Part 1
AUSSENSEITER DER GESELLSCHAFT – DIE VERBRECHEN DER GEGENWART –
AUSSENSEITER DER GESELLSCHAFT – DIE VERBRECHEN DER GEGENWART –
HERAUSGEGEBEN VON RUDOLF LEONHARD
BAND 10
VERLAG DIE SCHMIEDE BERLIN
SCHUSS IN’S GESCHÄFT (DER FALL OTTO EISSLER)
VON FRANZ THEODOR CSOKOR
VERLAG DIE SCHMIEDE BERLIN
EINBANDENTWURF GEORG SALTER BERLIN
Copyright 1924 by Verlag Die Schmiede Berlin
I. DIE SIEGER NACH DER SCHLACHT.
Das _Wien_ der Nachkriegszeit ist verwandelt wie nie in seiner tausendjährigen Geschichte. Die Stadt, die neben der Welt gelebt hat, – selbst ihre Rothschilds waren noch Träumer, – die Stadt der Sonderlinge, Eigenbrödler, Sammler, die Stadt der verraunzten Genies, der unausgenutzten Talente, die Stadt der Kammermusik und der Barockpaläste, in der vor alldem wundervollen Toten kein Lebender atmen kann, die ewige „Kaiserstadt“, weil sie, eine Seltenheit unter den alten großen Städten Deutschlands, nie zur selbstherrlichen Verwaltung, nie zur freien Reichsstadt gelangt war, – sie wird nun jäh überschwemmt von Abenteurern, Glücksrittern, Condottieris des Geldes. Mühelose Schlachten, gefördert durch die österreichische Lässigkeit der Verwaltung, sichern Riesengewinnste, jähe Rückschläge zerstäuben sie wieder. Namen tauchen aus Dunkelheit in goldenes Licht, Namen stürzen aus Glanz in die Nacht. Es geht zu wie im Grunde überall nach dem Kriege; nur das Tempo wird viel phantastischer genommen, die Kämpfe sind erregender und wilder. Da ist einer, der kommt von einer Winkelbank, ein anderer rettet sich aus einem Schiffbruch, ein dritter ersteht bei der Demobilisierung Milliardenwerte mit Verträgen, die später vergeblich angefochten werden, ein vierter, einst ein kleiner Händler, ist im Kriege schon fett geworden an elendem Material, das er der Heeresverwaltung für ihr wehrloses Schlachtvieh aufzuschwatzen verstand, ein fünfter stellt ein Riesenwerk der Kriegszeit auf „Friedensbetrieb“ um; der Steckbrief kommt zu spät, – sie alle verschmähen dabei auch nicht das winzigste Geschäft: Dem Tüchtigsten im Raffen freie Bahn! Indessen rückt die Währung reißend zurück, geschwächt und verlassen von denen, die sie zu stützen berufen gewesen wären. Im gleichen Maße schwillt die Börse an, hetzen die Papiere zu Fieberkursen empor. Plünderungen durchklirren die Stadt; Pogromdrohungen gellen wider die von Bankinstituten überwucherten Nobelstraßen. Aber bei solchen Auswüchsen eifert jede Rasse, jede Konfession, jeder Stand, um den traurigen Vorrang; der Bauer noch tränkt seine Säue mit der Milch, die er dem Städter verweigert, so ihren Preis zu treiben. Dabei zerwühlen schwerste politische Krisen den Staat, an dessen Grenzen drei Mächte bereit zum Einmarsch lauern, wenn die Verzweiflung zu kommunistischen Evangelien greifen sollte. Die grüne und die rote Internationale, die vorwiegend agrarische _christlich-soziale Volkspartei_ und die _Sozialdemokraten_ verwalten in einer fort und fort mühsam gekleisterten Koalition die hungernde Republik, die im Westen und im Osten, in dem von Ungarn trotz Friedensvertrages bestrittenen Burgenland und in dem nach der Schweiz strebenden Vorarlberg verdächtige Abbröckelungstendenzen zeigt. Da geht – nach einer wütenden Philippika des sozialistischen Abgeordneten Karl _Leuthner_ – das grünrote Bündnis in Fetzen, die Regierung _Seipel’s_ beginnt, der den europäischen Mächten mit Auflösung Österreichs droht, – das bedeutet: Krieg zwischen Italien, Jugoslavien, Ungarn, Tschechoslovakei, um eine Beute, die schließlich doch bei Deutschland landen wird, wohin die Alpenbevölkerung in leidenschaftlichen Proklamationen drängt. Der kluge Prälat, mit Haltung und Diplomatie einer tausendjährigen kirchlichen Zucht gesegnet, verrechnet sich nicht. Die Angst aller leidend Beteiligten erhält den gefährdeten Donaustaat; Wilsons problematischer Völkerbund tritt hier zum erstenmal groß in Funktion. Unter Verzicht auf den deutschen Anschluß, nach Bestallung einer scharfen Kontrollkommission bezieht Österreich Unterstützung. Die Krone wird bei einem Vierzehntausendstel ihres Friedenswertes gebremst; dem Kapital des Inlandes wie des Auslandes ist ruhiges Betätigungsfeld durch den Genfer Vertrag gesichert. Es schwebt nicht mehr in Gefahr sozialistischer oder sowjetistischer Gegenmaßnahmen, es kann also das Tempo mäßigen und sich zugleich seiner unbequemsten Mitläufer entledigen. Wie der Ararat aus der Sintflut tauchen aus den verebbenden Wässern der Spekulation wieder die Häupter des alten Reichtumes, die Herren der Schlöte, Schächte und Forste, die noch nahe mit der Arbeit verknüpft waren, aus der sich ihre Macht erhoben hatte. Die neue Generation der Plutokratie tat sich nun ungleich schwerer: sie hatte ja nie aus den Dingen selbst geschöpft, sondern aus der Spannung zwischen ihnen, sozusagen aus geladener Luft, die sie gewitzt als Kraftfeld auszubeuten und in Bewegung umzusetzen verstand; sie gewann allein am Kabeln und am Stecken von Geschäftskontakten. Und aus solchem Unsicherheitsgefühl heraus suchte sie den alten Reichtum nun in ihre Geschäfte zu verstricken oder sich an den seinen zu beteiligen, kurz, was von dem österreichischen Raffke scheinbar sicher blieb, – der grobe Nackenhieb traf ihn ja erst mit der Frankkatastrophe, – mühte sich, aufgenommen zu werden in den Gotha des früheren Großkapitales.
Diese Vorkriegsreichen waren ja wahrhaftig die Aristokratie jener Zeit geworden. Hinter dem blendenden Goldschaum, den die nachgeborenen Geldhelden schlugen, blieben sie fast unsichtbar. Nun, da er auf sein wahres Maß zerrann und sie wenig versehrt und gelassen hervortraten, erkannte man ihre Kraft, die den Zusammenhang mit ihren Quellen nie verloren hatte, sondern weiter an den unermeßlichen Schätzen der ihr dienstbaren Erde zehrte. Die Tradition begann als Faktor wieder aufzuleben, der internationale Einfluß eines Namens von Kredit und Bedeutung aus dem Frieden her eroberte sich neuerlich den einstigen Geltungsbezirk. Im alten Glanze fanden sie sich, diese Familien, darin Fleiß von Väter auf Söhne ungeschwächt weiterging, diese Industriegewaltigen mit den Adelsbriefen jahrelanger Arbeit, diese Finanzdynastien, zu denen Könige gekommen waren, – – wo blieb vor ihnen das Nichts von gestern, das nun jäh „Generaldirektor“ hieß, um morgen vielleicht wieder Nichts zu sein? Man zog es heran, insofern man es brauchte, man erhörte seine Zudringlichkeit, – um von ihm zu lernen. Denn man konnte ja selbst nicht mehr arbeiten wie vor dem Kriege. Die Amerikanisierung des öffentlichen Lebens im üblen Sinne ging schon zu weit. Die Methoden der neuen Zeit mußte man bei den Neuen erfahren; die Metaphysik nebuloser Tochtergründungen, der Aktienvermehrungen, der Steuerverschleierungen, der Geldtransfusion in andere Unternehmungen, die so unmerklich in den Kreislauf der Geber gerieten, besaß dort ihre gediegensten Lehrkanzeln. Wohl war der Krieg verloren, von dem sie, die einstigen Mitberater und Mitgenießer an der nun zersplitterten Monarchie, sich manches erhofft hatten, – aber schließlich fühlten sie sich sogar stärker als ein verlorener Krieg. Elan und Unbedenklichkeit der Jungen mußte man sich zu eigen machen und die durch nichts einzuschüchternde Überzeugung von der letzten sakramentalen Unantastbarkeit des Geldes. Was immer von ihrem Eigentume in dem nun siegreichen Auslande lag, konnte, je umfangreicher es war, auf die Dauer um so weniger beschlagnahmt bleiben. Industrie und Großgrundbesitz sind die bevorrechtete Aristokratie aller konstitutionellen und demokratischen Systeme, wie es für die absoluten die Adelsstände waren, und so muß auch die internationale Solidarität einer kapitalistisch orientierten Weltordnung rein gesetzmäßig alle jene verletzenden Maßnahmen, wie etwa Enteignungen von kurzer Hand, möglichst vermeiden. So zwingt einer die Regierung eines siegreichen Erben des alten Kaiserreiches einen schon damals als höchst ungünstig befehdeten Vertrag zu übernehmen, indem er nach eingetretenen Schwierigkeiten seitens der neuen Herrscher in seinen dort liegenden Riesenbetrieben die Arbeit durch drei Jahre einfach einstellt. Tausende werden brotlos, Bahnen stocken, Not der Geschädigten pocht an das Parlament des Siegerstaates. Da schäumen sie, – aber zur Übernahme oder zur Ablösung fehlt das Geld und vor Expropriation scheut man zurück aus den genannten Gründen: Man vergleicht sich also, erkennt zähneknirschend das Bestandene an. Eine Gruppe Anderer verheert die Währung ihres Vaterlandes, um so in stündlich entwerteten Papieren ihre Goldschuld einzulösen. Ein dritter einigt sich mit seinem Konkurrenten im Feindesland, lange vor ihren beiderseitigen Regierungen, die dann den Konturen solcher Abkommen folgen müssen. Ein vierter lockt Strohmänner von drüben in die eigene Leitung, die unter ihren Ententeflaggen seinem Geschäfte den internationalen Freibrief sichern. Derlei Beispiele gibt es noch viele. Gegenstandslos bleibt der Ausgang von Kriegen für die Gewaltigen des Kapitales. Ihre Front lag ja nie an jenen in Blut und Dreck ersäuften Gräben. Und im Inlande hatten nur jene verloren, die ihr Vertrauen in die Habe des Staates oder der Einzelnen setzend es in irgendeiner Form belehnten, die Banknoten- und Bargeldsammler, die Kriegsanleiheinhaber, die Hypotheken- und Mündelgeldbezieher. Der in Liegenschaften jeglicher Art verankerte Besitz büßte dabei nichts ein, im Gegenteil: Die Verarmung der anderen schuf ihn oft schuldenfrei oder verringerte zumindest seine Belastung. Nach Revolution und Gegenrevolution ging die gelbe Flagge hoch. Der Aufruf „An Alle“, der 1917 vom Osten her Europa erschüttert hatte, wurde 1924 zur Devise einer Nacktrevue im Variété. Wie nach jeder Weltkatastrophe entwickelte sich auch nun ein Biedermeiertum, das jene wilden zehn Jahre einfach nicht wahr wissen wollte. Die Könige hatte es eingebüßt, nicht durch eigenen revolutionären Geist, sondern durch die Konsequenz der Ereignisse. So beugte es sich denn willig der neuen Diktatur, die über seinem Sichverschweigenwollen des Gewesenen hart und kalt emporstieg. Ein Typus Gewaltmenschen, von dem sachlichen Fanatismus Jener der Neuen Welt, eroberte sich die Vormacht in Europa. Nur wenige Unbekannte waren darunter, – sie hielten sich nicht lange, diese Reisläufer des neuen Kapitals, – der Kern bestand doch aus den früheren Magnaten der Industrie und des Bodens, aus Reedern, Kohlenfürsten, Hammerherren und den Holzriesen des Friedens. Sie waren es, die jetzt in den Kampf um den Cup des Lebens traten, der als Zeichen dieser vital-egoistischen Zeit vor allen ihren Äußerungen stand, vom Boxermatch bis zur Literatur.
II. DIE HERREN DER WÄLDER.
Die _Republik Österreich_ schien nach dem Kriege das ärmste Land der Alten Welt zu sein. Von Gebirgen verknöchert blieb es in dem wesentlichsten Existenzbedarf, in der Brotfrucht und in der Nahrung seiner Betriebe, in der Kohle, fast durchweg auf das Ausland angewiesen. Enorme Industrieanlagen, dem Maße des vormaligen Fünfzigmillionenstaates angepaßt, feierten nun aus Mangel an Rohstoffen. Der „Wasserkopf“ Wien, den die energische sozialdemokratische Gemeindeverwaltung mit allen Schrecken des Nachkriegszustandes übernehmen mußte, saß auf dem dünnen Leibchen eines Sechsmillionenvolkes des verstümmelten Bundeslandes. Die Nachfolgestaaten verschanzten sich hinter Zollwänden; das künstlich ausgetrennte Herz des alten Reiches drohte an der so gedrosselten Blutzufuhr völlig zu erlahmen. Und doch besaß es noch vier gewichtige Dinge, an deren Ausbeutung es nun mit brennender Energie gehen mußte, wollte es seine durch den Genfer Vertrag gestützte Daseinsberechtigung als autonomes Gemeinwesen erweisen. Das war das _Salz_, das es in Verwaltung nahm, das war die weiße Kohle seiner _Wasserkräfte_, die unter seiner Ägide oder Beteiligung private Gesellschaften in großen Überlandwerken konzentrierten, das war das Erz seiner Berge, wo reichsdeutsche und italienische Konzerne um das Schürfrecht warben, das war vor allem der begehrteste Ausfuhrposten, seine _Wälder_, die fast das ganze Reich überdeckten. Hier drängten sich die Abnehmer von Bedeutung; _Italien_, das forstarme, _Frankreich_ mit _Straßburg_ als Stapelplatz, _Deutschland_, das seine Reparationsleistungen zum Wiederaufbau teilweise von dem Brudervolke bezog; ja bis _Holland_ und nach _England_ hinüber wanderte das österreichische Edelholz. Aus zerkrachenden Forsten gediehen fürstliche Vermögen, zu denen der Grund noch im tiefsten Frieden gelegt worden war. Unermeßliche Gebiete standen damals zur Verfügung. In _Bosnien_, in der _Herzegowina_, in _Kroatien_, in _Siebenbürgen_, in _Böhmen_, in allen _Alpenprovinzen_. Höher als die Herren der Erze und der Wasser wuchsen so die Herren der Wälder, formten geradezu einen eigenen Menschenschlag. Denn wie das Individuum sich nach seiner Tätigkeit wandelt, so erhielten sie, deren Vorteil mit des Wortes wahrstem Sinne in der Erde wurzelte, etwas von gewaltigen Bauern, Bauern, die über tausende Knechte gebieten, Schnitter von Ackerprovinzen, auf denen die Ernte, die sie nicht gesät hatten, bereit stand, in keinen Halmen, sondern in den Stämmen starrer Bäume. In der ausgeplünderten hohlwangigen Nachkriegszeit fußen sie breit mit unentwertbaren Schätzen. Ihre Macht spottet aller Angriffe. Ja, sogar ihr Eigentum in den abgespaltenen Klötzen des alten Reiches ringen sie wieder ein; sie trotzen und listen es den neuen Herren dort ab in dieser oder jener verklausulierten Form. Der Steuerfiskus findet schwer zu ihnen. Die Erde hat sie ganz zu Bauern gemacht, zäh, schlau und karg wie Bauern sind. Und unbeugsam über das Ihre, unbeugsam, wenn es selbst der Blutnächste wäre, der seinen Teil zu fordern käme. Fast äußerlich verändern sie sich so; ob Christ, ob Jude, ob Landmann, ob Städter, gilt gleich; die Erde bleibt stärker in ihnen: Sie gehorchen der Erde.
III. DYNASTIE EISSLER.
Urwald in _Bosnien_. Schluchten klaffen, Berge bäumen sich, Gewässer zischen von eisenfarbenen Felsen nieder, und überall nistet, wuchert, drängt sich Gehölz. Heldenliedergegend, Wild-West des Balkan, kaum erforschtes Tibet Europas, das hier beginnt und am Griechenmeere in Saloniki endet. Land des großen Zaren Dušan, Land des südslavischen Siegfried, Marko Kraljevics, Land des serbischen Kaiserreiches und des türkischen Herrenvolkes nach dem Abendrot am Kossowo polje, am Amselfeld. Und Land zuletzt, aus dem der Anlaß des gräßlichsten Krieges mit zwei Schüssen an der Lateinerbrücke in Sarajevo aufblitzte. Stolzester Hengst in der Hürde der Alten Welt. Der Muselmann hat ihn nie ganz gebändigt, der Kroate nicht und nicht der serbische Bruder; der Venetianer langte wenig über seine dalmatinische Küste herein, und selbst der großmächtige Herr Ungar stieß hier auf Widerstand. Aber Geld und Gewinnsucht scheuen nichts, und wie die Republik von San Marco vor einem halben Jahrtausend Dalmatiens Waldgebirge in eine heute noch erschütternde Steinwüste wandelte, so rückt man auch hier seit Jahrzehnten den scheinbar unerschöpflichen Forsten an den grünen Leib. Um ihre Ränder beißen sich Häuflein Menschen fest; kleine saubere Häuschen quellen aus dem Boden, ein Klondyke des Holzes, blanke Maschinen funkeln. Das knirscht, kracht, splittert und sägt den ganzen Tag durch, nagt sich furchtlos ein in die verfitzte Wildnis, über der die Geier nun wie graue Zeichen des Waldsterbens kreisen, und zieht seinen vorgesehenen Borkengang. Hinter sich läßt es Scheiterhaufen von rauchenden Meilern und riesige Schichten von Baumleichen, die kleine Lokomotiven auf schmalspurigen Gleisen flink nach den Umschlagstellen befördern, wo die großen Eisenbahnen die Tore zur Welt aufreißen.
Es sind mächtige Herren, die hinter dieser namenlosen Arbeit sitzen, und auf den Börsen brausender Städte schreien Papiere, die den Fleiß tausend gering bedankter Hände anpreisen, und irgendwo, in Biarritz oder Ostende oder Capri erholt sich einer, von ihnen getragen, oder haust zeitentrückt als stiller Teilhaber und Villenfürst inmitten schöner alter Gemälde, auf denen Menschen friedlich in heiligen Hainen wandeln oder hängt kostbare Bernsteinketten, goldfarben wie die Harztränen der Tannen um einen kühlen nackten Frauenleib oder sitzt rastlos in einer Kontorhölle der Metropole, umknattert von Schreibmaschinen, umschrillt von Telephonen, umquirlt von Menschen, wie eine Spinne im Netz, die jeden Faden prüft. Er ist der Typus seiner Zeit, der Parforcemensch am Schreibtisch. Stärkster wird er von allen, weil er sich zum Regulator der Kraft macht, die ihn umströmt; er vertausendfacht sie durch die eherne Zwinge, in die er sie nimmt. Er hieße über dem großen Wasser Rockefeller, Morgan, Ford oder mit sonst einem Stahl-, Holz- oder Ölkönigsnamen. Er heißt in unserem Falle _Robert Josef Eißler_, thront als _Chef einer hundertjährigen weltumspannenden Holzindustrie in Wien_ und arbeitet, arbeitet wie ein Besessener ohne sich je auch nur den kleinsten Genuß zu gönnen, arbeitet um der Arbeit willen, die ihn ganz verschlungen hat, arbeitet zu Hause, auf der Bahn, im Auto; nichts bleibt so abseitig, das er nicht wahrnimmt, nichts so vollendet, dem er nicht mißtraut, er ist nur mehr rechnendes Gehirn, schreibende Hand, Mund, der befiehlt. Unter der Peitsche seiner Augen leistet jeder das Äußerste; bis in die entferntesten Länder spüren sie diesen Blick, in Blockhäusern, auf Sägewerken, durch Urwaldgrün hindurch, wo immer sein Name zu Werk wird. Und das wird er in mächtigstem Ausmaß. Da ist allein die bosnische Satrapie, die er mit dem Münchner _Ortlieb_ führt, von Vorkriegsjahren her, und unversehrt sich im verlornen Land erhalten hat. Von den mehreren hunderttausend Hektaren werden jährlich an die tausend geschlagen und einhundertfünfzig Kilometer Schienennetz seiner Privatbahn, auf der zwanzig Lokomotiven unter Dampf stehen, vermitteln den Verkehr der Menschen und Waren in seinem Reich. Über dreitausend Arbeiter roden, fällen, schlichten dort die Wirrnis des Krywayatales, des Zepugebietes, Namen wie aus dem afrikanischen Dschungel. Und das alles bedeutet erst eine Provinz seines Königreiches, die ihn auf Jahrzehnte mit unversieglichen Rohstoffen versorgt; in _Kroatien_ besitzt seine Dynastie ein Gut, in Österreich hat seine Gründung, die Holzbank, in dem durch Minister Dr. _Schürff_ zur Parlamentsdebatte gemachten _Reichraminger Holzabstockungsvertrag_ der jungen Republik ihren Einfluß spüren lassen, in _Ungarn_ herrscht die Firma als „_Eissler es testvere_“, dort wie in Bosnien seit Friedenszeit, wo einst der Finanzminister _Kallay_ seiner Abmachungen mit dem geschäftstüchtigen Hause wegen im magyarischen Abgeordnetenhaus manche Unannehmlichkeiten erfuhr. „_Eissler i fratti_“ nennt sich die _rumänische_ Kolonie, „_J. Eissler bratri_“ heißt sie in der _Tschechoslovakei_. Und das lediglich als zentraler Kommandoraum des ganzen Kraftwerkes tätige Wiener Stammgeschäft führt den Titel „_J. Eißler und Brüder_“. Aber von den mitgenannten Brüdern ist in der zweiten von Robert Eißler geleiteten Generation nichts zu verspüren; was immer da beteiligt war, verschwand allmählich vor dem despotischen Chef, der das Geschäft trotz Krieg und Niederlage wieder zu der europäischen Geltung gebracht hatte, die es vorher besaß. In viele Friedensmillionen steigerte er das Vermögen, sicherte seine Betriebe durch geschickte Staatsverträge wie ein Monarch, wußte sich siegreich gegen gewaltige Konkurrenten auf dem Weltmarkt zu behaupten, indem er sie verdrängte oder durch Bündnisse entwaffnete. Seiner robusten Energie war es nicht gegeben, sich an gefälligen Dingen zu freuen, an Büchern, an Bildern, an Schauspielen; aller Trieb seiner Rasse nach äußerer Tätigkeit nach dem, was _Peter Altenberg_ „die hundertperzentige Verzinsung des Lebens“ nannte, blieb in ihm am stärksten gehäuft und angespannt. Um sich fand er selten Widerstand; ruhige Menschen, durchtränkt von der etwas müden Kultur jüdischen Patriziates bis zur Schrullenhaftigkeit, bildeten seine Verwandtschaft. Doktor _Hermann Eißler_, einer von ihnen, schuf sich eine Gemäldegalerie von internationalem Ansehen, darin besonders die Franzosen des neunzehnten Jahrhunderts von Delacroix und Gericault an glänzend vertreten sind; _Gottfried_, ein anderer – kürzlich verstorben – nannte eine der schönsten Erstdruckbibliotheken und eine der besten Wiener Miniaturensammlungen sein eigen. Gewiß, auch sie hatten sich alle wahrhaft gerackert, nur waren sie nie so sehr der Despotie ihrer Arbeit verfallen, daß sie in ihrem Tagwerk ausschließlich Zweck und Ziel ihres Daseins sahen. Doch Robert Eißler kannte nur dieses. Er war rauh wie Esau, aber ein Esau, der auf seiner Erstgeburt bei Acker und Herden bestand und hinweggestampft wäre über Jakob und Abraham. Dem Märchenhelden Wilhelm Hauffs glich er, dem Kohlenbrenner Peter _Munk_ mit dem kalten Herzen. Der barsche, finstere Mann, der mit seinen Untergebenen im Feldwebelton verkehrte, sie vor sich stramm stehen ließ und ähnliche militärische Bräuche trieb, hatte dem Moloch des Geschäftes sein Leben hingeopfert in des Wortes blutigster Wahrheit. Ihm schien es dabei vielleicht nicht so sehr um Gewinn zu tun, wie um das Würfelspiel der Macht, darin erhöhter Glanz der Dynastie zum Preise stand. Dazu wäre ihm nichts zu groß oder zu gering gewesen, dazu gewann er sich – der Hergang ist noch später zu erörtern – sechshunderttausend Goldkronen Mitgift, die ihm als Geschäftseinlage binnen Jahresfrist von seiner Bewerbung an zur Bedingung gestellt worden waren, um als öffentlicher Gesellschafter sich einzukaufen, und wie er sich der Protokollierung seines Namens wegen verehelichte, so geschah auch nachträglich kein Schritt, den nicht das Kontor gebot. In die Kasteiung mit Arbeit flüchtete er gewissermaßen vor sich selbst, wohl aus dem Gefühle, bei einem einzigen Augenblick Ruhe müßte ihn die Rasanz des eigenen Motors in Stücke reißen. „Der Staat bin ich!“ konnte er auch schließlich von seinem Reiche behaupten, denn alles um sich hatte er schachmatt gesetzt, zur Ohnmacht verurteilt. Seine Vettern ließen sich von ihm abholzen wie die Bäume des Krywayatales; sie, die in einem Winkel ihrer Seelen doch noch zu dem alten besinnlichen Wien zählten, wichen auch widerspruchslos seiner Keilerwut nach Arbeit, begnügten sich als Firmenvorstände ohne größeren Einfluß, erfrischten sich im übrigen bei ihren Bildern, Statuen und anderen Liebhabereien in einer sanfteren Welt, in die das Ächzen der sterbenden Wälder nicht mehr herüberdrang.
Nur bei Zweien von ihnen galt es Kampf bis aufs Messer: Es waren Onkel und Vetter des allmächtigen Seniorchefs, Vater und Sohn, beide Phantasten in ihrer Art, die hier an einen Tatsachenmenschen gerieten, – sie hießen _Heinrich_ und _Otto Eißler_.
IV. KÖNIG LEAR IN DER HOLZBRANCHE.
Wie Fremde vor einem gewaltigen Aufbruch lebt das _Judentum_ in seinem innersten Wesen, tausendfach verkleidetes Heimweh nach einem verlorenen Reich. Immer sind die Sandalen geschnürt, die Lenden sind immer umgürtet. Und ob es noch so heftig in das Diesseits drängen mag, – an ihnen allen, bald brennender, bald linder zehrt die gleiche Wunde, vom polnischen Dorf bis in den Stadtpalast. Das braucht darum noch kein reales Zion zu bedeuten, – es ist mehr der Tempel Salomonis, der nie zu Ende kommt, weil seine Kuppel, der Messias, fehlt. Heilig gilt hier deshalb, wie bei keinem Volke sonst, die _Familie_. Aus Zeltesenge von der Wüste her, durch Ghettozwang ihrer christlichen Herren, erlernten sie die Notwendigkeit der auch religiös gebotenen starren Geschlossenheit der Sippe. Noch ehelicht bei ihren Strenggläubigen der Bruder des Bruders Witwe, noch herrschen alte Menschen bis über das Grab hinaus, aus dem die Toten dann als Beispiel und Vorbild aller Tugenden den Jungen immerfort gepriesen werden. In solchem Patriarchate, das einst, vor der Diaspora, bis zur Blutgerichtsbarkeit des Familienhauptes über die Seinen reichte, steckt, was vom Vieh- und Ackerbauerwesen des alten Israel seinen zerschmetterten Stämmen verblieb. Und wie in den Bauern bohrt auch in ihnen die nagende Angst vor den Erben. „_Der Mensch hat zwei Feinde, die er liebt_,“ warnt ein talmudisches Sprichwort: „_seine Leidenschaften und seine Kinder_.“ Und diese Kinder versuchen auch fast alle einmal den großen Aufstand, der aber in den meisten Fällen mißlingt; dann strecken sie die Waffen, im Büro des Vaters, wo sie sich einordnen oder in einer unerwünschten anbefohlenen Ehe, die sie auf sich nehmen. Und zeugen und gebären Kinder, die ebenso liebeshungrig und rebellisch aufwachsen und ebenso der Familie als abstraktem Begriff geopfert werden. Die Härte des Sohnes der Hagar haben sie verloren; die Sehnsucht nach der Erde, von der man sie forttrieb, mußten sie verwandeln in den Hang nach ihrem Erträgnis, dem Geld; die Macht der Mauer, in die man sie durch ein Jahrtausend Verachtung und Verfolgung gesperrt hat, schuf ihnen alles jenseits davon fremd bis zur Lächerlichkeit, nur Furcht und Ehrfurcht vor dem Götzen des Alters erfüllt sie wie den jungen Bauern, an den der Vater einen Knecht ersparen will. Seine Kraft freilich finden sie nicht mehr, wenn er im Kampfe um den Hof den in den Sielen erlahmten Erzeuger ins „Ausgeding“ versperrt, in die Versorgung von der Jungen Gnaden, mildere Form vorzeitlicher Bräuche, da neben der Schwelle ein Steinbeil lag, mit dem man die unnützen Fresser erschlug. Angeprangert für alle Ewigkeit hat dagegen in der Schrift der Chronist des trunkenen Noah Verspottung durch seine Söhne, und in den Häusern seines Blutes verdämmern Greise und Greisinnen im Glorienschein der Familie und Schritt und Stimme dämpfen sich, geht man vorüber an ihren Gemächern. Das ist der Orient im Judentum, der mit dem Alter das klare Reich der Weisheit anbrechen sieht, heiteren Herbst, darin die Früchte des Lebens reifen und Trost und Süßigkeit den Nachgeborenen spenden. Und aus der gleichen Erwägung, die das weiße Haar zu Häupten der Tafel setzt, schont man ebenso die Schwachen, die für die scharfäugige Hast des Tagwerkes nicht taugen, denn auch sie reden mit ungewohnten Stimmen. Dekadenzprodukte sind sie, gefördert durch die Inzucht der Verwandtenehen, durch die übersättigte Kultur ihrer stadtverhafteten Eltern. Im hitzigen Ressentiment gegen ihre Herkunft entwickeln sie sich, doch anders als die ehemaligen Rebellen, die „Söhne“, die ausgekühlt später die tüchtigsten Kompagnons und Erben abgeben. Sie hassen die Betriebsamkeit ihrer Nächsten, sie flüchten in die Kunst, besonders in die Musik, in politische Ideologien, in philosophische Spekulationen, – sie werden aber trotzdem von den anderen nicht fallen gelassen, nein, eher blickt man dort voll gerührten Stolzes nach ihnen, wenn man sich einmal mit ihrer verminderten Verwertungsfähigkeit abgefunden hat, wie nach einer geheimen Rechtfertigung der eigenen fanatischen Diesseitigkeit, wie nach Sündenböcken, die manche fremde Dunkelheit auf sich nehmen. Denn aus der ungeheueren Reichweite jenes Volkes von äußerster Selbstbehauptung bis zur äußersten Entselbstung, Slaventum des Hirnes (wie dieses im Gefühle maßlos, so hier im Geiste und seinen Kräften) erstehen immer wieder Propheten und Richter und gerade von seinen scheinbar Schwachen her, von den Lebensfremden, wie unter seinen Alten Geschöpfe von zeitloser Güte und Weisheit sich baumkronenhaft über ihren Generationen wölben. Den tätig Robusten verkörpern diese Zarten, Empfindlichen stets eine Art unerfüllter eigener Sehnsucht, und gerne gewährt man ihnen Mittel und Unterhalt für ihr Dasein, das mehr ein Danebensein bedeutet. Eine Ausnahmestellung genießen sie, an die man fast nie zu tasten wagt.