Part 4
Die Schönheit des kultivierten Tabakgenusses liegt aber vor allem in der sich aus dem Vorhergehenden ergebenden Anpassungsfähigkeit der Wirkung an die jeweiligen Bedürfnisse. Demjenigen, der sich behaglich ausruhen will und Ablenkung von allen vorhergehenden Beschäftigungen sucht, ermöglicht er eine ruhige innere Behaglichkeit. Andererseits ermöglicht der Tabakgenuß demjenigen, der die Anregung zu intensiver Arbeit sucht, die notwendige Konzentration der Gedanken und die Erfrischung seines körperlichen Befindens. Selbstverständlich ist physisch die Wirkung des Tabaks immer wieder dieselbe, und nur nach Stärkegraden abstufbar, aber gerade weil die Wirkung nicht wie bei Schlafmitteln oder ähnlichen Drogen in starker physischer Beeinflussung beruht, sondern weil sie beinahe nur andeutet und anregt, ermöglicht sie die ruhige, sichere Grundfläche, auf der sich ungestört alles das aufbauen läßt, worauf die Wünsche des Rauchers abzielen. Selbstverständlich spielt hierbei die Einbildung eine große Rolle, aber sie ist ein wichtiger Bestandteil des Tabakgenusses. Es ist keine Einbildung, die auch ohne den Tabakgenuß konstruiert werden könnte, sondern sie kann eben nur durch die wenn auch geringen Einwirkungen auf die Nerven zusammen mit den wichtigen Geschmacksmomenten entstehen. So ist es tatsächlich möglich, daß man in einem Falle durch den Tabakgenuß lebhaft angeregt wird und in einem anderen Falle gerade gegenteilig beruhigt wird. Diese mit verschiedenen Differenzierungen möglichen verschiedenen Wirkungen kann der kultivierte Raucher durch bestimmte Geschmacksdifferenzierungen unterstützen. Die Wichtigkeit der verschiedenen Geschmacksarten ist gerade darin zu suchen, daß sie das jeweilige Endergebnis der verschiedenen praktischen Wirkungsmöglichkeiten bis zu einem gewissen Grade bestimmen.
Es ist gesagt worden, daß durch eine Auswahl der Tabake nach verschiedenen Geschmacksakkorden die jeweilig beabsichtigte Wirkung des Rauchgenusses bestimmt werden kann. Außer einer solchen Anpassung an die jeweilig durch Augenblicksstimmungen bedingten Geschmacksforderungen wird jedoch vor allem die Anpassung an die jeweils individuellen Eigenarten des Rauchers vorauszusetzen sein.
Die individuellen Eigenarten eines Rauchers liegen einerseits in der Eigenart jedes persönlichen Geschmacksempfindens begründet, andererseits ist das Temperament und deshalb sogar die Lebensanschauung des einzelnen von grundlegender Wichtigkeit. Es mag snobbistisch klingen, wenn in scheinbarer Anlehnung an ästhetisierende Phrasenhelden heutiger Mode »unproblematische« und »primitive« Genußmittel mit weltanschaulichen Dingen zusammengezogen werden, aber die Tatsache des innigen Zusammenhanges ist jedem Untersuchenden so unbestreitbar, daß eine Tabakbewertung auch von dieser Seite aus zu vertreten ist.
Schon der alte Platon teilt alle Genußmöglichkeiten des Menschen in zwei scharf voneinander zu trennende Arten, die den Zusammenhang des Tabakgenusses mit den wesentlichsten geistigen Werten des Menschen bedingen. Er unterscheidet einerseits die negativen Genüsse, d. h. solche, die nur in der Beseitigung eines Mangels bestehen. Hierzu rechnet er alle Genüsse des Essens, des Trinkens, der Liebe usw., die Befriedigung aller körperlichen Bedürfnisse, die ja erst durch die Voraussetzungen des Hungers, des Durstes, der Liebessehnsucht usw. möglich werden. Die andere Art von Genüssen nennt er Geschenke der Götter. Hierzu gehören nur zwei Formen: die Freude an Erlebnissen und Ergebnissen des Verstandes und Narkotika. Unter Narkotika verstanden die alten Griechen zwar noch nicht den Tabak unserer Zeit, aber ein Rauschmittel, das praktisch für sie dieselbe Bedeutung hatte wie für uns der Tabak, denn es waren wohlriechende Räuchereien, die zum Zweck leiser Abdämpfung der Nerven und Befreiung des Geistes aus den Hemmungen körperlicher Gebundenheit eingeatmet wurden. Solche Genußmittel und die mannigfaltigen Betätigungen des menschlichen Geistes waren die voneinander untrennbaren »Geschenke der Götter«. Man lese im Symposion des Xenophon die Worte des großen Sokrates, mit denen er den Segen dieser Göttergeschenke gegenüber der brutalen Genußsucht seiner Zeit vertritt, und man wird verstehen, welchen innigen Zusammenhang ein harmloses, primitiv erscheinendes Genußmittel in Wirklichkeit mit den unsterblichen Worten und Werken der alten Griechen beansprucht hat, vor denen wir heute noch voll Staunen und ehrfürchtiger Bewunderung stehen.
Das göttliche Geschenk unserer Zeit ist der Tabak: in ihm liegt die Philosophie unserer Zeit begründet. Aus seinen Erscheinungsformen lassen sich die Stile und Charaktere der Jahrhunderte seiner Herrschaft erkennen, denn die Innigkeit seines Zusammenhanges mit dem Wechsel der Anschauungen verlangt eine Anpassung seiner Wirkungsarten, aus denen wir heute rückwirkend psychologische Studien der Zeiten machen können. Es wird wohl kein Genußmittel vorgewiesen werden können, das derartig anpassungsfähig ist wie der Tabak. Nicht nur die unendlich mannigfaltigen rein geschmacklichen Abstufungen, sondern auch die mannigfaltigen Genußformen, z. B. in den verschiedenen Pfeifenarten, als Kautabak, Schnupftabak, Cigarre, Cigarette und als Räuchermittel, ergeben Varianten, die den weitest auseinanderliegenden Genußbedürfnissen gerecht werden können.
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Um innerhalb der Vielheit von Erscheinungsformen eine gewisse Übersicht zu gewinnen, müssen wir uns auf einige wenige typische Formen beschränken und jedem Leser überlassen, durch Ableitungen und Mischungen unter den aufgestellten Beispielen nach eigenen Erfahrungen die der Wirklichkeit entsprechende Mannigfaltigkeit zu ergänzen. Weiterhin müssen wir die vielen Formen eines Tabakgenusses ausschalten, die dem modernen Europäer fast unbekannt sind und niemals Einfluß gewonnen haben. Streng genommen sind doch auch Opium, Haschisch, Betelnuß, Kiff-Kiff und sogar Kokain und Äther Genußmittel, die durch Rauchen, Kauen, Schnupfen genossen werden, tabakartige Narkotika, wenn auch ihre Gleichstellung mit den Erzeugnissen aus der Tabakpflanze sehr ungerecht sein würde. Für den Europäer sind jedoch eigentlich nur die verschiedenen amerikanischen Tabake mit ihren süd- und westeuropäischen, afrikanischen usw. Anbaugebieten einerseits und die Orienttabake im Südosten Europas und Vorderasiens andererseits von allgemeiner Bedeutung. Die Unterscheidung ist historisch nicht richtig, aber praktisch durchaus anwendbar, so daß wir im folgenden zwischen amerikanischen und orientalischen Tabaken unterscheiden wollen, ohne dabei an entsprechend begrenzte Herkunftsländer zu denken.
Die beiden Tabakarten unterscheiden sich in ihrem Geschmack wie in ihrer Rauchwirkung grundsätzlich. Sie entsprechen verschiedenen Menschenarten und verlangen entsprechend unterschiedliche Genußmethoden.
Der Geschmacksakkord der amerikanischen Tabake wird besonders durch seine hauptsächlichen Verbrauchsformen: in der Pfeife und als Cigarre bedingt. Beide Formen ergeben gegenüber der Cigarette eine weitaus größere Brandfläche, wodurch das Empfinden größerer Völligkeit und größerer Wärme ausgelöst wird. Ohne das positive Gefühl größeren Rauchvolumens beim normalen Ziehen an der Pfeife oder Cigarre würde der Genuß des amerikanischen Tabaks unvollkommen bleiben müssen, denn die Geschmackseigenarten sind meist sehr fein unter einer recht großen Herbheit des Rauches verdeckt. Auch die eigentliche Rauchwirkung ist nur langsam fortschreitend; sie würde bei zu geringer Völligkeit nur ungenügend zur Entwicklung kommen. Dem Cigarettenraucher ist außer der Wärme und der Völligkeit beim Rauchen der amerikanischen Tabake besonders die schon genannte Herbheit auffallend. Die Nervenenden der Nase scheinen mit ziemlicher Bitterkeit und Schärfe gereizt zu werden, und nur langsam entwickelt sich daneben ein eigentliches Aroma, das der richtige Cigarrenkenner jedoch gerade bei den ersten Zügen am deutlichsten zu verspüren meint. Man muß sich zwei verschiedenartige Stärkegraduierungen vorstellen, um sich ein Beurteilungsbild zu schaffen. Ein Rauchmittel kann äußerlich und auch innerlich kräftig sein. Äußerlich kräftig soll heißen, daß die beizende Wirkung auf die Geschmacks- und Geruchsnerven sehr stark ist; innerlich soll dagegen heißen, daß ihre Rauchwirkung ganz unabhängig vom Geschmack kräftig oder nachhaltig ist. Dies entspricht verschiedenen Geschmacksforderungen: die einen lieben ein mildes Aroma bei relativ kräftigerer narkotischer Wirkung, die anderen wollen den Rauch vor allem richtig »fühlen«. Im Bereiche auch aller der Tabakarten, die wir aushilfsweise einfach amerikanische Tabake nennen, gibt es, wie schon gesagt, eine übergroße Zahl unterschiedlichster Provenienzen, Sortierungen und Mischungen. Zum Unterschied vom Orienttabak ist er jedoch keineswegs auf so komplizierte Mischungsrezepte angewiesen, um genossen werden zu können. Er ist relativ einfach. Die Unterschiede der Tabake von Habana, Sumatra, Java, Portoriko, Mexiko, Varinas, Manila, Maryland usw. beruhen zwar auch auf aromatischen Variationen, aber hauptsächlich auf den verschiedenen Verhältnissen der äußeren und inneren Kraft der Rauchwirkung. Bei den Habana-Tabaken ist das Verhältnis zugunsten eines sehr edlen Duftes sehr weit nach der inneren Kraft verschoben. Deshalb wird gerade dieser Tabak als hochwertiges Würzmittel bei sehr vielen Mischungen verwandt. Aber auch bei ihm ist die innere Wirkung an eine langsame Entwicklung gebunden.
Diesen Eigenarten des amerikanischen Tabaks entsprechen auch ihre Freunde. Die langsame Entwicklung seiner inneren Kraft verlangt eine relativ lange Dauer des Rauchvorganges und die entsprechende Zeit, Ruhe und Aufmerksamkeit. So sehen wir den richtigen Cigarrenraucher in unbeirrbarer Ruhe die ganze Entwicklung genießerisch auskosten. Junge Leute verstehen selten, eine gute Cigarre richtig zu genießen; sie haben weder die Zeit, die Ruhe, noch die beschauliche Lebensphilosophie, die zur Cigarre gehört. Allerdings ist der intensive Genießer der Cigarre ein Extrem, das nicht allzu häufig vorkommen mag, aber mehr oder weniger hat jeder Cigarrenraucher von diesem Typ in sich. Das vollkommenste Bild ergibt der genießerisch und kultivierte Holländer der alten Zeit. In ihm hat eine jahrhundertelange Tradition seiner Kolonialbeziehungen eine Rauchkultur entstehen lassen, die nirgends sonst in der Welt gefunden wird. Die Einfachheit des Aromas und das Konkrete der voluminösen Rauchwirkung edler amerikanischer Tabake ergab die Weltanschauung saturierter Menschen. Sie lieben positive und einfache Dinge. Die schweren Importen setzen einen guten Magen voraus. Die Beschaulichkeit des Genusses bedingt ein ruhiges, streng geregeltes Leben, das sich in der holländischen Häuslichkeit und dem unbeirrbaren Konservativismus der Vertreter alter Rauchkultur zeigt. Es bedingt das Bedürfnis eines soliden Fundamentes auch eine Begrenzung der Interessen auf wenige Dinge positiver Art. Daher die Abneigung gegen alles Genialische und die häufige Abwertung der Menschen nach einseitigen Gesichtspunkten, z. B. der jeweiligen Vermögensbasis. Aber die alten Herren haben einen Stil und eine Lebenskunst bewiesen, die sie mit Recht jedem Angreifer auf ihre etwaige Nüchternheit, ihr Spießbürgertum und ihre Verachtung spekulativer Dinge zur Rechtfertigung vorweisen können.
In allen möglichen Abschattierungen findet man in aller Herren Ländern Konsumenten amerikanischer Tabake, die dem Typ des alten Holländers mehr oder weniger ähneln. Die Ähnlichkeit der Weltanschauungen nimmt mit der Ähnlichkeit der Genußformen zu und ab. Von dem erklärten Typ der edlen amerikanischen Tabake leichterer äußerer und schwererer innerer Kraft laufen Ketten von Übergängen nach den anderen Grenzfällen, die mehr durch kräftiges äußeres Aroma zugleich oder auch ohne innere Kraft oder gar durch Verzicht auf Kraft in beider Hinsicht charakterisiert werden.
Die äußerlich größere Milde der edlen holländischen Cigarren leistet der beruhigenden Wirkung des Rauchgenusses mit dem Ziel der Erholung Vorschub. Die Zunahme der geschmacklichen Reizung veranlaßt bei aller Beruhigung der Nerven eine mehr anregende Wirkung. Infolgedessen werden die Cigarren stärkerer aromatischer Art vorzugsweise in romanischen Ländern geraucht, wo das lebhaftere Temperament keine rechte Würdigung der geschmacklich weniger aufdringlichen Tabake aufkommen läßt. Dem Nordländer erscheint der Romane sehr oft äußerlicher und manchmal oberflächlicher, als objektiv zugegeben werden kann; aber dieser Anschauungsunterschied prägt sich sehr deutlich in den Genußformen des Tabaks aus. Eine Pfeffersuppe, wie sie der Spanier kennt, ist in Nordeuropa eine Unmöglichkeit, aber trotzdem kann man nicht allgemein von einem geringeren Geschmacksraffinement der Romanen sprechen. Charakteristisch ist jedoch für sie das Bedürfnis stark anregender Geschmacksreize, ohne die er keinen wirklichen Genuß anerkennt. Der Romane ist selten fähig, ein Genußmittel fast um seiner selbst willen zu verehren. Es ist ihm Mittel zum Zweck, ohne Gedanken an Vertiefung. Er will einen unmittelbaren Reiz verspüren, trotzdem er auch bei den schärfsten Reizen noch Unterschiede macht. Es läßt dies den Verdacht aufkommen, daß seine Sinne schon sehr abgestumpft und verbraucht sind, daß er Sensationen verlangt, die den Stierkämpfen der Spanier und den Grausamkeitsinstinkten mancher alten Völker entsprechen. Es liegt scheinbar eine Weltanschauung zugrunde, die sich in äußerlichen Wirkungen, scharfen Genüssen, extremen Vorstellungen und in einer Schärfe äußerer Gegensätzlichkeiten auslebt, ohne daß große Beharrlichkeit, Methodik, ernste Vertiefung und positive Fundierung gesucht wird. Es gibt dort Cigarren von einer Giftigkeit des Geschmacks. daß deren Genuß schon beinahe pervers genannt werden kann; es liegt manchmal -- cum grano salis -- fast ein wenig genießerische Selbstquälerei zugrunde. Bei den noch möglichen Unterschieden der äußerlichen Geschmacksmomente und den entsprechenden individuellen Unterschieden der Raucher besteht trotzdem keine betonbare Individualität. Die überraschend große Gleichförmigkeit des Tabakgenusses verbürgt ein geringes Individualisierungsbestreben innerhalb des Volksganzen als Masse. Die Kultur des Romanen ist die schöne Kultur der Geste, der gedanklich unbeschwerten Form, der den Nordeuropäern beneidenswert erscheinenden künstlerischen Selbstverständlichkeit und scheinbaren Problemlosigkeit. Sie läßt eine Kultur der Cigarre am holländischen Maßstab gemessen nicht zu, sie ergibt keine Häuslichkeit, keine Beständigkeit und keine Intimität. Weil dem Romanen an der Vertiefung der inneren Wirkung nichts liegt, wertet er für die amerikanischen Tabake auch die sonst wenig verständliche Form der Cigarette aus. In dieser Form verliert infolge der kleineren Brandfläche und der kürzeren Genußdauer der amerikanische Tabak seine innere Kraft fast ganz und gar. Der in der Cigarre durch die Schärfe hindurch lebendige aromatische Geschmack wird gleichfalls sehr vermindert; es bleibt das äußerliche Vergnügen am Rauchvorgang selbst, an den automatischen Bewegungen und vor allem an der Sensation des herben Tabakreizes, der nur wenig feinere Geschmackseigenarten und Graduierungen empfinden läßt. Hier ist der Tabakgenuß zu einer ganz nebensächlichen, lediglich anreizenden Aufgabe abgedrängt worden. Sein Genuß ist völlig andachtslos geworden und dadurch kaum entwicklungsfähig.
Außer diesen Grenzfällen äußerlicher und innerlicher Kraftentfaltung des Tabaks gibt es noch eine Kategorie von Menschen, die zwar gern Cigarren rauchen, aber in der immerwährenden Angst vor der Kraft leben. Es sind die vielen besonders in Deutschland heimischen Raucher, die stets nach kleineren Formaten und hellen Farben in der Hoffnung auf große Leichtigkeit des Tabaks suchen. Sie kennen keine Intensität genießerischer Rauchmethoden, auch nicht die Brutalität ätzender Sensationen, sie suchen eine milde leichte Sorte und haben die Idee aufgebracht, daß die Milde an der Helligkeit der Deckblattfarben erkennbar sei. Diejenigen dieser Kategorie, die noch das Bedürfnis aromatischer Erlebnisse mitbringen, sind eigentlich verloren gegangene Cigarettenraucher. Sie haben die Cigarre von ihren Vorbildern übernommen, ohne die Zeit und Ruhe für einen intensiven Genuß aufbringen zu können oder einen Sinn für scharfe Anreize zu besitzen. Diese Zwischengeneration versucht in ihrer Anschauung traditionell zu sein, ohne auch nur eine Ahnung von dem Stil ihrer Vorbilder zu haben; sie rauchen aus einem unklaren Verlangen heraus, pendeln ziemlich wahllos zwischen scheinbaren Geschmackskulturen hin und her, ahmen mehr nach, als sie selbst nachzuerleben vermögen. Sie sind so farblos wie ihre Geschmacksbegriffe, trotzdem sie in verzeihlichem Selbstbetrug sich für wichtiger halten, als sie sind. Sie haben keine Weltanschauung.
Wenn der Romane trotz seines Temperaments doch noch die eigentlichen Formen des Genusses amerikanischer Tabake, vor allem die Cigarre beibehalten hat, so liegt das daran, daß seine wenig intensive Ausnutzung dieser Form seinem Temperament keine große Beschränkung auferlegt. Die Zunahme des Lebenstempos in den letzten Jahrzehnten mußte jedoch die jüngeren Europäer notwendig zur Abwendung von der Cigarre überhaupt führen. Die Intensität des Genußverlangens blieb dieselbe, so daß der amerikanische Tabak in Form der Cigarette nur einen sehr unvollkommenen Ersatz gebildet hätte. Es mußte also ein Tabak gefunden werden, der würziger, aromatischer und auch innerlich kräftiger war als die bisherigen amerikanischen Tabake, und bereits in der Form der Cigarette bei kürzerer Brenndauer und kleinerer Brandfläche wirksam werden konnte.
Im Gegensatz zu den Orienttabaken müssen die meisten amerikanischen Tabake außer der Fermentation noch einen Verwandlungsprozeß durch Rösten, Zusatz von Beizen und Laugen aus Zuckerstoffen, Salzen, Färbemitteln, Gewürzen usw. durchmachen. Dadurch konnte man die Geschmackserscheinungen in weitem Maße künstlich variieren. Dies benutzte man besonders bei den Virginia-Tabaken, um diese für die Bedingungen der Cigarettenform brauchbar zu machen, so daß der Name Virginia-Tabak heute bereits fast speziell den typischen englischen Cigarettentabak bezeichnet, trotzdem Virginia-Tabak, der sogenannte »echte« Tabak, die eigentliche Mutterpflanze fast aller edlen Tabaksorten der Welt bedeutet. Der Virginia-Cigarettentabak ist heute typisch für die angelsächsischen Länder, besonders Nordamerika. Eine sehr große Kultur verrät dieses Zwischenprodukt nicht. Es ist im Geschmack ziemlich gehaltlos und vorwiegend durch die künstlichen Zusätze bestimmt, ist aber immerhin der Cigarettenform angepaßt und ermöglicht bei kleinerer Brandfläche und kürzerer Brenndauer einen bis zu einem gewissen Grade abgeschlossenen Geschmacksakkord. Sicher ist die Virginia-Cigarette beinahe bis zur blonden Farbe des Tabaks für die Angelsachsen charakteristisch: sie gehört zu einer etwas sentimentalen Süßigkeit und auf die Dauer zu einer großen Langweiligkeit. Variationsmöglichkeiten sind nicht viel gegeben, da der süße Zuckergeschmack sich immer wieder vordrängt.
Geistig komplizierter organisierten Menschen kann der künstliche Cigarettentabak wenig bieten. Die alte Cigarrenkultur ist im Aussterben. Die Genußintensität der Pflanzer ist in unseren kalten Ländern nicht möglich. Die modernen Menschen beanspruchen Echtheit, Variabilität der Genußstärke, Schnelligkeit der Wirkung und einen Reichtum von Geschmacksakkorden, wie sie keine der bisherigen Arten des Tabakgenusses ermöglichen konnte.
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Die Weltanschauung des modernen Europäers des zwanzigsten Jahrhunderts ist nicht mehr wie in vergangenen Jahrhunderten ausschließlich in begrenzten religiösen Vorstellungen begreifbar, sondern in einer philosophischen Fundierung, die den Reichtum aller naturwissenschaftlichen und erkenntnistheoretischen Errungenschaften aller Zeiten und Völker einbegreifen will. Das Wissen der Relativität unserer Vorstellungen läßt uns die Vergänglichkeit aller Erscheinungen tiefer empfinden, als es unseren Vorfahren möglich war. Heute suchen wir das Absolute nicht mehr in real empfundenen Bildvorstellungen, sondern in den Beziehungen der Dinge zueinander, im Kontrast, im Akkord und in der ewigen Ausgleichssehnsucht, die uns als der göttliche Funke lebendig hält. Dadurch gewinnen wir Kontakt mit der Philosophie des Ostens, und analog dieser Annäherung in den Grundanschauungen eroberte sich der Orienttabak mit seiner wundervollen reichen Geschmackskultur die Gegenwart des jungen Europa.
Der Orienttabak ist im Laufe der Zeit von dem Bild des Türken untrennbar geworden, dem er seine einzigartige Kultur verdankt, und dessen Anschauungen er in vollkommenster Weise widerspiegelt.
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Die Türken sind uns jungen Europäern gegenüber ein altes Volk, dessen Stileinheit und Anschauungsreife dementsprechend allen modernen Kulturerscheinungen Europas außerordentlich überlegen ist. Die Gewandtheit im Verkehr, die Feinheit der Sitte, die Lebensweisheit und Geschmackskultivierung in äußerlichen Dingen hat manchem ernsthaft und objektiv beobachtenden Europäer Bewunderung und auch Beschämung über den eigenen so unbegründeten Hochmut abgenötigt. Der Türke hat das Erbe von Jahrtausenden uralter Kulturländer angetreten, ihre Entwicklungskraft mag erloschen sein, aber sie verwalten ihr geistiges Erbe gut.
Die Lebensanschauungen des feingebildeten Türken haben eine gewisse Ähnlichkeit mit dem schon geschilderten holländischen Raucher. Es verbindet beide eine gewisse bedächtige Gründlichkeit in ihrem Lebensgenuß mit allen sich daraus ergebenden Folgerungen bezüglich der Charakterisierung; aber der Türke ist abgeklärter und noch weit mehr Philosoph als sein holländisches Gegenstück, er ist vor allem differenzierter, feingeistiger, raffinierter und weniger saturiert. Es ist dies der Unterschied zwischen Cigarette und Cigarre, zwischen dem Orienttabak und dem amerikanischen Tabak, beide Sorten vertreten durch ihre vollkommensten Genießer.
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Es ist nicht anzunehmen, daß die Cigarettenform schon frühzeitig bei den Orientalen bevorzugt wurde. Auch hier wird die Pfeife die größte Rolle gespielt haben. Aber die Variationsmöglichkeiten, die der Orienttabak durch die Mischungsmöglichkeiten fand, ließen den Wechsel zu dieser oder jener Genußform mühelos zu.
Das Bild des vornehmen Türken, fast bewegungslos, mit untergeschlagenen Beinen auf seinen Polstern wie eine indische Buddha-Figur sitzend, mit dem langen Rohr seines Tschibuk oder dem Schlauch seiner Nargileh, seiner Wasserpfeife in den Fingern, umgeben von leichten blauen Rauchwölkchen voll milden Duftes, ist uns das Bild des über alle Lebensunwichtigkeiten erhabenen Philosophen. In kleinen Zeitabständen sieht man den Tabak im Pfeifenkopf aufglühen oder hört das monoton gurgelnde Geräusch der Wasserpfeife, Takte eines Zeitraums wohliger Wunschlosigkeit und restloser Ruhe. Man glaube nicht, daß dies ein primitiver Zustand ist; er ist ungeheuer kompliziert. Es ist eine Überwindung der Mannigfaltigkeit menschlicher Triebe und keine einfache Ablehnung derselben. Es ist nicht die Absonderung des »Nichts erleben wollens«, sondern die Reife des »Alles erlebt habens«, die Generationen unbändigen Lebens ermöglicht haben. Ganz analog ist der Geschmacksakkord, der dieses Nirwana spiegelt. Er ist keine einfache Terz oder Quinte, sondern eine berauschende Musik, die sich aber immer wieder in seltsam volltönenden Harmonien auflöst. Es sind die unbeschreiblichen Geschmacksakkorde der edlen milden Xanthi-Tabake, die in ihren eigenen Abstufungen untereinander gemischt aus sich selbst heraus, aus der Vielheit der Empfindungen, eine mild strahlende Einheit zu ergeben vermögen. Die Müdigkeit, die dem Erlebnis zugrunde liegt, ist uns heute nicht mehr fremd. Es ist doch alles eitel; mit diesem Gedanken verbinden wir von Zeit zu Zeit eine Sehnsucht nach Erlösung, die stärker ist als der Spott der Lebensgierigen, die ja doch auch einmal still und andachtsvoll erkennen werden, was Ewigkeitswerte der Erkenntnis bedeuten. Diese Ruhe des Wissens hat nichts mit Stumpfsinn zu tun, es ist vielmehr die Grundlage einer stillen Heiterkeit und genußvoller Gedankenspielereien. Die mohammedanische Spruchweisheit ist berühmt und verrät eine Kraft in dieser scheinbaren Passivität, die die Sprünge jugendlich begeisterter Welteroberer überleben wird.
Die philosophische Stimmung ist die Grundtendenz des zwanzigsten Jahrhunderts. Die schon allgemeinere Erkenntnis der Relativität, die früher erst der Weisheit des reiferen Alters entsprach, läßt uns heute die Dinge des Lebens anders anschauen, als dies in den vorhergehenden Generationen bei uns der Fall gewesen sein mag. Trotzdem kann sich naturgemäß die heutige Jugend nicht auf die gleiche Temperamentlosigkeit einstellen, die dem geschilderten Bilde zugeschrieben werden muß, aber auf der aufgeklärten Grundstimmung lassen sich alle dem Reichtum der orientalischen Tabake analogen Eigenarten aufbauen, die zusammen das zwanzigste Jahrhundert charakterisieren.
Gegenüber der älteren Zeit sind wir vor allem weitaus differenzierter in unseren Empfindungsgleichnissen geworden; besonders in innerlich individuellen Angelegenheiten. Die scharfen äußerlichen Reize, die auch die beste Cigarre noch von der Cigarette unterscheiden, bedeuten heute kaum noch einen Ausgleich zu gleichartig äußerlichen Erregungen. Die Probleme sind tiefer, und nicht ohne Sinn erwacht heute die Wissenschaft der Psyche zu überragender Bedeutung. Die Empfindungsmannigfaltigkeit, die der Cigarette folgt, ist auch eine mehr innerliche; ihr äußerlicher Reiz ist so gering, daß ein richtiger Cigarrenraucher ihr Wesen nicht erkennt. Und doch vermag die innerliche Kraft der Cigarette ein Tempo anzuregen, das niemals von der Cigarre erreicht werden kann.
Von den milden Mischungen der Xanthi-Tabake bis zu den aufregenden Schwarzmeer-Tabaken ist ein Spielraum gegeben, der der immer stärkeren Individualisierung des modernen Europa die Zahl der Graduierungen abläuft. Lassen wir dem Xanthi-Tabak beispielsweise die Tendenz und mischen wir ihn mit edlen Cavalla-Basma-Blättern, so entsteht ein Geschmacksakkord, der bei aller Ruhe einer gewissen geistigen Hellhörigkeit Vorschub leistet. Würzen wir vorzugsweise mit Smyrna-Tabaken, dann erleben wir den Rausch süßer Sinnlichkeit. Die Samsoun-Tabake sind kriegerisch wie Janitscharenmusik, und manche Russen-Tabake begleiten das verzehrende Feuer genialischer Nervosität. Nun sind die meisten Menschen keine scharf umreißbaren Typen; es lebt in jedem von uns mehr oder weniger Himmel und Hölle, innerhalb des Grundcharakters unserer Zeit, und deshalb werden die modernen Cigaretten nicht so einseitig wie bei den Türken gemischt und gewürzt, sondern alle zur Verfügung stehenden Provenienzen werden mehr oder weniger zu wechselnden Mischungen hinzugezogen, um dem komplizierten Menschen unserer Zeit ein analoges Genußmittel zu verschaffen.
Der Charakter einer Cigarette und ihres Liebhabers prägt sich schon in der unterschiedlichen Art zu rauchen aus. Der eine ahmt in der Bedächtigkeit seiner Bewegungen die Methodik seines Handelns nach, der andere zeigt die müde Geste resignierender Anschauungen. Wieder ein anderer läßt beim Ziehen an der Cigarette die Intensität und Aufmerksamkeit erkennen, mit der er jede Aufgabe angreift. Am eigentümlichsten rauchen die Liebhaber russischer Provenienzen. Sie saugen ein paarmal kurz, rasch und hastig, um dann sofort die Cigarette wieder fortzuwerfen und im nächsten Augenblick sich wieder eine neue anzuzünden. Trotzdem die russischen Cigaretten meist nur sehr wenig Tabak enthalten, wird auch diese kleine Strecke nicht einmal ausgenutzt. Danach kann man sich den Charakter der Raucher vorstellen, genau so wie ihre Gegenpole, die die Cigarette bis zum letzten Ende sorgsam auszunutzen suchen, während der eigentliche Sybarit ganz genau die Entwicklung der Rauchwirkung verfolgt und mit Sicherheit weiß, wann er am besten aufhört, um das Geschenk der Götter restlos und ungetrübt auszukosten.