Part 3
Längs des Schwarzen Meeres, bei Brussa beginnend, gedeiht ebenfalls ein aus Bafra-Samen gezogener Tabak, der aber in der Qualität minderwertiger ist. Die Sortierungen der Schwarzmeer-Tabake werden auch vorzugsweise nach Blattgrößen gewonnen, und zwar heißen die kleinsten Blätter Doruk, die etwas größeren Doruk-Alti und eine etwas andere Blattart Bitjak. Dazu kommen noch als Untersortierungen die Baljabitjak und die Gourmez hinzu.
Zu erwähnen ist noch der östlich von Samsoun gezogene Taschowa-Tabak, ein gehaltloser, gelber und leichter Fülltabak.
* * * * *
Der vornehmste und edelste kleinasiatische Tabak ist der Smyrna-Tabak. Er ist meist hell, besonders in der besseren Qualität. Er ist sehr weich und von sehr starkem Aroma. Der Smyrna-Tabak ist das typischste Beispiel von Würztabaken. Sein Aroma und seine Schärfe läßt ihn für sich allein gemischt für den menschlichen Genuß völlig ungeeignet erscheinen. Aber er besitzt die Eigenschaft, in kleinen Mengen anderen Tabaksorten beigemischt, ein wundervoll süßes Aroma hervortreten zu lassen.
Der feinste Smyrna-Tabak wächst in den Bezirken Ayassoluk, Ghiourkoi und Tshangli. Diese Tabake werden nicht als Basma manipuliert, sondern als Caloups, d. h. die Blätter werden an Fäden aufgereiht, während die in den Bezirken Ligda, Odemich wachsenden Tabake hauptsächlich als Basma verarbeitet werden, was man hier Pastals nennt. Der Ligda-Bezirk ist neben dem Ayassoluk und dem Ghiourkoi der beste Smyrna-Bezirk. Die Bezirke im Innern Kleinasien, und zwar besonders Magnesia, bringen die weniger wertvollen Smyrna-Tabake hervor.
Die Süße und der Duft des guten Smyrna-Tabaks und besonders der als bevorzugt bezeichneten Bezirke ist unvergleichlich. Er ist infolgedessen das hochwertigste Material für Cigaretten einer entsprechenden Geschmacksabsicht. Die verschiedenen Qualitäten des Smyrna-Tabaks, soweit es sich um Pastals d. h. Basma-Arbeit handelt, werden in Dubec, Dubec Basma, Sirapastal und Teterta eingeteilt; soweit sie in Caloups gearbeitet sind, teilt man sie in Caloup-Maxoul, Caloups, Cabas (gereihte Blätter wie die Caloups, aber in geringerer Qualität), Matzakia (geringere Sortierungen) und in Tonges oder Refusen (lose Blätter). Die minderwertigste Sortierung nennt man Kirik, das sind zersplitterte oder zerbrochene Refusen.
Die vorgenannten Tabake, vor allem die mazedonischen, Samsoun- und Smyrna-Tabake werden in ihren oberen Qualitäten je nach der Qualitätsanforderung der Cigarette in größeren oder kleineren Mengen als ausschlaggebende Würztabake beigemischt. Die Mittelqualität dieser Tabaksorten dient bei guten Cigaretten als Füllmaterial. Bei geringeren Cigaretten werden als Füllmaterial in der Hauptsache bulgarische und ähnliche Tabake verwendet.
* * * * *
Die russischen Tabake bilden eine ziemlich scharf abgetrennte Gruppe für sich, da ihre Herbheit und Eigenart eine besondere Form der Cigarette und eine besondere Art zu rauchen bedingt.
Bei fast allen russischen Distrikten werden qualitativ zwei Arten von Tabaken unterschieden, nämlich Tabake, die aus Samsoun-Samen gezogen werden, und solche, die aus Trapezunt-Samen herkommen. Von diesen beiden Arten ist die erste ganz erheblich wertvoller als die zweite. So unterscheidet man z. B. in dem kaukasischen Distrikt, dem sogenannten Kuban-Distrikt, außer dem edelsten Gewächs dieses Gebietes, dem Maikub-Tabak, noch je zwei Arten Sakuban-, Abin- und Martanska-Tabake. Von diesen Sorten besitzt vor allem der Martanska-Tabak aus Samsoun-Samen einen sehr guten Ruf. Er ist ziemlich neutral in seiner Mischwirkung, hellfarbig und von gutem, edlem und vor allem reinem Geschmack.
Die bekanntesten und verbreitetsten russischen Tabake kommen aus der Krim. Es gibt dort einen sehr edlen als Basma verarbeiteten Dubec, der zwar schwer brennt, aber als Würztabak seines starken Aromas wegen sehr gesucht ist. Daneben gibt es auch Baschibagli-Arten. Der eigentliche Krim-Tabak im engeren Sinne wird von Fachleuten Joujenberger genannt.
Den Sochoum-Distrikt teilt man in die Gebiete Batum, Sozji, Tuapse und des eigentlichen Sochoum, von denen der letztere sehr beachtenswert ist. Der aus Trapezunt-Samen gewonnene Sochoum ist leicht, hellfarbig und gehaltlos, aber die andere Art aus Samsoun-Samen ist sehr aromatisch, voll, sehr ergiebig und gegenüber dem erstgenannten von mehr bräunlicher Farbe. Beide Arten sind durchaus rein im Geschmack und nicht schmierig. Der Sochoum aus Samsoun-Samen ist der wertvollste Tabak russischer Provenienz. Er ist dem originalen Samsoun-Tabak ziemlich gleichwertig, und deshalb ist er in die Rangabstufung der edelsten türkischen Provenienzen sehr wohl einreihbar.
Der bessarabische Distrikt ist bezüglich seiner Qualitäten ziemlich monoton. Man unterscheidet eigentlich nur einen westlichen und einen östlichen Teil und kann dabei behaupten, daß der Tabak desto besser ist, je östlicher seine Herkunft innerhalb des Gebietes bezeichnet wird. Für den europäischen Markt haben seine Erzeugnisse qualitativ nur eine geringe Bedeutung.
* * * * *
Zu erwähnen sind noch die häufig zur Verarbeitung gelangenden altgriechischen Tabake, insbesondere der Argos-Tabak, der Missilonghi-Tabak, der Volo-Tabak und der Agrinion-Tabak; ferner die auf den verschiedenen Inseln des Jonischen und Ägäischen Meeres kultivierten Tabake.
Die altgriechischen Tabake sind mit Ausnahme des Agrinion-Myrodata-Tabaks qualitativ mehr oder weniger minderwertig. Sie brennen in der Hauptsache schwer und hinterlassen beim Rauchen einen bitteren Nachgeschmack, der sich erhöht, wenn der Tabak nicht unmittelbar nach der Verarbeitung zur Cigarette geraucht wird. Die Farbe des griechischen Tabaks ist mit geringen Ausnahmen hellgelb. In der Hauptsache finden diese Tabake jedoch nur für geringere Cigarettensorten Verwendung. Wenn auch häufig diese Tabake für bessere Cigaretten von nicht besonders fachkundigen Fabrikanten verarbeitet werden, so muß doch gesagt werden, daß eine gute, in der Qualität sich gleichbleibende Cigarette aus den altgriechischen Tabaken nicht hergestellt werden kann. Der Myrodata-Tabak aus dem Agrinion-Bezirk dagegen ist süß, brennt gut und ist als Beimischung zu mazedonischem Tabak verwendbar. Die auf den Inseln gezogenen Tabake sind gleichfalls in der Farbe größtenteils hellgelb und besitzen zumeist dieselben Eigenschaften wie der altgriechische Tabak. Eine Ausnahme bildet der auf der Insel Samos wachsende Tabak, der im Charakter dem Smyrna ähnelt, ohne ihn allerdings auch nur im entferntesten an Wert zu erreichen. Dieser Tabak wird vielfach als Smyrna-Tabak angeboten und gekauft. Der nicht sehr fachkundige und in diesem Falle betrogene Fabrikant stellt dann erst viel später fest, daß der Tabak ihn enttäuscht hat.
* * * * *
Wenn man einem Orientalen eine Frage über die Abwertung der einzelnen Provenienzen vorlegt, so kann man gewiß sein, daß er die Tabake seiner engeren Heimat als die jeweils besten bezeichnet. Trotzdem die Möglichkeiten der Schaffung guter Cigaretten mannigfaltig sind, wird doch eine gewisse Übereinstimmung in dem Urteil festzustellen sein, daß die edlen mazedonischen Tabake der Xanthi- und Cavalla-Bezirke und die Smyrna-Tabake, wozu noch der Samsoun tritt, die edelsten Gewächse sind, die zur Verarbeitung kommen können. Die drei genannten Hauptarten charakterisieren gleichzeitig gewisse Geschmacksunterschiede der durch sie erzeugten Cigaretten. Während die aus vorzugsweise mazedonischen Tabaken hergestellten Cigaretten meist sehr voll, weich und blumig wirken, zeigen die Cigaretten aus vorzugsweise Samsoun-Tabaken ein gewisses herbes und charaktervolles Aroma. Die durch Smyrna-Tabake charakterisierten Cigaretten dagegen zeichnen sich durch eine außerordentliche Süßigkeit aus, zu der je nach den verwendeten Fülltabakmischungen eine mehr oder weniger starke Völligkeit, Weichheit oder auch Strenge der unmittelbaren Geschmackswirkung hinzukommt.
Die Europäer sind gewohnt, noch von einer anderen charakteristischen Cigarettensorte mit typischen Geschmackseigenschaften zu sprechen. Es sind dies die ägyptischen Cigaretten. Die früher starke Einfuhr von Cigaretten aus Ägypten hat die Meinung verbreiten lassen, daß dieses Land ebenfalls zu den eigentlichen Tabakländern gerechnet werden muß. In Wirklichkeit ist dies durchaus nicht der Fall. Auf Grund eigentümlicher Zollverhältnisse, die sich aus der Zugehörigkeit des Landes zur Türkei und innerhalb dieser Zugehörigkeit doch besonderen Stellung durch die britische Oberhoheit ergaben, sahen sich eine ganze Anzahl Unternehmer veranlaßt, in Ägypten Fabrikationsunternehmungen zu gründen, um die dadurch gegebenen günstigen Zollbedingungen auszunützen. Dadurch erhielt ein Land, das ursprünglich mit Cigarettentabaken so gut wie gar nichts zu tun hatte, den Charakter eines Tabaklandes. Heute ist der eigentliche Anlaß für eine ägyptische Cigarettenindustrie nicht mehr gegeben. Es mag zwar einerseits einem Bedürfnis der Tradition entsprechen, die Fabrikation dort aufrecht zu erhalten, und andererseits ist die Fabrikation bis zu einem gewissen Grade durch die besonders günstigen klimatischen Verhältnisse begründet. Aber auch hierin vermag die technische Vervollkommnung unserer Zeit eine Unabhängigkeit zu garantieren, so daß ein Rückgang der ägyptischen Produktion vorausgesehen werden kann.
* * * * *
Aus der großen Anzahl der genannten Provenienzen, die sich in der Praxis noch weit komplizierter verästeln, ergibt es sich, daß der Einkauf von Tabaken ganz außerordentliche Fachkenntnisse voraussetzt, und daß von diesem Einkauf besonders das Wohl und Wehe einer Fabrik abhängt. Die Tabake werden im allgemeinen nach ihrer Manipulation in Ballen durch einen weiteren Zwischenhandel auf die europäischen Märkte gebracht. Die weitaus meisten europäischen Fabriken erwerben erst an diesen Plätzen die Tabake, die sie zur weiteren Verarbeitung in Cigaretten ihren Unternehmungen zuführen. Diejenigen Cigarettenfabriken dagegen, die sich erhöhte Möglichkeiten der Qualifizierung ihrer Erzeugnisse zu verschaffen suchen, müssen sich von dem europäischen Markt unabhängig machen und versuchen, in den Ursprungsländern des Tabaks selbst einzukaufen. Naturgemäß ist dies mit außerordentlichen Schwierigkeiten verknüpft, denn der direkte Einkauf setzt nicht nur einen großen technischen Apparat voraus, sondern zugleich Fachkräfte, die den Europäern selten zur Verfügung stehen. Aber nur dann ist es möglich, die vielen Zufälligkeiten unterschiedlicher Ernten zum Erwerb besonders hochqualifizierter Tabake auszunutzen und dadurch die Möglichkeit zu gewinnen, allererste Provenienzen bei relativ niedrigen Preisen zu verarbeiten und diesem entsprechend hochwertige Cigaretten relativ billig auf den Markt zu bringen.
Es ist merkwürdig, wie oft die Frage, worin eigentlich der Genuß des Rauchens besteht, unbeantwortet bleibt, denn es erscheint unerfindlich, warum dieser Genuß geheimnisvoller und unerklärlicher sein soll als irgendein anderer. Wenn auch niemand allgemeingültig die Umwandlung der Erlebnisse unserer Sinnesorgane in eine Genußvorstellung formulieren kann, so genügt doch bereits zur Beantwortung der Frage nach dem Genuß des Rauchens der Nachweis, welche Sinnesorgane beteiligt werden, und welche Wirkungen der Tabak auf den Menschen ausübt, sobald eine wirkliche Genußempfindung zum Bewußtsein kommt.
Die vornehmste Aufgabe weist man fast allgemein dem Geschmackssinn zu, ohne eigentlich recht das Kompetenzgebiet dieses Sinnesorgans abzugrenzen. Die Geschmacksnerven werden nur von gelösten Substanzen getroffen, und daraus erkennt man, daß die Zunge eigentlich recht wenig an der Geschmacksvorstellung, die wir vom Tabakrauch haben, beteiligt sein kann. Dies wird jeder leicht feststellen können, der sich beim Rauchen die Nase zuhält, denn die vorher irgendwie vorhandenen Geschmacksempfindungen verschwinden sofort. Nur für eine besondere, jedem Raucher bekannte Erscheinung ist die Zunge verantwortlich, und zwar für den Nachgeschmack. Er läßt sich dadurch erklären, daß der Tabakrauch die Feuchtigkeit im Munde bis zu einem gewissen Grade geschmacklich beeinflußt. Sobald nun die hauptsächlich durch das Geruchsorgan erzeugte allgemeine Geschmacksempfindung vom Tabak nachgelassen hat, und die Empfindungen der Zunge nicht mehr übertönt werden, bringt sich der nach dem Ausstoßen des Rauches noch im Munde zurückbleibende Speichel zur Geltung.
Die eigentlichen Geschmacksnerven können nur wenige einfache Kontrastempfindungen vermitteln. Die einzigen Geschmacksarten sind süß, sauer, bitter und salzig. Aus diesen vier Arten setzen sich alle auch noch so komplizierten Geschmackserlebnisse zusammen, gleichwie aus vier Grundfarben eine unendliche Anzahl von Mischungsfarben und Bildern entstehen kann.
Der größte und wesentlichste Teil der Empfindungen, den wir allgemein Geschmack nennen, wird durch das Geruchsorgan vermittelt. Die Geruchsnerven sind ihrerseits wieder nur in der Lage, gasförmige Stoffe wahrzunehmen, und zwar müssen diese gasförmigen Stoffe an den wie feine Härchen die Schleimhaut überragenden Nervenenden in der dritten obersten Muschelwindung der Nase vorbeistreichen, denn die Gerüche von ruhenden Gasen können nicht wahrgenommen werden. Die Bewegung der gasförmigen Stoffe wird durch die Atmung hervorgerufen. Das menschliche Geruchsorgan ist vielleicht der empfindlichste Apparat, den der Mensch besitzt, denn er übertrifft an Feinheit selbst die besten chemischen Untersuchungsmethoden. So werden auch die wesentlichsten Geschmacksempfindungen beim Tabakrauchen durch die Geruchsnerven vermittelt, vor allem solche, von denen man ganz speziell bei einer Geschmackskritik spricht.
Eine gewisse Rolle spielt bei dem Rauchgenuß auch das Tastgefühl, denn es vermittelt das angenehme Gefühl der Wärme und des Tabakrauchvolumens. Die verschiedene Brennart verschiedener Tabake und das unterschiedliche Format der Brandfläche ergeben ganz unterschiedliche Volumina des bei einmaligem normalen Ziehen gewonnenen Rauches. Vor allem bei milden Cigaretten, die eine größere Rauchmenge ohne Aufdringlichkeit zulassen, ergibt das Tastgefühl die Empfindung der Völligkeit, die besonders im Verein mit dem Gefühl der Wärme angenehm empfunden werden kann. Die Wärmegrade spielen ganz allgemein bei Genußmitteln eine ganz außerordentliche Rolle. Zum Beispiel können auch die raffiniertesten Weinkenner durch geschickte unterschiedliche Temperierung der zu kritisierenden Weine völlig in Verwirrung gebracht werden; und so angenehm der Tabakrauch im warmen Zustand empfunden werden kann, so unangenehm ist die Wirkung des kalten Rauches, wie wir ihn manchmal in schlecht gelüfteten Räumen antreffen oder aus türkischen Wasserpfeifen kennen, wenn bei ihnen das Wasser im Gefäß nicht mehr warm genug ist.
Alle Empfindungen, die durch die drei genannten Nervenarten des Geschmacks, Geruchs und des Tastgefühls vermittelt werden, ergeben zusammen den eigentlichen Geschmacksakkord. Genau wie bei Kunstwerken der Musik, Literatur usw. nicht die einzelnen Teile, aus denen das Erlebnis besteht, für den Wert maßgebend sind, genau so ist das, was wir Geschmack nennen, jeweils aus vielen Einzelempfindungen zusammengesetzt, die vielleicht jede für sich allein unerträglich sein mögen, aber im Zusammenklang die höchste Befriedigung erzeugen können.
* * * * *
Häufig hört man den Gedanken ausgedrückt, daß bei dem Genuß des Rauchens vorzugsweise das Auge beteiligt sei. Man erzählt zum Beweis die Beobachtung, daß man in völliger Dunkelheit ebenso wenig wie ein Blinder am Rauchen Vergnügen finden würde. Zweifellos wird man nicht bestreiten können, daß die Betrachtung der aufsteigenden Rauchwölkchen ein beschauliches Gemüt in den genießerischen Zustand der Gedankenlosigkeit zu bringen vermag. Aber es wäre durchaus verfehlt, hierin einen Hauptgrund des Rauchbedürfnisses suchen zu wollen. Es gibt sehr wohl Blinde, die rauchen, und sehr viele Menschen, die gar nicht den Unterschied kennen, den man nach der vorhergehenden Behauptung zwischen dem Tabakgenuß bei Licht und bei Dunkelheit machen müßte. Gerade für die Geschmackskritik sind die Wahrnehmungen des Auges völlig belanglos. Wenn Gründe gesucht werden sollen, weshalb die Tätigkeit des Auges beim Rauchen nur ungern völlig ausgeschaltet wird, so sind sie sehr leicht darin zu finden, daß jeder Mensch nur mit Unbehagen einen Verbrennungsvorgang ohne vorsichtige Kontrolle der Augen zuläßt, zumal wenn beim Anzünden des Tabaks wie in den weitaus meisten Fällen eine offene Flamme verwendet wird.
* * * * *
Zu den oben genannten mehr unmittelbaren Genußarten kommen noch einige andere hinzu, die wir zwar als mittelbare Genußarten bezeichnen können, die aber keineswegs unwesentlicher sind. Der Tabak würde für den Menschen bedeutungslos sein, wenn er ausschließlich geschmackliche Reize durch die genannten Sinnesorgane auslösen würde. Schon wenn wir den spielerischen Reiz, den das Verfolgen der Tabakwölkchen unter Umständen verursachen kann, als eine positive Genußmöglichkeit des Tabaks erklären, so muß ein anderer ebenfalls vom Geschmack unabhängiger Reiz noch mehr betont werden, und zwar liegt dieser in den automatischen Bewegungen, die der Rauchvorgang mit sich bringt. Das Saugen an dem Rauchobjekt in periodischen Abständen, die automatisch gleichartigen Bewegungen der Hand usw. beschäftigen sehr häufig den Raucher in einem gewissen beruhigenden Maße. Die Beschäftigung selbst ist mühelos und stellt weder körperliche noch geistige Anforderungen, so daß die periodische Tätigkeit eine Entlastung des Körpers und des Geistes ergibt.
Dem gleichen Zweck der inneren Beruhigung dienen beispielsweise auch die verschiedenen Perlenketten, die man vor allem bei arabischen Kaufleuten häufig antrifft. Um jede Übereilung zu verhindern und ein gewisses methodisches Vorgehen des Verstandes anzuregen, lassen sie gedankenlos und automatisch an ihren Perlenketten eine Perle nach der anderen langsam durch ihre Finger gleiten. Dadurch wird die Zeit gewissermaßen fühlbar gemacht und in gleichmäßige Intervalle eingeteilt. Jeder, der bei starker Beanspruchung seines Denkvermögens einmal zu solch einem Hilfsmittel gegriffen hat, wird mit Verwunderung die tatsächlich stark beruhigende Wirkung festgestellt haben. Man kann auch in Europa bei sehr vielen Menschen irgendwelche ganz unwillkürlichen gleichmäßigen Bewegungen bei schwieriger Gedankenarbeit beobachten, so daß scheinbar ein instinktiver Drang nach einer Rhythmisierung des Zeitablaufes a priori im Menschen vorhanden ist. Der eine wippt mit den Fußspitzen, der andere klopft mit dem Finger oder seinem Fingerring gedankenlos an seinen Stuhl oder Tisch, die meisten aber greifen zu einem Rauchmittel, das heute beinahe zu einem unentbehrlichen Konferenzrequisit geworden ist. Man kann deutlich bemerken, daß ein langsam und scheinbar sorgfältig genossenes Rauchmittel in Augenblicken starker geistiger Anstrengung zu einem Instrument gleichmäßiger, automatischer, skandierender Nebensächlichkeit wird, das alle störenden Beeinflussungen von Seiten der Umwelt bindet und somit unschädlich macht.
* * * * *
Mit dem eigentlichen Rauchgenuß hat diese Nebenerscheinung nichts zu tun. Die beruhigende Einwirkung, die den eigentlichen Wert des Tabaks ausmacht und weder durch Rosenketten noch durch ähnliche Dinge ersetzt werden kann, beruht in seiner -- wenn auch noch so schwachen -- narkotischen Wirkung.
* * * * *
Die narkotische Wirkung des Tabaks ist außerordentlich verschieden und nicht unmittelbar von den Qualitätsgraden abhängig. Analytisch ist der Nikotingehalt gerade bei den edelsten Dubec-Blättern prozentual am geringsten und bei den ganz tief am Stamm sitzenden Blättern am stärksten. Die Genußwürdigkeit dagegen steht hierzu im umgekehrten Verhältnis.
Die Einwirkung des Tabakrauchens auf den Organismus erfolgt durch die Atmungsorgane. Man hört häufig den Vorwurf gegen die Cigarette, daß sie das Inhalieren des Tabakrauches gegenüber den früher verwendeten Pfeifen und Cigarren begünstige. Demgegenüber muß festgestellt werden, daß das Inhalieren bei Pfeifen und Cigarren zwar seltener ist, die effektive Wirkung aber eher umgekehrt; und da sich überhaupt keine andere Möglichkeit der Beeinflussung des Körpers durch den Tabakgenuß auffinden läßt, ist schließlich letzten Endes die Wirkung selbst entscheidend. Die amerikanischen Tabake und vor allen Dingen ihre Gebrauchsformen, die sich durch besonders breite und große Brandflächen gegenüber der Cigarette charakterisieren lassen, wirken bedeutend schwerer als Cigarettentabake, und dementsprechend ist ihre Einwirkung durch die Atmungsorgane auch erheblicher. Außerdem wird jedoch bei jeder Tabakart und Rauchform die unmittelbare physische Wirkung auf die Lunge ganz außerordentlich überschätzt. Man verkennt vollkommen das enorme Anpassungsvermögen des menschlichen Körpers. Wenn den Wirkungen nachgegangen werden soll, die ein unmäßiger Tabakgenuß hervorruft, dann sind diese wohl kaum je in irgendwelchen Schädigungen der Lunge zu suchen, sondern fast ausschließlich in den Beanspruchungen der Nerven, denn durch die Lunge gewinnt der Tabak einen gewissen Einfluß auf das Blut, das Blut selbst teilt diesen den Nervenenden mit, und in den nachweisbaren Einwirkungen auf das Nervensystem müssen wir das einzige sehen, wodurch eine Beeinflussung des menschlichen Organismus durch den Tabakgenuß stattfindet. Wie sich manche törichten Menschen an Lasten überheben, die ihre Kräfte bei weitem übersteigen, und dadurch Schaden an ihrer Gesundheit nehmen, so gibt es auch Menschen, die ihrer Genußsucht keine Grenzen setzen. Aber bei dem Tabakgenuß weiß die Natur Mittel, um den Raucher zur Ordnung zu rufen. Sobald die Beeinflussung des Körpers einen gewissen harmlosen Grad übersteigt, macht der Körper eine erhöhte Anzahl von weißen Blutkörperchen mobil, die eine gründliche Reinigung vornehmen. Dies wird von einer Erhöhung der Körpertemperatur begleitet, so daß der Raucher sich heiß oder sogar fieberig fühlt. Dies ist ein Warnungsruf: »Halt, jetzt hör auf!« Darauf muß der Raucher unbedingt achten, denn wenn er diese Stimme der Natur überhört, wird sie sehr energisch und steigert dies bei außergewöhnlichen Exzessen bis zu wirklichem Fieber, Frösteln, Schwäche und Schwindelanfällen: eine sogenannte Nikotinvergiftung. Gegen sinnloses Übertreiben und die Unvernünftigkeit der Menschen gibt es allerdings keine Mittel, aber daran ist nicht der Tabak schuld. Es ist eben hier auch so wie sonst überall im Leben. Wenn jedoch der Warnung der Natur Folge geleistet wird, dann bleibt sie ohne die geringsten Folgen. Als gutes Gegenmittel merke man sich Kaffee und Tee, die als gerbsäurehaltige Stoffe das Alkaloid Nikotin binden und dadurch unschädlich machen. Deshalb raucht der kluge Türke am liebsten seine Cigarette zu einer guten Tasse Mokka, wobei sich beide Genußmittel gegenseitig in sehr weitgehendem Maße aufheben.
* * * * *
Die dem Mundspeichel durch den Tabakrauch mitgeteilten Stoffe, deren Geschmackseigentümlichkeiten an dem sogenannten Nachgeschmack erkannt werden, gelangen durch das gewohnheitsmäßige Schlucken in den Magen. Man hört infolgedessen häufig die Annahme, daß der Einfluß des Tabakgenusses auf den Raucher vorzugsweise hierdurch erfolgt. Dies ist jedoch nicht der Fall, denn die dem Speichel mitgeteilten Stoffquanten sind außerordentlich gering (wie wir an der bezeichnenden Geringfügigkeit des Nachgeschmackes sehen), und außerdem würde selbst ein Tabaksud einen gründlich verdorbenen Magen ergeben, aber keineswegs die typischen Genußerlebnisse des Rauchens. Man hört hin und wieder, daß die durch den Speichel aufgelösten Tabakstoffe eine Förderung der Verdauung bewirken, also leicht abführend wirken, aber von Beschwerden könnte nur dann die Rede sein, wenn der Magen nicht in Ordnung und daher überempfindlich war, also sowieso eine ganze Reihe von Dingen nicht vertragen hätte, die für einen gesunden Magen sogar wichtige und unbestreitbar wertvolle Nahrungsmittel sein können. Wenn jemand einen schwachen Magen hat, ist ihm wohl einerseits ein starker Tabakgenuß nicht zu empfehlen, aber andererseits müßte man den betreffenden gleichzeitig vor einer ganzen Anzahl schöner Dinge wie Hummermayonnaise, Plumpudding u. a. warnen. Ähnlich wäre es, wenn man von einem Einwirkungsweg des Tabaks auf den menschlichen Körper reden würde, sobald irgend jemand bei starker Erkältung und übergroßer Empfindlichkeit der Atmungsorgane durch den Tabakrauch Hustenanfälle bekommt. Wenn jemand stark erkältet ist, so wird er tunlichst seinen Tabakverbrauch auf ein Mindestmaß beschränken oder lieber zeitweise überhaupt einstellen, ohne daß dies für die Frage nach der Beeinflussung des menschlichen Körpers durch den Tabak von Bedeutung sein kann.
* * * * *
Die mittelbaren Arten des Tabakgenusses, die den unmittelbaren des reinen Geschmacksgenusses gegenüberstehen, lassen sich in zwei Gruppen teilen. Einmal handelt es sich um Anregungen des reinen Einbildungsvermögens, und weiterhin um die obig beschriebene Einwirkung auf die Nerven. Beide Arten sind sowohl unter sich als auch von dem unmittelbaren Geschmacksgenuß untrennbar. Keine Art tritt irgendwie allein auf, sondern erst alle zusammen ergeben in ihrer außerordentlichen Kompliziertheit und Fülle von unkontrollierbaren Einzelempfindungen dem Kenner den im einzelnen niemals restlos definierbaren, beinahe geheimnisvollen Genuß an einem edlen Tabak.
Dem Menschen ist es nicht gegeben, eine größere Anzahl von unzusammenhängenden Sinneseindrücken gleichzeitig empfinden zu können. Es ist demnach natürlich, daß der Tabakgenuß einen bestimmten Bereich des Vorstellungsvermögens des Menschen in Anspruch nehmen und den Menschen dadurch von vielen störenden Dingen ablenken kann, die ihm zwar vielleicht nicht zum Bewußtsein kommen, die aber in ihm ein Gefühl der Unrast und der Konzentrationsunfähigkeit erregen. Die gleiche Wirkung erzielt der Tabakgenuß durch seine Beeinflussung der Nerven. Bei dem modernen Menschen existiert meistens eine außerordentliche Überempfindlichkeit der Nerven. Der Tabakgenuß vermag nun diese Überempfindlichkeit zu dämpfen. Es ist ähnlich wie bei den vielen allopathischen und homöopathischen Beruhigungsmitteln, die Ärzte zu verschreiben pflegen. Nur ist die rein organische Wirkung ganz unvergleichlich schwächer, denn, wie gesagt, kommen beim Tabakgenuß so viel mehr suggestive Momente hinzu, daß die praktische Wirkung der Beruhigung und Abdämpfung der Überempfindlichkeit der Nerven in den feinsten Graduierungen erreicht wird, ohne daß die tatsächlich physische Beeinflussung der Nerven wesentlich zu sein braucht.
Die Abdämpfung der Überempfindlichkeit der Nerven zusammen mit der Ablenkung, die alle physischen und psychischen Wirkungen des Tabaks ergeben, lassen den Menschen eine Ruhe und eine Behaglichkeit kennen lernen, die er anders sich nur durch stets recht wenig empfehlenswerte Drogen verschaffen könnte. Es ist zu allen Zeiten bekannt gewesen und auch gerade in dem letzten Kriege immer wieder bestätigt worden, wie sehr der Tabakgenuß den Menschen über die Mangelhaftigkeit einer Situation hinwegzubringen vermag. Er stillt Schmerzen, beruhigt den Hunger und läßt die größten Aufregungen überwinden. Wie häufig bringen starke geistige Beanspruchungen das menschliche Gehirn in eine Unruhe, die schließlich keinen geschlossenen Gedanken ganz mehr aufkommen läßt. Das durch starke Stöße angetriebene Räderwerk des Gehirns kommt nicht zum Stillstand; selbst dann nicht, wenn die Aufgabe vollbracht ist, also Hoffnung und Anrecht auf Ruhe und Erholung besteht. Der Tabak dämpft die Unrast des Räderwerkes. Er verschließt die vielen Pforten zu den Nebenwegen haltloser Gedankenabschweifungen und beseitigt die ununterbrochene Ablenkung von beabsichtigten großen Gedankengängen, die der moderne Mensch mit seinem häufig so mangelhaften Konzentrationsvermögen, der Überreiztheit seiner Nerven und der daraus sich ergebenden Zerstreutheit und gedanklichen Zersplitterung dauernd erlebt. Der Tabakrauch wirkt wie das Öl im Kompaß; es verhindert nicht die Zielrichtung der Kompaßnadel, aber es sorgt dafür, daß die Nadel nicht von jeder Kleinigkeit abgelenkt wird und ununterbrochen unruhig hin und her zittert, sondern daß sie ruhig, sicher und beständig ihre Aufgabe erfüllt.