Chapter 3 of 6 · 4231 words · ~21 min read

Chapter 4

: The hero’s childhood; brutal soldiers plunder his foster-father’s house and outrage the inmates._

Wiewol ich nicht bin gesinnet gewesen, den friedliebenden Leser, mit diesen Reutern, in meines Knäns[1] Hauss und Hof zuführen, weil es schlim genug darin hergehen wird: So erfodert jedoch die Folge meiner Histori, dass ich der lieben posterität hinterlasse, was vor Grausamkeiten in diesem unserm Teutschen Krieg hin und wieder verübet worden, zumalen mit meinem eigenen Exempel zubezeugen, dass alle solche Übel von der Güte dess Allerhöchsten, zu unserm Nutz, offt notwendig haben verhängt werden müssen: Dan lieber Leser, wer hätte mir gesagt, dass ein Gott im Himmel wäre, wan keine Krieger meines Knäns Hauss zernichtet, und mich durch solche Fahung unter die Leute gezwungen hätten, von denen ich gnugsamen Bericht empfangen? Kurtz zuvor konte ich nichts anders wissen noch mir einbilden, als dass mein Knän, Meuder, ich und das übrige Haussgesind, allein auff Erden sey, weil mir sonst kein Mensch, noch einzige andre menschliche Wohnung bekant war, als diejenige, darin ich täglich auss und einging: Aber bald hernach erfuhr ich die Herkunfft der Menschen in diese Welt, und dass sie wieder darauss müsten; ich war nur mit der Gestalt ein Mensch, und mit dem Namen ein Christen-Kind, im übrigen aber nur eine Bestia! Aber der Allerhöchste sahe meine Unschuld mit barmhertzigen Augen an, und wolte mich beydes zu seiner und meiner Erkantnus bringen: Und wiewol er tausenderley Wege hierzu hatte, wolte er sich doch ohn zweiffel nur dessjenigen bedienen, in welchem mein Knän und Meuder, andern zum Exempel, wegen ihrer liederlichen Aufferziehung gestrafft würden.

Das Erste, das diese Reuter thäten, war, dass sie ihre Pferde einställeten, hernach hatte jeglicher seine sonderbare Arbeit zuverrichten, deren jede lauter Untergang und Verderben anzeigte, dan obzwar etliche anfingen zumetzgen, zusieden und zubraten, dass es sahe, als solte ein lustig Panquet gehalten werden, so waren hingegen andere, die durchstürmten das Hauss unten und oben, ja das heimliche Gemach war nicht sicher, gleichsam ob wäre das golden Fell von Colchis darin verborgen; Andere machten von Tuch, Kleidungen und allerley Haussrath, grosse Päck zusammen, als ob sie irgends einen Krempelmarkt[2] anrichten wolten, was sie aber nicht mitzunehmen gedachten, ward zerschlagen, etliche durchstachen Heu und Stroh mit ihren Degen, als ob sie nicht Schafe und Schweine genug zustechen gehabt hätten, etliche schütteten die Federn auss den Betten, und fülleten hingegen Speck, andere dürr Fleisch und sonst Geräth hinein, als ob alsdan besser darauff zuschlaffen wäre; Andere schlugen Ofen und Fenster ein, gleichsam als hätten sie einen ewigen Sommer zuverkündigen, Kupffer und Zingeschirr schlugen sie zusammen, und packten die gebogene und verderbte Stücken ein, Bettladen, Tische, Stüle und Bäncke verbranten sie, da doch viel Claffter dürr Holtz im Hof lag, Häfen und Schüsseln muste endlich alles entzwey, entweder weil sie lieber Gebraten assen, oder weil sie bedacht waren, nur eine einzige Mahlzeit allda zuhalten, unsre Magd ward im Stall dermassen tractirt, dass sie nicht mehr darauss gehen konte, welches zwar eine Schande ist zumelden! den Knecht legten sie gebunden auff die Erde, steckten ihm ein Sperrholtz ins Maul, und schütteten ihm einen Melckkübel voll garstig Mistlachen-wasser in Leib, das nanten sie einen Schwedischen Trunck, wodurch sie ihn zwungen, eine Parthey anderwerts zuführen, allda sie Menschen und Viehe hinweg namen, und in unsern Hof brachten, unter welchen mein Knän, meine Meuder, und unsre Ursele auch waren.

Da fing man erst an, die Steine[3] von den Pistolen, und hingegen anstat deren der Bauren Daumen auffzuschrauben, und die armen Schelmen so zufoltern, als wan man hätte Hexen brennen wollen, massen[4] sie auch einen von den gefangenen Bauren bereits in Backofen steckten, und mit Feuer hinter ihm her waren, unangesehen er noch nichts bekant hatte, einem andern machten sie ein Sail um den Kopff, und raitelten[5] es mit einem Bengel zusammen, dass ihm das Blut zu Mund, Nas und Ohren herauss sprang. In Summa, es hatte jeder sein eigne invention, die Bauren zupeinigen, und also auch jeder Bauer seine sonderbare Marter: Allein mein Knän war meinem damaligen Bedüncken nach der glückligste, weil er mit lachendem Munde bekante, was andere mit Schmertzen und jämmerlicher Weheklage sagen musten, und solche Ehre wiederfuhr ihm ohn Zweiffel darum, weil er der Haussvater war, dan sie satzten ihn zu einem Feur, banden ihn, dass er weder Hände noch Füsse regen konte, und rieben seine Fusssolen mit angefeuchtem Saltz, welches ihm unsre alte Geiss wieder ablecken, und dadurch also kützeln muste, dass er vor Lachen hätte zerbersten mögen; das kam so artlich, dass ich Gesellschafft halber, oder weil ichs nicht besser verstund, von Hertzen mit lachen muste: In solchem Gelächter bekante er seine Schuldigkeit, und öffnete den verborgenen Schatz, welcher von Gold, Perlen und Cleinodien viel reicher war, als man hinter den Bauren hätte suchen mögen. Von den gefangenen Weibern, Mägden und Töchtern weiss ich sonderlich nichts zusagen, weil mich die Krieger nicht zusehen liessen, wie sie mit ihnen umgingen: Das weiss ich noch wol, dass man theils hin und wieder in den Winckeln erbärmlich schreyen hörte, schätze wol, es sey meiner Meuder und unserm Ursele nit besser gangen, als den andern. Mitten in diesem Elend wante ich Braten, und halff Nachmittag die Pferde träncken, durch welches Mittel ich zu unsrer Magd in Stall kam, welche wunderwercklich zerstrobelt[6] ausssahe, ich kante sie nicht, sie aber sprach zu mir mit kräncklicher Stimme: O Bub lauff weg, sonst werden dich die Reuter mit nemen, guck dass du davon kommst, du siehst wol, wie es so ubel: mehrers konte sie nicht sagen.

[Notes: 1: _Knäns_ = _Vaters_; Spessart dialect, like _Meuder = Mutter_ below. 2: _Krempelmarkt_ = _Trödelmarkt_. 3: _Steine_, i.e. _Feuersteine_, ‘gun-flints.’ They were held in by a screw. 4: _Massen_ = _wie denn_. 5: _Raitelten_, ‘twisted.’ 6: _Zerstrobelt_ = _zerschlagen_.]

+LX. BENJAMIN NEUKIRCH+

A trenchant satirist and the father of German literary criticism (1665-1729). He was by birth a Silesian and in his early years an admirer of Hofmannswaldau and Lohenstein. Later he turned against them and against the whole tribe of insincere occasional rimesters, who were bringing the poetic art into contempt. His lyric poems are of small account, but his satires are vigorous and illuminative. The text follows Fulda’s edition in Kürschner’s _Nationalliteratur_, Vol. 39.

+Auf unverständige Poeten.+

Lass doch, Lysander, ab, mit Reimen dich zu plagen Und einer Bettelkunst halb rasend nachzujagen, Die zwar die Phantasei durch süsse Träume rührt, Dich aber auf den Weg der Hungerwiesen führt Und endlich, wo du dich lässt ihre Grillen treiben, 5 Mit Meistersängern wird in eine Rolle schreiben. Die eben ist das Gift, das wie die Missethat Gleich mit der Muttermilch mir ins Geblüte trat. Wie glücklich wär’ ich doch, wenn mich zu rechter Stunden Ein kluger Arzt davon durch Kräutersaft entbunden 10 Und alles, was ich nur von Versen angeblickt, Durch hebend Antimon hätt’ in die Luft geschickt; So dürft’ ich nicht wie jetzt in Kummerwinckeln sitzen, Und bei geborgter Lust von langen Sorgen schwitzen, So hätt’ ich auch vielleicht den Wuchergriff erlernt, 15 Wie man durch Ränke sich von der Vernunft entfernt, Den Trieb der Redlichkeit mit Silberzäumen lenket, Den Geist der Gottesfurcht in klugen Schlaf versenket, Ein reiches Lasterweib zu seinem Willen beugt, Durch höflichen Betrug auf Ehrenbänke steigt 20 Und endlich, wenn die Kraft der Jugend uns verlassen, Bei voller Tafel kann von fremdem Gute prassen. So hab’ ich manchen Tag und manche Nacht verreimt Und oft ein grosses Lied von Zwergen hergeträumt, Verliebten ihre Lust in Zucker zugemessen, 25 Betrüger reich gemacht, mich aber gar vergessen; Und ob mich endlich gleich mit der verjährten Zeit Ein kurzer Sonnenblick bei Hofe noch erfreut Und Preussens Salomo,[1] den ich mit Recht gepriesen, Mir zu der Ehrenburg den Vorhof angewiesen, 30 Ward doch durch seinen Tod, der alles umgekehrt, Mein Glück und auch zugleich mein ganzer Ruhm verzehrt Nun lacht die Wucherschar bei ihren Judengriffen, Dass ich der Tugend Lob auf Hoffnung hergepfiffen, Die Zungendrescherei den Musen nachgesetzt, 35 Und wahre Weisheit mehr als Geld und Gut geschätzt, Und dass ich, da der Hof zum Laufen mich gezwungen, Nicht noch zu rechter Zeit in Schulenstaub gesprungen, Die matte Dürftigkeit in Mäntel eingehüllt, Mit leerer Wissenschaft die Jugend angefüllt, 40 Die Kinder gegen Lohn den Toten[2] vorgetrieben Und wöchentlich ein Lied für Thaler hingeschrieben.

Hiebei verbleibt es nicht. Die schwärmende Vernunft Der von der Hungersucht bethörten Dichterzunft, Die sich durch falsche Kunst auf den Parnass geschlichen, 45 Von der gesetzten Bahn der Alten abgewichen, Mit frecher Hurtigkeit gefüllte Bogen schmiert Und alle Messen fast ein totes Werk gebiert, Wird so verwegen schon, dass sie Gesetze stellet, Der Griechen Zärtlichkeit das Todesurteil fället, 50 Des Maro klugen Witz in Kinderklassen weist, Horazens Dichterbuch verrauchte Grillen heisst, Und alles, was sich nur nach alter Kraft beweget, Auf lüsterndem[3] Papier mit Tinte niederschläget. Da nun das Wespenheer von Tag zu Tage wächst, 55 Und jeder Knabe schon nach Narrenwasser lechzt, Was Wunder ist es denn, wenn Ruhm und Ehre stirbet, Die Kunst zu Grabe geht, die Tugend gar verdirbet? ... So viel als Reimer sind, so viel und mancherlei Wirkt in der Poesie nun auch die Phantasei. 60 Ein halb mit Pickelscherz[4] vermengtes Operettchen, Ein stinkender Roman vom rasenden Chrysettchen, Ein geiles Myrtenlied und ein nach dem Adon Des üppigen Marin[5] erbauter Venusthron, Der der Geliebten Schoss bis auf den Grund entdecket 65 Und Büsch’ und Brunnen draus und Vogelnester hecket, Ein lügenvolles Lob, das uns ins Angesicht Den lastervollen Ruf der Toten widerspricht, Ein rohes Trauerspiel, in dem die Regeln fehlen, Und so viel Schnitzer fast als Silben sind zu zählen, 70 Ein Brief,[6] den Adam schon der Eva zugesandt, Da beide dazumal doch keine Schrift gekannt, Ein kreissendes Sonett, das mit dem Tode ringet Und der Gedanken Rad so wie die Reime zwinget, Und ein nach Pöbelart gepriesner Buhlerblick 75 Ist oft bei dieser Zeit das grösste Meisterstück. So lang ich meinen Vers nach gleicher Art gewogen, Dem Bilde der Natur die Schminke vorgezogen, Der Reime dürren Leib mit Purpur ausgeschmückt Und abgeborgte Kraft den Wörtern angeflickt, 80 So war ich auch ein Mann von hohen Dichtergaben; Allein sobald ich nur der Spure nachgegraben, Auf der man zur Vernunft beschämt zurücke kreucht Und endlich nach und nach nur den Parnass erreicht, So ist es aus mit mir, so kommt von seinem Suschen 85 Ein mit Ebräerwitz gespicktes Philomuschen,[7] Klaubt ihm ein Jugendwort in meinen Schriften aus Und untergräbt damit mein ganzes Ehrenhaus.

Was soll ich Ärmster thun? Soll ich noch einmal rasen Und durch mein Haberrohr zum Federsturme blasen? 90 Nein, nein, Lysander, nein! Ich will zurücke stehn Und der erlauchten Schar nur aus den Augen gehn, Sonst wirft der Schwindelgeist der klugen Weisianer[8] Mich endlich auf die Bank der reimenden Quintaner Und jagt mich, ob ich gleich halb notenmässig bin, 95 Ins re, mi, fa, sol, la der Hübneristen[9] hin, Die sich doch ohnedem an Odermusen[10] reiben, Sudetenzungen[10] nur zu Mamelucken schreiben Und alles, was durch Kunst der Pleisse[11] nicht geschehn, Für Eigenliebe kaum mit halben Augen sehn. 100 Zwar weich’ ich darum nicht, als ob ich, wenn es brennte,[12] Nicht auch ein Jammerlied im Tanze drechseln könnte, Und ob der Trippeltakt der leichten Reimerei In Dedekindens[13] Schoss allein zu Hause sei. Mir ist ja wohl bekannt, wie man den Schädel seifen 105 Und solche Spötter kann mit Lauge wiedertäufen, Wie mancher ohne Bart in Phöbus’ Auen springt, Und wie ein kollernd Pferd sich auf den Pindus schwingt; Allein ich hab’ einmal die Thorheit aufgegeben. Es reime, wer da will; ich will in Friede leben. 110

[Notes: 1: Friedrich I, who died in 1713. 2: _Den Toten_, i.e. _den alten (Schriftstellern)_ 3: _Lüsterndem_, ‘wanton,’ ‘lubricious.’ 4: _Pickelscherz (Pickelhäringscherz)_, ‘clownish jokes.’ 5: The Italian poet Marino, known for his sensuality and affectation, was in high favor with the later Silesians. 6: _Brief_, in allusion to the sensual _Heldenbriefe_ of Hofmannswaldau. 7: _Philomuschen_, ‘poetaster’ (lover of the Muses). 8: _Weisianer_, partisans of the dull and trivial schoolmaster-poet, Christian Weise. 9: _Hübneristen_, mechanical rimesters; Hübner was the author of a dictionary of rimes. 10: _Odermusen_; ‘muses of the Oder’ and ‘tongues of the Sudeti’ are both names for the later Silesian poets. 11: _Kunst der Pleisse_, Leipzig’s art. 12: _Wenn es brennte_ = _wenn es drauf ankäme_. 13: _Dedekindens_; C. C. Dedekind was a facile but vacuous rimester.]

+LXI. JOHANN CHRISTIAN GÜNTHER+

A gifted lyric poet whose life was short and full of trouble (1695-1723). In an age of poetic artificiality and pretense his verse is generally simple, sincere, and passionate. His work is mainly a record of suffering, the note of joy being relatively infrequent. He is a forerunner of those modern poets of whom one may say with Goethe’s Tasso: _Mir gab ein Gott zu sagen, wie ich leide._ The text follows Fulda’s edition in Kürschner’s _Nationalliteratur_, Vol. 38.

+1+

+Studentenlied.+

Brüder, lasst uns lustig sein, Weil der Frühling währet Und der Jugend Sonnenschein Unser Laub verkläret; Grab und Bahre warten nicht; 5 Wer die Rosen jetzo bricht, Dem ist der Kranz bescheret.

Unsers Lebens schnelle Flucht Leidet keinen Zügel, Und des Schicksals Eifersucht 10 Macht ihr stetig Flügel; Zeit und Jahre fliehn davon, Und vielleichte schnitzt man schon An unsers Grabes Riegel.

Wo sind diese, sagt es mir, 15 Die vor wenig Jahren Eben also, gleich wie wir, Jung und fröhlich waren? Ihre Leiber deckt der Sand, Sie sind in ein ander Land 20 Aus dieser Welt gefahren.

Wer nach unsern Vätern forscht, Mag den Kirchhof fragen; Ihr Gebein, so längst vermorscht, Wird ihm Antwort sagen. 25 Kann uns doch der Himmel bald, Eh die Morgenglocke schallt, In unsre Gräber tragen.

Unterdessen seid vergnügt, Lasst den Himmel walten, 30 Trinkt, bis euch das Bier besiegt, Nach Manier der Alten. Fort! Mir wässert schon das Maul, Und, ihr andern, seid nicht faul, Die Mode zu erhalten. 35

Dieses Gläschen bring’ ich dir, Dass die Liebste lebe Und der Nachwelt bald von dir Einen Abriss gebe! Setzt ihr andern gleichfalls an, 40 Und wenn dieses ist gethan, So lebt der edle Rebe.

+2+

+An Leonoren.+

Als er sich mit ihr wieder zu versöhnen suchte.

Kluge Schönheit, nimm die Busse Eines armen Sünders an, Welcher dir mit einem Kusse Gestern Abends weh gethan, Und auf deinen Rosenwangen 5 Einen schönen Raub begangen.

Ich gesteh’ es, mein Verbrechen Ist der schärfsten Strafe wert, Und du magst ein Urteil sprechen, Wie dein Wille nur begehrt; 10 Dennoch würd’ ich zu den Füssen Deiner Gnade danken müssen.

Aber weil ihr Himmelskinder Eurem Vater ähnlich seid, Welcher auch die gröbsten Sünder 15 Seines Eifers oft befreit, Ach, so werden meine Zähren Deinen Zorn in Liebe kehren.

Gönne mir nur dieses Glücke, Bald mit dir versöhnt zu sein, 20 Bis nach manchem kalten Blicke Deiner Augen Sonnenschein Mir und meiner Hoffnung lache Und mich endlich kühner mache.

+3+

+Die verworfene Liebe.+

Ich habe genug! Lust, Flammen und Küsse Sind giftig und süsse Und machen nicht klug; Komm, selige Freiheit, und dämpfe den Brand, 5 Der meinem Gemüte die Weisheit entwandt.

Was hab’ ich gethan! Jetzt seh’ ich die Triebe Der thörichten Liebe Vernünftiger an; 10 Ich breche die Fessel, ich löse mein Herz Und hasse mit Vorsatz den zärtlichen Schmerz.

Was quält mich vor Reu’? Was stört mir vor Kummer Den nächtlichen Schlummer? 15 Die Zeit ist vorbei. O köstliches Kleinod, o teurer Verlust! O hätt’ ich die Falschheit nur eher gewusst!

Geh, Schönheit, und fleuch! Die artigsten Blicke 20 Sind schmerzliche Stricke. Ich merke den Streich, Es lodern die Briefe, der Ring bricht entzwei Und zeigt meiner Schönen: Nun leb’ ich recht frei.

Nun leb’ ich recht frei 25 Und schwöre von Herzen, Dass Küssen und Scherzen Ein Narrenspiel sei; Denn wer sich verliebet, der ist wohl nicht klug; Geh, falsche Sirene, ich habe genug! 30

+4+

+An Leonoren.+

Als er sie einer beständigen Liebe versicherte.

Treuer Sinn, Wirf den falschen Kummer hin. Lass den Zweifel der Gedanken Nicht mit meiner Liebe zanken, Da ich längst dein Opfer bin. 5

Glück und Zeit Hasset die Beständigkeit; Doch das Feuer, so ich fühle, Hat die Ewigkeit zum Ziele Und verblendet selbst den Neid. 10

Meine Glut Leidet keinen Wankelmut; Eher soll die Sonn’ erfrieren, Als die Falschheit mich verführen, Eher löscht mein eigen Blut. 15

Grab und Stein Adeln selbst mein Redlichsein. Bricht mir gleich der Tod das Herze, So behält die Liebeskerze In der Asche doch den Schein. 20

+5+

+An Leonoren.+

Gedenk an mich und meine Liebe, Du mit Gewalt entrissnes Kind, Und glaube, dass die reinen Triebe Dir jetzt und allzeit dienstbar sind, Und dass ich ewig auf der Erde 5 Sonst nichts als dich verehren werde.

Gedenk an mich in allem Leiden Und tröste dich mit meiner Treu! Die Luft mag jetzt empfindlich schneiden, Die Wetter gehn doch all vorbei, 10 Und nach dem ungeheuren Knallen Wird auch ein fruchtbar Regen fallen.

Gedenk an mich in deinem Glücke, Und wenn es dir nach Wunsche geht, So setze nie den Freund zurücke, 15 Der bloss um dich in Sorgen steht! Auch mir kann bei dem besten Leben Nichts mehr als du Entzückung geben.

Gedenk an mich in deinem Sterben; Der Himmel halte dies noch auf; 20 Doch sollen wir uns nicht erwerben, Und zürnt der Sterne böser Lauf, So soll mir auch das Sterbekissen Die Hinfahrt durch dein Bild versüssen.

Gedenk an mich und meine Thränen, 25 Die dir so oft das Herz gerührt Und die dich durch mein kräftig Sehnen Zum ersten auf die Bahn geführt, Wo Kuss und Liebe treuer Herzen Des Lebens Ungemach verschmerzen. 30

Gedenk auch, endlich an die Stunde, Die mir das Herz vor Wehmut brach, Als ich, wie du, mit schwachem Munde Die letzten Abschiedsworte sprach; Gedenk an mich und meine Plagen! 35 Mehr will und kann ich jetzt nicht sagen.

+6+

+An seine Leonore.+

Bist du denn noch Leonore, Der so manch verliebter Schwur (Sinne nach, bei welchem Thore!) Unter Kuss und Schmerz entfuhr, Ach, so nimm die stummen Lieder 5 Eben noch mit dieser Hand, Die mir ehmals Herz und Glieder Mit der stärksten Reizung band.

Durch dein sehnliches Entbehren Werd’ ich vor den Jahren grau, 10 Und der Zufluss meiner Zähren Mehrt schon lange Reif und Tau; Meine Schwachheit, mein Verbleichen Und die Brust, so stündlich lechzt, Wird des Kummers Siegeszeichen, 15 Der aus unsrer Trennung wächst.

Lust und Mut und Geist zum Dichten, Feuer, Jugend, Ruhm und Fleiss Suchen mit Gewalt zu flüchten Und verlieren ihren Preis, 20 Weil der Zunder deiner Küsse Meinen Trieb nicht mehr erweckt Und die Führung harter Schlüsse Ein betrübtes Ziel gesteckt.

Alle Bilder meiner Sinnen 25 Sind mir Ekel und Verdruss, Da sie nichts als Gram gewinnen, Weil ich dich noch suchen muss. Nichts ergetzt mich mehr auf Erden Als das Weinen in der Nacht, 30 Wenn es unter viel Beschwerden Dein Gedächtnis munter macht.

Jedes Blatt von deinen Händen Ist ein Blatt voll Klag’ und Weh, Und ich kann es niemals wenden, 35 Dass kein Stich ans Herze geh’; Die Versichrung leerer Zeilen Giebt den Leibern wenig Kraft, Welche Luft und Ort zerteilen. O bedrängte Leidenschaft! 40

+7+

+Die seufzende Geduld.+

Morgen wird es besser werden, Also seufzt mein schwacher Geist, Den die Menge der Beschwerden Über allen Abgrund reisst.

Aber ach, wenn bricht der Morgen 5 Und das Licht der Hoffnung an, Da ich die so langen Sorgen Nach und nach vergessen kann?

Sklaven auf den Ruderbänken Wechseln doch mit Müh’ und Ruh’, 10 Dies mein unaufhörlich Kränken Lässt mir keinen Schlummer zu.

Niemand klagt mein schweres Leiden, Dies vergrössert Last und Pein. Himmel, lass mich doch verscheiden, 15 Oder gieb mir Sonnenschein!

Will ich mich doch gerne fassen, Wenn mich nur der Trost erquickt, Dass dein ewiges Verlassen Mich nicht in die Grube schickt. 20

+LXII. BARTHOLD HEINRICH BROCKES+

A writer of rather mediocre gifts who is of some historical importance as the pioneer in a new poetry of nature (1680-1747). He was the first to blend reverent emotion with very minute observation and description. His thesis--as oft reiterated in his many-volumed _Earthly Pleasure in God_--is that we _ought_ to love nature because it is the wonderful and perfect work of an infinitely wise and good Creator. The selections follow Kürschner’s _Nationalliteratur_, Vol. 39.

+1+

+Anmutige Frühlingsvorwürfe.+

Ich höre die Vögel, ich sehe die Wälder, Ich fühle das Spielen der kühlenden Luft, Ich rieche der Blüte balsamischen Duft, Ich schmecke die Früchte. Die fruchtbaren Felder, Die glänzenden Wiesen, das funkelnde Nass 5 Der tauichten Tropfen, das wallende Gras Voll lieblicher Blumen, das sanfte Gezische Der mancherlei lieblich beblätterten Büsche, Das murmelnde Rauschen der rieselnden Flut, Der zitternde Schimmer der silbernen Fläche 10 Durch grünende Felder sich schlängender Bäche, Der flammenden Sonne belebende Glut, Die alles verherrlichet, wärmet und schmücket, Dies alles ergetzet, erquicket, entzücket Ein Auge, das Gott in Geschöpfen ersieht, 15 Ein Ohr, das den Schöpfer verstehet und höret, Ein Herze, das Gott in den Wundern verehret, Kein viehisch, nur einzig ein menschlich Gemüt.

+2+

+Die Nachtigall und derselben Wettstreit gegen einander.+

Im Frühling rührte mir das Innerste der Seelen Der Büsche Königin, die holde Nachtigall, Die aus so enger Brust und mit so kleiner Kehlen Die grössten Wälder füllt durch ihren Wunderschall. Derselben Fertigkeit, die Kunst, der Fleiss, die Stärke, 5 Verändrung, Stimm’ und Ton sind lauter Wunderwerke Der wirkenden Natur, die solchen starken Klang In ein paar Federchen, die kaum zu sehen, senket Und einen das Gehör bezaubernden Gesang In solche dünne Haut und zarten Schnabel schränket. 10 Ihr Hälschen ist am Ton so unerschöpflich reich, Dass sie tief, hoch, gelind und stark auf einmal singet. Die kleine Gurgel lockt und zischt und pfeift zugleich, Dass sie wie Quellen rauscht, wie tausend Glocken klinget. Sie zwitschert, stimmt und schlägt mit solcher Anmut an, 15 Mit solchem nach der Kunst gekräuselten Geschwirre, Dass man darob erstaunt und nicht begreifen kann, Ob sie nicht seufzend lach’, ob sie nicht lachend girre. Ihr Stimmchen ziehet sich in einer hohlen Länge Von unten in die Höh’, fällt, steigt aufs neu empor, 20 Und schwebt nach Mass und Zeit; bald drängt sich eine Menge Verschiedner Tön’ aus ihr als wie ein Strom hervor. Sie dreht und dehnt den Ton, zerreisst und fügt ihn wieder, Singt sanft, singt ungestüm, bald klar, bald grob, bald hell. Kein Pfeil verfliegt so rasch, kein Blitz verstreicht so schnell, 25 Die Winde können nicht so streng im Stürmen wehen, Als ihre schmeichelnde verwunderliche Lieder Mit wirbelndem Geräusch sich ändern, sich verdrehen. Ein flötend Glucken quillt aus ihrer hohlen Brust, Ein murmelnd Pfeifen labt der stillen Hörer Herzen; 30 Doch dies verdoppelt noch und mehrt die frohe Lust, Wenn etwan ihrer zwo zugleich zusammen scherzen. Die singt, wenn jene ruft; wann diese lockt, singt jene Mit solch anmutigem bezaubernden Getöne, Dass diese wiederum aus Missgunst, als ergrimmt, 35 In einen andern Ton die schlanke Zunge stimmt. Die andre horcht indes und lauscht voll Unvergnügen, Ja fängt zu ihres Feinds und Gegensängers Hohn, Um durch noch künstlichern Gesang ihn zu besiegen, Von neuem wieder an in solchem scharfen Ton, 40 Mit solchem feurigen, empfindlich hellen Klang, Mit solch gewaltigem oft wiederholtem Schlagen, Dass so durchdringenden und heftigen Gesang Das menschliche Gehör kaum mächtig zu ertragen. Wer nun so süssen Ton im frohen Frühling hört 45 Und nicht des Schöpfers Macht voll Brunst und Andacht ehrt, Der Luft Beschaffenheit, das Wunder unsrer Ohren Bewundernd nicht bedenkt, ist nur umsonst geboren Und folglich nicht der Luft, nicht seiner Ohren wert.

+3+

+Frühlingsbetrachtungen.+

Mich erquicken, Mich entzücken In der holden Frühlingszeit Alle Dinge, die ich sehe, Da ja, wo ich geh’ und stehe, 5 Alles voller Lieblichkeit.

Durch der grünen Erde Pracht, Durch die Blumen, durch die Blüte Wird durchs Auge mein Gemüte Recht bezaubernd angelacht. 10

Die gelinden lauen Lüfte Voller balsamreicher Düfte Treibt des holden Zephyrs Spiel Zum Geruch und zum Gefühl.

Auf den glatten Wellen wallen 15 Wie auf glänzenden Krystallen Im beständig regen Licht Tausend Strahlen, tausend Blitze, Und ergetzen das Gesicht, Sonderlich wenn selbe zwischen 20 Noch nicht dick bewachs’nen Büschen Und durch junge Weiden glimmen. Kleine Lichter, welche schwimmen Auf dem Laub und auf der Flut Bald in weiss-, bald blauer Glut, 25 Treffen mit gefärbtem Scherz Durch die Augen unser Herz.

Seht die leichten Vögel fliegen, Höret, wie sie sich vergnügen, Seht, wie die beblümten Hecken 30 Ihr geflochtnes Nest verstecken! Schlüpfet dort nach seinem Neste Ein verliebt und emsigs Paar, Hüfpet hier durch Laub und Äste Eine bunt gefärbte Schar. 35 Seht, wie sie die Köpfchen drehn Und des Frühlings Pracht besehn, Hört, wie gurgeln sie so schön! Höret, wie sie musicieren!

Lass dich doch ihr Beispiel rühren, 40 Liebster Mensch, lass dem zu Ehren, Der die Welt so schön geschmückt Und durch sie dich fast entzückt, Auch ein frohes Danklied hören!

+LXIII. JOHANN CHRISTOPH GOTTSCHED+

A Leipzig scholar (1700-1766) who, as professor in the university, author of text-books, editor of journals, and reformer of the local stage, won a great though transitory prestige. He was a stedfast champion of clarity, regularity, and good taste, laid great stress on probability and reasonableness, and held that a strict observance of the three unities was essential in tragedy. His advocacy of French forms and taste led to a sharp controversy with the Swiss school of Bodmer, who looked rather to English models. Gottsched’s _Cato_ met with great success on the stage, but now seems cold and mechanical. His critical views can best be studied in the _Critische Dichtkunst_, from which a selection is given according to the second edition, of 1737.

_From the ‘Critical Poetics,’ Part II,