Part 3
Adolf Schreiber hätte sich wohl nie zur Marke entwickelt. -- Rufe ich mir seine Figur auf, -- dunkle Augen unter hoher breitwölbiger Stirn, das blasse kindlich-runde Gesicht, rettungslos traurig oder hastig, verlegen lächelnd, den wie in Sturmwinde verlorenen, eilig hingeblasenen Gang, den hohen mageren Körper, die enthusiastische Sprache, voll von Stößen und Fragen --, so erscheint er mir wie der Genius der Ehrlichkeit, ausgestoßen aus dem wohnlichen Umkreis der Menschen. Und das wird immer so sein. Nur Zufall oder die Gnade Gottes kann einmal ein Menschenkind, mit so viel Reinheit gesegnet, dem Untergang entreißen. Beten wir für die arme Seele der Menschheit! --
Es ist das Beschämende unseres Kunstlebens, daß nicht der lebenspendende Einfall, organisch entstanden und organisch weiterwachsend, der zarte Einfall, der Berge versetzt, weil er wahrhaftig aus einem übernatürlichen Erlebnis stammt, von Kritik und eiligen „Kunstgenießern“ gefühlt wird (die sogenannten „Edelfeuilletonisten“ miteingeschlossen) -- sondern beliebt ist +das möglichst banale Grundmotiv+ in +möglichst outrierter Aufmachung+. Gegen die Outrance als solche sage ich nichts. Auch sie kann (ist es bei Schönberg) göttliche Herzbewegung sein. Aber die herzlose Outrance, die Outrance, die das Allerhergebrachteste, den kalten Braten von vorgestern deckt, -- sie ist die Feindin der Kunst. Gebt mir einen richtigen Kunstverständigen! Daran will ich ihn erkennen, daß er an dem aus Wahrheit entsprungenen Einfall sich unlösbar festhakt, einerlei, ob es ein unscheinbarer, ins Gebüsch springender Mimikry-Einfall ist oder ein Einfall in krasser Plakatfarbe, plutzetoll. Auf beide Arten göttlicher Offenbarung reagiert gleicherweise der richtige Rezeptor. Und er weiß auch, daß die Physiognomie eines Wachsenden gewissen Veränderungen ausgesetzt sein muß. Aber er entlarvt a tempo den „scriptorem unius libri“, soll heißen: den Mann der Zeit, der dasselbe Buch hundertmal hintereinander schreibt, bis ihn die Kritikerzunft bei der neunzigsten Wiederholung desselben aufdringlich und auffallend herausgeputzten Fadismus endlich als „Charakter“, als „Individualität“ zu bemerken nicht umhin kann. --
Will man sich zu Schreibers Liedern historisch einstellen, so vergesse man nicht, daß alle in der gleichzeitig erscheinenden Sammlung*) veröffentlichten (außer „Tanz der Unsterblichen“ und „Das Huhn“) aus seiner Frühzeit stammen, in der von Einflüssen Schönbergs, Debussys nicht die Rede sein konnte. -- Die Einfachheit vieler Schreiberscher Konzeptionen ist aber, das wird man sofort merken, weit entfernt von irgendeiner Schablone der Spätromantik, irgendeiner Schulkunst. In jedem Takt ist eigenes Leben, oft nur durch feinnervige Abweichung vom erwarteten Akkord kenntlich, oft energisch neuer Biegung hingereckt (vgl. „Nach Catullus“ z. B. Takt 10–14, 23–25 und anderwärts). Absichtlich habe ich zwei der einfachsten Lieder („Wiegenlied“ und „Minnelied“) in diese Sammlung aufgenommen; nicht nur weil ihr Melos und ihre Harmonik unvergeßlich tönt, Erfindungen ein für allemal, wie seit jeher dagewesen und nur durch Zufall jetzt erst zu unserer Kenntnis gelangt (so ist das Gefühl, das jede große Musik erzeugt) -- sondern weil gerade im einfachsten Material der neue Einfall am prätentionslosesten, am schönsten hervortritt. Man höre nur die Töne „zieht ein Traum“, „kräht ein Hahn“, die Schlußworte des Wiegenliedes, die akkordische Unruhe in „schlafe nicht ein“, die tiefe Innigkeit „lieb von Herzen sein“, das völlig hilflos, völlig primitiv liniierte „Ich werde sterben“ und die Gesangskurve, die danach aufgeht und hinab. Oder hat man die Holzschnittfarbe der „Fastnacht“, den zweistimmig geschnitzten Ländler und entzückendes Gespräch und klassisches, formkräftiges Regengemälde je zuvor erlebt? Hier wie in dem Zyklus nach +Christian Morgenstern+ leuchtet überdies ein Humor durch, wie ihn der Mensch Adolf Schreiber kaum je zeigte. Über „Das Huhn“ ist nichts zu reden, es wird bald sehr berühmt sein und auf den ganzen Zyklus neugierig machen. Wie bei den Worten „daß ihm unsre Sympathie gehört“ gleichsam ein ganzer Männergesangverein losbricht: genial, genial! Und als ich die Ballade „Trotzköpfe“ Professor +Oskar Bie+ vorspielte, wunderte er sich, daß eine so intuitive Dramatik nicht längst in allen Konzertsälen erklungen sei. Kann man sich ein dankbareres Vortragsstück denken! (Die anderen Vorzüge will ich gar nicht besonders hervorheben, die wundervolle Variations- und Rondoform u. ä.) -- Dieselbe Dramatik in dem tieferschütternden „Maibaum“. Wie haben mich die Nonen und Dezimen seines „Sensenschnittes“ zittern lassen -- die melodische Linie, die sich zum Schlusse wiederholt -- oder die aus unnennbarer, ganz dunkler Tiefe des Erlebnisses hervorgestammelten Worte: „und wenn du mich verläßt“. -- --
*) vgl. Seite 79.
Über die drei Lieder nach +Liliencron+-Texten liegt ein Brief des Dichters vor. Ich führe ihn hier vollständig an. Er ist für Liliencron wie für Schreiber charakteristisch. Schreiber hatte sich mehrere Freiheiten erlaubt, Zeilen weggelassen, den Titel geändert. Er war in dieser Hinsicht wie in manch anderer höchst eigenwillig, Synthese von Adoration und Herrschsucht. So z. B. beharrte er darauf, zwei Zeilen in Liliencrons „Trotzköpfchen“ folgendermaßen lauten zu lassen: „Such dir ein ander Schätzchen wo, die wird durch deinen Reichtum +roh+“ ... statt „froh“, wie der Dichter geschrieben hatte. Ich stritt mit ihm öfters dieser „Emendation“ wegen und schließlich scheint er sie dem Dichter doch nicht vorzuschlagen gewagt haben. Aber im Manuskript hielt er natürlich eisern fest an ihr. -- Einmal zeigte er mir einen sehr groben Brief von Bierbaum, der kurzerhand die Veröffentlichung eines ein wenig „geänderten“ Gesangstextes verbot. Der arme Schreiber! Es wäre ja vermutlich ohnedies nicht zur Veröffentlichung gekommen. Schreiber aber war damals wochenlang tiefbetrübt. -- Der lebenstrahlende Baron hingegen antwortete wie folgt:
„Alt-Rahlstedt bei Hamburg, 11. 8. 7.
Hochgeehrter Herr Capellmeister,
Herzlichen Dank für Ihre drei herrlichen Lieder. Eben spielte Georg Kugelberg, unser großer Claviermeister, die Begleitung. Das erste wurde von den Zuhörern -- es ist die 97. Composition meines Wiegenliedes -- unendlich hoch aufgenommen. Aber ich fand „Trotzköpfe“, das soviel ich weiß noch nicht componiert ist, +außerordentlich charakteristisch+. Und habe über Ihre Musik gejubelt!
Nun aber der Maibaum. Ich halte gerade die Str., die Sie weglassen wollen, für die besten. Und namentlich denke ich mir die Zeile: „Ein Wasser schwatzt sich selig durchs Gelände“ als besonders wertvoll für den -- Componisten. Den Namen „Der Maibaum“ geb ich nicht her. Oder ich würde nur dann den Titel „Und Pfingsten rings“ erlauben, wenn Sie unten auf der Seite die breite Erklärung geben würden, weshalb Sie den Titel geändert und die vier Strophen weggelassen haben. Der gute Brahms hat zwei Gedichte von mir componiert. Das eine, bekannte, vorzüglich. Beim andern, das nichts taugt (was er übrigens selbst zugegeben hat), hat er ganz einfach den Titel geändert. Ich nenne es: Tiefe Sehnsucht. Und er hat ihm den albernen Titel: Maienkätzchen gegeben, ohne mich zu fragen -- das kann ich ihm auch nach seinem Tode niemals vergessen. Herzlichen Dank nochmals für Ihre wundervolle Musik.
Ein Wandsbecker (Baisamburg?) Lehrer am Matthias Claudius-Gymnasium wird sich erlauben, Ihnen nach etwa 8 Wochen eine kleine komische Oper oder Operette: Till Eulenspiegel vorzulegen. Er heißt Hugo Ritter.
Ihr ergebenster Detlev Baron Liliencron“.
* * * * *
Wie als Kapellmeister konnte sich Schreiber in siebenunddreißigjährigem Leben auch als Komponist nicht einmal eines Anfangserfolges rühmen. +Kurt Hiller+ wollte Lieder von ihm im „neopathetischen Kabarett“ herausbringen. Im letzten Moment sagt der Sänger ab. „Erleichtert habe ich aufgeatmet“ schreibt mir Adolf. So stand er sich selbst im Wege, zumindest mit Gedanken und selbsthasserischem Wunsch. -- +Herwarth Walden+ kümmert sich um ihn, nützt ihn aber nur auf eine Art aus, die hier zu benennen mir widerstrebt. -- Ein Lübecker Abend bleibt ohne Folgen. -- Gegen das Ende hin veranstaltete die unendlich gütige +Auguste Hauschner+ mühevoll werbend ein Konzert seiner Lieder nach Christian Morgenstern. Es war das erstemal, daß er vor erstklassige, gut eingeladene, wesentliche Öffentlichkeit kam. (Wenn durch nichts anderes sollte Adolf Schreiber dadurch berühmt werden, daß er es verstanden hat, vierzehn Jahre in Berlin zu leben, in engster Fühlung mit Künstler- und Theaterkreisen, und doch völlig unbekannt zu bleiben.) -- Selbstverständlich stand das Konzert unter einem ungünstigen Stern. Zuerst rezitierte Resi Langer, wie immer mit großem Erfolg. Die berühmte Sängerin aber (ihr Name sei verschwiegen) soll nur wenige Noten so gesungen haben, wie der Komponist in unerklärlichem Eigendünkel sie festgesetzt hatte. Im übrigen begnügte sie sich mit Improvisationen. Der Begleiter spielte den delikaten, überaus schwierigen Klavierpart -- vom Blatt. Hier erkenne ich übrigens die Unglückshand meines armen Freundes: statt seine Schmierentournee laufen zu lassen, Urlaub für acht Tage zu nehmen und den entscheidenden Abend vorzubereiten, kam er erst am Vortage nach Berlin, schickte den Mann, der die Lieder bis dahin einstudiert hatte, als untauglich weg (am Vorabend des Konzertes), zerzankte sich mit der Diva usf. -- Der Abend soll einem peinlichen Skandal nicht unähnlich geendet haben. Die Diva eilte auch schon zu ihrem zweiten Auftreten anderorts, an demselben Abend. Betrieb, Betrieb! Die Dame weiß wahrscheinlich bis heute nicht, daß auf diese Art die letzte Chance für einen großen Künstler unter ihrer freundlichen Mitwirkung verlorengegangen ist. -- Seltsamerweise äußerte sich die Kritik nicht ganz ungünstig über die gehörten Fetzen und Fragmente. „Berliner Tageblatt“ und „Börsencourier“ stellten Individualität fest. Daß nun jemand Interesse am Individuum dieser Individualität genommen und Schreiber „entdeckt“ hätte -- das kann man vermutlich auf dieser Welt nicht verlangen.
Kein Zweifel, daß die Hartnäckigkeit der Mißerfolge Schreibers Herz ermüdet hat, -- obwohl er nach außen hin diese Mißerfolge als gerechtes Los eines Nichtkönners hinzustellen eifrig bemüht war.
Doch das Wesentliche war das noch nicht. -- Ich sehe die Briefe durch, die Schreiber im Laufe der zwei Jahrzehnte mir geschickt hat ... Nebenbei bemerkt: Diese Briefe sind in ihrer herrlichen Ursprünglichkeit große Dokumente einer Menschenseele. Auch sie sollten einmal veröffentlicht werden. Aber ist das möglich? Nur ein Faksimile könnte sie wiedergeben. Denn die seltsam charakteristische +Raumverteilung+ gehört mit zu ihrem Inhalt. Alle sind gleichsam mit stürmender Hand hingeworfen, ohne Rücksicht auf Zeile und Gleichmaß; bald bedeckt ein einzelnes wichtiges Wort, ein schallender Ausruf die halbe Seite, bald stehen kleine Sätze über die Fläche hingestreut oder ein Initial, ein Endbuchstabe wächst zu gigantischer Form, bald drängen sich die Worte eng, wie vor Angst zusammen, bald simulieren sie kälteste Kalligraphie, bald fallen sie ineinandergewirrt aus jeder Regel, die vielen Gedankenstriche als einzige Gliederung, mit Rufzeichen wie mit Girlanden umsteckt. Jede solche Briefseite gibt auf den ersten Anblick die Stimmung wieder, in der sie hingehaut worden ist. -- In einem der kostbaren Schriftstücke fand ich den Satz, den ich an die Spitze dieser Erinnerungen setze. Ich zitiere hier den ganzen Brief:
„Gott sei Dank. Soeben habe ich in einem Zug
Möchte rollend das Blut aller Verliebten sein (komponiert?) Gott sei Dank -- seit gestern Abend war ich in einer Aufregung u. wußte nicht was es sei -- heute schlug ich zufällig dieses Gedicht auf Ich bin aber auch schon seit Deiner Abreise so gequält u. gemartert daß man mit den Qualen ein Menschenleben erfüllen könnte
Ich liebe wahnsinnig werde auch geliebt
und trotzdem keine Ruhe keine Rast ich weiß nicht mehr was ich soll was ich tun soll das Leben zu ertragen Es ist leichter Glut zu sein als Mensch und zu glühen
Und dieser Flaubert dazu dieser Mensch der mich zum Wahnsinn bringt Dieser Heilige Antonius ist lichtes Feuer -- brennendes sengendes Feuer -- das ist ein Buch Sehnsucht nichts als Sehnsucht ich glaube kaum daß er ohne Brandwunden das Buch zu Ende geschrieben hat -- ich kann das Buch nicht in den (Händen?) halten -- der ich es nur lese
Er hat es geschrieben Wird man das je in Musik sagen können -- ? -- Mein Lied trägt nur 2 Bemerkungen Zu Anfang -- +rasend+ Die letzte Zeile +Andante+“
Heute, wenn ich alles überblicke, scheint mir der innere Motor von Schreibers Kunst und Leben: eine schwelgerische Sinnlichkeit, dabei dem Tierischen und Gemeinen abhold. Alle Nerven vibrierend von Eros, dem aber gleichzeitig Liebe stets etwas Fernes, Geistiges, unendlich Zartes bedeutet. „Von dem Rosenbusch, o Mutter, von den Rosen komm ich.“ Grazie, Homophonie. Denkt man dabei nun etwa an „Filigranarbeit“, so ist man wiederum auf falscher Spur. Denn Leidenschaft durchzuckte dieses Süße, Fein-Nervöse, niemals gab es Schonung, niemals Ausbastelung eines Schnitzwerks unter dem Glassturz; sondern Innigkeit vor allem, fern jedem Intellektualismus, das einfache Gefühl wie aus Volksliedern, brausender Strom des Lebens, selbstvergessene Hingabe durchdrang verworrenes Goldfadengespinst. -- Aber verständlich ist es, daß er, der Lebenssüchtige, sich so brüsk vom Leben absperrte (und vielleicht war auch seine Ungeschicklichkeit nur verkleidete Brüskierung der Welt). Er stellte nämlich so hohe Forderungen an das Reale, daß sie nicht honoriert werden konnten oder nur in ganz außergewöhnlicher Konstellation, -- das Leben sollte lieblich sein und doch auch heroisch-wild, rasend vor natürlichem Blutschwall und gleichzeitig kalt und tugendrein wie das forschende Lichtauge des Gelehrten. Als Mensch wie als Künstler blieb er stets auf nahezu Unmögliches angewiesen; da er dies wohl fühlen mußte, verdoppelte er seine Wut und Verachtung des Möglichen, Durchschnittlichen. Daher hat er auch sich selbst immer mißtrauisch beobachtet, gehaßt, verworfen. Um so wilder brach freilich manchmal sein Lebenswille aus, und geschah es unter glücklichem Stern, so mochte es wohl Küsse geben oder entsprangen Akkordfolgen, die selbst für dies qualvolle Leben entschädigten. -- Seine Liebesfreude, seine Regungen zu Leichtigkeit und Leichtsinn hin klingen bezaubernd aus den Liedern, schmal schwingendes Blendlicht vor Nachttapeten des Todes. --
* * * * *
Mein Freund hat in der Ehe kein Glück gefunden. Seine Gattin war stets redlich um ihn bemüht geblieben, im Sommer 1920 aber wurde die Krise unvermeidlich. Schreiber verließ seine Wohnung, jedoch nicht etwa in Unfrieden. Er gab dort noch öfters seine Lektionen, sprach freundschaftlich mit der Frau, so oft sie einander trafen. Er wohnte bei Bekannten, schließlich nahm er ein Zimmer für sich. In der Wahl seiner Geliebten, um deretwillen er von seiner Frau (nach langen inneren Kämpfen) weggegangen war, scheint er ebenso unglücklich gewesen zu sein wie in allen anderen Dingen. Diese Freundin kümmerte sich bald nicht mehr um ihn, sie ließ ihn, um den sich in besseren Zeiten so viele Frauen heiß beworben hatten, einfach untergehen, überließ ihn sich selbst und seiner totalen Unfähigkeit, die Dinge des praktischen Alltags, in Nachkriegs-Berlin doppelt schwierig, zu bewältigen. Verwahrlosung, körperliche Schwäche, schlechte Ernährung haben denn auch daran mitgewirkt, die latente Melancholie seiner Seele zur Entladung zu bringen.
Juli und Anfang August 1920 verbrachte er im schönen Kurfürstendamm-Heim seines skandinavischen Freundes, Herrn Jens Gjerlöw, dessen Gesangslehrer er war. Unter der Adresse des Herrn Gjerlöw hat er auch noch meinen letzten Brief erhalten, in dem ich ihm meinen Besuch für November ansagte. Ich stellte es mir als einen Hauptzweck dieser Berliner Reise vor, in seine immer verworreneren Angelegenheiten einige Ordnung zu bringen. -- Daß ich seinen Nachlaß würde ordnen müssen, träumte mir nicht. Und doch empfand ich seltsame Unruhe. Adolf antwortete nicht. Bis dahin war ja unsere Korrespondenz eine ziemlich regelmäßige geblieben. Eines Morgens erwachte ich mit dem festen Entschlusse: Ich muß nochmals schreiben, nachfragen. Gerade äußerte ich, daß Adolfs ganz ungewohntes Stillschweigen mich beunruhige, da hören wir (in eben demselben Moment) ein Papier in den Briefkasten fallen. Es war das Telegramm, das seinen Tod meldete ...
Die Gründe seines Selbstmords sind dunkel. Keine Zeile hat er hinterlassen. Wie weit die unaufhörlichen Enttäuschungen, die Energieschwächungen aller Art, an diesem Ende beteiligt sein mögen, -- wer könnte das enträtseln. Offen zutage aber liegt wo nicht die Ursache, so doch das letzte Motiv. Was hat sozusagen dem Faß den Boden ausgeschlagen? Eine häßliche Theateraffäre. O unsäglich traurig, in diesen Dingen zu wühlen, wo schuldlos-schuldig Mensch gegen Mitmensch steht. -- Schreiber war zuletzt als Kapellmeister am „Künstlertheater“ (Nürnberger Straße) engagiert. Unter Direktor Palfi, mit dem er auch früher einmal schon jahrelang gearbeitet hatte und der ihn als gewissenhaften, schließlich auch schon nolens volens routinierten Operettenkapellmeister schätzen mußte. Schreiber leitete alle Proben für die neue Operette, mit der die Saison eröffnet werden sollte. Da er, wie schon erwähnt, musikalische Einzelheiten auch niederer Kunstgattungen ungewöhnlich wichtig nahm und eine reichliche Portion Eigensinn besaß, scheint es ohne den üblichen Kulissenzank nicht abgegangen zu sein. Doch nicht dies war der Grund dafür, daß ihm plötzlich, ganz unvermutet bei der Generalprobe die Partitur abgefordert wurde. Vielmehr ergab es sich aus dem an Berliner Bühnen eingebürgerten Verleihsystem: Die Premiere mußte von einem „bekannten Namen“ dirigiert werden. Mein Freund sollte nur die Plage des Einstudierens und die späteren, von niemandem bemerkten Reprisen haben. In normaler Gefühlslage hätte er diese Kränkung weggelacht, zu den übrigen gelegt. Diesmal (vielleicht war gerade das Maß voll) gab es ihm den Rest. -- Über das Weitere orientiert der nachfolgende Brief, der auch seinem Verfasser, Herrn Gjerlöw, das schönste Zeugnis edlen Menschentums ausstellt. Wie rein hebt es sich von dem empörenden Kaltsinn ab, den die Theaterleute auch noch nach der Katastrophe bewiesen haben. Fünf Tage lang konnte die Witwe keine Auskunft von ihnen erhalten, obwohl die Tasche des Vermißten noch am Unglückstage selbst im Grunewald, am Wasser gefunden worden war. Hier ist allerdings eine Vollendung Berlinerischer Organisation und Zeiteinteilung erreicht, bei der das Herz erstarrt! --
Als ich dann im Dezember nach Berlin kam, sah ich noch an allen Litfaßsäulen die tödliche Operette angezeigt. Ihr Titel: „Die Scheidungsreise“ -- fiel mich symbolhaft an. Sie soll einen großen Erfolg gehabt haben. Einer hatte sie einstudiert, -- der faulte im Wasser.
Der Brief des Norwegers, vom 14. September, lautet:
„Ich werde Ihnen berichten, was ich weiß über Adolf Schreibers letzte Tage.
Ich hatte ihn -- mit Mühe -- dazu gebracht, daß er in meiner Wohnung lebte, die Zeit, die ich verreist war. Ich kam Sonnabend, 14. August, zurück, fand hier eine Karte für ihn, die ich ihm Sonntag vormittag in seine neue Wohnung brachte. Ich sah ihn schon auf der Straße, wie er daherkam, zerstreut um sich blickend -- für mich ein rührender, doch auch trauriger Anblick -- ich rief ihn an, und er meinte, es wäre schön, daß ich mich um ihn kümmerte. Wir gingen auf sein Zimmer (Friedbergstraße 4) und ich gab ihm die Karte (von Frl. M., seiner ‚Liebe‘). Er sagte, das wäre das erste Lebenszeichen seit drei Wochen. Wir sprachen weiter von diesem ‚Fall‘ -- und er sagte, es wäre ihm unverständlich, wie ein Mensch, von dem er doch gesehen hatte, wie er sich unter seinem Einfluß änderte (und insofern wohl auch besserte) im selben Moment, wo sie nicht mehr zusammen waren, dies alles quasi abstreifte. -- Dazu ich: Das wäre mir leider sehr wohl verständlich -- Menschen mit 40 Jahren, und dazu Theatermenschen, sind wohl überhaupt nicht mehr zu ändern, jedenfalls nicht par distance. Ja, dann wollte er nicht mehr leben -- wenn er nicht einen einzigen Menschen halten konnte -- dann hatte er in allem verspielt. Dazu ich: es wäre doch ein Unsinn, sein Leben davon abhängig zu machen, ob man einem ixbeliebigen Menschen, den man noch dazu nicht in der Nähe habe, sozusagen neuformen könnte oder nicht. -- Das wäre überhaupt eine ziemlich unbescheidene Forderung, -- er sollte lieber schauen, daß er mit seinem eigenen Leben besser fortkäme und lieber zu Helene zurückkehren. -- Diese Liebe brachte ihn ganz auf den Hund. Er konnte als Korrepetitor sehr vielen Menschen nützlich sein und dabei auch viel Geld verdienen -- aber diese Liebe brachte ihn auch in seiner Arbeit herunter.
Nun, wir sprachen noch viel -- ich lud ihn zu Mittag ein, was er wie immer nicht annehmen wollte. Dafür kam er zum Tee nachmittags -- wir sprachen wieder hin und her -- und wenn ich jetzt alles zusammenfasse, glaube ich, daß Adolf, dieses reine Kind in puncto: Frauen -- vielleicht zum erstenmal eine Frau erotisch liebte --, und zwar eine Frau, die ihm weder menschlich gleichwertig war noch überhaupt verwandt .................
Helene sagte mir, daß er diese Frau früher gehaßt und verachtet habe. Mirabile dictu.
In der folgenden Zeit kam er öfters nachmittags zu mir zum Begleiten, war aber meistens gedrückter Stimmung. Er wurde dann engagiert, als Kapellmeister im Künstlertheater vom 1. September, von Regisseur Palfi.
Dies half -- vor allem wohl, weil er hoffte, Frl. M. dort als Soubrette anbringen zu können.
Er hatte nun viel zu tun mit den Proben im Theater, und ich war etwas krank, aber auch beruhigt, daß er sich durch diese neue Anstellung und Arbeit wieder neuen Mut holen würde, so daß ich mich einige Tage nicht um ihn kümmerte. Er rief ein paarmal an, daß er nächstens kommen würde. --
Freitag, 3. September, morgens sah ich in der Zeitung, daß ein Dr. Günther dirigiert hatte und rief gleich bei Helene an, wie das käme. Sie wußte von nichts. Adolf wäre seit Dienstag nicht bei ihr gewesen -- und selbst hat sie ihn seit Montag nicht gesprochen.
Ich ging dann gleich in seine Wohnung (Friedbergstraße 4). Da war er nicht gewesen seit Mittwoch früh. Soweit ich dann habe feststellen können, ist er Mittwoch ins Theater, wo er schon viel Krach gehabt -- mit Komponist Hirsch und Palfi -- hier hat er den neuen Kapellmeister Günther, ‚der die ersten Vorstellungen leiten sollte‘, vorgefunden. Dieser, ein guter Bekannter von ihm, war peinlich berührt, er wäre aber gerufen worden. ‚Selbstverständlich dirigieren Sie, ich aber komme nicht wieder‘. -- Davon ist er wohl gleich nach Wannsee gefahren; seine Uhr ist im Wasser 12⁵⁵ stehengeblieben. --
In seiner Wohnung habe ich gleich nach dem Theater telephoniert, sie haben mir aber jede Auskunft verweigert. Helene haben sie höflich geantwortet, sie wüßten nichts -- dabei ist seine Mappe Mittwoch am Wasser gefunden worden, und weil ein Brief drinnen war an Herrn Komponisten Hirsch, hat der Finder dort Donnerstag angerufen. Dies hat Frau Schreiber erst Montag erfahren, dadurch, daß sie persönlich ins Theater ging. Sonnabend bin ich weggefahren -- Montag abend zurück -- Dienstag morgens sagte mir Helene von dem Fund der Tasche. Sie ging dann zur Polizei, wo ich schon Freitag gewesen bin. Mittwoch mußte sie nach Wannsee zur Gendarmeriestation, um anzuzeigen -- und bat mich, mitzufahren. Auf der Station kein Gendarm. Wir sind allein dorthin, wo die Tasche gefunden wurde. Hier habe ich ihn im Schilf gesehen, aber nichts gesagt, -- Helene war schon so zu aufgeregt. -- Ich habe sie dann wieder nach Hause gebracht -- habe mir ein Handtuch geholt und bin wieder hinausgefahren.
Da lag unser Adolf auf der Brust im Wasser -- ich habe ihn hereingeholt -- da war er genau eine Woche im Wasser gewesen --
Wir haben nun alles geordnet mit der Polizei usw. und morgen den 15. Septbr. wird er auf dem Jüdischen Friedhof begraben, früh um 10¼.
Er hat nichts schriftliches hinterlassen -- auch kein Testament. So ist unser Adolf aus dieser Welt gegangen; wo er sich nicht zurechtfinden konnte. Er ist von selbst gegangen -- aber Gott, der alles weiß -- wird schon wissen warum -- und dieses Kind, das nichts war als Güte und Liebe, an sein Vaterherz drücken. -- Ein norwegisches Sterbelied, das wir hier gesungen und das er abgeschrieben, hatte er bei sich in der Brieftasche. -- Es heißt da -- „Besser kann ich nicht fahren als zu meinem Gott -- besser kann ich nicht antworten, wenn der Tod mir Botschaft schickt, als daß ich bin wohlbereit und will gerne folgen“. Und zuletzt -- „Denn Gottes Wohnung hat Frieden in allem Überfluß“. --
Ich habe Ihnen dies möglichst knapp geschrieben, werter Herr Brod, wenn Sie hierherkommen, werden wir noch alles durchsprechen.
Er war mir von Herzen lieb und mein einziger Freund hier, -- und ich habe seinesgleichen nicht getroffen.
Ihr Jens Gjerlöw“.
* * * * *
Im Nachlaß Adolf Schreibers befindet sich außer den schon hier erwähnten Kompositionen eine große Anzahl von Liedern, wohl 200, ein Chor mit Orchester („Lenore“ von Bürger), ein zweites großes Chorwerk mit Orchester und kleine Chöre a capella, ein Zyklus nach Rilkes „Marienleben“ für Gesang, Klavier und obligate Viola (geschrieben 1915–1916), eine Sonate für Klavier und Violine, der Zyklus von Christian-Morgenstern-Liedern, Bühnenmusiken zu meinen Dramen „Die Höhe des Gefühls“ und „Abschied von der Jugend“, Klavierstücke usf. Der größere Teil der Skripten ist noch ungesichtet.
Eine Überraschung war es selbst für mich, seinen intimsten Freund, auch -- Dichtungen vorzufinden, Novellen und dramatische Szenen. Nie hat Schreiber ein Wort von dieser Seite seiner Begabung auch nur angedeutet. -- All die wilde Prosa (Raumanordnung wie in den Briefen) trägt das Datum 1903, scheint binnen wenigen Tagen hintereinander hingelegt. Grausame Themen, das Ich im schmerzlichen Aufruhr gegen eine häßliche Umwelt, die Stimmung etwa von Flauberts Jugendpoesie, übrigens durchaus ursprünglich, ohne literarisches Muster. --