Part 3
Das Protoplasma des Ciliaten-Körpers ist in eine festere ~Rindenschicht~ (_Exoplasma_) und eine weichere Markschicht (_Endoplasma_), gesondert. In der ersteren befindet sich eine beständige Oeffnung, eine Art ~Zellenmund~ (_Cytostoma_), durch welchen sowohl feste Bissen als Wassertropfen verschluckt und in die weichere Markmasse hineingedrückt werden. Bisweilen ist diese Mundöffnung zu einem besonderen gefalteten Schlundtrichter erweitert, so z. B. bei dem Fischreusen-Thierchen (Fig. 15 a). In dem weichen Protoplasma des Inneren ballt sich die verschluckte Nahrung in Bissen (Fig. 15 c), welche allmählig verdaut und aufgelöst werden; ~Ehrenberg~ beschrieb diese Nahrungsballen als besondere Magensäcke und benannte deshalb die Ciliaten »Vielmagenthierchen« (_Polygastrica_). Unsere magenlosen Wimperthierchen können also essen und trinken, obwohl sie einfache Zellen sind. Was aber noch mehr überrascht, das ist die Munterkeit und die offenbare Willkür ihrer Bewegungen, der zarte und seelenvolle Character ihrer Empfindungen. Gerade wegen dieser Eigenschaften werden sie gewöhnlich als echte Thiere betrachtet. Dass sie das nicht sind, geht aus ihrem feineren Bau und ihrer Entwickelung deutlich hervor. Zeitlebens umschliesst ihr einfacher Zellenleib nur einen einzigen Kern. Bald ist dieser ~Nucleus~ rundlich (Fig. 15 d), bald wurstförmig (Fig. 13 n), bald langgestreckt, stabförmig oder rosenkranzförmig (Fig. 12). Die Ciliaten sind also wirklich ~einzellig~, wie zuerst der um die Kenntniss der Protisten hochverdiente Zoologe ~Siebold~ dargethan hat. Die Vermehrung der Ciliaten geschieht durch einfache Theilung; und wie bei jeder gewöhnlichen Zellentheilung zerfällt zuerst der Kern, und darauf das Protoplasma in zwei gleiche Hälften. Aber auch Fortpflanzung durch Knospenbildung ist bei vielen Ciliaten zu finden, so z. B. bei den Vorticellen (Fig. 13). Ausserdem scheinen sich Viele durch ~Sporen~ zu vermehren, d. h. durch junge Zellen, welche sich im Inneren der Mutterzelle bilden und wobei der Kern betheiligt ist (Fig. 12).
Das Interessanteste an den Wimperthierchen, und diejenige Eigenschaft, durch welche sie alle anderen Protisten übertreffen, ist der hohe Grad von ~Empfindlichkeit~ und von ~Willens-Energie~, den sie bei ihren lebhaften Bewegungen kundgeben. Wer lange und eingehend Ciliaten beobachtet hat, kann nicht zweifeln, dass sie eine ~Seele~ so gut wie die höheren Thiere besitzen. Denn die ~Seelenthätigkeiten~ der Empfindung und der willkürlichen Bewegung üben sie eben so aus, wie die höheren Thiere; und an diesen Thätigkeiten allein ist ja die ~Seele~ zu erkennen. Da nun der ganze Leib der Ciliaten bloss eine einfache Zelle ist, so gewinnen sie die höchste Bedeutung für die Theorie von der ~Zellseele~, für die Annahme, dass jede organische Zelle ihre eigene individuelle »Seele« besitzt — oder vielmehr, richtiger ausgedrückt: dass ~Seelenleben eine Thätigkeit aller Zellen ist~.
[Illustration: Fig. 16. Eine ~Acineta~, auf einem kurzen Stiele (unten) befestigt. p Saugröhren der Zelle. v Contractile Blasen im Protoplasma. e eine Spore. n Zellkern.]
An die formenreiche Klasse der Wimperthierchen schliesst sich die kleine Gruppe der naheverwandten Starrthierchen oder ~Acineten~ an (Fig. 16, 17). Im Gegensatze zu ersteren zeigen diese letzteren nur sehr wenig Beweglichkeit; sie sitzen meistens zeitlebens auf einem Stiele fest. Statt der Wimperhärchen treten aus ihrem starren, von einer Hülle umschlossenen Zellenkörper zahlreiche feine, oft büschelförmig gruppirte Fortsätze hervor (Fig. 16 p). Dies sind sehr feine Saugröhrchen, die am Ende mit einem Saugknöpfchen versehen sind. Wenn ein schwimmendes Wimperthierchen unvorsichtig in die Nähe einer solchen Acinete geräth, wird sie von den steif ausgestreckten Saugröhren der letzteren festgehalten und ausgesaugt (Fig. 17). Das Protoplasma des gefangenen Ciliaten (a) wandert langsam durch die Saugröhren (f’’) in das Innere der Acinete hinein. Dass auch sie nur eine einfache Zelle ist, beweist ihr Zellkern (n); im Protoplasma sind, wie bei den Ciliaten, oft eine oder mehrere »contractile Blasen« oder Vacuolen sichtbar, wassererfüllte kugelige Hohlräume, die sich langsam zusammenziehen und wieder ausdehnen (Fig. 16v, Fig. 17x).
[Illustration: Fig. 17. Eine ~Acineta~, welche mit ihren Saugröhren (f) ein Wimperthierchen (Euchelys a) ergriffen hat und dasselbe aussaugt. x, v Contractile Blasen. n Zellkern.]
Die anhaltende Beobachtung der Acineten gewährt ebenso wie diejenige der Ciliaten das höchste Interesse. An diesen Infusionsthierchen zeigt uns die organische Zelle deutlich, wie weit sie es in ihrem idealen Streben nach thierischer Vollkommenheit für sich allein bringen kann. Wir können sagen: Die Wimperthierchen sind der gelungenste Versuch der einzelnen ~Zelle~, sich zu einem wirklichen ~Thiere~ zu entwickeln. Aber zu einem echten Thiere gehören ja mindestens zwei Keimblätter, deren jedes aus zahlreichen Zellen zusammengesetzt ist. Also können wir doch die Ciliaten und Acineten nicht als wirkliche Thiere gelten lassen.
Unter allen Protistenklassen die formenreichste und in geologischer Beziehung die wichtigste ist die wunderbare Klasse der ~Wurzelfüssler~ oder ~Rhizopoden~. Ausser mehreren kleineren Gruppen gehören dahin die kalkschaligen Thalamophoren und die kieselschaligen Radiolarien. Beide Abtheilungen sind in zahllosen, höchst phantastisch geformten Arten in allen Meeren verbreitet. Die Thalamophoren leben zum grössten Theile kriechend auf dem Grunde des Meeres, besonders auf Seetang; die Radiolarien hingegen schwimmen in dichtgedrängten Schaaren an der glatten Oberfläche des Meeres oder schweben in verschiedenen Tiefen desselben. Die bekanntesten und geologisch wichtigsten Rhizopoden sind die ~Thalamophoren~, ~Kammerlinge~ oder Kammerthierchen; ausgezeichnet durch eine feste, meistens kalkige Schale, in welche sich diese Urthierchen, wie die Schnecke in ihr Haus, zurückziehen können. Bald enthält diese Kalkschale nur eine einzige Kammer (~Einkammerige~, _Monothalamia_, _Monostegia_); bald mehrere, durch Thüren mit einander verbundene Kammern (~Vielkammerige~, _Polythalamia_, _Polystegia_). Solche zierlich geformte, oft einem Schneckenhaus ähnliche Kalkschalen haben sich seit vielen Millionen Jahren in ungeheuren Massen auf dem Meeresboden angehäuft und an der Gebirgsbildung unserer Erde den wichtigsten Antheil genommen. Schon die ältesten, aus dem Meere abgesetzten Flötzgesteine, die laurentischen, cambrischen und silurischen Schichten, enthalten dergleichen Polythalamien-Schalen und sind wahrscheinlich zum grossen Theile aus ihnen gebildet. Das älteste von Allen ist das berühmte _Eozoon canadense_ aus den unteren laurentischen Schichten, dessen Polythalamien-Natur mit Unrecht in Zweifel gezogen wurde. Die mächtigste Entwickelung erreichen diese Rhizopoden jedoch erst viel später, während der Kreide-Periode und der älteren Tertiär-Periode. Jedes kleinste Körnchen unserer weissen Schreibkreide lässt uns unter dem Mikroskope zahlreiche solcher zierlichen Kalkschalen erkennen. Der Grobkalk von Paris, aus dem viele Paläste dieser Weltstadt erbaut sind, besteht ebenfalls zum grössten Theile aus solchen Kammerschalen. Ein Kubikcentimeter des Kalkes aus den Steinbrüchen von Gentilly enthält ungefähr 20,000, ein Kubikmeter demnach gegen 20 Millionen Schalen. Die grössten Polythalamien aber lebten während der ältesten Tertiärzeit, während der Eocaen-Periode. Unter ihnen sind die Riesen des Protisten-Reiches, die gigantischen ~Nummuliten~ (Fig. 18), deren scheibenförmige Kalkschalen die Grösse eines Zweithalerstückes erreichen. Der von ihnen erzeugte Nummuliten-Kalk, aus dem unter Anderen die egyptischen Pyramiden gebaut sind, bildet die ungeheuren Gebirgsmassen des Nummulitensystems. Dies ist eins der gewaltigsten Gebirgssysteme unserer Erde, das von Spanien und Marokko bis nach Indien und China hinüberreicht, und an der Bildung der Pyrenäen und Alpen, des Libanon und Kaukasus, des Altai und Himalaya den bedeutendsten Antheil nimmt.
[Illustration: Fig. 18. ~Nummulites~ (reticulatus). a, b, c in natürlicher Grösse; d, e, f schwach vergrössert. Die linsenförmige Scheibe ist in a vom Rande aus gesehen, in b und e von der Fläche, c und d im Längsschnitt (Dickenschnitt).]
In welchen ungeheuren Massen die Polythalamien auch gegenwärtig noch unsere Meere bevölkern, geht daraus hervor, dass z. B. der Sand der Mittelmeerküsten an vielen Stellen zur grösseren Hälfte aus den Schalen lebender Polythalamien-Arten besteht. Schon einer ihrer ersten Beobachter, ~Bianchi~, zählte im Jahre 1739 in einem einzigen Esslöffel Seesand von Rimini 6000 Individuen; und derjenige Naturforscher, dem wir die genauesten Untersuchungen über ihre Naturgeschichte verdanken, der berühmte Anatom ~Max Schultze~, berechnete ihre Menge in einem Esslöffel Seesand von Gaeta auf mehr als Hunderttausend.
Der weiche lebendige Körper der Kammerthierchen, welcher diese wunderbaren Schalen- und Panzer-Bildungen erzeugt, ist stets von höchst einfacher Bildung: ein Stück formloses Protoplasma, das zahlreiche Zellenkerne einschliesst. Von der Oberfläche des weichen Protoplasma-Leibes strahlen hunderte, oft tausende von äusserst feinen Fäden aus. Diese Schleimfädchen, die den Namen ~Scheinfüsschen~ oder ~Pseudopodien~ führen, sind sehr empfindlich und beweglich. Sie können sich verästeln, mit einander verschmelzen, Netze bilden und wieder in die gemeinsame Centralmasse des Körpers zurückgezogen werden. Durch die Zusammenziehungen dieser Fäden bewirken die Wurzelfüssler ihre kriechende oder schwimmende Ortsbewegung. Wenn ein anderer Protist, z. B. ein Wimperthierchen oder eine Bacillarie, in den Bereich dieser Fäden gelangt, so wird es von ihnen erfasst, umschlungen und in das Innere des Protoplasmakörpers hineingezogen, wo es einer höchst einfachen Verdauung unterliegt. Wie bei den Amoeben kann jede Stelle der Körperoberfläche dergestalt die Aufgabe eines Mundes und Magens übernehmen. Auch die Vermehrung der Wurzelfüssler ist höchst einfach. Der weiche Protoplasma-Leib des Kammerthierchens zerfällt in zahlreiche kleine Stückchen. Jedes Stückchen erhält einen Zellkern, bildet also eine echte Zelle, und diese nackte Zelle schwitzt alsbald wieder eine Kalkschale aus.
Die vielgestaltige Schale des Acyttarien-Körpers besteht meistens aus kohlensaurem Kalk, seltener aus einer erhärteten organischen Substanz, die mit Sandkörnchen u. dergl. verkittet ist. Bald besitzt die Schale nur eine grössere Mündung, ist aber übrigens undurchlöchert (_Imperforata_); bald ist die Schale überall von sehr zahlreichen kleinen Löchern durchbrochen (_Foraminifera_). Mit Bezug auf die Schalenform unterscheidet man bei den zwei Hauptgruppen: Einkammerige und Vielkammerige. Die ~Einkammerigen~ (_Monothalamia_) sind verhältnissmässig wenig formenreich. Einer ihrer bekanntesten, häufigsten und grössten Vertreter ist die ~Gromia~ (Fig. 19). Sie besitzt eine eiförmige Schale, mit dunkelbraunem Protoplasma erfüllt, und erreicht die Grösse eines Stecknadelknopfes. Die Netze der Scheinfüsschen, welche davon ausstrahlen, kann man schon mit blossem Auge deutlich erkennen.
[Illustration: Fig. 19. ~Gromia~ (oviformis). Die Hauptmasse des eiförmigen einzelligen Körpers ist von einer biegsamen Schale eingeschlossen. Durch die Oeffnung derselben tritt (unten) fliessendes Protoplasma heraus, welches die ganze Schale umhüllt und von dem nach allen Richtungen bewegliche Fäden ausstrahlen.]
Die ~Vielkammerigen~ (_Polythalamia_) bilden die Hauptmasse der Acyttarien. Die einzelnen Kammern, welche ihre Schale zusammensetzen, sind durch unvollständige Scheidewände getrennt, oft sehr zahlreich. Meistens sind dieselben mehr oder weniger in Spiralen geordnet. So entstehen Gehäuse, welche die grösste Aehnlichkeit mit denjenigen gewisser Mollusken, namentlich Cephalopoden, besitzen (Fig. 20). Daher wurden diese Rhizopoden von ihren ersten Entdeckern wirklich für echte, mikroskopische Cephalopoden gehalten und auch später noch ihre Organisation als solche beschrieben.
Erst vor 40 Jahren lernte man, zuerst durch ~Dujardin~, ihre wahre Natur kennen, und überzeugte sich, dass ganz ähnlich geformte Schalen das eine Mal von einem höchst vollkommen organisirten Weichthiere (_Nautilus_), das andere Mal von einem höchst einfach gebauten Wurzelfüssler (_Polystomella_) gebildet werden.
[Illustration: Fig. 20. ~Polystomella~ (venusta), ein Polythalam, dessen Kammern in einer Spirale aufgerollt sind, ganz ähnlich wie bei Nautilus. Aus den feinen Löchern der Schale treten überall bewegliche fadenförmige Scheinfüsschen hervor.]
[Illustration: Fig. 21. ~Alveolina~ (Quoyi). Mehrere Reihen von Kammern laufen in einer Spirale neben einander hin. Die durchschnittenen Wände der Kammern sind weiss gezeichnet; die Verbindungsöffnungen mit den darüber liegenden schwarz.]
Bei manchen Polythalamien laufen mehrere Spiralen neben einander im Gehäuse hin, indem innerhalb der Kammern sich wieder parallele Scheidewände bilden (Fig. 21). Bei den grossen Orbituliten und Nummuliten liegen solche Kammerreihen sogar in mehreren Stockwerken übereinander. Die Kammerreihen sind hier bald in zusammenhängenden Spirallinien, wie bei den Nummuliten (Fig. 18) geordnet, bald in concentrischen Ringen, wie bei dem gigantischen _Cycloclypeus_ (Fig. 22).
Die Gehäuse dieser letzteren sind runde Scheiben, welche sich am besten mit einem Palaste vergleichen lassen, dessen Umfassungsmauern nach dem Plane eines römischen Amphitheaters gebaut sind.
[Illustration: Fig. 22. ~Cycloclypeus~, ein colossales Polythalam von 3 Centimeter Durchmesser, in grossen Tiefen des Sunda-Meeres lebend. Man sieht die eine Hälfte der in der Mitte durchschnittenen Schale, von der links noch ein Stück der oberen Schicht abgeschnitten ist, um in die Kammern hineinzublicken.]
[Illustration: Fig. 23. ~Parkeria~, ein colossales Polythalam von 3 Centimeter Durchmesser. Man sieht blos ein Stück der eiförmigen Schale, so durchschnitten, dass man nach allen Richtungen hin die Zusammensetzung des Gehäuses aus zahllosen kleinen Kammern erkennen kann.]
Mehrere Stockwerke liegen übereinander, in jedem eine centrale Hauptkammer, umgeben von vielen ringförmigen Corridoren, und jeder Corridor durch viele Scheidewände in Kammern getheilt: alle diese zahlreichen Stockwerke, Corridore und Kammern stehen durch Thüren mit einander in Verbindung und kleine Fenster in der äusseren Schalenfläche vermitteln die Verbindung mit der Aussenwelt, indem sie die feinen Schwimmfüsschen durchtreten lassen.
Zu den grössten und am meisten zusammengesetzten Polythalamien gehören die Parkerien, deren Gehäuse grösstentheils aus Sandkörnchen zusammengesetzt sind (Fig. 23).
Während die grosse Mehrzahl der Thalamophoren auf dem Meeresboden kriechend lebt, giebt es auch einige Arten, die an der Oberfläche des Meeres schwimmen, und zwar oft in grossen Massen, mit Radiolarien gemischt. Dahin gehören auch die merkwürdigen Pulvinulinen, Globigerinen und Hastigerinen, letztere durch ihre sehr langen borstenförmigen Kalkstacheln ausgezeichnet (Fig. 24).
Wenn schon bei diesen merkwürdigen Polythalamien die formbildende Kunst des formlosen Protoplasma unsere höchste Bewunderung erregt, so wird dieselbe noch gesteigert, wenn wir die nahe verwandten ~Radiolarien~, die »Gitterthiere« oder Strahlinge betrachten. Bei diesen höchst interessanten Wurzelfüsslern treffen wir die grösste Mannigfaltigkeit von zierlichen und sonderbaren Formen an, die überhaupt in der organischen Welt zu finden ist. Ja, alle möglichen Grundformen, welche man nur in einem promorphologischen Systeme aufstellen kann, finden sich hier wirklich verkörpert vor. Das Material aber, aus welchem das formlose Protoplasma hier die unendlich mannigfaltigen Skelettheile bildet, ist nicht Kalkerde, wie bei den Polythalamien, sondern Kieselerde.
Der weiche lebendige Leib der Radiolarien ist übrigens etwas höher organisirt, als derjenige der Polythalamien. Denn im Innern des formlosen weichen Protoplasma-Körpers findet sich hier eine besondere Kapsel, welche von einer festen Membran umschlossen ist, die ~Centralkapsel~ (Fig. 25).
In dieser bilden sich Massen von kleinen Zellen, welche eine bewegliche Geissel erhalten, später die Kapsel durchbrechen und ausschwärmen.
[Illustration: Fig. 24. ~Hastigerina Murrayi.~ Ein Polythalam, dessen Kalkschalen überall mit haarfeinen, sehr langen Kalkstacheln bewaffnet ist.]
Da der ganze Inhalt der Centralkapsel zur Bildung dieser Keime, welche gleich Flagellaten umherschwimmen und sich dann zu Radiolarien entwickeln, verwendet wird, so kann man die Centralkapsel auch als Sporenbehälter (~Sporangium~) der Radiolarien betrachten.
[Illustration: Fig. 25. ~Heliosphaera~ (inermis). Ein Radiolar, dessen kugelige Gitterschale aus sechseckigen Maschen zusammengesetzt ist. Im Innern schwebt eine kugelige Centralkapsel, welche einen dunkeln Kern einschliesst, umgeben von kleinen gelben Zellen. Zahlreiche fadenförmige Scheinfüsschen strahlen allenthalben aus, halten sich an der Gitterschale fest und treten durch deren Löcher aus.]
Sie ist umschlossen von einer Schicht Protoplasma, von welchem nach allen Richtungen zahllose, äusserst feine Scheinfüsschen ausstrahlen. Diese verhalten sich im Uebrigen ebenso wie bei den Polythalamien.
Gewöhnlich finden sich im Protoplasma der Radiolarien ausserhalb der Centralkapsel noch zahlreiche gelbe Zellen von unbekannter Bedeutung; sie enthalten Stärkemehl.
Ausserdem bilden sich bei einigen Radiolarien rings um die Centralkapsel grosse helle Wasser-Blasen aus (Vacuolen), welche von einer sehr dünnen Gallerte umschlossen sind, so namentlich bei den erbsengrossen Thalassicollen (Fig. 26).
[Illustration: Fig. 26. ~Thalassicolla~ (pelagica). Ein grosses nacktes Radiolar (ohne Schale). Die innere kugelige Centralkapsel ist von einem Mantel grosser Wasserblasen umgeben. An der Oberfläche strahlen tausende von feinen Schleimfäden aus.]
Es giebt auch zusammengesetzte Radiolarien (Polycyttarien). Diese bilden grössere Gallertklumpen von cylindrischer oder kugeliger Form, von 1 bis 3 Centimeter Durchmesser. Die Gallerte besteht grösstentheils aus solchen Wasserblasen, und in der Oberfläche sind ältere, im Innern dagegen jüngere Centralkapseln vertheilt (Fig. 27; s. folg. S.). Jede der letzteren ist oft von einer gegitterten Kieselschale umschlossen (Fig. 28).
[Illustration: Fig. 28. Eine einzelne Kieselschale (stachelige Gitterkugel) von ~Collosphaera~ (spinosa).]
Bei sehr vielen Radiolarien ist die Kieselschale eine Gitterkugel (Fig. 25, 28, 29, 31); oft gehen lange, regelmässig vertheilte Stacheln davon ab (Fig. 29). Bei den Ommatiden (Fig. 30, 31) finden wir mehrere solcher Gitterkugeln concentrisch in einander geschachtelt und durch radiale Stäbe verbunden, ganz ähnlich dem bekannten zierlichen Spielzeug, das die Chinesen aus Elfenbein anfertigen.
[Illustration: Fig. 27. ~Collosphaera~ (Huxleyi). Ein zusammengesetztes Radiolar mit vielen Centralkapseln; die inneren kleineren ohne, die äusseren grösseren mit Kieselschale. Zwischen den ausstrahlenden Fäden sind zahlreiche kleine gelbe Zellen zerstreut. Im Centrum der Colonie ist eine grosse Wasserblase sichtbar umgeben von einem Protoplasma-Netz.]
Es giebt solche Gitterkugeln, die aus zwanzig im Centrum in einander gestemmten Stacheln zusammengesetzt sind; verästelte Querfortsätze der Stacheln, die in gleichem Abstande vom Centrum abgehen, setzen die Gitterschale zusammen (_Dorataspis_, Fig. 32). Den letzteren nahe verwandt sind die merkwürdigen ~Acanthometren~ (Fig. 33), ebenfalls mit 20 Stacheln, die nach einem bestimmten mathematischen Gesetze regelmässig vertheilt sind.
[Illustration: Fig. 29. ~Heliosphaera~ (actinota). Von der Gitterkugel strahlen zwischen den Pseudopodien zahlreiche Kieselstacheln aus; im Innern der Schale die Centralkapsel.]
[Illustration: Fig. 30. ~Actinomma~ (asteracanthion). Die Kieselschale besteht aus drei concentrischen Gitterkugeln, welche durch sechs radiale Stäbe mit einander verbunden sind. Die äusseren Enden der letzteren bilden starke dreikantige Stacheln, und dazwischen stehen auf der Oberfläche zahlreiche, sehr feine borstenförmige Kieselstacheln.]
[Illustration: Fig. 31. ~Haliomma~ (Wyvillei). Die Kieselschale besteht aus zwei concentrischen Gitterkugeln, die durch zahlreiche radiale Stacheln verbunden sind. Zwischen beiden Schalen findet sich die Membran der Centralkapsel, so dass die eine innerhalb, die andere ausserhalb der letzteren liegt.]
[Illustration: Fig. 32. ~Dorataspis~ (bipennis). Die Kieselschale wird durch die gabelförmigen Querfortsätze von zwanzig, regelmässig vertheilten Stacheln zusammengesetzt.]
[Illustration: Fig. 33. ~Xiphacantha~ (Murrayana). Eine Acanthometra, deren 20 Stacheln kreuzförmige Querfortsätze tragen. Die Stacheln bilden 5 parallele Zonen von je 4 Stacheln, die gleichweit von einander abstehen.]
Bei noch andern Radiolarien ist die centrale Gitterkugel von einem lockern Kiesel-Schwammwerke umhüllt und mächtige dreikantige Stacheln mit spiralig gedrehten Kanten ragen daraus hervor (_Spongosphaera_, Fig. 34).
Eine andere, äusserst formenreiche Gruppe von Radiolarien, die ~Cyrtiden~ oder Helm-Radiolarien, bilden Kieselschalen von der Form eines Helmes (Fig. 35), einer Haube oder eines Körbchens, mit siebförmig durchlöcherter Wand (_Podocyrtis_, Fig. 36). Noch Andere gleichen einem Ordensstern (_Astromma_, Fig. 37), einer Sanduhr (_Diploconus_, Fig. 38), einem dreiseitigen Prisma (_Prismatium_, Fig. 39) u. s. w.
In der grossen Abtheilung der ~Acanthometren~ wird das Skelet stets aus zwanzig Kieselstacheln gebildet, welche im Centrum in einander gestemmt und nach einem sehr merkwürdigen mathematischen Gesetze vertheilt sind; dies entdeckte zuerst der grosse ~Johannes Müller~, dem wir überhaupt die ersten genaueren Kenntnisse der Radiolarien verdanken.
Welche Bedeutung diese höchst mannigfaltigen, zierlichen und seltsamen Formen besitzen; wie das formlose Protoplasma der Radiolarien dazu kommt, sie zu bilden, — davon haben wir heute noch keine Ahnung.
[Illustration: Fig. 34. ~Spongosphaera~ (streptacantha). Neun dreikantige Stacheln ragen aus der kugeligen Centralkapsel hervor, welche von kieseligem Schwammgeflecht umhüllt ist und eine centrale Gitterschale einschliesst.]
Neben den Thalamophoren und Radiolarien wird noch eine grosse Anzahl von andern Protisten zur Klasse der Wurzelfüssler gerechnet. Viele davon leben auch im süssen Wasser. Eines der häufigsten ist das niedliche sogenannte »~Sonnenthierchen~«, welches vor nun hundert Jahren (1776) vom Pastor ~Eichhorn~ in Danzig entdeckt und als »lebendiger Stern« beschrieben wurde (_Actinosphaerium Eichhornii_, Fig. 40).
[Illustration: Fig. 35. ~Dictyophimus~ (Challengeri). Helmförmige Gitterschale mit drei Füsschen und Gipfelstachel.]
[Illustration: Fig. 36. ~Podocyrtis~ (Schomburgki). Die helmförmige Gitterschale steht auf drei Füsschen und trägt auf dem Gipfel einen Stachel; das Gitterwerk der drei Abtheilungen ist sehr verschieden.]
[Illustration: Fig. 37. ~Astromma~ (Aristotelis). Die schwammige Kieselschale hat die Form eines Ordenskreuzes.]
[Illustration: Fig. 38. ~Diploconus~ (fasces). Die Kieselschale gleicht einer Sanduhr, in deren Axe ein starker, an beiden Enden zugespitzter Stab steht.]
[Illustration: Fig. 39. ~Acanthodesmia~ (prismatium). Neun Kieselstäbe sind so verbunden, dass sie die Kanten eines dreiseitigen Prisma bilden. Im Centrum schwebt eine kugelige Centralkapsel, von gelben Zellen umgeben.]
[Illustration: Fig. 40. Das vielzellige grosse Sonnenthierchen (~Actinosphaerium~ Eichhornii). Die innere dunkle Markmasse (c) enthält, viele Zellkerne und einige Nahrungsbissen (d). Von der hellen, schaumigen Rindenschicht (b), welche eben einen neuen Nahrungsbissen (a) aufnimmt, strahlen zahlreiche Scheinfüsschen (e) aus.]
[Illustration: Fig. 41. Das einzellige kleine Sonnenthierchen (~Actinophrys~ sol). Im Innern der strahlenden Protoplasma-Kugel liegt nur ein Zellkern (n). Eine contractile Blase tritt an der Oberfläche des Protoplasma vor (v).]
Es ist ein weiches, mit blossem Auge deutlich sichtbares, weiches Schleimkügelchen, von der Grösse eines kleinen Stecknadelknopfes, oft in Menge auf dem schlammigen Boden unserer Teiche und Gräben zu finden. In der Mitte des schleimigen und blasigen Protoplasma-Kügelchens liegen mehrere Zellkerne. Von der Oberfläche strahlen zahlreiche empfindliche und bewegliche Fäden oder Pseudopodien aus. Durch diese wird, wie bei den übrigen Wurzelfüsslern, die Nahrung aufgenommen. Die Vermehrung ist erst kürzlich entdeckt worden. Das Sonnenthierchen zieht dabei seine Fäden ein, umgiebt seinen kugeligen Körper mit einer Gallerthülle und zerfällt in viele einzelne Kugeln. Jede von diesen enthält einen Kern und schwitzt eine Kieselhülle aus, und jede dieser kieselschaligen Zellen wird später zu einem neuen Sonnenthierchen. Man kann dieselben aber auch künstlich vermehren. Man kann sie in mehrere Stücke zerschneiden und aus jedem Stückchen wird alsbald wieder ein selbständiges Wesen. Dasselbe gilt auch von vielen andern Protisten.
Während das grosse Sonnenthierchen oder Strahlenkügelchen (_Actinosphaerium_) einen nackten Rhizopoden darstellt, der viele Zellkerne enthält, also aus vielen vereinigten Zellen zusammengesetzt ist, zeigt uns dagegen ein anderer, sehr häufiger Süsswasserbewohner, das ~kleine Sonnenthierchen~ (_Actinophris sol_) den Organismus der Wurzelfüssler in seiner allereinfachsten Gestalt (Fig. 41), nämlich als eine nackte einfache Zelle mit einem einzigen Kern; von der Oberfläche desselben strahlen viele feine Fäden aus, und indem das Protoplasma an gewissen Stellen Wasser aufnimmt und wieder abgiebt, bildet es »contractile Blasen oder Vacuolen.«
Eine der merkwürdigsten Protistenklassen, die ebenfalls oft zu den Wurzelfüsslern gerechnet wird, sind die so genannten ~Schleimpilze~ oder ~Myxomyceten~, von Anderen auch ~Pilzthiere~ oder ~Mycetozoen~ genannt. Schon dieser doppelte Name bezeichnet ihre zweifelhafte Protisten-Natur. Sie leben in zahlreichen verschiedenen Arten an feuchten Orten, im abgefallenen Laube der Wälder, zwischen Moos, auf faulendem Holze und dergl. Früher galten sie allgemein für Pflanzen, und zwar für Pilze, weil ihr reifer Fruchtkörper täuschend dem blasenförmigen Fruchtkörper der Gastromyceten oder Blasenpilze ähnlich ist (Fig. 43B). Dieser Fruchtkörper bildet kugelige oder länglich runde, oft auf einem Stiel festsitzende Blasen, meist von der Grösse eines Stecknadelknopfes oder eines Hanfkorns, bisweilen aber auch von mehreren Zoll Durchmesser. Die derbe äussere Hülle der Fruchtblasen umschliesst ein feines Mehl, das aus Tausenden von mikroskopischen Zellen besteht. Dies sind die Fortpflanzungszellen oder ~Sporen~.
[Illustration: Fig. 42. ~Keimung einer Myxomycete~ (~Physarum album~). 1. Eine Keimzelle oder Spore. 2. Aus der dunkeln Hülle der Spore tritt die nackte Zelle hervor (3). Diese verwandelt sich in eine Geisselzelle (4, 5) und darauf in eine Amoebe (6, 7). Mehrere Amoeben fliessen zusammen (8, 9, 10, 11) und bilden so ein Plasmodium (12).]
Während aber bei den Blasenpilzen, wie bei allen anderen echten Pilzen, sich aus diesen Sporen die characteristischen Pilzfäden oder Hyphen, lange dünne Fadenschläuche entwickeln, entstehen daraus bei den Myxomyceten ganz andere Keime. Aus der festen Zellmembran einer jeden Spore schlüpft nämlich, sobald diese ins Wasser gelangt, eine nackte, lebhaft bewegliche Zelle aus. (Fig. 42, 1–3). Anfangs schwimmt diese Zelle mittelst eines langen Geisselfadens, den sie peitschenförmig nach Art der Geisselschwärmer hin und her schwingt, frei im Wasser umher (Fig. 42, 4, 5). Später sinkt sie zu Boden und nimmt die Form einer Amoebe an (Fig. 42, 6, 7). Ganz gleich einer echten Amoebe kriecht sie umher, indem sie veränderliche Fortsätze ausstreckt und wieder einzieht. Auch nimmt sie nach Art der Amoeben ihre Nahrung auf.
Viele solcher amoeboiden Zellen können nun späterhin zusammenfliessen und mit einander verwachsen (Fig. 42, 8–11). Dadurch entstehen grosse Protoplasma-Netze mit vielen Kernen (~Syncytien~, Fig. 42, 12). Indem ihre Kerne sich auflösen, werden sie zu kernlosen ~Plasmodien~ (Fig. 43A). Solche grosse Plasmodien, oft ganz colossale Protoplasma-Netze, kriechen gleich einem riesigen Rhizopoden langsam umher und ändern beständig ihre unbestimmte Gestalt.
[Illustration: Fig. 43. ~Myxomyceten.~ A. Ein grösseres Plasmodium (von ~Didymium leucopus~). B. Eine reife Frucht (von ~Arcyria incarnata~). C. Dieselbe, nachdem die Wand (p) geplatzt und das Haarfaden-Geflecht (Capillitium, cp) hervorgetreten ist.]
Zu den grössten Plasmodien gehören die glänzend gelben (oft mehrere Fuss grossen) Protoplasma-Geflechte von _Aethalium_, welche die Lohbeete der Gerbereien durchziehen und unter dem Namen »~Lohblüthe~« allen Gerbern bekannt sind. Haben die Plasmodien durch Wachsthum und Nahrungsaufnahme eine gewisse Grösse erreicht, so ziehen sie sich auf einen kugeligen, birnförmigen oder kuchenförmigen Haufen zusammen, umgeben sich mit einer Hülle und das ganze Protoplasma zerfällt in zahllose kleine Sporen, zwischen welchen sich meistens (jedoch nicht immer) ein Geflecht von äusserst feinen Haarfäden ausbreitet (_Capillitium_, Fig. 43cp). Wenn diese Fruchtkörper (Fig. 43B) ganz reif sind, platzt die äussere Hülle (Fig. 43C); das Capillitium wird vorgetrieben und das feine Sporen-Pulver zerstreut.