Chapter 12
, in which Death makes reply._
Könntest du richtig messen, wägen, zählen oder aus dem Kopfe dichten, hieltest du nicht solche Rede. Du fluchst und bittest unvernünftig und ohne alle Notdurft. Was taugt solcher Unsinn? Wir haben früher gesagt: kunstreich, edel, ehrhaft, fruchtreich, artig,--alles, was lebet, muss von unsern Händen zu Ende kommen. Doch schwatzest du und klagst, all dein Glück sei an deinem frommen Weib gelegen. Soll nach deiner Meinung Glück an Weibern liegen, wollen wir dir wohl raten, dass du immer bei Glück bleibest. Warte nur, ob es dir nicht in Unglück gerät! Sage uns: Da du zuerst dein löblich Weib nahmst, fandst du sie fromm oder machtest du sie fromm? Hast du sie fromm gefunden, so suche vernünftiglich: du findest noch viele fromme Frauen auf Erden; von denen eine dir zur Ehefrau werden mag. Hast du sie aber fromm gemacht, so freue dich: du bist der lebendige Meister, der noch ein frommes Weib und eine Frau auferziehen kann. Ich sage dir noch mehr: je mehr dir Liebes wird, desto mehr Leides widerfährt dir. Hättest du dich des Lieben enthalten, würdest du jetzt des Leiden entbehren. Je mehr Liebes zu erfahren, desto mehr Leides in Entbehrung des Lieben. Lieb’, Weib, Kind, Schatz und alles irdisch Gut muss am Anfang etwas Freude und am Ende mehr Leides bringen. Alles irdische Lieb muss zu Leide werden: Leid ist Liebes Ende; der Freude End’ ist Trauer; nach Lust muss Unlust kommen; Willens Ende ist Unwillen. Zu solchem Ende laufen alle lebendigen Dinge. Lern’ es besser, willst du von Klugheit prahlen.
5
_From a sermon of Johann Geiler von Kaiserberg._[8]
Der Mensch, der Gott lieb hat und ihm anhängt allein darum, dass er ihm das Himmelreich gebe, der hat Gott nicht recht lieb. Warum? Darum: sein Gedanke an Gott ist nicht lauter; er denkt an sich selbst; er sucht seinen eignen Nutzen. Ich sage nicht, dass du das Himmelreich nicht begehren solltest, oder dass du Gott nicht darum bitten, ihm nicht darum dienen solltest. Nein, ich verwerfe das nicht; die Schrift ist voll davon, dass man Gott um das Himmelreich bitten sollte. Du sollst das Himmelreich begehren, sollst Gott darum bitten; aber du sollst nicht da stehen bleiben, dass du Gott allein darum dienest, und ihn allein darum liebhabest, damit er dir das Himmelreich gebe, und anders nicht. Das heisst nicht rechte Liebe; das ist Freundschaft um Freundschaft, wobei einer dem andern eine Freundlichkeit tut, damit er es ihm wiedervergelte; wie wenn du einem andern eine Wurst schenktest, damit er dir dagegen eine Seite Speck schenke. Du tust ihm eine Freundlichkeit; erwartetest du aber keine Freundlichkeit dagegen, du tätest ihm auch keine. Das heisst nicht rechte Liebe: es ist Freundschaft um Freundschaft. Aber das heisst rechte Liebe, dass einer einen lieb hat nicht um der Gabe willen, oder weil er etwas von ihm erwartet; sondern er hat ihn eben lieb; er gönnet ihm Gutes; er fördert seinen Nutzen; er wendet Schaden von ihm ab, wo er kann und mag, ohne dass er Wiedervergeltung erwartet. Der hat den andern recht lieb. Also tut der Mensch, der Gott recht lieb hat, allein um dessentwillen, weil er solch ein grosser Herr ist, dass er es würdig wäre; weil er der Höchste und das beste Gut ist.
[Notes: 8: Kürschners Deutsche National-Litteratur, Vol. 12{2}, page 265.]
END OF PART FIRST
## PART II
FROM THE REFORMATION TO THE CLASSICS OF THE EIGHTEENTH CENTURY
According to the Best Critical Editions
+XL. MARTIN LUTHER+
1483-1546. Some of the cardinal dates in a career that changed the course of history for the whole Germanic world are as follows: In 1517 Luther posted up the ninety-five theses at Wittenberg; 1520, burned the papal bull and issued the _Address to the German Nobility_; 1522, attended the Diet at Worms and refused to recant; in seclusion at the Wartburg translated the New Testament, which was published that same year; 1525, married Katharina Bora, a nun, having previously renounced monasticism; 1534, published the complete German Bible. Aside from the polemics, tractates, epistles, commentaries, and sermons, whereby he provoked, defended, and organized the Protestant revolt, Luther wrote a few short poems, mostly hymns for worship, also fables and aphorisms. But his great work was his translation of the Bible.
Of the selections below, No. 1 follows the Weimar edition of Luther, VI, 406; No. 3, the reprint in Müller’s _German Classics_, I, 488; Nos. 4 and 5, Kürschner’s _Nationalliteratur_, Vol. 15.
1
_From the Address to the Nobility._
Die Romanisten haben drey mauren, mit grosser behendickeit,[1] umb sich zogen, damit sie sich bissher beschutzt, das sie niemant hat mugenn[2] reformierenn, dadurch die gantz Christenheit grewlich gefallen ist. Zum ersten, wen man hat auff sie drungen mit weltlicher gewalt, haben sie gesetzt und gesagt,[3] weltlich gewalt habe nit recht ubir sie, sondern widderumb,[4] geystlich sey ubir die weltliche. Zum andern, hat man sie mit der heyligen schrifft wolt straffen,[5] setzen sie da kegen,[6] Es gepur[7] die schrifft niemant ausstzulegenn, den dem Bapst. Zum dritten, drewet[8] man yhn[9] mit einem Concilio, szo ertichten sie, es muge niemant ein Concilium beruffen, den der Bapst. Alsso haben sie die drey rutten[10] uns heymlich gestolen, das sie mugen ungestrafft sein, und sich in sicher befestung disser dreyer maur gesetzt, alle buberey und bossheit zutreyben, die wir dan itzt sehen, und ob sie schon ein Concilium musten machen, haben sie doch dasselb zuvor mat[11] gemacht, damit, das sie die fursten zuvor mit eyden vorpflichten,[12] sie bleyben zulassen, wie sie sein, dartzu dem Bapst vollen gewalt geben ubir alle Ordnung des Concilii, alsso das gleich gilt, es sein vil Concilia odder kein Concilia, on das[13] sie uns nur mit larven und spiegelfechten[14] betriegen, szo gar greulich furchten sie der haut fur einem rechten freyen Concilio, und haben damit kunig und fursten schochter[15] gemacht, das sie glewben, es were widder got, szo man yhn nit gehorchte in allen solchen schalckhafftigen, listigen spugnissen.[16]
[Notes: 1: _Behendickeit_, ‘skill,’ ‘cunning.’ 2: _Mugenn_ = _mögen_ in the sense of modern _können_. 3: _Gesetzt und gesagt_, ‘proclaimed the doctrine.’ 4: _Widderumb_ = _dagegen_, _im Gegenteil_. 5: _Straffen_, ‘refute.’ 6: _Da kegen_ = _dagegen_. 7: _Gepur_ = _gebühre_. 8: _Drewet_ = _drohet_. 9: _Yhn_ = _ihnen_. 10: The three ‘rods’ with which Luther proposed to chastise the papists were the temporal power, scripture, and the Councils. 11: _Mat_, ‘impotent.’ 12: _Vorpflichten_ = _verpflichteten_. 13: _On das_ = _ohne dass_, ‘aside from the fact that.’ 14: _Larven und spiegelfechten_, ‘masks and tricks.’ 15: _Schochter_ = _schüchtern_. 16: _Spugnissen_, ‘humbug.’]
2
_From the Bible of 1534: Psalm xlvi and Matthew v, 1-12._
Gott ist vnser zuuersicht vnd stercke, eine hülffe jnn den grossen nöten, die vns troffen haben.
Darum fürchten wir vns nicht, wenn gleich die welt vntergienge, Vnd die berge mitten jnns meer süncken.
Wenn gleich das meer wütet vnd wallet, Vnd von seinem vngestüm die berge ein fielen. Sela.
Dennoch sol die stad Gottes fein lüstig bleiben, mit jren brünlin, Da die heiligen wonungen des Höhesten sind.
Got ist bey jr drinnen, darumb wird sie wol bleiben, Gott hilfft jr frue. Die Heiden müssen verzagen, vnd die Königreiche fallen, Das erdreich mus vergehen, wenn er sich hören lesst.
Der HERR Zebaoth ist mit vns, Der Gott Jacob ist vnser schutz. Sela.
Kompt her, vnd schawet die werck des HERRN, Der auff erden solch zestören anrichtet.
Der den Kriegen steuret jnn aller welt, Der bogen zubricht, spies zuschlegt vnd wagen mit fewr verbrend.
Seid stille, vnd erkennet, das ich Gott bin, Ich wil ehre einlegen vnter den Heiden, ich wil ehre einlegen auff erden.
Der HERR Zebaoth ist mit vns, Der Got Jacob ist vnser schutz.
Da er aber das volck sahe, gieng er auff einen berg, vnd satzte sich, vnd seine Jünger tratten zu jm. Und er that seinen mund auff, leret sie vnd sprach: Selig sind, die da geistlich arm sind, denn das Himelreich ist jre. Selig sind, die da leide tragen, denn sie sollen getröst werden. Selig sind die senfftmütigen, denn sie werden das erdreich besitzen. Selig sind, die da hungert vnd dürstet nach der gerechtigkeit, denn sie sollen sat werden. Selig sind die barmhertzigen, denn sie werden barmhertzigkeit erlangen. Selig sind die reines Hertzens sind, denn sie werden Gott schauen. Selig sind die friedfertigen, denn sie werden Gottes kinder heissen. Selig sind, die vmb gerechtigkeit willen verfolget werden, denn das Himelreich ist jre. Selig seid jr, wenn euch die menschen vmb meinen willen schmehen vnd verfolgen vnd reden allerley vbels widder euch, so sie daran liegen. Seid frölich vnd getrost, Es wird euch im himel wol belohnet werden, Denn also haben sie verfolget die Propheten, die vor euch gewesen sind.
3
_From the Epistle on Translating (1530)._[17]
Ich hab mich des gefliessen[18] im dolmetschen, das ich rein vnd klar deudsch geben möchte. Vnd ist vns wol offt begegenet, das wir 14 tage, drey, vier wochen haben ein einiges[19] Wort gesucht vnd gefragt,[20] habens dennoch zuweilen nicht funden. In Hiob erbeiten[21] wir also, M. Philips,[22] Aurogallus[23] vnd ich, das wir in vier tagen zuweilen kaum drey zeilen kundten fertigen. Lieber, nu es verdeudscht vnd bereit ist, kans ein jeder lesen vnd meistern.[24] Leuft einer jtzt mit den augen durch drey oder vier Bletter, vnd stösst nicht einmal an, wird aber nicht gewar, welche Wacken vnd Klötze[25] da gelegen sind, da er jtzt vber hin gehet wie vber ein gehoffelt[26] Bret, da wir haben must schwitzen[27] vnd vns engsten, ehe denn wir solche Wacken und Klötze aus dem wege reumeten, auff das man kündte so fein daher gehen. Es ist gut pflügen, wenn der Acker gereinigt ist. Aber den Wald vnd die Stöcke ausrotten, vnd den Acker zurichten, da wil niemand an. Es ist bey der Welt kein danck zu uerdienen. Kann doch Gott selbs mit der Sonnen, ja mit Himel vnd Erden, noch mit seines eigen Sons tod, keinen danck verdienen, Sie sey vnd bleibe Welt ins Teufels namen, weil sie ja nicht anders wil.
Also hab ich hie Röm. 3 fast[28] wol gewusst, das im Lateinischen vnd Griechischen Text das wort _sola_ oder _solum_ nicht stehet, vnd hetten mich solchs die Papisten nicht dürffen[29] leren. War ists, Diese vier buchstaben _sola_ stehen nicht drinnen, welche buchstaben die Eselsköpff ansehen, wie die Küe ein new thor. Sehen aber nicht, das[30] gleichwol die Meinung des Texts in sich hat, vnd wo mans wil klar vnd gewaltiglich verdeudschen, so gehöret es hinein. Denn ich habe Deudsch, nicht Lateinisch noch Griechisch reden wöllen, da ich Deudsch zu reden im Dolmetschen furgenommen hatte. Das ist aber die art vnser Deudschen sprache, wenn sich ein Rede begibt[31] von zweien dingen, der man eins bekennet vnd das ander verneinet, so braucht man des worts _allein_ neben dem wort _nicht_ oder _kein_, Als[32] wenn man sagt, Der Bawr bringt allein[33] Korn, vnd kein Gelt; Item,[34] ich hab warlich jtzt nicht gelt, sondern allein Korn, Ich hab allein gessen[35] vnd noch nicht getruncken, Hastu allein geschrieben vnd nicht uberlesen[36]? Vnd dergleichen unzelige Weise[37] in teglichem brauch. In diesen reden allen, obs gleich die Lateinische oder Griechische Sprache nicht thut, so thuts doch die Deudsche, vnd ist jr art, das sie das wort _allein_ hinzusetzt, auf das das wort _nicht_ oder _kein_ deste völliger[38] vnd deutlicher sey. Denn man mus nicht die buchstaben in der Lateinischen sprachen fragen, wie man sol Deudsch reden, Sondern man mus die Mutter im hause, die Kinder auff der gassen, den gemeinen Man auff dem marckt drumb fragen, vnd denselbigen auff das Maul sehen, wie sie reden, vnd darnach dolmetschen. So verstehen sie es denn vnd mercken, das man Deudsch mit jnen redet.
[Notes: 17: In his New Testament, Luther had rendered Romans iii, 28--in the Vulgate _arbitramur hominem iustificari ex fide absque operibus legis_--as follows: Wir halten, das der mensch gerecht werde on des gesetzes werke, _allein_ durch den glauben. As there is nothing in the Latin or Greek corresponding to _allein_, the Papists charged him with falsifying scripture. 18: _Gefliessen_ = _befleissigt_. 19: _Einiges_ = _einziges_. 20: _Gesucht vnd gefragt_, ‘sought for and queried over.’ 21: _Erbeiten_ = _arbeiteten_. 22: _M. Philips_ = _Magister Philippus_ (Melanchthon). 23: _Aurogallus_, _i.e._ Goldhahn, name of a Wittenberg Hebraist. 24: _Meistern_, ‘criticise.’ 25: _Wacken vnd Klötze_, ‘stones and stumps.’ 26: _Gehoffelt_ = _gehobelt_. 27: _Haben must schwitzen_ = _haben schwitzen müssen_. 28: _Fast_ = _sehr_. 29: _Dürffen_, in the old sense of ‘need.’ 30: _Das_ = _das’s_, _i.e._ _dass es_; the _es_, referring to _sola_, being the object of _hat_, which means ‘contains,’ or ‘implies.’ 31: _Sich begibt_ = _es gibt_; ‘when there is talk.’ 32: _Als_ = _wie_, _zum Beispiel_. 33: _Allein_ = modern _bloss_; so in the other examples. 34: _Item_, ‘like-wise,’ ‘again.’ 35: _Gessen_ = _gegessen_. 36: _Uberlesen_ = _durchgelesen_. 37: _Unzelige Weise_ = _unzähliger Weise_, ‘countlessly,’ ‘ad infinitum.’ 38: _Deste völliger_ = _desto kräftiger_.]
+4+
+Ein feste Burg.+[39]
Ein feste burg ist unser Gott, Ein gute wehr und waffen,[40] Er hilfft uns frey[41] aus aller not, Die uns itzt hat betroffen. Der alt böse feind 5 Mit ernst[42] ers itzt meint, Gros macht und viel list Sein grausam rüstung ist, Auff erd ist nicht seins gleichen.
Mit unser macht ist nichts gethan, 10 Wir sind gar bald verloren, Es streit für uns der rechte man, Den Gott hat selbs erkoren. Fragstu wer der ist? Er heisst Jhesus Christ, 15 Der Herr Zebaoth,[43] Und ist kein ander Gott, Das felt mus er behalten.
Und wenn die welt vol Teuffel wer Und wolt uns gar verschlingen, 20 So fürchten wir uns nicht so sehr, Es sol uns doch gelingen. Der Fürst dieser welt, Wie saur[44] er sich stelt, Thut er uns doch nicht[45]; 25 Das macht, er ist gericht,[46] Ein wörtlin kan jn fellen.
Das wort sie söllen lassen stan Und kein danck dazu haben; Er ist bey uns wol auff dem plan[47] 30 Mit seinem Geist und gaben. Nemen sie den leib, Gut, ehr, kind und weib, Las faren dahin; Sie habens[48] kein gewin, 35 Das Reich mus uns doch bleiben.
[Notes: 39: This famous hymn, based on Psalm xlvi and often called the battle-hymn of the Reformation, dates from 1529. 40: _Waffen_ (das) = modern _Waffe_ (die). 41: _Frey_, probably factitive rather than adverbial; ‘he helps us free,’ _i.e._ ‘sets us free.’ 42: _Ernst_, probably in the old sense of _Kampf_; ‘he means fight.’ 43: _Zebaoth_, ‘of hosts’; a Hebrew plural. 44: _Saur_, ‘fierce,’ ‘menacing.’ 45: _Nicht_ = _nichts_. 46: _Gericht_ = _gerichtet_, ‘judged.’ Satan’s impotence is caused (‘made’) by the fact that he is under doom. See Revelation xx, 3. 47: _Plan_, ‘field’ of battle. 48: _Habens_, _i.e._ _haben es_, the _es_ being a genitive = ‘of it,’ ‘from it.’]
+5+
+Frau Musica.+[49]
Für[50] allen freuden auf erden Kan niemand[51] keine feiner werden, Denn die ich geh mit meim singen Und mit manchem süssen klingen. Hie kan nicht sein ein böser mut, 5 Wo da singen gesellen gut, Hie bleibt kein zorn, zank, hass noch neid, Weichen muss alles herzeleid, Geiz, sorg und was sonst hart anleit,[52] Fert hin mit aller traurigkeit. 10 Auch ist ein jeder des wol frei,[53] Das solche freud kein sünde sei, Sondern auch Gott viel bass gefelt, Denn alle freud der ganzen welt. Dem teufel sie sein werk zerstört 15 Und verhindert viel böser mörd. Das zeugt David des königs that,[54] Der dem Saul oft geweret hat Mit gutem süssem harfenspiel, Das er nicht in grossen mord fiel. 20 Zum göttlichen wort und warheit Macht sie das herz still und bereit; Solchs hat Eliseus bekant,[55] Da er den geist durchs harfen fand. Die beste zeit im jar ist mein, 25 Da singen alle vögelein; Himel und erden ist der vol, Viel gut gesang da lautet wol. Voran die liebe nachtigal Macht alles frölich überal 30 Mit irem lieblichen gesang; Des muss sie haben immer dank. Vielmehr der liebe Herre Gott, Der sie also geschaffen hat, Zu sein die rechte sengerin, 35 Der Musicen ein meisterin; Dem singt und springt sie tag und nacht, Seines lobs sie nichts müde macht. Den ehrt und lobt auch mein gesang Und sagt im ein ewigen dank. 40
[Notes: 49: The poem dates from 1538. In lines 1-14, and again in lines 25-40, Frau Musica speaks in her own person; but in lines 15-24 Luther speaks _of_ her, proving the goodness of her art by scriptural instances. 50: _Für_ = _vor_; translate by ‘of’ or ‘among.’ 51: _Niemand_ is dative; ‘no joy can be more exquisite for any one.’ 52: _Anleit_ = _anliegt_; ‘whatever lies hard upon us.’ 53: _Des wol frei_, ‘quite at ease about this.’ 54: _That_; see I Sam. xvi, 23. 55: _Bekant_ = _erkannt_; see II Kings iii, 15.]
+XLI. ULRICH VON HUTTEN+
1488-1523. An eminent humanist and poet laureate of knightly stock, Hutten had attacked the papacy in various Latin writings before resorting to the vernacular in support of Luther, of whose cause he became, in 1520, an ardent champion. The defeat of his friend Sickingen compelled him to flee to Switzerland, where he died on the island of Ufnau, in the Lake of Zürich.
The selections follow Kürschner’s _Nationalliteratur_, Vol. 17{2}, pages 249 ff., and pages 269 ff.
1
_From the Poem ‘Complaint and Admonition.’_[1]
Hilf, werder Künig,[2] es ist not! Lass fliegen auss des adlers fan![3] So wöllen wir es heben an. Der weingart gottes ist nit rein, Vil ungewächss ist kommen drein. 5 Der weytz des herren wicken[4] tregt; Wer do zů[5] nit sein arbeit legt Und hilfft das unkraut tilgen auss, Der würt mit gott nit halten hauss. Wir reuten auss unfruchtbarkeit 10 Und thůnd, als gott hatt selbs geseit, Zu dem, der solichs rauben pflegt, Do ers propheten mund[6] bewegt. Du hast beraubt all nation, Drumb dir auch werden widerston 15 All völcker, überfallen dich, Berauben wider gwaltiglich. Fürwar, das würt ein gůtte that! Ich gib all frommen Teutschen rat, Seit sich nit bessert disser stadt.[7] 20 Doch halt die frommen ich beuor,[8] Der greiff man keinem an ein hor.[9] Und die seind gůtter gschrifft gelert, Ich bitt, das keiner werd versert. Und wer ein geistlich leben fürt, 25 In disser sach bleib unberürt.-- All ding[10] der Bapst hatt übermacht! Wer das dann hat zům bestengdacht, Den hatt er mit dem bann erschreckt. Ich hoff, es seyen schon erweckt 30 Vil teutscher hertzen, werden sich Der sachen nemen an, als[11] ich. Ich hab ye[12] gůt vormanung gthan, Ich hoff, sye lassen mich nit stan! Den stolzen Adel ich beruff, 35 Ir frommen Stett, euch werffet uff! Wir wöllents halten in gemein; Lasst doch nit streiten mich allein! Erbarmt euch übers vatterlandt, Ir werden Teutschen, regt die handt; 40 Yetzt ist die zeit, zůheben an Umb freyheit kryegen, gott wils han! Här zů![13] wer mannes hertzen hatt! Gebt vorter[14] nit den lügen statt, Domit sye han vorkert die welt! 45 Vor hatt es an vormanung gfelt, Und einem, der euch sagt den grund, Kein ley[15] euch damals weissen[16] kund, Und waren nůr die pfaffen glert. Yetzt hatt uns gott auch kunst[17] beschert, 50 Das wir die bücher auch verstan. Wollauff, ist zeyt, wir müssen dran!
[Notes: 1: The title of the poem, which comprises 1578 lines and was written in 1520, runs: _Clag und Vormanung_ [i.e. _Ermahnung_] _gegen dem übermässigen, unchristlichen gewalt des Bapsts zu Rom und der ungeistlichen geistlichen_. 2: _Künig_; Karl V (1500-1558). 3: _Adlers fan_, the imperial eagle. 4: _Wicken_, ‘weeds.’ 5: _do zů_ = _dazu, daran_. In early prints, an _uo_, which later became _ue_, then _u_, often appears as _ů_. 6: _Propheten mund_; see Jer. xii, 10 ff. 7: _Stadt_ = _status, Zustand_. 8: _Halt beuor_ = _nehme aus_, ‘except.’ 9: _Hor_ = _Haar_. 10: _All ding_, ‘in all things’; gen. with _übermacht_. 11: _Als_ = _wie_. 12: _Ye_ = _je_, ‘always.’ 13: _Här zů_ = _herzu_. 14: _Vorter_ = _fürder_. 15: _Ley_ = _Laie_, ‘layman.’ 16: _Weissen_ = _weisen_, ‘point the way,’ ‘instruct,’ ‘warn.’ 17: _Kunst_, ‘knowledge.’]
+2+
+Ich habs gewagt.+[18]
Ich habs gewagt mit sinnen[19] Und trag des noch kain rew, Mag ich nit dran gewinnen, Noch[20] můss man spüren trew[21]; Dar mit ich main[22] 5 Nit aim allain, Wen man es wolt erkennen, Dem land zů gůt, Wie wol man tůt Ain pfaffenfeint[23] mich nennen. 10 Da lass ich ieden liegen[24] Und reden, was er wil; Het warheit ich geschwigen, Mir wären hulder vil.[25] Nun hab ichs gsagt, 15 Bin drumb verjagt,[26] Das klag ich allen frummen, Wie wol noch ich Nit weiter fleich,[27] Villeicht werd wider kummen. 20 Umb gnad wil ich nit bitten, Die weil ich bin on schult; Ich het das recht gelitten,[28] So[29] hindert ungedult, Dass man mich nit 25 Nach altem sit Zů ghör hat kummen lassen; Villeicht wils got, Und zwingt sie not, Zu handlen diser massen. 30 Nun ist oft diser gleichen[30] Geschehen auch hie vor, Dass ainer von den reichen Ain gůtes spil verlor, Oft grosser flam 35 Von fünklin kam; Wer waiss, ob ichs werd rechen! Stat schon im lauf, So setz ich drauf[31]: Můss gan oder brechen. 40 Dar neben mich zů trösten Mit gůtem gwissen hab, Dass kainer von den bösten Mir er[32] mag brechen ab, Noch sagen, dass 45 Uff ainig mass[33] Ich anders sei gegangen, Dan eren nach, Hab dise sach In gůtem angefangen. 50 Wil nun ir selbs[34] nit raten[35] Dis frumme nation, Irs schadens sich ergatten,[36] Als ich vermanet han, So ist mir laid! 55 Hie mit ich schaid, Wil mengen bass die karten. Bin unverzagt, Ich habs gewagt Und wil des ends erwarten. 60 Ob dan mir nach tůt denken Der curtisanen[37] list, Ain herz last sich nit krenken, Das rechter mainung ist! Ich waiss noch vil, 65 Wöln auch ins spil, Und soltens[38] drüber sterben: Auf, landsknecht gůt Und reuters můt, Last Hutten nit verderben! 70
[Notes: 18: The song was printed separately in 1521 as _Ain new lied herr Vlrichs von Hutten_. The phrase _ich habs gewagt_, translating the Latin _jacta est alea_, became a sort of motto with Hutten after he had taken, in the fall of 1520, the momentous step of defending Luther and advocating a German war of liberation. 19: _Mit sinnen_, ‘deliberately.’ 20: _Noch_ = _dennoch_. 21: _Spüren trew_, ‘perceive stedfastness,’ ‘see that I am faithful’ to the decision taken. 22: _Main_ = _meine_; ‘I intend the weal not of one only (myself), but of the whole fatherland.’ 23: _Pfaffenfeind_, as a term of reproach among the humanists, had a suggestion of flying at ignoble game. 24: _Liegen_ = _lügen_. 25: _Mir ... vil_, ‘many would have liked me better.’ 26: _Verjagt_; Hutten’s revolutionary writings led to a papal order that he be brought to Rome in chains. Banished on that account by his former friend, the Archbishop of Mainz, he took refuge in the castle of Franz von Sickingen at Ebernburg. 27: _Fleich_ = _fliehe_. 28: _Recht gelitten_, ‘submitted to trial.’ 29: _So_ = _aber_. 30: _Diser gleichen_ = _dergleichen_. 31: _Setz ich drauf_, ‘take my risk on it.’ 32: _Er_ = _Ehre_. 33: _Uff ainig mass_ = _irgendwie_. 34: _Ir selbs_ = _sich selbst_. 35: _Raten_ = _Rat schaffen_, ‘find means.’ 36: _Ergatten_ = _erholen_. 37: _Curtisanen_ = _Höflinge_. 38: _Soltens_ = _sollten sie_.]
+XLII. THOMAS MURNER+
1475-_ca._ 1536. An Alsatian friar of the Franciscan order, Murner traveled much and won great prestige as a scholar. His earliest German writings, the _Guild of Fools_ and the _Exorcism of Fools_, are metrical satires in the vein of Sebastian Brant. Though himself a sharp critic of clerical abuses, he could not brook the thought of a rupture with the Roman church. In the _Great Lutheran Fool_ he assailed Luther scurrilously. His verse is mostly prosaic and often coarse, but there is a certain elegiac warmth in his song of thirty-five stanzas on the _Downfall of the Christian Faith_, which was published in the early days of the Lutheran revolt. A part of it is given below, the text according to Kürschner’s _Nationalliteratur_, Vol. 17{1}, page 62.
+Ain new Lied von dem undergang des Christlichen glaubens.+
Nun hört, ich wil euch singen, In brůder Veiten ton,[1] Von ungehörten Dingen, Die laider iez[2] fürgon[3]: Wie dass mit falschen listen 5 Die christenhait zergat; Wan das die fürsten wisten, Sie täten zů der tat.[4] Der hirt, der ist geschlagen, Die schäflin sein[5] zerstreut, 10 Der bapst, der ist verjagen,[6] Kein kron er me[7] aufdrait,[8] Und ist mit kainen worten Von Christo ie erstift[9]; An hundert tausent orten 15 Ist gossen auss das gift. Der kaiser ist kain advocat, Gar hin ist sein gewalt, Den er ja zu der kirchen hat, Der schirm zu boden falt; 20 Sein gebot sein ganz verachtet, We armer christenhait, Wa undertäni[10] brachtet,[11] Und herschaft niderleit! Die patriarchen alle 25 Und cardinäl gemain,[12] Die bischof sein im falle, Der pfarrer bleibt allain; Ja den die gmain[13] erwelet Nach irem unverstand 30 Und für ain hirten zelet; Ach, we der grossen schand! Die minsten sein iez all gelert, Der[14] vor nie beten kunt, Kain ler auf erden ie gehört, 35 Dorft nie aufton sein mund: Die widerfechten alle Die zierd[15] der christenhait, Gent steur[16] zů niderfalle Ir lob und herlichait. 40 Die mess, die sol nim[17] gelten Im leben noch im dot, Die sacrament sie schelten, Die seien uns nit not; Fünf[18] hon sie gar vernichtet, 45 Die andern[19] lon sie ston Der massen zů gerichtet, Dass sie auch bald zergon. Wir sein all pfaffen worden, Baid, weiber und die man, 50 Wie wol wir hant kain orden, Kain weihe gnomen an. Die stiel ston auf den benken, Der wagen vor dem ross, Der glaub wil gar versenken, 55 Der grund ist bodenlos. Die pfaffen sein zerschlagen, Die münch sein auch zertrent, Mit luter stimmen klagen, Man hab sie lang geschent:[20] 60 Uns alles für erlogen,[21] Was sie hont ie gesait, Auss ihren fingern gsogen, Verfiert die christenhait. Wer iez zů mal kan liegen, 65 Veracht all oberkait, Das evangeli biegen[22] Auf mort und herzenlaid: Dem lauft man zů mit schalle, Hanthabt[23] in mit gewalt, 70 Biss unser glaub verfalle Und gar in eschen falt. Der apfel ist geworfen Der zwitracht, das ist war, In steten und in dorfen; 75 Und geben nit ain har, Ja nit ain meit[24] auf erden Umb alle oberkait; Mit listen und gefärden Erdenkt man herzenlaid. 80 Das evangeli frone,[25] Das was ein frölich mär, Von got eroffnet schone Zů frid von himel her: Das hont sie iez vergiftet 85 In mort und bitterkait; Es was zů freud erstiftet, Iez bringt es herzenlaid. Ich kan michs nit beklagen Ja über gotes wort, 90 Allain dass sies vertragen Und rinklen[26] auf ain mort Das wort des ewigen leben Zů aufrůr und dem dot, Von Christo uns gegeben, 95 Das er auss lieb erbot.
[Notes: 1: The _Bruder Veits Ton_, verse-form and tune, was a popular favorite. See Erk und Böhme’s _Liederhort_, II, 59. 2: _Iez_ = _jetzt_. 3: _Fürgon_ = _vorgehen_. 4: _Täten ... tat_ = _würden zur Tat schreiten_, ‘would do something.’ 5: _Sein_ = _sind_. 6: _Verjagen_ = _beseitigt_, ‘done away with.’ 7: _Me_ = _mehr_. 8: _Aufdrait_ = _aufträgt_, ‘wears.’ 9: _Erstift_, ‘established’; see Mat. xvi, 18. 10: _Undertäni_, an abstract from _Untertan_, in the collective sense of _Untertanenschaft_. 11: _Brachtet_, from _brachten_ = _schreien, toben_. The sense is: ‘Where subjects revolt and rulers are powerless.’ 12: _Gemain_ = _sämtlich_. 13: _Gmain_ = _Gemeinde_. 14: _Der_, in the sing., as if _der minste_ had preceded. 15: _Zierd_, the church. 16: _Gent steur_ = _geben Steuer_, ‘help on,’ ‘aid.’ 17: _Nim_ = _nimmer (nie mehr)_. 18: _Fünf_, namely, confirmation, penance, extreme unction, order, and matrimony. 19: _Andern_, namely, baptism and the eucharist. 20: _Geschent_ = _geschändet_, ‘treated disgracefully.’ 21: _Für erlogen_ = _vorgelogen_. 22: _Biegen_, with _kan_ above; ‘whoso can bend the gospel to murder,’ etc. 23: _Hanthabt_, ‘invests’ (puts into his hands). 24: _Meit_, ‘mite.’ 25: _Frone_ = _heilig_. 26: _Rinklen_, ‘twist,’ ‘pervert,’--like the preceding _vertragen_.]
+XLIII. THE REFORMATION DRAMA+
The spirit of Luther--opposition to the papacy and reliance on scripture--soon found expression in the acted drama. To illustrate this phase of the new literary movement three plays have been drawn on: first, a Swiss play, performed on the streets of Bern in 1522; second, a Low German play, performed at Riga in 1527; third, a midland play, performed at Kahla in 1535. The text of No. 1 follows Bächtold’s _Bibliothek älterer Schriftwerke der deutschen Schweiz_, II, 103; for No. 2 see Braune’s _Neudrucke_, No. 30; for No. 3, Tittmann’s _Schauspiele aus dem 16. Jahrhundert_, pages 21 ff.
1
_From the ‘Contrast between the Pope and Christ,’ by Niklaus Manuel._[1]
CLÄIWE PFLŮG
Vetter Rüede, was lebens ist nun vorhand? Mich dunkt, es sig[2] aber neiwas nüws[3] im land. Wer ist der gůt fromm biderman, Der da ein grawen rock treit an[4] Und uf dem schlechten esel sitzt 5 Und treit ein kron, von dörnen gespitzt? Er ist on zwifel ein trut[5] biderman, Das sich[6] ich im wol an sim angsicht an; Es ist kein hoffart in im nit, Sin hofgesind im des zügnuss git[7]: 10 Die im nachgand,[8] hinkend und kriechen, Die armen blinden und feldsiechen.[9] Schouw, was armer lüten gand im nach! Ich mein, dass er niemand verschmach.[10] Die armen stinkenden ellenden lüt, 15 Sie hend doch kein gelt und gend im gar nüt. Das ist doch ein ellende unlustige schar Und gand ouch so gar gottsjämerlich dahar: Der lam, der ander blind, der dritt wassersüchtig! Und sitzt aber der gůt man so herzlich züchtig, 20 So ganz schämig und einfeltig uf dem tier. Lieber min etter[11] Rüedi, wie gfalt er dir? Lieber etter, weistu, wer er ist, Ach, so sag mir’s ouch durch Jesum Christ!
RÜEDE VOGELNEST
Etter Cläiwe, ich bekennen[12] in vast wol,[13] 25 Darumb ich’s dir ouch billichen sagen sol! Er ist unser höchster schatz und hort, Er ist des ewigen vaters wort, Das in dem anfang was bi gott, Do er alle ding beschaffen wott,[14] 30 Himmel und erden, tag und nacht. On in ist ganz nüt gemacht, Noch das firmament, noch der erdenklotz: Er ist der sun des lebendigen gotts. Es ist der süess, milt und recht demüetig, 35 Tröstlich, frölich, barmherzig und güetig, Heilmacher der welt, herr Jesus Christ, Der am crütz für uns gestorben ist In sinem dri und drissigsten alter, Unser schöpfer, erlöser und behalter, 40 Ein künig aller künig, herr aller herren, Den ouch die kreft der himel eren.
CLÄIWE PFLŮG
Verden plůst willen,[15] ist das der? Wenn er halb als hoffertig wer, Als unser kilchherr[16] und sin caplan, 45 So sähe er der bettler keinen an. Was gemeint der alt glatzet[17] fischer darmit, Dass er so dapfer neben im dahar tritt, Und ouch die anderen biderben lüt? Weist du ouch, was doch das selb bedüt? 50
RÜEDE VOGELNEST
Der alt fischer das ist sant Peter. Der herr Jesus hat kein trumeter,[18] Blind und lam sind sin trabanten. Und die in ein sun gottes erkanten, Das warend schlecht einvaltig lüt; 55 Die pfaffen schatztend in gar nüt Und widerstrebtend im alle zit, So straft er sie umb iren git[19] Und ander süntlich wis und berden.[20] Er kond nie eins mit inen werden. 60 Darumb sie in allwegen verstiessend Und zůletst am krütz ermörden liessend.
(_Hie zwischen kam der bapst geritten in grossem triumph in harnisch mit grossem kriegszüg[21] zů ross und fůss mit grossen panern und fenlinen von allerlei nationen lüt. --Sin eidgenossen gwardi[22] all in siner farb, trumeten, pasunen,[23] trummen, pfifen, kartonen,[24] schlangen,[25] hůren und bůben und was zum krieg gehört, richlich, hochprachtlich, als ob er der türkisch keiser wär. Do sprach aber_)
CLÄIWE PFLŮG
Vetter Rüede, und wer ist aber der gross keiser, Der mit im bringt so vil kriegischer pfaffen und reiser[26] Mit so grossen mechtigen hochen rossen, 65 So mencherlei wilder seltsamer bossen,[27] So vil multier mit gold, samet beziert, Und zwen spicherschlüssel[28] im paner fiert? Das nimpt mich frömbd und mechtig wunder. Wärind nit so vil pfaffen darunder, 70 So meinte ich doch, es wärind Türken und heiden. Mit denen seltsamen kappen und wilden kleiden....
RÜEDE VOGELNEST
Das weiss ich ouch und kan dir’s sagen. Man můss in uf den achslen tragen Und wil darfür gehalten werden, 75 Dass er sig ein gott uf der erden; Darumb treit er der kronen dri, Dass er über all herren si Und sig ein statthalter Jesu Christ, Der uf dem esel geritten ist. 80
CLÄIWE PFLŮG
Das möcht wol ein hoffertig statthalter sin! Das lit heiter am tag und ist ougenschin. Das sind doch warlich zwo unglich personen: Des ewigen gotts sun treit ein dörne kronen Und ist der armůt geliebt und hold; 85 So ist sins statthalters kronen gold Und benüegt sich dennocht nit daran, Er wil dri ob einandern han. So ist Christus fridsam, demüetig und milt, So ist der bapst kriegsch, rumorisch und wild 90 Und ritet dahar so kriegsch und fri, Grad als ob er voller tüflen si.
[Notes: 1: Niklaus Manuel (_ca._ 1484-1530), locally famous both as a painter and a writer, was a leader of the early Swiss Reformers. The play consisted of a procession representing the Pope, riding in pontifical splendor and attended by pompous retainers; while Christ rode an ass, wearing a crown of thorns and followed by a throng of the lame and the blind. The speakers are two Swiss peasants. 2: _Sig_ = _sei_. 3: _Neiwas nüws_ = _etwas Neues_. 4: _Treit an_ = _anträgt_. 5: _Trut_ = _traut(er)_. 6: _Sich_ = _sehe_. 7: _Des ... git_ = _gibt Zeugnis davon_. 8: _Nachgand_ = _nachgehen_. 9: _Feldsiechen_ = _aussätzigen_. 10: _Verschmach_ = _verschmähe_. 11: _Etter_ = _vetter_ (Rüedi being familiar for Rudolf). 12: _Bekennen_ = _kenne_. 13: _Vast wol_ = _sehr gut_. 14: _Wott_ = _wollte_. 15: _Verden plůost willen_; an untranslatable oath. 16: _Kilchherr_ = _Kirchherr_. 17: _Glatzet_, ‘bald.’ 18: _Trumeter_ = _Trompeter_. 19: _Git_ = _Geiz_. 20: _Wis und berden_ = _Weise und Gebärden_, ‘character and conduct.’ 21: _Kriegszüg_ = _Kriegsheer_. 22: _Gwardi_ = _Garde_, _Leibwache_. 23: _Pasunen_ = _Posaunen_. 24: _Kartonen_ = _Cartaunen_, ‘heavy guns.’ 25: _Schlangen_, ‘(long) cannon.’ 26: _Reiser_ = _Reisiger_, _Krieger_. 27: _Bossen_ = _Burschen_, _Buben_. 28: _Spicherschlüssel_, ‘granary keys’; the keys of St. Peter.]
2
_From the ‘Prodigal Son’ by Burkard Waldis._[29]
VORLORN SZOHN
Ick seh vp erden hir keyn trost, Dar mit ick werden mocht erlöst. Wor ick my kere edder[30] wende, Dar ys kummer an allen endenn. Vele dagelöner myn vader hefft, 5 Der keyn ynn solcken kummer lefft[31]: Sze hebbent all tho male[32] guedt Vnd hebben brodes ouerfloedt. Auers[33] ick mach hir keyn trost erweruenn,[34] Ick moeth[35] von grotem hunger steruenn. 10 Ick will my schicken ynn de sakenn Vnd will my all thohand vpmakenn, Inn düsser moyge[36] nicht lengher staenn. Will hen tho mynen vader gaenn Vnd spreken, vader, ick sy de mann, 15 De dar hefft alsso öuel[37] gedaenn, Gesundiget ynn hemmel vnd vor dy, Dat laeth[38] du nicht entgelden my. Dat ick geheten was dyn Szohn, Des will ick my nu gantz entslaen[39]; 20 Ick bin des namens yo nicht werdt, Dat ick dyn szohn geheyten werde; Sunder nym my ynn dyne gemeyn,[40] Make my als dyner dachlöner eynn. Darumm blyue[41] ick nicht lenger hir. 25
VADER
Dat ys myn Szohn, den ick dar seh. Ick meynde, he hadde doet[42] gewessenn: Nu seh ick woll, he ys genessenn Vnd leuet noch tho düsser stundt; Idt[43] bewegt sick myns herten grundt. 30 My yamert syn elende groet,[44] Ick seh, he ys ynn groter noeth; Ick kanss my werlich nicht entslaenn, Ick moeth ohm[45] vorwar entegen gaenn.
(_Hir gengk de vader entegen demm vorlornn Szohn._)
Myn leue szoen, wes[46] my willkomenn! 35 Ick hebbe dyne grote noedt vornommenn. Vorwar, ick moet my dyner vorbarmenn.[47] Kumm her, myn szohn, yn myne armenn, Lech dynen mundt ann myne wanghenn, Du schalst van my alle gnade erlangenn, 40 Vortruwe my dat vth[48] hertzen grunde.
(_VORLORN SZOHN veel nedder vor den Vader sprekende_):
Ick seh wol, ick hebbe gnade fundenn. Ach vader myn, vnd ick bin dey, De dy hefft willen volgen nü,[49] All tydt[50] dyn geboden wedderstreuet 45 Vnd nü nha[51] dynen willen geleuet. Ick hebbe gesundiget ynn ouermoedt, Inn hemmel vnd vor dy, vader guedt. De nahm my nicht mehr euen[52] kumpt, Dat ick mach werden dyn szohn genümbt.[53] 50 Du haddest ydt my tho voren[54] gesecht,[55] Ehr wenn[56] ick van dy toch hen wech,[57] Vnd hefft my gewarndt vor mynen schaden, Ick wolde my ouers nicht laten raden. Solcken kummer hefft keyn mynsch gesehn, 55 De my alleyne ys geschehn. Darumm, dat ick nicht, wo ick denn scholde, Dyns guden rades volgen wolde, Inn dyner straff[58] nicht wolde leuenn, Darumm hefft my leydt vnd müg[59] vmmgeuen. 60 Vor myne sunde vnd myssethat Is ouer my gegan alle quaedt.[60] Myn sunde bekenne ick all vor dy, Bidde dy, vader, wes gnedich my; Ick hebbe gesundiget, ydt rowet[61] my szehr. 65
[Notes: 29: Waldis was a Hessian, born about 1495, wno went to Riga in his youth, and there worked and suffered in the cause of the new Lutheranism. The _Prodigal Son_ preaches the Lutheran doctrine of justification by faith. The selection is from the beginning of
## Act II, where the Prodigal, having lived some time with thieves
and harlots, decides to return to his father. 30: _Edder_ = _oder_. 31: _Lefft_ = _lebt_. 32: _All tho male_ = _allzumal_, ‘constantly.’ 33: _Auers_ = _aber_. 34: _Erweruenn_ = _erwerben_, _gewinnen_. 35: _Moeth_ = _muss_. 36: _Moyge_ = _Mühe_. 37: _Öuel_ = _übel_. 38: _Laeth_ = _lass_. 39: _Entslaen_ = _entschlagen_; with reflexive object ‘to leave out of account.’ 40: _Gemeyn_: here = ‘household.’ 41: _Blyue_ = _bleibe_. 42: _Doet_ = _tot_. 43: _Idt_ = _es_. 44: _Elende groet_ = _Elend gross_. 45: _Ohm_ = _ihm_. 46: _Wes_ = _sei_. 47: _Vorbarmenn_ = _erbarmen_. 48: _Vth_ = _aus_. 49: _Nü_ = _nie_. 50: _Tydt_ = _Zeit_. 51: _Nha_ = _nach_. 52: _Euen_ = _eben_; with _kumpt_ = ‘befits.’ 53: _Genümbt_ = _genannt_. 54: _Tho voren_ = _zuvor_. 55: _Gesecht_ = _gesagt_. 56: _Ehr wenn_ = _früher als_, _bevor_. 57: _Toch hen wech_ = _zog hin weg_ = _hinwegzog_. 58: _Straff_, ‘discipline.’ 59: _Müg_ = _Mühe_. 60: _Quaedt_ = _böse_, _schlecht_. 61: _Rowet_ = _reuet_.]
3
_From Rebhun’s ‘Susanna,’ Act III, Sc. 4: Having been menaced with death by the wanton judges, Susanna tells her father, mother, and sister of the infamous plot._[62]
HELCHIAS
Frid mit dir!
ELISABET
O, liebste tochter mein!
REBECCA
O Susann, du traute schwester mein!
ELISABET
Hilf uns, lieber Got, in ewigkeit! Wie kumts ewig,[63] das in sölches leid Du, mein liebste tochter, kummen sollt, 5 Welches ich lang der meid[64] nicht glauben wollt? Solstu nu zur zeit deinr höchsten ern Für ein sölche erst gehalten werden, Die du hast von jugnt dein lebn gefürt Keusch, wie einer frummen fraun gebürt? 10 Ach, das dir sol gschehen sölche gwalt! Got wöll sehen an[65] dein unschuld bald.
SUSANNA
Sei dann, das mir Got, mein herr, helf draus, Ist es auch mit meinem leben aus; Dann sie mir den tot gedrohet han, 15 Weil ich nicht nach irem willn hab tan.
HELCHIAS
Liebe tochter, hör itz auf vom klagn; Dann wir wollen Got dein not fürtragen, Der on zweifel dir wirt helfen aus, Machen sie gleich was sie wöln daraus. 20 Wollst uns selber recht erzeln die sach, Wie du kumst zu diesem ungemach.
SUSANNA
Da die sonn heut warm zu scheinn anfieng, Nach gewonheit ich in[66] garten gieng, Wolt beim brunn mich badn ein kleine weil, 25 Drumb ich sant die meid von mir in eil, Liess den garten fest beschliessen zu, Meint, ich wer nu da mit guter ru.[67] Da erhubn sich plötzlich zu mir her Dise richter, des erschrak ich ser. 30 Bald sie mir ir unart muten an, Lagn mir auch mit bitten heftig an, Teten mir dazu verheissung vil, Das ich mich ergeb zu irem will; Da sie aber nichts mit güt von mir 35 Kunten habn, da namens frevel für[68] Und bedroten mich mit irer gwalt, Sagten, was für gfar mir folgen solt, Wie sie mir mein er[69] und auch das lebn Nemen woltn, so ich nicht ergebn 40 Würde mich zu irem willn so bald; Da ich aber in nicht ghorchen wolt, Wurden sie von stund vol zorn und grim, Ruften meinem gsind[70] mit lauter stimm, Sagten, wie ich die und dise wer, 45 Also kum ich leider in die gfer.
SAMRI[71]
Hab ich nicht die sach erraten fein, Das die richter selber böswicht sein?
GORGIAS
Das sie potz[72]! wer het sich des vertraut, Das sölchs stecken sol in alter haut? 50
HELCHIAS
Helf dir Got, du liebe tochter mein, Welchem wol ist kund die unschuld dein.
SUSANNA
Wenn doch nur mein her[73] vorhanden wer, Oder wüste disen jamer schwer!
ELISABET
Schweig, villeicht wirt er nu kumen schier.[74] 55
REBECCA
Liebe schwester, Got wöll helfen dir.
CHORUS TERTIUS
David, der prophetisch man, Zeigt an, Durch Gottes geist geleret: Wer sich fest auf Got erbaut 60 Und traut, Der wirt nicht umbgekeret; Wie Sion steht er unbewegt, Wird nicht geregt Von starken winden 65 Des fleischs, des teufels und der welt, Gegn in sich stellt,[75] Sich nicht mit sünden Von in lässt überwinden. Sein haus, auf eim felsen hart 70 Verwart, Ist gwaltig unterfasset; Wasser, wind kans nicht bewegn, Noch regn, On schad sichs alls abstosset. 75 Got fürchten ist sein burg und schloss; Kein teufels gschoss Kan das zersprengen; Gots wort sein waffen ist und schwert, Damit er wert,[76] 80 Lässt sich nicht drengen, Zu sünd und abfal brengen. Aber wer den hern veracht, Nicht tracht Auf seine wort und wege, 85 Den tut wie ein ror im teich Gar leicht Ein kleiner wind bewegen. Sein haus gebaut ist auf den sand, Hat kein bestand, 90 Kan sich nicht halten; Wenn in ein kleine sünd anficht Und nur besticht,[77] Wird er zerspalten[78] Und lässt die bosheit walten. 95
[Notes: 62: Paul Rebhun, who died in 1546, was a Lutheran schoolmaster and pastor. In his _Susanna_ he essayed a more regular and varied versification than that of the ordinary _Knittelvers_. The apocryphal story of Susanna was in high favor with the Protestant playwrights on account of its vindication of a chaste wife. 63: _Ewig_ = _immer_. 64: _Meid_; the housemaid who had brought the news to Susanna’s mother. 65: _Sehen an_, ‘look on,’ ‘bring to light.’ 66: _In_ = _in den_. 67: _Guter ru_, ‘security’; ‘I thought I should be safe there.’ 68: _Namens ... für_, ‘they resorted to crime.’ 69: _Er_ = _Ehre_. 70: _Gsind_ = _Gesinde_, ‘servants.’ 71: Samri and Gorgias are _Hausknechte_ of Susanna’s husband. 72: _Potz_, a euphemism for _Gott_ in oaths: _dass Gott sie (verdamme)_. 73: _Her_; her husband, Joachim, is away on business. 74: _Schier_ = _bald_. 75: _Gegn ... stellt_ = _stellt sich ihnen entgegen_. 76: _Wert_ = _sich verteidigt_. 77: _Besticht_ = _verführt_. 78: _Wird er zerspalten_ = _kommt er in Zwiespalt mit sich selbst_ (Tittmann).]
+XLIV. HANS SACHS+
1494-1576. Sachs is the most winsome and versatile German poet of the 16th century. He lived at Nürnberg, practising the trade of the shoemaker and the art of the mastersinger, and writing an immense number of poetic productions. His total of verses has been estimated at half a million. For the reader of to-day he is most enjoyable in his _Schwänke_, or humorous tales, and his _Fastnachtspiele_, or shrovetide plays. The text of the first selection follows Keller’s reprint in the _Bibliothek des Literarischen Vereins in Stuttgart_, Vol. 106, page 109; that of the second, Goetze’s reprint in Braune’s _Neudrucke_, No. 40.
+1+
+Sanct Peter mit der Gais.+
Weil noch auf Erden ging Christus Unnd auch mit im wandert Petrus, Eins tags auss eym dorff mit im gieng, Bey einer wegscheid Petrus anfieng: O herre Got und maister mein, 5 Mich wundert sehr der güte dein, Weil du doch Gott allmechtig bist, Lest es doch gehn zu aller frist In aller weit, gleich wie es geht, Wie Habacuck sagt, der prophet: 10 Frevel und gewalt geht für recht; Der gotloss uberforthailt schlecht Mit schalckeit den ghrechten und frummen, Auch könn kein recht[1] zu end mehr kummen. Die lehr gehn durcheinander sehr, 15 Eben gleich wie die fisch im meer, Da immer eyner den ändern verschlind,[2] Der böss den guten uberwind. Des steht es ubel an allen enden, Inn obern und in niedern stenden 20 Des[3] siehst du zu und schweygest still, Samb[4] kümmer dich die sach nit viel Und geh dich eben glat[5] nichts an. Könst doch als ubel undterstan,[6] Nembst recht int[7] hand die herrschafft dein. 25 O solt ich ein jar herrgott sein Und solt den gwalt haben, wie du, Ich wolt anderst schawen darzu, Fürn viel ein besser regiment Auff erdterich[8] durch alle stend. 30 Ich wolt stewern mit meiner hand Wucher, betrug, krieg, raub und brand. Ich wolt anrichten ein rühigs leben. Der Herr sprach: Petre, sag mir eben! Mainst, du woltst ye baser[9] regieren, 35 All ding auff erd bass ordinieren, Die frummen schützen, die bösen plagen? Sanct Peter thet hinwider sagen: Ja, es müst in der welt bass[9] stehn, Nit also durch einander gehn. 40 Ich wolt viel besser ordnung halten. Der Herr sprach: Nun, so must verwalten, Petre, die hohe herrschafft mein. Heut den tag solt du herrgott sein. Schaff und gepeut als, was du wilt! 45 Sey hart, streng, gütig oder milt! Gieb auss den fluch oder den segen! Gieb schön wetter, wind oder regen! Du magst straffen, oder belonen, Plagen, schützen oder verschonen. 50 Inn summa, mein ganz regiment Sey heut den tag in deiner hend! Darmit reichet der Herr sein stab Petro, den inn sein hende gab. Petrus war dess gar wolgemut, 55 Daucht sich[10] der herrligkeyt sehr gut. Inn dem kam her ein armes weib, Gantz dürr, mager und blaich von leib, Parfuss inn eym zerrissen klaid. Die trieb ir gaiss hin auff die waid. 60 Da sie mit auf die wegschaid kam, Sprach sie: Geh hin in Gottes nam! Got bhüt und bschütz dich immerdar, Das dir kein ubel widerfar Von wolffen oder ungewitter, 65 Wann ich kan warlich ye nicht mit dir! Ich muss gehn arbeyten[11] das taglon. Heint[12] ich sunst nichts zu essen hon Dahaym mit meinen kleynen kinden. Nun geh hin, wo du weyd thust finden! 70 Gott der bhüt dich mit seiner hend! Mit dem die fraw widerumb wend Ins dorff; so ging die gaiss ir strass. Der Herr zu Petro sagen was[13]: Petre, hast das gebett der armen 75 Gehört? du must dich ir erbarmen. Weil du den tag bist herrgott du, So stehet dir auch billig zu, Das du die gaiss nembst in dein hut, Wie sie von hertzen bitten thut, 80 Und behüt sie den ganzen tag, Das sie sich nit verirr im hag,[14] Nit fall noch müg gestolen wern, Noch sie zerreissen wolff noch bern, Das auff den abend widerumb 85 Die gaiss unbeschedigt haym kumb Der armen frawen in ir hauss! Geh hin und richt die sach wol auss! Petrus namb nach des herren wort Die gaiss in sein hut an dem ort 90 Und trieb sie an die waid hindan. Sich fing sanct Peters unrhu an. Die gaiss war mutig, jung und frech, Und bliebe gar nit in der nech,[15] Loff auff der wayde hin und wider, 95 Stieg ein berg auff, den andern nieder Und schloff[16] hin und her durch die stauden. Petrus mit echtzen,[17] blassn und schnauden Must immer nachdrollen[18] der gaiss, Und sehin die sunn gar uberhaiss. 100 Der schwaiss über sein leib abran. Mit unruh verzert der alte man Den tag biss auff den abend spat, Machtloss, hellig,[19] gantz müd und mat Die gaiss widerumb haym hin bracht. 105 Der Herr sach Petrum an und lacht. Sprach: Petre, wilt mein regiment Noch lenger bhalten in deiner hend? Petrus sprach: Lieber herre, nein, Nemb wider hin den stabe dein 110 Und dein gwalt! ich beger mit nichten Fort hin dein ampt mehr ausszurichten. Ich merck, das mein weissheit kaum döcht,[20] Das ich ein gaiss regieren möcht Mit grosser angst, müh und arbeyt. 115 O Herr, vergieb mir mein thorheit! Ich will fort der regierung dein, Weil ich leb, nit mehr reden ein. Der Herr sprach: Petre, das selb thu! So lebst du fort mit stiller rhu. 120 Und vertraw mir in meine hend Das allmechtige regiment!
[Notes: 1: _Recht_, ‘lawsuit.’ 2: _Verschlind_ = _verschlingt_. 3: _Des_, for _dem (allen)_. 4: _Samb_ = _als ob_. 5: _Glat_ = _gar_. 6: _Als ... undterstan_ = _alles Übel unterdrücken_. 7: _Int_ = _in die_. 8: _Erdterich_ = _Erdreich_. 9: _Baser, bass_ = _besser_. 10: _Daucht sich_ (with gen.), ‘was proud of,’ ‘elated over.’ 11: _Arbeyten_ = _erarbeiten_, ‘earn.’ 12: _Heint_ = _heute nacht_. 13: _Sagen was_ = _sagend was_, ‘was saying’, ‘said.’ 14: _Hag_ = _Busch, Gehölz_. 15: _Nech_ = _Nähe_. 16: _Schloff_, ‘strayed’ (from _schliefen_ = _schlüpfen_). 17: _Echtzen_ = _ächzen_. 18: _Nachdrollen_ = _nachtrollen_. 19: _Hellig_ = _müde_. 20: _Döcht_ = _taugt_.]
+2+
+Das heiss Eysen: Ein Fassnachtspil[21] mit 3 Person.+
Die FRAW tritt einn vnd spricht:
Mein Man hab ich gehabt vier jar, Der mir von erst viel lieber war. Dieselb mein Lieb ist gar erloschen Vnd hat im hertzen mir aussdroschen.[22] West geren,[23] wes die schulde wer. 5 Dort geht mein alte Gfatter her, Die ist sehr alt vnd weiss gar viel. Dieselbigen ich fragen wil, Was meiner vngunst vrsach sey, Das ich werd der anfechtung frey. 10
Die alt GEFATTERIN spricht:
Was redst so heimlich wider dich?
Die FRAW spricht:
Mein liebe Gfattr, es kümmert mich: Mich dunckt, mein Mann halt nit sein Eh, Sonder mit andern Frawn vmbgeh. Des bit ich von euch einen rath. 15
Die alt GEFATTER spricht:
Gfatter, das ist ein schwere that.
Die FRAW spricht:
Da rath zu, wie ich das erfar!
Die GEFATTER spricht:
Ich weiss nicht, mir felt ein fürwar, Wie man vor jaren gwonheit het, Wenn man ein Mensch was zeyhen thet,[24] 20 Wenn es sein vnschuld wolt beweysen, So mustes tragn ein glüend Eyssen Auff bloser Hand auss einem kreiss; Dem vnschulding war es nicht heyss Vnd jn auff blosser Hand nit prent, 25 Darbey sein vnschuld würd erkent. Darumb hab fleiss vnd richt auch an, Das diss heiss Eyssen trag dein Man! Schaw, dass du jn könst vberreden!
Die FRAW spricht:
Das wil ich wol thun zwischn vns beden. 30 Kan wain vnd seufftzen durch mein list, Wenns mir schon vmb das hertz[25] nicht ist, Das er muss als thun, was ich wil.
Die GEFATTER spricht:
So komb dem nach vnd schweig sonst still, Darmit du fahest deinen Lappen[26] 35 Vnd jm anstreiffst die Narrenkappen! Ytzund geht gleich herein dein Man. Ich wil hin gehn; fah mit jm an!
(_Die alt Gefatter geht ab. Die Fraw sitzt, hat den kopff in der hend._)
Der MANN kompt vnd spricht:
Alte, wie sitzt du so betrübt?
Die FRAW spricht:
Mein Mann, wiss, das mich darzu übt 40 Ein anfechtung, welche ich hab, Der mir kan niemandt helffen ab, Mein hertzen lieber Man, wenn du!
Der MANN spricht:
Wenns an mir leyt, sag ich dir zu Helffen, es sey wormit es wöll. 45
Die FRAW spricht:
So ich die warheit sagen söll, So dunckt mich, lieber Mann, an dir, Du helst dich nicht gar wol an mir, Sonder bulest mit andern Frawen.
Der MANN spricht:
Thustu ein solches mir zu trawen? 50 Hastu dergleich gmerckt oder gsehen?
Die FRAW spricht:
Nein, auff mein warheit mag ich jehen. Du abr bist mir vnfreuntlich gar, Nicht lieblich, wie im ersten jar. Derhalb mein lieb auch nimmet ab, 55 Das ich dich schier nicht mehr lieb hab. Diss als ist deines Bulens schuld.
Der MANN spricht:
Mein liebes Weib, du hab gedult! Die lieb im hertzen ligt verporgen! Mhü vnd arbeit vnd teglichs sorgen 60 Thut vil schertz vnd schimpffens vertreiben. Meinst drumb, ich bul mit andern weiben? Des denck nur nit! ich bin zu frumb.
Die FRAW spricht:
Ich halt dich vor ein Bulr kurtzumb: Sey denn sach,[27] das du dich purgierst, 65 Der zicht[28] von mir nicht ledig wirst.
Der MANN reckt 2 finger auff, spricht:
Ich wil ein herten Eyd dir schwern, Das ich mein Eh nit thet versehrn Mit andren schönen Frawen jung.
Die FRAW spricht:
Mein lieber Man, das ist nicht gnung. 70 Eyd schwern ist leichtr, denn Ruben grabn.
Der MANN spricht:
Mein liebes Weib, was wilt denn habn?
Die FRAW spricht:
So trag du mir das heisse Eyssen! Darmit thu dein vnschuld beweissen!
Der MANN spricht:
Ja, Fraw, das wil ich geren thon. 75 Geh! heiss die Gfattern vmbher gon, Das sie das Eyssen leg ins Fewr! Ich wil wagen die abenthewr Vnd mich purgiren, weil ich leb, Das mir die Gfatter zeugnus geb. 80
(_Die Fraw geht auss. Er spricht:_)
Mein Frau die treibt gar seltzam mucken[29] Vnd zepfft mich an mit diesen stucken,[30] Das ich sol tragen das heiss Eyssen, Mein Vnschuld hie mit zu beweissen, Das ich nie brechen hab mein Eh. 85 Es thut mir heimlich auff sie weh. Ich hab sie nie bekümmert mit, Ob sie jr Eh halt oder nit. Nun ich wil jr ein schalkheit thon, In Ermel stecken diesen Spon. 90 Wenn ich das Eyssn sol tragn dermassn, So wil ich den Span heimlich lassen Herfür hoschen[31] auff meine Hendt, Das ich vom Eyssen bleib vnprent. Mein frömbkeit ich beweissen thu. 95 Da kommen sie gleich alle zwu.
Die ALT tregt das heiss Eyssen in einer Zangen vnd spricht:
Glück zu, Gfatter! das Eyssn ist heiss. Macht nur da einen weyten Kreiss! Da legt jms Eyssen in de mit! Tragt jrs herauss vnd prent euch nit, 100 So ist ewer vnschuld bewert, Wie denn mein Gfattern hat begert.
Der MANN spricht:
Nimb hin! da mach ich einen kreiss. Legt mir das glüend Eyssen heiss Daher in kreiss auff diesen Stul! 105 Vnd ist es sach, vnd das ich Bul, Das mir das heyss Eyssen als denn Mein rechte Hand zu kolen prenn.
(_Der Man nimbt das Eysen auff die Hand, tregets auss dem Kreiss vnd spricht:_)
Mein weib, nun bist vergwiest[32] fort hin, Das ich der zieht vnschuldig bin, 110 Das ich mein Eh hab brochen nie, Weil ich das glüend Eyssen hie Getragen hab gantz vngebrent.
Das WEIB spricht:
Ey, las mich vor schawen dein Hendt!
Der MANN spricht:
Se hin! Da schaw mein rechte hand, 115 Das sie ist glat vnd vnverprant!
Die FRAW schawt die hand, spricht:
Nun, du hast recht; das merck ich eben. Man muss dir dein Kü wider geben.[33]
Der MANN spricht:
Du must mir vnschuldigen Man Vor meinr gfattern ein widrspruch than. 120
Die FRAW spricht:
Nun, du bist fromb, vnd schweig nur stil! Nichts mehr ich dir zusachen wil.
Der MANN spricht:
Weil du nun gnug hast an der prob, Wil ich nun auch probieren, ob Du dein Eh biss her habst nit prochen 125 Von anfang, weilt[34] mir warst versprochen. Mein Gfattern, thut darzu ewr stewr! Legt das Eyssn wider in das Fewr, Das es erfewr vnd glüend wer! Darnach so bringt mirs wider her, 130 Auff das es auch mein Fraw trag mir, Darmit jr frömbkeit ich probier!
Die GEFATTER spricht:
Ey, was wolt jr ewr Frawen zeyhen? Thut sie des heissen Eyssens freyen!
Der MANN spricht:
Ach, liebe Gfattr, was ziech sie mich? 135
Die FRAW spricht:
Mein hertz lieber Mann, wiss, das ich Das hab auss lauter einfalt than!
Der MANN spricht:
Gfatter, legt bald das Eyssen an! Darfür hilfft weder fleh noch bit.
(_Die Gefatterin geht hin mit dem Eyssen._)
Die FRAW spricht:
Mein lieber Mann, weistu dann nit, 140 Ich hab dich lieb im hertzen grundt.
Der MANN spricht:
Dein that laut anders, denn dein mundt, Da ich das heiss Eyssen must tragen.
Die FRAW spricht:
Ach, mein Mann, thu nicht weyter fragen, Sonder mir glauben vnd vertrawen 145 Als einer auss den frömbsten Frawen! Lass mich das heiss Eyssen nicht tragen!
Der MANN spricht:
Was darffst dich lang weren vnd klagen? Bist vnschuldig, so ists schon fried, So prent dich das heiss Eyssen nit 150 Vnd hast probiert dein Weiblich Ehr. Derhalb schweig nur vnd bitt nicht mehr!
Die GFATTER bringt das glüent eysen, legts auff den stul im kreiss, spricht:
Gfattern, da liegt das glüend Eyssen, Ewer vnschuld mit zu beweisen.
Der MANN spricht:
Nun geh zum Eyssen! greiff es an! ...[35] 155
Die GEFATTER spricht:
Mein Gfatter, lasts best bey euch liegen! Wölt meiner Gfattern vergeben das! Wer ist der, der sich nie vergass? Kompt! wir wöllen dran giessn ein Wein!
Der MANN spricht:
Nun, es sol jr verziehen sein! 160 Mein Fraw bricht Häfn,[36] so brich ich Krüg, Vnd wo ich anderst redt, ich lüg. Doch, Gfatter, wenn jr bürg wolt werden, Dieweil mein Weib lebet auff Erden, Das sie solches gar nimmer thu. 165
Die GEFATTER spricht:
Ey ja, glück zu, Gfatter! glück zu! Ich wil euch gleich das glait[37] heimgeben. Vnd wöllen heint in freuden leben Vnd auff ein newes[38] Hochzeit halten Vnd gar vrlaub geben der alten. 170 Das kein vnrat weyter drauss wachs Durch das heiss Eyssen, wünscht Hans Sachs.
[Notes: 21: _Fassnacht_. The usual modern form is _Fastnacht_, as if from _Faste_, and meaning ‘eve of the Lenten fast.’ So the Grimm Dictionary explains it. But in early texts we find _vasnacht, fasnacht, fasenacht, fassnacht_, which Kluge in his Etymological Dictionary derives from _faseln_ in the sense of _Unsinn treiben_. 22: _Aussdroschen_, ‘gone bankrupt, ’failed’. 23: _West geren_ = _wüsste gern_. 24: _Ein Mensch ... thet_, ‘accused a person of anything.’ 25: _Es ist mir um das Herz_, ‘I am concerned,’ ‘it is my wish.’ 26: _Lappen_; a foolish or ‘soft’ person. 27: _Sey denn sach_, ‘unless,’ ‘except.’ 28: _Zicht_ = _Beschuldigung_. 29: _Mucken_ = _Grillen_. 30: _Zepfft ... stucken_, ‘bothers me with this business.’ 31: _Hoschen_ = _huschen_. 32: _Vergwiest_ = _vergewissert_. 33: _Die Kuh wiedergeben_ seems to be a peasant phrase for acknowledging that one has been in the wrong. 34: _Weilt_ = _weil du_. 35: At this point nearly a hundred lines are omitted. The wife confesses several transgressions and pleads to be let off, but the husband insists that she handle the iron. When at last she does so it burns her badly. The husband chides her in strong language, whereupon +Gefatter+ intervenes as a peacemaker. 36: _Häfn_ = _Töpfe_. 37: _Glait_ = _Geleit_. 38: _Auff ein newes_ = _aufs neue_.]
+XLV. FOLKSONGS OF THE SIXTEENTH CENTURY+
While the 16th century brought forth no great German lyrist, it is exceptionally rich in good songs, mostly anonymous, that express the joys and sorrows of the general lot. Not all of them were the work of unlettered poets, but all were made to be sung; for lyric poetry as a branch of ‘mere literature’ had not yet come into being. The selections are from Tittmann’s _Liederbuch aus dem 16. Jahrhundert_, Leipzig, 1881, which gives full information as to the source of the various texts. The titles have been supplied by the editor.
+1+
+Lob der Geliebten.+
Mein einigs herz, mein höchste zier, Wie we ist mir allzeit nach dir, Wie leuchten deine äuglein klar, Wie schön ist dein goldgelbes har, Dein mündlein rot, dein wänglein weiss! Für allen bleibt dir doch der preis. In deinem dienst, sag[1] sicherlich, Bleib ich allzeit und ewiglich.
[Notes: 1: _Sag_, i.e. _sage ich_.]
+2+
+Begegnung im Walde.+
Ich gieng einmal spazieren Durch einen grünen walt, Da hört ich lieblich singen Ein freulein wol gestalt. Sie sang so gar ein schönen gsang, Dass[2] in dem grünen wald erklang. Ich tet mich zu ir nahen, Schön tet sie mich empfahen. Sie hat ein schönen grünen rock Und war so gar ein hübsche dock; Sie tet mir wol gefallen Und liebet[3] mir ob allen. Solt ich ein andre werben, Vil lieber wolt ich sterben!
[Notes: 2: _Dass_ = _dass es_. 3: _Liebet_ = _gefiel_.]
+3+
+Liebesbitte.+
Ich kam für liebes[4] fensterlein An einem abend spate; Ich sprach zur allerliebsten mein: Ich fürcht, ich kum zu drate.[5] Erzeig mir doch die treue dein, Die ich von dir bin gwarten[6]; Sieh, liebe, lass mich ein! Bei meiner treu ich dir versprich, Ich wil dich nit verkeren,[7] Mein treu ich doch an dir nit brich, Tust du mich nun geweren. Kum, glück, und schlag mit haufen drein, Dass sie mich tu geweren,[8] Sieh, liebe, lass mich ein!
[Notes: 4: _Liebes_, a neuter noun = _der Geliebten_. 5: _Drate_ = _früh_. 6: _Bin gwarten_ = _erwarte_ (_gwarten_ for _gewartend_). 7: _Verkeren_ = _verführen_. 8: _Geweren_, ‘gratify.’]
+4+
+Herzog Ulrichs Jagdlied.+[9]
Ich schell mein horn ins jamertal, Mein freud ist mir verschwunden, Ich hab gejagt, muss abelan,[10] Das wild lauft vor den hunden. Ein edel tier in diesem feld 5 Het ich mir auserkoren, Das schieht[11] ab mir, als ich wol spir,[12] Mein jagen ist verloren. Far hin, gewild, in waldes lust! Ich wil dich nimmer schrecken 10 Mit jagen dein schneeweisse brust[13]; Ein ander muss dich wecken Mit jägers gschrei und hundes biss, Dass du nicht magst entrinnen. Halt dich in hut, mein tierle gut! 15 Mit leid scheid ich von hinnen. Kein hochgewild ich fahen kann, Das muss ich oft entgelten, Noch halt ich stät auf jägers ban, Wiewol mir glück komt selten. 20 Mag mir nit gbirn[14] ein hochgwild schon, So lass ich mich beniegen[15] An hasenfleisch, nit mer ich heisch, Das mag mich nit betriegen.
[Notes: 9: Duke Ulrich of Würtemberg (1487-1550) was a passionate lover of the chase. To please the emperor he married an unamiable Bavarian princess, though he was in love with Elizabeth of Brandenburg. 10: _Abelan_ = _ablassen_, ‘cease.’ 11: _Schieht ab_, ‘shies away.’ 12: _Spir_ = _spüre_. 13: _Brust_; probably to be taken as object of _jagen_, rather than as a loose appositive to _dich_. 14: _Gbirn_ = _gebühren_. 15: _Beniegen_ = _begnügen_.]
+5+
+Verlorene Liebesmühe.+
Ein meidlein zu dem brunnen gieng, Und das was seuberlichen; Begegnet im ein stolzer knab, Der grüsst sie herziglichen. Sie setzt das krüglein neben sich 5 Und fraget, wer er were. Er kusts an iren roten mund: Ir seit mir nit unmere,[16] Tret here! Das meidlein tregt pantoffel an, 10 Darin tuts einher schnappen. Wer ir nicht recht zusprechen kan, Dem schneidt sie bald ein kappen[17]; Kein tuch daran nit wirt gespart, Kan einen höflich zwagen,[18] 15 Spricht, sie woll nit mer unser sein, Sie hab ein andren knaben, Lat traben!
[Notes: 16: _Unmere_ = _gleichgültig_. 17: _Kappen_ = _Narrenkappen_. 18: _Zwagen_ = _waschen_ in the sense of ‘reject,’ ‘refuse.’]
+6+
+Hüt du dich.+
Ich weiss ein meidlein hübsch und fein, Hüt du dich! Sie kan gar falsch und freundlich sein, Hüt du dich, vertrau ir nicht! Sie narret dich. 5 Sie hat zwei euglein, die sind braun, Hüt du dich! Sie sech[19] dich nicht an durch ein zaun, Hüt du dich, vertrau ir nicht! Sie narret dich. 10 Sie gibt dir ein krenzlein wol gemacht, Hüt du dich! Für einen narren wirstu geacht, Hüt du dich, vertrau ir nicht! Sie narret dich. 15
[Notes: 19: _Sech_ = _sähe_.]
+7+
+Insbruck, ich muss dich lassen.+
Insbruck, ich muss dich lassen, Ich far dahin mein strassen, In fremde land dohin; Mein freud ist mir genomen, Die ich nit weiss bekommen,[20] 5 Wo ich im ellend[21] bin. Gross leid muss ich jetzt tragen, Das ich allein tu klagen Dem liebsten bulen mein. Ach lieb, nun lass mich armen 10 Im herzen dein erbarmen, Dass ich muss von dannen sein. Mine trost ob allen weiben, Dein tu ich ewig bleiben, Stet, treu, der eren frum.[22] 15 Nun muss dich Got bewaren, In aller tugent sparen, Biss dass ich wider kum.
[Notes: 20: _Bekommen_, ‘get back,’ ‘recover.’ 21: _Im ellend_ = _in der Fremde_. 22: _Der eren frum_ = _der Ehre treu_.]
+8+
+Sorgenfrei.+
Zwischen berg und tiefe tal Do lit ein frie strasse, Wer seinen bulen nit haben mag, Der sol in faren lassen. Far hin, far hin, du hast die wal, Ich kan mich din wol massen[23]; Im jar sind noch viel langer tag, Glück ist in allen gassen.
[Notes: 23: _Sich massen_, with genitive = _entbehren_.]
+9+
+Der Muskateller.+[24]
Den liebsten bulen,[25] den ich han, Der leit beim wirt im keller; Er hat ein hölzens röcklein an, Er heisst der muscateller. Er hat mich nechten[26] trunken gmacht Und frölich heut den ganzen tag, Got geb im heint ein gute nacht! Von disem bulen, den ich mein, Wil ich dir bald eins bringen; Es ist der allerbeste wein, Macht mich lustig zu singen, Frischt mir das blut, gibt freien mut, Alls durch sein kraft und eigenschaft; Nu grüss dich Got, mein rebensaft!
[Notes: 24: _Muskateller_, ‘muscatel’; a rich, sweetish wine from the muscat grape. 25: _Bulen_; object of _han_, the following _den_ being demonstrative. 26: _Nechten_, ‘last night’.]
+10+
+Der Schwartenhals.+[27]
Ich gieng für einer frau wirtin haus, Man fragt mich, wer ich wäre; Ich bin ein armer schwartenhals, Ich ess und trinke geren. Man fürt mich in die Stuben ein, 5 Da bot man mir zu trinken; Mein äuglein liess ich umbher gan, Den becher liess ich sinken. Man satzt mich oben an den tisch, Als ob ich ein kaufman were, 10 Und da es an ein zalen gieng, Mein seckel der war lere. Und da man nu solt schlafen gan, Man wies mich wol in die scheure; Da stund ich armer schwartenhals, 15 Mein lachen ward mir teure. Und da ich in die scheure kam, Da fieng ich an zu nisten; Da stachen mich die hagedorn, Darzu die rauhen distel. 20 Da ich des morgens frü aufstund, Der reif lag auf dem dache; Da must ich armer schwartenhals Meins unglücks selber lachen. Ich nam mein schwert wol in die hand, 25 Ich gürts wol an die seiten; Da ich kein geld im seckel het, Zu fussen must ich reiten. Ich macht mich auf, ich gieng darvon, Ich macht mich wol auf die strassen; 30 Da begegnet mir ein kaufman gut, Sein tasch must er mir lassen.
[Notes: 27: _Schwartenhals_ = _armer Teufel_, ‘vagabond.’]
+XLVI. THE CHAPBOOKS+
The so-called _Volksbücher_ of the 16th century were published in cheap and careless form, and designed to meet the popular demand for entertaining and edifying literature--a demand which increased rapidly with the cheapening of paper and the invention of printing. They vary greatly in content and have no common character except a certain artlessness, which is sometimes pleasing but often runs into extreme vulgarity. Special favor was enjoyed by certain collections of anecdotes, specimens of which are given in the first three numbers. The text of Nos. 1, 4, and 5 follows Braune’s _Neudrucke_ (Nos. 55-6. 34-5, 7-8); that of Nos. 2 and 3 the _Bibliothek des literarischen Vereins in Stuttgart_ (Vols. 85 and 229).
1
_From ‘Eulenspiegel,’ the 14th story: Eulenspiegel[1] gathers a crowd to see him fly._
Die xiiii history sagt wie Ulenspiegel vss gab, das er zu Megdburg von der lauben[2] fliegen wolt, vnd die zuseher mit schimpffred ab wise.
Bald nach diser zeit als vlenspiegel ein sigrist wz gesein,[3] Da kame er geen Megdburg, vnd treib vil anschleg, vnd sein nom ward da von erst bekant, das man von Vlenspiegel wusst zesagen, da ward er angefochten von den besten der burger von der stat dz er solt etwz abenthür treiben, da sagt er, er wolt es thůn, vnd wolt vff dz rathuss, vnd von der lauben fliegen, da ward ein geschrei in der stat, dz sich iung und alt samlete vff dem marckt, vnd wolten es sehen. Also stunde Vlenspiegel vff der lauben von dem rathuss, vnd bewegt sich mit den armen, vnd gebar eben als ob er fliegen wolt. Die lüt stůnden theten augen vnd müler vff, vnd meinten er wolt fliegen. Da lacht vlenspiegel vnd sprach, Ich meinte es wer kein thor oder nar mer in der welt dan ich. So sih ich wol, dz hie schier die gantz stat vol thoren ist, und wann ir mir alle sagtẽ dz ir fliegen woltẽ ich glaubt es nit, vnd ir glouben mir als einem toren. Wie solt ich fligen kunde, ich bin doch weder ganss noch fogel, so hon ich kein fettich, vnd on fettich oder federn kan nieman fliegen. Nun sehẽ ir offenbar, dz es erlogen ist, vnd lieff da von der lauben, vnd liess dz volck eins teils fluchende, das ander teil lachende vnd sprachen, Das ist ein schalckssnarr noch, dann so hat er war gesagt.
[Notes: 1: Till Eulenspiegel, the hero of the tales, is a waggish vagabond who goes about the country,--originally Brunswick, it would seem,--working at this and that and playing pranks on people. The earliest extant edition of the Eulenspiegel stories--that here followed--was printed at Strassburg in 1515. 2: _Lauben_, ‘loggia,’ ‘balcony’ (of the town hall). 3: _Wz gesein_ = _war gewesen_. The preceding story tells how he had taken the rôle of sacristan at an Easter play.]
2
_From Pauli’s ‘Jest and Earnest,’[4] the 47th story: The clever fool._
Es kan auch etwan ein nar ein Vrteil finden, das ein weisser nit finden kan. Es kam vff ein mal ein armer man ein betler in eins wirtzhauss, da was ein groser braten an dem spiss. Der arm man het ein stück brotz das hůb er zwischen den braten vnd das feur, das der geschmack[5] von dem braten in das brot gieng, da ass er dan das brot, das thet der arm man biss das er kein brot me het, da wolt er hinweg gon. Der würt hiesch im die ürten.[6] Der arm man sprach, ir haben mir doch nichtz zů essen noch zů trincken geben, was sol ich bezalen. Der wirt sprach du hast dich gesettigt von dem meinen, von dem geschmack des bratens, das soltu mir bezalen. Sie kamen mit einander an das gerüht, da ward die sach vff geschlagen, biss vff ein andern gerichtztag, da was der gerichtz herren einer der het ein narren da heim, vnd ob dem tisch da ward man der sach zůred. Da sprach der nar, er sol den wirt bezalen mit dem klang des geltz, wie der arm man ersettiget ist worden von dem geschmack des bratens. Da nun der gerichtztag kam da bleib es bei dem vrteil, das vrteil fand der nar.
[Notes: 4: The first edition was published at Strassburg in 1522. 5: _Geschmack_ = _Geruch_. 6: _Ürten_ = _Zeche_ (cost of food and drink).]
3
_From Wickram’s ‘Coaching Booklet’[7]: An accommodating parson._
Ein armer ungelerter pfaff stalt nach[8] einer gůten reichen pfarr; dann er hort, wie sy so vil inkommens bette, derhalb sy im so wol gefiel; es war im nit umb das schäfflinweiden zů thůn, sunder er verhofft, vil gelts darauff zu überkommen. Und alss er nun vil und offt darumb gebetten unnd geloffen hette, warde er von den bauren auff ein sontag bescheiden, so wolten sy mit im handlen und auff die pfarr annemmen.
Do nun derselbig sontag kame, erschein der pfaff vor dem schultheyss und gantzen gericht in beysein des amptmans, und alss nun alle ding was bestelt,[9] was er solt zů lon haben, alss behausung, den kleinen zehenden[10] und ettlich viertel früchten, als rocken, weissen, gersten, habern, wein unnd gelt, dess der pfaff seer wol zůfriden was, abgeredt und beschlossen war, name in der schultheiss auff ein ort[11] und sagt im in einer geheimne: Lieber herr pfarrer, nachdem ir bissher im bapstumb euch hand gehalten, solt ir wüssen, das es in disem dorff ein andere gestalt hatt; dann wir sindt hie gůt eigenwillisch. Darumb müsst ir uns das sacrament in zweierley gestalt reichen, nemlich im brot und wein. Der gůt pfarrer forcht, wo er sich des widert, die bauren geben im wider urlaub; derhalben war er gůtwillig unnd sprach zů dem schultheiss: Das will ich gern thůn. Damit ir solt sehen, das ichs treuwlich und gůt mit euch meine, so will ichs euch in dreyerley gestalt geben, als nemblich im brot und wein und dem käss darzů. Das gefiel dem schultheissen fast wol und sagt, er wolt es an seine buren hinder sich bringen, ob sy sich damit wolten lassen beniegen.
[Notes: 7: _Rollwagenbüchlein_, a collection of tales to while away the tedium of travel; first published in 1555. 8: _Stalt nach_, ‘wanted to secure.’ 9: _Bestelt_, ‘ordered,’ ‘arranged.’ 10: _Zehenden_, ‘tithes’ (the dative in apposition to _lon_). 11: _Auff ein ort_, ‘aside.’]
4
_From ‘Grobianus’_[12]_: How to behave at table._
Will jemandt mit zu taffel sitzen, Zum besten ort solt du dich spitzen,[13] Dass du allzeit sitzst oben an, Vnd zelt[14] werdst für ein weisen man. Acht niemands adels oder stands, 5 Wesens, reichthumb, kunst, oder lands. Sitz nider, biss ein gůt gesell, Ein jeder sitz dann wo er wöll. Vnd ob er schon ein Prior wer, Sprich hie sind noch vil sessel ler. 10 Sagt jemands, gsell sitz vnden an, So sprich, was hast du mangels dran? Gedenck so man dich nidrer[15] mächt, Was schand es deinen ehren brächt. Sprich, lieber gsell hie ist mein sitz, 15 Vnd gäb nit vmb den Papst ein schnitz[16]: Warumb solt ich eim andern weichen, So er doch eben ist meins gleichen? Wir sind von einem vatter gleich, Ob wir schon arm sind oder reich, 20 Vnd sind gemacht auss staub vnd erdt, Ist ein gůt gsell des andern werdt. Drumb lasst vns bey einander bleiben, Ich will auch ewer kein vertreiben. Doch ob du auch zu spat werst komen, 25 Vnd einer het dein sitz eingnomen, So steh nicht lang vorm disch zu gaffen, Du hast bessers darbey zu schaffen: Gedenck dass sitzen besser thů Dann stehn, so gschicht dir liebs darzů. 30 Sprich, auff lantzman, setz dich hiehar, Geh auss meim ort, dann ich ghör dar. Ist er dir nicht an krefften gleich, So seis jm gůt dass er bald weich: Will er da sitzen lang zu mausen,[17] 35 So greiff jm bald nach der kartausen,[18] Vnd wirff jn vbern nechsten banck, Das ist ein guter taffel schwanck. Dann Cato hat geleret wol, Dass man dem grössern weichen sol. 40 Vnd setz dich dann an seine stat, Sorg nit wo er zu fressen hat. Vnd rhüm die that mit grossen freiden. Vnd zeuch dein messer auss der scheiden, Das stumpff, schärtig, vnd rostig sey, 45 Dass steht vor erbarn leuten frey: Hengt dann noch gestrig brot daran, So heb ein lüstigs wetzen an. Dein groben paurenschůch zeuch ab, Den selben für ein wetzstein hab, 50 Ker jn fein vmb, vnd spey darauff, Vnd wetz das schinder messer drauff, So wirt es dann gar hell erglitzen, Vnd blenden all die bey dir sitzen. Will andern das gefallen nit, 55 So sprich, hörah, das ist mein sitt.
[Notes: 12: The German _Grobianus_ (1551), by Casper Scheit, is a translation of a Latin satire by Dedekind (1549) which tells how to attain perfection in bad manners--how to become a perfect boor. ‘Grobian’ is the polar opposite of ‘gentleman.’ 13: _Spitzen; sich spitzen_ (with _zu_) means to ‘set one’s heart on,’ here perhaps ‘go for.’ 14: _Zelt_ = _gezählt_. 15: _Nidrer_, ‘further down.’ 16: _Schnitz_, the worthless part of fruit or vegetable, that which is ‘cut off’ and thrown away 17: _Mausen_: the Grimm Dictionary explains it as denoting here _ein verstärktes dasitzen, warten, nicht vom flecke gehen_. 18: _Kartausen_ = _Kragen_.]
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_From the original Faustbook of 1587: Faust’s compact with the Devil._
Abendts oder vmb Vesperzeit, zwischen drey vnd vier Vhren, erschien der fliegende Geist dem Fausto wider, der erbotte sich jhm in allem Vnterthänig vnd gehorsam zu seyn, dieweil jm von seinem Obersten Gewalt gegeben war, vnnd sagt zu D. Fausto: Die Antwort bring ich dir, vnnd Antwort mustu mir geben. Doch wil ich zu vor hören, was dein Beger sey, dieweil du mir aufferleget hast, auff diese Zeit zu erscheinen. Dem gab D. Faustus Antwort, jedoch zweiffelhafftig vnd seiner Seelen schädlich, denn sein Datum[19] stunde anders nit, dann dass er kein Mensch möchte seyn, sondern ein Leibhafftiger Teuffel, oder ein Glied darvon, vnd begert vom Geist wie folgt:
Erstlich, dass er auch ein Geschickligkeit, Form vnnd Gestalt eines Geistes möchte an sich haben vnd bekommen.
Zum andern, dass der Geist alles das thun solte, was er begert, vnd von jhm haben wolt.
Zum dritten, dass er jm gefliessen,[20] vnterthänig vnd gehorsam seyn wolte, als ein Diener.
Zum vierdten, dass er sich allezeit, so offt er jn forderte vnd beruffte, in seinem Hauss solte finden lassen.
Zum fünfften, dass er in seinem Hause wölle vnsichtbar regiern, vnd sich sonsten von niemandt, als von jm sehen lassen, es were denn sein Will vnd Geheiss.
Vnd letzlich, dass er jhm, so offt er jhn forderte, vnnd in der Gestalt, wie er jhm aufferlegen wurde, erscheinen solt.
Auff diese sechs Puncten antwort der Geist dem Fausto, dass er jhm in allem wolt willfahren vnd gehorsamen, so ferrn dass er jm dagegen auch etlich fürgehaltene Artickel wölle leisten, vnd wo er solches thue, sol es weiter kein noht haben, vnd seind diss darunter dess Geistes etliche Artickel gewesen:
Erstlich, dass er, Faustus, verspreche vnd schwere, dass er sein, dess Geistes, eygen seyn wolte.
Zum andern, dass er solches zu mehrer Bekräfftigung, mit seinem eygen Blut wölle bezeugen, und sich darmit also gegen jm verschreiben.
Zum dritten, dass er allen Christgläubigen Menschen wölle feind seyn.
Zum vierdten, dass er den Christlichen Glauben wölle verläugnen.
Zum fünfften, dass er sich nicht wölle verführen lassen, so jhne etliche wöllen bekehren.
Hingegen wölle der Geist jhme, Fausto, etliche Jahr zum Ziel setzen, wann solche verloffen, soll er von jhme geholt werden, Vnd so er solche Puncten halten würde, soll er alles das haben, was sein Hertz belüste vnd begerte, vnnd soll er alsbaldt spüren, dass er eines Geistes gestallt vnnd weise haben würde. D. Faustus war in seinem Stoltz vnnd Hochmut so verwegen, ob er sich gleich ein weil besunne, dass er doch seiner Seelen Seligkeit nicht bedencken wolte, sondern dem bösen Geist solches darschluge, vnnd alle Artickel zuhalten verhiesse. Er meynet der Teuffel wer nit so schwartz, als man jhn mahlet, noch die Hell so heiss, wie mann davon sagte.
[Notes: 19: _Sein Datum stunde (stand)_, ‘his purpose was.’ 20: _Gefliessen_, ‘assiduous.’]
+XLVII. JOHANN FISCHART+
1550-1590. Fischart was an Alsatian humorist of satiric bent, great learning, and little originality. His prose--especially in _Gargantua_, his most important work, which is an amplified and Germanized version of the first book of Rabelais--is hard to read on account of its recondite allusions, far-fetched puns, and generally eccentric diction. As a poet he is at his best in the _Lucky Boat of Zürich_, a narrative poem which describes, with much patriotic warmth, the notable feat of a Swiss boat-crew in rowing from Zürich to Strassburg in a single day (June 21, 1576) to attend a _Schützenfest_. The selection follows Kürschner’s _Nationalliteratur_, Vol. 18, page 141.
_From the ‘Lucky Boat of Zürich,’ lines 259-366._
Da frewten sich die Reysgeferten, Als sie den Rein[1] da rauschen hörten, 260 Vnd wünschten auff ein newes Glück, Das Glücklich sie der Rein fortschick, Vnd grüssten jhn da mit Trommeten: “Nun han wir deiner hilff von nöten, O Rein, mit deynem hellen fluss 265 Dien du vns nun zur fürdernuss[2]; Las vns geniesen deyner Gunst, Dieweil du doch entspringst bey vns Am Vogelberg bey den Luchtmannen,[3] Im Rheintzierland,[4] von alten anen, 270 Vnd wir dein Thal, dadurch du rinnst, Mit bawfeld zirn, dem schönsten dienst. Schalt[5] diss Wagschiflein nach begeren, Wir wöllen dir es doch verehren. Leyt[6] es gen Strassburg, deine zird, 275 Darfür[7] du gern lauffst mit begird, Weyl es dein strom ziert vnd ergetzt, Gleich wie ein Gstein im Ring versetzt.” Der Rein mocht dis kaum hören auss, Da wund er vmb das schiff sich kraus, 280 Macht vmb die Růder ein weit Rad, Vnd schlůg mit freuden anss gestad, Vnd liess ein rauschen Stimm da hören, Drauss man mocht dise wort erklären: “Frisch dran, jr liebe Eydgenossen,” 285 Sprach er, “frisch dran, seit vnuerdrossen; Also folgt eweren Vorfaren, Die diss thaten vor hundert jaren.[8] Also můss man hie Rhům erjagen, Wann man den Alten will nachschlagen. 290 Von ewerer Vorfaren wegen Seit jr mir wilkumm hier zugegen. Jr sůcht die alt Gerechtigkeit, Die ewer Alten han bereit[9]; Dieselbig will ich euch gern gonnen, 295 Wie es die Alten han gewonnen. Ich weiss, ich werd noch offtmals sehen Solchs von ewern nachkommen gschehen. So erhält man nachbarschafft, Dann je der Schweitzer eygenschafft 300 Ist Nachbaurliche freuntlichkeit Vnd inn der Not standhafftigkeit. Ich hab vil ehrlich leut vnd Schützen, Die auf mich inn Schiff thäten sitzen, Geleit gen Strassburg auff das schiessen, 305 Dafür mit freuden ich thu flisen; Aber keyne hab ich geleit Noch heut des tags[10] mit solcher freud. Fahr fort, fahr fort, lasst euch nichts schrecken, Vnd thůt die lenden daran strecken. 310 Die Arbeit trägt darvon den Sig, Vnd macht, das man hoch daher flig Mit Fama, die Růmgöttin herlich, Dan was gschicht schwärlich, das würd ehrlich. Mit solchen leuten solt man schiffen 315 Durch die Mörwirbeln vnd Mördifen, Mit solchen forcht man kein Meerwunder Und kein wetter, wie sehr es tunder[11]; Mit solchen dörfft man sich vermessen, Das einen fremde fisch nicht fressen, 320 Dann dise alles vberstreitten Durch jr vnuerdrossen arbeyten. Mit disen Knaben solte einer Werden des Jasons Schiffartgmeyner[12] Inn die Jnsul zum Gulden Wjder[13], 325 Da wüsst er, das er käm herwider. Weren dise am Meer gesessen, So lang wer vnersůcht nicht gwesen America, die newe Welt, Dan jr Lobgir het dahin gstellt.[14] 330 Lasst euch nicht hindern an dem thun, Das auff die haut euch sticht die Sunn, Sie will euch manen nur dadurch, Das jr schneid dapfer durch die furch, Dann sie seh[15] gern, das jr die gschicht 335 Vollbrächten bey jrm Schein vnd liecht, Damit sie auch Rhům davon drag, Gleich wie ich mich des Rümen mag. Die Blatern[16], die sie euch nun brennt, Vnd die jr schaffet inn der hend, 340 Werden euch dienen noch zu Rhům, Wie zwischen Tornen eyne plům. Jr dörft euch nicht nach wind vmbsehen, Jr seht, der windt will euch nachwähen; Gleych wie euch nun diss wetter libt, 345 Also binn ich auch vnbetrübt. Jr sehet je mein wasser klar Gleich wie ein Spiegel offenbar. So lang man würd den Rein abfaren, Würd keyner ewer lob nicht sparen, 350 Sonder wünschen, das sein Schiff lieff Wie von Zürch das Glückhaffte Schiff. Wolan, frisch dran, jr habt mein gleyt Vmb ewer standhafft frewdigkeyt. Die strass auff Strassburg sei euch offen, 355 Jr werd erlangen, was jr hoffen; Was jr euch heut frü namen vor, Das würd den abent euch noch wor,[17] Heut werd jr die Statt Strassburg sehen, So war ich selbs herzů werd nähen. 360 Heut werd jr als wolkommen gäst Zů Strassburg noch ankommen resch.[18] Nun, liebs Wagschiflin, lauff behend, Heut würst ein Glückschiff noch genent, Vnd durch dich werd ich auch geprisen, 365 Weil ich solch trew dir hab bewisen.”
[Notes: 1: _Rein_; the preceding lines have described the start early in the morning, and the pull on the Limmat and the Aar to the Rhine. 2: _Fürdernuss_ = _Fördernis, Fortkommen_. 3: _Luchtmannen_; the Vorderrhein rises on the heights of Lukmanier Pass, a few miles east of the summit of St. Gotthard. 4: _Rheintzierland_; a flattering pun on _Rhätierland_. 5: _Schalt_ = _bringe vorwärts, befördere_. 6: _Leyt_ = _geleite_. 7: _Darfür_ = _worüber_. 8: _Vor hundert jaren_; the feat of rowing from Zürich to Strassburg in a single day had been performed by a band of Zürich oarsmen in 1456. 9: _Bereit_ = _bereitet_, in the sense of _erworben_. 10: _Noch heut des tags_ = _bis heute_. 11: _Tunder_ = _donnre_. 12: _Schiffartgmeyner_ = _Schiffahrtgenosse_. 13: _Wjder_ = _Widder_ (the Golden Fleece). 14: _Gestellt_ = _getrachtet_. 15: _Seh_ = _sähe_. 16: _Blatern_, ‘blisters.’ 17: _Wor_ = _wahr_. 18: Resch = _rasch_, or perhaps _frisch_.]
+XLVIII. JAKOB AYRER+
A prolific Nürnberg dramatist (died in 1605), wno might be styled a lesser Hans Sachs. He wrote some sixty-nine plays which show, more especially in the prominence of the clown, the influence of the English actors who began to visit Germany toward the end of the 16th century. Among his shrovetide plays are several of a new species, called by him _Singtspiele_, in which the parts, instead of being spoken, were sung to a preëxisting tune. A selection from one of these musical comedies is given below, the text according to the _Bibliothek des literarischen Vereins in Stuttgart_, Vol. 80. The meter is an eight-line stanza called the _Roland’s Ton_.
_The ‘English clown’ as stupid servingman._
ROLANDT geht mit Willanda, seinem Weib, in Baurs-Kleidern und singt:
Ach soll ich dir nit sagen Von Janen, vnserm Sohn? Der thut sich so hart klagen Vnd will kurtzumb davon. Er will nicht bey uns bleiben, 5 Sonder verdingen sich; Will lernen lesen und schreiben: Liebs Weib, wie düncket dich?
WILLANDA singt:
Er ist nun bey sein Jaren. Wenn er nicht bleiben will, 10 So lass den lecker[1] faren! Er nützt dir sonst nit vil; Dann er arbeit nit geren, Leyrt[2] geren feurent[3] vmb. Sein kan ich wol emperen, 15 Biss er wider herkumb.
JANN POSSET geht ein, tregt sein Bündel an eim Spiesslein und spricht:
Hört, Vatter! ich will wandern, Mag nicht mehr eur Knecht sein. Darumb dingt euch ein andern! Ich will in die Statt nein, 20 Mir schaffen einen Herren, Der mir gibt einen lohn Vnd mich thut etwas lehren. Eur beeder ich gnug han.
ROLLANDT singt:
Du bist ein fauler Bengel, 25 Drumb bleib bei mir herauss! Ich meint, du habst kein mengel In deines Vatters hauss. Kanst du aber nicht bleiben, Solst du wissen von mir: 30 Ich will dir den Buckl reiben,[4] Du solsts empfinden schir.
JANN singt:
Fürwar, alhie so bleib ich nicht, Ir seit ein grober Baur, Ir habt ein strenges Angesicht 35 Und secht schellig[5] vnd saur. So ist die Mutter vngschaffen, Zeiht gar zerlampet[6] her, Runtzlet gleich wie die Affen Vnd brummt als wie ein Beer. 40
WILLANDA singt:
Ach du leichtfertiger Hudler, Wolst mich so machen auss? Du bist ein fauler sudler, Pack dich balt auss meim hauss! Mit dir mag ich nicht palgen; 45 Wend[7] je nicht bleiben wilt, So droll dich nauss an Galgen! Deinthalb es mir gleich gilt.
(_Jann will fortgehen, sein Vater ist zornig._)
ROLAND singt:
Wart, Lecker, thu vor[8] hören! Ich will dirs drencken ein 50 Vnd dich vor lernen ehren Vatter und Mutter dein. Das nimm zu einer zehrung mit! Pack dich zum Teuffel heut! Dann wenn du schon hie bleibest nit, 55 Hab ich dennoch gnug freundt.
(_Er schlegt jn ab vnd gehn alle ab._)
Kummt Herr EMERICH vnd sagt:
Ich bin fürwar ein alter Mann Vnd gar vbel zu fuss. Ein Knecht den will ich nemen an, Der auff mich warten muss 60 Im hauss vnd auff der Gassen, Dieweil die Haussfrau mein Mich nicht allein will lassen Also gehn auss vnd ein.
(_Jann Posset geht ein._)
Herr EMERICH singt:
Schau! dort kummt hergangen 65 Ein Knecht; den nimm ich an, Will jn gehn balt empfangen.
(_Er geht zu ihm vnd sagt:_)
Was seit ir für ein Mann? Ein Knecht den solt ich dingen, Der thet warten auff mich. 70 Will du dich lassen zwingen,[9] Darff ich annemen dich.
JANN singt:
So wist! ich kumm geloffen rein Von einem Dorf drey Meil, Von Rolanden, dem Vater mein, 75 Bey dem ich ward ein weil, Von dem ich nichts kund lehren, Vnd kumm her in die Stadt. Halt jr mich nun in ehren, So finden wir beid stat.[10] 80 Auch will ich gern sein euer Knecht, Wenn jr mich dingen wolt, Wils euch auch als verrichten recht; Iedoch jr mir auch solt Als, was ich hab zu schaffen, 85 Schreiben auff einen Brieff; Vnd dörfft mich auch drumb straffen, Wenn ichs nich als wol triff.
Herr EMERICH sagt:
Was soll ich dir lang schreiben? Thu halt, was ich dich heiss! 90 So kanst du bey mir bleiben, Wenn thu es thust mit fleiss. Du must halt auff mich warten Vnd all Handreichung than, Mich führn in mein Garten 95 Vnd was ich dir zeig an.
JANN singt:
Weil ich vor nicht bin gwest alhie Vnd gedient in der Stadt, Den gebrauch auch erfahren nie, Was es für Arbeit hat, 100 So last euch nicht schwer fallen für, Zu machen mir ein Brieff, Das ichs als hab geschribn bey mir Vnd mich nicht vbergrieff. Ich bin gar ein vergessner Mann; 105 Wenn man mir sagt zu vil, Ich es fürwar nicht mercken kan. Iedoch ich als thon will, Was man mir wird auffschreiben. Mein Herr, versuchts mit mir! 110
Herr EMERICH singt:
Nun so thu bey mir bleiben! Ich will dirs schreiben für. So geh halt in die Stuben nein Vnd foder ein Schreibzeug! Denselben trag zu mir herein! 115 So beschreib ich dirs gleich, Wastu hast zu schaffen bey mir. Kummst du demselben nach, So bin ich zu friden mit dir Ietzund vnd mein lebtag. 120
JANN neigt sich vnd geht ab. Kummt bald wieder, bringt ein Feurzeug und singt:
Alhie bring ich den Feurzeug euch, Wie jr den habt begert.
Herr EMERICH singt:
Ey nein, ich mein ein Schreibzeug, Du hast nicht recht gehört. Ein Schreibzeug bring mit Dinten, 125 Dass ich kan schreiben dir! Gehe nein (du wirst ihn finden) Vnd bring denselben mir!
JANN geht wider ab, zeicht den Hut ab, kummt balt wider, bringt ein Krug vnd singt:
Ach, mein Herr, da habt jr den Krug, Die weil jr trincken wölt, 130 Da trincket euch halt eben gnug, So vil, als euch gefelt!
EMERICH singt:
Wie bist du so vnbesunnen? Du hast nicht gsuchet recht, Sonst hest gnug Dinten gfunnen. 135
(_Jann will gehen._)
EMERICH singt:
Ey, hör noch eins, mein Knecht! Wenn du die Dinten bringenthust, So bring sie mir herein! Dabey du mir auch bringen must, Ein Federn tragen rein. 140 So will ich dir auffschreiben, Wie ich mit dir hab gredt.
JANN sagt:
Ich will nicht lang aussbleiben, Balt kommen an der stet.
(_Er geht ab._)
EMERICH, der alt, singt:
Dass ist ein rechter Knecht für mich 145 Vnd für die Frauen mein. Für gar frumm ich jn zwar ansich, Dort kummt er gleich herein. Er thut die Dinten tragen, Drumb hort mir alle zu, 150 Was der gut gsell wird sagen, Wenn ich jtzt schreiben thu.
JANN geht ein, tregt ein Schreibzeug in der Hand vnd in der andern ein lange Hannenfedern vnd singt:
Secht da, Herr, diesen Schreibzeug, Den schicket euch die Frau. Auch schicket sie die Federn euch. 155
EMERICH singt:
Du grober Dilldap,[11] schau! Was soll doch diese Federn mir? Man kan nit schreiben mit. Der Federn bass geziemet dir.
(_Er steckt Jannen die Federn auff._)
JANN sagt:
Ach, mein Herr, zürnet nit! 160
Herr EMERICH sagt:
So geh balt wider neinwartz du Vnd bring ein Federn mir! So richt ich dir dein bstallung zu; Auch hol mir ein Papir! So kan ich darauff schreiben, 165 Was du must richten auss.
JANN geht ab vnd singt:
Ich will nicht lang aussbleiben, Sonder balt kommen rauss.
(_Jann geht balt wider ein, bringt ein Schreibfedern vnnd ein Glass mit Bier vnd singt:_)
Hort, Herr! jtzt kumm ich wider rein, Bring ein Feder mit mir. 170 Eur Frau hat mir auch erst gschencket ein Dieses frisch Glass mit Bier. Dass solt jr von mir haben, Wenn es euch schmecken thut, Eur Hertz damit zu laben, 175 Vnd haben ein guten muth.
Herr EMERICH sagt:
Du must ein seltzamer Vogl sein, Ich schick dich nach Papir, So bringstu mir zu trincken rein. Geh nein! heiss geben dir 180 Ein Papir, drauff zu schreiben Vnd thu der Sachen recht! Sonst kanst nicht bey mir bleiben, Du Eilenspigelsknecht!
[Notes: 1: _Lecker_, ‘scamp’, ‘rascal’. 2: _Leyrt_, ‘loafs around.’ 3: _Feurent_ = _feiernd_, ‘doing no work.’ 4: _Dir ... reiben_, ‘tan your jacket.’ 5: _Schellig_, ‘crazy’, ‘savage.’ 6: _Zerlampet_, probably a mistake for _zerlumpet_. 7: _Wend_ = _wenn du_. 8: _Vor_ = _erst_. 9: _Lassen zwingen_, ‘accept the conditions.’ 10: _Finden ... stat_, ‘find our account,’ ‘get along.’ 11: _Dilldap_, ‘simpleton.’]
+XLIX. GEORG RODOLF WECKHERLIN+
A Swabian precursor (1584-1653) of the Opitzian era. In the service of the Duke of Würtemberg he lived some years in France and England, where he became familiar with the literary forms and fashions of the Renascence. These he imitated in German, writing odes, songs (for the reader), anacreontics, sonnets, epigrams, elegies in alexandrine verse, and occasional poems of elaborate metrical structure. For the most part his substance is very thin, consisting in extravagant and affected praise, with much infusion of Roman mythology, of the high-born personages by whose favor he prospered or hoped to prosper. The text of the selections follows Goedeke’s edition in _Deutsche Dichter des 17. Jahrhunderts_.
+1+
+Amor betrogen.+
Cupido einmal sehr verdrossen, Dass er hat so vil pfeil umsunst Auf meine Myrta los geschossen, Die niemals achtet seiner kunst, Erwählet, ihre zarte Schoss 5 Zu wunden, zornig ein geschoss.
Also flog er bald in den garten, Da er dieselb zu sein gedacht, Und nehmend war[1] von fern der zarten, Die ihn in diese Welt gebracht, 10 “Wolan, sprach er, nu soll dein blut Recht büssen, Myrta, deinen mut.”
Er spannet, unweis, seinen bogen Und, zilend auf das herz ohn gnad, Schoss er ihn plötzlich los, betrogen, 15 In seiner mutter brust gerad, Darauf dan ein elender schmerz Vergiftet bald der göttin herz.
“Ach weh! was magst du wol gedenken,” Sprach sie, “undankbar böser knab? 20 Wie kanst so tödlich du bekränken Die, welche dir das leben gab? Und sparest gleich wol deine macht Noch wider die, die dich verlacht.”
Die red so sehr das kind erschrecket, 25 Dass es bald seine wängelein Mit heissen zähern überdecket Und schrie: “Ach, liebes mütterlein, Verzeihet mir, dan ich nam euch Für Myrta, deren ihr gar gleich.” 30
[Notes: 1: _Nehmend war_ = _wahrnehmend_.]
+2+
+Anakreontisch: Frölich zu leben.+
Wan ich mit guter geselschaft Frisch zechend an dem tisch gesessen, Macht mich der süsse rebensaft Des leids und unmuts bald vergessen! Ich will stets springen an den danz, 5 Gekrönet mit dem ebheukranz.
Mein hirn, erhitzet durch ein glas, Vermeinet mehr reichtum zu haben, Dan Midas und Crösus besass; Ja grosser fürsten gunst und gaben, 10 Dienst ämpter, glück und herrlichkeit Tritt ich zu grund als eitelkeit.
Wolan, bring her ein volle flasch, Die sorg aus meinem Kopf zu jagen, Und dass ich lung und leber wasch; 15 Was hilft es, sich selbs vil zu plagen? Ist es nicht bass, zu bet voll wein, Dan auf der erden tod zu sein?
+3+
+Sonett. Im dem Jahr 1619.+[2]
Verfolgung, müh und leid ist allein das banier, Darunder durch die welt sich gottes kinder schlagen; Und der höchst general hat acht, wie man sie führ, Und wie ein jeder sich begehr für ihn zu wagen. Oftmal erlaubet er, dass ihr feind triumfier, Doch lässet er sein volk gänzlich niemal verzagen; Sondern damit sein feind nicht gar zu vil stolzier, Verkehret mächtig er sein jauchzen bald in klagen. Darum ihr, deren will, des teufels willen gleich, Und deren lust allein ist, gottes volk zu schaden, Wie euer zorn, grim, wut, sein wort, sein volk, das reich, Mit schmach, mit qual, mit schand, verbrant, verbaut, beladen: Also in euerm blut zu steter schand soll euch Noch zwingen mein marggrav Georg Friderich zu Baden.
[Notes: 2: Georg Friedrich, Margrave of Baden, was a partisan of the Calvinistic Friedrich V, Elector Palatine, who was chosen King of Bohemia in 1619, and is known as the “Winter King.” As the sonnet shows, the defeated Protestants set high hopes on the Margrave of Baden, who commanded an army of 20,000 men; but he was soon defeated by the imperial forces and died in exile (1638).]
+L. MARTIN OPITZ+
A Silesian scholar (1597-1639) who won great renown as a poet and a literary lawgiver. In a pioneer treatise on poetics (1624, in which year his _Teutsche Poemata_ also appeared), he came to the defense of the German language, pleaded for a purer diction, and defined the principal _genres_ current abroad, illustrating them with verses of his own. His theory recognized but two feet, the iamb and the trochee, which he defined in terms of accent. He prescribed a more regular alternation of accented and unaccented syllables and recommended the use of the alexandrine verse. Under his influence German poetry became more regular and artistic, but lost touch with the general life, being more and more regarded as a refined diversion of the scholar class. The text of selections 1-4 follows Braune’s _Neudrucke_, No. 1 and Nos. 189-192; for No. 5 see Tittmann’s edition in _Deutsche Dichter des 17. Jahrhunderts_.
1
_From the ‘Buch von der deutschen Poeterey.’_
Wiewol ich mir von der Deutschen Poeterey, auff ersuchung vornemer Leute, vnd dann zue besserer fortpflantzung[1] vnserer sprachen, etwas auff zue setzen vorgenommen, bin ich doch solcher gedancken keines weges, das ich vermeine, man könne iemanden durch gewisse regeln vnd gesetze zu einem Poeten machen....
Die worte vnd Syllaben in gewisse gesetze zue dringen, vnd verse zue schreiben ist das allerwenigste was in einem Poeten zue suchen ist. Er muss εὐφαντασιωτός [Greek: euphantasiôtos],[2] von sinnreichen einfällen vnd erfindungen sein, muss ein grosses vnverzagtes gemüte haben, muss hohe sachen bey sich erdencken können, soll anders[3] seine rede eine art kriegen, vnd von der erden empor steigen. Ferner so schaden auch dem gueten nahmen der Poeten nicht wenig die jenigen, welche mit jhrem vngestümen ersuchen auff alles was sie thun vnd vorhaben verse fodern. Es wird kein buch, keine hochzeit, kein begräbnüss ohn vns gemacht; vnd gleichsam als niemand köndte alleine sterben, gehen vnsere gedichte zuegleich mit jhnen vnter. Mann wil vns auff allen Schüsseln vnd kannen haben, wir stehen an wänden vnd steinen,[4] vnd wann einer ein Hauss ich weiss nicht wie an sich gebracht hat, so sollen wir es mit vnsern Versen wieder redlich machen. Dieser begehret ein Lied auff eines andern Weib, jenem hat von des nachbaren Magdt getrewrnet, einen andern hat die vermeinte Bulschafft ein mal freundtlich angelacht, oder, wie dieser Leute gebrauch ist, viel mehr aussgelacht; ja des närrischen ansuchens ist kein ende. Müssen wir also entweder durch abschlagen jhre feindschafft erwarten, oder durch willfahren den würden der Poesie einen mercklichen abbruch thun. Denn ein Poete kan nicht schreiben wenn er will, sondern wenn er kann, vnd jhn die regung des Geistes, welchen Ovidius vnnd andere vom Himmel her zue kommen vermeinen, treibet....
Vnd muss ich nur bey hiesiger gelegenheit ohne schew dieses errinnern, das ich es für eine verlorene arbeit halte, im fall sich jemand an vnsere deutsche Poeterey machen wolte, der, nebenst dem das er ein Poete von natur sein muss, in den griechischen vnd Lateinischen büchern nicht wol durchtrieben ist, vnd von jhnen den rechten grieff erlernet hat; das auch alle die lehren, welche sonsten zue der Poesie erfodert werden, vnd ich jetzund kürzlich berühren wil, bey jhm nichts verfangen können....
Nachmals ist auch ein jeder verss entweder ein _iambicus_ oder _trochaicus_; nicht zwar das wir auff art der griechen vnnd lateiner eine gewisse grösse der sylben können inn acht nemen; sondern das wir aus den accenten vnnd dem thone erkennen, welche sylbe hoch vnnd welche niedrig gesetzt werden soll. Ein Jambus ist dieser: _Erhalt vns Herr bey deinem Wort_; der folgende ein Trocheus: _Mitten wir im leben sind_. Dann in dem ersten verse die erste sylbe niedrig, die andere hoch, die dritte niedrig, die vierde hoch, vnd so fortan; in dem anderen verse die erste sylbe hoch, die andere niedrig, die dritte hoch, u.s.w. aussgesprochen werden. Wiewol nun meines wissens noch niemand, ich auch vor der zeit selber nicht, dieses genawe in acht genommen, scheinet es doch so hoch von nöthen zue sein, als hoch von nöthen ist, das die Lateiner nach den _quantitatibus_ oder grössen der sylben jhre verse richten vnd reguliren.
[Notes: 1: _Fortpflantzung_ = _Verbesserung_. 2: Εὐφαντασιωτός [Greek: Euphantasiôtos], ‘very fanciful’; see Quintilian vi. 2, 30. 3: _Anders_, ‘anywise.’ 4: _Steinen_ = _Türsteinen_.]
+2+
+Ode.+[5]
Ich empfinde fast ein grawen, Das ich, Plato, für vnd für Bin gesessen vber dir; Es ist zeit hienauss zue schawen, Vnd sich bey den frischen quellen 5 In dem grünen zue ergehen, Wo die schönen Blumen stehen, Vnd die Fischer netze stellen.
Worzue dienet das studieren, Als zue lauter vngemach? 10 Vnter dessen laufft die Bach Vnsers lebens das wir führen, Ehe wir es innen werden, Auff jhr letztes ende hin; Dann kompt ohne geist vnd sinn 15 Dieses alles in die erden.
Hola, Junger, geh’ vnd frage Wo der beste trunck mag sein; Nim den Krug, vnd fülle Wein. Alles trawren leidt vnd klage, 20 Wie wir Menschen täglich haben, Eh vns Clotho fortgerafft, Wil ich in den süssen safft Den die traube giebt vergraben.
Kauffe gleichfalls auch Melonen,[6] 25 Vnd vergiss des Zuckers nicht; Schawe nur das nichts gebricht. Jener mag der heller schonen, Der bey seinem Gold vnd Schätzen Tolle sich zue krencken pflegt 30 Vnd nicht satt zue bette legt; Ich wil weil ich kan mich letzen.
Bitte meine guete Brüder Auff[7] die music vnd ein glass; Nichts schickt, dünckt mich, nicht sich bass 35 Als guet tranck vad guete Lieder. Lass ich gleich nicht viel zue erben, Ey, so hab’ ich edlen Wein; Wil mit andern lustig sein, Muss ich gleich alleine sterben. 40
[Notes: 5: From the _Poeterey_, Ch. 5, where it is offered in elucidation of lyric poetry. It is a free rendering of Ronsard, II, 18. 6: _Melonen_; the point is: Do not mind the expense. The muskmelon (_cucumis melo_) came from Italy and Southern France, and (with sugar!) was a luxury. 7: _Auff_, with _bitten_, in the sense of ‘invite to.’]
+3+
+Chansonnette.+
Mit Liebes Brunst behafftet sein, Ist warlich eine schwere Pein; Es ist kein Schmerz auff dieser Erdt, Der recht mit jhm verglichen werdt: Drumb will ich mich gantz embsiglich 5 Von dem Leyden allzeit scheiden, Vnd die süsse Gifft vermeiden. Auff dass nun nicht die schnöde Brunst Mich lasse zu ihr tragen Gunst, Soll Venus mich nicht treffen an 10 Auff jergendt einer Liebes Bahn; Der Tugendt Weg ist ein schön Steg, Darauff eben ich will schweben, Vnd jhr gantz verpflichtet leben. Recht vnd gar wol auch Pallas blieb 15 Allzeit befreyet von der Lieb, Sie gab dem Fewer niemals raum, Vnd hielte sich in stätem Zaum, Auff grüner Heyd sie allezeit Mit dem Hetzen sich thet letzen 20 Vnd frey aller Sorg ergetzen. Ich will ins künfftig fleissig auch Nachfolgen dieser Göttin Brauch, Denn Venus ist die gröste Last, Cupido ist ein schädlich Gast. 25 Wen er einmal nur bringt zu fall, Muss verderben, offt auch sterben, Vnd für Frewden schmertz ererben. Also belohnt er alle doch, Die sich ergeben seinem Joch; 30 Vnd diss bedenck ich offt vnd viel, Es mag lieb haben wer da will, Ich bleibe meine Zeit allein. Offt nach schertzen kommen schmertzen, Wohl dem der das thut beherzen. 35
+4+
+Sonnet an die Bienen.+
Ihr Honigvögelein, die jhr von den Violen Und Rosen abgemeit den wundersüssen Safft, Die jhr dem grünen Klee entzogen seine Krafft, Die jhr das schöne Feldt so offt vnd viel bestohlen, Ihr Feldteinwohnerin, was wollet jhr doch holen Das, so euch noch zur Zeit hat wenig nutz geschafft, Weil jhr mit Dienstbarkeit dess Menschen seit behafft, Vnd jhnen mehrentheils das Honig müsset Zollen? Kompt, kompt zu meinem Lieb, auff jhren Rosenmundt, Der mir mein kranckes Herz gantz inniglich verwundt, Da sollt jhr Himmelspeiss vnd vberflüssig brechen. Wann aber jemandt ja sich vnderstehen kundt Ihr vbel anzuthun, dem sollet jhr zur stundt Für Honig Galle sein, vnd jhn zu tode stechen.
5
_The horrors of the Thirty Years’ War: From the ‘Trostgedichte in Widerwertigkeit des Krieges.’_
Wie manche schöne Stadt, Die sonst das ganze Land durch Pracht gezieret hat, Ist jetzund Asch und Staub! Die Mauren sind verheeret, Die Kirchen hingelegt, die Häuser umgekehret. Wie wann ein starker Fluss, der unversehens kömt, 5 Die frische Saate stürzt, die Äcker mit sich nimt, Die Wälder niederreisst, läuft ausser seinen Wegen, So hat man auch den Plitz und schwefelichte Regen Durch der Geschütze Schlund mit grimmiger Gewalt, Dass alles Land umher erzittert und erschallt, 10 Gesehen mit der Luft hin in die Städte fliegen. Des Rauches Wolken sind den Wolken gleich gestiegen, Der Feuer-Flocken See hat alles überdeckt Und auch den wilden Feind im Läger selbst erschreckt. Das harte Pflaster hat geglühet und gehitzet, 15 Die Thürme selbst gewankt, das Erz darauf geschwitzet; Viel Menschen, die der Schar der Kugeln sind entrant, Sind mitten in die Glut gerathen und verbrant, Sind durch den Dampf erstickt, verfallen durch die Wände Was übrig blieben ist, ist kommen in die Hände 20 Der argsten Wütherei, so, seit die Welt erbaut Von Gott gestanden ist, die Sonne hat geschaut. Der Alten graues Haar, der jungen Leute Weinen, Das Klagen, Ach und Weh der Grossen und der Kleinen, Das Schreien in gemein von Reich und Arm geführt, 25 Hat diese Bestien im minsten nicht gerührt. Hier half kein Adel nicht, hier ward kein Stand geachtet, Sie musten alle fort, sie wurden hingeschlachtet, Wie wann ein grimmer Wolf, der in den Schafstall reisst, Ohn allen Unterschied die Lämmer niederbeisst. 30 Der Mann hat müssen sehn sein Ehebette schwächen, Der Töchter Ehrenblüt’ in seinen Augen brechen, Und sie, wann die Begier nicht weiter ist entbrant, Unmenschlich untergehn durch ihres Schänders Hand.
+LI. PAUL FLEMING+
1609-1640. Fleming was a gifted lyric poet of the Opitzian era. A Saxon by birth, he studied medicine at Leipzig, where he learned to admire Opitz. Five years of his short life were spent in connection with an embassy of the Duke of Holstein to Russia and Persia. His best work is found in the poems, more especially the sonnets, which he wrote during this long absence from the fatherland. The selections follow Tittmann’s edition in _Deutsche Dichter des 17. Jahrhunderts_.
+1+
+An einen guten Freund.+
Lass der Zeit nur ihren Willen Und vergönn’ ihr ihren Lauf; Sie wird sich selbst müssen stillen, Wenn wir nichts nicht geben drauf. Meistes Elend wird verschmerzet, 5 Wenn mans nicht zu sehr beherzet.
Ist es heute trübes Wetter, Morgen wird es heiter sein; Stimmen doch die grossen Götter Stets an Lust nicht überein. 10 Und wer weiss, wie lang er bleibet, Der uns itzo so vertreibet.[1]
Ob die Sonne gehet nieder Und den Erdkreiss traurig macht, Doch so kömt sie fröhlich wieder 15 Nach der überstandnen Nacht. Herrschen itzund Frost und Winde, Balde wird es sein gelinde.
Unterdessen sei der Deine, Brich nicht ab der ersten Kost[2]; 20 Labe dich mit altem Weine Und versuch den jungen Most. Lass uns einen Rausch noch kaufen, Ehe denn wir müssen laufen.
[Notes: 1: Lines 11-12 allude, probably, to the occupation of Leipzig by imperial troops in 1632. 2: _Der ersten Kost_, ‘your previous fare.’ _Abbrechen_ with dative = _Abbruch tun, verkürzen, vermindern_.]
+2+
+An Basilenen[3]: Nachdem er von ihr gereiset war.+
Ist mein Glücke gleich gesonnen, Mich zu führen weit von dir, O du Sonne meiner Wonnen, So verbleibst du doch in mir. Du in mir und ich in dir 5 Sind beisammen für und für.
Künftig werd’ ich ganz nicht scheuen, Kaspis, deine fremde Flut, Und die öden Wüsteneien, Da man nichts als fürchten thut. 10 Auch das Wilde macht mir zahm, Liebste, dein gelobter Nam’.
Überstehe diese Stunden, Schwester, und sei unverwant. Ich verbleibe dir verbunden, 15 Und du bist mein festes Band. Meines Herzens Trost bist du, Und mein Herze selbst darzu.
Ihr, ihr Träume, solt indessen, Unter uns das Beste thun. 20 Kein Schlaf, der sol ihr vergessen, Ohne mich sol sie nicht ruhn, Dass die süsse Nacht ersetzt, Was der trübe Tag verletzt.
Lebe, meines Lebens Leben, 25 Stirb nicht, meines Todes Tod, Dass wir uns uns wiedergeben, Abgethan von aller Noth. Sei gegrüsst, bald Trost, itzt Qual, Tausend, tausend, tausendmal! 30
[Notes: 3: While sojourning in Reval, on his way to Asia, Fleming fell in love with Elsabe Niehusen, but later transferred his affections to her sister Anna. Basilene is one of several poetic names for Elsabe.]
+3+
+Inter Brachia Salvatoris.+[4]
Des Donners wilder Plitz schlug von sich manchen Stoss, Das feige Volk stund blass, das scheuche Wild erzittert’ Vom Schmettern dieses Knalls. Die Erde ward erschüttert. Mein Fuss sank unter sich, der Grund war bodenlos. Die Gruft, die fiel ihr nach,[5] schlung mich in ihren Schoss. Ich gab mich in die See, in der es grausam wittert’ Der Sturm flog klippenhoch. Mein Schiff, das ward gesplittert, Ward leck, ward Anker[6] quit, ward Mast[6] und Segel[6] bloss. Vor, um und hinter mir war nichts als eine Noth; Von oben Untergang, von unten auf der Tod, Es war kein Muttermensch, der mit mir hatt’ Erbarmen. Ich aber war mir gleich, zum Leben frisch und froh, Zum Sterben auch nicht faul auf[7] wenn und wie und wo, Denn mein Erlöser trug mich allzeit auf den Armen.
[Notes: 4: The sonnet is reminiscent of a shipwreck in the Caspian Sea, November 15, 1636; the title from St. Augustine’s _inter brachia salvatoris mei et vivere volo et mori cupio_. 5: _Fiel ihr nach_, ‘gave way’ (_ihr_ reflexive). 6: _Anker, Mast, Segel_; all genitive. 7: _Faul auf_, ‘hesitating over.’]
+4+
+Über Herrn Martin Opitzen auf Boberfeld sein Ableben.+
So zeuch auch du denn hin in dein Elyserfeld, Du Pindar, du Homer, du Maro unsrer Zeiten, Und untermenge dich mit diesen grossen Leuten, Die ganz in deinen Geist sich hatten hier verstellt. Zeuch jenen Helden zu, du jenen gleicher Held, Der itzt nichts Gleiches hat, du Herzog deutscher Seiten, O Erbe durch dich selbst der steten Ewigkeiten, O ewiglicher Schatz und auch Verlust der Welt! Germanie ist tod, die herrliche, die freie, Ein Grab verdecket sie und ihre ganze Treue. Die Mutter, die ist hin, hier liegt nun auch ihr Sohn, Ihr Recher und sein Arm. Lasst, lasst nur alles bleiben, Ihr, die ihr übrig seid, und macht euch nur davon, Die Welt hat wahrlich mehr nichts Würdigs zu beschreiben.
+LII. FRIEDRICH VON LOGAU+
An eminent writer of reflective, critical, and epigrammatic verse (1604-1655). He was born in Silesia and spent the most of his life at Brieg, where he was sometime ducal councillor. In 1654 he published _Salomon von Golaws deutscher Sinngetichte drei Tausend_, the name Golaw being a disguise of Logau. They vary in length from a couplet to a hundred lines or more, and disclose in the aggregate a virile and interesting personality. The text follows Eitner’s edition in _Deutsche Dichter des 17. Jahrhunderts_.
+1+
+Das Beste der Welt.+
Weistu, was in dieser Welt Mir am meisten wolgefällt? Dass die Zeit sich selbst verzehret, Und die Welt nicht ewig währet.
+2+
+Die unartige Zeit.+
Die Alten konnten fröhlich singen Von tapfern deutschen Heldensdingen, Die ihre Väter ausgeübet: Wo Gott noch uns ja Kinder gibet, Die werden unsser Zeit Beginnen 5 Beheulen, nicht besingen können.
+3+
+Geduld.+
Leichter träget, was er träget, Wer Geduld zur Bürde leget.
+4+
+Adel.+
Hoher Stamm und alte Väter Machen wohl ein gross Geschrei; Moses aber ist Verräther, Dass dein Ursprung Erde sei.
+5+
+Gunst für Recht.+
Kein _Corpus juris_ darf[1] man nicht, Wo Gunst und Ungunst Urtel spricht.
[Notes: 1: _darf_ = _bedarf_.]
+6+
+Theure Ruh.+[2]
Deutschland gab fünf Millionen, Schweden reichlich zu belohnen, Dass sie uns zu Bettlern machten, Weil sie hoch dies Mühen achten. Nun sie sich zur Ruh gegeben Und von Unsrem dennoch leben, Muss man doch bei vielen Malen Höher noch die Ruh bezahlen.
[Notes: 2: The Treaty of Westfalia gave the Swedes a war indemnity of 5,000,000 talers, but they afterwards demanded and received 200,000 more.]
+7+
+Der Glaubensstreit.+
Luthrisch, Päbstisch und Calvinisch--diese Glauben alle drei Sind vorhanden; doch ist Zweifel, wo das Christentum dann sei.
+8+
+Ein unruhig Gemüthe.+
Ein Mühlstein und ein Menschenherz wird stets herumgetrieben; Wo beides nicht zu reiben hat, wird beides selbst zerrieben.
+9+
+Weiberverheiss.+
Wer einen Aal beim Schwanz und Weiber fasst bei Worten, Wie feste der gleich hält, hat nichts an beiden Orten.
+10+
+Zweifüssige Esel.+
Dass ein Esel hat gespracht, warum wundert man sich doch? Geh aufs Dorf, geh auf den Markt: o sie reden heute noch.
+11+
+Die deutsche Sprache.+
Deutsche mühen sich jetzt hoch, deutsch zu reden fein und rein; Wer von Herzen redet deutsch, wird der beste Deutsche sein.
+12+
+Göttliche Rache.+
Gottes Mühlen mahlen langsam, mahlen aber trefflich klein; Ob aus Langmuth er sich säumet, bringt mit Schärf’ er alles ein.
+13+
+Franzosenfolge.+
Narrenkappen sam[3] den Schellen, wenn ich ein Franzose wär’, Wollt’ ich tragen; denn die Deutschen gingen stracks wie ich so her.
[Notes: 3: _Sam_ = _zusammen mit_.]
+14+
+Dreierlei Glauben.+
Der Papst der will durch _Thun_, Calvin wil durch _Verstehn_, In den Himmel aber wil durch _Glauben_ Luther gehn.
+15+
+Drei Fakultäten.+
Juristen, Ärzte, Prediger sind alle drei beflissen, Die Leute zu purgieren[4] wol am Säckel, Leib, Gewissen.
[Notes: 4: _Purgieren_, ‘purge,’ ‘clean out.’]
+16+
+Verwandelung.+
Dass aus Menschen werden Wölfe,[5] bringt zu glauben nicht Beschwerden; Siht man nicht, dass aus den Deutschen dieser Zeit Franzosen werden?
[Notes: 5: _Wölfe_, in allusion to the superstition of the man-wolf (_werewolf, lycanthropus_).]
+17+
+Das Hausleben.+
Ist Glücke wo und was, so halt’ ich mir für Glücke, Wann ich mein eigen bin, dass ich kein dienstbar Ohr Um weg verkaufte Pflicht[6] darf recken hoch empor Und horchen auf Befehl. Dass mich der Neid berücke, Da bin ich sorgenlos. Die schmale Stürzebrücke,[7] Darauf nach Gunst man zeucht, die bringt mir nicht Gefahr; Ich stehe, wo ich steh’, und bleibe, wo ich war. Der Ehre scheinlich[8] Gift, des Hofes Meisterstücke, Was gehen die mich an? Gut, dass mir das Vergnügen Für grosse Würde gilt; mir ist ja noch so wol, Als dem der Wanst zerschwillt,[9] die weil er Hoffahrt voll. Wer biegen sich nicht kan, bleibt, wann er fället, liegen. Nach Purpur tracht’ ich nicht; ich nehme weit dafür,[10] Wann Gott ich leben kan, dem Nächsten und auch mir.
[Notes: 6: _Um ... Pflicht_, ‘in venal service.’ 7: _Stürzebrücke_ = _Fallbrücke_. 8: _Scheinlich_, ‘glittering.’ 9: _Zerschwillt_ = _schwellend zerplatzt_. 10: _Nehme dafür_ = _ziehe vor_.]
+18+
+An mein väterlich Gut, so ich drei Jahr nicht gesehen.+
Glück zu, du ödes Feld; Glück zu, ihr wüsten Auen! Die ich, wann ich euch seh’, mit Thränen muss bethauen, Weil ihr nicht mehr seid ihr; so gar hat euren Stand Der freche Mord-Gott Mars grundaus herumgewandt. Seid aber doch gegrüsst; seid dennoch fürgesetzet 5 Dem allen, was die Stadt für schön und köstlich schätzet. Ihr wart mir lieb, ihr seid, ihr bleibt mir lieb und werth; Ich bin, ob ihr verkehrt,[11] noch dennoch nicht verkehrt. Ich bin, der ich war vor. Ob ihr seid sehr vernichtet, So bleib’ ich dennoch euch zu voller Gunst verpflichtet, 10 So lang ich ich kan sein; wann dann mein Sein vergeht, Kans sein, dass Musa wo an meiner Stelle steht.[12] Gehab dich wol, o Stadt! die du in deinen Zinnen Hast meinen Leib gehabt, nicht aber meine Sinnen. Gehab dich wol! mein Leib ist nun vom Kerker los; 15 Ich darf nun nicht mehr sein, wo mich zu sein verdross. Ich habe dich, du mich, du süsse Vatererde! Mein Feuer glänzt nun mehr auf meinem eignen Herde. Ich geh’, ich steh’, ich sitz’, ich schlaf’, ich wach’ umbsunst.[13] Was theuer mir dort war, das hab’ ich hier aus Gunst 20 Des Herrens der Natur, um “Habe-Dank” zu niessen Und um gesunden Schweiss; darf nichts hingegen wissen Von Vortel und Betrug, von Hinterlist und Neid, Und wo man sonst sich durch schickt etwan in die Zeit. Ich ess’ ein selig Brot, mit Schweiss zwar eingeteiget, 25 Doch das durch Bäckers Kunst und Hefen hoch nicht steiget, Das zwar Gesichte[14] nicht, den Magen aber füllt Und dient mehr, dass es nährt, als dass es Heller gilt. Mein Trinken ist nicht falsch[15]; ich darf mir nicht gedenken, Es sei gebrauen zwier,[16] vom Bräuer und vom Schänken. 30 Mir schmeckt der klare Saft; mir schmeckt das reine Nass, Das ohne Keller frisch, das gut bleibt ohne Fass, Drum nicht die Nymphen erst mit Ceres dürfen kämpfen, Wer Meister drüber sei, das nichts bedarf zum Dämpfen,[17] Weils keinen Schwefelrauch noch sonsten Einschlag hat, 35 Das ohne Geld steht feil, das keine frevle That Hat den jemals gelehrt, der dran ihm liess genügen. Der Krämer fruchtbar Schwur, und ihr geniesslich[18] Lügen Hat nimmer Ernt’ um mich. Der vielgeplagte Lein, Der muss, der kan mir auch anstatt der Seiden sein. 40 Bewegung ist mein Arzt. Die kräuterreichen Wälde Sind Apotheks genug; Geld, Gold wächst auch im Felde,-- Was mangelt alsdenn mehr? Wer Gott zum Freunde hat Und hat ein eignes Feld, fragt wenig nach der Stadt, Der vortelhaften Stadt, da Nahrung zu gewinnen 45 Fast jeder muss auf List, auf Tück und Ränke sinnen. Drum hab’ dich wol, o Stadt! wenn ich dich habe, Feld, So hab’ ich Haus und Kost, Kleid, Ruh’, Gesundheit, Geld.
[Notes: 11: _Verkehrt_, ‘changed.’ 12: _Dass ... steht_; ‘that some other muse than mine will praise you.’ 13: _Umbsunst_, ‘for nothing.’ 14: The bread does not look good, but is nourishing. 15: _Falsch_, ‘diluted.’ 16: _Zwier_ = _zweimal_. 17: In allusion to the process of treating wine with sulphur--nominally to improve its taste and color. 18: _Geniesslich_, ‘profitable.’]
+LIII. ANDREAS GRYPHIUS+
1616-1664. Gryphius is the most important of the pseudo-classic dramatists, though his plays lacked the schooling of the stage. He was born in Glogau, Silesia, won early distinction as a scholar and poet, resided several years in Holland, France, and Italy, and finally settled down in his birthplace, which honored him with the office of town syndic. He wrote five original tragedies in alexandrine verse (always with a chorus of some kind), and several comedies, partly in verse and
## partly in prose. The selections follow Tittmann’s edition in _Deutsche
Dichter des 17. Jahrhunderts_.
1
_From the fourth act of ‘Murdered Majesty, or Carolus Stuardus’; King Charles I, about to face death on the scaffold, confers with his loyal friends, Colonel Thomlinson and Bishop Juxton._
KARL
Fürst, aller Fürsten Fürst, den wir nun sterbend grüssen, Vor dem wir auf dem Knie das strenge Richtbeil küssen, Gib, was mein letzter Wunsch noch von dir bitten kan, Und stecke Karols Geist mit heilgem Eifer an. Entzünde diss Gemüt, das sich ergetzt, zu tragen 5 Die ehrenvolle Schmach, das sich beherzt, zu wagen Für unterdrückte Kirch, entzweigesprengte Kron Und hochverführtes Volk. Ihr, die von eurem Thron Mein Mordgerüst beschaut, schaut, wie die Macht verschwinde, Auf die ein König pocht; schaut, wie ich überwinde, 10 Indem mein Scepter bricht. Die Erden stinkt uns an, Der Himmel ruft uns ein. Wer also scheiden kan, Verhöhnt den blassen Tod und trotzt dem Zwang der Zeiten Und muss der Grüfte Recht[1] grossmüthig überschreiten, Indem ein Unterthan sein eigen Mordrecht spinnt 15 Und durch des Prinzen Fall unendlich Leid gewinnt, Das häufig schon erwacht; wer nach uns hier wird leben, Wird zwischen heisser Angst und Todesfurchten schweben, Indem sich Land auf Land und Stadt auf Stadt verhetzt, Und Rathstuhl dem Altar und Tempel widersetzt, 20 Und dieser den verdruckt, der jenen aus wil heben,[2] Und dem, der nach ihm schlägt, den letzten Hieb wil geben; Biss der, der wider uns den grimmen Schluss aussprach, Der unser Regiment mit frecher Faust zubrach, Gepresst durch heisse Reu wird diesen Tag verfluchen 25 Und meine Tropfen Blut auf seiner Seelen suchen; Biss der, der sich erkühnt, mein sauber Herz zu schmähn, Von Blut und Thränen nass sich nach uns um wird sehn. Doch! wir bekränken[3] diss und bitten: Herr, verschone, Lass nicht der Rache zu, dass sie dem Unrecht lohne, 30 Das über uns geblitzt! Ihr König schilt sie frei.[4] Verstopf auch, Herr, dein Ohr vor ihrem Mordgeschrei. Was sagt uns Thomlinson?
THOMLINSON
Prinz Karl, die Blum der Helden, Wil ihrer Majestät die treue Pflichtschuld melden Und schickt durch treue Leut’ aus Katten[5] diss Papier! 35
KARL
Mein hochbetrübter Prinz, mein Sohn, wie fern von dir! Wie fern, wie fern von dir!
JUXTON
Der Höchste wird verbinden, Was dieser Tag zureisst. Mein Fürst wird ewig finden, Was Zeit und Unfall raubt.
KARL
Recht! Finden und in Gott Und durch Gott wiedersehn, die ein betrübter Bot 40 Mit keiner Antwortschrift mehr von uns wird erquicken. Ich muss die Trauerpost an Freund und Kinder schicken, Dass Karl itzund vergeh. Nein! Kan der untergehn, Der zu der Krone geht? Der feste[6] Karl wird stehn, Wenn nun sein Körper fällt; der Glanz der Eitelkeiten, 45 Der Erden leere Pracht, die strenge Noth der Zeiten Und diss, was sterblich heisst, wird auf den Schauplatz[7] gehn; Was unser eigen ist, wird ewig mit uns stehn. Was hält uns weiter auf? Geh, Thomlinson, und schicke Dem Prinzen seinen Brief so unversehrt zurücke, 50 Als ihn die Faust empfing. Wir gehn die letzte Bahn! Unnöthig, dass ein Brief, durch schmerzenvollen Wahn, Durch jammerreiche Wort und neue Seelenhiebe Uns aus geschöpfter Ruh erweck’ und mehr betrübe.
JUXTON
Gott, in dem alles ruht, vermehre diese Ruh! 55
KARL
Er thuts und spricht dem Geist mit starkem Beistand zu.
JUXTON
Sein Beistand stärkt in Angst ein unbefleckt Gewissen.
KARL
Das, der unschuldig litt, wusch durch sein Blutvergiessen.
JUXTON
Der, was uns drückt, ertrug in letzter Sterbensnoth.
KARL
Uns drückt, diss glaubt uns fest, nichts mehr als Straffords Tod. 60
THOMLINSON
Die Richter haben ihm die Halsstraf auferleget.
KARL
Sein Unschuld hat den Blitz auf unser Haupt erreget.
THOMLINSON
Der König gab den Mann durch Macht gezwungen hin.
KARL
Lernt nun, was dieser Zwang uns bringe vor Gewinn.
THOMLINSON
Der König must’ es thun, das tolle Volk zu stillen. 65
KARL
Recht so, seht wie das Volk dem König itzt zu Willen!
THOMLINSON
Als Wentworth um den Tod den König selber bat.
KARL
Seht, was der König itzt dadurch erhalten hat!
THOMLINSON
Man schloss für aller Heil auf eines Manns Verderben.
KARL
Der[8] dieses schloss, ist hin, und wer nicht hin, wird sterben. 70
THOMLINSON
Dem Urtheil fielen bei der Staats- und Kirchenrath.
KARL
Verblümt es, wie ihr wollt, es war ein arge That.
JUXTON
Der Höchste wird die That der langen Reu verzeihen.
KARL
Er wird von diesem Blut uns durch sein Blut befreien. Auf, Geist! Die Bluttrompet, der harten Drommel Klang, 75 Der Waffen Mordgeknirsch ruft zu dem letzten Gang.
[Notes: 1: _Recht_; in the sense of ‘limit of jurisdiction,’ ‘boundary.’ 2: _Ausheben_ = _aus dem Sattel heben, stürzen_. 3: _Bekränken_ = _beklagen_. 4: _Schilt ... frei_, ‘exonerates them.’ 5: _Katten_ = Holland. 6: _Feste_, ‘substantial,’ ‘real.’ 7: Schauplatz = _Richtplatz_. 8: _Der_; the allusion is to John Pym, under whose leadership of the Commons the Earl of Strafford (Thomas Wentworth) was executed in 1641. Pym himself died in 1643.]
2
_From the fifth act of ‘Horribilicribrifax’: Terrific encounter of the two braggart captains Daradiridatumtarides and Horribilicribrifax._
HORRIB. Und wenn du mir biss in den Himmel entwichest und schon auf dem lincken Fuss des grossen Bären sässest, so wolte ich dich doch mit dem rechten Spornleder erwischen und mit zweien Fingern in den Berg Ætna werfen.
DARADIR. _Gardez-vous, follâtreau!_[9] Meinest du, dass ich vor dir gewichen? Und wenn du des grossen Carols Bruder, der grosse Roland selbst, und mehr Thaten verrichtet hättest als Scanderbek, ja in die Haut von Tamerlanes gekrochen werest, soltest du mir doch keine Furcht einjagen.
HORRIB. Ich? Ich will dir keine Furcht einjagen, sondern dich in zwei und siebentzigmal hundert tausend Stücke zersplittern, dass du in einer See von deinem eigenen Blut ersticken sollest. _Io ho vinto l’inferno e tutti i diavoli._[10]
DARADIR. Ich will mehr Stücker von dir hauen, als Sternen itzund an dem Himmel stehen, und wil dich also tractiren, dass das Blut von dir fliessen sol, biss die oberste Spitze des Kirchthurms darinnen versunken.
HORRIB. _Per non lasciar piu altre passar questa superba arroganza_,[11] wil ich die ganze Belägerung von Troja mit dir spielen.
DARADIR. Und ich die Zerstörung von Constantinopel.
HORRIB. _Io spiro morte e furore_,[12] doch lasse ich dir noch so viel Zeit: befihle deine Seele Gott und bete ein Vaterunser!
DARADIR. Sprich einen englischen Gruss[13] und hiermit stirb.
HORRIB. Du wirst zum wenigsten die _reputation_ in deinem Tode haben, dass du von dessen unüberwindlichen Faust gestorben, der den König in Schweden niedergeschossen.
DARADIR. Tröste dich mit dem, dass du durch dessen Hand hingerichtet wirst, der dem Tilly und Pappenheim den Rest gegeben.
HORRIB. So hab ich mein Schwerd ausgezogen in der Schlacht vor Lützen.
DARADIR. _Morbleu, me voila en colère! Mort de ma vie! je suis fâché par ma foi._[14] So hab ich zur Wehre gegriffen in dem Treffen vor Nördlingen.
HORRIB. Eine solche Positur machte ich in der letzten Niederlage vor Leipzig.
DARADIR. So lief ich in den Wallgraben, als man Glogau hat einbekommen.
HORRIB. Ha! ha! ist er nicht _questo capitano_,[15] mit dem ich Kugeln wechselte bei der Gula?
DARADIR. O! Ist er nicht derjenige Signeur, mit dem ich Brüderschaft machte zu Schlichtigheim?
HORRIB. Ha! _mon signeur, mon frère!_[16]
DARADIR. Ha! _Fratello mio illustrissimo!_[17]
HORRIB. Behüte Gott, welch ein Unglück hätte bald geschehen sollen!
DARADIR. Welch ein Blutvergiessen, _massacre et strage_,[18] wenn wir einander nicht erkennet hätten!
HORRIB. _Magnifici et cortesi heroi_[19] können leicht unwissend zusammen gerathen.
DARADIR. _Les beaux esprits_[20] lernen einander durch dergleichen _rencontre_[21] erkennen.
[_Dionysius[22] tritt auf._]
DIONYS. Welche Bärenhäuter rasen hier für unsern Thüren? Wisset ihr Holunken nicht, dass man des Herren Statthalters Pallast anders zu respectiren pfleget? Trollet euch von hier, oder ich lege euch beiden einen frischen Prügel um die Ohren!
HORRIB. _Io rimango petrificato dalla meraviglia._[23] Sol Capitain Horribilicribrifax diss leiden?
DARADIR. Sol Capitain von Donnerkeil sich also despectiren lassen?
HORRIB. _Io mi levo il pugnale dal lato_,[24] der Herr Bruder leide es nicht!
DARADIR. _Me voila_,[25] der Herr Bruder greiffe zu der Wehre, ich folge.
HORRIB. _Comminciate di gratia._[26] Ich lasse dem Herren Bruder die Ehre des ersten Angriffs.
DARADIR. Mein Herr Bruder, ich verdiene die Ehre nicht, et gehe voran. _C’est trop discourir. Commencez._[27]
HORRIB. Ei, der Herr Bruder fahre fort, er lasse sich nicht auffhalten. _La necessità vuole._[28]
DIONYS. Heran, ihr Ertzberenhäuter, ich will euch die Haut sonder Seiffen und Balsam einschmieren.
HORRIB. Ha! _Patrone mio, questa supercheria è molta ingiusta._[29]
DARADIR. O monsieur, bey dem Element, er sihet mich vor einen Unrechten an.
HORRIB. Ei, _signore mio gratioso_,[30] ich bin Signor Horribilicribrifax. 75
DIONYS. (_Nimmt beiden die Degen und schlägt sie darmit um die Köpfe._) Auffschneider, Lügner, Bärenhäuter, Bengel, Baurenschinder, Erznarren, Cujonen![31]
DARADIR. Ei, ei, monsieur, _basta questo pour istesso_,[32] es ist genung, der Kopf blutet mir. 80
HORRIB. Ei, ei, signor, ich wuste nicht, dass der Statthalter hier wohnete.
DIONYS. Packet euch, oder ich will euch also zurichten, dass man euch mit Mistwagen sol von dem Platze führen.
[Notes: 9: _Gardez-vous(-en), follâtreau_ (from _folâtre_) ‘take care, nincompoop.’ 10: _Io ho ... diavoli_, ‘I have vanquished hell and all the devils.’ 11: _Per ... arroganza_, ‘to prevent this arrogant conceit from going further.’ 12: _Io ... furore_, ‘I breathe death and fury.’ 13: _Sprich ... Gruss_, ‘pray an Angelus’ (angel’s greeting, Luke i, 28), _i.e._ ‘attend to your devotions.’ 14: _Morbleu ... foi_, ‘Zounds! Behold me in a rage! Death and destruction! Faith, but I am angry.’ 15: _Questo capitano_, ‘that captain.’ 16: _Mon ... frère_, ‘my dear sir, my brother.’ 17: _Fratello ... illustrissimo_, ‘most renowned brother.’ 18: _Massacre et strage_, ‘slaughter and carnage.’ 19: _Magnifici ... heroi_, ‘magnificent and gentlemanly heroes.’ 20: _Les beaux esprits_, ‘fine spirits.’ 21: _Rencontre_, ‘meeting(s).’ 22: Dionysius is the servant of the governor, Cleander, before whose palace the captains have been brawling. 23: _Io ... meraviglia_, ‘I am petrified with amazement.’ 24: _Io ... lato_, ‘I take my sword from my side.’ 25: _Me voila_, ‘here I am.’ 26: _Comminciate di gratia_, ‘begin, please.’ 27: _C’est ... commencez_, ‘there’s too much talking; begin!’ 28: _La ... vuole_, ‘necessity commands.’ 29: _Patrone ... ingiusta_, ‘my good sir, this violence is very unjust.’ 30: _Signore ... gratioso_, ‘my gracious sir.’ 31: _Cujonen_, ‘scallywags.’ 32: _Basta ... istesso_, ‘enough of that.’]
+LIV. SIMON DACH+
1605-1659. Dach was a Königsberg schoolmaster who won considerable repute as a writer of religious and occasional verse. He is the earliest Prussian poet of any importance. The second selection shows what he thought of Opitz. His _Anke van Tharau_, though a wedding-song written by request (like many of Dach’s productions), is so fresh and hearty that Herder gave it a place among his folksongs. The text follows Oesterley’s edition in Kürschner’s _Nationalliteratur_, Vol. 30.
+1+
+Abendlied.+
Der Tag hat auch sein Ende, Die Nacht ist wieder hier; Drum heb ich Herz und Hände, O Vater, auff zu dir Und dancke deiner Treu, 5 Die mich gantz überschüttet, Und für der Tiranney Der Höllen mich behütet.
Dein Wort hat auch daneben Mein kranckes Herz geheilt, 10 Mir reichlich Trost und Leben In aller Noth ertheilt. Für solche Liebesthat Was soll ich dir erzeigen? Was Erd und Himmel hat, 15 Das ist vorhin dein eigen.
Mein Herz sey dir geschencket, Das richt, o Gott, dir zu, Dass, was es nur gedencket, Sey nichts, als einig du. 20 Entzeuch es dieser Welt, Dass es aus diesen Tränen In deiner Freuden Feld Sich mög ohn Ablass sehnen.
Und da ich heut verübet, 25 Was gegen dein Geboth Und deinen Geist betrübet, Das sey vertilgt und todt Durch Christi theures Blut, Das mildiglich geflossen, 30 Als er es, mir zu guth, Aus Liebe hat vergossen.
Und weil ich jetzt sol schlafen, So lass mich sicher seyn Durch deiner Aufsicht Waffen, 35 Schleuss deiner Huth mich ein! Des Teufels Mord und List, Der bösen Menschen Tücke Und was sonst schädlich ist, Treib, Herr, von mir zurücke! 40
Lass mich kein böses Ende Betreten allermeist, Denn ich in deine Hände Befehle meinen Geist. Ich bin zu aller Zeit 45 Dein Eigenthum und Erbe, Es sey lieb oder leid, Ich leb, Herr, oder sterbe.
+2+
+Opitz in Königsberg.+[1]
Ist es unsrer Seiten Werck’ Je einmahl so wol gelungen, Dass wir dir, o Königsbergk, Etwas Gutes vorgesungen, So vernimm auch diess dabey, 5 Wer desselben Stiffter sey.
Dieser Mann, durch welchen dir Jetzt die Ehre wiederfähret, Dass der Deutschen Preiss und Zier Sämptlich bey dir eingekehret, 10 Opitz, den die gantze Welt Für der Deutschen Wunder hält.
Ach, der Aussbund und Begriff Aller hohen Kunst und Gaben, Die der Alten Weissheit tieff 15 Ihrem Ertz hat eingegraben, Und der lieben Vorfahrt[2] Handt Uns so treulich zugesandt!
Man erschricket, wenn er nun Seiner tieff-erforschten Sachen 20 Abgrund anhebt auffzuthun, Und sein Geist beginnt zu wachen; Wer alsdan ihn los sieht gehn, Der sieht Welschlandt und Athen.
Orpheus giebt schon besser Kauff,[3] 25 Hört er dieses Mannes Seiten, Unser Maro horchet auff, Sagt: Was sol mir das bedeuten? Wird der Weisen Lieder-Ruhm Nun der Deutschen Eigenthum? 30
Ja, Herr Opitz, eurer Kunst Mages Deutschland einig dancken, Dass der fremden Sprachen Gunst Mercklich schon beginnt zu wancken, Und man nunmehr ins gemein 35 Lieber deutsch begehrt zu sein.
Wer hat eurer süssen Handt Diesen Nachdruck mitgegeben, Dass das gantze Norden-Landt, Wenn ihr schlagt, sich muss erheben, 40 Und so mancher edler Geist Euch zu folgen sich befleist?
Last den stoltzen Thracer-Fluss Nicht so trotzig sich ergiessen, Und den edlen Mincius 45 Was bescheidentlicher fliessen: Eures Bobers kleine Fluth Nimmt doch allen nun den Muth.
Wol euch, Herr! Was für ein Lohn Hat sich hie mit eingedinget, 50 Dass von hie ab euer Ton Bis in jenes Leben dringet, Dessen Nachklangk aller Zeit Und Vergängnüss sich befreyt?
Hie kunt’ eure Jugend zwar 55 Schon den Lorbeer-Krantz erjagen, Aber dort wird euer Haar Erst der Ehren Krohne tragen, Die euch David gern gesteht, Weil ihr seinen Fusspfad geht. 60
Doch wird auch des Pregels Randt, Weil er ist, von euch nicht schweigen; Was von uns hie wird bekant, Was wir singen oder geigen, Unser Nahme, Lust und Ruh’ 65 Stehet euch, Herr Opitz, zu.
[Notes: 1: The full title runs: Gesang bey des edlen und hochberühmten Herren Martin Opitzen u.s.w. hocherfreulichen Gegenwart zu Königsberg in Preussen 1638. 29 Heumonat gesungen. 2: _Vorfahrt_ = _Vorfahren_. 3: _Giebt .... Kauff_ = _wird billiger_.]
+3+
+Anke van Tharau.+
Anke van Tharau öss, de my geföllt, Se öss mihn Lewen, mihn Goet on mihn Gölt.
Anke van Tharau heft wedder eer Hart Op my geröchtet ön Löw’ on ön Schmart.
Anke van Tharau, mihn Rihkdom, mihn Goet, 5 Du mihne Seele, mihn Fleesch on mihn Bloet.
Quöm’ allet Wedder glihk ön ons tho schlahn, Wy syn gesönnt by een anger tho stahn.
Kranckheit, Verfälgung, Bedröfnös on Pihn Sal unsrer Löwe Vernöttinge syn. 10
Recht as een Palmen-Bohm äver söck stöcht, Je mehr en Hagel on Regen anföcht,
So wardt de Löw’ ön ons mächtig on groht, Dörch Kryhtz, dörch Lyden, dörch allerley Noht.
Wördest du glihk een mahl van my getrennt, 15 Leewdest dar, wor ön dee Sönne kuhm kennt,
Eck wöll dy fälgen dörch Wöler, durch Mär, Dörch Yhss, dörch Ihsen, dörch fihndlöcket Hähr.
Anke van Tharau, mihn Licht, mihne Sönn, Mihn Lewen schluht öck ön dihnet henönn. 20
Wat öck geböde, wart van dy gedahn, Wat öck verböde, dat lätstu my stahn.
Wat heft de Löwe däch ver een Bestand, Wor nicht een Hart öss, een Mund, eene Hand,
Wor öm söck hartaget, kabbelt on schleyht 25 On glihk den Hungen on Katten begeyht?
Anke van Tharau, dat war wy nich dohn, Du böst mihn Dyhfken, mihn Schahpken, mihn Hohn.
Wat öck begehre, begehrest du ohck, Eck laht den Rock dy, du lätst my de Brohk. 30
Dit öss dat, Anke, du söteste Ruh, Een Lihf on Seele wart uht öck on du.
Dit mahckt dat Lewen tom hämmlischen Rihk, Dörch Zancken wart et der Hellen gelihk.
4
_The same in Herder’s High German translation._
Annchen von Tharau ist, die mir gefällt; Sie ist mein Leben, mein Gut und mein Geld.
Annchen von Tharau hat wieder ihr Herz Auf mich gerichtet in Lieb’ und in Schmerz.
Annchen von Tharau, mein Reichtum, mein Gut, 5 Du meine Seele, mein Fleisch und mein Blut!
Käm’ alles Wetter gleich auf uns zu schlahn, Wir sind gesinnt bei einander zu stahn.
Krankheit, Verfolgung, Betrübnis und Pein, Soll unsrer Liebe Verknotigung sein. 10
Recht als ein Palmenbaum über sich steigt, Je mehr ihn Hagel und Regen anficht;
So wird die Lieb’ in uns mächtig und gross Durch Kreuz, durch Leiden, durch allerlei Noth.
Würdest du gleich einmal von mir getrennt, 15 Lebtest, da wo man die Sonne kaum kennt;
Ich will dir folgen durch Wälder, durch Meer, Durch Eis, durch Eisen, durch feindliches Heer.
Annchen von Tharau, mein Licht, meine Sonn’, Mein Leben schliess’ ich um deines herum. 20
Was ich gebiete, wird von dir gethan, Was ich verbiete, das lässt du mir stahn.
Was hat die Liebe doch für ein Bestand, Wo nicht ein Herz ist, ein Mund, eine Hand?
Wo man sich peiniget, zanket und schlägt, 25 Und gleich den Hunden und Katzen beträgt?
Annchen von Tharau, das woll’n wir nicht thun; Du bist mein Täubchen, mein Schäfchen, mein Huhn.
Was ich begehre, ist lieb dir und gut; Ich lasse den Rock dir, du lässt mir den Hut. 30
Dies ist uns, Annchen, die süsseste Ruh’, Ein Leib und Seele wird aus Ich und Du.
Dies macht das Leben zum himmlischen Reich, Durch Zanken wird es der Hölle gleich.
+LV. PAUL GERHARDT+
1607-1676. Gerhardt was a Lutheran pastor who is preëminent as a writer of hymns for worship. His psalmody has less of the militant spirit than Luther’s, his voice being the voice of German Protestantism as chastened by the terrible sufferings of the great war. The selections follow Wolff’s edition in Kürschner’s _Nationalliteratur_, Vol. 31.
+1+
+Befiehl dem Herrn deine Wege.+
Befiehl du deine Wege, Und was dein Herze kränkt, Der allertreusten Pflege Des, der den Himmel lenkt: Der Wolken, Luft und Winden 5 Giebt Wege, Lauf und Bahn, Der wird auch Wege finden, Da dein Fuss gehen kann.
Dem Herren musst du trauen, Wann dirs soll wohlergehn; 10 Auf sein Werk musst du schauen, Wann dein Werk soll bestehn. Mit Sorgen und mit Grämen Und mit selbsteigner Pein Lässt Gott ihm gar nichts nehmen, 15 Es muss erbeten sein.
Dein ewge Treu und Gnade, O Vater, weiss und sieht, Was gut sei oder schade Dem sterblichen Geblüt: 20 Und was du denn erlesen, Das treibst du, starker Held, Und bringst zum Stand und Wesen, Was deinem Rat gefällt.
Weg hast du allerwegen, 25 An Mitteln fehlt dirs nicht; Dein Thun ist lauter Segen, Dein Gang ist lauter Licht, Dein Werk kann niemand hindern, Dein Arbeit darf nicht ruhn, 30 Wann du, was deinen Kindern Erspriesslich ist, willst thun.
Und ob gleich alle Teufel Hie wollten widerstehn, So wird doch ohne Zweifel 35 Gott nicht zurücke gehn: Was er ihm fürgenommen Und was er haben will, Das muss doch endlich kommen Zu seinem Zweck und Ziel. 40
Hoff, o du arme Seele, Hoff und sei unverzagt! Gott wird dich aus der Höhle, Da dich der Kummer plagt, Mit grossen Gnaden rücken: 45 Erwarte nur der Zeit, So wirst du schon erblicken Die Sonn der schönsten Freud.
Auf, auf, gieb deinem Schmerze Und Sorgen gute Nacht! 50 Lass fahren, was das Herze Betrübt und traurig macht! Bist du doch nicht Regente, Der alles führen soll; Gott sitzt im Regimente 55 Und führet alles wohl.
Ihn, ihn lass thun und walten, Er ist ein weiser Fürst Und wird sich so verhalten, Dass du dich wundern wirst, 60 Wann er, wie ihm gebühret, Mit wunderbarem Rat Das Werk hinausgeführet, Das dich bekümmert hat.
Er wird zwar eine Weile 65 Mit seinem Trost verziehn Und thun an seinem Teile, Als hätt in seinem Sinn Er deiner sich begeben; Und solltst du für und für 70 In Angst und Nöten schweben, So frag er nichts nach dir.
Wirds aber sich befinden, Dass du ihm treu verbleibst, So wird er dich entbinden, 75 Da dus am wengsten gläubst: Er wird dein Herze lösen Von der so schweren Last, Die du zu keinem Bösen Bisher getragen hast. 80
Wohl dir, du Kind der Treue, Du hast und trägst davon Mit Ruhm und Dankgeschreie Den Sieg und Ehrenkron. Gott giebt dir selbst die Palmen 85 In deine rechte Hand, Und du singst Freudenpsalmen Dem, der dein Leid gewandt.
Mach End, o Herr, mach Ende An aller unser Not! 90 Stärk unser Füss und Hände Und lass bis in den Tod Uns allzeit deiner Pflege Und Treu empfohlen sein, So gehen unsre Wege 95 Gewiss zum Himmel ein.
+2+
+Abendlied.+
Nun ruhen alle Wälder, Vieh, Menschen, Stadt und Felder, Es schläft die ganze Welt: Ihr aber, meine Sinnen, Auf, auf, ihr sollt beginnen, 5 Was eurem Schöpfer wohlgefällt.
Wo bist du, Sonne, blieben? Die Nacht hat dich vertrieben, Die Nacht, des Tages Feind; Fahr hin, ein ander Sonne, 10 Mein Jesus, meine Wonne, Gar hell in meinem Herzen scheint.
Der Tag ist nun vergangen, Die güldnen Sternen prangen Am blauen Himmels Saal: 15 Also werd ich auch stehen, Wenn mich wird heissen gehen Mein Gott aus diesem Jammerthal.
Der Leib eilt nun zur Ruhe, Legt ab das Kleid und Schuhe, 20 Das Bild der Sterblichkeit, Die ich zieh aus: dagegen Wird Christus mir anlegen Den Rock der Ehr und Herrlichkeit.
Das Häupt, die Füss und Hände 25 Sind froh, dass nu zum Ende Die Arbeit kommen sei: Herz, freu dich, du sollt werden Vom Elend dieser Erden Und von der Sünden Arbeit frei. 30
Nun geht, ihr matten Glieder, Geht hin und legt euch nieder, Der Betten ihr begehrt: Es kommen Stund und Zeiten, Da man euch wird bereiten 35 Zur Ruh ein Bettlein in der Erd.
Mein Augen stehn verdrossen, Im Hui sind sie geschlossen; Wo bleibt denn Leib und Seel? Nimm sie zu deinen Gnaden, 40 Sei gut für allem Schaden, Du Aug und Wächter Israel.
Breit aus die Flügel beide, O Jesu, meine Freude, Und nimm dein Küchlein ein. 45 Will Satan mich verschlingen, So lass die Englein singen: Dies Kind soll unverletzet sein.
Auch euch, ihr meine Lieben, Soll heinte nicht betrüben 50 Ein Unfall noch Gefahr. Gott lass euch selig schlafen, Stell euch die güldne Waffen Ums Bett und seiner Engel Schar.
+LVI. FRIEDRICH SPE+
1591-1635. Spe was a Jesuit father who won distinction as a poet and also as an opponent of the witch-burning mania. His collection of lyric poems called _Trutz-Nachtigall_, or _Match-Nightingale_, is interesting for its singular blend of erotic imagery with sincere religious feeling. The poems indicate a genuine delight in certain aspects of nature. The selections follow Wolff’s edition, in Kürschner’s _Nationalliteratur_, Vol. 31.
+1+
+Ein Liebgesang der Gespons Jesu.+
Die reine Stirn der Morgenröt War nie so fast gezieret, Der Frühling, nach dem Winter öd, War nie so schön muntieret, Die weiche Brust der Schwanen weiss 5 War nie so wohl gebleichet, Die gülden Pfeil der Sonnen heiss Nie so mit Glanz bereichet:
Als Jesu Wangen, Stirn und Mund Mit Gnad seind übergossen. 10 Lieb hat aus seinen Äuglein rund Fast tausend Pfeil verschossen: Hat mir mein Herz verwundet sehr, O weh der süssen Peine! Für Lieb ich kaum kann rasten mehr, 15 Ohn Unterlass ich weine.
Wie Perlen klar aus Orient Mir Zähr von Augen schiessen: Wie Rosenwässer wohlgebrennt Mir Thränen überfliessen. 20 O keusche Lieb, Cupido rein, Allda dein Hitz erkühle, Da dunk dein heisse Flüttig ein, Dass dich so stark nit fühle.
Zu scharf ist mir dein heisser Brand, 25 Zu schnell seind deine Flügel; Drumb nur aus Thränen mit Verstand Dir flechte Zaum und Zügel. Komm nit zu streng, mich nit verseng, Nit brenn mich gar zu Kohlen, 30 Dich weisen lass, halt Ziel und Mass, Dich brauch der linden Strohlen.
O Arm und Hände Jesu weiss, Ihr Schwesterlein der Schwanen, Umbfasset mich nit lind noch leis, 35 Darf euch der Griff ermahnen. Stark heftet mich an seine Brust Und satt mich lasset weinen: Ich ihn erweich, ist mir bewusst, Und wär das Herz von Steinen. 40
O Jesu mein, du schöner Held, Lang warten macht verdriessen: Gross Lieb mir nach dem Leben stellt, Wann soll ich dein geniessen? O süsse Brust! O Freud und Lust! 45 Hast endlich mich gezogen: O miltes Herz! All Pein und Schmerz Ist nun in Wind geflogen.
Allhie nun will ich rasten lind, Auf Jesu Brust gebunden: 50 Allhie mich mag Cupido blind Bis gar zu Tod verwunden. Am Herzen Jesu sterben hin Ist nur in Lusten leben, Ist nur verlieren mit Gewinn, 55 Ist tot im Leben schweben.
+2+
+Anders Liebgesang der Gespons Jesu, darin eine Nachtigall mit der Echo oder Wiederschall spielet.+
Ach, wann doch Jesu, liebster mein, Wann wirst dich mein erbarmen? Wann wieder zu mir kehren ein, Wann fassen mich in Armen? Was birgest dich, 5 Was kränkest mich? Wann werd ich dich umfangen? Wann reissest ein All meine Pein? Wann schlichtest mein Verlangen? 10
O willkomm, süsse Nachtigall, Kombst gleich zu rechter Stunde! Erfrisch den Luft mit bestem Schall, Erschöpf die Kunst von Grunde; Ruf meinem Lieb, 15 Er nit verschieb, “O Jesu!” ruf mit Kräften, Ruf tausend mal, Ruf ohne Zahl, Wer weiss, es je möcht heften![1] 20
Ach, ruf und ruf, o Schwester zart, Mein Jesum zu mir lade, Mir treulich hilf zu dieser Fahrt, Dann ich in Zähren bade. O Schwester mein, 25 Sing süss und rein, Ruf meinem Schatz mit Namen; Dann kurz, dann lang Zieh deinen Klang, All Noten greif zusammen! 30
Wohlan, scheint, mich verstanden hat Die Meisterin in Wälden; Ihrs allbereit geht wohl von Statt, Die Färblein schon sich melden. In starker Zahl, 35 Nun manches Mal Den Ton sie schon erhebet, Weil auch der Schall Aus grünem Thal Ihr deutlich widerstrebet.[2] 40
Da recht, du fromme Nachtigall, Du jenem Schall nit weiche! Da recht, du treuer Wiederschall, Du stets dich ihr vergleiche! Zur schönen Wett 45 Nun beide trett, Mein Jesum lasst erklingen, Obschon im Streit Der schwächsten Seit Am Leben sollt misslingen. 50
Die Nachtigall den Schall nit kennt Und hälts für ihr Gespielin, Verwundert sich, wies mög behend So gleichen Ton erzielen; Bleibt wenig stumm, 55 Schlägt wiederumb, Denkt ihr bald obzusiegen; Doch Widerpart Machts gleicher Art, Kein Pünktlein bleibt verschwiegen. 60
Bald steiget auf die Nachtigall Je mehr und mehr und mehre; Gleich folget auch der Wiederschall, Wanns je noch höher wäre. Drumb zierlich fecht 65 Und stärker schlegt Das Fräulein reich von Stimmen, Steigt auf und auf Ganz ohn Verschnauf; Doch thuts der Schall erklimmen. 70
Alsdann gehts über Ziel und Schnur, Das Herz möcht sich zerspalten, Sie sucht es in B Moll, B Dur, Auf allerhand Gestalten, Thut hundertfalt 75 Den Bäss und Alt, Tenor und Cant durchstreichen; Doch Stimm doch Kunst Ist gar umbsonst, Der Schall thuts auch erreichen. 80
Da kitzlet sie dann Ehr und Preis Mit gar zu scharfen Sporen, Erdenkt noch schön und schöner Weis, Meint, sei noch nicht verloren. All Mut und Blut 85 Und Atem gut. Versammelt sie mit Haufen, Will noch zum Sieg In schönem Krieg Mit letzten Kräften laufen. 90
Ei, da kracht ihr so mütigs Herz, Gleich Ton und Seel verschwinden, Da leschet sich die gülden Kerz, Entzuckt von starken Winden. O mütigs Herz, 95 O schöne Kerz, O wohl, bist wohl gestorben! Die Lorbeerkron Im letzten Ton Du doch noch hast erworben. 100
Dann zwar ein Seufzerlein gar zart Im Tod hast lan erklingen, Das so subtil dein Widerpart Mit nichten möcht erschwingen; Drumb ja nit lieg, 105 Dein ist der Sieg, Das Kränzlein dir gebühret, Welchs dir allein Von Blümlein fein Ich schon hab eingeschnüret. 110
Ade dann, falbe Nachtigall, Von falbem Tod entfärbet, Weil du nun liegst in grünem Thal. Sag, wer dein Stimmlein erbet; Könnts je nit sein, 115 Es wurde mein? O Gott, könnt ichs erwerben! Wollts brauchen stät So früh, so spät, Bis auch im Sang thät sterben. 120
Nun doch will ich in diesem Wald Bei deinem Grab verbleiben, Hoff, mich mit ihren Pfeilen bald Begierd und Lieb entleiben. Will rufen stark 125 Zum Totensarg, Bis mein Geliebter komme, Will rufen laut Meins Herzen Traut, Bis letzt ich gar erstumme. 130
[Notes: 1: _Heften_ = _haften bleiben_, ‘stick fast’ (in his ear), and so win him over. 2: _Widerstrebet_ = _widerhallt_.]
+LVII. HOFMANN VON HOFMANNSWALDAU+
A Silesian scholar (1617-1679) who, after extensive foreign travel, spent his life at Breslau as an exemplary and highly esteemed official of the town. Incidentally he poetized in the inflated and ornate style which has given the so-called second Silesian school its evil reputation. His work is decidedly vacuous as poetry, but has its interest as indicating the literary drift of the age of puffs, powder, and pedantry. The selections follow Bobertag’s edition in Kürschner’s _Nationalliteratur_, Vol. 36.
+1+
+Die Welt.+
Was ist die Welt, und ihr berühmtes Gläntzen? Was ist die Welt und ihre gantze Pracht? Ein schnöder Schein in kurtzgefasten Grentzen, Ein schneller Blitz, bey schwarzgewölckter Nacht; Ein bundtes Feld, da Kummerdisteln grünen; 5 Ein schön Spital, so voller Kranckheit steckt. Ein Sclavenhauss, da alle Menschen dienen, Ein faules Grab, so Alabaster deckt. Das ist der Grund, darauff wir Menschen bauen, Und was das Fleisch für einen Abgott hält. 10 Komm, Seele, komm, und lerne weiter schauen, Als sich erstreckt der Zirckel dieser Welt. Streich ab von dir derselben kurtzes Prangen, Halt ihre Lust für eine schwere Last. So wirst du leicht in diesen Port gelangen, 15 Da Ewigkeit und Schönheit sich umbfast.
+2+
+Die Wollust.+
Die Wollust bleibet doch der Zucker dieser Zeit, Was kan uns mehr, denn sie, den Lebenslauf versüssen? Sie lässet trinckbar Gold in unsre Kehle fliessen, Und öffnet uns den Schatz beperlter Liebligkeit, In Tuberosen kan sie Schnee und Eiss verkehren, 5 Und durch das gantze Jahr die Frühlings-Zeit gewehren.
Es schaut uns die Natur als rechte Kinder an, Sie schenckt uns ungespart den Reichthum ihrer Brüste, Sie öffnet einen Saal voll zimmetreicher Lüste, Wo aus des Menschen Wunsch Erfüllung quellen kan. 10 Sie legt als Mutter uns die Wollust in die Armen, Und lässt durch Lieb und Wein den kalten Geist erwarmen.
Nur das Gesetze wil allzu tyrannisch seyn, Es zeiget iederzeit ein widriges Gesichte, Es macht des Menschen Lust und Freyheit gantz zunichte, 15 Und flöst für süssen Most uns Wermuthtropffen ein; Es untersteht sich uns die Augen zu verbinden, Und alle Liebligkeit aus unser Hand zu winden.
Die Ros’ entblösset nicht vergebens ihre Pracht, Jessmin will nicht umsonst uns in die Augen lachen, 20 Sie wollen unser Lust sich dienst- und zinsbar machen, Der ist sein eigen Feind, der sich zu Plagen tracht; Wer vor die Schwanenbrust ihm Dornen will erwehlen, Dem muss es an Verstand und reinen Sinnen fehlen.
Was nutzet endlich uns doch Jugend, Krafft und Muth, 25 Wenn man den Kern der Welt nicht reichlich will genüssen, Und dessen Zucker-Strom lässt unbeschifft verschüssen?[1] Die Wollust bleibet doch der Menschen höchstes Gut, Wer hier zu Seegel geht, dem wehet das Gelücke Und ist verschwenderisch mit seinem Liebesblicke. 30
Wer Epicuren nicht für seinen Lehrer hält, Der hat den Welt-Geschmack und allen Witz verloren, Es hat ihr die Natur als Stiefsohn ihn erkoren, Er mus ein Unmensch seyn und Scheusal dieser Welt; Der meisten Lehrer Wahn erregte Zwang und Schmertzen, 35 Was Epicur gelehrt, das kitzelt noch die Hertzen.
[Notes: 1: _Verschüssen_ = _verfliessen_.]
+3+
+Die Tugend.+
Die Tugend pflastert uns die rechte Freudenbahn, Sie kan den Nesselstrauch zu Lilgenblättern machen, Sie lehrt uns auf dem Eiss und in dem Feuer lachen, Sie zeiget, wie man auch in Banden herrschen kan; Sie heisset unsern Geist im Sturme ruhig stehen, 5 Und wenn die Erde weicht, uns im Gewichte gehen.
Es giebt uns die Natur Gesundheit, Krafft und Mut, Doch wo die Tugend nicht wil unser Ruder führen, Da wird man Klippen, Sand und endlich Schiffbruch spüren. Die Tugend bleibet doch der Menschen höchstes Gutt; 10 Wer ohne Tugend sich zu leben hat vermessen, Ist einem Schiffer gleich, so den Compass vergessen.
Gesetze müssen ja der Menschen Richtschnur seyn. Wer diesen Pharus ihm nicht zeitlich will erwehlen, Der wird, wie klug er ist, des Hafens leicht verfehlen, 15 Und läuffet in den Schlund von vielen Jammer ein; Wem Lust und Üppigkeit ist Führerin gewesen, Der hat für Leitstern ihm ein Irrlicht auserlesen.
Diss, was man Wollust heisst, verführt und liebt uns nicht, Die Küsse, so sie giebt, die triffen von Verderben, 20 Sie läst uns durch den Strang der zärtsten Seide sterben, Man fühlet, wie Zibeth das matte Herze bricht, Vergifter Hypocras[2] will uns die Lippen rühren, Und ein ambrirte[3] Lust zu Schimpf und Grabe führen.
Die Tugend drückt uns doch, als Mutter, an die Brust, 25 Ihr Gold und edler Schmuck hält Farb und auch Gewichte, Es leitet ihre Hand uns zu dem grossen Lichte, Wo sich die Ewigkeit vermählet mit der Lust; Sie reicht uns eine Kost, so nach dem Himmel schmecket, Und giebt uns einen Rock, den nicht die Welt beflecket. 30
Die Wollust aber ist, als wie ein Unschlichtlicht, So helle Flammen giebt, doch mit Gestanck vergehet. Wer bey dem Epicur und seinem Häuften stehet, Der lernt, wie diese Waar als dünnes Glas zerbricht; Es kan die Drachen-Milch uns nicht Artzney gewehren, 35 Noch gelbes Schlangengift in Labsal sich verkehren.
[Notes: 2: _Hypocras_, a sweet spiced wine. 3: _Ambrirte_, ‘resinated’ (perfumed with _ambra_).]
+LVIII. DANIEL CASPER VON LOHENSTEIN+
The other leading light of the second Silesian school (1635-1683). Like his friend Hofmannswaldau, he was an exemplary Breslau official. He wrote half a dozen impossible tragedies in alexandrine verse and a huge erudite romance _Arminius_. The selection from _Arminius_ follows an edition of 1731, which contains 2868 pages in four quarto volumes.
_From ‘Arminius,’ Book I: The temple of the Ancient Germans and its wonderful inscription._
Es war ein Thal, welches ungefähr eine Meilweges im Umkreise hatte, rings herum mit steilen Felsen umbgeben, welche allein von einem abschüssenden Wasser zertheilet waren. An dieser Gegend hatte die andächtige Vorwelt dem Anfange aller Dinge, nehmlich dem Schöpfer der Welt, zu Ehren auf ieder Seiten eine dreyfache Reihe überaus hoch und gerade empor wachsender Eich-Bäume gepflantzet, und wie dieses gantze Thal, also auch insonderheit den in der Mitte gelegenen Hügel, und die in selbtem von der Natur gemachte Höle, als auch den daraus entspringenden Brunnen für eines der grössesten Heiligthümer Deutschlands verehret, auch den Glauben, dass in selbtem die Andacht der Opfernden durch einen göttlichen Trieb geflügelt, und das Gebet von den Göttern ehe als anderwerts erhöret würde, von mehr als tausend Jahren her auf ihre Nachkommen fortgepflantzet. Denn die alten andächtigen Deutschen waren bekümmerter Gott recht zu verehren, als durch Erbauung köstlicher Tempel die Gebürge ihres Marmels zu berauben und ihre Ertzt-Adern arm zu machen. Diesemnach sie für eine der grösten Thorheiten hielten, Affen, Katzen und Crocodilen, ja Knobloch und Zwibeln mit Weyrauch zu räuchern; welche bey den Egyptiern mehr die aus Iaspis und Porphyr erbaueten, oder aus einem gantzen Felsen gehauene Wundertempel verstellten, als durch derselben Pracht einiges Ansehen ihrer schnöden Hesslichkeit erlangeten.
Nichts minder verlachten sie die zu Rom angebetete Furcht und das Fieber, als welche Kranckheiten wohl unvergöttert, ja abscheulich bleiben, wenn gleich zu Überfirnsung ihrer Bilder und Heiligthümer alle Meere ihr Schnecken-Blut, und gantz Morgenland seine Perlen und Edelgesteine dahin zinset. Da hingegen eine wahre Gottheit[1] eben so ein aus schlechtem Rasen erhöhetes Altar, und ein mehr einem finstern Grabe als einem Tempel ähnliches, aber von dem Feuer andächtiger Seelen erleuchtetes Heiligthum; wie die Sonne alle düstere Wohnungen mit ihrem eigenen Glantze erleuchtet und herrlich macht, also dass ohne die Gegenwart des grossen Auges der Welt alle gestirnte Himmels-Kreise düstern, in Abwesenheit einer wesentlichen Gottheit all von Rubin und loderndem Weyrauch schimmernde Tempel irrdisch sind. Denn ob wohl Gott in und ausser aller Dinge ist, seine Macht und Herrschafft sonder einige Beunruhigung sich über all Geschöpfe erstrecket, seine Liebe ohne Ermüdung allen durch ihre Erhaltung die Hände unterlegt; ob er gleich ohne Ausdehnung alles auswendig umbschleust, alles inwendig ohne seine Verkleinerung durchdringet; und er also in, über, unter und neben allen Sachen, iedoch an keinen Ort angebunden, noch nach einigem Maasse der Höhe, Tieffe und Breite zu messen, seine Grösse nirgends ein-, sein Wesen nirgends auszuschlüssen ist: So ist doch unwidersprechlich, dass Gott seiner Offenbarung nach, und wegen der von denen Sterblichen erfoderten Andacht, einen Ort für dem andern, nicht etwan wegen seiner absonderlichen Herrligkeit, sondern aus einer unerforschlicher Zuneigung, ihm belieben lasse, ja mehrmahls selbst erkieset habe. Über dem Eingange nun dieser ebenfals für andern erwehlten Höle waren nachfolgende Reimen in einen lebendigen Steinfels gegraben, iedoch gar schwer zu lesen; weil sie nicht allein mit denen vom Tuisco erfundenen Buchstaben geschrieben, sondern auch vom Regen abgewaschen und vom Mooss verstellet waren:
Ihr Eiteln, weicht von hier! der Anfang aller Dinge, Der eh als dieser Fels und dieser Brunnquell war, Hat hier sein Heiligthum, sein Wohnhaus, sein Altar; Der will, dass man ihm nur zum Opfer Andacht bringe. Die ist das Eigenthum der Menschen. Weyrauch, Blut, 5 Gold, Weitzen, Oel, und Vieh ist sein selbsteigen Gut.
Die Opfer, die ihr ihm auf tausend Tischen schlachtet, Die machen ihn nicht feist, und keine Gabe reich. Ihr selbst genüsset es, wenn ihr den Schöpfer gleich Durch eure Erstlingen hier zu beschencken trachtet. 10 Euch scheint der Fackeln Licht, ihr rücht des Zimmets Brand; Ja, was ihr gebt, bleibt euch mit Wucher in der Hand.
Gott heischt diss zwar, doch nicht aus lüsterner Begierde. Denn was ergeitzt das Meer ihm an der armen Flut Des Thaues? welcher Stern wünscht ihm der Würmer Glut, 15 Die bey den Nachten scheint, und der Rubinen Zierde? Ihr weiht Gott nur das Hertz zum Zeichen euer Pflicht; Euch selbst zu eurem Nutz, ihm zur Vergnügung nicht.
Ja auch die Andacht Selbst weiss Gott nichts zuzufrömen; Denn eignet sie uns zu gleich seine Gnad und Heil, 20 So hat sein Wohlstand doch nicht an dem unsern Theil, Wie unsre Freude rinnt aus seinen Wohlthats-Strömen. Hingegen wie kein Dunst versehrt der Sonnen Licht, So verunehrt auch ihn kein Aberglaube nicht.
Der Lästerer ihr Fluch thut ihm geringern Schaden, 25 Als wenn ein toller Hund den vollen Mond anbillt. Es rühmt als Richter ihn, was in der Hölle brüllt; Wie’s Lob der Seligen preist seine Vater-Gnaden. Den grossen Gott bewehrt die Kohle, die dort glüht, So wohl als die, die man wie Sterne gläntzen sieht. 30
So ist’s nun Übermaass, unsäglich grosse Gütte, Dass Gott die Betenden hier würdigt zu erhörn. Weicht, Eitele! um nicht diss Heil’ ge zu versehrn! Denn dass Gott in diss Thal nur einen Blick ausschütte, Ist gröss’re Gnad, als wenn das Auge dieser Welt 35 Den schlechtsten Sonnen-Staub mit seinem Glantz erhält.
[Notes: 1: _Gottheit_, subject of _erleuchtet und herrlich macht_ understood.]
+LIX. HANS JAKOB CHRISTOFFEL VON GRIMMELSHAUSEN+
The most important writer of prose fiction in the 17th century (_ca._ 1625-1676). He spent his early years as a roving soldier. After the war he published anonymously a number of tales, which are known collectively as _Simplicianische Schriften_. The best of them is _Der abentheuerliche Simplicissimus_, which is largely autobiographic. The book parodies the fashionable romances of adventure and takes hints from the picaresque tales which had begun to come in from Spain. It is particularly interesting for its truthful pictures of German life in the time of the great war. The selection follows Braune’s _Neudrucke_, Nos. 19-25.
_From ‘Simplicissimus,’ Book I,