II.
Vierter Februar 1835. Abend.
Es ist heute wohl wieder solch ein Abend, daß seine Ruhe einladen könnte, weiteren Gedanken über die nächste Aufgabe meiner Briefe an Sie Raum zu geben! -- Wenig Wochen sind nur verstrichen, seit ich den ersten dieser Faustischen Briefe an Sie geschrieben habe; es ist kaum Zeit gewesen, um mir ein billigendes, von Herzen zu Herzen gehendes Freundeswort von Ihnen darüber zu erwerben, und doch, wenn ich auf den im Innern seitdem wieder zurückgelegten Lebensweg mit der Fluth seiner Gedanken, mit seinem Fliehen und Ziehen, seinem Sinnen und Streben, mit seinen Leiden und seinem glänzend, oft unerwartet herantretenden Glück zurückblicke, so scheint mir schon wieder ein gewaltiger Zeitraum verstrichen; ja wenn ich manche so ganz in stiller Tiefe der Seele durchlebte Begebenheiten bedenke, so kommt mir die Stelle aus Göthe in die Gedanken, wo es heißt:
„Seltsam ist Prophetenlied, Doppelt seltsam, was geschieht!“ --
Gewahre ich aber dann in allen diesen schwankenden Erscheinungen den Strahl des Göttlichen, welcher sich wie sanft einfallendes Mondlicht durch Alles hindurchzieht, so fühle ich mich so wunderbar beruhigt, so beschwichtigt und erheitert, daß das Gefühl inniger Dankbarkeit mich durch und durch erfüllt und eine =~Calma~= in mir verbreitet, welche mir immer am geeignetsten schien, wenn irgend ein Gegenstand so recht in voller Eigenthümlichkeit in der Seele sich spiegeln soll. Wende ich mich nun mit solchem Sinne wieder zu jenem gewaltigen Werke unsers großen Meisters, so fühle ich mich gern angeregt, nachdem ich früher über das Verhältniß des Dichters zum Werke mich ausgesprochen, nunmehr die Grundfrage des Kunstwerks selbst mit Ihnen etwas ausführlicher zu betrachten, und ich bin überzeugt, daß, nachdem Sie Ihre Billigung meiner Gedanken über den Entwicklungsgang des Menschen und die Bedeutung des in diesem Gange hervortretenden Sündhaften ausdrücklich erklärt haben, wir uns auch hierüber gar wohl verständigen mögen.
Als Grundfrage des Werkes, wie es nun in seiner Vollendung vor uns liegt, betrachte ich aber: +ist es menschlicher und poetischer Wahrheit gemäß, daß Faust höherer Gottinnigkeit und Seligkeit zuzureifen noch fähig sei, nachdem er dem Bösen sich verbunden und, bis in höheres Alter vom Zuge innerer Leidenschaftlichkeit getrieben, unter manchem Tüchtigen auch das Unrechte, ja das unbedingt Verwerfliche auf sich geladen+? -- Keine Frage ist so gemacht, um die Grundfarbe des Antwortenden sogleich hervortreten zu lassen, als diese, und ich erinnere mich, die wunderlichsten Discussionen darüber gehört zu haben! -- Priester und Leviten treten heran und verdammen ihn, die ethischen Philosophen verwerfen ihn, und die Juristen verurtheilen ihn unbedingt; ja, daß Göthe diesen Gedanken der endlichen Beseligungen eines Faust festhalten konnte, wird ihm selbst zu nicht geringem Vorwurf gedeutet, und nicht viel besser wird mit dem verfahren, welcher Göthe’s hierin sich anzunehmen sich unterfangen möchte. -- Dieses denn nun alles auf sich beruhen lassend, will ich Ihnen jetzt treulich berichten, welcher Gedankenzug sich mir über diese Frage ergeben hat, und wie ich darüber gleich anfangs, sowie das Werk mir vollendet entgegentrat, mich gestimmt fühlte.
Frage ich aber zuerst im Innern bei mir selbst nach, von wo aus eigentlich und zuhöchst mein Urtheil bestimmt werde, so macht sich die mannichfaltige Naturbetrachtung, welche einen großen, ja den größten Theil meiner Lebenszeit redlich beschäftigt hat und beschäftigen wird, alsobald ihrem ganzen Gewicht nach geltend. Die Natur, diese ewige Hieroglyphe der Geisteswelt, hatte mir tausendfältig das Gesetz bewährt, daß, je mächtiger und vollendeter eine bedeutende Individualität hervortreten solle, um so vielfältigere Metamorphosen, um so eingreifendere Umstimmungen müsse sie erfahren; nur das Einfachere, schwächer Organisirte, von minder energischer Idee innerlich Getriebene lebe ohne bedeutende Verwandlungen in Zeit und Raum sich dar. -- Es ist gleichsam, als habe die bedeutendere Monas dadurch, daß sie ein größeres Material zu ihrer Erscheinung fordert, auch mächtigere Kämpfe nothwendig, um zu voller Beherrschung desselben und in diesen Kämpfen, Umbildungen und Erschütterungen zu ihrer eigenen vollkommnen Ausbildung, ihrer genügenden innern Aufklärung, -- mit einem Worte, zum höhern Selbstbewußtsein zu gelangen. -- Indem ich dieses nun auf der einen Seite recht klar anerkenne, weist auf der andern Seite mich derselbe Weg der Betrachtung auf das durch die ganze Schöpfung herrschende Gesetz unendlicher, unermeßlicher Mannichfaltigkeit, darauf, daß jeglicher Individualität eine besondre, eigenthümliche, von der andern verschiedene Idee zum Grunde liege und jeglicher dieser unendlich mannichfaltigen Ideen eine besondre Art des sich in Zeit und Raum Darlebens, eine eigenthümliche Entwicklung von Ewigkeit her angewiesen sei. -- Jetzt denn auch dieses Gesetz scharf ins Auge gefaßt, muß es uns klar werden, wie im Kreise menschlicher Naturen, als der zu einem höhern Lichte Berufenen, vermöge der auch hier sich äußernden unendlichen Mannichfaltigkeit, neben einzelnen ruhigern, klarern Individualitäten, auch andere thatkräftige, gewaltige, ich möchte sagen, dämonische Naturen auftauchen, welche, von feurigern Gedanken getrieben, zu prometheischen Thaten bestimmt sind, bedeutend in den gesammten Entwicklungsgang der Menschheit von irgend einer Seite eingreifen und, gleichsam schwerer, als viele Andre, von irdischen Stoffen und irdischen Bestrebungen belästigt, erst nach langwierigen Stürmen zu voller Beschwichtigung, zu höherer Befriedigung gelangen. Warum dem so sein müsse, warum es dem Einen leichter ward, den rechten Schwerpunkt seines Daseins zu finden, während der Andre ihn erst nach unendlichen Schwankungen erkennt? darauf ist es genügende Antwort, wenn wir uns erinnern, daß die gesammte Welterscheinung nur auf Mannichfaltigkeit und Gegensatz beruht und daß in ihr dergleichen Verschiedenheit vollkommen eben so unerläßlich ist, als in der harmonisch melodischen Kunst der Töne dissonirende und consonirende Akkorde und hohe und tiefe Noten gefordert werden. Will man aber noch weiter gehen und fragen, warum nun gerade Diesem seine Entwicklung erleichtert und begünstigt und Jenem die Seinige verzögert und erschwert sei? -- dann werden wir nie eine passendere Entgegnung finden, als die jenes Apostels, dem selbst eine so merkwürdige Entwicklungsfolge vom Dunkel zum Licht aufgegeben war; ich meine jene Stelle, wo es heißt: „So erbarmet er sich nun, welches er will, und verstocket, welchen er will.“ -- So sagest du zu mir: Was schuldiget er denn uns? wer kann seinem Willen widerstehen? -- Ja, lieber Mensch, wer bist +Du+ denn, daß Du mit Gott rechten willst? Spricht auch ein Werk zu seinem Meister: „Warum machst du mich also?“ -- Worte, welche auf eine hohe und doch milde Lebensansicht deuten, durch welche wir in den Stand gesetzt werden, mit immer liebevoller, nur einmal bewundernder, ein andermal beklagender Gesinnung, bald die freudig und leicht vorschreitende, bald die gehemmte und verfehlte Entwicklung des Göttlichen irgend einer Menschenseele zu betrachten. -- Wollen Sie sich nun auf diesem Standpunkte erhalten, um die eigenthümliche Entwicklung des Faust, wie sie wohl ihrer innern Idee nach in Göthe auftauchte, in Überblick zu nehmen, so meine ich, es würde Ihnen, wie mir, dann Folgendes zum Verständniß kommen: -- Unter den mannichfaltigen bedeutenden Individuen, welche sich aus dem Strome der nur ihrer Zahl nach geltenden Menge hervorheben, gewahren wir, wie ich schon oben andeutete, einzelne, welche, von einem hellglühenden Funken des Göttlichen innerlichst bewegt und gegen eine höhere geistige Entwicklung getrieben, doch, wenn ich so sagen darf, vermöge einer besondern Mischung des Materiellen ihrer Erscheinung, mit Heftigkeit und Stetigkeit an die Welt der sinnlichen Erscheinung, und zwar bald in der einen, bald in der andern Richtung, gebunden sind. -- Es ist nun nothwendig, daß aus diesem innern Widerspruche, aus diesem Streit und dieser zwiefachen Richtung vielfältige Reibungen, Stürme und mannichfaltige, gewaltsame Umbildungen hervorgehen müssen. So erschien unserm Schiller der Geist eines Wallenstein! Wir hören ihn:
„Mich schuf aus gröberm Stoffe die Natur, Und zu der Erde zieht mich die Begierde. -- -- -- Ich kann mich nicht, Wie so ein Wortheld, so ein Jugendschwätzer, An meinem Willen wärmen und Gedanken, -- Nicht zu dem Glück, das mir den Rücken kehrt, Großthuend sagen: Geh! ich brauch dich nicht. Wenn ich nicht wirke mehr, bin ich vernichtet.“
In solchem Sinne zeigte uns die neuere Geschichte einen gewaltigen, über die Erde hinschreitenden Geist, -- und wie die Individualität solcher Seelen groß ist, so sind auch ihre Entwicklungsvorgänge gewaltsam, und oft nur durch Blut und Tod machen sie den innern göttlichen Kern ihres Daseins unter heftigen, nur von so starken Seelen zu ertragenden Schmerzen aus der irdischen, einengenden Schale frei. -- Aber eben so auch nach ganz andern Richtungen kann die Seele des Menschen im Gegensatze zu ihrer innersten, rein göttlichen Entwicklungsrichtung gezogen werden, und Geister, denen die Menschheit unendlich Vieles für ihr Fortschreiten in Wissenschaft und Kunst verdankt, erlitten innerlich die peinlichsten Zustände, veranlaßt durch den Widerstreit einer zu heftigen, der äußern Erscheinung zugewendeten Liebe und einer tiefbegründeten gottinnigen Richtung. Sie haben bei Ihren literarischen Studien daher gewiß vielfältigst empfunden, ja wir haben uns oftmals darüber mündlich und schriftlich ausgesprochen, wie in verschiedenen Formen sich der Zug jener Schwermuth, jener innern, aus dem bezeichneten Widerstreben hervorgehenden, bald stärker, bald schwächer erscheinenden Qualen in den Werken der reichbegabtesten Naturen dem Feinfühlenden offenbaret, und wie nicht selten die uns tief ergreifendsten Werke der Kunst und des Wissens gerade nur die nothwendige Äußerung oder richtiger Veräußerung jener Zustände sind. Machte mir doch in dieser Beziehung neulich die aufmerksame und oft wiederholte Betrachtung eines Blattes von dem sonst so gar stillen und frommen Albrecht Dürer eigene Gedanken. Ich weiß nicht, ob Sie sich des Blattes deutlich erinnern? es ist unter dem Namen der Melancholie bekannt und stimmt so ganz in den Sinn unsres Thema, daß ein in diesen Tagen bei mir eintretender Freund, dem das Blatt noch unbekannt war, es gleich mit dem Ausrufe: „Siehe da Faust!“ begrüßte. -- Lassen Sie es mich auf den Fall, daß es Ihnen nicht mehr ganz gegenwärtig, etwas näher beschreiben! es gelingt mir dadurch vielleicht, einen zu einförmigen Gang meiner Gedanken zu unterbrechen, und jedenfalls gewinnen wir dadurch ein sinnvolles Gleichniß, um manche an sich schwerer auszusprechende Gedanken dadurch zu bestimmterer Anschauung zu bringen. -- Die Scene des Bildes ist aber eine wunderlich gedachte offene Halle; rechts ein starker viereckiger Pfeiler, nur bis zu seinem ersten untern Gesimskranze sichtbar; vor diesem auf einer Steinplatte sitzend ein männlicher, in langes phantastisches, oben knapp anliegendes, unten reichfaltiges Gewand gekleideter Genius, von dessen wohlverziertem Gürtel ein Bund Schlüssel und eine gefältelte, bebänderte Tasche herabhängt. Ein mächtiges, halb gehobenes Paar von Adlerflügeln entsprießt den Schultern, und langes Haar umwallt das von Immergrün bekränzte, gedankenvoll auf die linke Faust gestützte Haupt. Im Schooße ruht ein zugeketteltes Buch, und die rechte darauf liegende Hand hält absichtslos einen Arm des halbgeöffneten Zirkels, während das Auge des beschatteten Gesichts starr und sinnend hinaus blickt. Nun umher die wunderlichsten Geräthschaften und Modelle! -- Zu den Füßen des Genius bedeutungsvoll die Urform alles Werdenden, die reine Kugel; auf dem Sockel der Aussicht aus der Halle ein Stück einer fünfseitigen, ungleich abgestutzten Säule und daneben, am Pfeiler lehnend, ein am Rande ausgebrochener Mühlstein, umhergestreut aber Nägel, Zangen, Blasbalg, Hobel, Säge, Hammer, Fügemaaß, Lineal und eine seltsame Kapsel mit einer Flasche, während hinter dem fünfseitigen Säulenfragment ein Schmelztiegel auf sprühenden Kohlen glüht, und wir, am Pfeiler aufgehangen, eine Glocke, eine laufende Sanduhr, ein mystisches Quadrat aus 16 Feldern, deren je 4, in jeder beliebigen Richtung gezählt, stets die Zahl 34 geben, und eine sauber gearbeitete Wage gewahr werden.
Unter allem diesen liegt nun zu den Füßen des Genius eine abentheuerliche Art von großem Hund ruhig zusammengeschmiegt, während auf dem mit einer Decke überbreiteten Mühlstein ein kleiner Genius mit erst sprossendem Flügelpaare sitzt und ganz emsig und in seine Arbeit vertieft mit dem Griffel ein Täfelchen beschreibt. Der Gegensatz des eifrig schreibenden Kleinen mit dem müßig sinnend und traurend hinausblickenden Großen giebt zu mancherlei Betrachtungen Anlaß, -- und um nun den sonderbaren Kreis dieser Vorstellungen zu vollenden, gewährt die offne Halle, an welcher von Außen eine ganz gewöhnliche, hier freilich symbolisch erscheinende Leiter lehnt, noch die Fernsicht auf das weite, ruhige Meer mit seinem von bewaldeten Hügeln und Ortschaften bedeckten Ufer, über welches ein sonderbarer Regenbogen sich wölbt, und unterhalb dessen ein cometenhaftes Meteor den Himmel mit seiner Strahlung erfüllt. Auf diesem Hintergrunde aber schwebt endlich ein aus Fledermaus und Schlange gebildetes diabolisches Spektrum heran, und mysterios trägt es auf seiner ausgebreiteten Flughaut das Wort =~Melencholia s. I.~= --
Vergegenwärtigen Sie sich nun auf einmal die Gesammtwirkung dieses sonderbaren Bildes, und ist es dann nicht die qualvolle Sehnsucht des alle Höhen und Tiefen erfassen wollenden Geistes, welche in demselben sich spiegelt? tritt nicht die dämonische Kraft darin anschaulich hervor, welche, ihre Sehnsucht nach ihrem göttlichen Urquell tief in sich bewahrend, doch zugleich von der Gewalt ihrer eignen Daseinsform gegen die Ergründung alles Seienden gezogen wird, und, weil dieses Streben natürlich nie vollkommen erreicht wird, ja jenem innersten Zuge doch mehr oder weniger widerstreitet, eine verzweifelnde, sie selbst manchem Unheil entgegenführende Stimmung nicht ganz bemeistern kann? -- Und ein solches Gefühl konnte selbst in der milden Seele des getreuen Alb. Dürer mit solcher Macht Platz greifen, daß er ihm durch eine so mühsame, vielfältigst durchgearbeitete Darstellung Luft machen mußte? -- Kann uns Etwas von diesem tief in jedes Menschen Brust gelegenen schmerzlichen Geheimniß Zeugniß geben, so ist es, wie mir scheint, diese Wahrnehmung! --
Dieses alles hinlänglich erwogen, komme ich nun zu unsrer Hauptfrage: was kann einer menschlichen Seele, sei sie von dieser oder jener Individualität, jedenfalls ihre Annäherung zur höchsten Beseligung, zur Gottinnigkeit gewähren, und wodurch kann sie dieser Beseligung verlustig gehen? -- Hierauf kann ich nun in Folge aller vorhergegangenen Betrachtungen nichts antworten, als: +Die Seele wird durch alle Metamorphosen und durch die wunderlichsten Ablenkungen hindurch zur höhern Beseligung gelangen, sobald sie nur Thatkraft, Elasticität und ein lebendiges rastloses Streben sich erhält, um von nichts ihrer innerlich Unwürdigem sich dergestalt fesseln zu lassen, daß sie im Trägen, dabei verharrend und gleichsam darauf ruhend, ihre höhere Bedeutung vergißt und dem Zuge jenes ihr eingebornen Magnetes entsagt, welcher gegen ihren Urquell, durch alle Lebensstürme und Ablenkungen hindurch, sie fortwährend zu leiten, ja zu treiben bestimmt ist.+ --
Nehmen wir nun eine Feuer-Seele, gleich der des Faust, ihrer innersten Eigenthümlichkeit nach von unbedingtem Streben gegen ächtes Freisein in Läuterung von allem Ungemäßen gerichtet, denken wir aber in dieser Seele zugleich eine heftige Anziehung gegen das Drängen der Erscheinungswelt und überdieß sie in eines jener dissonirenden Verhältnisse des Lebens verwiesen, dessen Druck uns nur gerechtfertigt wird, wenn wir daran gedenken, daß ohne dissonirende Akkorde im Einzelnen keine befriedigende Fortschreitung höherer Harmonie im Ganzen möglich wäre, und es wird uns begreiflich, wie schmerzlich, krankhaft und stürmisch die Entwicklung einer solchen Seele durch tausendfältig bindende, lösende und wieder bindende Vorgänge zu endlicher Freiheit sich hindurch winden müsse, wie ängstlich suchend die Arme oft durch tausendfältige, zu Leiden sich wandelnde Freuden aufstreben müsse, um zu höherer gottinniger Freiheit zu gelangen. +Dante+ vergleicht in seinem =~Convito~= die Seele des durch das Irrsal des Lebens ihrer Bestimmung zustrebenden Menschen dem Wanderer, welchem das Finden seiner beseligenden Heimath verheißen ist, und welcher nun auf solchem Wege bald diesen, bald jenen von Weitem gesehenen Ort für die Heimath hält, ihm ängstlich zueilt und, mit schmerzlicher Täuschung belehrt, zu immer weiterer Wanderung sich genöthigt sieht. -- Gewiß dieses Bild eignet sich nun auch besonders, um den innern Zustand einer Faustischen Natur zu bezeichnen, nur lassen Sie mich noch insbesondre hinzufügen, daß ich mich ausdrücklich dagegen erklären muß, wenn man jenes gegen das höchste Göttliche in einer solchen Seele lebende, unaufhaltsame Anstreben fortwährend als ein sich seiner selbst klar Bewußtes denken möchte. -- Nein! wie die weit von ihrer Brütstätte im verschlossenen Raume hinweggeführte Brieftaube durch einen unbewußten, magnetischen Zug gegen ihre Heimath getrieben wird, so daß Sturm und Wolken sie zwar vielleicht mitunter ablenken können, sie aber doch immer durch ihr innerstes, bewußtloses Wissen jenen ihr gemäßen Weg wiederfindet, so auch eine solche Seele, in welcher der Ewige jenen Zug gnädig entzündete, deren er sich, wie der Apostel sagt, „erbarmen wollte“; -- auch sie findet, ohne zu wissen, warum, an keinem andern Orte Ruhe; das Ersehnteste, wenn es ihr im Innern nicht gemäß ist, wird ihr zur Qual, und, rastlos weiter getrieben, kann oft eine einzige Erscheinungsform, ein einziges „Leben“, wie wir zu sagen pflegen, nicht ausreichen, um die Entwicklung zu ihrem endlichen Ziele zu leiten. -- Das eben ist es ja, wenn der Herr sagt:
„Wenn er mir jetzt auch nur +verworren+ dient, So werd’ ich bald ihn in die Klarheit führen!“
Und so muß ich’s denn nun geradezu aussprechen: Göthe’s Faust wäre ein gemeines, nie zu so hoher Bedeutung und vielfacher Betrachtung gekommenes Werk, hätte er nicht gerade die große Idee als Grundgedanken enthalten, die Menschenseele in ihrer innern Göttlichkeit, wie sie mit bewußtlosem Zuge durch Tausende von Scheinwesen und Irrsale hindurch ihrer höchsten göttlichen Befriedigung entgegen strebt, oder entgegen gezogen wird, zu lebenvoller begeistigender Darstellung zu bringen, eine Aufgabe, die freilich so ungeheuer ist, daß ich weit davon entfernt bin, +alles+, was im und an dem Werke Erscheinung seiner Form genannt werden kann, unbedingt zu billigen und zu bewundern; es ist Außerordentliches geleistet, es ist ein Werk, welches, so lang Sinn für Poesie im Menschengeschlecht leben wird, nicht untergehen kann; aber wie die alten gewaltigen Dome unsrer Vorfahren, Bauwerke, mit denen der Faust bis auf ihre phantastische Verzierung mit Naturwerken so viel Verwandtes hat, gewöhnlich nie ihre vollkommne Beendigung und räumliche Vollendung erfuhren, so ist auch der Faust mehr +beendet+ als +vollendet+; aber vor allem fordere ich, daß Jemand, der den Faust überhaupt anerkennen will, +seine Grundidee anerkenne+, daß er das darin ausgesprochene genetische Princip alles ächten Seelenlebens achte, und daß er deutlich empfinde, wie das Begeistigende, ewig Anregende, ich möchte sagen, +Frühlingsmäßige+ dieses Faust auf der lebenvollen Grundanschauung von dem zwar tief zu beugenden, aber an sich schlechthin unverwüstlichen göttlichen Princip der Seele durch und durch gegründet sei. -- Hatte ich daher im Vorhergehenden unsers vielgetreuen Alb. Dürer =~Melencholia~= dem Faust von einer Seite, nämlich hinsichtlich ihrer tiefschmerzlichen, von trüben dämonischen Gedanken umschwebten Sehnsucht, verglichen, so möchte ich nun auch ein andres Blatt desselben Meisters Ihnen in’s Gedächtniß rufen, von welchem ich weiß, daß es unter dem Namen des „Ritters zwischen Tod und Teufel“ auch Ihnen bekannt genug ist, und möchte auch dieses dem Faust vergleichen, in wiefern hier in dem wohlgerüsteten, von allem Spuk unaufgehaltenen Ritter jene andre Seite dieses Werkes deutlich erkannt werden könnte, von welcher der Herr sagt:
„ein guter Mensch in seinem dunkeln Drange +ist sich des rechten Weges wohl bewußt+!“
Was aber soll man denen sagen, welche, als Schergen der himmlischen Justiz, verlangen, daß Faust wegen begangener Übelthaten sofort nach seinem Abscheiden der oder jener Höllenmarter von Rechtswegen übergeben werde? -- Am besten wohl -- +nichts+!
Sie, theurer Freund, sind gleich mir genugsam überzeugt, wie wenig eine Polemik fruchten kann, wenn sie zwischen grundwesentlich Verschiedenen Statt findet! es wird ein fruchtloses Gewirre, als ob Menschen in zwei verschiedenen Sprachen, deren keine vom Andern verstanden wird, sich stritten! -- Wem noch nicht klar geworden ist, daß jeder von dem reinen Streben zum Göttlichen abgelenkte Zustand seine Qual oder, wenn Sie es menschlicherweise ausdrücken wollen, seine Strafe +in sich+ trägt; wem nicht die Erkenntniß aufgegangen ist, daß von dem Tartaros der Griechen an bis zu Dante’s Hölle und Purgatorio die Sagen von einem Marterort der Seelen auf Bildern und Gleichnissen von diesen innern, jeglichen unfreien Zustand der Seele begleitenden Schmerzen und Qualen durch und durch beruhen -- Gleichnissen, welche um so materieller und schwerfälliger aufgefaßt wurden, je unbeholfener oder befangener die menschliche Vorstellungsweise war --; wem endlich die Bedeutung der zwar von einem Anfange anhebenden, aber unendlicher Entwicklung fähigen Fort- und Fortbildung der Seele verborgen geblieben ist, dem läßt sich nun einmal hierüber weiter nichts sagen, und wir überlassen ihn getrost +seiner+ eignen Weiterbildung! -- Hübsch ist es übrigens, wie Göthe selbst, welcher die Gestalten jener Gleichnisse, den plastischen Anforderungen des Dichters gemäß, nicht entbehren konnte, geradezu Mephisto, indem ihn der Herr an den lebenden, sich mannichfaltig versuchenden Faust verweist, sagen läßt:
„Da dank ich euch! +denn mit den Todten+ Hab ich mich niemals gern befangen.“
Bedenke ich aber die Anforderungen jener Widersacher noch ausführlicher, so scheint mir wohl ein wesentlicher Grund für ihr Verlangen nach Verdammniß darin zu liegen, daß sie keinen Sinn für das haben, was tiefer Seelenschmerz von uns genannt wird; sie sind so in die Äußerlichkeit des Lebens eingewickelt, ja untergegangen, daß es ihnen nicht glaublich vorkommt, Jemanden, der im Leben bequem ißt und trinkt, dem selbst manches hohe Glück begegnet, für innerlich tausendfältig gepeinigt zu halten; sie nennen das „eingebildete Schmerzen“, und sie verlangen wirkliche; -- sie ahnen nicht, daß hier oft das, was sie wirkliche Schmerzen nennen, das Kühlungsmittel der brennenden Wunde der Seele werden kann, -- sie haben nun einmal keinen Sinn für das Schmerzenswort, welches noch dem hochbejahrten Faust entfährt:
„So sind am härtsten wir gequält: Im Reichthum fühlend, +was uns fehlt+.“
Und endlich, wenn man nun auch von dem alttestamentlichen „Aug’ um Auge, Zahn um Zahn!“ sich zu einer eigentlich christlichen Ansicht der Vergebung und der höhern Gnade erheben könnte, so heißt es endlich: die Zerknirschung, die Reue und Buße -- das müsse doch wenigstens vorhergehen! -- und wie +sie+ es bei ihrem Archonten gewohnt sind, so müsse doch dem, der das Recht zur Begnadigung habe, vorher die hinreichende Demüthigung und Bittstellung vorgebracht werden! -- O Himmel und Erde! -- welcher Ansicht von jenem ewigen, unermeßlichen, unaussprechlichen Wesen muß ich da gedenken! -- jenem Wesen, von dem es heißt: „er erbarmet sich, welches er will!“ jenem Wesen, vor welchem Weltsysteme ihre ungeheuren Entwicklungen durchlaufen und welches gnädig auch die Entfaltung der stillen Pflanze begünstigt, jenem Wesen, vor welchem die in Stürmen fortschreitende, titanenhafte Seele eben so sich heranbildet, wie die Seele des mildgesinnten, jegliche Abweichung schmerzlich bereuenden Dulders, jenem Wesen, von welchem der Psalmist sagt:
„Du machest Deine Engel zu Winden und Deine Diener zu Feuerflammen! -- Licht ist Dein Kleid, das Du anhast; Du breitest aus den Himmel, wie einen Teppich!“ --
Nein! ich will Ihnen über alles Andre schreiben, aber nichts mehr von jenen Ansichten, deren allgemeinere Vernichtung freilich erst einer Zeit vorbehalten sein wird, deren Herannahen, als einer abermaligen großen Entwicklungsstufe der Menschheit, wir nur im Stillen zu ahnen im Stande sind! -- Nur das will ich noch mit zwei Worten berühren, daß mir einst ein sonst ganz wackrer Mann entgegenstellte, die unbedingte Strebsamkeit, die fortwährend aufgeregte Thätigkeit allein könne doch nicht hinreichen, eine Seele zur höchsten Beseligung, zu vollkommener Läuterung zu führen, wenn er auch gern zugebe, daß das Versinken in Trägheit, das eigentliche Sichfallenlassen, das faule Dahingeben des Geistes an das, was nichtig ist, die wahre Verdammniß und die bleibende Niederbeugung alles Hohen und Göttlichen im Menschen bewirken müsse! -- Aber er bedachte nicht dabei, daß im Faust von keiner vagen, hin und her schweifenden Bethätigung die Rede ist, daß es sich hier um ein Hinaufwachsen durch die mannichfaltigsten Lebenserfahrungen, um eine nach höhern Gesetzen durch die verschiedensten Lebenskreise fortschreitende Ausbildung handelt, eine Ausbildung, während welcher gerade das schmerzliche Gefühl der Unvollkommenheit jedes momentanen Zustandes der Sporn ist, welcher den strebenden und während des Strebens mannichfach irrenden und leidenden Geist rastlos vorwärts treibt.
Und so seien nun der Worte für jetzt genug! denn wir sind, glaube ich, auf einem Punkte angekommen, wo jener schöne Spruch uns vollkommen gerechtfertigt erscheint, welcher als der Schlußstein dieses mächtigen Dichtung-Bogens angesehen werden kann, und mit welchem ich für heute diesen Betrachtungen und Ihnen Lebewohl sage, -- der Spruch:
„Gerettet ist das edle Glied Der Geisterwelt vom Bösen. Wer immer strebend sich bemüht, Den können wir erlösen. Und hat an ihm die Liebe gar Von oben Theil genommen, Begegnet ihm die sel’ge Schaar Mit herzlichem Willkommen.“