III.
Den 5. April 1835. Abends.
Lange habe ich mich nach der Stille eines Abends und nach der tiefen innern Ruhe der Seele gesehnt, welche mir Veranlassung geben könnten, meine einsamen Betrachtungen über den Faust fortzuspinnen! Heute leuchtet endlich das wachsende Licht des Mondes, in reinen Strahlen über dunkeln, langsam ziehenden Wolken schwebend, einem solchen Abende, -- und ich begrüße die Muse, die, von glücklichen Constellationen angekündigt, der Muße begegnet, und wünsche nur, daß es mir gelingen möge, alles, was sonst noch über jenes wunderbare Werk meine Seele bewegt hat, Ihnen nun heute so wie in künftigen Tagen noch recht klar und bestimmt mitzutheilen und vor Augen zu legen.
Wenn ich aber in meinem vorigen Briefe die eine der Grundfragen des ganzen Werkes in Betrachtung gezogen habe, so möchte ich zum Thema des heutigen eine andere stellen, und zwar die Frage nach der innern Wahrhaftigkeit der Bedeutung, welche Göthe dem Einflusse höhern weiblichen Wesens auf Entwicklung, auf Reifung, ja auf Verklärung nicht nur des Faust, sondern des Menschen überhaupt zugesprochen hat.
Die mysteriosen, in vielen Ohren höchst wunderlich lautenden Worte:
„Alles Vergängliche Ist nur ein Gleichniß; Das Unzulängliche, Hier wird’s Ereigniß; Das Unbeschreibliche, Hier ist’s gethan; Das Ewig-Weibliche Zieht uns hinan.“
regen zu den mannichfaltigsten Betrachtungen auf und führen zu allernächst an die Pforte tiefsinnigster Vergleichungen weiblicher und männlicher Seeleneigenthümlichkeit. -- Erlauben sie denn, daß ich auch Sie, dessen Sinnesart ich eigentlich allem Weiblichen großentheils mehr ab- als zugewendet erkannt habe, doch veranlasse, diesem Gedankenzuge einmal mit Ernst eine Zeit lang nachzugehen; es wäre denn doch wohl möglich, daß sich uns Gegenden in diesem Gebiete erschlössen, gleich jenen Attika’s, von feiner Luft durchzogen, von welcher der Scholiast sagt, sie sei weniger geeignet für das Wachsthum der Pflanzen, aber heilsam den Seelen der Athener.
Überlasse ich mich nun einem tiefern Nachsinnen über diese Gegenstände, so kommt mir unwillkürlich zunächst jener edle Geist in die Gedanken, welcher mehr und entschiedener, als vielleicht irgend Einer, durch ein hohes weibliches Wesen in seinem Entwicklungsgange gefördert worden ist, -- Dante. -- Wie merkwürdig sind nicht jene Worte über das erste Erkennen der Beatrice im Anfange seiner =~Vita nuova~=, welche ich nach Oynhausens Übersetzung hier beifüge: „Und sie erschien mir bekleidet mit der herrlichsten Farbe, demüthig und ehrbar, purpurroth umgürtet und geschmückt nach der Weise, wie es ihrem jugendlichen Alter zukam. In demselbigen Augenblicke, sage ich wahrhaftig, daß der Geist meines Lebens, welcher in der geheimsten Kammer des Herzens wohnt, anfing so heftig zu zittern, daß es zum Erschrecken sichtbar wurde in den allerkleinsten Pulsen, und zitternd sagte er diese Worte: =~ecce deus +fortior me+, veniens dominabitur mihi~= (siehe da ein Gott, +mächtiger denn ich+, welcher kommt, um über mich zu herrschen). In demselben Augenblicke auch der Geist der Empfindung, welcher in derjenigen Kammer wohnt, in welche alle die Geister der Sinne ihre Wahrnehmungen bringen; er begann sich zu erstaunen gewaltig, und, indem er vor andern zu den Geistern des Gesichts redete, sagte er diese Worte: =~apparuit jam beatitudo nostra~= (unsre Seligkeit ist uns erschienen).“ -- Und wie deutlich spricht sich nicht im ganzen Ideengange seiner gewaltigen Werke es aus, daß sie entstanden sind aus jenem geheimnißvollen Zuge, welchen Göthe einmal unübertrefflich mit Worten bezeichnet, indem er sagt:
„In unsres Busens Reine wohnt ein Streben, Sich einem Höhern, Reinern, Unbekannten Aus Dankbarkeit freiwillig hinzugeben, Enträthselnd sich dem ewig Ungekannten; Wir heißen’s Frommsein.“ --
Aber eben dieses „Frommsein“, diese innere Klarheit und Ruhe und dieses heitere Genügen, fragen wir nach, ob sie, wenn wir die Geschlechter in ihrer tiefsten Bedeutung erfassen, nicht ganz eigentlich die Bestimmung des weiblichen sind? -- Ich möchte sagen, die Sprachen schon, diese ersten, unbewußten Laute der Philosophie der Völker, deuten darauf hin; denn stellen sie nicht Alle jene ewigen Ideen, welche als leuchtende Sterne das Leben der Menschen bewegen und führen sollen, in weiblicher Form dar? und so unnatürlich es uns vorkommen würde, die widerwärtigen Geister des Zorns, des Wahnsinnes, des Neides und Hasses in weiblicher Gestalt zu denken, so einfach ist es in die Vorstellung wohl aller Völker eingegangen, die höchsten Ideen der Wahrheit, Schönheit, Liebe, Güte, Gottinnigkeit und jeglicher Tugend in weibliche Form zu kleiden. -- Wollen Sie nun aber bedenken, aus welchem Quell inneres und äußeres Elend der Menschheit hervorgeht, wollen Sie an den Streit der Leidenschaften, an die Qual der Selbstsucht, an das unstäte Umherschweifen zügellosen Verlangens und an die Marter einer sich selbst immer neu aufreizenden und eben deßhalb nie befriedigten Sehnsucht gedenken, so wird Ihnen die Beruhigung, die stille Klarheit und der tiefe, innere Frieden, wie sie ein im höchsten Sinne wahrhaft edles, weibliches Wesen durchdringen, erst ihrem ganzen Gewicht nach alsobald fühlbar werden, und es ist damit zugleich ausgesprochen, welche hohe Bedeutung der Frau eigentlich zukomme, theils und zunächst als versöhnendem, beruhigendem, läuterndem Princip in dem von streitenden Kräften angeregten und vorwärts gedrängten Leben des Mannes, theils für die Menschheit überhaupt, welche das Bedürfniß eines solchen Haltes um so mehr und um so unfehlbarer empfinden wird, je unruhiger, aufgereizter und stürmischer der Zustand ihres Lebens gerade in irgend einer Periode genannt werden mußte. -- Ich gestehe Ihnen, diese Gedankenfolge hat mich zu ganz eignen Betrachtungen geführt, von denen ich einige hier nicht abweisen kann, auf die Gefahr hin, daß Sie dieselben den gegenwärtigen Betrachtungen des Faust völlig fremdartig nennen. Hierhin rechne ich aber zuerst in den wildesten Zeiten des Mittelalters, da, wo das Reis der Barbarenstämme, auf den absterbenden Stamm überfeinerter, griechisch-römischer Cultur gepfropft; in die mächtigsten Sprossen ausschlug und zu einer Wildniß fortwuchs, in deren Schatten eine Regeneration des gesammten Menschheitlebens sich vorbereitete, die mit einem Male in dem Geiste der Chevalerie hervortretende Verehrung der Frauen und deren Verklärung in den Werken der edelsten Dichter, unter denen eben unser Dante obenan steht, Dante, welcher sich nicht scheut, den Geist einer Frau +ein stärkeres Wesen+, welches ihn beherrschen werde, zu nennen. Ist es nicht höchst merkwürdig, daß gerade in dieser stürmischen Zeit, wo die äußerst gereizte Stimmung der Menschheit sich bis auf das Physische durch die gewaltsame Macht großer Epidemien, gleich der des schwarzen Todes, bezeichnete, in der Zeit, wo die aufgeregten Leidenschaften die furchtbarsten Grausamkeiten zu täglichen Begebnissen machten, und wo die Unbändigkeit der überschäumenden Kraft alle Gränzen der Gesittung niederzuwerfen drohte, ein höherer Sinn der Liebe und eine reinere Anerkennung der ächten Bedeutung weiblicher Individualität Wurzel fassen und zu den schönsten Blüthen der Poesie und des Lebens aufsprießen konnte? -- Sodann! welche andre Bedeutung hat denn wohl, kann denn wohl haben die durch viele Zeiten und Völker durchgreifende Verehrung jener geheiligten Frau, in welcher sich der Begriff der Jungfrau wie der der Mutter auf die wunderbarste und geheimnißvollste Weise verbanden, als daß in ihr, wie in einem Symbole, ergriffen werden sollte die Idee jener beruhigenden Klarheit, jener geistigen Beschwichtigung und jenes tiefen, innigen, ja mehr als dies, gottinnigen Friedens, welcher den alleinigen Trost für das leidenschaftlich umgetriebene Gemüth des in den Lebenskampf verflochtenen Mannes, wie für die mannichfaltigen Leiden der nicht so hoch entwickelten Frau gewährt, eines Friedens, welcher im höhern ächten Sinne weiblichen Wesens sich allein mit dieser Entschiedenheit darstellt? -- Ja, ich kann nicht umhin, Ihnen einige Worte aus dem Büchlein von Deycks als vollkommen hierher gehörig auszuheben, und zwar die, wo er sagt: das, was der Mensch beizutragen vermöge zu dem Wunder der Vereinigung der Seele mit Gott, sei eben jenes reine Gefühl der Abhängigkeit, der Demüthigung des stolzen Sinnes unter das Höhere, d. i. die Zuversicht und Hoffnung, Glaubenskraft und Liebe, deren höchstes Sinnbild Maria genannt wird; -- denn wie solle sich für die reine Hingebung an das Göttliche eine geeignetere Bezeichnung finden, als eben die des +Ewig-Weiblichen+? Ist es denn nicht aber auch hier merkwürdig, daß gerade die rauhesten Zeiten, die aufgeregtesten Zustände und noch jetzt die Länder, wo ein heißeres Clima den Menschen heftiger erregt, die Bedingungen sind, welche die Verehrung jener Himmelskönigin begünstigen und begünstigt haben? -- Sehen wir nicht den kühnsten spanischen Guerilla und den verwegensten Räuber der Abruzzen noch die Ehrfurcht gegen die Madonna als einzigen Lichtstrahl in der dunkeln Nacht einer von wilden Leidenschaften verfinsterten Seele, bewahren? -- Kurz, auch hier macht sich das Recht des Gegensatzes gültig! Die von Stürmen bewegte Seele, ja schon die von Fülle der Thatkraft gespornte wird mächtig angezogen von der im tiefen Frieden eines gottergebenen Sinnes ruhenden, und nicht minder nothwendig ist es, daß in dieser hinwiederum die liebevollste Hinneigung rege werde gegen das durch Wunden und Kampf zu ihr aufstrebende Gemüth eines thatkräftigen Mannes! -- Ich weiß nicht, ob es Ihnen im Leben jemals möglich geworden ist, eine Frau solcher höheren, reineren, großartigeren Sinnesart etwas näher beobachten zu können, wahrzunehmen, mit welcher ruhigen Entschiedenheit Wesen dieser Art nicht nur auf Männer, sondern selbst auf andere minder entwickelte weibliche Wesen eben blos durch ihre ruhige leidenschaftlose Erscheinung einzuwirken pflegten. -- Mir ist manchmal bei solchen Beobachtungen der Spruch aus dem Epimenides eingefallen:
„Die gelinde Macht ist groß.“
Göthe nun, der in einem vielfältig bewegten Leben, theils unter glücklichern Himmelsstrichen, theils in den Kreisen höherer Bildung, manchen bedeutenden weiblichen Charakteren begegnet ist, und in dessen Werken so ausgezeichnete Individualitäten dieser Art geschildert sind, daß er wohl verdiente, eine deutsche Mistreß Jamson zu finden, welche mit gleicher Liebe, wie diese die weiblichen Charaktere Shakesspears, so die Frauen göthischer Dichtung ein einer nähern Schilderung zu erläutern suchte, Göthe konnte am wenigsten verkennen, welchen mächtigen Einfluß weibliches Leben und Wirken auf Entwickelung der Menschheit von jeher geübt hat, und wenn ihm vorschwebte, in einem einzigen, ihn ein halbes Jahrhundert hindurch beschäftigenden Werke die Entwicklung einer menschlichen Seele überhaupt und einer thatkräftig männlichen Seele insbesondere zu schildern, so mußte die Einwirkung von der Seite weiblicher Individualität in dieser Schilderung nothwendig eine der bedeutendsten Stellen einnehmen; die Art aber, wie diese Einwirkung nun gerade im Faust dargestellt und durchgeführt ist, genauer mit Ihnen, theuerster Freund, zu betrachten, hatte ich mir eben zur Hauptaufgabe dieses Briefes machen wollen.
Wenn ich daher unternehme, Ihnen, dem Freunde, in Worte zu fassen, was bisher der Seele zum Theil nur noch in dämmernden Gedanken vorgeschwebt hat, so muß ich freilich etwas tiefer eintauchen und zunächst darauf kommen, was wohl eigentlich den innern Unfrieden, die tiefe Zerrissenheit des Faust bedingt, jenen verzweifelten Zustand, wie wir ihn eben in dem lebenskräftigsten Anfange des Gedichtes uns vorgeführt finden, und allerdings wird auch hier wieder unwillkührlich die Darstellung zur Allegorie werden, indem wir bald empfinden müssen, daß dasselbe, was hier einen reichbegabten Geist peinigt, auch als die tiefste Quelle unendlicher Zerwürfniß im Menschheitleben erscheine. -- Soll ich also hierüber auf die kürzeste Weise mich aussprechen, so muß ich geradezu jene herrlichen Worte an die Spitze stellen, die mir schon in mannichfaltigen Lagen ein strahlendes Licht gewesen sind, die Worte: „Wenn ich mit Menschen- und mit Engelzungen redete, und hätte +der Liebe+ nicht, wäre ich ein tönendes Erz, oder eine klingende Schelle. Und wenn ich weissagen könnte und wüßte alle Geheimnissse, und alle Erkenntniß, und hätte allen Glauben, also, daß ich Berge versetzte, und hätte der Liebe nicht, so wäre ich nichts. Und wenn ich alle meine Habe den Armen gäbe, und ließe meinen Leib brennen, und hätte der Liebe nicht, so wäre es mir nichts nütze. Die Liebe ist langmüthig und freundlich, die Liebe eifert nicht, die Liebe treibet nicht Muthwillen, sie blähet sich nicht. Sie stellt sich nicht ungebehrdig, sie suchet nicht das Ihre, +sie lässet sich nicht erbittern+.“ -- Und diese Liebe, dieser höchste Quell innern Friedens und innern Glücks, diese -- bei unendlich Vielem, was er besitzet -- sie +fehlt+ dem Faust, und daß sie ihm fehlet, bedingt sein Elend! -- Faust, wie man sich ihn, seinem frühern Leben nach, denken muß, ausgerüstet mit feurigem, in mancher Hinsicht productivem Geist, ist aufgewachsen unter Buchstaben und Pergamenten, anstatt unter lebenden, ihn liebenden Menschen; für die Wirkung des Abstrakten, ja Abstrusen der Schule auf den Kopf fehlte ihm das Gegengewicht der Wirkung des Concreten und Erfrischenden ächt menschlichen Lebens auf das Herz; -- eine ungeheure Masse von Erkenntnissen, Empfindungen und Gestalten hat sein Geist um ihn gebannt, aber die Erkenntnisse gewähren ihm keine freudige Anwendung, die Empfindungen neigen zur Verzweiflung, und die Gestalten sind ohne lebendigen Pulsschlag und Wärme; er selbst ist noch, wie der Apostel sagt, +erbittert+; -- da bricht er aus:
„Und fragst du noch, warum dein Herz Sich bang in deinem Busen klemmt? Warum ein unerklärter Schmerz Dir alle Lebensregung hemmt? Statt der lebendigen Natur, Da Gott die Menschen schuf hinein, Umgiebt in Rauch und Moder nur Dich Thiergeripp’ und Todtenbein.“
Aber eben daß sich in solchen Schmerzenslauten beurkundet, er fühle tief diese Lücke seines Daseins, daß eine Sehnsucht in ihm lebt nach einem Zustande, den er noch nicht kennt, das ist die Bürgschaft seiner eignen höhern Natur! -- Denn das Gemeine kann sich im Gemeinen gefallen, es kann ihm +wohl+ darin sein, +ohne+ alles Streben nach einem Höhern; aber die edlere Natur läßt sich nicht genügen in der Mangelhaftigkeit des Daseins, sie fühlt die Qual ihres unvollkommenen Zustandes, und eben darin, daß sie sie fühlt, liegt die Hoffnung, aus diesem ungemäßen zu einem reinern gemäßern Zustande hindurch zu dringen. Dem Faust jedoch, da, wo das Drama beginnt, liegt diese Hoffnung noch fern; es ist ein unbestimmtes Umhertreiben, was ihn bewegt:
„Vom Himmel fordert er die schönsten Sterne Und von der Erde jede höchste Lust, Und alle Näh’ und alle Ferne Befriedigt nicht die tiefbewegte Brust.“
Ist nun aber jene innige und hohe Liebe zu Gott und den Menschen der einzige Hafen, wo die Irrfahrten eines solchen verzweifelnd Umhergetriebenen endigen können, so fragt sich, was kann ihm das Steuer lenken und die Segel richten, diesen Hafen zu erreichen? -- Hierüber kamen mir folgende Gedanken, welche, ich kann es nicht läugnen, besonders wieder durch die Erinnerung an die für alle Zeiten höchst merkwürdigen Offenbarungen geheimster Vorgänge des menschlichen Gemüthes, wie sie in Dante’s =~Vita nuova~= vorliegen, bedingt worden sind. Beachten wir es nämlich recht, so ist jene Liebe der vollkommenste Gegensatz alles Egoismus, und wenn es dem Menschen schwer wird, zu dieser Liebe zu gelangen, so ist die Selbstigkeit das schwerste Hinderniß; -- er soll aber aus sich, aus dieser Selbstigkeit heraus! -- er soll gewissermaßen +außer+ sich gesetzt werden, damit er sich selbst im höhern Sinne wieder finde! er soll los von dem Bande, welches ihn an sich selbst gekettet hält und höhere Anschauungen ihm verschließt! --Aber dazu braucht es einer bestimmten Einwirkung! wie die Hülle der Knospe in einem Moment reißen und aufbersten muß, damit die Blüthe sich entfalten könne, so auch hier! -- Die mächtige Einwirkung einer einzigen bestimmten, das Selbstgefühl überwältigenden Erscheinung, gleich der, von welcher Dante sagt: „siehe da, ein Gott mächtiger, denn ich, welcher kommt, über mich zu herrschen“ ist hierzu unfehlbar am meisten geeignet, und nur die Art, wie sich nun die erschütterte, in ihren Grundfesten bewegte und gleichsam von sich selbst gelöste Seele weiter entfaltet, wird nach verschiedener Individualität unendlich verschieden sein. -- Die Entwicklung der Idee der Liebe, wenn sie vollkommen menschlich erscheint, und so wie sie wohl auch Göthe im Faust vorgeschwebt hat, möchte ich aber am liebsten eine vollkommen organische nennen; ich möchte sie vergleichen und, wäre ich Arabeskenzeichner, ich würde sie zeichnen als einen wundersamen Baum, welcher auf geheimnißvolle Weise aus einem unscheinbaren Samenkorn sich hervorgebildet; das Samenkorn theilt sich zuerst in die ins finstre Reich der Erde hinabgesenkte Wurzel und in die massigen Wurzelblätter; zwischen letztern waltet anfänglich in größter Zartheit der Keim des aufstrebenden Stammes und der Stengelblätter; -- immer frischer, mannichfaltiger und höher treiben dann diese Gebilde herauf, Zweige entwickeln sich mit zierlichstem Laube, dann treiben Blüthen hervor, welche Früchte ansetzen, zuhöchst aber bildet sich die geheimnißvolle Rose, die Blüthe ohne Staubfäden, und über ihr schwebt, gleich dem von Linné’s Tochter zuerst gesehenen Flammenleuchten der Feuerlilien und ähnlicher Blumen, ein strahlender Stern als Symbol der über dem ewig bewegten Leben leuchtenden und ewig beharrenden Idee. -- Und gewiß, auf solche Weise ist auch die Liebe zu einer die mannichfaltigsten Metamorphosen durchlaufenden Entwicklung bestimmt, und, gleich jenem Baume, wird sie dann, vollkommen ausgebildet, Himmel und Erde verbinden durch die im Irdischen festhaftende nährende Wurzel und den glänzenden Stern jener höhern Liebe zu Gott, welche den tiefsten Geheimnissen der Seele angehörig ist.
Dieses alles nun, wie ist es so wahr und so merkwürdig im Faust aufgefaßt! -- Das böse Princip selbst muß ihm, indem es ihn verderben zu wollen scheint, unwillkührlich zum Heile gereichen und zuerst das Samenkorn höherer liebevoller Gesinnung in die Brust werfen; in Gretchen’s Atmosphäre ergreift den Unsteten, den überall nur die „Pein des engen Erdenlebens“ Fühlenden, zum erstenmal die Empfindung des +unendlichen Glückes der Beschränkung+. Dorthin gehört die Stelle in Gretchens Zimmer:
„Willkommen, süßer Dämmerschein, Der du dies Heiligthum durchwebst! Ergreif mein Herz, du süße Liebespein, Die du vom Thau der Hoffnung schmachtend lebst! Wie athmet rings Gefühl der Stille, Der Ordnung, der Zufriedenheit! In dieser Armuth welche Fülle! In diesem Kerker welche Seligkeit!“
Aber dies Gefühl gleicht den ersten warmen, sonnigen Tagen im frühen Frühlinge! noch ist die Luft nicht der höhern Wärmespannung gewohnt; die aufgehobenen Dünste vereinigen sich zu gewitterhaften Explosionen, und Kälte und Schnee bringen bald wieder ein winterliches Gefühl zu Wege. So auch Faust! die Einwirkung eines so stillen kindlichen Wesens, eines Wesens, welches an Reichthum innern Gemüths freilich unendlich den Faust überwiegt, aber in geistiger Entwicklung so weit unter seiner Sphäre zurückbleibt, konnte nicht mächtig genug erscheinen, eine vollkommene Metamorphose zu veranlassen. Ein Blick auf eine neue, bis dahin ihm fremde Region hat sich ihm erschlossen; aber er ist dem einzelnen Blicke zu vergleichen, den der Wanderer von einer hohen Bergspitze durch ein wogendes, hie und da zerreißendes Wolkenmeer in schön blühende Thäler wirft; sogleich wird er vom finstern Gewölk wieder verdeckt. -- Und so wird er bald von dem wüsten, unsteten Treiben seiner innern Zustände weiter gerissen; die liebliche, ihrer innersten Idee nach unzerstörbare Erscheinung wird von seinem eignen Unheil erfaßt und mindestens +zeitlich+ zertrümmert; er fühlt, es kann nicht anders sein, verzweifelnd ruft er aus:
„Mag ihr Geschick auf mich zusammenstürzen, Und sie mit mir zu Grunde gehn.“
Und so geschieht es! vergeblich versucht er, auf +seine+ Art zu retten, wo nichts mehr zu retten ist; der Schlag fällt; von dem ungeheuren Jammer furchtbar ergriffen, fühlt er zuerst einen ächten Seelenschmerz, und wie im Physischen oft wichtige Entwicklungsvorgänge des organischen Lebens an schwere Krankheitsstürme geknüpft sind, so wirft ihn betäubend ein geistiges Leiden zu Boden, ein Leiden, aus welchem der Mensch nicht aus +eigner+ Kraft sich aufzuraffen vermag, wenn nicht eine höhere Gnade den Gefallenen wieder aufrichtet.
Wirklich senkt ein Strahl dieser Gnade zu dem Gefallenen sich hernieder; sie läßt helfende Geister ihn umschweben und weiset sie an mit den Worten:
„Besänftiget des Herzens grimmen Strauß; Entfernt des Vorwurfs glühend bittre Pfeile; Sein Innres reinigt vom erlebten Graus!“ --
Wollten wir freilich hier wieder fragen: warum wird nun +dieser+ Halbverlorene wieder aufgerichtet, während so viele Andere in solchen Leiden scheinbar rettungslos untergehen? so gestehe ich, hierauf in alle Zeit keine andere Antwort finden zu können, als die im vorigen Briefe angeführte des Apostels: „und so erbarmet er sich, welches er will!“ -- Denn was ist am Ende auch die reinste, heiligste Entwicklung eines fleckenlosen Gemüthes, als +eine Gnade+, welche dieser Seele zu Theil wurde, frei von den verderblichen Einflüssen und durch glückliche innere Seelengesundheit zum ungetrübten Zuge gegen das Einzige, ewig Wahre sich hinauf bilden zu können? --
So also richtet sich der durch eigene Schuld Niedergeworfene allmählig wieder auf; ein reicherbewegtes Leben ergreift ihn, ohne jedoch für’s erste mehr als den Kreis seiner Vorstellungen und Begriffe zu erweitern, bis der Kaiser auf den Gedanken kommt, von Faust die Beschwörung der Helena zu verlangen. -- Da hebt eine neue Metamorphose an! -- Erstaunt gewahrt er, daß hier die Gewalt eines in vieler andern Beziehung mächtigen widerwärtigen Princips nicht mehr ausreicht, daß er in die geistigste, wesenloseste Tiefe, -- in das Reich der Urbilder alles Daseins vor allem wirklichen Sein (Göthe nennt sie deßhalb „die Mütter“), in das Reich der von Plato zuerst +so+ geahneten und bezeichneten +Ideen+ einzudringen habe, und daß er +die Idee des Schönen+ in sich aufnehmen müsse, wenn er die Vollkommenheit einer schönen Erscheinung nur wahrhaft empfinden, geschweige denn hervorrufen wolle. -- Und also wird es vollendet. -- Aber wie Plato sagt, daß alle Philosophie mit dem Bewundern anfangen müsse, und wie das innige Durchschauern unsers Wesens dem Erstaunen sich zugesellt, so ergreift auch ihn ein geheimes Schaudern, wie diese Verwandlung in ihm anhebt, -- allein er verkennt nicht die Bedeutung dieses Schauders; denn wir hören ihn:
„Das Schaudern ist der Menschheit bestes Theil. Wie auch die Welt ihm das Gefühl vertheure, +Ergriffen+, fühlt er tief das Ungeheure.“
So angekündigt, erfolgt denn die Erscheinung der Idee des Schönen in umschriebener klassischer Gestalt der Helena; denn das griechische Alterthum ist nun einmal die Periode allgemeinen Menschheitlebens, wo die +Idee der Schönheit+ sich eben so zu verkörpern liebte, als durch die christliche Zeit +die Idee höchster Güte+ zur lebenvollen Erscheinung gebracht werden sollte, und als wir vielleicht am Rande einer dritten Weltperiode stehen, durch welche die +Idee der Wahrheit+ in der Erkenntniß vollkommen dargelebt werden soll.
Jetzt zum erstenmale erfährt Faust nicht blos den Reiz, sondern die Gewalt, +die Herrschaft+ der Schönheit; diese für ihn zum erstenmale so ganz frisch ins Leben tretende Idee wirkt blitzähnlich auf ihn, und zum erstenmale fühlt er sich entzündet von heftigem Liebeszuge, nicht gegen Etwas, das unter ihm, ja neben ihm steht, sondern gegen Etwas, das er entschieden +über+ sich fühlt; -- die Empfindung, ein Höheres, ja wohl Unerreichbares zu lieben, eine Empfindung, welche die höchste Entwicklung im Menschen anzuregen geeignet ist, erfaßt ihn mit vollkommner Gewalt, und eine neue Lebensepoche schließt sich auf. Zuerst niedergedonnert durch den unseligen Versuch, das Höchste in den Kreis des alltäglichen Lebens herabziehen zu wollen, kommt er, auf griechischem Boden angelangt und vom höchsten Zuge der Leidenschaft bewegt, zu der Erkenntniß, daß nur eingetaucht in ein eigenthümliches poetisches Dasein der Mensch es vermöge, die reine Erscheinung der Idee der Schönheit vollkommen sich anzueignen. Und so beginnt die geheimnißvolle Weihe! Aus dem Bunde mit der Schönheit, welcher jedesmal auf dichterische, künstlerische Productivität deutet, entspringt ein Dichtergeist, den nur das Unstäte, Verwegene seines Wesens, dieses Erbtheil des Vaters, nicht zu wahrhafter Reife sich entwickeln läßt, und, so wie der Geist des Faust im vollen Aneignen der Schönheit zu tieferer Befriedigung gelangt ist, erwarten ihn neue Metamorphosen, und wir hören die Helena, bevor sie entschwindet:
„Ein altes Wort bewährt sich leider auch an mir: Daß Glück und Schönheit dauerhaft sich nicht vereint. Zerrissen ist des Lebens wie der Liebe Band; Bejammernd beide, sag’ ich schmerzlich Lebewohl!“
Dem Faust bleibt der wolkenhafte Schleier der herrlichen Erscheinung zurück; er trägt den Mann, den abermals ein weibliches Wesen in seiner Entwicklung gereift hat, ruhiger, aufgeklärter Naturbetrachtung entgegen, und fragen wir nach der Einwirkung, welche dieses alles wieder auf die Richtung seines Lebens gehabt hat, so erkennen wir als solche zuerst das Erwachen des Bestrebens nach einer großen folgereichen, in’s Menschheitleben tief eingreifenden Thätigkeit. Wir hören ihn, den früher alle nach Außen gekehrte Lebensthätigkeit anwiderte, jetzt ausrufen:
-- „Dieser Erdenkreis Gewährt noch Raum zu großen Thaten. Erstaunenswürdiges soll gerathen, Ich fühle Kraft zu kühnem Fleiß. Herrschaft gewinn’ ich, Eigenthum! Die +That+ ist alles! +nichts+ der Ruhm.“
Noch ist jedoch die Thätigkeit nur Lust am Thun selbst, ist sich eigner selbstischer Zweck, und gewaltig treibt noch im Innern das Unstäte der in so vieler Hinsicht unbefriedigten Seele! -- Da bricht endlich, wie Abendsonnenstrahl aus dunkeln, lange den Himmel umziehenden Gewitterwolken, in dem durch gespenstisches Herannahen der Sonne erschütterten Gemüthe die Ahnung der zweiten großen Idee des höchsten göttlichen Reichs -- die Ahnung der +Idee der Güte+ -- hervor; die Liebe, die zuerst für das Schöne angeregt war, erwacht nun auch für das Gute; -- das thätigste Bestreben, einem großen Kreise der Menschheit heilbringend, hülfreich, wohlthuend zu sein -- die Seligkeit des Gefühls ächter Menschenliebe -- durchdringt ihn mit ahnungsvollem Schauer, und so ergießt er sich in die herrlichen Worte:
„Das Letzte wär’ das Höchsterrungne. Eröffn’ ich Räume vielen Millionen, Nicht +sicher+ zwar, doch +thätig-frei+ zu wohnen. Grün das Gefilde, fruchtbar; -- Mensch und Heerde Sogleich behaglich auf der neusten Erde, Gleich angesiedelt an des Hügels Kraft, Den aufgewälzt kühn-emsige Völkerschaft.
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Ja, diesem Sinne bin ich ganz ergeben, Das ist der Weisheit letzter Schluß: Nur der verdient sich Freiheit wie das Leben, Der täglich sie erobern muß. Und so verbringt, umrungen von Gefahr, Hier Kindheit, Mann und Greis sein tüchtig Jahr. Solch ein Gewimmel möcht’ ich sehn, Auf freiem Grund mit freiem Volke stehn. Zum Augenblicke dürft’ ich sagen: Verweile doch, du bist so schön! Es kann die Spur von meinen Erdentagen Nicht in Äonen untergehn. -- Im Vorgefühl von solchem hohen Glück Genieß’ ich jetzt den höchsten Augenblick!“
Aber dieser Augenblick ist auch der letzte seines irdischen Daseins! er ist der Augenblick des Todes! -- Fragen wir jedoch, warum nun konnte diese Organisation sich nicht höher, als bis zur +Ahnung+ der Seligkeit solcher, an die Menschheit sich rein hingebenden, Liebe entwickeln? warum denn lag die lebenskräftige Bethätigung derselben außerhalb der Gränzen dieses Lebenskreises? so wäre darüber wieder so manches zu schreiben, was jedoch nicht in das Thema +dieses+ ohnehin nur zu langen Briefes gehört, in welchem ich Ihnen nur noch schließlich einige flüchtige Gedanken mittheilen wollte, über die letzte und höchste Entwickelung des Faust, wie wir dieselbe, dem Willen des Dichters gemäß, noch in der Zeit nach seiner Todes-Metamorphose vorahnen sollen; denn gerade hier, tritt abermals ein Moment hervor, in welchem die Einwirkung höchsten weiblichen Princips wieder unmöglich fehlen konnte.
Dieser letzte Abschnitt des Werkes ist aber überhaupt ein hohes und höchst eigenthümlich gedachtes Mysterium, und ich muß Ihnen sagen, daß er mir ganz vorkommt, wie eins jener alten Chroralbücher für Orgelspiel, wo nur der Hauptgang der Melodie in einzelnen ganzen Noten angezeichnet ist, und vom Orgelspieler verlangt wird, daß er nach gutem Kunstvermögen und in ihm lebendig gegenwärtigen contrapunktischen Regeln, die Harmonie und die wohl dazu sich eignenden Ausbildungen und Verzierungen selbst auszuführen und frei vorzutragen im Stande sei. -- Wem nicht die heiligen Anachoreten in ihrem wunderbaren Felsgeklüft noch lebendiger als in den Gemälden des Campo santo von Pisa, vor das geistige Auge treten, wem die einmal im Weltgeist aufgestiegne Idee einer Persönlichkeit nicht in ihren ewigen Fortbildungen faßlich werden kann, wem es unverständlich ist, wie dieselbe Idee, dieselbe Monas, nach abgeworfenen zufälligen Formen, aus der, dem Tode entflohenen, Aureole gar wohl ein neues Lebensgebilde sich entwickeln kann, ein Gebilde, dem die Erfahrungen des vorigen Lebens selbst nach abgestreiftem früheren Bewußtseyn zu innerer Förderung zu Gute kommen, dem wird diese ganze außerordentliche Conception, welche mir seit Dante’s Paradies, als das Geistigsterhabenste der Dichtung, erschienen ist, stets ein Gewirr willkührlicher, abstruser Formen bleiben, und zu keiner erhebenden Klarheit der Vorstellung gedeihen können. --
Wer nun aber dem Leitsterne des Dichtergeistes freudig zu folgen versteht, wer im eignen Geiste die Harmonien contrapunktisch nachklingen läßt zu den armen schwarzen Lettern, welche Göthe uns hierüber einzig hinterlassen konnte, dem geht dort eine ganz eigenthümlich verfeinerte ätherische Welt auf, und dem erscheint es höchst bedeutungsvoll und sinnig, wenn unter seligen Knaben das Unsterbliche Faustens, die eigenthümlich sein Erscheinen bedingende Idee, eine neue feinere Gestaltung gewinnt: Wir hören die Knaben:
„Freudig empfangen wir Diesen im Puppenstand Also erlangen wir, Himmlisches Unterpfand. Löset die Flocken los, Die ihn umgeben, Schon ist er schön und groß Von heiligem Leben.“
Noch aber fehlt ein höheres, und doch ihm innig verwandtes, Princip, welches zu eigenthümlicher, reinerer, selbstthätiger Entwickelung ihn bestimmen und anregen könnte -- da beginnt eine neue Vision:
„Dort ziehen Frau’n vorbei, Schwebend nach oben; Die Herrliche mittenin Im Sternenkranze, Die Himmelskönigin Ich seh’s am Glanze.“
Und hier schwebt denn auch das, in höhere Regionen verklärt gerettete Wesen, dessen reines, tiefes, in sich vollkommen befriedigtes Gemüth dem Faust zuerst die Ahnung +innerer+ Seligkeit erweckte -- das Wesen, das, wo es fehlte, nur durch Liebe fehlte, und diesen Fehl durch Liebe selbst und den nie versiegenden Quell vollkommenster Treue ausglich. -- Wie nothwendig fühlten wir nun alsbald, daß gerade dieses Wesen -- sonst Gretchen genannt -- das Wesen, das eigentlich schon im irdischen Leben ein tieferes und gewisseres Wissen besaß, als Faust mit aller wirrer Gelehrsamkeit -- daß dieses am meisten im Stande sei, die, sich verklärt entwickelnde, Persönlichkeit des Faust -- nun auch zur Erkenntniß der dritten jener hohen, uranfänglichen Ideen: Schönheit, Güte und Wahrheit, also zur Erkenntniß höchster, göttlicher Wahrheit, gleich wie Beatrice den Dante hinanzuentwickeln und zu leiten, deßhalb ihn zu leiten, weil sie (und hier spreche ich eigentlich wohl das letzte Geheimniß dieser ganzen Gedankenfolge aus) -- weil sie selbst als ein +rein Weibliches+ durch und durch das +Symbol der Liebe+ ist, und weil wir zu jeglichem Großen und Bedeutenden in Kunst, Leben und Wissenschaft, und zur Erfassung jeder eigentlich göttlichen Idee, nur durch ächte Sehnsucht nach derselben, durch thätige Liebe gelangen können.
Wie schön ist daher nicht, wenn sie in Beziehung auf Faust zur Maria, ihrem eigenen hellstrahlenden, leitenden Gestirn, sagt:
„Vom edeln Geisterchor umgeben, Wird sich der Neue kaum gewahr, Er ahnet kaum das frische Leben, So gleicht er schon der heiligen Schaar. Sieh, wie er jedem Erdenbande Der alten Hülle sich entrafft, Und aus ätherischem Gewande Hervortritt erste Jugendkraft! Vergönne mir ihn zu belehren, Noch blendet ihn der neue Tag.“
Und wenn ihr dann die =~Mater gloriosa~= erwiedert:
„Komm! hebe dich zu höhern Sphären, Wenn er +dich ahnet+, folgt er +nach+!“
Und so stände ich denn am Schlußpunkte dieser mannichfaltigen Gedankenzüge, welche sich in mir entsponnen hatten, um Ihnen, theurer Freund! alles das auseinander zu setzen und auszusprechen, was über die Bedeutung eines höheren, weiblichen Wesens für Entwickelung der Menschheit, mir nach und nach beim Studium dieses wunderbaren Werkes aufgegangen und deutlich geworden war.
Wie weit mir diese schwierige Aufgabe gelungen ist, in wie weit Sie mir beistimmen oder gegenüberstehen, darüber erwarte ich nun Ihre fernere Mittheilung, nur erlauben Sie mir, „all dies Vergängliche“ noch einmal „als Gleichniß“ geltend zu machen, und zwar als Gleichniß, welches den Satz bestätigen soll: daß nur jene Liebe, welche eben in ächter, vollkommener Weiblichkeit ihr höchstes Symbol findet, das alleinige Mittel sei, den Menschen zu allem Hohen und insbesondere zu lebendiger Erfassung der beseligenden Ideen der +Schönheit+, +Güte+ und +Wahrheit+ zu geleiten, und so scheint es mir denn, daß erst alsdann, wenn wir die Welt, als ihrer innersten, göttlichen Anlage nach, in solcher Fortbildung und in einem +solchen+ Entwicklungsgange erfassen, sie jenes heilige Schauspiel, jene =~Divina Comedia~=, wirklich darbietet, von welcher „der Herr“ im Eingange sagt:
„Doch ihr, die ächten Göttersöhne, Erfreut euch der lebendig reichen Schöne! Das Werdende, das ewig wirkt und lebt, Umfass’ euch mit der Liebe holden Schranken, Und was in schwankender Erscheinung schwebt, Befestiget mit dauernden Gedanken.“
Und so für alle Zeit
treulichst
Ihr C.