Part 1
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Anmerkungen zur Transkription
Der vorliegende Text wurde anhand der Buchausgabe von 1921 so weit wie möglich originalgetreu wiedergegeben. Offensichtliche Fehler wurden stillschweigend korrigiert. Ungewöhnliche und heute nicht mehr verwendete Schreibweisen bleiben gegenüber dem Original unverändert.
Besondere Schriftschnitte werden im vorliegenden Text mit Hilfe der folgenden Symbole gekennzeichnet:
kursiv: _Unterstriche_ gesperrt: +Pluszeichen+
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[Illustration]
Eine Auswahl aus Adolf Schreibers Kompositionen ist unter dem Titel „Zehn Lieder“ im gleichen Verlag erschienen. Nähere Angaben am Schlusse dieses Buches.
MAX BROD
ADOLF SCHREIBER
Ein Musikerschicksal
1921 / IM WELT-VERLAG / BERLIN
_Copyright 1921 by Welt-Verlag, Berlin._
„Es ist leichter Glut zu sein als Mensch und zu glühen.“
AUS EINEM BRIEFE A. SCHREIBERS.
Am 1. September 1920 lief Adolf Schreiber aus dem unwirtlichen Berlin in den Wannsee. -- Flüchtig begann die Tagespresse sich mit ihm zu beschäftigen. „Selbstmord eines Künstlers“ -- „Künstlerschicksal“. Ein paar Notizen, eine interessant aufgetupfte Farbe in einigen Feuilletons. „Typischer Fall“ hieß es. Aber das war der Fall gar nicht, war im Gegenteil ein Äußerstes an Kompliziertheit, Seltsamkeit. Als solcher freilich hätte er einen grellen Reflex auf das Typische werfen können. Aber nur die Nächststehenden wußten das. In Zeilen von +Adolf Heilborn+, +Auguste Hauschner+ blitzte es auf. Dann wurde es wieder sehr schnell still.
In diesen Zeilen war daran erinnert worden, daß Adolf Schreibers tiefverborgenes Leben schon einmal ohne seinen Willen in die Öffentlichkeit gezogen worden war. Durch einen Artikel von mir, einen Verzweiflungsschrei. +Siegfried Jacobsohns+ „Schaubühne“ hatte im Mai 1913 das Folgende gebracht, als meinen
„AUFRUF AN DIE MUSIKFREUNDE“.
_„Bene qui latuit, bene vixit“??_
„Dichtungen schreiben und Verbindungen anknüpfen ist zweierlei. Darf es aber dem jungen Autor leider nicht sein, von besonderen Glücksfällen eines Porphyrogenitus abgesehen. Meist wird nur ein Gang zu fremden Leuten, ein Eindringen in unbekannte Redaktionsräumlichkeiten über den Abdruck des ersten Gedichtes, des ersten Buches entscheiden.
„Noch viel, viel schlimmer hat es ein Komponist. Der Notendruck ist teurer; und wer kauft Werke eines neuen Musikers! Die Verleger der Musikliteratur haben daher taube Ohren für neue Musik. Und eine Aufführung bedarf eines großen Apparats. Der junge Komponist muß also auf den Mäcenas und Apostel in einer Person warten. Fall Hugo Wolf und andre.
„Ich würde mich gar nicht darüber wundern, wenn im Nachlaß eines unbekannten alten Mannes kostbarste Musik aufgefunden würde. Nichts hat es auf der Welt so leicht, sich zu verstecken wie gute Musik.
„Es ist leider nicht naturnotwendig, daß geniale Musik-Inspirationsfülle mit einer gewissen Vordringlichkeit und Ausdauer des um die erste Aufführung buhlenden Benehmens sich paare. Andrerseits ist das ja sehr schön und keusch. Aber traurig bleibt es, daß der Komponist Adolf Schreiber, obwohl er seit Jahren in Berlin lebt, es durch die einfachen menschlichen Eigenschaften der Bescheidenheit und Zurückhaltung durchgesetzt hat, nur von einigen Zufallsbekanntschaften angehört zu werden.
„Und doch ist die Musik dieses nicht mehr ganz jungen Mannes das Wichtigste und Ergreifendste, was mir seit Jahren erklungen ist. Schreiber hat zahlreiche Klavierkompositionen, Violinsonaten, Fugen, Orchesterwerke in seinen Schubläden. Und die Lieder, was für Lieder! Seine Melodien zu Prosazeilen Peter Altenbergs, seine naiven, kraftstrotzenden Balladentöne für Liliencron haben mich einen ganzen Sommer lang mit unendlichem Glück gesegnet. Ich sage es kurz: eine ganz originelle Eigenart gibt sich hier kund, ein ganz Natürliches, ohne besondere Komplikation ein bisher durch Zufall unbekanntes Grundelement der Musik.
„Aber der Komponist selbst ist selbstverneinend, fast asketisch, er tut keinen Schritt für sich, er ist ein heroischer Ausnahmemensch. Diese Zeilen schreibe ich ohne sein Wissen, vielleicht gegen seinen Willen. Ich frage ihn nicht, ich frage niemand. Ich hasse den stupiden Zufall, der (was ja sehr schön und keusch ist -- bene qui latuit, bene vixit) Genialität und Selbstverkleinerung in dieselbe Brust eingebaut hat. Ich wende mich an die Öffentlichkeit. Ich bürge mit meiner ganzen Person, mit meinem Ansehen und mit der Zukunft meines Ansehens für die magische Gewalt der Kompositionen Adolf Schreibers.
„Ich frage: Welcher Sänger, welche Sängerin studiert die Lieder Adolf Schreibers? Welcher Verleger bietet sich zur Drucklegung an? Wer veranstaltet den ersten Liederabend, den ersten Kompositionsabend für Schreiber?
„Die Adresse: Kapellmeister Adolf Schreiber, Berlin-Halensee, Joachim-Friedrichstraße 2.“
* * * * *
Diese schrille Lichtreklame war nur eine von den vielen, die ich längs der Bahn Adolf Schreibers angezündet habe. Nicht die erste und nicht die letzte. Ich hatte mir damals, nach vielen Fehlschlägen, vorgenommen, um jeden Preis und geradezu mit Erbitterung das Schweigen rings um meinen Freund zu sprengen.
Es ist absolut mißlungen. Nicht den geringsten Erfolg habe ich für ihn erzielt. -- Ich betrachte das als einen Teil des mir persönlich zugestoßenen Unglücks und Unrechts, als einen ganz beträchtlichen Teil meines Mißgeschicks. -- Wer Glück hat, hat es nicht nur für sich, sondern auch für die, denen er helfen will. Hätte sich doch Adolf Schreiber einen mit weniger Mißgeschick behafteten Freund erwählt!
O, wie bitter es ist, dies niederzuschreiben -- jetzt, da alles vorbei ist.
Was geschah nach jenem gewagten, nahezu unschicklichen, gewissermaßen von Schamröte erglühenden Aufruf 1913? -- Ein Kammersänger meldete sich, ließ aber nach einigen Briefen die Sache fallen. Ferner forderte der Direktor einer Filmgesellschaft Musik zu Gerhart Hauptmanns „Atlantis“. Auch daraus wurde nichts. Schreiber komponierte. Ob aber die Musik zur Aufführung gelangt ist, weiß ich nicht. Jedenfalls wirkte sie nicht nach. -- Das war alles. Mehr habe ich nicht gehört. Wiederum schloß sich um den Lebenden das Lehmgrab, das er mit sich trug, mitten durch das energieplatzende Berlin um seine Schultern mit sich trug.
Allerdings war das auch seine eigene Schuld, -- sofern man von Schuld hier sprechen will. Ein anderer hätte die „Situation ausgenützt“. Schreiber machte gewiß einen Kreis rings um sie. Er wich ja allem Guten, Günstigen aus, das sich anbot. Jemand hätte da sein müssen, ihn zu zwingen. -- Ein typischer Fall? Nein, ein geradezu phantastischer. Und er zeigt so richtig die ganze Phantastik der Kunst in dieser Welt. Da gab es also einen Menschen, der die Kunst ganz ernst nahm und sonst gar nichts. Der von Nebendingen, Geschicklichkeiten des Lebens nichts, aber auch nicht das Mindeste wußte. So sehr nicht das Mindeste, daß er nicht nur alles falsch packte, dort scherzte, wo es ernst wurde, und dort ernsthaft drauflosarbeitete, wo es nicht der Rede wert war, -- nein, mehr noch, daß er direkt gegen sich lebte, Schützengräben anlegte zwischen sich und seinem Glück, -- eine Haltung, die aber durchaus ableitbar ist aus dem redlichen Gemüt eines, der eben nur die Kunst ernst nimmt und sonst gar nichts. Er hatte nur seine Musik, alles andere hätten die andern für ihn haben müssen. -- Sofort erhebt sich die Forderung, daß man ihm nicht nur hätte helfen, nein, daß man ihm hätte +Hilfe aufdrängen+ sollen. Und diese Forderung, verglichen mit dem tatsächlichen Zustand der Welt und ihrem Benehmen Künstlern gegenüber, -- ja, die klingt freilich einfach absurd. Und dabei ist doch nichts geschehen. Es hat sich nur der extreme Schulfall des Künstlers gezeigt, dieser Schulfall, den jedermann gedanklich konstruieren kann, an den jeder schon wiederholt und mit ideologischer Genugtuung gedacht hat, an den man quasi gewöhnt ist. Aber siehe da, er ereignet sich nun wirklich einmal, und sofort reißt sich die ganze Paradoxie unserer Existenzform auf, die Unmöglichkeit, zu leben ...
* * * * *
Es gibt Menschen mit Ellbogen und solche ohne Ellbogen. Das Besondere des Falles Adolf Schreiber war: er hatte nicht nur keine, sondern sogar negative Ellbogen, Ellbogen gegen sich selbst.
Es konnte ihm nichts Widerlicheres geschehen, als wenn man eines seiner Werke lobte. Er geriet dann in nackte Wut. Ich habe dergleichen nie gesehen außer an ihm. -- Wohl gibt es eine edle Trauer, Niedergeschlagenheit des Künstlers, der in die Bewunderung, die seine Arbeit erweckt, oft genug nicht mit einstimmen kann, weil er das höhere Ziel sieht, das er verfehlt hat, und niemanden außer ihn bedrückt diese Vision. Diese Trauer also kommt vor, man kennt sie. Aber Wut, aufrichtige, gallige Wut? Ich weiß es, daß Adolf Schreiber oft, wenn ich von seinen Liedern entzückt war und dies aussprach, mich für einen Lügner und Schmeichler gehalten hat. -- Heute, in der Ewigkeit, mein toter Freund, weißt du es, daß ich nie schonen wollte, daß ich nur deshalb und nur dann lobpries, wenn ich mich beschenkt von dir fühlte, lebenserhöht, angefacht, -- durchsonnt jede Ader von Glück, das dein junges liebeglühendes Genie gab. Ich habe ja öfters auch ablehnen müssen, namentlich in den späteren Jahren. Die Melodien deiner Jugendwerke aber kamen aus dem Himmel. Er gehörte, wenn du vorspieltest, nicht mehr dir allein, der Zugang war offen, du hattest nichts zu verbieten, nichts dreinzureden, wenn meine Alltagsstarre in Tränen auftaute ... Aber Schreibers Benehmen war derart, daß es einem die aufrichtigste Begeisterung hätte verleiden können. Sogar ich, sein Jugendfreund, fürchtete den endlosen Wortschwall seiner Ableugnungsversuche (er leugnete sein Genie). Ich hielt zuweilen mit meiner Bewunderung zurück, nur um unerquicklichen Debatten über meine „Falschheit“ zu entgehen. Es gab Zeiten, in denen er sich mir ganz verekelte. Denn man fühlte in seiner Ablehnung alles Lobes sehr wohl auch einen ungeheuren inneren Stolz mit. Diese Mischung von äußerer Unterwürfigkeit, Selbstzerfleischung, Sadismus gegen sich selbst und verborgenem Trotz, der zumindest als Eigensinn immer wieder ausbrach, war äußerst schwer erträglich.
Er bat unaufhörlich jeden, der mit ihm zusammentraf, doch nur ja davon überzeugt zu sein, daß er gar kein Talent habe, daß er den letzten Dreck an Stümperhaftigkeit darstelle ... Die Welt läßt sich so etwas nicht zweimal sagen. Sie ist ja im allgemeinen darauf eingestellt, so oder ähnlich zu urteilen. Sie widersetzte sich ihm nicht, sie tat ihm den Gefallen.
Die „Welt“: damit meine ich aber nicht etwa das volgus profanum. Von dem wäre es selbstverständlich. -- Nein, der Fall Schreiber scheint wie darauf angelegt, das Tiefste in bezug auf dieses Verhältnis „Künstler und Kritik“ -- „Künstler und Rezeptivität“ zu enthüllen. Denn es waren die feinsten Köpfe Berlins, die ich jedesmal, so oft ich für ein paar Tage nach Berlin kam, auf Adolf Schreiber aufmerksam machte und mit ihm zusammenführte. O wie grenzenlos haben sie mich alle enttäuscht, alle! Obwohl ich es ihnen doch im vorhinein ausführlich dargelegt hatte: „Da ist ein Mensch, absolut ungeschickt -- ungeschickt ist schon gar kein Ausdruck für diesen Zustand chronischer Selbstmörderei -- ein Quell, den man erbohren muß aus härtestem Fels -- aber ich sage euch, der Quell ist da“, -- obwohl ich sie also immer auf all sein koboldhaftes Liebenswürdigsein, seine oft lästige Höflichkeit, seine Verstocktheiten vorbereitete: keiner hat es auf die Dauer ausgehalten, keiner hat an ihn geglaubt. Die Klügsten betrog er durch unaufhörliches Sichselbstzerhacken, die Gütigsten ermüdete er durch seine unter dem Schein des temperamentvollen Zickzackflatterns verborgene Unnachgiebigkeit. Unbegreiflich aber bleibt es mir, daß die, denen er seine Lieder am Ende dennoch vorgespielt hat, von diesen Feuerbränden nicht definitiv entzündet wurden. Man sagt mir nun: Er spielte so schlecht Klavier. Ich habe das nie gefunden (und ich verstehe schon was vom Klavierspielen). Wohl aber weiß ich, daß Adolf Schreiber nie das Klavier angerührt hat, ohne auf die schweinemäßigen Fehler, die er sofort machen würde, im vorhinein zu fluchen. Er machte dann keine. Aber nach dieser Introduktion hörte sie eben jeder. Eines ist wahr: das verschmierende Weglasse-Klavierspiel, das zum modernen Kapellmeister gehört, das verstand er wenig. Es widersprach seiner reinen, auf ehrfurchtsvolle Sauberkeit bedachten Natur. Peinlich rang er darum, jede Note, jede Sechzehntelpause herauszukriegen. Er spielte etwas hart, warf kein Seidennetz über die Tasten, in dem unbequeme Akkorde hätten in Andeutungen und falsche Schatten wegschlüpfen können ... Dann heißt es, er habe seine eigenen Lieder mit entsetzlicher Stimme gequäkt. Zugegeben; aber der Kenner muß eben diese Eigentümlichkeit so manches Komponisten auf der Stelle ins tönende Silber der Konzertpodien zu transformieren wissen ... O unbegreiflich, daß man nicht aufgehorcht hat, wenn er mit der ganz ehrlichen Liebe des großen Bedürfnisses von den Meistern sprach, die ihn beseligten: von Beethoven, Smetana, Haydn, Brahms, Reger, Bach, von Dauthendey, Flaubert, Rilke. Er sprach von ihnen, wie man von Wohltätern, von Almosengebern, vom täglichen Brot, von Atemluft spricht. Er brauchte sie um ihrer selbst und um seiner natürlichen Beschaffenheit willen, er war auf sie angewiesen, er lechzte nach Schönheit und er sättigte sich an ihr. Ist denn solche Liebe, solche Lauterkeit und Demut allzu häufig? Mir ist sie drei-, viermal begegnet im ganzen. Sie mußte jeden erschüttern, sie brach so rückhaltslos, so nebenzwecklos, so geradehin aus Schreibers großem, stets erstaunt lächelndem Blick! -- Aber niemand sah es, niemand hat diesen Blick zurückgestrahlt.
Die Fremdheit, mit der Menschen einander begegnen, die nicht gerade Freunde oder Liebende sind, ist erstaunlich. So oft ich aus meinem Gehäuse Prag hervorkrieche und ein paar Tage in Berlin verbringe, fällt mir das auf. Gerade in Berlin fällt es mir besonders stark auf, in den Kreisen der Künstler und des Kunstbetriebs. In Berlin geht nämlich alles Äußerliche so glatt vor sich, das erleichtert das Leben ganz ungemein. Die täglichen Lästigkeiten, die Friktionen des schlechtfunktionierenden Tintenfasses, des verbrauchten Löschblattes fehlen. Rhythmus erfaßt auch den Unfähigen, den Faulen, den Schlemihl. Plötzlich strahlt er von Tüchtigkeiten, praktischen Zeiteinteilungen. Man hat nie Zeit, infolgedessen hat man für das Wichtige immer Zeit. Bei den Schaltern gibt’s kein Gedränge, denn das Publikum stellt sich von selbst ohne Schutzmann im Gänsemarsch von der richtigen Seite an. Trinkgeld-Meditieren ist abgeschafft. Jede Wohnung: Warmwasser, Balkon -- was denn! ihre Loggia!! Selbst die mondlichtdünnste Unternehmung stützt sich auf strammes Briefpapier, Bernhard-Type, ganz fette, durch zittrigen Rand über sich selbst hinausgreifende Lettern und Unterstreichungen nie weniger dick als eine Schriftzeile. Der ingeniöse Fünfzack als Punkt, anders geht’s schon nicht --, das flößt unbewußt Vertrauen ein. Wird etwas gegründet, wozu anderwärts noch nach Monaten nicht mehr als ein Witz an Aktienkapital bereit steht, eine auf den ersten Blick lebensunfähige, weltfern blaguierende Literatenidee, eine Qualle, scheinbar nur im Aroma des Kaffeehauses haltbar, -- hier tritt sofort ein wetterhartes Plakat, künstlerisch aufgemacht, in die Erscheinung, verwandte Farben (orange in gelb, violett in schwarz) werfen ihr Pathos ineinander, daß es nur so kracht, „Steinplatz“ oder „Pfalzburg“ sind um eine neue Telephonnummer bereichert und, was das Merkwürdigste ist, die Sache lebt wirklich, fügt sich ein in die Welt der Dividende. -- Infolgedessen fühlt man sich angenehm gespannt, aufgepulvert, frei, gleichsam ohne Handgepäck, jedermann tritt gutgeölt in den Tag, sogar Unterernährte haben eine fröhliche Gesichtsfarbe -- und so ist denn der erste Eindruck der eines schnellen freundlichen Entgegenkommens. Von Kälte habe ich nichts gespürt. Was einer zu geben hat, wird rasch erkannt, in Empfang genommen, umgesetzt. Querköpfigkeit, unnütze Reibung fehlt. So sollte man also glauben, daß hier präzise Bahnen für jedermann geöffnet sind. Und doch ist dieser erste Eindruck falsch. Die Glätte der äußeren Abwicklung erleichtert inneres Anknüpfen, +aber bis zu einem gewissen Grade nur+. Dann stößt man auf eine Asbest- und Aschenschicht, nicht zu durchdringen. Dann rollt das Rad, mit dem sich’s so hübsch im Takt rollen ließ, über einen hinweg. Der zur guten Stundeneinteilung skelettierte Tag kommt den +leichteren+ Problemen der Geistigkeit sehr entgegen, vor den +schwereren+ versagt er. Da, wo es heißt, stundenlang, tagelang auf einem Fleck stehn und grübeln, da versagt er. Das leichte, wohlabgestaubte, spiegelklar registrierte, mit Telephon und Schaltbrett, Lauf-Pagen, Anmeldung usf. mustergültig versehene große literarische Bureau „Berlin“, in seinen besseren Abteilungen auf wirkliche Wertigkeit eingestellt, der besondern Nüance nicht abgeneigt, manchen Bluff durchschauend, manche Mache ablehnend, mit anständiger Klarheit richtig bemüht, -- da, wo man sich die Haare raufen muß vor Entzücken, wo man leidenschaftlich nicht nur die doppelte oder dreifache, schon sehr zuvorkommend bemessene Konferenzzeit, sondern eventuell die ganze Zeit von der Schöpfung der Erdkugel bis zum Weltuntergang hingeben müßte, ja, da kann es nicht mehr mitmachen. Bei Adolf Schreiber konnte es nicht mitmachen. Es war durchaus naturnotwendig (das sehe ich jetzt ein), daß in Berlin Adolf Schreiber untergehen mußte. Berlin und Adolf Schreiber: das waren absolute Gegensätze. In Berlin sind selbst ganz bizarre Originale von Künstlern lebensfähig, -- die wohltuend praktischen Einrichtungen der Druckereien, Adreßbücher, Untergrundbahnen, Klosette u. ä. kommen ihnen entgegen; in andern Städten ergattert man ja nie, was man braucht, es bedarf da Cecil-Rhodesscher Findigkeit und Unternehmungslust, um nur an ein Waschlavoir zu gelangen -- und in Berlin wird selbst Schrullenhaftigkeit irgendwie verwertet, allenfalls in Sensation umgedeutet, auch der abseitige Einfall muß nicht auf „Notierung gestrichen“ sinken, weil man eben kraft vernünftiger Lebensführung für den Genuß einer gewissen rationierten Genialität Zeit behält, in Berlin ist also alles trefflich eingerichtet und selbst das Unpassende findet seine Unterkunft -- bis zu einem gewissen Grade. Adolf Schreiber aber war gradlos, er war das Nirgendshineinpassende an sich, das Prinzip der Untüchtigkeit in Reinkultur. Ihm bis zu einem gewissen Grade entgegenkommen, hieß: ihm überhaupt nicht entgegenkommen. Er hätte Jahrhunderte gebraucht, um (als Mensch) verstanden zu werden. So riß allen die Geduld, auch solchen, die selbst komplizierte Fälle sind und die sich nur mit Mühe aufrechterhalten, die in jeder andern Stadt untergehen würden außer in Berlin, das wenigstens eine rationierte Geduld hat, immerhin mehr Geduld mit seinen Künstlern als irgendeine andere Stadt, die ich kenne. Berlin, das ich liebe, mit dem ich persönlich ganz gut auskomme, denn einen kleinen Puff Fremdheit (wenn auch nicht zu viel) halte ich eben aus ... Wenn nun aber ein Mensch wie Adolf Schreiber das Unglück hat, daß er vollständig durch und durch aus jener elysischen südwindzarten Lauterkeits-Materie besteht, von der wir Hyperboräer glücklicherweise nur einen Teil mitbekommen haben! -- Nicht die Technik der Großstadt hat Adolf Schreiber umgebracht. Die Technik bringt den Geist nicht um. Sie erleichtert sogar sein Leben bis zu einem gewissen Grade. Aber dieses „bis zu einem gewissen Grade“ hat ihn umgebracht. Es konstituiert die Fremdheit zwischen den Menschen. Unter dem Schild erleichterter geistiger Kommunikation, komfortabler Bureaumöbel, schnellen Einverständnisses, das aber nur für robuste Naturen oder für das robuste Teil zarter Naturen gültig ist, unter dem Schein expeditiver Arbeitsmethodik schafft dieses „bis zu einem gewissen Grade“ den besten Wert männlichen Verkehrs ab: die wahre, grenzenlose, bis dort hinaus zeitverschwenderische Freundschaft.
Vor mir liegt ein alter Brief +Ludwig Rubiners+: „Lieber Herr Brod! Ich war neulich bei Adolf Schreiber. Die Sache kommt mir bald hoffnungslos vor. Denn er setzt seine fürchterliche Selbstzerfleischung und Verachtung ja nicht einmal mehr in künstlerische Form um. Nun betreibt er schon soundso lange bei einem alten Idioten Kontrapunkt, natürlich nur, weil der Mensch seine Lieder schlecht findet! Neulich war er beim Kapellmeister Reznicek, der ihm offenbar viel Gutes gesagt hat. Infolgedessen hat er +mir+ lediglich wiedererzählt, wie R. feststellte, daß Schreibers Lage hoffnungslos sei. Ein hoher Genuß war es vor einigen Tagen für ihn, als er einen Hundertmarkschein aus der Tasche verlor -- seine Produktivität wurde kolossal angeregt ... Da sich aber dieser ganze Masochismus (ein leider allzu billiger Begriff!) bei ihm nur in mündlichen Beteuerungen ausdrückt, also wie beim Komponisten ein bloßes Phantasieren auf dem Klavier ohne Niederschrift -- so erscheint mir die Sache hoffnungslos.“ -- Wie treffend ist hier alles Äußere gesehen. Und doch ist der treffliche Psycholog hinters Licht geführt. Denn Schreiber pflegte künstlerische Lethargie +vorzutäuschen+. Das war einer seiner Tricks, um die Menschen von sich abzustoßen ... Ich greife einen beliebigen seiner zahllosen Briefe an mich heraus. Da heißt es: „Du glaubst vielleicht, ich wollte Dich kränken, habe Launen oder wünsche den Himmel herabzureißen. -- Nein, nein, nur ein bißchen Talent möchte ich haben und wollte schon zufrieden sein und glücklich, aber so ist das Leben schier unerträglich, allen zur Qual und mir zur unerträglichen Last, die ich abschütteln möchte. -- Ich weiß, Du bist großmütig und wirst von einem Bruch zwischen uns beiden nichts hören wollen -- aber was nützt die Verzweiflung -- +ich kann nicht mit!+“ ... So suchte er mir immer einzureden, daß er mein Leben unnütz belaste, mir Mühe verursache usf. Indes war ich von Dankbarkeit für seinen „verlorenen Schwimmer“, für „Fastnacht“, „Si dormis“ und andere Lieder immer aufs neue durchglüht. War nun ich verrückt oder war er es? Seiner Beredsamkeit standzuhalten war nicht leicht. Er brachte immer neue Argumente vor, wollte seinen Unwert dem Widerstrebendsten nachweisen. Man mußte sich da immer wieder vorhalten: das ist doch derselbe, der ...
Daß nun gerade ich die Geduld nicht verloren habe, rechne ich mir nicht als besonderes Verdienst. Schreiber war mein Jugendfreund, unter all meinen Freunden der frühest erworbene. Das bindet.
Ich hatte ihn kennen gelernt, als er dreizehn Jahre alt geworden war, bei seiner Barmizwah. Ich stand damals im zwölften -- 1896.
Adolf Schreibers Vater und der meine sind in demselben Haus der Prager Josefsstadt (Euphemismus für „Judenstadt“) aufgewachsen. Mein Vater machte die Bankkarriere, Schreibers Vater wurde Tapezierermeister. -- Ich rekonstruiere nachträglich, daß das Erscheinen der gesamten Familie Brod bei dem Familienfest Schreiber als eine Art „Ehrung“ des arm gebliebenen Jugendgespielen gedacht war. Jedenfalls kam ich damals zum erstenmal in das bescheidene Häuschen Altprags (wir wohnten schon längst in der Neustadt). Nach der üblichen Konfirmationsrede spielte der kleine Adolf ein wenig Violine. Das entschied. Denn auch ich war damals schon eifriger Musikant, Klavierist. Wir beiden Kinder tauschten unsere Erfahrungen und Wünsche aus, jenseits aller sozialen Schichtungen, von denen wir ohnedies nur Schattenhaftes ahnten.
Dieses erste Zusammentreffen hat sich so klar in mein sonst schlechtes Gedächtnis gestanzt, daß ich mich sogar noch des Likörs entsinne, der damals herumgereicht wurde ... Das Häuschen der Castulusgasse aber ist längst eingerissen. Ich kann die Stelle nicht finden, wo es gestanden hat.
Adolf wurde eingeladen, uns zu besuchen. Er kam, samt der Violine. -- Diese ersten Besuche zeitigten in Keimanlage gleich das ganze künftige Verhältnis zwischen den Freunden, ja Adolfs ganze Lebenseinstellung. Er war furchtbar schüchtern, von einer trotzigen peinlichen Schüchternheit. Es dauerte jedesmal buchstäblich stundenlang, ehe es meiner Mutter gelang, ihn zum Kaffeetrinken zu bewegen. Die Grazie, etwas als Selbstverständlichkeit anzunehmen, hat er nie besessen. Dieses Kaffeetrinken brachte quälende Debatten hervor, manchmal schon recht bösgemeinte Scherzhaftigkeiten, die mich rasend machten, denn ich drängte doch schon zum Musizieren. -- Schrecklich war mir auch die Verehrung, die Adolf meinem Gymnasialstudium, meiner besseren Orthographie (was er „Bildung“ nannte) entgegenbrachte. In musikalischer Entwicklung war er mir voraus, was er aber nie anerkennen wollte.
Wir spielten vierhändig, auch Klavier und Violine. Überdies waren wir völlig uns selbst überlassen. Ohne Führer schlugen wir uns auf eigene Faust durch das Dickicht der ersten Kunstbegeisterungen. Dabei gab es natürlich manches Komische. So fiel uns beispielsweise eine bloße Violinstimme des Mendelssohnschen Konzertes in die Hände. Wir glaubten fest und steif, daß diese Stimme das ganze Werk bedeute, -- daß es anders sein könne, auf diese Idee kamen wir gar nicht. Adolf mußte mir nun immer wieder das Konzert in dieser Form vortragen, es bezauberte uns völlig. Frei, ahnungsvoll, vieldeutig schwebte der Faden der reinen Melodie über dem Abgrund ... Nun gaben wir von Zeit zu Zeit unglückseligen Verwandten eine Vorführung, eine Probe unseres fortschreitenden Könnens. Hauptnummer: Mendelssohn-Konzert für Violine solo. Heute erscheint es mir freilich nicht mehr so empörenswert wie damals, daß die Zuhörer dem dünnen Lineament der einen Stimme nicht zu folgen vermochten, daß sie sich langweilten, zu schwätzen begannen. O diese Wut gegen die Philister in unsern jungen Herzen! Meine Entrüstung, als es hieß: „Er hat entsetzlich gekratzt. Es ist zu schwere Musik u. a.“ ... Eines aber ist seltsam: als ich in späteren Jahren zum erstenmal die Klavierbegleitung des geliebten Konzertes hörte, war ich bitter enttäuscht. Die Harmonien, die wir hinzuimaginiert hatten, waren so mystisch schön gewesen.
Wir waren auf Zufälle angewiesen. Ich entsinne mich eines Nachmittags, da uns die vierhändig gespielte Ouvertüre „Der Kalif von Bagdad“ (Boieldieu) faszinierte. Eine Stelle, die mir heute ganz gleichgültig erscheint, erregte damals unsere ganze Glut. (Es ist der 37. bis 32. Takt, vom Schluß aus gezählt, -- offenbar stießen wir auf diese Akkordfolge zum erstenmal.) Immer wieder spielten wir diese eine Stelle und immer lauter. Wir schrien vor Vergnügen, wir sangen mit. Wir spielten die ganze Ouvertüre von vorn, um uns nochmals überraschen zu lassen, um die ganze Süßigkeit auszunutschen. Wir überboten uns in den hartnäckigen Ausrufen: „Jetzt aber noch einmal!“ Als die Eltern heimkamen, fieberten wir beide. Adolf wurde schnell heimgeschickt und ich ins Bett.