Chapter 3 of 5 · 3956 words · ~20 min read

Part 3

Es ist August, der Monat der Verbrechen aus Leidenschaft. Seine weiße Glut vergiftet die Hirne, heizt die Herzen bis zur Explosion. Achtete eindringlicheres Verfahren, als das der gegenwärtigen Themis auf die Verknüpfung von Gewalttat und Gezeiten, es gelangte zu verblüffenden Erkenntnissen: Winter, Intellektualverbrechen; Affekthandlungen im Sommer; Selbstmorde und Revolutionen in den Brunftzeiten Frühling und Herbst. Durch die verschlafene Empirestadt, über der es von Hitze brütet, jagt ein rasendes Menschentier: Otto Eißler, trächtig von seinem Schicksal. Klarheit hat er jetzt durch den Rechtsfreund. Eine Tagsatzung soll in seiner Sache noch stattfinden, nutzlos wird sie vergehen. Nichts mehr nützt! So wird er berufen; immer wieder berufen. Hartnäckig wie ein Bauer, der um einen Grenzstein streitet. Wohin führt das am Ende? Und er, Otto Eißler, hat selber beigetragen, daß es so weit gekommen ist! „Dummer Kerl!“ hört er zischeln um sich; nein, niemand ist da, nur die leeren flimmernden Straßen, – aber der Vetter soll das ja gesagt haben von ihm, der Vetter Robert, der in Wien hockt, breit, gewaltig, unangreifbar. Er, der Reiche, kann ja warten, bis der andere sich zugrunde prozessiert hat; fünfzehntausend Schweizer Franken tauchen bald in Expensen auf; dann fällt die Angelegenheit in nichts zusammen, weil Otto ein Bettler geworden ist. Was aber nachher? Die Frau! Die Kinder! Unmöglich ist es, unmöglich! Im kühlen Waffenladen kommt der Heißgelaufene zu sich. Ein Entschluß beginnt. Alle Gerichte bleiben wehrlos in Sache des Rechtes. Und auch Gott schweigt; er ist ihm nicht wohlgefällig, – niemandem ist er wohlgefällig, er, der Häßliche, von Kind auf Gestoßene. „Gewiß Herr Müller! Mauserpistole samt Patronen. Ja ...“ Ob er mit dem Browning vom Februar zufrieden gewesen sei? – „O, freilich!“ Den Browning trägt er doch stets im Sacke, entsichert und wohlgeladen, – umlagert von Feinden, wie er ist. Aber davon erzählt er nichts. Etwas glättet sich in ihm, wie er die kalte Waffe am Schafte hält und mit dem Abzug spielt. Und nun läßt er sich Munition geben, als gälte es, ein neues Fort Chabrol zu armieren. Es ist der dreiundzwanzigste August.

Zu Hause macht er Bilanz über sich und das Seine. Man hat sich vorzusehen für alle Fälle. Wogegen? Ach, das wird sich schon weisen. Das geschieht doch nicht so einfach aus einem selbst, das packt einem von draußen und findet statt. So heißt es auch immer „fand statt“. Also darum jede Schuld berichtigt, selbst die kleinste! In einer Woche ist er in Ordnung damit. Keine Rückstände! Alles soll sauber liegen hinter ihm. Ja, da ist noch seine Schwester Ida, Witwe nach Exzellenz von Molnar, ungarischen Staatssekretär. Immer war die gut zu ihm; sie sollte man unbedingt aufsuchen, – der armen Frau daheim, den Kindern, kann man nichts zumuten, – die Schwester ist ein kluger starker Mensch, und so einer muß zur Stelle sein für die Seinen, wenn – ja, irgend etwas geschieht, – und wäre es das eigene Leben, das man wegwirft – um den Frieden, – um den endlichen Frieden, nach dreißig Jahren Unrast, Verfolgung, Bitterkeit. Und vorher zwanzig Jahre einsamer Jugend, lichtloser Kindheit ... „Sorge Dich um die Meinen,“ bittet er die Schwester und noch allerlei Verworrenes, das der tödlich Erschrockenen kaum zum Bewußtsein kommt; da ist er auch schon fort.

Er fahrt nach Wien. Früher Morgen. Der letzte Augusttag brennt ab. Die elektrische Kleinbahn surrt grau durch das sommerträge Land. Ringsum Ebene, schattenlos. Erst westwärts in den schwarzblauen Bergen am Rande des Flachlandes strotzen wieder stämmige Waldbäume. Sie mögen sich hüten, daß nicht auch sie bald dem großen Vetter verfallen. Wie es ihm ergeht samt seinem Anspruch und allem, was daran hängt: Die Schwestern, die Gefährtin, die drei Kinder. Das Blut siedet ihm dick in die Schläfen, wenn er versucht, das zu Ende zu denken. Ihnen insgesamt wird noch das Mark ausgesogen durch den höchst unbrüderlichen Bruderssohn, der früher nicht rastet. Man will ihn aber jetzt stellen; von Angesicht zu Angesicht befragen will man ihn, zu letzten Male, ob er sich nicht doch vergleichen mag in zwölfter Stunde? Das muß man, ehe man jede Vernunft fahren läßt, die sich nur mühsam noch, von Wut umschäumt, hinter der glühenden Stirne aufrecht hält. Vielleicht sind die beiden Mitchefs zugegen; die könnten eingreifen, mildern; die haben sich ja nicht so verbissen in diese Menschenjagd. Da ist der Luegerplatz mit der Burg des Feindes, die er nun betritt. Wieder einmal. Denn erst vor wenigen Wochen war er hier, nachdem er zuvor lange heraufgestiert hat vom Rathausparke aus. „Wie eine Wachspuppe“ –, so berichtet einer, der ihn dabei ertappt. Und der Herr Robert würdigte ihn damals kaum einer Antwort und die Bucheinsicht wird ihm auch verweigert; gerade, daß sie ihm nicht schon die Türe weisen. Nein, – das tuen sie doch nicht; von den Angestellten keiner; die verstehen sich mit ihm, weil er freundlich zu ihnen ist, nicht so – wie der! Der Robert! Kommt er heute etwa nicht ins Kontor? Da erteilt der Kassierer Köhler Bescheid: Robert allein sei hier, – und geht eilig weg. Robert – allein –? Stille stemmt einem den Atem zurück, entsetzliche Stille. Gleicht das Chefzimmer nicht plötzlich einem gedämpften Raum, darin eine Leiche liegt? – Der Besuch lehnt sich an den Schreibtisch; den kennt er: Vierzig Jahre war sein Vater Heinrich daran verkettet gewesen, vierzig in Arbeit geknechtete Jahre, – mit einem Fußtritt als Dank zum Abschluß! Das verantwortet – Robert! Immer bleibt er so letzte Ursache jedwedes Unheiles, das ihn und die Seinen martert, er – in seiner unbeugsamen Härte! Auch im Hause hier mögen sie ihn sicherlich alle nicht. Man tuschelt mancherlei. Da ist der Jakob Singer, – den hat er einmal mit zerrissenen Schuhen stundenlang im Schnee warten lassen, und wie der vor ihm frostzitternd von einem Fuß auf den anderen tritt, schreit er ihn an: „Hund, kannst du nicht habt acht stehen?“ Und der Ernst, sein Cousin, der weiß, wie der Robert beim Militär die armen Soldaten angeblasen hat wegen dem Grüßen. Und solche Geschichten gibt’s genug von dem Robert, zum Beispiel die mit dem Vetter Otto, he? Mit ihm selbst? – Die Hände würgen in den Säcken des schlotternden Anzuges; sie spüren Kühle, Metall: Die Pistolen! Und da tritt auch der Vetter ein, scheinbar nicht eben erfreut über den Gast, den er vorfindet. Freilich, gerade heute, wo ihn der Kopf wohl von Wichtigerem summt, wo unter anderem die deutsche Mark von den rheinischen Kollegen abgefeilt endgültig ins Bodenlose saust, – da sind andere Sorgen am Ruder und andere Pläne. Und schon hält er auch das Telephon in der Hand und rasch zuvorkommend in des Wortes engster Bedeutung wirft er es hin zwischen zwei Geschäftsgesprächen: „Ich werde lieber sieben Jahre prozessieren, als dir die Rente bezahlen.“ Da wird alles rot, roter wogender Nebel, drinnen schwankt der Schreibtisch des alten Heinrich wie ein Schiff im Untergang. Wo klammert man sich fest, daß es einen nicht niederreißt, hinab zu den goldlüsternen Haifischen, die nun wieder Beute wittern, zahllose Beute? Die Kolben in den Taschen bäumen sich; man möchte sie zurückzwingen, aber nun halten sie einen fest, wachsen einem in die Fäuste, wühlen sich aufwärts, drängen ans Licht. Was sagt der drüben? – „Du kannst noch sieben Jahre Prozeß führen.“ Bis dahin hat man doch keine Faser am Leibe mehr, die einem gehört! Und jetzt weiter: „Von mir aus könnt ihr alle krepieren!“ Nein! Das nicht! Das muß Täuschung sein, sausen in den Ohren! Die Kolben rücken über den Rand der Säcke, – verlängerte Hände sind sie und ihre Läufe steile Finger, die auf den Menschen weisen, der dort ruhig sitzt und telephoniert. Ja hübsch ruhig, während ihm gegenüber sein Blutsverwandter an der gleichen Stelle zugrunde geht, wo man schon seinem Vater die Knochen gebrochen hat. Trotz des Rechtes, das hinter beiden stand, sie _hatten_ recht, – bloß der andere war schlauer! – „Dummer Kerl!“ – Wer ruft so? – Der drüben? Der – am Telephon? Und hätte er es auch nicht ausgesprochen, – jede seiner Gesten, die ihn abstreifen, schreit es ihm zu, jeder seiner Blicke, der ihn anspuckt. Wahrhaftig, das ist kein Mensch mehr! Das ist das Geld selbst, das da vor einem thront, ungeheuer, unbarmherzig, angemästet mit allem Elend der Erde, vollgesoffen aus den Wunden ihrer Schlachten und dennoch unersättlich gierig nach Blut und Blut und Blut! Alles Bauch, wälderzermalmender, menschenkauender Bauch! Die Welt muß man erlösen von ihm – man muß – und los! – oh jauchzende Himmelfahrt der feuerblitzenden Hände – weiter – oh unfaßbare Befreiung im Donner der ersten krachenden Schüsse – weiter – oh überirdischer Rausch, der den Krampf eines Lebens entbindet, – weiter – da drüben taumelt einer, ächzt, speit rot – weiter – als Barrikade den Schreibtisch des Vaters, Opferblock, wo nun wieder geschlachtet wird, – weiter – Blut wäscht ihn rein, Blut sühnt – weiter – das krümmt sich dort auf, röchelt, sinkt ein, wie eine Marionette, der man die Drähte gekappt hat – weiter – Türen klaffen, Gesichter schreien und flattern durch Rauch, – man hört nichts mehr davon – man sieht nichts mehr, – man weiß nur eines: Man hat es dem Golde gegeben, man hat dem Golde in den Bauch geschossen, sechsmal –

Und nun rasch die letzte Kugel durch den eigenen Schädel! Abschied im Zenith der Tat! Ihn soll keiner noch je angrinsen, keiner ihn verhöhnen, eine Millionenstadt hebt nun seinen Namen über alle Gischt ihrer täglichen Helden hinaus, – – aber schon dringen aus dem blassen Haupte drüben, um das sich Entsetzen und Grauen schart, ein paar furchtbar klarer Worte:

„Wie oft hat dieser dumme Kerl geschossen?“

„Dieser dumme Kerl –“ Das war es wieder und unleugbar laut! Also auch jetzt ist er für den dort noch nichts anderes, auch daß er ihm den Tod sechsfach ins Fleisch geimpft hat, zählt nicht. Der stirbt, ohne Kenntnis zu nehmen von seinem Mörder, stirbt voll verzweifelter Wut über einen blöden unsinnigen Zufall, der ihn mitten aus seinen Plänen und Werken reißt, – denn das ist ihm der Vetter samt seiner Tat: Ein Ziegelstein vom Dache! Ein Auto, das sich mit ihm überschlug! Stupide Tücke eines Dinges! Mehr nicht!

Der Mörder läßt die Arme baumeln wie schlaffe Peitschenschnüre. Mühelos entwindet man ihm die Waffen; ingrimmig stößt er etwas hervor, – „es ist nicht schade um den“ will ein Zeuge gehört haben, – und dann sagt eine Uniform:

„Im Namen des Gesetzes –“

Und neuerlich kommt drüben die Stimme des anderen. Aber dieses Mal ist sie leise und von einem fremden Klang. „Bauchschuß – ich sterbe, – Herr Doktor, – wie lange habe ich noch zu leben?“ und „– meine arme Frau, – meine Kinder –“ Die Maske der Macht gleitet nieder von dem Antlitz eines Menschen, der sich sterben weiß. Und dieses Antlitz ist ganz bleich, ganz rein, – wie das eines Genesenden von einem schweren qualvollen Leid.

Der Täter gewahrt das nicht mehr. Eine Entspannung lockert ihn. Ruhig läßt er sich abführen.

Er gewahrt auch das Größere nicht. Daß man im Leben stets nur _einen_ Feind hat. Den man vergeblich vernichten würde, und wäre es durch tausend Leiber. Weil er sich im Nebenmenschen am Widerspruche zu dem Nachbarwesen immer neuerlich entzündet. Weil das Ich schuld trägt daran und seine schicksalshafte Gegensätzlichkeit zu einem ebenso bestimmt gearteten anderen Ich. Darum begegnet man ihm immer wieder. Erledigt ihn mit keiner Gewalt. Vielleicht nur durch klare wehrlose Güte, wenn sie ihn überzeugt: Mit Selbstaufopferung.

Robert Eißler wurde so sein Feind. Als Urgegner des Undeutbaren, des Unentschlossenen, des Wegelosen, des vom Gefühle Überschwemmten. Ein Ekstatiker seines Lebensbekenntnisses, das hier „Gold“ hieß. Aber auch andere Namen hätte führen können: Kampf, Herrschaft, Gott, Gesetz!

Wenige Stunden nach jenem Überfalle stirbt Robert Eißler. Die Kugeln haben sein Inneres fast zerfleischt: Zu sechzehn Wunden.

Und acht Monate später steht Otto Eißler in Wien vor der Apostelzahl der zwölf Geschworenen und ihrem Vorsitzenden, dem Gesetze in Menschengestalt.

Der Vorsitzende nennt sich: Hofrat Doktor _Ramsauer_.

VII. CHOR DER PSYCHIATER.

In den Tragödien der großen Prozesse aller Rechtsstaaten bilden die Psychiater bei jedem Strafverfahren, darin sie forensisch zur Kenntnis genommen werden, zumeist eine Art tragikomischer Nebenaktion, Satyrspiel als Intermezzo. Fälle ergeben sich allerdings bei politischen oder anderen aus Staatsraison kitzlicheren Vergehen, darin ihre Meinung als willkommenes Rettungssteuer dient, den ganzen Handel aus dem Orkane des Meinungsstreites in den sicheren Hafen eines Irrenhauses zu lootsen. Womit die Gewissenhaftigkeit ihrer Personen und ihres Votums keineswegs angezweifelt sei. Sonst obläge ihnen nach dem Erachten ihrer Auftraggeber mehr die Rolle der Regimentsärzte im Kriege, nämlich festzustellen, ob der ihnen zugewiesene Klient „tauglich ohne Gebrechen“ für den Spruch der blinden Themis wäre. Behindernd wirkt dabei der knappe Platz, den ihnen die Prozeßordnung und das geltende Strafgesetz für die Grenzen der Begriffe von unverantwortlicher Zwangslage und eingeschränkter, jedoch noch als verantwortlich klassifizierter Willensfähigkeit einräumt.

In der Sache Otto _Eißler_ erschwerte ihnen der Beschuldigte selbst ungemein ihre Stellungnahme, gerade indem er sie ihnen scheinbar erleichterte. Er war es, der um keinen Preis als geisteskrank betrachtet werden wollte, der lediglich zugestand, im Augenblicke der Tat den Kopf verloren zu haben, und der eben darum, wie durch die ausgesprochene „Süchtigkeit“ jede seiner abnorm scheinenden Gewohnheiten rationalistisch zu fundieren, den Verdacht der „Dissimulation“, Benehmen eines Kranken, der sich gewaltsam gesund stellt, erweckte.

Den Psychiatern lagen drei Möglichkeiten vor: Es konnte sich hier um einen wirklich Irren, in erster Linie um einen Paranoiker drehen oder um einen schweren Psychopathen paranoiden oder schizophrenen Charakters, der unter den genannten Umständen im auflodernden Momente der Tat keine Verantwortung mehr trug für sein Verbrechen oder lediglich um einen Sonderling von psychopathischer Minderwertigkeit, der heftigen Gemütsbewegungen nur sehr geringen Widerstand zu bieten vermochte, aber doch nach § 46 des Öst. Strafgesetzbuches als haftbar anzusehen war. Nach Eißlers eigenem Geständnis, nach den durch Zeugen belegten Indizien über sein seelisches Verhalten vor, während des Ereignisses und darüber hinaus, ja, nach einem Teil des später noch präziser zu erörternden Gutachtens selbst lag die Annahme eines paranoiden Typus nahe.

Populär erläutert stellt der Paranoide die Form einer geistigen Krise vor, die sich zur wirklichen Paranoia etwa so verhält wie eine Herzneurose zu einem organischen Herzleiden. Wie diese kann sie bei geeigneter Behandlung völlig abklingen, wie diese in ihr schweres verhängnisvolles Nachbarstadium übergehen. Die Ähnlichkeit ist oft frappant, die zwischen dem klinischen Bilde einer Paranoia und dem eines paranoiden Zustandes besteht. Auch bei dem Paranoiden, besonders bei jenem, der zu Verfolgungs- oder Beziehungswahnvorstellungen neigt, steigern sich die Anfälle in sogenannten „Schüben“, wie der terminus technicus lautet, auch er glaubt sich umlagert und bespäht, fühlt sich als passives Zentrum sämtlicher ihm widrigen Ereignisse, meint elektrische Ströme nach sich entsendet, hört Stimmen, wittert an Kleidern und Möbeln Menschenkot, trachtet andauernd einen Urheber seines Übels zu konstatieren, – und kann naturgemäß aus solchem Zustand latenter Überreizungen, die bis zur totalen Sinnestäuschung reichen, verantwortungslose Affekthandlungen verüben. Dabei gilt er in des Wortes Sinn nicht für „geisteskrank,“ vermag neben seinen gefährlichen Momenten, in denen er einer Rechenschaft nicht fähig erklärt werden muß, ein produktives Genie ersten Ranges zu bleiben, wie etwa August _Strindberg_ in seiner schlimmsten Pariser Zeit, als „_Einsam_“ und „_Inferno_“ entstanden, diese erschütterndsten und zugleich trostreichsten Dokumente eines schaffenden Geistes, weil sie deutlich beweisen, wie die Schöpferkraft des Individuums es über die furchtbarsten Nachtklüfte des „Ich“ hinwegzuheben imstande ist. Führt aber eine solche paranoide Bedrängnis in einem Menschen, dem nicht die Flucht in irgendeine Produktivität oder Hingabe daran (Kunst, Religion) gegönnt war, zur antisozialen Tat, wie – bei Otto Eißler, woferne man ihn paranoid erachtet, – so mußte diese lediglich als schicksalshaftes Elementarereignis im Organismus gewertet werden, für das der Täter keine judizielle Haftung übernehmen konnte.

Die Psychiater _verneinten_ das. Mit einer Begründung, die am besten im Wortlaute wiedergegeben sei:

„... Aus dem betreffenden Akte und der Aussage Dr. Edmund Benedikts“ (des Anwaltes des alten Heinrich Eißler) „ist zu ersehen, daß Beklagter“ (Otto Eißler) „von seiten seiner drei Vettern arg benachteiligt worden ist, und daß er nach dem rücksichtslosen Vorgehen derselben gegen seinen hochbetagten Vater begründete Ursache hatte, ihnen zu mißtrauen, was bei seiner Gemütsart nur auf allzu vorbereiteten Boden fiel. Wenn er im Verlaufe der vorgekommenen Differenzen immer verbitterter wurde, den Vettern alles Erdenkliche zutraute, vom ‚Gurgelabschneiden‘, ja geradezu vom ‚wirtschaftlichen Morde‘ sprach, so sind das wohl überschwängliche derbe Ausdrücke, die aber von den Tatsachen nicht allzuviel abwichen und somit keineswegs wahnhaft begründet sind. Wenn er ferners _vermutet, daß man von seinem Militärdienst schädigende Wirkungen auf seine Gesundheit erhoffte, um dadurch einen gefährlichen Gegner loszuwerden_, so beruft er sich hierbei darauf, daß man nicht nur ihn selbst verhinderte, ein Enthebungsgesuch abzusenden, sondern auch seinen Vater mit Anzeige bedrohte, als er ein solches einbringen wollte.“

Scheint der letzterwähnte Vorwurf schon unwahrscheinlich, weil er, wäre er richtig, ein völlig unvorstellbares Maß von Haß und Unmenschlichkeit involvieren würde, sollte er nicht vielmehr als typisches Symptom einer fixen Idee, verfolgt zu sein, bezeichnet werden müssen, so gewinnt diese Annahme bei den folgenden Details des Gutachtens noch mehr Raum:

„... _Schon seit Jahren am liebsten bewaffnet_, weil er bei seinen ländlichen Ausflügen schon frühe in den Karpathen und auch hier infolge seines sonderbaren Wesens Attacken fürchtete und solche auch tatsächlich bei Preßburg erlebte, hielt er seit seinen Differenzen mit den Vettern auch daran fest, weil er sich nach den gemachten Erfahrungen vor diesen nicht sicher fühlte. Er beschränkt sich diesbezüglich aber auf bloße Vermutungen, wobei er sich auf _Vergleiche mit dem Schicksal verschwundener Millionäre_ (!) und darauf beruft, daß Reiche alles vermögen, ohne aber Symptome von krankhaften Beachtungs- oder Verfolgungswahn, der immer weitere Kreise zieht, darzubieten. Alle diesbezüglichen Äußerungen verlassen nie den Boden der Möglichkeit und Wahrscheinlichkeit, wie er durch die vorliegenden Tatsachen rücksichtsloser Behandlung und vermögensrechtlicher Übervorteilung von seiten seiner Vettern geschaffen wurde. Beide waren wohl imstande, einen solchen psychopathisch veranlagten Sonderling wie Beklagter einer ist, nicht nur auf das Tiefste zu verwunden und zu verbittern, sondern ihn auch in einen Zustand begreiflicher innerer Erregung zu versetzen, so daß er schließlich zur Waffe griff und seinen Hauptgegner niederschoß.“

Hätte demnach Otto Eißler seinen Vetter grundlos hingestreckt, so wäre seine Unzurechnungsfähigkeit damit schlagend erwiesen worden. Daß aber allein gekränktes Rechtsgefühl mit oder ohne zureichenden Anlaß, schon _weil_ es sich ununterbrochen verfolgt und gegen seine Verfolger wehrlos sieht, in die ungeheuersten Exzesse ausarten kann, die seine Verantwortlichkeit aufheben, daß ein Mensch, der sich schwer benachteiligt meint, dabei belastet von Geburt her ist, auch durch wirkliche Tatsachen, die seinen Wahn begründen, immer tiefer in die Schlingen paranoider Zwangsvorstellungen gerät, aus denen er sich nunmehr mit Gewalt reißen kann, – sollte das wahrhaft ein Novum in der Geschichte psychopathologischer Erscheinungen sein? Muß denn ein Paranoiker oder ein Paranoider durchaus äußerlich unmotiviert handeln. Wäre hier nicht oft genug eine übersehene kausale Verbindung denkbar von einem tatsächlichen ätzenden Erlebnis her, das er sich als Brücke für die eigene Rechtfertigung seiner wachsenden Manien errichtet, solange ihn die große Dämmerung noch nicht völlig überwuchert hat? Nein; dieses Gutachten dünkt mich das Schulbeispiel eines „hysteron proteron“ zu sein, einer geradezu typischen Verwirrung von Voraussetzung und Ergebnis und als solches reif für die Lehrbücher der Logik. Auch in dem Überschreiten seiner Befugnis, das aus der gleichen Quelle stammt, in dem Judizieren der Tat selbst, das einzig der Prozeßführung vorbehalten zu bleiben hat. So, wenn es schreibt:

„Er (Otto Eißler) bestreitet aber in solcher Absicht(‚vorsätzlicher Mord‘) hingegangen zu sein und will nur in einer momentanen zornigen Erregung über die höhnische Ablehnung seines nochmals versuchten Ausgleichsantrages durch Robert gehandelt haben. Das klingt im Hinblick auf seine dem Niedergeschossenen zugerufene Äußerung: ‚Das hast du für die sieben Millionen, um die du mich gebracht hast!‘, die sein klares Tatbewußtsein bekundet“ (besagte Äußerung steht nebenbei so gar nicht fest), „im Hinblick auf sein Ablauern der günstigen Gelegenheit eines Telephongespräches Roberts und seine offenbar vorbereitete schwere Bewaffnung,“ (schon ‚_seit Jahren am liebsten bewaffnet_‘ erzählt das _gleiche_ Gutachten einige Seiten vorher), „ganz unglaubwürdig. Letztere diente offenbar dazu, ganz sicher zu gehen.“ Und nun kommt das Beste! „Wenn Beklagter behauptet, gar nicht gezielt zu haben, so widerspricht dem die Tatsache, daß er nur zu gut getroffen hat.“ Was sonst? Auf die wenigen Schritte Entfernung beim Feuern aus zwei Pistolen zugleich, wo ein Kind nicht gefehlt hätte, geschweige denn ein alter Jäger wie Otto Eißler, dem die Handhabung der Waffe schon im Blute lag?

Alle diese Dinge wirken um so verwunderlicher, als das Gutachten sonst Otto Eißlers Werdegang und die Entwicklung seiner psychopathologischen Eigenheiten genetisch getreu schildert, nur ohne daraus die zu erwartenden Folgerungen zu ziehen. Der Angeklagte leidet darnach an hereditären seelischen und körperlichen Belastungen. Aus einer traurigen Ehe über eine lichtlose Kindheit liebeleer gelassen, schleppt er das bittere Erbteil seiner Eltern mit, des Vaters gutmütige aufrichtige, jedoch von jeder Erregung unberechenbar aufgepeitschte Art, die nicht minder reizbare, dem Spielteufel verfallene Mutter: Sie beide kämpfen fort in der Seele des Sohnes bis zu seinem Untergang. Ihn drosselt Ohnmacht gegenüber dem Dasein, einem Dasein, das die Anverwandten mühelos meistern, die Kaufleute mit dem Feldherrnblick, die Wager und Gewinner an der Bank des äußeren Lebens, deren abenteuerlichste Schachzüge schließlich immer Gold entschuldigt, lohnt und verklärt. Und er, Otto, ein von der Wurzel her Versehrter, nicht geschaffen in dem groben Machtspiele mitzukommen, dabei doch begabt mit einem fast künstlerischen Wissen darum, dem es nur an dem letzten nötigen Schuß Brutalität mangelt, es zur Tat zu wandeln, ein Abseitiger, in dem solche ihm schicksalshaft aufgedrungene Haltung alle dunklen Gewalten der Einsamkeit erwachen ließ: Furcht, Argwohn und vergrübelte Sehnsucht. Und nun gesellt sich noch Krankheit dazu, keine ausgesprochene, mehr ihre drohenden Zeichen, die ihn an Körper und Seele tückisch bedrohen. Seit seinem siebzehnten Jahre quält ihn ein physischer Schaden; eine Operation beseitigt ihn, gleich setzen andere lästige Beschwerden ein in Lunge und Blutkreislauf. Zirkulationsstörungen verursachen kongestive Leiden, Migränen nehmen sein Hirn in den Schraubstock, dabei foltert ihn Angst vor Bakterien, die sich phantastisch verstärkt, als er auf Grund einer von Militärärzten im Kriege bestätigten Bronchitis für dienstuntauglich erklärt wird. Dieselbe Diagnose hat er sich in seiner privaten Existenz schon 1910 gestellt, wo er nicht nur des beginnenden Zwistes mit den Vettern halber seine Arbeit bei der Firma nach fünfzehnjähriger Tätigkeit aufgab. Die erdenklichsten Vorbeugungsmittel, besonders fleißige Sonnenbäder gewähren ihm eine gewisse Erleichterung, die ihm jener C-Befund (Garnisonsdienst) der Musterungskommission wieder benimmt. Sein Kampf gegen die Bakterien geht nun so weit, daß er sich metallene Türklinken wegen Infektionsgefahr zu berühren scheut und auch bei schärfster Sonnenglut stets nur in peinlichst verschlossenen Kutschen ausfährt. Im Laienurteil verschafft das Eißler unter den Einwohnern des Städtchens Baden bald den Ruf eines ungefährlichen Narren, eines verrückten Privatdozenten, für den man ihn der lehrhaften Art halber hält, in der er seine Phobien auch ganz Fernestehenden begründet.

Trotz alle dieser den akuten chokhaften Eintritt einer seelischen Panik erklärenden Symptome gelangt das Gutachten dennoch zur Konstatierung seiner Verantwortlichkeit, die es allerdings wie folgt etwas einschränkt:

„Er ... ist nicht im Bewußtsein wesentlich getrübt oder gar sinnesverwirrt. Er hat sich vielmehr nur nach § 46 des St.-G. in einer aus den gewöhnlichsten Menschengefühlen entstandenen heftigen Gemütserregung zu dem Verbrechen hinreißen lassen, für das ein ausreichendes Motiv nicht fehlte. Im übrigen ist er ein keineswegs geisteskranker oder geistesschwacher, hypochondrischer verschrobener Sonderling, dessen psychopathische Minderwertigkeit ihn gegen das Auftreten von Gemütsbewegungen weniger widerstandsfähig macht, was daher vom gerichtspsychiatrischen Standpunkt als mildernder Umstand einer richterlichen Würdigung noch besonders empfohlen werden muß.“

Der Angeklagte wurde hiermit verhandlungsreif. Die Anklageschrift konnte entworfen werden.

VIII. DIE ANKLAGESCHRIFT.

Gewalttat stellt meistens eine tragische Außenhandlung dar, Ergebnis und Erlösung tiefer gelegener Stauungen und Reize von ihr oft völlig polarem Charakter, – und an der Peripherie, wie ihre blinde Aktion, bleibt gewöhnlich ebenso ihre gerichtliche Sühne. Denn selbst diese belangt lediglich ein Zeichen, nicht Wuchs und Wesen des Ereignisses; nach einem Zeichen muß sie anklagen, verhandeln, verurteilen. Seit Jahrzehnten vorgedachte Abstrakta werden Maß und Mittel der Strafe, erdacht von einer Gesellschaftsordnung, die mit ihnen steht und fällt. _Rudolf von Iherings_ so menschlicher Satz: „Das Leben ist nicht der Begriffe, sondern die Begriffe sind des Lebens wegen da,“ leuchtet über dem Tore zu einer Gemeinschaft, das sich uns noch nicht aufgetan hat.