Part 4
Wäre ich naiv genug gewesen, die Welle von Sensation, die nach Adolf Schreibers Tod durch die Öffentlichkeit ging, irgendwie ernst zu nehmen, als Zeichen innerer Aufweckung und Teilnahme: dann hätten meine Bemühungen um Schreibers Nachlaß mich wieder einmal empfindlich getäuscht. -- Doch ich hatte es im voraus so vorgesehen. Als ich nach Berlin kam, war der kleine Zwischenfall schon wieder vergessen. Einige hatten ihn gar nicht bemerkt. Von Künstlern, erlesenen Menschen, denen ich Schreiber ans Herz gelegt hatte, wurde ich, drei Monate nach seinem Ende, konversationsweise gefragt, wie es dem Herrn Kapellmeister gehe. Sie wußten noch nichts ... Berlin ist groß.
Dann saß ich in seiner Wohnung, an seinem „Blüthner“. Ich sah nochmals seinen Stolz, die mit dem edelsten Geschmack zusammengebrachten Bücher und Noten. Das Bild Smetanas, ernst blickt es herab, Leidenswasser im Auge. Die Reiseandenken, die seltsamen Nippesfiguren, denen er zugetan war ...
Hart, ungerührt saß ich da, erstaunt über die unsentimentale Stimmung. Aber sie war vielleicht eine Huldigung an ihn, der Gefühlsausbrüche, ihm gewidmet, niemals gelitten hätte. -- Stundenlang nahm ich Notenblätter aus den dichtgefüllten Mappen, spielte, probierte da und dort. Erinnerungen an jenes Pianino im Gartenhaus, an die erste Offenbarung seiner Kunst. O Tage der Jugend, wie anders haben wir es geträumt! Und auch später noch -- in all seinen Hoffnungslosigkeiten war es doch immer noch Leben gewesen, halbunbewußte Kraft, Erfindung, federndes Vorwärts, unbenützte Reserve, der Funken, der Schlag, das Ich-weiß-nicht-wohinaus, der freie unerforschbare Horizont! Und nun -- alles vorbei! Weil (letzten Endes) der Star so und so die Première dirigiert hat! O Blödsinn, Blödsinn unserer Zellanordnung, unseres unmöglichen Daseins, unserer Majestät von Zufalls Gnaden ... Und nun stoße ich auf seine lieblich-sehnsüchtige Wunderhornmelodie: „Der verlorene Schwimmer“: „Er rief aus voller Brust -- mein Stern ist aufgegangen -- ich schiff ihm nach mit Lust. -- Das Lichtlein auf den Händen -- er schwamm zum Liebchen her. -- Wo mag er hin sich wenden -- ich seh sein Licht nicht mehr? -- Liegt er in ihrem Schoße, sein Lichtlein wendet ab -- liegt er im Wasserschlosse, in einem nassen Grab“ ... Da konnte ich nicht länger an mich halten ...
Es ist merkwürdig, wie viele Prophezeiungen unter den Liedtexten sind, die Schreiber ausgewählt hat.
Allenthalben grenzte, stieß sein Leben an das große Geheimnis. Überirdisches ist ihm zuteil geworden und Leidenschaft erfüllte ihn zuzeiten völlig, von oben bis unten. -- Und auch jetzt noch lebt Musik in der verlassenen Wohnung, als könnte mit einem Schlage diese starke Flamme nicht ausgelöscht sein. Ein Wunderknabe mit tiefen schönen dunklen Augen, zwölfjährig, schon heute ein sicherer Meister der Geige -- Adolfs Frau hatte das ostjüdische Kind zu sich genommen um dem Künstler eine Freude zu bereiten, nun blüht das Kind unter der Hand der Witwe. Mit der übernatürlichen Besonnenheit des Genies, ein Schuljunge noch und doch durchaus mit der Fassungskraft Erwachsener begabt, erzählt es von seinem Pflegevater, zu dem es doch erst vor einem halben Jahr gebracht worden ist, -- von gemeinsamen Spaziergängen mit unablässigem musikalischem Gespräch. Alle Dreiklänge, alle Septimenakkorde aufzählen, bis der Mund weh tat, -- das war eine Kleinigkeit für Adolfs Pädagogik. Ja, daran erkenne ich seine quälerische und selbstquälerische Methode wieder. Wenn irgendwo eine Türe aufging, eine Autohupe erklang, mußte sofort der absolute Ton erraten werden. Sie erfanden ein Spiel daraus, überboten sich im Auffinden dieser Zufallsgeräusche. Ja, man hat viel von ihm lernen können. Und diese Begeisterung, wenn er von den Meistern sprach! ... So macht mir der kleine Violinvirtuose meinen Freund noch für ein Weilchen lebendig. Und erfreut mich durch sein stillbescheidenes, sanft bedeutsames, ausgeglichenes Wesen, so unähnlich dem zerschellten Chaos meines Freundes. Möge ihm, der über dem Grab eines Schicksals-Ungünstlings aufwächst, alles gelingen, was diesem mißlungen ist!
Herr Gjerlöw hat mir noch einen zweiten Brief geschrieben. Da heißt es: „Ich werde mit dieser Sache nicht fertig -- muß immer wieder an Adolf denken -- und mache mir Vorwürfe und sage ‚wenn und wann‘, dann wäre es vielleicht nicht so gegangen. -- Sehr viel habe ich hierüber noch zu sagen -- aber das Schreiben ist mir zuwider, auch geht es so langsam. Ich muß Adolf immer mit Caspar Hauser von Wassermann vergleichen -- so einsam und unbeholfen, und wir alle haben so träge Herzen gehabt. -- Wenn Sie kommen, werden wir über alles reden. -- Sie müssen ein Buch schreiben -- eine Warnung für harte und träge Herzen.“
Druckleitung, Titel u. Einband: Menachem Birnbaum. Druck von C. G. Röder G. m. b. H., Leipzig. 817521.
Gleichzeitig erschien im Welt-Verlag:
ZEHN LIEDER VON ADOLF SCHREIBER für Gesang und Klavier.
1. Die Rekonvaleszentin („Sie hat so viel gelitten ...“) von Peter Altenberg.
2. Trotzköpfe („Und echten Samt zu aller Neid ...“) von Detlev v. Liliencron.
3. Der Maibaum („Wir liebten uns ...“) von Detlev v. Liliencron.
4. Wiegenlied („Vor der Türe schläft der Baum ...“) von Detlev v. Liliencron.
5. Minnelied („Wenn all die Welt Ruhe hat ...“) von Ditmar v. Aiste.
6. Fastnacht („Die Fastnacht bringt uns Freuden ...“) Aus des Knaben Wunderhorn.
7. Nach Catullus („Wir wollen, o Lesbia, lieben und leben ...“) von Max Brod.
8. Dal rosal vengo, mi madre („Von dem Rosenbusch, o Mutter ...“) von E. Geibel.
9. Der Tanz der Unsterblichen („Zu meiner Flöte von Jade hab’ ich ein Lied gesungen den Menschen ...“) von Li-Tai-Pe.
10. Das Huhn („In der Bahnhofshalle, nicht für es gebaut ...“) von Christian Morgenstern.
Geheftet M. 25.--.
WELT-VERLAG / BERLIN NW 7
HEDWIG CASPARI: Elohim. _Gedichte. 2. Aufl. Geb. M. 15.--._
-- Salomos Abfall. _Eine Handlung in neun Vorgängen. Geh. M. 17.--, geb. M. 23.--._
SAMMY GRONEMANN: Tohuwabohu. _Roman. 8. Aufl. Geh. M. 25.--, geb. M. 30.--._
LUDWIG STRAUSS: Die Flut Das Jahr Der Weg. _Gedichte 1916–1919. Geh. M. 15.--, geb. M. 20.--._
HERMANN STRUCK -- ARNOLD ZWEIG: Das ostjüdische Antlitz. _Mit 50 Originallithographien. Geb. M. 50.--._
ARNOLD ZWEIG: Drei Erzählungen. _Geh. M. 5.50, geb. M. 9.--._
L. SCHAPIRO: Die Stadt der Toten und andere Erzählungen. _Aus dem Jiddischen von S. Schmitz. Geh. M. 5.--, geb. M. 7.50._
LYRISCHE DICHTUNG DEUTSCHER JUDEN. Verse von Franz Werfel, Max Brod, Albert Ehrenstein, Else Lasker-Schüler, Ludwig Strauss, Hedwig Caspari, Rudolf Fuchs, Oskar Kohn, Uriel Birnbaum, Alfr. Wolfenstein. _Geh. M. 9.50, geb. M. 12.--._
+Verlagskatalog steht zur Verfügung.+