Part 2
Niemand nahm sich unseres Geschmackes an. Wir bildeten eigene, sehr primitive Terminologien. Das höchste Prinzip unserer Verehrung hieß „Dissonanz“. Der Dreiklang galt als verflucht. Inbegriff aller Lächerlichkeit war Weber. Wagner überstrahlte bald alles. -- Wollten wir etwas als äußerst geschmacklos und banal bezeichnen, so lachten wir höhnisch: „Preziosa-Ouverture“. Das war der Nullpunkt der Musikalität. -- Wir haben später unsere Ansichten mehr als einmal revidieren müssen. Namentlich Adolf schwärmte dann für die einfachsten Formen, für Mozart und Haydn. In diesen Bezirk konnte ich ihm nicht folgen. Ich gestehe, daß mir noch heute von allen musikalischen Klassikern Weber der am wenigsten zugängliche ist.
Unser Taschengeld sparten wir in einer kleinen Holzkassette. War sie voll, so wurden aus diesem Schatz Sonaten für Klavier und Violine gekauft. Die Klavierstimmen lagerten bei mir, die Violinstimmen bei Adolf. Dieser gemeinsame Besitz an Viotti, Spohr, Vieuxtemps, Beethoven u. a. war unser Freundschaftstolz. Einmal aber war schon Teilung proponiert. Die Freundschaft sollte gekündigt werden, und zwar aus „nationalen Gründen“. Der kleine Adolf wurde an einer tschechischen Bürgerschule, ich im deutschen Gymnasium erzogen. Der chauvinistische Geist der Schulen wirkte. So fühlte sich Adolf als fanatischer Tscheche, ich als erbitterter Minoritätsdeutscher. Es kamen die Dezemberkrawalle 1897, nach dem Sturz Badenis schlug der Pöbel allen Deutschen und Juden die Fenster ein. Auch in meiner Elternwohnung splitterten nachts die Scheiben, bebend flüchteten wir aus dem gassenwärts gelegenen Kinderzimmer ins Schlafzimmer der Eltern. Ich sehe noch, wie mein Vater die kleine Schwester aus dem Bett hebt -- und am Morgen lag wirklich im Bett ein großer Pflasterstein. Mit einem Bügelbrett wurde das Hoffenster verbarrikadiert. Aber wir schlossen kein Auge. Welche Beruhigung endlich für die ängstlichen Kinderherzen, als der feste Schritt des Militärs draußen die Straße räumte ... Am nächsten Morgen führte ich meinen Freund vor die verwüstete Fassade, erzählte ihm alles, forderte ihn auf, angesichts dieser „Barbarei“ sein Tschechentum abzuschwören -- oder es sei alles aus zwischen uns. Er gab aber nicht nach. Zum soundsovielten Mal kam es nur zu unserem heißen Kindergespräch über Recht und Unrecht ... Nach vorübergehender Abkühlung unserer Freundschaft scheint uns indes der gute Genius der Musik bald wieder zusammengeführt zu haben.
Viele Jahre darauf merkten wir beide, obwohl in Häusern ohne jüdische Tradition aufgewachsen, wohin wir gehörten. Von unsern Kindheitsnationalismen blieb, uns beiden gemeinsam, die Liebe zur deutschen wie zur tschechischen Musik; da gab es dann keinen Streit mehr. -- Adolf Schreiber war völlig unpolitisch. An meinen kulturellen Interessen (z. B. dem „Jüdischen Volksheim“ in Berlin) nahm er einigen Anteil. Wie tief aber das Judentum in ihm saß, auch ohne Wissensfundierung, entnehme ich jetzt bei Sichtung aller Erinnerungen (zu meinem Erstaunen) einer alten Briefstelle: „Den Versöhnungstag habe ich heuer das erstemal in meinem Leben -- menschenwürdig verbracht -- ich habe über die Zerstörung des Tempels geweint. -- Muß das eine furchtbare Katastrophe gewesen sein. -- Bei der Zerstörung ist jedem persönlich ein Leid zugefügt worden, ein unerreichbares Ideal ist vernichtet worden -- Männer und Frauen weinen auf der Straße -- können kaum mehr gehen -- einer erzählt dem andern -- die Kinder schreien und weinen, daß ihre Eltern nicht zu Hause sind -- daß sie nicht zu essen bekommen, aber diese denken nicht an Speise und Trank -- sie fühlen nur den Schmerz und Verlust -- alles vergißt zu essen, zu leben. -- Und wir Elende -- was ist uns Hekuba -- wir feiern diesen Tag mit Fasten -- wir entsagen der Speise -- bewußt -- hungern und dürsten -- wie bewußt!!! und beten für +unser+ Wohlgedeihen.“ -- -- --
Schon die Tage der Kindheit schwächten meinen Freund durch allzu böse Kämpfe. Er sollte Handwerker werden. Endlich setzte er es durch, ans Konservatorium zu kommen. Zuerst in die Violinschule. Dann kostete es wieder große Anstrengungen, in die Kapellmeisterklasse unter Dvořák übernommen zu werden. -- Er plagte sich mit Violinstunden. Eine Zeitlang war auch ich sein Schüler. Und da zeigte sich die andere Seite seines Wesens. Er sekierte mich entsetzlich. Klavier hatte ich leicht erlernt; mit dem Violinspiel ging es nicht vorwärts. Mit Grauen denke ich an die erfolglosen unendlichen Lektionen zurück. Aus jeder Kleinigkeit machte Adolf eine Affäre, über Hand- und Armstellung, Bogenhaltung usf. kam man monatelang nicht hinaus, besonders schmerzhafte Griffe mußten besonders oft wiederholt werden, bis alle Gelenke krachten -- Niedersitzen, wenn die Beine zitterten, war nicht erlaubt, nicht fünf Minuten der langen Stunde ließ er sich abhandeln, gab lieber noch zu. Dabei immer dieses höflich-höhnische, geradezu erfreute Lächeln im Gesicht des grausamen Lehrers. Spartaner gegen sich selbst, war er es auch gegen andere. In konniventester Form folterte er, und es war manchmal das Nebensächlichste, worauf er bestand. -- Er mochte dem Gotte der Kunst nur unter Qualen dienen. Man kann sich vorstellen, wie das in seinen Provinz-Operetten-Ensembles gewirkt haben mag.
Denn das ist ja die Tragik in seinem Leben: er, der Philisterhasser, der glühend in sich verschlossene Verächter alles Mittelmäßigen und Niedrigen, hochgespanntester Empfangsapparat für die äußersten schwierigsten keusch-ernsthaftesten Wellenlängen der Kunst und Kunstmoral, mußte Zeit seines Kapellmeister-Daseins der +Operette+ dienen.
Hier ist der Ort, gegen einen der furchtbarsten sozialen Mißstände zu protestieren, der tief ins Kunstleben eingreift. -- Ein Kapellmeister, der vom Geld seiner Eltern lebt, kann als Volontär oder Korrepetitor an eine große Opernbühne gehen, wo er dann allmählich zum Dirigenten aufrückt oder wenigstens die Anwartschaft auf den Kapellmeisterstab eines andern wesentlich künstlerischen Instituts erringt. Adolf Schreiber war so arm, daß er vom Konservatorium weg ins Verdienen mußte. Die mehrjährige Schonzeit war ihm versagt. Das erstbeste Engagement an eine Schmiere war ihm recht, denn auch um dieses hatte er lange genug zu kämpfen. Wer nun aber hofft, aus der für Unbemittelte notgedrungenen Anfänger-Schmierenlaufbahn jemals in die Sphäre erstrangiger Kunst sich emporarbeiten zu können, der irrt ganz gewaltig! Adolf Schreiber war nun einmal bei den Theateragenten als Operettenkapellmeister abgestempelt -- und so blieb er es sein Leben lang, trotz verzweifelter Versuche, an ein kleines, aber anständiges Stadttheater zu gelangen. Lebenslänglich verurteilt zur Geschäftsbühne, zur Polyhymnia des Profits, nie vor eine vollwertige Kunstaufgabe gestellt. Und das alles nur, weil das Geld fehlte, ein paar minderbesoldete Saisons einzulegen. Deshalb also dirigierte Abend für Abend der scheue Erdengast im „Theater des Westens“ den „fidelen Bauer“ oder die „Dollarprinzessin“. -- O, wie die Schablone arbeitet, die Diktatur des „Faches“, mag es noch so sehr wider Anlage und Willen gewählt sein. -- Wie oft hat Schreiber den Versuch gemacht, aus dem Bannkreis der Amüsiermusik auszuspringen! Ein würdigerer Arbeitskreis hätte zweifellos manche seiner inneren Disharmonien geschlichtet. Wer weiß, vielleicht wäre er im Opernstudium oder mit guter Symphoniemusik beschäftigt, also in den oberen Rängen des Metiers, auch seiner Selbst-Unzufriedenheit, seines Minderwertigkeitsgefühls Herr geworden! Wie freute er sich, wenn er nur einmal dazukam, richtige gesundgewachsene Partituren zu schlagen, sei es auch nur eine der älteren Operetten (Suppé oder Millöcker, Strauß) mit ihrer immerhin feineren Faktur, ihren wohlgebauten Ouvertüren und Finalesätzen, mit welcher Gründlichkeit und Feuerkraft warf er sich auf die ihm so seltene Aufgabe! Aber das waren nur vorüberfliegende Sterne. Der Horizont, der ihn dann immer wieder einschloß, hieß: Vaudeville. Aus dieser traurigen „Lustigkeit“ gab es für den so tödlich ernsten, fast humorlosen Menschen kein Entrinnen.
Einmal lächelte das Glück. In Kronstadt sagte bei einer Lohengrin-Aufführung der erste Kapellmeister ab. Ich zitiere (o armes Dokument eines erfolglosen Lebens) die „Kronstädter Zeitung“:
„Der Aufführung des gewaltigen Wagnerwerkes ‚Lohengrin‘ sahen wir gestern mit geteilten Gefühlen entgegen. Einesteils bangte uns davor, ob wohl der Aufführung sich nicht so viele technische Schwierigkeiten entgegenstellen werden, daß der Gesamteindruck erheblichen Schaden leiden müsse, andernteils freuten wir uns auf die herrliche Musik. Unser Bangen wuchs, als vor Beginn der Aufführung Herr Chlumetzky vor die Rampe trat und dem Publikum mitteilte, Herr Kapellmeister Heß sei plötzlich ziemlich schwer erkrankt und es werde der zweite Kapellmeister Herr +Schreiber+ die Oper dirigieren. Es schien uns, als hätte Herr Heß bei den Proben den Eindruck gewonnen, die Oper gehe nicht und habe aus dem Grund die Leitung nicht übernommen. Dann erschien Kapellmeister +Schreiber+ und siehe, schon nach den ersten Takten des Orchesters kam eine Beruhigung über uns, wir sahen, daß Herr +Schreiber+ mit Energie und Sicherheit den Taktstock schwang. Und so blieb es bis zum Schluß. Wir müssen es gestehen, daß uns die Aufführung förmlich überrascht hat. Es war vielleicht die beste, die wir heuer gehabt haben usf.“
Daß der glückliche Zufall im Leben dieses Pechvogels keine weiteren Konsequenzen gehabt hat, ist selbstverständlich. Nachzudrücken, wo etwas nicht ganz von selbst ging: das verstand er nicht. Ich finde in seinen nachgelassenen Papieren nur noch einige Theaterzettel („Hoffmanns Erzählungen“, „Figaros Hochzeit“), die ihn als Operndirigenten zeigen. In eben diesem Nachlaß das Programm seines Benefizabends im Stadttheater Bozen: es bringt das Vorspiel zu den Meistersingern, eine Arie aus der „Entführung“, Balladen von Loewe und Haydns Abschiedssymphonie. Eine lichtere Zeit verbrachte er an der „Neuen Opernschule“ von Mary Hahn (Berlin). Unter seiner musikalischen Leitung gab es Richard-Strauß-Abende, einen Wagner-Abend, Szenen aus Glucks „Orpheus“. Wo er selbständig arbeiten konnte, bewährte er sofort erlesenen Geschmack. Eine Saison lang war er Korrepetitor am Deutschen Opernhaus in Charlottenburg. Künstler wie Hansen, die Stolzenberg schätzten ihn sehr. Aber da er den ganzen Tag über Proben, abends Bühnendienst hatte, von 100 Mark monatlich aber bei Verzicht auf alle Nebeneinnahmen (Gesangsstunden) nicht leben konnte, mußte er immer wieder Stellen von besser atembarer Musikatmosphäre aufgeben. Volle Einnahmen brachte nur die Operette, ruhiges Aufdienen in bessere Opernposten hätte zuviel Zeit beansprucht, so blieb es für Söhne reicherer Häuser reserviert.
Mein unglücklicher Freund walzte so ziemlich über alle niederen Kunststätten Deutschlands und Österreichs hin. Zuerst Linz, Tilsit, Ingolstadt, Pilsen, Eger, Hermannstadt, Prager Sommertheater, Bozen, -- dann Hamburg unter Direktor Monti -- 1906 zuerst im „Theater des Westens“, dann unter Palfi im „Neuen Operettentheater“ am Schiffbauerdamm -- die Odyssee einer Operettengesellschaft über Aachen, Halle, Hannover u. a. -- dann Krankheitspause. Im Krieg sechs Wochen lang Soldat, ja auch diese Tragikomödie fehlte nicht. Dann kam er frei, zu Fronttheatern im Westen, wo er Lille, Cambrai, Valenciennes, Longwy, später im Osten Minsk mit Foxtrott und Dreivierteltakt nebst entsprechendem Bühnenvorgang zu beglücken hatte. Der Frieden brachte ihm nur eine neue Tournee, Harz, Spandau, die kleinen Orte der Mark. Die Truppe hatte nicht etwa ein Orchester mit sich. Überall spielte er dasselbe Stück mit neuen Musikern, Dorfmusikanten oder Stadtkapelle. Eine einzige Probe, dann die Vorstellung. Nach zwei, drei Tagen weiter ... Dazu also hatte eine schöne Jugend die geheimsten Herzsaiten zu den wählerischesten Klängen sorgfältig gestimmt! Dies der Ausgang vieler groß-hingebauter Pläne, unter Nachtwachen überwundener Hemmnisse, Neugeburten. Unter der Last des ihm aufgezwungenen Schlendrians brach er fast zusammen. -- Die letzte Anstellung war wieder bei Palfi, im „Künstlertheater“. Doch davon später!
Ich blättere in deinen alten Briefen, mein Guter. -- Damals, als es noch nicht klar war, daß dieser Ring sich unzerbrechlich schließen würde um ihn, gab er sich auch der niederen Muse mit Straffheit und Respekt hin. In einem schönen Brief erklärt er mir, wie auch eine Schundoperette gut dirigiert werden könne, wie z. B. der Rhythmus stets ins Absolute greife, wenn man ihn nur richtig herausbringt. Die ganze Kraft der Jugendanfänge spricht aus solchen Theorien. Unglück, Selbstanklage beschäftigte ihn auch damals schon genug, -- aber doch immer wieder auch ein frischer Antrieb, ein heiter Sinnliches, das später ganz fortfiel. Die Ferne war in schönem, perlenfarbigem Nebel unendlich, Morgenlüfte wehten auf über dem Tau, -- am köstlichsten wohl im Jahre des Pilsner Erlebnisses und der Wiener Tage. Ein oder zwei Jahre darauf besuchte ich ihn in Berlin. Es muß um 1906 gewesen sein. Wir hatten einander eine ganze Zeitlang nicht gesehen. Mein erstes Buch war (unter lebhaftester Anteilnahme des Freundes) eben erschienen. -- Da zeigte er mir seine ersten Lieder, sehnsüchtige Erinnerungen an seine einzige große Liebe, an die „Rekonvaleszentin“, an Wien. Diese Stunde war eines der markdurchdringenden, gleichsam imprägnierenden Ereignisse meines Lebens. Damals fühlte ich, daß Adolf Schreiber ein Genie ist. Ich habe an dieser Erkenntnis festgehalten gegen alle Kohorten sogenannter „Sachverständigen“ und „Elitemenschen“, ja gegen ihn selbst. Und ich werde an dieser Erkenntnis bis zu meinem Tod festhalten, sie ist einfach ein Bestandstück meiner Seele, unwiderlegbar. -- Die vorliegende erste Ausgabe Schreiberscher Lieder wird mir überdies, das weiß ich, Bundesgenossen schaffen. -- Auch um Gustav Mahler habe ich ja anfänglich völlig einsam gekämpft, bis zum Krampf manchmal. Und wer kennt noch heute den großen Dänen-Musiker Carl Nielsen, oder den säkularen Tschechen Janáček, dessen „Jenufa“ man einmal neben „Carmen“ und „Aida“ stellen wird! Wer kennt sie, auf die ich seit Jahren hinweise! Aber die Welt ist taub, in ihrer Tücke bringt sie sich selbst um die schönsten Genüsse! Das Erstaunliche dabei ist ja nur, daß sie zu guter Letzt, nach einer Reihe von Jahren oder Jahrzehnten doch immer noch von ihrer fallweisen Taubheit geheilt wird ...
O die kleine Stube damals, das schwarze Leih-Pianino, -- wohin versank die Nüchternheit des „Gartenhauses“, nackte Fassade hinter dem Hof mit Staub-Grasbeeten, sauber chamotte-umrahmt! -- Schreiber spielte die „Rekonvaleszentin“ nach Worten Peter Altenbergs. Süße Schauer überjagten mich, ich brach in Tränen aus. -- Noch heute halte ich dieses Lied für eines seiner Meisterstücke. Diese gut ausgelüfteten, staubfreien Harmonien überall, -- spürte man nicht weißlackierte Möbel des Krankenzimmers, linnengekleidete Schwester, ein Fenster groß, offen, und weiche, klare, verzehrend-schmeichlerische Frühlingsluft ... wie märzhaft jung bogen sich in jedem Takt, gleichsam ungewollt, zarte Abweichungen vom Gewöhnlichen, alles so natürlich und doch neu, ohne irgendwelche Exzessivität neu ... der fast sich von selbst ergebende Fluß der Melodie, sprechend und gesungen zugleich ... und dann wie es sich sammelte von den Worten an: „Ein Abglanz ihrer Leiden“ ... Die beiden Takte von der „halbverwischten Kinderträne“ für sich allein eine Intuition der allerhöchsten Art ... und wie es schloß, wie es fiel und stieg. Wahrlich, wer von diesem Lied nicht hingerissen wird, der weiß nichts vom Glück, nichts von den tiefsten Instinkten der tönenden Welt. -- Das Lied gehört überdies zu den wenigen, die selbst dem ungnädigen Schöpfer einige Zustimmung ablockten. Trotzdem brüllte er mehr als einmal wilde Flüche, schwor, es zu vernichten. Da seine Schaffenskraft erstorben sei, habe es keinen Zweck mehr, altes Zeug aufzuheben. In seinem Nachlaß hat sich denn auch keine Abschrift dieses Opus vorgefunden. Es existiert nur in dem einen Exemplar, das ich ihm vor Jahren abgebettelt habe. -- Wohl aber fand ich unter Schreibers Papieren einen Brief +Peter Altenbergs+, in der bekannten Schul-Kurrentschrift, folgenden Inhalts:
„Sehr geehrter Herr, +Marya Delward+ wird, falls es Ihnen recht ist, im Cabaret ‚Fledermaus‘, Eröffnung 1. Oktober, Ihre feine Sache singen.
Ergebenst und dankend Peter Altenberg.
·|· Selbstverständlich gestatte ich die Herausgabe meines Textes.“
Ob es zur Aufführung gekommen ist, weiß ich nicht. Eher nein als ja. Alle derartigen Dinge pflegten für Schreiber fehlzuschlagen.
Es wäre sinnlos, die ganze ermüdende Reihe meiner Anstrengungen hier anzuführen. Bei Verlegern, Sängerinnen, Konzertdirektionen, Kritikern, Essaisten pochte ich an. Alles vergebens. Ärgerlich war nur, daß Schreiber selbst mir manchmal im entscheidenden Moment in den Arm fiel, einen wichtigen Weg nicht machte, den ich ihm von Prag nach Berlin hinübertelegraphierte u. ä. -- Einmal war (ohne mein Dazutun diesmal) eine Verbindung mit +Humperdinck+ hergestellt. Schreiber suchte ihn endlich auf, er wollte Stunden nehmen. (Er behauptete immer, technisch unausgebildet zu sein.) Humperdinck sah Schreibers Lieder durch. „Sie brauchen keinen Unterricht,“ sagte er dann. (Ehrt ihn in meinen Augen.) Dies war für Schreiber das Signal, überhaupt nicht mehr hinzugehen. Trotz Aufforderung. Weil der Mann ihn gelobt hatte. Sich unterstanden hatte, ihn, ihn zu loben ...
Dagegen fand er einen alten Schulfuchs, der ihn in „reinem Satz“ und „strengem Kontrapunkt“ zu unterrichten begann. -- Wäre die Figur Adolf Schreibers erfunden: diesen Gipfelpunkt der Selbstzerstörung hätte kein Dichter erfinden können, es sei denn Shakespeare selbst oder Dostojewski! Schreiber begann nämlich, unter der Anleitung des trefflichen Lehrers, seine früheren Kompositionen zu „korrigieren“. Er wütete gegen seine eigene Unberührtheit und Genialität. Nun hatte er ja endlich einen gefunden, der im Einklang mit ihm alles, was geschaffen vorlag, verurteilte. Schreiber hatte eine unbegrenzte Verehrung für die Kritik dieses Mannes, den ich nicht kenne, der mir aber von mehreren Seiten als Pedant der allerkonservativsten Schule geschildert wird... So finden sich in allen Arbeiten Schreibers unzählige Bleistiftkorrekturen. Ich habe, wo immer es anging, die ursprüngliche Fassung gewählt und ich glaube, auch spätere Publikationen werden mehr oder minder auf die ersten Niederschriften zurückgreifen müssen. Hier ist freilich der „Textkritik“ eine nahezu unlösbare Aufgabe gestellt!
Adolf Schreiber hat meiner Ansicht nach die Leistungen seines Lebensfrühlings in späteren Jahren nie wieder ganz erreicht. Ein Talent, gegen das aus allen Leibes- und Seelenkräften gewütet wird, kann nicht anders als degenerieren. Dennoch hat er ein reiches Lebenswerk hinterlassen. Ganze Stöße dieser Kompositionen aus den guten Jahren liegen vor. Nur des beschränkten Raumes wegen mußten einige meiner Lieblinge in der gleichzeitig erscheinenden Liederauswahl wegbleiben. Dazu kommt vieles aus späterer Zeit, das ich noch gar nicht erschöpfend beurteilen kann. -- Zu seinen Lebzeiten wurde ein einziges seiner Lieder gedruckt und zwar in der Prager Monatsschrift „Deutsche Arbeit“. Es heißt „Unsere Gespräche“ (Text aus dem „Weg des Verliebten“ von mir). Diese Veröffentlichung ist Prof. Rietsch und Hans Effenberger zu danken. -- Ein einziges Lied von so vielen, vielen unschätzbaren!
Ein Engagement in Pilsen scheint für Schreiber das entscheidende Erlebnis gebracht zu haben, das dann noch in Eger und bei einem Besuch in Wien ausschwang. Doch auch die Örtlichkeit „Bozen“ taucht in mir auf. Der verklungene Name „Ferra“ ... Ich entsinne mich mancher Andeutungen von einem stolzen Mädchen und einer glücklichen Liebe, wohl der einzigen, die er erlebt hat, -- obwohl viele Frauen ihn mit Liebe umgeben haben. Ja, es gab einigemal Frauen, die das Einzigartige dieses Mannes instinktiv begriffen und ihn in Sorgfalt, in selbstlosester, Peinigungen unzugänglicher Zärtlichkeit gehütet haben. Frauen waren in dieser Hinsicht feinfühliger als Männer, Künstler-Kollegen. Aber Hingabe, Bewunderung, Anbetung -- das war ja etwas, was Schreiber erst recht nicht vertrug. So scheuchte er Seelen fort, die er angezogen hatte. Es gab immer Unglück und Öde um ihn. Dann wieder verschmachtete er vor Sehnsucht. -- Welchen seltsamen Umständen nun es zu verdanken ist, daß gerade das Pilsener Erlebnis die richtige Balance von Stolz der Frau und ihrer Hingabe, von negativer und positiver Elektrizität besessen hat, -- das fühle ich nur noch irgendwo im Dämmern der Erinnerung, Schreiber hat es mir wohl erzählt, nachformen kann ich’s nicht. Dunkel entsinne ich mich, daß eine gefährliche Erkrankung dieses Mädchens eine große Rolle gespielt hat. Ich kann es mir etwa so denken: Aufopferung und Schutzgewährung war ja so richtig Schreibers Element, am Krankenbett winkte eine seltene Kombination, wie er sie brauchte, die Stellung des hingebungsvollen Pflegers, die zugleich eine beherrschende wie dienende ist. In dieser Stimmung mögen seine geheimsten Fähigkeiten hervorgebrochen sein, Gnade in seinem oft versiegenden Leben. So entstand die unsterbliche „Rekonvaleszentin“ und die verwandte Ballade „Maibaum“, die er „Und Pfingsten rings --“ nannte. Aber damit nicht genug. Eine Fröhlichkeit, ein üppiges Quellen der Sinnlichkeit wie nie zuvor und nachher nie wieder, besaß ihn in jener bergumhallten waldigen weichen Wiener Zeit. Ein Heft sehnsüchtiger „Walzer“ für Klavier zeugt davon. Schreiber schickte sie mir mit einem Brief voll Innigkeit für Wien, -- „unaussprechliche Sehnsucht nach Wien, nach dem Leben, nach der Liebe -- und so bitte ich Dich auch diese Walzer zu spielen, weich, zärtlich, kosend, gemüt- und gesangvoll. -- Ich fühlte immer eine alte Erinnerung in mir aufleben -- wie ich den Kopf an ihr Boa, das auf ihrer Brust lag, lehnend den zarten weichen Druck fühlte, mit dem sie meinen Kopf an ihre Brust preßte -- das ist der Inhalt!“ -- Zuerst glaubte er, Schnitzlers „Reigen“ in Musik zu setzen (mit diesen Walzern), dann aber fand er das Buch zu brutal, zu realistisch. -- Auch schuf er eine ganz neue Form: „Gstanzeln“, kurze, oft nur zweizeilige Liedchen auf volkstümliche, dialektische Texte. Er schrieb schnell nacheinander zwei solche Zyklen, die in ihrem Reichtum, rhythmisch und harmonisch originell, dabei von einleuchtender natürlicher Invention zu dem Besten gehören, was ich von ihm kenne. Daß diese Zyklen bald populär geworden wären und dabei den Beifall der Kenner erlangt hätten, scheint mir sicher. Aber Schreiber verwarf sie später vollständig, erlaubte mir niemals, daß ich mich um eine Aufführung gerade dieser aussichtsreichsten Arbeiten bemühte.
Ich kenne nicht den Namen des Mädchens, die meinem Freund so viel gewesen ist. Ich weiß nicht, wie sie auseinander geraten sind, wohin sie sich gewendet hat, wie ihr Leben in all den Jahren verlaufen ist, ich weiß gar nichts von ihr. Vielleicht hat sie ihn vergessen. Vielleicht ist sie tot. -- Sollte aber irgendwo in der weiten Welt dieses Blatt zufällig in ihre Hand kommen, so nehme sie es ehrfürchtig erschauernd wie einen Gruß des Toten, -- und meinen stillen Dank dazu für den überirdischen Lichtstrahl, der ins dunkle Herz eines bitteren Menschen gefallen ist. -- -- -- -- -- -- -- --
An den „Walzern“ Schreibers bemerkte ich zum erstenmal eine Eigentümlichkeit seines musikalischen Stils: die Akkorde scheinen manchmal unreif, nicht voll genug, oder plötzlich an Stellen, wo man es nicht erwartet, stumpf. Doch gilt es hier, im Urteil vorsichtig zu sein. Das sind nicht etwa Fehler. Sondern gerade solche scheinbare Ungeschicklichkeiten geben dem Duktus, nimmt man ihn nur einigemale durch (unerläßliche Bedingung!) und gewöhnt sich an seine Untiefen, einen wunderbaren Zauber von Unberührtheit, Naivität. -- Ich würde diese Behauptung nicht wagen, wäre Schreiber der einzige Komponist, für den solche „scheinbare Ungeschicklichkeit“ charakteristisch ist. Daß man mir ohnedies vorwerfen wird, ich sei von Freundesliebe verblendet, weiß ich. Dies hier aber würde den Vorwurf allzusehr provozieren. Ich dürfte es also nur denken und -- schwiege. Doch glücklicherweise findet sich bei Berlioz ganz ebendieselbe Eigenheit. Man höre etwa den Chant de bonheur (aus Lelio). Gleich der Übergang vom dritten zum vierten Takt zeigt genau diese leichte Härte, die ich meine. Aber wer würde solche Kristallkanten aus Berlioz wegwünschen! Gerade in ihnen ist er ja gleichsam: Berlioz zur dritten Potenz. Sie zeigen sich eigentlich überall in seinem Werk, offenbaren sich schamhaft, mit herbem jungfräulichem Reiz. -- Der Banause tritt hin und streicht sie als dilettantisch an. Ohren aus Nilpferdleder haben die Leute! -- Um noch präziser zu sagen, worauf es hier ankommt: im 47. Takt desselben Chant de bonheur, bei der Sequenz auf das Wort „viens“ erwartet man in den Sechzehntelfiguren der Begleitung kein d, sondern ein e. So steht es auch im Vorspiel und Nachspiel. Hier aber -- eigensinnigerweise -- ein kindliches schulfibelhaftes d. Man könnte es fast für einen Druckfehler halten. Und es geht ja im Moment vorbei. Aber ein Duftmolekül aus dem Paradies ist mit vorbeigefedert. Diese Duftsprühtropfen liegen überall auf den Blütenblättern Berliozscher wie Schreiberscher Musik. Das ist ja keine große Sache. Unsere Zeit ist an derbere Bekundung von Eigenarten gewöhnt. Keine große Sache, -- es ist nur das, was eben das wunderbare und geheime Wesen aller wahrhaftigen erlebnisnotwendigen Kunst ausmacht. Aber abgesehen davon ist es wirklich nicht der Rede wert.
Heute wird man einer Künstler-Eigenart erst gewahr, wenn sie sechsfach unterstrichen, wenn sie außerdem als deutliche Etikette oben aufgepappt, hundertmal wiederholt und dem starblindesten Kritikerauge sichtbar wird. Der Künstler, der nicht in zehn Büchern immer wieder denselben einleuchtenden Grundeinfall vorkaut, hat keinen Stil, sein Profil verschwimmt im Nebel der Redaktionen. Tagore: ein Inder, da habt ihr was, daran könnt ihr euch anhalten, Weisheit des Ostens, milde Weisheit des Ostens, -- aus diesem Brocken kann auch der mittelmäßigste Kopf einen Essai saugen, auf die intimere Verflechtung und Entwicklung des Autors pfeift er, Etikette genügt. Welch erschütternde „Wahrheit“ hat nicht Sternheim entdeckt: Die Welt wird immer materialistischer, Berlin voran, statt Persönlichkeitswerten gilt nur die Quantität, -- eine Erkenntnis, bei der freilich ganze Bibliotheken von Autoren aller Gattungen (Lyrik bis Nationalökonomie) vorgearbeitet haben. Aber faßlich, unkompliziert schimmert sie, dem philiströsen Anti-Bourgeois erfreulich, durch hübsche Sprachvertracktheit hindurch. Ohne eine solche Marke ist Erfolg unmöglich. Mit Marke versehen hat mißverständlicherweise sogar gute Qualität manchmal Erfolg.