termiten gibt es einige völlig blinde Arten, und trotzdem verrichten diese ihre Arbeiten genau so gut wie ihre sehenden Verwandten. Der bis zur höchsten Vollkommenheit entwickelte Geruch ersetzt den Mangel des Augenlichts. Die Tiere vermögen sich mit Hilfe des Geruchs so gut zu orientieren, daß sie durch das fehlende Sehvermögen nicht im geringsten beeinträchtigt werden. Auf ihren Raub- und Wanderzügen scheiden die blinden Termiten tropfenweise eine Flüssigkeit aus, die auf dem Erdboden antrocknet, und deren Geruch den nachfolgenden Termiten als Wegweiser dient und später auf dem Heimweg die Richtung zur Kolonie angibt.
Die Ameisen gebrauchen mit Vorliebe ihre Fühler zur Verständigung, indem sie sich gegenseitig betasten. Je nach dem Inhalt der Nachricht ist die Art der Berührung verschieden, so daß wir es hier mit einer wohlorganisierten „Fühlersprache“ zu tun haben. Außerdem verständigen sich die Tiere durch Geräusche, die sie durch Reiben von Körperteilen hervorbringen. Die Termiten klopfen zu diesem Zweck mit dem Kopf auf den Erdboden.
Mit der Erforschung der Bienensprache hat sich neuerdings +v. Frisch+[7] eingehend beschäftigt und ist dabei zu äußerst überraschenden und interessanten Ergebnissen gelangt.
[Sidenote: Farbensinn der Insekten]
+Frisch+ hat zunächst durch Experimente nachgewiesen, daß die frühere, besonders von +Heß+ vertretene Ansicht, daß die Bienen farbenblind seien, durchaus nicht zutrifft. Mit Ausnahme von Rot können die Bienen alle Farben erkennen, und die Farbenempfindlichkeit ihres Auges reicht sogar noch weit in das Ultraviolette hinein, wodurch der Mangel des Farbensinnes für Rot in gewisser Weise ausgeglichen wird. Dies gilt nicht nur für die Bienen, sondern für alle Insekten.
Die Rotblindheit der Insekten und andererseits die Wahrnehmung des ultravioletten Lichtes steht wohl mit den Farben der Blüten im engen Zusammenhang, denn in der Blütenflora ist gerade die rote Farbe im Gegensatz zu Weiß, Blau und Gelb sehr schwach vertreten, während eine stark ultraviolette Reflexion an Blumenblättern sehr verbreitet ist.
Außer der Rotblindheit ist der Farbensinn der Bienen noch in anderer Beziehung beeinträchtigt. Das Bienenauge vermag keine Farbennuancen wahrzunehmen. Gelb und Orange, sowie Blau und Violett sind für das Bienenauge dieselben Farben.
„Um die biologische Bedeutung dieser Erscheinung ins rechte Licht zu setzen,“ sagt +Frisch+, „müssen wir uns das Verhalten der Bienen bei ihren Sammelflügen vergegenwärtigen. Sie sind blumenstete Insekten, d. h. ein bestimmtes Individuum befliegt Stunden und Tage hindurch nur Blüten ein und derselben Pflanzenart. Für die Biene ist dies vorteilhaft, weil sie überall auf dieselbe Blüteneinrichtung trifft, mit der sie vertraut ist; für die Blüten ist die Stetigkeit der Besucherin zur Herbeiführung einer regelrechten Kreuzbefruchtung von größter Wichtigkeit. Eine Blumenstetigkeit ist aber nur möglich, wenn die Biene die gesuchten Blumen von den anderen Blüten mit Sicherheit zu unterscheiden vermag. Nun ist jener Reichtum an Farbenabstufungen, der unser Auge in einer blumenreichen Wiese erfreut, für das Bienenauge nicht vorhanden. So können den Bienen die Farben der Blüten nur in beschränktem Maße zu ihrer Unterscheidung dienen. Es müssen ihnen daneben andere Merkzeichen zu Gebote stehen. Die Form der Blumenblätter, die Farbenkombinationen in mehrfarbigen Blüten, die ›Saftmale‹ spielen hier nachweislich eine Rolle -- aber auch sie reichen nicht aus, die Zielsicherheit der sammelnden Bienen zu erklären.“
Das wichtigste Merkmal zur sicheren Unterscheidung der Blüten ist nach +Frisch+ der Duft. Dennoch ist das Riechvermögen der Bienen bei weitem nicht so groß, als man bisher angenommen hat. Wohl vermag die Biene feine Geruchsunterschiede wahrzunehmen, aber sie kann es nur auf eine geringe Entfernung von einigen Zentimetern. Erst wenn sie die Blüte umschwärmt, erkennt sie an dem Duft, ob es die von ihr gesuchte Blumenart ist.
Der Blütenduft hat aber für die Tätigkeit des Bienenvolkes noch eine andere, höchst wichtige Bedeutung. Die heimkehrenden Bienen übermitteln durch den ihnen anhaftenden Duft ihren Genossen, von welchen Blüten sie die Tracht geholt haben. So bildet der Blütenduft ein Verständigungsmittel in der Sprache der Bienen.
Der Vorgang, der sich hierbei abspielt, ist folgender:
[Sidenote: Sprache der Bienen]
Hat eine Biene auf ihrem Sammelflug eine neue, reiche Trachtquelle entdeckt, so gibt sie nach ihrer Heimkehr die Tracht zunächst an eine Schwester, die Innendienst versieht ab, und beginnt dann auf den Waben einen Rundtanz aufzuführen. Sie rennt hastig in kreisenden Bewegungen umher. Ihr Rundtanz erregt im höchsten Maße die Aufmerksamkeit aller anderen Bienen im Stock. In dichten Scharen drängen sie sich um die Tänzerin und schließen sich ihr zum Teil an, so daß schließlich eine ganze Gesellschaft den Reigen aufführt.
Durch den Tanz zeigt die heimgekehrte Biene ihren Schwestern an, daß sie eine neue Quelle reicher Tracht gefunden hat.
Plötzlich bricht die Biene das Tanzen ab und verläßt den Stock, um neue Tracht zu holen. Man sollte vermuten, daß die anderen Bienen ihr in großen Scharen folgen, um sich die begehrte Honigstelle zeigen zu lassen. Dies ist aber nicht der Fall. Sie beachten die Flugrichtung der Tänzerin gar nicht, sondern schwärmen allein aus; viele haben sogar schon während des Tanzes den Stock verlassen, um die neue Tracht aufzusuchen. Sie fliegen in allen Richtungen umher und suchen selbständig die Tracht vermittels ihres Geruchssinnes, nachdem sie von der Tänzerin Witterung empfangen haben.
Jede heimkehrende Biene führt nun so lange einen Tanz auf, als noch reichliche Tracht vorhanden ist, um hierdurch ihre Genossinnen immer wieder zu neuem Eifer anzuspornen. Läßt die Tracht nach, dann hört auch das Tanzen auf. Der Tanz bringt also nicht nur Kunde von der Entdeckung einer Trachtquelle, sondern auch von ihrer Reichhaltigkeit. Ja, die Verständigung geht sogar noch weiter. Auch die Anzahl der Arbeitskräfte, welche zum Einholen der aufgefundenen Tracht notwendig ist, wird von den Bienen bekanntgegeben, denn nach den Erfahrungen von +Frisch+ sammeln sich an der Tracht stets nur so viel Bienen an, als zur Verrichtung der Arbeit notwendig sind, niemals aber eine unnötig große Anzahl. Auch hierbei erfolgt die Verständigung wieder vermittels des Geruchs. Die Arbeitsbienen besitzen ein besonderes Duftorgan im Hinterleib. Saugt nun eine Biene an reicher Tracht, so stülpt sie ihr Duftorgan aus und lockt durch den sehr starken Duft, den die Bienen auch auf weite Entfernungen wahrnehmen können, immer neue Hilfskräfte herbei. So wird die Tracht sehr stark beflogen. Sind genug Arbeitskräfte vorhanden, dann unterbleibt der Gebrauch des Duftorgans, dagegen wird das Tanzen bei der Rückkehr noch fortgesetzt, damit der Flug zur Tracht nicht völlig aufhört. Die Bedeutung des Duftorgans als Verständigungsmittel geht aus folgendem, von Frisch ausgeführten Versuch hervor. Er stellte zwei reich beschickte Futterplätze in der Umgebung eines Bienenstockes auf, die sehr bald von zwei Gruppen Bienen beflogen wurden. Nun verklebte er den Bienen einer Gruppe die Duftorgane, was zur Folge hatte, daß hier der Anflug bald erheblich nachließ. Der Zuzug neuer Bienen war nur ⅒ so groß als bei der Gruppe mit unversehrten Duftorganen, obwohl die heimgekehrten Bienen beider Gruppen im Stock tanzten.
Außer Nektar sammeln die Bienen auch Blütenstaub ein, und zwar sind es verschiedene Bienen, die Honig und Pollen eintragen. Auch die pollentragenden Bienen verkünden einen reichen Fund durch Tanzen, aber in anderer Weise. Sie führen keine kreiselnden, sondern schlängelnde Bewegungen aus. Die Art des Tanzes zeigt also an, ob es sich um Honig oder Pollentracht handelt, und jede Biene ersieht hieraus, ob die zu verrichtende Arbeit für sie in Betracht kommt.
Das Mittel, welches +Frisch+ anwandte, um in diese intimsten Vorgänge des Bienenlebens Einsicht zu gewinnen, ist ebenso sinnreich wie einfach. Er zeichnete die einzelnen Bienen mit Farbflecken auf den Flügeln, die sich, während die Biene saugt, mit einem kleinen Pinsel unschwer auftragen lassen. Auf diese Weise vermochte er, die einzelnen Bienen zu unterscheiden und ihr Verhalten genau zu beobachten.
So verdanken wir den mühsamen und gründlichen Forschungen von +Frisch+ eine überaus wertvolle Aufklärung über das Seelenleben der Bienen, das, so kompliziert es auch auf den ersten Blick erscheint, schließlich nur auf einfachen Sinneswahrnehmungen beruht.
„Eine Zeichensprache hat sich uns erschlossen,“ sagt unser Gewährsmann am Schluß seiner lehrreichen Ausführungen, „die in ihrer Einfachheit auf jeden Beschauer Eindruck macht. Ein paar Bewegungen, ein bißchen Duft, den die Biene von den Blüten in den Stock hineinträgt, ein bißchen Duft, den sie draußen am Schauplatz ihrer Entdeckung selbst in die Luft entströmen läßt, vermitteln eine Verständigung, die kaum besser funktionieren und nicht einfacher gedacht werden könnte.“
[6] Eduard Reichenow, Biologische Beobachtungen an Gorilla und Schimpanse. Sitzungsberichte der Gesellschaft Naturforschender Freunde, Berlin. Jahrgang 1920.
[7] K. v. Frisch, Sinnesphysiologie und „Sprache“ der Bienen. Die Naturwissenschaften, Jahrgang 12.