Chapter 1 of 3 · 3762 words · ~19 min read

I.

Zweiter Weihnachtsfeiertag 1834 Abend.

Es ist heute Abend eine wunderbare Stille um mich her! ich finde mich fast einsam in meinem geräumigen, bequemen Hause; eine ruhige, dunkle Nacht liegt über dem Garten vor meinem Fenster ausgebreitet, und kaum ein schwacher Schimmer des hochstehenden Jupiter dringt durch das Nebelgewölk, welches den Himmel umzieht! -- im Zimmer rührt sich nichts, als der leise Schlag der Uhr und einzelnes Knistern des eine anmuthig gleiche Erwärmung verbreitenden Feuers, und wie denn nun in solchen Momenten uns gern mannichfaltige Gedankenzüge über Erlebtes und Durchdachtes vorüberzugehen pflegen, so ging es auch mir: -- in immer tieferes, stilleres Sinnen über das Geheimniß meines eigenen Lebens schien ich mich zu verlieren, und nur damit ein solcher Zug nicht ins Unbegränzte sich ausdehnte, fühlte ich mich endlich getrieben, ihm ein bestimmtes Ziel, einen festern Halt anzuweisen. -- Da kam es mir denn zu guter Stunde ins Gedächtniß, wie ich Ihnen versprochen hatte, mitzutheilen und gleichsam der Freund dem Freunde Rechenschaft zu geben von den Gedanken, die in mir rege geworden sind, seit ich den Faust von Göthe vollendet gelesen, wiedergelesen, ja in mich eingelebt hatte! -- Lassen Sie mich denn auch zu diesen Gedanken sagen:

„Versuch ich wohl, euch dießmal fest zu halten -- -- Wie ihr aus Dunst und Nebel um mich steigt? -- Mein Busen fühlt sich jugendlich erschüttert Vom Zauberhauch, der euren Zug umwittert!“

und so denn ohne alle weitere Vorworte zur Sache! --

Zuerst aber führe ich Ihnen einen Gedankenzug heran, den eine gelegentliche Äußerung Göthe’s über Dante, in seinen Briefen an Zelter, veranlaßt hat.

Göthe nämlich, der, wie wir manchmal besprochen haben, wunderbarer Weise eigentlich nie dem Dante recht nahe gekommen zu sein scheint, macht doch dazumal, als eine moderne Übersetzung seinen Blick dorthin richtete, folgende hübsche Bemerkung: „Bei Anerkennung der großen Geistes- und Gemüths-Eigenschaften Dante’s werden wir in Würdigung seiner Werke sehr gefördert, wenn wir im Auge behalten, daß gerade zu seiner Zeit, wo auch Giotto lebte, die bildende Kunst in ihrer natürlichen Kraft wieder hervortrat. Dieser sinnlich-bildlich bedeutend wirkende Genius beherrschte auch ihn.“ -- Und so ist es ganz gewiß! -- Wie nichts isolirt steht in der Welt, so am wenigsten irgend ein bedeutender, mächtig auf seine Zeit wirkender Geist -- er konnte +so+ nur +erstehen+ in gerade seiner Zeit, und wir können ihn nur +verstehen+, indem wir uns das, was seiner Zeit eigenthümlich ist, möglichst klar und deutlich zu machen suchen. -- Sie fühlen nun schon, wo ich hin will, wenn ich dieses in Beziehung auf Göthe anführe, und ersparen mir zu sagen, in wie vieler Hinsicht Göthe die Blüthe und Spitze +seiner+ Zeit genannt werden muß; -- denn die Überzeugung hiervon ist in Ihnen längst so lebendig, wie in mir. -- Aber +eins+ wollte ich doch hier herausheben und zu bedenken geben, weil es +mir+ gerade bei meinen naturwissenschaftlichen Bestrebungen vielleicht deutlicher geworden ist, als manchem Andern. -- Offenbar nämlich regt sich in unsrer Zeit eine Tendenz, alles, was der Erfahrung, der Betrachtung und Erforschung vorliegen kann, seiner Entstehung, seiner Geschichte, seiner Entwickelung nach zu untersuchen und zu begreifen; das Überlieferte, das zu einem Bestehenden schon Gewordene, die Autorität mit einem Worte geradehin als solche gelten zu lassen und anzuerkennen, hat Niemand mehr besondre Lust; man sucht nach der Art und Weise, +wie+ irgend etwas sich herangebildet und nach und nach erschlossen hat, und will es, nach seinen verschiedenen Perioden zusammengefaßt, erst als ein Ganzes erkennen und dem Urtheil unterwerfen. Wer irgend mit Aufmerksamkeit um sich blickt, wird hierzu die mannichfaltigsten Belege erkennen können! Haben wir nicht im politischen Leben aus solchen Bestrebungen die gewaltigsten Bewegungen hervorgehen sehen? ist nicht im gewöhnlichen Leben hieraus nach und nach eine andre Stellung der Glieder bürgerlicher Gesellschaft entstanden? -- und welchen Umschwung endlich haben die Wissenschaften von dieser Seite her erhalten! ist nicht die genetische Methode, das Streben, jede Betrachtungsreihe mit dem Ur-Phänomen zu beginnen, der Trieb, durch das Schauen des Werdens das Gewordene zu begreifen, von dem außerordentlichsten Einflusse, namentlich auf alles, was Naturwissenschaft heißt, gewesen? -- Dieser Genius der Zeit ist es denn, der auch an Göthe, und an ihn besonders, sein Evangelium richtete! Zeugniß davon geben seine eigenthümlichen wissenschaftlichen Arbeiten, Zeugniß gibt sein Blick auf die Pflanzennatur in ihrer allmähligen Entwicklung und Verwandlung, Zeugniß gibt seine prophetische Deutung der Theile des Skeleton und seine Erkenntniß der Wirbelbildungen in dem Knochengebäude des Schädels, Zeugniß endlich geben seine schönen Anschauungen der Entstehung und Bedeutung der Farben. -- Daß aber das Auge des Dichters für diese Geheimnisse erschlossen wurde, konnte das ohne Wirkung bleiben auf seine Dichterwerke? -- Mußte ein Dichter, dem die Bedeutung jener alten Worte sich offenbart hatte: „Siehe, er geht vor mir über, ehe ich’s gewahr werde, und verwandelt sich, ehe ich’s merke,“ ein Dichter, dem die Welterscheinung nicht als ein fest eingerahmtes unbewegliches Bild, sondern in ihrer rastlos dahinziehenden, ewig fort und fort wechselnden Bewegung erschien -- mußte er nicht anders dichten, als jeder Andere? -- Wahrlich! der hat Göthe’s Dichtungen nie in voller Innigkeit und Liebe begriffen, der da glauben kann, Göthe hätte ohne diesen Natur-Sinn und dessen wissenschaftliche Bethätigung dichten können, wie er gedichtet hat! -- Haben wir nicht oft zusammen empfunden, wie gerade dies Gefühl ununterbrochener innerer Fortschreitung, ewigen Fortklingens in dem stätig erzitternden Tonmeere des Universums, der wunderbare Hauch ist, welcher jedes seiner ächten Werke belebt und durchdringt? liegt es nicht eben hierin, wenn wir in jedem seiner in Dichtungen ausgehauchten Gemüthszustände immer deutlich fühlen, was diesem Zustande alles vorherging, um ihn zu begründen, und hinwiederum ahnen, was diesem Zustande späterhin folgen mußte? -- und ist es nicht gerade dies Gefühl des Schwebens in dreigestaltiger Zeit, in Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft zugleich, was uns zur Ahnung der Ewigkeit steigert und uns eben zu +Dem+ leitet, der vor uns übergeht, ehe wir’s gewahr werden, und der sich verwandelt, ehe wir’s merken.

Und so ist denn dies Hinschauen auf den ewigen Thaumatrop der Welt und unsres Innern das, was Göthe zu immer neuen und immer bedeutungsvollen Productionen begeisterte, was ihn nöthigte, von seiner eignen innern Entwicklung mit allen Schmerzen und aller Lust aller ihrer Verwandlungen ein Bild zu hinterlassen, wie wir es noch von keinem Menschen erhalten haben, und was ihn antrieb, dann, wann ihm eine Vision wurde, wann eine Idee zu ihm trat, und seine Phantasie nun diese Idee in dichterischer Wirklichkeit ausbildete, überall eine genetische, eine geschichtliche, eine rastlos fortschreitende Darstellung vor allen andern zu wählen. -- Wem aber ein solcher Begriff aufgegangen war von dem Wesen organischer Entwicklung überhaupt, der hatte auch unfehlbar die deutliche Erkenntniß von der unendlichen Vielgestaltigkeit aller Entwicklung, der erkannte, auf wie viel verschiedenen Wegen und Umwegen die innere geistige +menschliche+ Entwicklung vollendet wird, und er fühlte, wie so wunderbarer Weise der Mensch, als ächter Mikrokosmos, alle die unendlich mannichfaltigen Verwandlungen der ihn umgebenden Natur, in ihrem bald langsamen, bald raschen, bald gewaltsamen, bald ruhigen, bald vielfach retardirten, bald ununterbrochen fortschreitenden Gange, in geistiger Maaße in sich zu wiederholen die Freiheit hat. Dieses aber erkannt, so mußte ihm zugleich auch davon die Überzeugung aufgehen, wie die Menschheit überhaupt nur als in einem uns alle mit sich fortziehenden rastlosen Entwicklungsgange begriffen, verstanden werden kann, und wie in all’ diesem Vorschreiten durch Blut und Tod wie durch Lust und Leben stets +eine+ große fort und forttönende Melodie höhern Ursprungs wohl zu verfolgen ist, welche allerdings nicht in einzelnen Noten begriffen wird, wohl aber dem feiner erschlossenen, tiefer fühlenden Sinne im Ganzen zur Ahnung kommen kann.

Ist es mir nun gelungen, Ihnen über diese meine Grundansicht vom Wesen Göthe’scher Dichtung meine Gedanken deutlich auszusprechen, so +kann+ ich mir ersparen, durch Nachweisung in Göthe’s Werken hierüber noch eine Menge Beispiele vorzuführen; ich brauche nicht zu sagen, wie eine der frühesten Aufgaben, welche er sich stellte, die Entwicklungsgeschichte Wilhelm Meisters war, wie im Werther eine zum Tode führende geistige Entwicklungskrankheit mit gewaltiger Wahrheit geschildert ist, wie das tief schmerzliche und doch reizende Bild aus dem Leben des Tasso nur ein Schritt erscheint aus dem langen Gange durch das Gluthmeer innerer poetischer Leidenschaftlichkeit (wie Dante sagt: „~e vidi spirti per la fiamma andando~“), wie die Entwicklung eines heitern heldenmäßigen Charakters im Egmont prächtig dargestellt ist, und so durch viele andre Tonarten der Musik menschlicher Seelen hindurch. -- Daß nun aber das titanenhafteste Werk dieser Art der Faust sei, wer kann das läugnen? -- Der Faust, dieses wunderbare Bild, in welchem sich das geistig mächtigste Streben der Menschheit concentrirt, er war es, der allein dem Dichter zur Aufgabe für ein ganzes Leben werden konnte! -- Und haben Sie nicht ebenfalls schon manchmal im Geiste die Parallele gezogen zwischen dem großen Werke des Dante und diesem Werke Göthe’s? -- Nur daß im erstern an dem ruhig Schauenden alle die schmerzlichsten und alle die seligsten Zustände der Seele +vorübergehen+ (darum eben Schauspiel, ~Divina Comedia~!) während im Letztern der stätig Bewegte durch alle Qual und Lust des Lebens selbst rastlos +hindurchgehen+ muß. -- Beides aber sind Werke, deren Idee nachhaltig genug war, um für ein ganzes Leben als Aufgabe zu erscheinen; der Geist beider Dichter war von ihr auf unverlöschliche Weise entzündet, und wenn es bei Ihnen hierüber noch weiterer Worte bedürfte, so möchte ich dabei wohl an das eigenthümliche Lebensprincip einer jeden Idee abermals erinnern; denn ist es nicht sonderbar, daß selbst unter jenen Ideen, welche nicht selbstständig sich zu eigenem Wesen gestalten, sondern andre sich schon als Seelen darlebende Ideen berühren, eine solche unendliche Mannichfaltigkeit und so verschiedene Verwandtschaft zu unserer eignen Monas herrscht, daß, während einige nur leicht an uns vorüberstreifen, andre die mächtigste Einwirkung auf unser Leben gewinnen, ja, andere für unser ganzes Dasein von der mächtigsten und unauslöschlichsten Bedeutung werden! -- Zu wie viel sonstigen Vergleichungen giebt aber Dante und Göthe in dieser Beziehung noch Anlaß! -- Jener Erstere, von außen in die heftigsten Partheienkämpfe verflochten, umgetrieben in der Welt und aus seiner Heimath verbannt, mußte, vermöge des alle Wesen beherrschenden Gegensatzes und zu Erhaltung des Gleichgewichts der Seele, tiefsinnig ruhig schauend in sein Innerstes sich zurückziehen; -- -- der Andere, von außen durch ein nie fehlendes Glück getragen und begünstigt, von Ehre, Zuneigung und vielfältigen Gaben des Geschicks erfreut, durchlebte dafür in dem stätigen Entwicklungszuge seines Innern, in dem qualvollen Drängen und Treiben seines Geistes, weniger den Menschen wahrnehmbare, aber um desto schmerzlichere Zustände -- und Beide haben von den somit erweckten Anschauungen ihres Seelenlebens die merkwürdigsten und mannichfaltig weiter wirkende Zeugnisse hinterlassen. -- Der Erstere concentrirte in einem kürzern, von der Heftigkeit äußerer Ereignisse verzehrten Leben die ganze Macht seiner Divinationsgabe auf ein einziges, immer mehr in reingeistige Regionen gesteigertes Werk, ein Werk, dessen Anfang seinem Volke immer zugänglicher gewesen ist, als dessen Ende. -- Der Andere, durch äußere Verhältnisse im höchsten Grade gefördert, spann den Faden jenes wunderbaren Gespinnstes durch ein langes Leben hindurch; auch er führte es, wie er selbst in einen andern Luftkreis hinaufwuchs, in eine immer feinere, schärfere, von den Erdgebornen schwerer zu athmende Luft, in eine Luft, welche vielleicht weniger nahrhaft für die materiellen Bedürfnisse der Menschheit, aber belebender für das geistige Princip unseres Daseins erscheint, so daß mich diese Metapher fast an das erinnert, was Humboldt über Athens Lüfte nach jenem alten Griechen anführt, welcher sagt: „Diese Art der Bildsamkeit ist aber dem Lande der Griechen eigen, weil dort die reinsten und dünnsten Lüfte wehen. Attika ist unfruchtbar und dürr; denn eine solche Luftbeschaffenheit schadet dem Ertrage des Bodens, ist aber heilsam den Seelen der Athener.“ -- Aus diesem Grunde ist natürlich auch vom Faust das Ende bei weitem weniger zugänglich, als der Anfang, und doch gehört es so durchaus und ganz zu ihm, wie der felsige Gipfel des Montblanc innerlich eins ist mit seinen bewaldeten Abhängen um Chamouny! -- Nichts desto weniger wirkt doch die letzte Hälfte des Faust schon hie und da mächtig genug! -- Kommt es Ihnen nicht auch sonderbar vor, wie so etwas erst so einzeln, bald einmal hier, bald einmal dort zündet und anregt? -- Da kommt Einer und fertigt als Scholiast einen, wenn auch noch nicht ausreichenden, doch sehr dankenswerthen Commentar darüber[1]; da kommt ein Andrer und schreibt Briefe darüber, um seinem gepreßten und molestirten Gewissen Luft zu machen[2]; da kommt ein Dritter und versucht Sinn und Deutung dem geneigten Leser darzulegen[3], und da sehen Sie selbst Ihren Freund, dessen Evangelium eigentlich in andern Richtungen verkündigt werden soll, seine Briefe mit Gedanken dieser Art durchweben! -- ja manchmal begegnet man plötzlich irgend einer geistigen Explosion über den Faust, welche zu den nachdenklichsten Betrachtungen Anlaß giebt! So ging es mir neulich mit dem Schlusse eines Aufsatzes über Faust[4], der bei manchem Unzulänglichen im Einzelnen, doch in andrer Hinsicht wirklich den Nagel so auf den Kopf trifft, daß ich ihm mindestens eine weniger vergängliche Stelle wünschte; denn gewiß! der Sinn hat sich diesem jungen Manne tiefer erschlossen, als jenen Scholiasten und Commentatoren, die überhaupt von jeher mit dem „Brod der Engel“, wie Dante sagt, wenig Glück gehabt haben.

Sehe ich aber so, wie eine neu aufgegangene Idee bald hie bald da zündet und Leben weckt, so gemahnt es mich immer an die auf Erden wie am Monde so schön zu beobachtende Erscheinung des Lichtes, welches bei aufgehender Sonne zuerst nur auf einzelne Bergeshöhen und Gipfel wirkt, während die Thäler noch im Dunkel liegen, bis endlich die Strahlen, über die gesammte Gegend sich ausgießend, Alles, mit Ausnahme ewig finsterer Schluchten und Höhlen, erleuchten. Übrigens dauert es beim neuen Faust doch lange genug, bis davon nur ein Theil, geschweige denn das Ganze bei uns Eingang findet! -- Es geht Ihnen gewiß, wie mir! Wenn ich so in meinem Kreise Umfrage halte, so höre ich kaum hie und da eine Stimme, welche dem Faust Anerkennung zu geben versucht; dagegen welche Thorheiten darüber, ja welche Absurditäten! -- Bei weitem aber den Meisten liegt der Faust noch so, wie ihn Göthe wirklich hinterlassen hat, nämlich als +ein Buch mit sieben Siegeln+.

Übrigens muß ich Ihnen hier noch eine Bemerkung mittheilen, welche mir ebenfalls zu mannichfaltigen Mißverständnissen Veranlassung gegeben zu haben scheint! -- Es geht nämlich den Schöpfungen der Dichter zuweilen wohl eben so, wie der göttlichen Schöpfung allgemeiner Natur, nämlich man personificirt oft daran mehr, als billig; man will diese und jene bekannte menschliche Individualität darunter erblicken und betrachtet oft gern die poetischen Gestalten wie Figuren eines Maskenballs, wo der Verstand sich nur in soweit anstrengt, um ausfindig zu machen, wer eben hinter dieser oder jener Maske verborgen sei. Findet man endlich bei der Gestalt des Dichters keine Ähnlichkeit mit andern bekannten Personen, so muß seine eigene Persönlichkeit mit allen ihren Zufälligkeiten in dieser Gestalt sich verkörpert haben. -- Nun weiß ich zwar wohl, daß in jegliche Schöpfung der Geist des Schöpfers zum Theil eingehen muß -- denn nur durch diesen Geist entsteht und besteht sie --; aber man muß nur diese Vorstellung nicht zu weit ausdehnen, man muß nicht übersehen, daß der freie Geist auch das Heterogene für eine Zeit in sich aufnehmen, in sich verarbeiten und zu neuen selbstständigen Produktionen verwenden kann! -- Nun scheint Ihnen gewiß auch, daß man alles dieses in vollem Maaße auf Göthe anwenden kann, ja anwenden muß. Göthe ist nicht Tasso und hat doch den Tasso in sich geboren; er ist nicht Wilhelm und hat doch seine Lehrjahre durchgearbeitet; er ist nicht Clavigo und hat doch den schmerzlichen Wechsel leidenschaftlicher Zustände erfahren, und endlich, obwohl Tausendfältiges in ihm angeklungen hat, was im Faust mit reicher, vielgestaltiger Lebendigkeit sich bewegt, so wäre es doch weit gefehlt, wenn man Faust und Göthe deßhalb identificiren, Beide, wie z.B. Herr Deycks thut, eigentlich für eine und dieselbe Person halten wollte. -- Ich habe wirklich etwas lächeln müssen, wenn dieser Commentator ordentlich bei sich selbst inquirirt: ob nicht Gretchen im Faust wirklich das Gretchen sei, welches Göthe in seinem Leben erwähnt, und dabei noch merken läßt, man könne doch nicht so eigentlich wissen, wie weit es auch mit der Letztern gekommen sei. -- So etwas nenne ich eine materielle, eine stoffartige Auslegung, und sie paßt immer am wenigsten auf den +ächten+ Dichter, welcher zu den ihn umschwebenden Ideen ein ganz anderes, als ein solches stoffartiges Verhältniß haben muß. Göthe hat uns ja selbst in diese seine geistigen Mysterien manchen Blick thun lassen; zumal dann, wenn er seine Werke geradezu Confessionen nennt und, weit entfernt, damit zu meinen, daß er in ihnen seine ganze Individualität niedergelegt habe, vielmehr andeutet, wie er gewöhnlich durch dieselben irgend einer seinem eigensten Wesen fremdartigen Richtung Luft gemacht, ein dieses selbst störendes Bestreben dadurch ausgesprochen, aus sich heraus gegeben und abgeschüttelt habe. So setzt er dieß namentlich beim Werther trefflich auseinander! -- Und war nicht allerdings etwas Wertherhaftes in dem noch jungen Göthe? -- Freilich war es das; aber dieses Wertherhafte war so wenig der ächte, eigentliche Göthe, daß vielmehr dieser erst recht gesundete, als der Werther geschrieben war.

Dergleichen Dinge sind gewiß höchst merkwürdig, und Ihnen kann ich es wohl bekennen, daß mir gar manche ähnliche Erfahrung in meinem Leben zu Händen gekommen ist! -- Glauben Sie, es hat in mir Zeiten gegeben, wo mich in meinem innern rechten Sein nur dies erhielt, daß ich mir durch ein malerisches Kunstwerk Luft machte! manche trübe Wolke über meinem Seelenleben löste sich auf, wenn ich ihr im Bilde ein freies Hervortreten hatte geben können, und wer sich die schwermüthige Stimmung meiner Bilder nicht mit der frischen Thätigkeit meines Lebens zu reimen verstand, der zeigte mir alsbald an, wie wenig er von meinem innern Leben entziffert hatte! -- Gerade in diesem Verhältniß des innern Menschen zu seiner Productivität nach Außen liegt ja ganz besonders das Geheimniß der +Entwicklung+ der Seele während ihres sich Darlebens auf Erden; wie sie so ein Werk nach dem andern, eine That nach der andern äußert und von sich thut, und wie sie, indem erst das gröbere Fremdartige, dann aber auch das feinere Ungemäße ausgestoßen und abgesondert wird, so zu immer reinerer, höherer Entwicklung hinaufstrebt, möchte ich sie vollkommen der sich metamorphosirenden Pflanze vergleichen, welche, je weiter und weiter sie in ihrem Leben zur Vollendung hinaufsteigt, immer mehr sich läutert, erst die gröberen Kotyledonen und Wurzelblätter, dann die zartern Stengel und Kelchblätter hervorbildet, bis endlich innerhalb der Blüthe durch befruchtende Verstäubung des Geschlechtlichen das höchste Ziel der Pflanze, das Samenkorn, in seiner Darbildung zu Stande kommt. -- Dergleichen Ansichten, Gleichnisse, Vorstellungen darf man nun überhaupt, wie mir scheint, nirgends weniger unbeachtet lassen, als wenn man über den +Faust+ nachdenkt, über den Faust, der auf das lebendigste Gefühl vielfältiger Entwicklungsvorgänge und Metamorphosen des innern Menschen durch und durch gegründet ist. Denn, wollen wir auch freudig anerkennen, daß es einzelne lichtvollste menschliche Naturen gegeben hat und giebt, welche in reiner Stätigkeit zum Göttlichen, gleichsam geradlinig, sich entwickeln, so ist es doch für die meisten Andern und für die an einen vom Streit der Elemente bewegten Planeten gebundene Menschheit überhaupt bei weitem die eigenthümlichste Aufgabe, sich durch die Spirallinie, d. h. mit stätigen Seitenabweichungen vorwärts zu bewegen; und wenn die alten Mystiker deßhalb der Sünde des Menschen die Bedeutung gaben, durch sie für ein höheres Ziel geläutert zu werden, und wenn sogar der Erhabene, welcher das Princip höchster Liebe in die Menschheit einführte, den wiedergekehrten Verlornen höher stellte, als den nie Verirrten, so deutet alles dieses wieder auf jenes Gleichniß der Pflanze, welche erst in rohern, und dann in immer feinern Bildungen, gleichsam stets ausstoßend und absondernd, das Ungemäße abwerfend, sich bis zu reinster Darstellung ihres eigentlichen und ursprünglichen Keimes hinauf läutert.

Auf dieses hohe Geheimniß nun, in dessen Kerne wir zuletzt die Nothwendigkeit des Sündhaften zur Läuterung jenes in die Natur eingebornen Göttlichen der Menschheit deutlich ahnen können, scheint mir nun überhaupt die gesammte Sage von Faust, oder wie dieser symbolische Mensch sonst heißen mag, gegründet zu sein, und eben darum, weil der Grund der Sage ein ächt menschlicher ist, wiederhohlt sie sich unter den verschiedensten Völkern. Das ist es, was schon unter den mannichfaltigen Seelen- und Götterdurchbildungen bei den Indiern gemeint ist; das ist es, was uns die Qualen des Prometheus, welcher das himmlische Feuer den Menschen geraubt hatte, verstehen lehrt, und das ist es, was in der christlichen Zeit durch die Sagen vom Bunde ausgezeichneter Naturen mit dem Bösen symbolisch angedeutet werden soll. Freilich kommt es nun da ganz auf die Tiefsinnigkeit des Volks an, bis zu welchem Grade dieser Gedanke verfolgt werden soll; denn bei roherer Auffassung erscheint gewöhnlich nur die unbedingte Zerstörung menschlicher Natur durch die Verleitung zum Bösen, -- und eine solche Rohigkeit tritt in unsrer Volkssage vom Faust, und wie sie mancher Neuere wieder dargestellt hat, hervor. Weit höher steht dagegen schon jenes Spaniers Behandlung des wunderthätigen Magus, welcher, tiefer erkennend das Göttliche im Menschen, selbst im Bunde mit dem Bösen nur die Läuterung zu höchster Verklärung gewahr werden läßt, und dieser Gedanke war es denn nothwendig auch, der Göthe +seinen+ Faust mußte in höherer Beziehung erfassen lassen, als ihn die Volkssage gekannt hatte und als ihn noch jetzt manche insipide Beurtheiler gefaßt wissen wollen. Ich wiederhole es also nochmals, so wenig ich zugeben kann, daß Göthe Werther, daß er Tasso, daß er Wilhelm Meister war, so wenig ist er Faust; aber daß von allem diesen ein Element in ihm lag, daß die Idee einer besondern Menschheit-Entwicklung, wie sie im Faust lebt, ihn vor allen andern beschäftigt, daß sie nachhaltig sein Leben bis ins hohe Alter begleitet hat, daß er in diesem Werke und durch dessen Schöpfung mannichfaltigste Gemüthszustände und Geistesrichtungen geläutert oder in sich bezwungen hat, wer, dem der innere organische Bau dieses Werkes klar geworden ist, könnte hiervon nicht die lebendigste Anerkennung haben?

Lassen Sie mich denn mit diesen Betrachtungen für heute schließen! es liegt freilich im Faust noch Stoff zu ganzen Werken, geschweige denn zu einem noch längern Briefe, und ich werde auch nächstens, so wie mir wieder eine Reihe recht ruhiger Stunden verliehen wird, meine Gedanken hierüber fortzuspinnen versuchen; allein ehe man in dieses Labyrinth weiter eindringt, soll man doch, glaube ich, das Verhältniß des Dichters zu seinem Werke sich recht deutlich gemacht haben, und hierüber mich denn Ihnen zuerst vollkommen auszusprechen, lag mir besonders am Herzen.

Lassen Sie mich gelegentlich vernehmen, in wie weit sich nun hierin unsre Gedanken begegnet sind; denn Gedankenzüge dieser Art sind wie Regenbogen, und wie jedes Auge doch am Ende nur seinen eignen Regenbogen erblickt, so bildet sich auch jeglicher Geist seine eigne Vorstellung über dergleichen ihm lieb und werth gewordene Aufgaben.

Getreulich, wie immer,

+Ihr+ C.

[1] ~Dr.~ +C. Löwe+, Commentar zum zweiten Theile des Göthe’schen Faust. Berlin 1834.

[2] ~M.~ +Enk+, Briefe über Göthe’s Faust. Wien 1833.

[3] ~Dr.~ +F. Deycks+ Göthe’s Faust. Andeutung über Sinn und Zusammenhang des ersten und zweiten Theils. Koblenz 1834.

[4] Schreiben über Göthe’s Faust, mitgetheilt von C. von +Feuchtersleben+ in der Wiener Zeitschr. f. Literat. und Kunst. 1834. Nº 148.