Chapter 10
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§ 11. Wie eine gute tragische Fabel gemacht werden müsse, das ist schon im vierten Hauptstücke des ersten Theils einiger maassen gewiesen worden. Der Poet wählet sich einen moralischen Lehrsatz, den er seinen Zuschauern auf eine sinnliche Art einprägen will. Dazu ersinnt er sich eine allgemeine Fabel, daraus die Wahrheit eines Satzes erhellet. Hiernächst sucht er in der Historie solche berühmte Leute, denen etwas ähnliches begegnet ist: Und von diesen entlehnet er die Namen, für die Personen seiner Fabel, um derselben also ein Ansehen zu geben. Er erdenket sodann alle Umstände dazu, um die Hauptfabel recht wahrscheinlich zu machen, und das werden die Zwischenfabeln, oder Episodia genannt. Dieses theilt er dann in fünf Stücke ein, die ungefehr gleich gross sind, und ordnet sie so, dass natürlicher Weise das letztere aus dem vorhergehenden fliesset: Bekümmert sich aber weiter nicht, ob alles in der Historie so vorgegangen, oder ob alle Nebenpersonen wirklich so und nicht anders geheissen haben. Zum Exempel kann die oberwähnte Tragödie des Sophokles, oder auch mein Cato dienen. Der Poet wollte dort zeigen, dass Gott auch die Laster, so unwissend begangen werden, nicht ungestraft lasse. Hierzu ersinnt er nun eine allgemeine Fabel, die etwa so lautet:
§ 12. Es war einmal ein Prinz, wird es heissen, der sehr viel gute Eigenschaften an sich hatte, aber dabey verwegen, argwöhnisch und neugierig war. Dieser hatte einmal, vor dem Antritte seiner Regierung, auf freyem Felde einen Mord begangen; ohne zu wissen, dass er seinen eigenen Vater erschlagen hatte. Durch seinen Verstand bringet er sich in einem fremden Lande in solches Ansehen, dass er zum Könige gemacht wird, und die verwittibte Königinn heurathet, ohne zu wissen, dass selbige seine eigene Mutter ist. Aber dieses alles geht ihm nicht für genossen aus. Seine Laster kommen ans Licht, und es treffen ihn alle die Flüche, die er selbst auf den Mörder seines Vorfahren im Regimente ausgestossen hatte. Er wird des Reiches entzetzet, und ins Elend getrieben, nachdem er sich selbst aus Verzweifelung der Augen beraubet hatte. Zu dieser allgemeinen Fabel nun findet Sophokles in den alten thebanischen Geschichten den Oedipus geschickt. Er ist ein solcher Prinz, als die Fabel erfordert: Er hat unwissend einen Vatermord und eine Blutschande begangen. Er ist dadurch auf eine Zeitlang glücklich geworden: Allein die Strafe bleibt nicht aus; sondern er muss endlich alle die Wirkungen seiner unerhörten Laster empfinden.
§ 13. Diese Fabel ist nun geschickt, Schrecken und Mitleiden zu erwecken, und also die Gemüthsbewegungen der Zuschauer auf eine der Tugend gemässe Weise zu erregen. Man sieht auch, dass der Chor in dieser Tragödie dadurch bewogen wird, recht erbauliche Betrachtungen, über die Unbeständigkeit des Glückes der Grossen dieser Welt, und über die Schandbarkeit seiner Laster anzustellen, und zuletzt in dem Beschlusse die Thebaner so anzureden: Ihr Einwohner von Theben, sehet hier den Oedipus, der durch seine Weisheit Räthsel erklären konnte, und an Tapferkeit alles übertraf; ja der seine Hohheit sonst keinem, als seinem Verstande und Heldenmuthe zu danken hatte: Seht, in was für schreckliche Trübsalen er gerathen ist; und wenn ihr dieses unselige Ende desselben erweget, so lernt doch niemanden für glücklich halten, bis ihr ihn seine letzte Stunde glücklich habt erreichen gesehen.
§ 14. Eine solche Fabel nun zu erdichten, sie recht wahrscheinlich einzurichten, und wohl auszuführen, das ist das allerschwerste in einer Tragödie. Es hat viele Poeten gegeben, die in allem andern Zubehör des Trauerspiels, in den Charactern, in dem Ausdrucke, in den Affecten u.s.w. glücklich gewesen: Aber in der Fabel ist es sehr wenigen gelungen. Das macht, dass dieselbe eine dreyfache Einheit haben muss, wenn ich so reden darf: Die Einheit der Handlung, der Zeit, und des Ortes. Von allen dreyen müssen wir insonderheit handeln.
§ 15. Die ganze Fabel hat nur eine Hauptabsicht, nemlich einen moralischen Satz: Also muss sie auch nur eine Haupthandlung haben, um derentwegen alles übrige vorgehet. Die Nebenhandlungen aber, die zur Ausführung der Haupthandlung gehören, können gar wohl andre moralische Wahrheiten in sich schliessen: Wie zum Exempel in Oedipus die Erfüllung der Orakel, darüber Iocasta vorher gespottet hatte, die Lehre giebt: Dass die göttliche Allwissenheit nicht fehlen könne. Alle Stücke sind also tadelhaft und verwerflich, die aus zwoen Handlungen bestehen, davon keine die vornehmste ist. Ich habe dergleichen im Jahr 1717 am Reformationsfeste in einer Schulcomödie vorstellen gesehen, wo der Inhalt der Aeneis Virgilii, und die Reformation Lutheri zugleich vorgestellet wurde. In einem Auftritte war ein Trojaner, in dem andern der Ablasskrämer Tetzel zu sehen. Bald handelte Aeneas von der Stiftung des römischen Reichs, bald kam Lutherus und reinigte die Kirche. Bald war Dido, bald die babylonische Hure zu sehen u.s.w. Und diese beyde so verschiedene Handlungen hiengen nicht anders zusammen, als durch eine lustige Person, die zwischen solchen Vorstellungen auftrat, und z.E. den auf der See bestürmten Aeneas mit dem in Gefahr schwebenden Kirchenschifflein verglich. Das ist nun ein sehr handgreiflicher Fehler, wo zwey so verschiedene Dinge zugleich gespielet werden. Allein die andern, so etwas unmerklicher sind, verdienen deswegen keine Entschuldigung.
§ 16. Die Einheit der Zeit ist das andre, so in der Tragödie unentbehrlich ist. Die Fabel eines Heldengedichtes kann viele Monate dauren, wie oben gewiesen worden; das macht, sie wird nur gelesen: Aber die Fabel eines Schauspieles, die mit lebendigen Personen in etlichen Stunden lebendig vorgestellet wird, kann nur einen Umlauf der Sonnen, wie Aristoteles spricht, das ist einen Tag, dauren. Denn was hat es für eine Wahrscheinlichkeit, wenn man in dem ersten Auftritte den Helden in der Wiege, weiter hin als einen Knaben, hernach als einen Jüngling, Mann, Greis, und zuletzt gar im Sarge vorstellen wollte: Wie Cervantes solche thörichte Schauspiele an seinen spanischen Poeten im Don Quixote ausgelachet hat. Oder wie ist es wahrscheinlich, dass man es auf der Schaubühne etlichemal Abend werden sieht, und doch selbst, ohne zu essen oder zu trinken, oder zu schlafen, immer auf einer Stelle sitzen bleibt? Die besten Fabeln sind also diejenigen, die nicht mehr Zeit nöthig gehabt hätten, wirklich zu geschehen, als sie zur Vorstellung brauchen; das ist etwa drey oder vier Stunden: Und so sind die Fabeln der meisten griechischen Tragödien beschaffen. Kömmt es hoch, so bedörfen sie sechs, acht, oder zum höchsten zehn Stunden zu ihrem ganzen Verlaufe: Und höher muss es ein Poet nicht treiben; wenn er nicht wieder die Wahrscheinlichkeit handeln will.
§ 17. Es müssen aber diese Stunden bey Tage, und nicht bey Nacht seyn, weil diese zum Schlafen bestimmet ist: Es wäre denn dass die Handlung entweder in der Nacht vorgegangen wäre, oder erst nach Mittag anfienge, und sich bis in die späte Nacht verzöge; oder umgekehrt frühmorgens angienge, und bis zu Mittage daurete. Der berühmte Cid des Corneille läuft in diesem Stücke wieder die Regeln, denn er dauret eine ganze Nacht durch, nebst dem vorigen und folgenden Tage, and braucht wenigstens volle vier und zwanzig Stunden: Welches schon viel zu viel ist, und unerträglich seyn würde, wenn das Stück nicht sonst viel andre Schönheiten in sich hätte, die den Zuschauern fast nicht Zeit liessen, daran zu gedenken. Das ist nun eben die Kunst, die Fabel so ins kurze zu bringen, dass keine lange Zeit dazu gehöret; und eben deswegen sind auch bey uns Deutschen die Tragödien vom Wallenstein, von der Banise, ingleichen von der böhmischen Libussa ganz falsch und unrichtig: Weil sie zum Theil etliche Monate, zum Theil aber viele Jahre zu ihrer Dauer erfordern. Meine obrige Schultragödie hub sich von dem Urtheile des Paris über die drey Göttinnen an, und daurete bis auf des Aeneas Ankunft in Italien. Das war nun eine Zeit, davon die zwey Heldengedichte, Ilias und Aeneis, nicht den zwanzigsten Theil einnehmen, und ich zweifle, ob man die Ungereimtheit höher hätte treiben können.
§ 18. Zum dritten gehört zur Tragödie die Einigkeit des Ortes. Die Zuschauer bleiben auf einer Stelle sitzen: Folglich müssen auch die spielenden Personen alle auf einem Platze bleiben, den jene übersehen können, ohne ihren Ort zu ändern. So ist im Oedipus, z.E. der Schauplatz auf dem Vorhofe des königlichen thebanischen Schlosses, darinn Oedipus wohnt. Alles, was in der ganzen Tragödie vorgeht, das geschieht vor diesem Pallaste: Nichts was man wirklich sieht, trägt sich in den Zimmern zu, sondern draussen auf dem Schlossplatze, vor den Augen alles Volks. Heute zu Tage, da unsre Fürsten alles in ihren Zimmern verrichten, fällt es also schwerer, solche Fabeln wahrscheinlich zu machen. Daher nehmen denn die Poeten gemeiniglich alte Historien dazu, oder sie stellen uns auch einen grossen Audienzsaal vor, darinn vielerley Personen auftreten können. Ja sie helfen sich auch zuweilen mit dem Vorhange, den sie fallen lassen und aufziehen, wenn sie zwey Zimmer zu der Fabel nöthig haben. Man kann also leicht denken, wie ungereimt es ist, wenn, nach dem Berichte des Cervantes, die spanischen Trauerspiele den Helden in dem ersten Aufzuge in Europa, in dem andern in Africa, in dem dritten in Asien, und endlich gar in America vorstellen: Oder, wenn meine obgedachte Schulcomödie uns bald in Asien die Stadt Troja, bald die ungestüme See, darauf Aeneas schiffet, bald Carthago, bald Italien vorstellete, und uns also durch alle drey Theile der damals bekannten Welt, führete, ohne dass wir uns von der Stelle rühren dorften. Es ist also in einer regelmässigen Tragödie nicht erlaubt, den Schauplatz zu ändern. Wo man ist, da muss man bleiben; und daher auch nicht in dem ersten Aufzuge im Walde, in dem andern in der Stadt, in dem dritten im Kriege und in dem vierten in einem Garten, oder gar auf der See seyn; Das sind lauter Fehler wieder die Wahrscheinlichkeit: Eine Fabel aber, die nicht wahrscheinlich ist, taugt nichts, weil dieses ihre vornehmste Eigenschaft ist.
+LXIV. JOHANN JAKOB BODMER+
A Swiss scholar (1698-1783) who is important as the first notable champion of English literature, and also as the pioneer editor of medieval poetry. In 1721 he began, with a group of Zürich friends, the publication of _Discourse der Mahlern_, a literary magazine for which the English _Spectator_ served as a model. A defense of Milton, published in 1740, brought on the controversy with Gottsched. In the course of his long life Bodmer wrote vast quantities of didactic verse, also epics and tragedies, which are now forgotten, his theory of poetry having been better than his practice. His fragmentary and uncritical editions of Wolfram’s _Parzival_, the _Nibelung Lay_, and the Minnesingers (1753-59) are the earliest attempts to arouse interest in the forgotten poetry of the despised Middle Ages. The selection is from the _Discourse der Mahlern_, following Bächtold and Vetter’s reprint in _Bibliothek älterer Schriftwerke der deutschen Schweiz_, Zürich, 1887.
_From ‘Discourses of the Painters,’ Part I, No. 19; Importance of the Imagination._
Eine Imagination, die sich wol cultiviert hat, ist eines von den Haupt-Stücken, durch welche sich der gute Poet von dem gemeinen Sänger unterscheidet, massen die reiche und abändernde Dichtung, die ihr Leben und Wesen eintzig von der Imagination hat, die Poesie von der Prosa hauptsächlich unterscheidet. Dass Opitz den Rang vor Menantes[1] pretendieren kan, geben ihm das Recht diese schönen und abwechselnde Bildnissen, die er gemachet hat, und in welchen er die Natur mit denen Farben und in der Gestalt gemahlet hat, die ihr eigen sind. Ich bediene mich mit Fleisse dieser Metaphora, die ich von den Mahlern entlehne, denn die erste und eintzige Regel, welche ein jedweder Schreiber und Redner, es seye in gebundener oder ungebundener Rede, nachzufolgen hat, und welche ihm mit den Mahlern gemein ist, die ist diese, dass er das Natürliche nachspüre und copiere; alle diese andere Regeln, dass er anmuthig, delicat, hoch schreibe, sind in dieser eingeschlossen und fliessen daraus ab. Wenn er von einer jeden Sache dasjenige saget, was ein curieuser Sinn davon wahrnimmt, wenn er nichts davon verfliegen lässt, das sie dienet von andern Sachen zuunterscheiden, und wenn er mit solchen angemessenen Worten davon redet, welche mir eben dieselben Ideen davon erwecken, so sage ich dass er natürlich schreibe; wenn er denn von einer anmuthigen Sache natürlich schreibet, so kan ich sagen, dass sein Stylus anmuthig ist; schreibet er von einer Delicatesse natürlich, so wird der Stylus delicat, und er wird hoch, wenn er von einer Sache natürlich redet, welche die Menschen bewundern und gross nennen. Weil nun Opitz natürlicher, und welches nichts anders saget, annehmlicher, delicater und höcher ist, als Menantes, so heisst er mir auch ein besserer Poet als Menantes. Dass aber Opitz natürlicher dichtet als der andere, ist dieses die Ursache, weil er die Imagination mehr poliert und bereichert hat als dieser; Opitz hat, nemlich, nicht allein mehr Sachen durch die eigene Erfahrung und die Lesung in seine Imagination zusammengetragen, sondern er hat noch an denjenigen Sachen, die ihm aufgestossen, und die Hunolden vielleicht auch in die Sinnen gefallen, mehrere Seiten und Differenzien wahrgenommen, er hat sie von einer Situation angeschauet, von welcher sie ihm besser in die Imagination gefallen sind, und er hat sich länger darüber aufgehalten, indem er sie mit einer sorgfältigern Curiosität betrachtet und durchgesuchet hat. Also hat er erstlich eine nähere und vollkommnere Kenntniss der Objecten erworben, und hernach hat er eben darum auch gewissere und vollkommnere Beschreibungen machen können, in welchen die wahre Proportion und Eigenschafften der Sachen bemercket, und derselben Seiten ohne Ermangeln abgezehlet worden.
Ihr erkennet aus diesem die Nothwendigkeit, und was es contribuiert natürlich schreiben zu lernen, dass ein Schüler der Natur sich wisse über den aufstossenden Objecten zufixieren, und sie in einer solchen Postur anzuschauen, in welcher ihm kein Theil und keine Seiten derselben kan verborgen bleiben; er muss so nahe zu derselben tretten, und die Augen so wol offen behalten, dass ihm weder die allzuweite Entfernung sie kleiner machet, noch die Nähe mit einem Nebel überziehet. Wenn ich jetz ferner untersuche, warum Opitz die Imagination freyer und ungebundener bewahret, und die Distractionen ausgewichen habe, welche Hunolden die Menge der Objecten und andere Umstände erwecket haben, so finde ich keine andere Ursache, als weil Opitz von diesen belebten Seelen gewesen, welche weit zärtlichern und hitzigern Affecten unterworffen sind, und viel geschwinder Feuer, oder dass ich ohne Metaphora rede, Liebe für ein Objectum fangen, als andere unachtsame und dumme Leute; denn es ist im übrigen gewiss, dass wir uns um eine Sache, für die wir passioniert sind, weit mehr interessieren, und weit mehr Curiositet und Fleiss haben, sie anzuschauen, folglich auch die Imagination damit mehr anfüllen, als wir bey einem Objecte thun, für das wir indifferent sind. Ein Amant wird von der Schönheit seiner Buhlschäfft eine ähnlichere und natürlichere Beschreibung machen, als ein jedweder andrer, dem sie nicht so starck an das Hertze gewachsen ist. Ihr werdet einen Affect allezeit natürlicher ausdrücken, den ihr in dem Hertzen fühlet, als den ihr nur simulieret. Die Leidenschafft wird euch im ersten Fall alle Figuren der Rhetoric auf die Zunge legen, ohne dass ihr sie studieret. Zertheilet und erleset die Harangue einer Frauen, die ihre Magd von Hertzen ausschiltet, ihr werdet es also finden. Wenn auf diese Weise die Imagination von der Passion begleitet wird, alsdann ist sie im Stande sich ohne Distraction über ein Objecte aufzuhalten, und sich die Natur, Gestalt und Grösse desselben bekandt zumachen; und dieses ist die Manier, die sie brauchet, sich auszuschmücken und zu bereichern.
Erst ein solcher Schreiber der, wie unser Opitz, die Imagination mit Bildern der Sachen bereichert und angefüllet hat, kan lebhaft und natürlich dichten. Er kan die Objecte, die er einmal gesehen hat, so offt er will, wieder aus der Imagination holen, sie wird ihn gleichsam auf die Stelle zurück führen, wo er dieselben antreffen kan. Er seye in sein Cabinet eingeschlossen, und werde von keinen andern Gegenständen umgeben, als von einem Hauffen Bücher, so wird sie ihm eine hitzige Schlacht, eine Belägerung, einen Sturm, einen Schiffbruch, etc. in derselben Ordnung wieder vormahlen, in welcher sie ihm vormahls vor dem Gesicht gestanden sind. Dieselbe wird alle die Affecte, die ihn schon besessen haben, in ihm wieder rege machen, und ihn davon erhitzen, nicht anderst als wenn er sie wirklich in der Brust fühlte. Es seye, dass er in dem Schatten einer ausgespannten Eiche sitzet, von allen Neigungen der Liebe, des Mitleidens, der Traurigkeit, des Zorns, frey und unbeweget, so bringet ihm doch die Stärke seiner Imagination alle die Ideen wieder zurück, die er gehabt hat, als er wircklich verliebt, mitleidend, betrübt, erzörnt gewesen, sie setzet ihn in einen eben so hitzigen Stande, als er damahlen gestanden ware, und ruffet ihm dieselbe Expressionen wieder zurück, welcher er sich zur selben Zeit bedienet. Will er eine Dame glauben machen, dass sie schön seye, und dass er sie liebe; will er einen Todten beweinen, der ihn vielleichte nichts angehet; will er einen erdichteten Zorn ausstossen, so weiss er die Stellungen und die Worte derer Leuten, die in der That mit diesen Passionen angefüllet sind, lebendig nachzumachen.
Diese vornehme Poeten, die ich niemals müde werde zuloben, lassen das Hertze reden, man kan sagen, dass Amor ihnen ihre Verse in die Feder geflösset hat, wenn sie von der Liebe, und Mars wenn sie von dem Kriege singen. Sie zwingen uns die Affecte anzunehmen, welche sie wollen, wir lachen, wir werden stoltz, wir förchten uns, wir erschrecken, wir betrüben uns, wir weinen, wenn es ihnen gefällt; aber auch die traurigen Affecte, die sie in uns rege machen, werden von einem gewissen Ergetzen begleitet, das damit vermenget ist.
Ich belache diese fantastische Schüler der Reim-Kunst, welche sich eine Chimerische Maitresse bey einem frostigen Hertzen, und einer noch kälteren Imagination machen, welche von Brand und Feuer mit den kältesten Expressionen reden, in der Metaphora sterben, sich hencken, sich zu tode stürtzen, derer passioniertste Complimente, die sie ihrer Liebsten machen, Spiele der Wörtern, und der truckenen Imagination sind, Phebus, Galimathias, etc.
Es bleibet mir übrig, euch mit wenigen Worten zuerklären, was es eigentlich seye, das die Poeten figürlich ihren Enthusiasmum, ihre Inspiration, oder auch ihre Poetische Raserey nennen. Diese Worte bedeuten nichts anders, als die hefftige Passion, mit welcher ein Poet für die Materie seines Gedichtes eingenommen ist, oder die gute Imagination, durch welche er sich selbst ermuntern, und sich eine Sache wieder vorstellen, oder einen Affect annehmen kan, welchen er will. Wenn er also erhitzet ist, so wachsen ihm, so zusagen, die Worte auf der Zungen, er beschreibet nichts als was er siehet, er redet nichts als was er empfindet, er wird von der Passion fortgetrieben, nicht anderst als ein Rasender, der ausser sich selbst ist, und folgen muss, wohin ihn seine Raserey führet.
[Notes: 1: _Menantes_, pseudonym of Christian Friedrich Hunold (1680-1721).]
+LXV. ALBRECHT HALLER+
A Swiss writer (1708-1777) who in his youth won fame as a poet, afterwards much greater fame as a man of science. In 1732, after he had taken his degree in medicine at Leyden, and had visited England and France, he published a small collection of poems entitled _Versuch Schweizerischer Gedichten_. They are characterized by moral fervor, trenchant thought, and sententious pregnancy of expression--a new combination up to that time. Haller is at his best in _The Alps_, which, notwithstanding its abundant description, is not so much a landscape poem as a philosophic eulogy of the simple life. The text below follows _Bibliothek älterer Schriftwerke der deutschen Schweiz_, III. 20.
_From ‘The Alps’: Stanzas 1-14._
Versuchts, ihr Sterbliche, macht euren Zustand besser, Braucht, was die Kunst erfand und die Natur euch gab; Belebt die Blumen-Flur mit steigendem Gewässer, Theilt nach Korinths Gesetz gehaune Felsen ab; Umhängt die Marmor-Wand mit persischen Tapeten, 5 Speist Tunkins Nest[1] aus Gold, trinkt Perlen aus Smaragd, Schlaft ein beim Saitenspiel, erwachet bei Trompeten, Räumt Klippen aus der Bahn, schliesst Länder ein zur Jagd; Wird schon, was ihr gewünscht, das Schicksal unterschreiben Ihr werdet arm im Glück, im Reichthum elend bleiben! 10
Wann Gold und Ehre sich zu Clios Dienst verbinden, Keimt doch kein Funken Freud in dem verstörten Sinn. Der Dinge Werth ist das, was wir davon empfinden; Vor seiner theuren Last flieht er zum Tode hin. Was hat ein Fürst bevor, das einem Schäfer fehlet? 15 Der Zepter eckelt ihm, wie dem sein Hirten-Stab. Weh ihm, wann ihn der Geiz, wann ihn die Ehrsucht quälet, Die Schaar, die um ihn wacht, hält den Verdruss nicht ab. Wann aber seinen Sinn gesetzte Stille wieget, Entschläft der minder sanft, der nicht auf Eidern lieget? 20
Beglückte güldne Zeit, Geschenk der ersten Güte, O, dass der Himmel dich so zeitig weggerückt! Nicht, weil die junge Welt in stätem Frühling blühte, Und nie ein scharfer Nord die Blumen abgepflückt; Nicht, weil freiwillig Korn die falben Felder deckte 25 Und Honig mit der Milch in dicken Strömen lief; Nicht, weil kein kühner Löw die schwachen Hürden schreckte, Und ein verirrtes Lamm bei Wolfen sicher schlief; Nein, weil der Mensch zum Glück den Überfluss nicht zählte, Ihm Nothdurft Reichtum war und Gold zum Sorgen fehlte! 30
Ihr Schüler der Natur, ihr kennt noch güldne Zeiten! Nicht zwar ein Dichterreich voll fabelhafter Pracht; Wer misst den äussern Glanz scheinbarer[2] Eitelkeiten, Wann Tugend Müh zur Lust und Armuth glücklich macht? Das Schicksal hat euch hier kein Tempe zugesprochen, 35 Die Wolken, die ihr trinkt, sind schwer von Reif und Strahl; Der lange Winter kürzt des Frühlings späte Wochen, Und ein verewigt Eis umringt das kühle Thal; Doch eurer Sitten Werth hat alles das verbessert, Der Elemente Neid hat euer Glück vergrössert. 40
Wohl dir, vergnügtes Volk! o danke dem Geschicke, Das dir der Laster Quell, den Überfluss, versagt; Dem, den sein Stand vergnügt, dient Armuth selbst zum Glücke, Da Pracht und Üppigkeit der Länder Stütze nagt. Als Rom die Siege noch bei seinen Schlachten zählte, 45 War Brei der Helden Speis und Holz der Götter Haus; Als aber ihm das Maass von seinem Reichthum fehlte, Trat bald der schwächste Feind den feigen Stolz in Graus. Du aber hüte dich, was grössers zu begehren; So lang die Einfalt daurt, wird auch der Wohlstand währen. 50
Zwar die Natur bedeckt dein hartes Land mit Steinen, Allein dein Pflug geht durch, und deine Saat errinnt[3]; Sie warf die Alpen auf, dich von der Welt zu zäunen, Weil sich die Menschen selbst die grössten Plagen sind. Dein Trank ist reine Flut und Milch die reichsten Speisen, 55 Doch Lust und Hunger legt auch Eicheln Würze zu; Der Berge tiefer Schacht giebt dir nur schwirrend[4] Eisen, Wie sehr wünscht Peru nicht, so arm zu sein als du. Dann, wo die Freiheit herrscht, wird alle Mühe minder, Die Felsen selbst beblümt und Boreas gelinder. 60
Glückseliger Verlust von schadenvollen Gütern! Der Reichthum hat kein Gut, das eurer Armuth gleicht; Die Eintracht wohnt bei euch in friedlichen Gemüthern, Weil kein beglänzter Wahn euch Zweitrachtsäpfel reicht; Die Freude wird hier nicht mit banger Furcht begleitet, 65 Weil man das Leben liebt und doch den Tod nicht hasst; Hier herrschet die Vernunft, von der Natur geleitet, Die, was ihr nöthig, sucht und mehrers hält für Last. Was Epictet gethan und Seneca geschrieben, Sieht man hier ungelehrt und ungezwungen lieben. 70
Hier herrscht kein Unterschied, den schlauer Stolz erfunden, Der Tugend unterthan und Laster edel macht; Kein müssiger Verdruss verlängert hier die Stunden, Die Arbeit füllt den Tag und Ruh besetzt die Nacht; Hier lässt kein hoher Geist sich von der Ehrsucht blenden, 75 Des morgens Sonne frisst des heutes Freude nie. Die Freiheit theilt dem Volk, aus milden Mutter-Händen, Mit immer gleichem Maass Vergnügen, Ruh und Müh; Kein unzufriedner Sinn zankt sich mit seinem Glücke, Man isst, man schläft, man liebt und danket dem Geschicke 80
Zwar die Gelehrtheit feilscht hier nicht papierne Schätze, Man misst die Strassen nicht zu Rom und zu Athen, Man bindet die Vernunft an keine Schulgesetze, Und niemand lehrt die Sonn in ihren Kreisen gehn. O Witz! des Weisen Tand, wann hast du ihn vergnüget? 85 Er kennt den Bau der Welt und stirbt sich unbekannt; Die Wollust wird bei ihm vergällt und nicht besieget, Sein künstlicher Geschmack beeckelt seinen Stand; Und hier hat die Natur die Lehre, recht zu leben, Dem Menschen in das Herz und nicht ins Hirn gegeben. 90
Hier macht kein wechselnd Glück die Zeiten unterschieden, Die Thränen folgen nicht auf kurze Freudigkeit; Das Leben rinnt dahin, in ungestörtem Frieden, Heut ist wie gestern war und morgen wird wie heut. Kein ungewohnter Fall bezeichnet hier die Tage, 95 Kein Unstern malt sie schwarz, kein schwülstig Glücke roth. Der Jahre Lust und Müh ruhn stets auf gleicher Waage, Des Lebens Staffeln sind nichts als Geburt und Tod. Nur hat die Fröhlichkeit bisweilen wenig Stunden Dem unverdrossnen Volk nicht ohne Müh entwunden. 100
Wann durch die schwüle Luft gedämpfte Winde streichen, Und ein begeistert Blut in jungen Adern glüht, So sammlet sich ein Dorf im Schatten breiter Eichen, Wo Kunst und Anmuth sich um Lieb und Lob bemüht. Hier ringt ein kühnes Paar, vermählt den Ernst dem Spiele 105 Umwindet Leib um Leib und schlinget Huft um Huft. Dort fliegt ein schwerer Stein nach dem gesteckten Ziele, Von starker Hand beseelt, durch die zertrennte Luft. Den aber führt die Lust, was edlers zu beginnen, Zu einer muntern Schaar von jungen Schäferinnen. 110
Dort eilt ein schnelles Blei in das entfernte Weisse, Das blitzt und Luft und Ziel im gleichen Jetzt durchbohrt; Hier rollt ein runder Ball in dem bestimmten Gleisse Nach dem erwählten Zweck mit langen Sätzen fort. Dort tanzt ein bunter Ring mit umgeschlungnen Händen 115 In dem zertretnen Gras bei einer Dorf-Schallmei, Und lehrt sie nicht die Kunst, sich nach dem Tacte wenden, So legt die Fröhlichkeit doch ihnen Flügel bei. Das graue Alter dort sitzt hin in langen Reihen, Sich an der Kinder Lust noch einmal zu erfreuen. 120
Denn hier, wo die Natur allein Gesetze giebet, Umschliesst kein harter Zwang der Liebe holdes Reich. Was liebenswürdig ist, wird ohne Scheu geliebet, Verdienst macht alles werth und Liebe macht es gleich. Die Anmuth wird hier auch in Armen schön gefunden, 125 Man wiegt die Gunst hier nicht für schwere Kisten hin, Die Ehrsucht theilet nie, was Werth und Huld verbunden, Die Staatssucht macht sich nicht zur Unglücks-Kupplerin: Die Liebe brennt hier frei und scheut kein Donnerwetter, Man liebet für sich selbst und nicht für seine Väter. 130
So bald ein junger Hirt die sanfte Glut empfunden, Die leicht ein schmachtend Aug in muntern Geistern schürt, So wird des Schäfers Mund von keiner Furcht gebunden, Ein ungeheuchelt Wort bekennet, was ihn rührt; Sie hört ihn und, verdient sein Brand ihr Herz zum Lohne, 135 So sagt sie, was sie fühlt, und thut, wornach sie strebt; Dann zarte Regung dient den Schönen nicht zum Hohne, Die aus der Anmuth fliesst und durch die Tugend lebt. Verzüge falscher Zucht, der wahren Keuschheit Affen, Der Hochmuth hat euch nur zu unsser Qual geschaffen! 140
[Notes: 1: _Tunkins Nest_, the edible birds’-nests of Tonkin, as a type of imported luxury. 2: _Scheinbarer_ = _glänzender_. 3: _Errinnt_ = _geht auf_. 4: _Schwirrend_ = _klirrend_, ‘clanking,’ or possibly with reference to the ‘whizzing’ of iron missiles.]
+LXVI. EWALD VON KLEIST+
A Prussian soldier-poet (1715-1759) who fell at the battle of Kunersdorf. His temperament and the circumstances of his early life disposed him to melancholy; so that he readily came under the spell of Haller, Thomson, and the other poets who extolled nature and the simple life as a refuge from the badness of civilization. His best known production is the fragment called _Spring_ (1749), in which fine passages of personal feeling are interwoven with detailed descriptions that are sometimes a little tedious. The text follows Muncker’s edition in Kürschner’s _Nationalliteratur_, Vol. 45.
+1+
+Das Landleben.+
O Freund,[1] wie selig ist der Mann zu preisen, Dem kein Getümmel, dem kein schwirrend Eisen, Kein Schiff, das Beute, Mast und Bahn verlieret, Den Schlaf entführet!
Der nicht die Ruhe darf in Berge senken, 5 Der fern von Purpur, fern von Wechselbänken, In eignen Schatten, durch den West gekühlet, Sein Leben fühlet.
Er lacht der Schlösser, von Geschütz bewachet, Verhöhnt den Kummer, der an Höfen lachet, 10 Verhöhnt des Geizes in verschlossnen Mauren Törichtes Trauren.
Sobald Aurora, wenn der Himmel grauet, Dem Meer entsteigend, lieblich abwärts schauet, Flieht er sein Lager, ohn’ verzärtelt Schmücken, 15 Mit gleichen Blicken.
Er lobt den Schöpfer, hört ihm Lerchen singen, Die durch die Lüfte sich dem Aug entschwingen, Hört ihm vom Zephyr, lispelnd auf den Höhen, Ein Loblied wehen. 20
Er schaut auf Rosen Tau wie Demant blitzen; Schaut über Wolken von der Berge Spitzen, Wie schön die Ebne, die sich blau verlieret, Flora gezieret.
Bald zeigt sich fliehend auf des Meeres Rücken 25 Ein Schiff von weitem den nachfliehnden Blicken, Das sie erst lange gleichsam an sich bindet Und dann verschwindet.
Bald sieht er abwärts, voller Glanz und Prangen, Noch einen Himmel in den Fluten hangen, 30 Noch eine Sonne Amphitritens Grenzen Grundaus durchglänzen.
Er geht in Wälder, wo an Schilf und Sträuchen Im krummen Ufer Silberbäche schleichen, Wo Blüten duften, wo der Nachtigallen 35 Lustlieder schallen.
Jetzt propft er Bäume, leitet Wassergräben, Schaut Bienen schwärmen, führt an Wänden Reben; Jetzt tränkt er Pflanzen, zieht von Rosenstöcken Schattende Hecken. 40
Eilt dann zur Hütten, (da kein Laster thronet, Die Ruh’ und Wollust unsichtbar bewohnet,) Weil seine Doris, die nur Liebreiz schminket, Ihm freundlich winket.
Kein Knecht der Krankheit mischt für ihn Gerichte; 45 Unschuld und Freude würzt ihm Milch und Früchte. Kein bang Gewissen zeigt ihm Schwert und Strafe Im süssen Schlafe.
Freund, lass uns Golddurst, Stolz und Schlösser hassen, Und Kleinigkeiten Fürsten überlassen! 50 Mein Lange[2] ruft uns, komm zum Sitz der Freuden In seine Weiden!
2
_From ‘Spring’: Lines 31-97_
Ihr, deren zweifelhaft Leben gleich trüben Tagen des Winters Ohn’ Licht und Freude verfliesst, die ihr in Höhlen des Elends Die finstern Stunden verzeufzt, betrachtet die Jugend des Jahres! Dreht jetzt die Augen umher, lasst tausend farbichte Scenen Die schwarzen Bilder verfärben! Es mag die niedrige Ruhmsucht, 35 Die schwache Rachgier, der Geiz und seufzender Blutdurst sich härmen; Ihr seid zur Freude geschaffen, der Schmerz schimpft Tugend und Unschuld. Saugt Lust und Anmut in euch! Schaut her, sie gleitet im Luftkreis Und grünt und rieselt im Thal. Und ihr, ihr Bilder des Frühlings, Ihr blühenden Schönen, flieht jetzt den atemraubenden Aushauch 40 Von güldnen Kerkern der Städte! Kommt, kommt in winkende Felder! Kommt, überlasset dem Zephyr die kleinen Wellen der Locken, Seht euch in Seen und Bächen, gleich jungen Blumen des Ufers! Pflückt Morgentulpen voll Tau, und ziert den wallenden Busen! Hier, wo das hohe Gebirge, bekleidet mit Sträuchen und Tannen, 45 Zur Hälfte den bläulichen Strom, sich drüber neigend, beschattet, Will ich ins Grüne mich setzen auf seinen Gipfel und um mich Thal und Gefilde beschauen. O, welch ein frohes Gewühle Belebt das streifichte Land! Wie lieblich lächelt die Anmut Aus Wald und Büschen hervor! Ein Zaun von blühenden Dornen 50 Umschliesst und rötet ringsum die sich verlierende Weite, Vom niedrigen Himmel gedrückt. Von bunten Mohnblumen laufen, Mit grünem Weizen versetzt, sich schmälernde Beete ins Ferne, Durchkreuzt von blühendem Flachs. Feldrosen-Hecken und Schlehstrauch, In Blüten gleichsam gehüllt, umkränzen die Spiegel der Teiche 55 Und sehn sich drinnen. Zur Seite blitzt aus dem grünlichen Meere Ein Meer voll güldner Strahlen durch Phöbus’ glänzenden Anblick. Es schimmert sein gelbes Gestade von Muscheln und farbichten Steinen, Und Lieb’ und Freude durchtaumelt in kleiner Fische Geschwadern Und in den Riesen des Wassers die unabsehliche Fläche. 60 Auf fernen Wiesen am See stehn majestätische Rosse; Sie werfen den Nacken empor und fliehn und wiehern vor Wollust, Dass Hain und Felsen erschallt. Gefleckte Kühe durchwaten, Geführt vom ernsthaften Stier, des Meierhofs büschichte Sümpfe, Der finstre Linden durchsieht. Ein Gang von Espen und Ulmen 65 Führt zu ihm, welchen ein Bach durchblinkt, in Binsen sich windend, Von Reihern und Schwänen bewohnt. Gebirge, die Brüste der Reben, Stehn fröhlich um ihn herum; sie ragen über den Buchwald, Des Hügels Krone, davon ein Teil im Sonnenschein lächelt Und glänzt, der andere trau’rt im Flor vom Schatten der Wolken. 70 Die Lerche steigt in die Luft, sieht unter sich Klippen und Thäler; Entzückung tönet aus ihr. Der Klang des wirbelnden Liedes Ergetzt den ackernden Landmann. Er horcht eine Weile; dann lehnt er Sich auf den gleitenden Pflug, zieht braune Felsen ins Erdreich. Der Sämann schreitet gemessen, giesst gleichsam trockenen Regen 75 Von Samen hinter ihm her. --O, dass der mühsame Landwirt Für sich den Segen nur streute! Dass ihn die Weinstöcke tränkten Und in den Wiesen für ihn nur bunte Wogen sich wältzten! Allein der frässige Krieg, vom zähnebleckenden Hunger Und wilden Scharen begleitet, verheert oft Arbeit und Hoffnung. 80 Er stürmet rasend einher, zertritt die nährenden Halmen, Reisst Stab und Reben zu Boden, entzündet Dörfer und Wälder Für sich zum flammenden Lustspiel. Wie wenn der Rachen des Ätna Mit ängstlich-wildem Geschrei, dass Meer und Klippen es hören, Die Gegend um sich herum, vom untern Donner zerrüttet, 85 Mit Schrecken und Tod überspeit und einer flammenden Sündflut.
Ihr, denen zwanglose Völker das Steuer der Herrschaft vertrauen, Führt ihr durch Flammen und Blut sie zur Glückseligkeit Hafen? Was wünscht ihr, Väter der Menschen, noch mehrere Kinder? Ist’s wenig, Viel Millionen beglücken? Erfordert’s wenige Mühe? 90 O mehrt derjenigen Heil, die eure Fittiche suchen. Deckt sie gleich brütenden Adlern, verwandelt die Schwerter in Sicheln, Lasst güldne Wogen im Meer, fürs Land, durch Schiffahrt sich türmen, Erhebt die Weisheit im Kittel und trocknet die Zähren der Tugend! Wohin verführt mich der Schmerz? Weicht, weicht, ihr traurigen Bilder! 95 Komm, Muse, lass uns die Wohnung und häusliche Wirtschaft des Landmanns Und Viehsucht und Gärte betrachten!
[Notes: 1: The verses were addressed to Karl Wilhelm Ramier. 2: _Lange_; Samuel Gotthold Lange, a friend of Kleist’s.]
+LXVII. FRIEDRICH VON HAGEDORN+
A pleasing and popular, but not profound, North German poet of the Gottschedian era (1708-1754). He lived in Hamburg, where he held a comfortable position in a commercial house. His writings consist of songs, odes, fables, epigrams, poetic tales, etc., which reflect an easy-going temperament and commend the _carpe diem_ philosophy of Horace. The text of the selections follows Kürschner’s _Nationalliteratur_, Vol. 45.
+1+
+An die Dichtkunst.+
Gespielin meiner Nebenstunden, Bei der ein Teil der Zeit verschwunden, Die mir, nicht andern, zugehört: O Dichtkunst, die das Leben lindert! Wie manchen Gram hast du vermindert, 5 Wie manche Fröhlichkeit vermehrt!
Die Kraft der Helden Trefflichkeiten Mit tapfern Worten auszubreiten, Verdankt Homer und Maro dir. Die Fähigkeit, von hohen Dingen 10 Den Ewigkeiten vorzusingen, Verliehst du ihnen und nicht mir.
Die Lust, vom Wahn mich zu entfernen, Und deinem Flaccus abzulernen, Wie man durch echten Witz gefällt; 15 Die Lust, den Alten nachzustreben, Ist mir im Zorn von dir gegeben, Wenn nicht mein Wunsch das Ziel erhält.
Zu eitel ist das Lob der Freunde: Uns drohen in der Nachwelt Feinde, 20 Die finden unsre Grösse klein. Den itzt an Liedern reichen Zeiten Empfehl’ ich diese Kleinigkeiten: Sie wollen nicht unsterblich sein.
+2+
+Die verliebte Verzweiflung.+
Gewiss, der ist beklagenswerth, Den seine Göttin nicht erhört, Dem alle Seufzer nichts erwerben. Er muss fast immer schlaflos sein Und weinen, girren, winseln, schrein, 5 Sich martern und dann sterben.
“Grausame Laura,” rief Pedrill, “Grausame, die mein Unglück, will, Für dich muss ich noch heut erblassen.” Stracks rennet er in vollem Lauf 10 Bis an des Hauses Dach hinauf Und guckt dort in die Gassen.
Bald, als er Essen sah und roch, Befragt’ er sich: “Wie! leb’ ich noch?” Und zog ein Messer aus der Scheiden. 15 “O Liebe,” sagt er, “deiner Wut Weih’ ich den Mordstahl und mein Blut,”-- Und fing an Brot zu schneiden.
Nach glücklich eingenomm’nem Mahl Erwägt er seine Liebesqual 20 Und will nunmehr durch Gift erbleichen. Er öffnet eine Flasche Wein Und lässt, des Giftes voll zu sein, Sich noch die zweite reichen.
Hernach verflucht er sein Geschick 25 Und holet Schemel, Nagel, Strick, Und schwört, nun soll die That geschehen. Doch ach! was kann betrübter sein? Der Strick ist schwach, der Nagel klein, Der Schemel will nicht stehen. 30
Er wählt noch eine Todesart Und denkt: “Wer sich ersticht, der spart Und darf für Gift und Strick nicht sorgen.” Drauf gähnt er, seufzet, eilt zur Ruh, Kriecht in sein Bett und deckt sich zu 35 Und schläft bis an den Morgen.
+3+
+An die Freude.+
Freude, Göttin edler Herzen, Höre mich! Lass die Lieder, die hier schallen, Dich vergrössern, dir gefallen; Was hier tönet, tönt durch dich. 5
Muntre Schwester süsser Liebe! Himmelskind! Kraft der Seelen! Halbes Leben! Ach! was kann das Glück uns geben, Wenn man dich nicht auch gewinnt? 10
Stumme Hüter toter Schätze Sind nur reich. Dem, der keinen Schatz bewachet, Sinnreich scherzt und singt und lachet, Ist kein karger König gleich. 15
Gieb den Kennern, die dich ehren, Neuen Mut, Neuen Scherz den regen Zungen, Neue Fertigkeit den Jungen, Und den Alten neues Blut. 20
Du erheiterst, holde Freude! Die Vernunft. Flieh auf ewig die Gesichter Aller finstern Splitterrichter Und die ganze Heuchlerzunft. 25
+4+
+Das Hühnchen und der Diamant.+
Ein verhungert Hühnchen fand Einen feinen Diamant Und verscharrt ihn in den Sand.
“Möchte doch, mich zu erfreun,” Sprach es, “dieser schöne Stein Nur ein Weizenkörnchen sein!”
Unglückselger Überfluss, Wo der nötigste Genuss Unsern Schätzen fehlen muss!
+5+
+Johann, der Seifensieder.+
Johann, der muntre Seifensieder, Erlernte viele schöne Lieder, Und sang, mit unbesorgtem Sinn, Vom Morgen bis zum Abend hin. Sein Tagwerk konnt’ ihm Nahrung bringen; 5 Und wann er ass, so musst’ er singen, Und wann er sang, so war’s mit Lust; Aus vollem Hals und freier Brust. Beim Morgenbrot, beim Abendessen, Blieb Ton und Triller unvergessen; 10 Der schallte recht, und seine Kraft Durchdrang die halbe Nachbarschaft. Man horcht, man fragt: Wer singt schon wieder? Wer ist’s? Der muntre Seifensieder. Im Lesen war er anfangs schwach; 15 Er las nichts als den Almanach, Doch lernt’ er auch nach Jahren beten, Die Ordnung nicht zu übertreten, Und schlief, dem Nachbar gleich zu sein, Oft singend, öftrer lesend, ein. 20 Er schien fast glücklicher zu preisen Als die berufnen sieben Weisen, Als manches Haupt gelehrter Welt, Das sich schon für den achten hält.
Es wohnte diesem in der Nähe 25 Ein Sprössling eigennütz’ ger Ehe, Der, stolz und steif und bürgerlich, Im Schmausen keinem Fürsten wich: Ein Garkoch richtender Verwandten, Der Schwäger, Vettern, Nichten, Tanten, 30 Der stets zu halben Nächten frass, Und seiner Wechsel oft vergass.
Kaum hatte mit den Morgenstunden Sein erster Schlaf sich eingefunden, So liess ihm den Genuss der Ruh 35 Der nahe Sänger nimmer zu. “Zum Henker! lärmst du dort schon wieder, Vermaledeiter Seifensieder? Ach wäre doch, zu meinem Heil, Der Schlaf hier, wie die Austern feil!” 40
Den Sänger, den er früh vernommen, Lässt er an einem Morgen kommen Und spricht: “Mein lustiger Johann! Wie geht es Euch? Wie fangt Ihrs an? Es rühmt ein jeder Eure Ware: 45 Sagt, wie viel bringt sie Euch im Jahre?”
“Im Jahre, Herr? Mir fällt nicht bei, Wie gross im Jahr mein Vorteil sei. So rechn’ ich nicht; ein Tag bescheret, Was der, so auf ihn kömmt, verzehret, 50 Dies folgt im Jahr (ich weiss die Zahl) Dreihundertfünfundsechzigmal.”
“Ganz recht; doch könnt Ihr mir’s nicht sagen, Was pflegt ein Tag wohl einzutragen?”
“Mein Herr, Ihr forschet allzusehr: 55 Der eine wenig, mancher mehr, So wie’s dann fällt! Mich zwingt zur Klage Nichts als die vielen Feiertage; Und wer sie alle rot gefärbt, Der hatte wohl, wie Ihr, geerbt, 60 Dem war die Arbeit sehr zuwider; Das war gewiss kein Seifensieder.”
Dies schien den Reichen zu erfreun. “Hans,” spricht er, “du sollst glücklich sein. Jetzt bist du nur ein schlechter Prahler. 65 Da hast du bare funfzig Thaler; Nur unterlasse den Gesang! Das Geld hat einen bessern Klang.”
Er dankt und schleicht mit scheuchem Blicke, Mit mehr als diebscher Furcht zurücke. 70 Er herzt den Beutel, den er hält, Und zählt und wägt und schwenkt das Geld, Das Geld, den Ursprung seiner Freude, Und seiner Augen neue Weide.
Es wird mit stummer Lust beschaut 75 Und einem Kasten anvertraut, Den Band’ und starke Schlösser hüten, Beim Einbruch Dieben Trotz zu bieten, Den auch der karge Thor bei Nacht Aus banger Vorsicht selbst bewacht. 80 Sobald sich nur der Haushund reget, Sobald der Kater sich beweget, Durchsucht er alles, bis er glaubt, Dass ihn kein frecher Dieb beraubt, Bis, oft gestossen, oft geschmissen, 85 Sich endlich beide packen müssen: Sein Mops, der keine Kunst vergass Und wedelnd bei dem Kessel sass; Sein Hinz, der Liebling junger Katzen, So glatt von Fell, so weich von Tatzen, 90 Er lernt zuletzt, je mehr er spart, Wie oft sich Sorg’ und Reichtum paart, Und manches Zärtlings dunkle Freuden Ihn ewig von der Freiheit scheiden, Die nur in reine Seelen strahlt, 95 Und deren Glück kein Gold bezahlt.
Dem Nachbar, den er stets gewecket, Bis der das Geld ihm zugestecket, Dem stellt er bald, aus Lust zur Ruh, Den vollen Beutel wieder zu 100 Und spricht: “Herr, lehrt mich bessre Sachen Als, statt des Singens, Geld bewachen. Nehmt immer Euren Beutel hin. Und lasst mir meinen frohen Sinn. Fahrt fort, mich heimlich zu beneiden; 105 Ich tausche nicht mit Euren Freuden. Der Himmel hat mich recht geliebt, Der mir die Stimme wiedergiebt. Was ich gewesen, werd’ ich wieder: Johann, der muntre Seifensieder.” 110
+LXVIII. CHRISTIAN FÜRCHTEGOTT GELLERT+
An eminent fabulist and moralist of Saxon stock (1715-1769). Like Gottsched, he spent the best years of his life in the service of the University of Leipzig. His _Fables and Tales_ (1746-1748) were reprinted in numberless editions, made their publisher rich, and remained for several decades the popular ideal of pleasant and edifying literature. Gellert was also a pioneer (the _Swedisch Countess_, 1747) in the field of moral family fiction after the manner of Richardson. The Selections follow Kürschner’s _Nationalliteratur_, Vol. 43.
+1+
+Die Nachtigall und die Lerche.+
Die Nachtigall sang einst mit vieler Kunst, Ihr Lied erwarb der ganzen Gegend Gunst; Die Blätter in den Gipfeln schwiegen Und fühlten ein geheim Vergnügen. Der Vögel Chor vergass der Ruh 5 Und hörte Philomelen zu. Aurora selbst verzog am Horizonte, Weil sie die Sängerin nicht g’nug bewundern konnte; Denn auch die Götter rührt der Schall Der angenehmen Nachtigall, 10 Und ihr, der Göttin, ihr zu Ehren, Liess Philomele sich noch zweimal schöner hören. Sie schweigt darauf. Die Lerche naht sich ihr Und spricht: “Du singst viel reizender als wir, Dir wird mit Recht der Vorzug zugesprochen; 15 Doch eins gefällt uns nicht an dir, Du singst das ganze Jahr nicht mehr als wenig Wochen.” Doch Philomele lacht und spricht: “Dein bittrer Vorwurf kränkt mich nicht Und wird mir ewig Ehre bringen. 20 Ich singe kurze Zeit. Warum? Um schön zu singen. Ich folg’ im Singen der Natur; So lange sie gebeut, so lange sing’ ich nur. Sobald sie nicht gebeut, so hör’ ich auf zu singen; Denn die Natur lässt sich nicht zwingen.” 25
O Dichter, denkt an Philomelen, Singt nicht, so lang ihr singen wollt. Natur und Geist, die euch beseelen, Sind euch nur wenig Jahre hold. Soll euer Witz die Welt entzücken, 30 So singt, so lang ihr feurig seid, Und öffnet euch mit Meisterstücken Den Eingang in die Ewigkeit. Singt geistreich der Natur zu Ehren; Und scheint euch die nicht mehr geneigt, 35 So eilt, um rühmlich aufzuhören, Eh’ ihr zu spät mit Schande schweigt. Wer, sprecht ihr, will den Dichter zwingen? Er bindet sich an keine Zeit. So fahrt denn fort, noch alt zu singen, 40 Und singt euch um die Ewigkeit.
+2+
+Das Land der Hinkenden.+
Vor Zeiten gab’s ein kleines Land, Worin man keinen Menschen fand, Der nicht gestottert, wenn er red’te, Nicht, wenn er ging, gehinket hätte; Denn beides hielt man für galant. 5 Ein fremder sah den Übelstand; Hier, dacht’ er, wird man dich im Gehn bewundern müssen, Und ging einher mit steifen Füssen. Er ging, ein jeder sah ihn an, Und alle lachten, die ihn sahn, 10 Und jeder blieb vor Lachen stehen Und schrie: “Lehrt doch den Fremden gehen!” Der Fremde hielt’s für seine Pflicht, Den Vorwurf von sich abzulehnen. “Ihr,” rief er, “hinkt; ich aber nicht: 15 Den Gang müsst ihr euch abgewöhnen!” Der Lärmen wird noch mehr vermehrt, Da man den Fremden sprechen hört. Er stammelt nicht; genug zur Schande! Man spottet sein im ganzen Lande. 20
Gewohnheit macht den Fehler schön, Den wir von Jugend auf gesehn. Vergebens wird’s ein Kluger wagen Und, dass wir töricht sind, uns sagen. Wir selber halten ihn dafür, 25 Bloss, weil er klüger ist als wir.
+3+
+Das Gespenst.+
Ein Hauswirt, wie man mir erzählt, Ward lange Zeit durch ein Gespenst gequält. Er liess, des Geists sich zu erwehren, Sich heimlich das Verbannen lehren; Doch kraftlos blieb der Zauberspruch. 5 Der Geist entsetzte sich vor keinen Charakteren Und gab, in einem weissen Tuch, Ihm alle Nächte den Besuch. Ein Dichter zog in dieses Haus. Der Wirt, der bei der Nacht nicht gern allein gewesen, 10 Bat sich des Dichters Zuspruch aus Und liess sich seine Verse lesen. Der Dichter las ein frostig Trauerspiel, Das, wo nicht seinem Wirt, doch ihm sehr wohl gefiel. Der Geist, den nur der Wirt, doch nicht der Dichter sah, 15 Erschien und hörte zu; es fing ihn an zu schauern. Er konnt es länger nicht als einen Auftritt dauern, Denn, eh’ der andre kam, so war er nicht mehr da. Der Wirt, von Hoffnung eingenommen, Liess gleich die andre Nacht den Dichter wiederkommen. 20 Der Dichter las, der Geist erschien, Doch ohne lange zu verziehn. “Gut,” sprach der Wirt bei sich, “dich will ich bald verjagen, Kannst du die Verse nicht vertragen.” Die dritte Nacht blieb unser Wirt allein. 25 Sobald es zwölfe schlug, liess das Gespenst sich blicken; “Johann!” fing drauf der Wirt gewaltig an zu schrein, “Der Dichter (lauft geschwind!) soll von der Güte sein Und mir sein Trauerspiel auf eine Stunde schicken.” Der Geist erschrak und winkte mit der Hand, 30 Der Diener sollte ja nicht gehen; Und kurz, der weisse Geist verschwand Und liess sich niemals wieder sehen.
Ein jeder, der dies Wunder liest, Zieh’ sich daraus die gute Lehre, 35 Dass kein Gedicht so elend ist, Das nicht zu etwas nützlich wäre. Und wenn sich ein Gespenst vor schlechten Versen scheut, So kann uns dies zum grossen Tröste dienen, Gesetzt, dass sie zu unsrer Zeit 40 Auch legionenweis erschienen: So wird, um sich von allen zu befrein, An Versen doch kein Mangel sein.
+4+
+Der unsterbliche Autor.+
Ein Autor schrieb sehr viele Bände Und ward das Wunder, seiner Zeit; Der Journalisten gütge Hände Verehrten ihm die Ewigkeit Er sah, vor seinem sanften Ende, 5 Fast alle Werke seiner Hände Das sechste Mal schon aufgelegt Und sich mit tiefgelehrtem Blicke
In einer spanischen Perücke Vor jedes Titelblatt geprägt. 10 Er blieb vor Widersprechern sicher Und schrieb bis an den Tag, da ihn der Tod entseelt; Und das Verzeichnis seiner Bücher, Die kleinen Schriften mitgezählt, Nahm an dem Lebenslauf allein 15 Drei Bogen und drei Seiten ein.
Man las nach dieses Mannes Tode Die Schriften mit Bedachtsamkeit; Und seht, das Wunder seiner Zeit Kam in zehn Jahren aus der Mode, 20 Und seine göttliche Methode Hiess eine bange Trockenheit. Der Mann war bloss berühmt gewesen, Weil Stümper ihn gelobt, eh’ Kenner ihn gelesen.
Berühmt zu werden ist nicht schwer, 25 Man darf nur viel für kleine Geister schreiben; Doch bei der Nachwelt gross zu bleiben, Dazu gehört noch etwas mehr Als, seicht an Geist, in strenger Lehrart schreiben.
+LXIX. JOHANN WILHELM LUDWIG GLEIM+
A North German poet (1719-1803) who is best known for his _Songs of a Prussian Grenadier_, commemorating the victories of Frederick the Great in the Seven Years’ War. His earlier work is mostly in the light anacreontic vein, which was somewhat overworked in the decade preceding the war. The fashion was really set by Gleim, though the spirit of it is found in Hagedorn. The selections follow Kürschner’s _Nationalliteratur_, Vol. 45.
+1+
+An Leukon.+
Rosen pflücke, Rosen blühn, Morgen ist nicht heut! Keine Stunde lass entfliehn, Flüchtig ist die Zeit!
Trinke, küsse! Sieh, es ist Heut Gelegenheit! Weisst du, wo du morgen bist? Flüchtig ist die Zeit.
Aufschub einer guten Tat Hat schon oft gereut! Hurtig leben ist mein Rat, Flüchtig ist die Zeit!
+2+
+Trinklied.+
Brüder, trinkt: es trinkt die Sonne, Und sie hat schon tausend Ströme Ohne Bruder ausgetrunken! Brüder trinkt: es trinkt die Erde; Seht, sie durstet, seht, wie durstig Trinkt sie diese Regentropfen! Seht, dort um den Vater Bacchus Stehn die Reben frisch am Berge; Denn es hat das Nass der Wolken Ihren heissen Durst gelöschet. Brüder, seht, das Nass der Reben Wartet in den vollen Gläsern: Wollt ihr euren Durst nicht löschen?
+3+
+Vorzüge in der Klugheit.+
Herr Euler misst der Welten Grösse; O welch ein Tor ist das! Ich bin doch klüger, denn ich messe Die Eimer Wein auf meinem Fass.
Wolff zählt die Kräfte seiner Seele; 5 O welch ein Tor ist das! Ich bin doch klüger, denn ich zähle Die Tropfen Wein im Deckelglas.
Herr Meier macht nur immer Schlüsse; Wie töricht ist auch das! 10 Ich klügerer, ich trink’ und küsse, Ich küss’ und trink’ ohn’ Unterlass.
Herr Haller sucht Gras, Kraut und Bäume Auf mancher rauhen Bahn; Ich klügerer, ich suche Reime, 15 So wie er sonsten auch gethan.
Herr Bodmer führt gelehrte Kriege; O warum führt er sie? Denn durch noch tausend seiner Siege Bezwingt er doch die Dummheit nie. 20
Es mögen ihn die Enkel preisen Und sagen: So ein Mann Ist doch jetzund nicht aufzuweisen; Was gehen mir die Enkel an?
+4+
+Bei Eröffnung des Feldzuges 1756.+
Krieg ist mein Lied! Weil alle Welt Krieg will, so sei es Krieg! Berlin sei Sparta! Preussens Held Gekrönt mit Ruhm und Sieg!
Gern will ich seine Taten tun, 5 Die Leier in der Hand, Wenn meine blut’gen Waffen ruhn Und hangen an der Wand.
Auch stimm’ich hohen Schlachtgesang Mit seinen Helden an 10 Bei Pauken- und Trompetenklang, Im Lärm von Ross und Mann;
Und streit’, ein tapfrer Grenadier, Von Friedrichs Mut erfüllt. Was acht’ ich es, wenn über mir 15 Kanonendonner brüllt?
Ein Held fall’ ich; noch sterbend droht Mein Säbel in der Hand. Unsterblich macht der Helden Tod, Der Tod fürs Vaterland! 20
Auch kömmt man aus der Welt davon Geschwinder wie der Blitz; Und wer ihn stirbt, bekommt zum Lohn Im Himmel hohen Sitz!
Wenn aber ich als solch ein Held 25 Dir, Mars, nicht sterben soll, Nicht glänzen soll im Sternenzelt: So leb’ ich dem Apoll.
So werd’ aus Friedrichs Grenadier, Dem Schutz, der Ruhm des Staats; 30 So lern’ er deutscher Sprache Zier Und werde sein Horaz!
Dann singe Gott und Friederich, Nichts Kleiners, stolzes Lied! Dem Adler gleich erhebe dich, 35 Der in die Sonne sieht!
+5+
+Siegeslied nach der Schlacht bei Prag, den 6. Mai, 1757.+
Viktoria! mit uns ist Gott, Der stolze Feind liegt da! Er liegt, gerecht ist unser Gott, Er liegt, Viktoria!
Zwar unser Vater ist nicht mehr, 5 Jedoch er starb ein Held Und sieht nun unser Siegesheer Vom hohen Sternenzelt.
Er ging voran, der edle Greis, Voll Gott und Vaterland. 10 Sein alter Kopf war kaum so weiss Als tapfer seine Hand.
Mit jugendlicher Heldenkraft Ergriff er eine Fahn’, Hielt sie empor an ihrem Schaft 15 Dass wir sie alle sahn;
Und sagte: “Kinder, Berg hinan, Auf Schanzen und Geschütz!” Wir folgten alle, Mann vor Mann, Geschwinder wie der Blitz. 20
Ach! aber unser Vater fiel, Die Fahne sank auf ihn, Ha! welch glorreiches Lebensziel, Glückseliger Schwerin!
Dein Friederich hat dich beweint, 25 Indem er uns gebot; Wir aber stürzten in den Feind, Zu rächen deinen Tod.
Du, Heinrich, warest ein Soldat, Du fochtest königlich! 30 Wir sahen alle, Tat vor Tat, Du junger Löw’, auf dich!
Der Pommer und der Märker stritt Mit rechtem Christenmut. Rot ward sein Schwert, auf jeden Schritt 35 Floss dick Pandurenblut.
Aus sieben Schanzen jagten wir Die Mützen von dem Bär. Da, Friedrich, ging dein Grenadier Auf Leichen hoch einher; 40
Dacht’, in dem mörderischen Kampf Gott, Vaterland und dich, Sah, tief in schwarzem Rauch und Dampf, Dich seinen Friederich;
Und zitterte, ward feuerrot 45 Im kriegrischen Gesicht (Er zitterte vor deinem Tod Vor seinem aber nicht);
Verachtete die Kugelsaat, Der Stücke Donnerton, 50 Stritt wütender, tat Heldentat, Bis deine Feinde flohn.
Nun dankt er Gott für seine Macht, Und singt: Viktoria! Und alles Blut aus dieser Schlacht 55 Fliesst nach Theresia.
Und weigert sie auf diesen Tag, Den Frieden vorzuziehn, So stürme, Friedrich, erst ihr Prag, Und dann führ uns nach Wien! 60
+LXX. FRIEDRICH GOTTLIEB KLOPSTOCK+
1724-1803. By his profound seriousness and the fervor of his utterance, Klopstock turned German poetry into new channels. Impatient of rime, which he regarded as an ignoble modern jingle, and averse to the shallow _Verstandespoesie_ of the reigning Saxon school, he conceived of poetry as the intense expression of sublimated feeling. His most famous work is the _Messiah_, a long religious epic in hexameters. In his _Odes_, composed in the rimeless meters of the Greek and Roman lyrists, he made large use of mythologic names and conceptions which he erroneously supposed to be old German. We hear of ancient bards inhabiting the German forests, singing ‘lawless songs’ of intense emotion, and deriving their inspiration from ethnic tradition and from the elemental feelings of love and friendship. In his so-called _Bardiete_ he used the dramatic form for this same idealization of the ancient Germans. Although now little read, Klopstock exerted a great influence in dignifying the poet’s calling and strengthening the national self-respect and self-reliance of literary Germany.
1
_From the ‘Messiah’: First Song, lines 1-137._
Sing, unsterbliche Seele, der sündigen Menschen Erlösung, Die der Messias auf Erden in seiner Menschheit vollendet, Und durch die er Adams Geschlecht zu der Liebe der Gottheit, Leidend, getötet, und verherrlichet, wieder erhöht hat. Also geschah des Ewigen Wille. Vergebens erhub sich 5 Satan gegen den göttlichen Sohn; umsonst stand Juda Gegen ihn auf; er tat’s und vollbrachte die grosse Versöhnung. Aber, o Tat, die allein der Allbarmherzige kennet, Darf aus dunkler Ferne sich auch dir nahn die Dichtkunst? Weihe sie, Geist Schöpfer, vor dem ich hier still anbete, 10 Führe sie mir, als deine Nachahmerin, voller Entzückung, Voll unsterblicher Kraft, in verklärter Schönheit entgegen. Rüste mit deinem Feuer sie, du, der die Tiefen der Gottheit Schaut, und den Menschen aus Staube gemacht zum Tempel sich heiligt! Rein sei das Herz! So darf ich, obwohl mit der bebenden Stimme 15 Eines Sterblichen, doch den Gottversöhner besingen, Und die furchtbare Bahn, mit verziehnem Straucheln, durchlaufen.
Menschen, wenn ihr die Hoheit kennt, die ihr damals empfinget, Da der Schöpfer der Welt Versöhner wurde, so höret Meinen Gesang, und ihr vor allen, ihr wenigen Edlen, 20 Teure, herzliche Freunde des liebenswürdigen Mittlers, Ihr mit dem kommenden Weltgerichte vertrauliche Seelen, Hört mich, und singt den ewigen Sohn durch ein göttliches Leben. Nah an der heiligen Stadt, die sich jetzt durch Blindheit entweihte,[1] Und die Krone der hohen Erwählung unwissend hinwegwarf, 25 Sonst die Stadt der Herrlichkeit Gottes, der heiligen Väter Pflegerin, jetzt ein Altar des Bluts vergossen von Mördern; Hier war’s, wo der Messias von einem Volke sich losriss, Das zwar jetzt ihn verehrte, doch nicht mit jener Empfindung, Die untadelhaft bleibt vor dem schauenden Auge der Gottheit. 30 Jesus verbarg sich diesen Entweihten. Zwar lagen hier Palmen Vom begleitenden Volk; zwar klang dort ihr lautes Hosanna; Aber umsonst. Sie kannten ihn nicht, den König sie nennten, Und den Gesegneten Gottes zu sehn, war ihr Auge zu dunkel. Gott kam selbst von dem Himmel herab. Die gewaltige Stimme: 35 Sieh, ich hab’ ihn verklärt, und will ihn von neuem verklären! War die Verkündigerin der gegenwärtigen Gottheit. Aber sie waren, Gott zu verstehn, zu niedrige Sünder. Unterdes nahte sich Jesus dem Vater, der wegen des Volkes, Dem die Stimme geschah, mit Zorn zu dem Himmel hinaufstieg. 40 Denn noch einmal wollte der Sohn des Bundes Entschliessung, Seine Menschen zu retten, dem Vater feierlich kund tun. Gegen die östliche Seite Jerusalems liegt ein Gebirge, Welches auf seinem Gipfel schon oft den göttlichen Mittler, Wie in das Heilige Gottes, verbarg, wenn er einsame Nächte 45 Unter des Vaters Anschaun ernst in Gebeten durchwachte. Jesus ging nach diesem Gebirg. Der fromme Johannes, Er nur folgt’ ihm dahin bis an die Gräber der Seher, Wie sein göttlicher Freund, die Nacht in Gebete zu bleiben. Und der Mittler erhub sich von dort zu dem Gipfel des Berges. 50 Da umgab von dem hohen Moria ihn Schimmer der Opfer, Die den ewigen Vater noch jetzt in Bilde versöhnten. Ringsum nahmen ihn Palmen in’s Kühle. Gelindere Lüfte, Gleich dem Säuseln[2] der Gegenwart Gottes, umflossen sein Antlitz Und der Seraph, der Jesus zum Dienst auf der Erde gesandt war, 55 Gabriel, nennen die Himmlischen ihn, stand feirend am Eingang Zwoer umdufteter Cedern, und dachte dem Heile der Menschen, Und dem Triumphe der Ewigkeit nach, als jetzt der Erlöser Seinem Vater entgegen vor ihm in Stillem vorbeiging. Gabriel wusste, dass nun die Zeit der Erlösung herankam. 60 Diese Betrachtung entzückt’ ihn, er sprach mit leiserer Stimme: Willst du die Nacht, o Göttlicher, hier in Gebete durchwachen? Oder verlangt dein ermüdeter Leib nach seiner Erquickung? Soll ich zu deinem unsterblichen Haupt ein Lager bereiten? Siehe, schon streckt der Sprössling der Ceder den grünenden Arm aus, 65 Und die weiche Staude des Balsams. Am Grabe der Seher Wächst dort unten ruhiges Moos in der kühlenden Erde. Soll ich davon, o Göttlicher, dir ein Lager bereiten? Ach, wie bist du, Erlöser, ermüdet! Wie viel erträgst du Hier auf der Erd’, aus inniger Liebe zu Adams Geschlechte! 70 Gabriel sagt’s. Der Mittler belohnt ihn mit segnenden Blicken, Steht voll Ernst auf der Höhe des Bergs am näheren Himmel. Dort war Gott. Dort betet’ er. Unter ihm tönte die Erde, Und ein wandelndes[3] Jauchzen durchdrang die Pforten des Abgrunds,[4] Als sie von ihm tief unten die mächtige Stimme vernahmen. 75 Denn sie war es nicht mehr des Fluches Stimme, die Stimme Angekündet in Sturm, und in donnerndem Wetter gesprochen, Welche die Erde vernahm. Sie hörte des Segnenden Rede, Der mit unsterblicher Schöne sie einst zu verneuen beschlossen. Ringsum lagen die Hügel in lieblicher Abenddämmerung, 80 Gleich als blühten sie wieder, nach Edens Bilde geschaffen. Jesus redete. Er, und der Vater durchschauten den Inhalt Gränzlos: diess nur vermag des Menschen Stimme zu sagen: Göttlicher Vater, die Tage des Heils, und des ewigen Bundes Nahen sich mir, die Tage zu grösseren Werken erkoren, 85 Als die Schöpfung, die du mit deinem Sohne vollbrachtest. Sie verklären sich mir so schön und herrlich, als damals, Da wir der Zeiten Reih’ durchschauten, die Tage der Zukunft, Durch mein göttliches Schaun, bezeichnet, und glänzender sahen. Dir nur ist es bekannt, mit was vor Einmut wir damals, 90 Du, mein Vater, und ich und der Geist die Erlösung beschlossen. In der Stille der Ewigkeit, einsam und ohne Geschöpfe, Waren wir bei einander. Voll unsrer göttlichen Liebe, Sahen wir auf die Menschen, die noch nicht waren, herunter. Edens selige Kinder, ach unsre Geschöpfe, wie elend 95 Waren sie, sonst unsterblich, nun Staub und entstellt von der Sünde! Vater, ich sah ihr Elend, du meine Tränen. Da sprachst du: Lasset der Gottheit Bild in dem Menschen von neuem uns schaffen! Also beschlossen wir unser Geheimnis, das Blut der Versöhnung, Und die Schöpfung der Menschen verneut zu dem ewigen Bilde! 100 Hier erkor ich mich selbst, die göttliche Tat zu vollenden. Ewiger Vater, das weisst du, das wissen die Himmel, wie innig Mich seit diesem Entschluss nach meiner Erniedrung verlangte! Erde, wie oft warst du, in deiner niedrigen Ferne, Mein erwähltes, geliebteres Augenmerk! Und o Kanan, 105 Heiliges Land, wie oft hing unverwendet mein Auge An dem Hügel, den ich von des Bundes Blute schon voll sah! Und wie bebt mir mein Herz von süssen, wallenden Freuden, Dass ich so lange schon Mensch bin, dass schon so viele Gerechte Sich mir sammeln, und nun bald alle Geschlechte der Menschen 110 Mir sich heiligen werden! Hier lieg’ ich, göttlicher Vater, Noch nach deinem Bilde geschmückt mit den Zügen der Menschheit, Betend vor dir: bald aber, ach bald wird dein tötend Gericht mich Blutig entstellen, und unter den Staub der Toten begraben. Schon, o Richter der Welt, schon hör’ ich fern dich, und einsam 115 Kommen und unerbittlich in deinen Himmeln dahergehn. Schon durchdringt mich ein Schauer dem ganzen Geistergeschlechte Unempfindbar, und wenn du sie auch mit dem Zorne der Gottheit Tötetest, unempfindbar! Ich seh’ den nächtlichen Garten Schon vor mir liegen, sinke vor dir in niedrigen Staub hin, 120 Lieg’, und bet’, und winde mich, Vater, in Todesschweisse. Siehe, da bin ich, mein Vater. Ich will des Allmächtigen Zürnen, Deine Gerichte will ich mit tiefem Gehorsam ertragen. Du bist ewig! Kein endlicher Geist hat das Zürnen der Gottheit, Keiner je, den Unendlichen tötend mit ewigem Tode, 125 Ganz gedacht, und keiner empfunden. Gott nur vermochte Gott zu versöhnen. Erhebe dich, Richter der Welt! Hier bin ich! Töte mich, nimm mein ewiges Opfer zu deiner Versöhnung. Noch bin ich frei, noch kann ich dich bitten; so tut sich der Himmel Mit Myriaden von Seraphim auf, und führet mich jauchzend, 130 Vater, zurück in Triumph zu deinem erhabenen Trone! Aber ich will leiden, was keine Seraphim fassen, Was kein denkender Cherub in tiefen Betrachtungen einsieht; Ich will leiden, den furchtbarsten Tod ich Ewiger leiden. Weiter sagt’ er, und sprach: Ich hebe gen Himmel mein Haupt auf, 135 Meine Hand in die Wolken, und schwöre bei dir und mir selber, Der ich Gott bin, wie du: Ich will die Menschen erlösen.
[Notes: 1: Lines 24 ff. Klopstock here follows John xii, making Jesus ‘hide himself’ from the palm-strewing people before entering the city gate. 2: _Säuseln_; the ‘still small voice’ of I Kings xix, 12. 3: _Wandelndes_ = _fortwandelndes_, ‘continuing.’ 4: _Abgrunds_; the ‘pit’ of hell, where the imprisoned fathers are waiting to be released.]
+2+
+Wingolf[5]: The eighth song.+
Komm, goldne Zeit, die selten zu Sterblichen Heruntersteiget, lass dich erflehn, und komm Zu uns, wo dir es schon im Haine Weht, und herab von dem Quell schon tönet!
Gedankenvoller, tief in Entzückungen Verloren, schwebt bei dir die Natur. Sie hat’s Getan! hat Seelen, die sich fühlen, Fliegen den Geniusflug, gebildet.
Natur, dich hört’ ich im Unermesslichen Herwandeln, wie, mit Sphärengesangeston, Argo, von Dichtern nur vernommen, Strahlend im Meere der Lüfte wandelt.
Aus allen goldnen Zeiten begleiten dich, Natur, die Dichter! Dichter des Altertums! Der späten Nachwelt Dichter! Segnend Sehn sie ihr heilig Geschlecht hervorgehn.
[Notes: 5: The entire ode, dating from 1747 and consisting of eight ‘songs’ in Alcaic meter, was at first entitled _An des Dichters Freunde_. Wingolf, as it was finally called, is the Norse Gimle, the abode of the blest after Ragnarok. The seven preceding songs extol the various friends who, united in a new Bardenhain, are to usher in a new Golden Age.]
+3+
+An Fanny.+[6]
Wenn einst ich tot bin, wenn mein Gebein zu Staub Ist eingesunken, wenn du, mein Auge, nun Lang über meines Lebens Schicksal, Brechend im Tode nun ausgeweint hast,
Und stillanbetend da, wo die Zukunft ist, 5 Nicht mehr hinaufblickst, wenn mein ersungner Ruhm, Die Frucht von meiner Jünglingsträne,[7] Und von der Liebe zu dir, Messias,
Nun auch verweht ist, oder von wenigen In jene Welt hinüber gerettet ward; 10 Wenn du alsdann auch, meine Fanny, Lange schon tot bist, und deines Auges
Stillheitres Lächeln, und sein beseelter Blick Auch ist verloschen, wenn du, vom Volke nicht Bemerket, deines ganzen Lebens 15 Edlere Taten nunmehr getan hast,
Des Nachruhms werter als ein unsterblich Lied, Ach, wenn du dann auch einen beglückteren[8] Als mich geliebt hast, lass den Stolz mir, Einen beglückteren, doch nicht edleren! 20
Dann wird ein Tag sein, den werd’ ich auferstehn! Dann wird ein Tag sein, den wirst du auferstehn! Dann trennt kein Schicksal mehr die Seelen, Die du einander, Natur, bestimmtest.
Dann wägt, die Wagschal’ in der gehobnen Hand, 25 Gott Glück und Tugend gegen einander gleich; Was in der Dinge Lauf jetzt missklingt, Tönet in ewigen Harmonien!
Wenn dann du dastehst jugendlich auferweckt, Dann eil’ ich zu dir! säume nicht, bis mich erst 30 Ein Seraph bei der Rechten fasse, Und mich, Unsterbliche, zu dir führe.
Dann soll dein Bruder, innig von mir umarmt, Zu dir auch eilen! dann will ich tränenvoll, Voll froher Tränen jenes Lebens 35 Neben dir stehn, dich mit Namen nennen,
Und dich umarmen! Dann, o Unsterblichkeit, Gehörst du ganz uns! Kommt, die das Lied nicht singt, Kommt unaussprechlich süsse Freuden! So unaussprechlich, als jetzt mein Schmerz ist. 40
Rinn, unterdes, o Leben! Sie kommt gewiss, Die Stunde, die uns nach der Zypresse ruft. Ihr andern, seid der schwermutsvollen Liebe geweiht, und umwölkt und dunkel!
[Notes: 6: The ode dates from 1748. Fanny Schmidt was a young woman whose indifference to Klopstock’s devotion threw him back on the hope of a union in heaven. 7: _Jünglingsträne_; tears of high poetic aspiration. 8: _Beglückteren_, ‘more blest’ with this world’s goods.]
+4+
+Hermann und Thusnelda.+
Ha, dort kömmt er mit Schweiss, mit Römerblute,[9] Mit dem Staube der Schlacht bedeckt! So schön war Hermann niemals! So hat’s ihm Nie von dem Auge geflammt!
Komm, ich bebe vor Lust! reich mir den Adler 5 Und das triefende Schwert! Komm, atm’, und ruh’ hier Aus in meiner Umarmung, Von der zu schrecklichen Schlacht!
Ruh’ hier, dass ich den Schweiss der Stirn abtrockne, Und der Wange das Blut! Wie glüht die Wange! 10 Hermann! Hermann! So hat dich Niemals Thusnelda geliebt!
Selbst nicht, da du zuerst im Eichenschatten Mit dem bräunlichen Arm mich wilder fasstest! Fliehend blieb ich, und sah dir 15 Schon die Unsterblichkeit an,
Die nun dein ist! Erzählt’s in allen Hainen, Dass Augustus nun bang mit seinen Göttern Nektar trinket! Dass Hermann, Hermann unsterblicher ist! 20
“Warum lockst du mein Haar? Liegt nicht der stumme Tote Vater vor uns? O hätt’ Augustus Seine Heere geführt, er Läge noch blutiger da.”
Lass dein sinkendes Haar mich, Hermann, heben, 25 Dass es über dem Kranz in Locken drohe! Siegmar ist bei den Göttern! Folg’ du, und wein’ ihm nicht nach!
[Notes: 9: Thusnelda greets her husband on his return from the victory over the Roman legions under Quinctilius Varus in the Teutoburg Wood.]
+LXXI. CHRISTOPH MARTIN WIELAND+
1733-1813. Wieland’s great service is to have set forth the cultural problems and tendencies of the Age of Reason in an attractive literary form. His most important imaginative works are prose tales and narrative poems having a Greek, a medieval, or an Oriental setting, but dealing in reality with living issues of his own day. His _Agathon_ (1766-1794) marks the beginning of the German _Bildungsroman_. He had much in common with the Gallic genius and was widely read in French translations--the first German to attain that distinction. During the last quarter of the 18th century he was the most popular and influential of German writers.
1
_From ‘Musarion,’ lines 1385-1446; The happy estate of the converted Phanias._[1]
Der schönste Tag folgt dieser schönen Nacht. 1385 Mit jedem folgenden find’t jedes sich beglückter, Indem es sich im andern glücklich macht. Durch überstandne Not geschickter Zum weiseren Gebrauch, zum reizendern Genuss Des Glücks, das, sich mit ihm so unverhofft versöhnte, 1390 Gleich fern von Dürftigkeit und stolzem Überfluss; Glückselig, weil er’s war, nicht weil die Welt es wähnte, Bringt Phanias in neidenswerter Ruh Ein unbeneidet Leben zu, In Freuden, die der unverfälschte Stempel 1395 Der Unschuld und Natur zu echten Freuden prägt. Der bürgerliche Sturm, der stets Athen bewegt, Trifft seine Hütte nicht--den Tempel Der Grazien, seitdem Musarion sie ziert. Bescheidne Gunst, durch ihren Witz geleitet, 1400 Gibt der Natur, so weit sein Landgut sich verbreitet, Den stillen Reiz, der ohne Schimmer rührt. Ein Garten, den mit Zephyrn und mit Floren Pomona sich zum Aufenthalt erkoren; Ein Hain, worin sich Amor gern verliert, 1405 Wo ernstes Denken oft mit leichtem Scherz sich gattet; Ein kleiner Bach, von Ulmen überschattet, An dem der Mittagsschlaf uns ungesucht beschleicht;-- Im Garten eine Sommerlaube, Wo, zu der Freundin Kuss, der Saft der Purpurtraube, 1410 Den Thasos schickt, ihm wahrer Nektar deucht; Ein Nachbar, der Horazens Nachbarn gleicht, Gesundes Blut, ein unbewölkt Gehirne, Ein ruhig Herz und eine heitre Stirne-- Wie vieles macht ihn reich!--denkt noch Musarion 1415 Hinzu, und sagt, was kann zum frohen Leben Der Götter Gunst ihm mehr und Bessers geben? Die Weisheit nur, den ganzen Wert davon Zu fühlen, immer ihn zu fühlen, Und, seines Glückes froh, kein andres zu erzielen; 1420 Auch diese gab sie ihm. Sein Mentor war Kein Cyniker mit ungekämmtem Haar, Kein runzlichter Cleanth,[2] der, wenn die Flasche blinkt, Wie Zeno spricht und wie Silenus trinkt; Die Liebe war’s--wer lehrt so gut wie sie? 1425 Auch lernt’ er gern, und schnell, und sonder Müh, Die reizende Philosophie, Die, was Natur und Schicksal uns gewährt, Vergnügt geniesst, und gern den Rest entbehrt; Die Dinge dieser Welt gern von der schönen Seite 1430 Betrachtet; dem Geschick sich unterwürfig macht; Nicht wissen will, was alles das bedeute, Was Zeus aus Huld in rätselhafte Nacht Vor uns verbarg, und auf die guten Leute Der Unterwelt, so sehr sie Toren sind, 1435 Nie böse wird, nur lächerlich sie find’t Und sich dazu--sie drum nicht minder liebet; Den irrenden bedaurt, und nur den Gleisner flieht; Nicht stets von Tugend spricht, noch, von ihr sprechend, glüht, Doch ohne Sold und aus Geschmack sie übet; 1440 Und, glücklich oder nicht, die Welt Für kein Elysium, für keine Hölle hält, Nie so verderbt, als sie der Sittenrichter Von seinem Tron--im sechsten Stockwerk--sieht, So lustig nie als jugendliche Dichter 1445 Sie malen, wenn ihr Hirn von Wein und Phyllis glüht.
[Notes: 1: Phanias is at first a crabbed misanthrope. The lovely Musarion takes him in hand and teaches him her art of love as a philosophy of the Graces. 2: The Stoic Cleanthes is one of the characters of the poem.]
2
_From ‘Agathon,’ Book 16,