Part 5
Der Strafsatz bemißt für diese Erkenntnis im bittersten Falle lebenslänglichen schweren Kerker, der im Berufungswege bis zu einem Jahr herabgesetzt werden kann. Solche Berufung wird aber der Verteidigung nur dann gestattet, wenn der Spruch des Richters auf mehr als zehn Jahre lautet, und wäre es zehn Jahre und einen Tag. Man geht nur meist bei ähnlichen Gerichtstragödien, wie sie in der bäuerlichen Bevölkerung nicht zu selten sind, ungerne so hoch hinauf.
Eine Frage auf Totschlag unterblieb. Über Wunsch des Beklagten. Hofrat Ramsauer verkündigte das _Urteil_:
_Zehn Jahre schweren Kerkers!_
Keine Stunde mehr! Keine Stunde weniger! Zehn unabänderliche Jahre!
Die Lebensgefährtin Otto Eißlers brach mit einem Schrei bewußtlos zusammen.
Er selbst verharrte aufrecht und starr. Sah er plötzlich hinter die Dinge, hinter den steinernen Richter, hinter die steifen Geschworenen, hinter die graue Wand des Gerichtes? Reckte sich nicht eine Gestalt, die auf ihn niederblickte durch geschlossene Augen, aber aus sechs offenen Todeswunden? Die wieder sagte:
„Dummer Kerl!“ –
Ja; er hatte Unglück, der arme Otto Eißler. Der einen Macht entriß er sich und ließ dabei eine Leiche am Wege. Um nun von einer anderen Macht sein Urteil zu empfangen, das dreifach galt für den kränkelnden fünfzigjährigen Mann. Von einer Macht, die unangreifbar thronte und unerschütterlich, hart gleich dem Vetter Robert, dessen verwandeltem Angesicht er hier wieder begegnete, wie einem Schicksale, dem er bestimmt gewesen war zu verfallen, von allem Ursprunge her.
X. EPILOG.
Am Abend dieser Urteilsfällung über eine Tragödie des Geldes geschahen Zeichen. Der große gelbe Pan war tot! Der Schrei vom Sterben des _Hugo Stinnes_ gellte durch die Straßen.
Zugleich bebte und heulte es auf dem Schottenring. Die Börse bäumte sich in Krämpfen über den mißglückten Frankenfeldzug. Verhaftungen und Selbstmorde lösten einander ab.
Die Spannung, die die Verhandlung gefedert hatte, erschlaffte davor. Man fand nicht rechte Muse, ein Urteil zu überdenken vor der größeren Götterdämmerung, darin wieder ein goldener Hort in den Fluten versank.
Was war auch das Fazit aus Tat und Gericht? – Ob Otto Eißler, der fünfzigjährige, sein Dezennium Haft unversehrt überstehen würde, ob er vorher in einer Heilanstalt oder auf einem Friedhofe ersehnte Rast erführe, – ein Abgeschiedener ist er schon heute für diese Welt, um die er so verzweifelt gekämpft hat bis zum Verbrechen. Sein Los nahm nun scheinbar doch die Kurve zur großen Verwirrung hinüber, die die Psychiater leugneten. In der Strafanstalt _Stein an der Donau_, derselben, aus der die Revolution einst _Friedrich Adler_ befreit hatte, spürte sich Otto Eißler vorerst tief erlöst. Die Ruhe, die er nach der Tat gezeigt, dem Psychiater anstößig, dem Psychologen leicht erklärlich, folgte ihm auch dorthin. Fühlte er sich ja endlich entladen von dem Verhängnis seiner Tat, die wie ein keimendes Leben in ihm gewachsen war und nun mit ihrem Ausbruche sein Innerstes gereinigt hatte. Bald aber schatteten die alten Ängste wieder um ihn, Stimmen hörte er vor seiner Zelle tuscheln, er argwöhnte Komplotte und Attentate gegen die Seinen, wähnte die Kinder in Not, die Gefährtin verfolgt von den Feinden, deren Rache noch immer nicht gesättigt sei, – und schrie Hilfe herbei, – schrie, bis man ihn in Einzelhaft steckte, schrie darin fort, – so daß man ihn schließlich nach Wien zur Beobachtung überwies. Um ihn von dort wieder ergebnislos zurückzusenden. Als einen, der ja wirklich nicht irre war nach ärztlichem Ermessen, eher ein irre Gewordener an der Menschheit. Kein Geisteskranker, doch krank am Geiste, noch nicht umnachtet, aber in Nebel geraten. Dem lindere Strafe oder Freispruch vielleicht noch einen anderen Freispruch bedeutet hätte, Freispruch von seinen Gesichten, denen er nun wehrlos überliefert ist.
Wen mußte man auch vor diesem ohnehin rettungslos in sich Verkerkerten schützen? Durch zehn Jahre äußeren Kerker? Die Tat, die, – ob elementar oder nicht, – aus dem sozialen Gefühle verletzten Rechtes erfolgt war, ließ sie je Wiederholung durch ihren Urheber befürchten? An wem? In einem Wiener Vororte stieß weniges später ein roher Bursche einen seiner friedlichen Wehrlosigkeit allgemein als „Waserl“ bezeichneten älteren Mann nach vorhergegangenen und bezeugten Drohungen das Messer tötlich in die Brust; er erhält zwei Jahre, dann wird er wieder auf seine Mitmenschen losgelassen. Und hier –? Eißler war kein Verbrecher im strengen Sinne, keiner, vor dem sich das Leben durch seine dauernde Versperrung hüten mußte, vielmehr vollgültig das, was der Titel dieser ganzen Sammlung vereinigt: _Ein Außenseiter der Gesellschaft_. Und auch hierin wieder „cum grano salis“. An der Gesellschaft hatte er sich versündigt, nicht an der Gemeinschaft. Vor ihrer großen und letzten Instanz wird er nicht als der Schuldige befunden, noch jener Andere, jener Gewaltige des Kapitales, der hingestreckt worden war von ihm, weil sie einander ihre Macht beweisen wollten. Nicht der Mann, der sich vermaß, mit sechs Schüssen der Gerechtigkeit Gottes zu dienen, nicht der von ihm Gefällte, der ein freudloser Knecht seiner Bestimmung zeitlebens geblieben war. _Das Geld_ – war hier Tat und Untat. Wie es Urheber aller Kriege und Greuel unter der heiligen Einmaligkeit unseres Lebens ist. Geld – war es, das den Hingemeuchelten zu seinem Kampf gestachelt hatte, den er mit seinem Blute zahlen sollte, Geld, das den Rächer blendete vor seinem eigentlichen Feind und seine Hand gegen ein armes, gleich ihm von seiner Sucht gehetztes Menschenkind erheben ließ. Die Richter griffen und begriffen bloß das Nächste: Einen Mörder, der ebenso zu Boden lag wie der Gemordete.
Frei blieb – das Geld. Und weiter wandert es, von Blut zu Blut, von Geist zu Geist, von Macht zu Macht. Weiter kuppelt es Verwandtenehen, daß sein Sakrament nicht der Familie entgleite, weiter zeugt es dort Lebensschwache, Gezeichnete an Körper und Hirn, weiter spaltet es Geschwister und Liebende, weiter verführt es Freundschaft, Treue, Bereitschaft für alle Menschen zu Lüge, Haß und Verrat an der höheren Sache um seines treulosen Metalles willen. Zur Wissenschaft ist es geworden, zum höllischen Homunculus aus Unzucht zwischen Mensch und Ding. Und auch dieser Prozeß, der darum ging, wird in seiner Art ein Stundenschlag im Mitternachtzeichen einer Weltordnung, die solcher Wissenschaft eifrigster Adept gewesen. Einer Weltordnung, der das apokalyptische Chaos eines Jüngsten Tages folgen kann, wenn sich die Menschheit nicht bald auf eine neue reinere Form der Gemeinschaft besinnt und sie sich zu einem Gesetze macht, dem es dann nicht mehr auferlegt werden braucht, über Fälle wie diesen zu richten.
In der Sammlung AUSSENSEITER DER GESELLSCHAFT – DIE VERBRECHEN DER GEGENWART – sind bis jetzt folgende Bände erschienen:
Band 1:
ALFRED DÖBLIN DIE BEIDEN FREUNDINNEN UND IHR GIFTMORD
Band 2:
EGON ERWIN KISCH DER FALL DES GENERALSTABSCHEFS REDL
Band 3:
EDUARD TRAUTNER DER MORD AM POLIZEIAGENTEN BLAU
Band 4:
ERNST WEISS DER FALL VUKOBRANKOVICS
Band 5:
IWAN GOLL GERMAINE BERTON, DIE ROTE JUNGFRAU
Band 6:
THEODOR LESSING HAARMANN, DIE GESCHICHTE EINES WERWOLFS
Band 7:
KARL OTTEN DER FALL STRAUSS
Band 8:
ARTHUR HOLITSCHER DER FALL RAVACHOL
Band 9:
LEO LANIA DER HITLER-LUDENDORFF-PROZESS
Band 10:
FRANZ THEODOR CSOKOR SCHUSS INS GESCHAEFT (DER FALL OTTO EISSLER)
Band 11:
THOMAS SCHRAMEK FREIHERR VON EGLOFFSTEIN Mit einem Vorwort von ALBERT EHRENSTEIN
Band 12:
KURT KERSTEN DER MOSKAUER PROZESS GEGEN DIE SOZIALREVOLUTIONÄRE 1922
Band 13:
KARL FEDERN DER PROZESS MURRI-BONMARTINI
Band 14:
HERMANN UNGAR DIE ERMORDUNG DES HAUPTMANNS HANIKA
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Ferner erscheinen noch Bände von:
HENRI BARBUSSE, MARTIN BERADT, MAX BROD, E. I. GUMBEL, WALTER HASENCLEVER, GEORG KAISER, OTTO KAUS, THOMAS MANN, LEO MATTHIAS, EUGEN ORTNER, JOSEPH ROTH, RENÉ SCHICKELE, JAKOB WASSERMANN, ALFRED WOLFENSTEIN.
OHLENROTH’SCHE BUCHDRUCKEREI ERFURT
Anmerkungen zur Transkription
Offensichtliche Fehler wurden stillschweigend korrigiert. Weitere Änderungen sind hier aufgeführt (vorher/nachher):
[S. 34]: ... zurück, wo er der Sorge um seine Gesundheit ... ... zurück, wo er der Sorge um seine Gesundheit wegen ...
[S. 57]: ... berichtet einer, der ihm dabei ertappt. Und ... ... berichtet einer, der ihn dabei ertappt. Und ...
[S. 59]: ... zurückzwingen, aber nun halten sie einem ... ... zurückzwingen, aber nun halten sie einen ...
[S. 62]: ... Darum begegnet man ihn immer wieder. Erledigt ... ... Darum begegnet man ihm immer wieder. Erledigt ...
[S. 64]: ... Rechtstaaten bilden die Psychiater bei jedem ... ... Rechtsstaaten bilden die Psychiater bei jedem ...
[S. 66]: ... in sogenannten „Schüben“ wie der terminus ... ... in sogenannten „Schüben“, wie der terminus ...
[S. 86]: ... ist von sehr argwöhnischer und mißtrauisch ... ... ist von sehr argwöhnischer und mißtrauischer ...
[S. 97]: ... überdies das Blut eines der geachtesten Großindustriellen ... ... überdies das Blut eines der geachtetsten Großindustriellen ...