Part 4
Obgleich nun diese blasenförmigen Fruchtkörper mit ihrem Sporenpulver und Capillitium die grösste Aehnlichkeit mit denjenigen von gewissen echten Pilzen besitzen, haben sie doch mit diesen letzteren keine Spur von Verwandtschaft, wie ihre gänzlich verschiedene Entwickelung zeigt. Will man überhaupt die Myxomyceten in nähere Beziehung zu irgend einer anderen Organismen-Gruppe bringen, so bleiben nur die ~Rhizopoden~ übrig. In der That gleichen die kriechenden netzförmigen Plasmodien der Myxomyceten so sehr gewissen nackten Wurzelfüsslern (_Lieberkühnia_), dass man sie gar nicht unterscheiden kann. Es giebt kein passenderes Object, um sich die merkwürdigen Strömungen in dem kriechenden nackten Protoplasma unmittelbar vor Augen zu führen, als die Plasmodien der gemeinen Lohblüthe, die im Frühjahr auf den Lohbeeten der Gerbereien sehr leicht zu haben ist und die Lohe in Form von gelben, rahmähnlichen Schleimnetzen durchzieht. Bringt man ein wenig von diesem gelben Protoplasma in einer feuchten Kammer auf ein Glasplättchen, so ist letzteres schon nach 10–20 Stunden von einem feinen Faden-Netz übersponnen, in dessen Fäden man unter dem Mikroskope die lebhafte Protoplasma-Strömung prächtig verfolgen kann.
Im Anschluss an die Myxomyceten müssen wir hier auch auf die echten ~Pilze~ (_Fungi_) einen Blick werfen, mit welchen man die ersteren früher irrthümlich vereinigt hat. Die echten Pilze, welche in so zahlreichen, ansehnlichen und mannigfaltigen Formen in unsern Wäldern und Feldern, auf Pflanzen- und Thierkörpern schmarotzend leben, werden oft auch als ~Schwämme~ bezeichnet. Sie haben aber mit den echten Schwämmen oder Spongien gar nichts zu thun; denn diese letzteren, wozu der gewöhnliche Badeschwamm gehört, und welche sämmtlich — mit einziger Ausnahme des Süsswasser-Schwammes, _Spongilla_, — im Meere leben, sind echte ~Thiere~ und besitzen ein Darmrohr mit Mundöffnung u. s. w. Die Pilze dagegen bilden eine gänzlich verschiedene und sehr eigenthümliche Classe von niederen Organismen. Zwar gelten sie heute noch allgemein als echte ~Pflanzen~. Allein in den wichtigsten anatomischen und physiologischen Beziehungen weichen sie so sehr von allen übrigen Pflanzen ab, dass es wohl richtiger ist, sie als eine selbständige Classe von ~Protisten~ zu betrachten. Ernährung und Stoffwechel der Pilze ist thierisch, nicht pflanzlich. Sie bilden kein Protoplasma, kein Chlorophyll, kein Stärkemehl, keine Cellulose, wie die echten Pflanzen. Vielmehr bedürfen sie, wie die Thiere, zu ihrer Existenz und Ernährung vorgebildetes Protoplasma, welches sie aus dem Körper anderer Organismen, lebender oder todter Thiere, Pflanzen und Protisten, entnehmen.
Die Fortpflanzung der Pilze ist meistens ungeschlechtlich, und auch da, wo sie geschlechtlich erscheint, ganz eigenthümlich. Das Form-Element, aus dem sich der Körper aller Pilze aufbaut, ist nicht eine echte, kernhaltige ~Zelle~, wie bei allen Thieren und Pflanzen, sondern eine fadenförmige, kernlose ~Cytode~, die sogenannte ~Hyphe~ oder der »Pilzfaden.« Durch seitliche Sprossung und fortgesetzte Theilung in einer ~Axe~, bilden sie verzweigte gegliederte Fäden, und zahllose solche Pilzfäden, in langen Ketten an einander gereiht, sich verästelnd und netzartig verbindend, setzen alle Organe der Pilze zusammen. Der bekannte gestielte »Hut« oder Schirm unserer grossen Hutpilze, z. B. vom ~Champignon~ (Fig. 44) ist blos der ~Fruchtkörper~, welcher sich zur Zeit der Reife aus einem unscheinbaren Fadengeflechte entwickelt, dem Mycelium (Fig. 44, I m); die strahligen, blattförmigen Rippen, welche sich an der Unterseite des regenschirmähnlichen Hutes bilden, sind von der Fruchthaut (_Hymenium_) überzogen, in welcher sich ungeschlechtlich die Fortpflanzungs-Cytoden (»Sporen«) bilden. Je genauer man die eigenthümliche Anatomie und Keimungsgeschichte der Pilze verfolgt, je unbefangener man sie vergleicht, desto mehr überzeugt man sich, dass diese merkwürdigen Organismen keine echten Pflanzen sind, sondern eine ganz selbständige Classe von neutralen Protisten darstellen.
Dasselbe gilt von der formenreichen Classe der ~Kieselzellen~ (_Diatomeae_ oder ~Bacillariae~), die auch gewöhnlich zu den Pflanzen gerechnet werden. Diese zierlichen kleinen Organismen bevölkern in ungeheuren Massen die süssen und salzigen Gewässer unseres Erdballs. In grossen Mengen angehäuft, bilden sie gewöhnlich einen gelben oder gelbbraunen Schleim, der Steine, Wasserpflanzen u. s. w. überzieht. Bald sind die Diatomeen einzeln lebende Einsiedlerzellen, bald Colonien oder Gesellschaften (Coenobien), welche aus vielen gleichartigen, locker verbundenen Zellen zusammengesetzt erscheinen.
[Illustration: Fig. 44. Ein ~Champignon~, aus der Ordnung der ~Hutpilze~ (~Hymenomycetes~). A. Das Fadengeflecht (~Mycelium~), aus verästelten und netzförmig verbundenen Reihen von Pilzfäden (~Hyphen~) gebildet (m). Aus dem Mycelium sprossen solide birnförmige Fruchtkörper hervor (I), in welchen sich ein ringförmiger Luftraum bildet (II, III, l). Unterhalb sondert sich der Stiel (IV, st), oberhalb der Schirm des Hutes (h), von welchem die Hymenium-Rippen in den Luftraum hineinwachsen (V, l): der untere Boden des Luftraums platzt später und hängt als Schleier (Velum) vom Rande des Hutes herab.]
Viele Diatomeen sitzen fest; die meisten aber bewegen sich in ganz eigenthümlicher Weise, langsam schwimmend oder fortrutschend, im Wasser umher. Die Organe dieser Ortsbewegung sind noch gänzlich unbekannt, vielleicht feinste Wimperreihen.
Das Characteristische an dem Zellenkörper der Diatomeen ist die eigenthümliche ~Kieselschale~, in welcher ihr Zellenleib eingeschlossen ist. Diese Schale ist aus zwei Hälften zusammengesetzt, welche sich zu einander genau so verhalten, wie eine ~Schachtel~ zu ihrem ~Deckel~ (Fig. 45). Die kernhaltige Zelle, welche in dieser Schachtel lebt, theilt sich in zwei Hälften, und jede Hälfte bildet sich zu ihrem Schachteldeckel eine neue Schachtel. Dieser Process wiederholt sich mehrfach, wobei natürlich jede folgende Generation kleiner wird. Schliesslich aber entsteht eine Generation, welche beide Schalenhälften abwirft, wieder bis zur Grösse der ersten, grössten Generation heranwächst, und sich nun mit einer neuen Kieselschachtel erster Grösse umgiebt. Wegen der unendlich mannigfaltigen und zierlichen Gestalt dieser Kieselschale, sowie wegen ihrer äusserst feinen Sculptur, sind die Diatomeen sehr beliebte Unterhaltungs-Objecte für mikroskopischen Formgenuss. Wenn sich die Kieselschalen der todten Diatomeen massenhaft auf dem Grunde der Gewässer ansammeln und zu Stein verkitten, können sie ganze Gebirgsschichten zusammensetzen, so z. B. den Polirschiefer, das Bergmehl u. s. w.
[Illustration: Fig. 45. Eine Diatomee oder ~Bacillarie~ (~Surirella~ dentata). Die Schachtelzelle ist vom Rande gesehen, so dass man sieht, wie die beiden Schalenklappen (s u. d) übereinander greifen, gleich einer Schachtel (s) und ihrem Deckel (d). In der Mitte der Kern (n). p Protoplasma.]
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Während die meisten, bisher von uns betrachteten Protisten-Gruppen grosse und formenreiche Classen darstellen, giebt es nun noch eine Anzahl von kleineren, isolirten, bisweilen nur durch eine oder wenige Formen repräsentirten Protisten, deren Einreihung in das System sehr schwierig ist. Dies gilt z. B. von den sonderbaren ~Labyrinthuleen~. Gesellschaften von locker verbundenen, einfachen, spindelförmigen, gelben Zellen, die in einer eigenthümlichen Fadenbahn umherrutschen. Eine andere Gruppe, interessant wegen ihrer Mittelstellung zwischen verschiedenen Protisten-Classen, bilden die ~Catallacten~, durch die Gattungen _Synura_ und _Magosphaera_ repräsentirt. Sie bilden schwimmende Gallertkugeln, zusammengesetzt aus einer Anzahl birnförmiger gleichartiger Zellen, welche mit ihren spitzen inneren Enden im Centrum der Gallertkugel vereinigt sind. Später lösen sich diese Zell-Gesellschaften oder Coenobien auf. Die einzelnen isolirten Zellen schwimmen noch eine Zeit lang selbständig umher und können jetzt mit Ciliaten verwechselt werden. Dann aber sinken sie auf den Meeresboden nieder und verwandeln sich in Amoeben-ähnliche Zellen. Gleich echten Amoeben kriechen diese umher, fressen, wachsen und kapseln sich schliesslich ein; der Zellenkörper zieht sich kugelig zusammen und umgiebt sich mit einer Gallerthülle. Innerhalb derselben theilt sieh die Zelle später wiederholt, in 2, 4, 8, 16, 32 Zellen u. s. w. Diese werden birnförmig, erhalten bewegliche Wimpern und verbinden sich wieder zu einer Flimmerkugel. Nun dreht sich die Kugel rotirend um ihren Mittelpunkt, sprengt ihre Hülle und schwimmt wieder frei in der Form umher, von welcher wir ausgegangen sind (Fig. 46). Das Interesse dieser merkwürdigen Protisten liegt also weniger in besonderen Eigenthümlichkeiten, als vielmehr in der neutralen Mittelstellung, welche sie zwischen Amoeben, Infusorien und Volvocinen einnehmen, und wodurch sie diese verschiedenen Protisten-Classen verknüpfen. Wir nennen sie daher »Mittlinge oder ~Vermittler~« (_Catallacta_).
[Illustration: Fig. 46. ~Magosphaera~ (planula), eine schwimmende Flimmerkugel von der norwegischen Küste. A von der Oberfläche, B im Durchschnitt.]
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Werfen wir einen vergleichenden Rückblick auf alle bisher betrachteten Protisten-Classen, so sehen wir, dass darin die organische Zelle bald ganz selbständig auftritt, und als ~Einsiedler-Zelle~ (_Monocyta_) den ganzen Organismus repräsentirt, bald mit ihresgleichen sich zu lockeren Gesellschaften verbindet und einfache ~Zellen-Gemeinden~ oder Zellen-Horden (_Coenobia_) darstellt. Nun ist aber hiermit keineswegs die tiefste Stufe der Organisation erschöpft, welche uns die organische Welt darbietet. Vielmehr treffen wir noch unterhalb dieser einzelligen Protisten jene niedrigste und unvollkommenste Classe von Organismen an, die wir als ~Moneren~ bezeichnen. (Fig. 47, 48).
[Illustration: Fig 47. ~Protamoeba~ (primitiva), ein Moner mit lappenförmigen Pseudopodien, gleich einer Amoebe. a kriechend, b in Theilung begriffen, c in zwei Hälften getheilt.]
Da wir diese in dem nachstehenden Anhange (S. 68–85) zum Gegenstande einer besonderen Besprechung machen werden, wollen wir hier nur ganz kurz die wichtigsten Punkte hervorheben, welche den Moneren ihre hohe Bedeutung für die Entwicklungslehre verleihen.
Die ~Moneren~ sind wahre »Organismen ohne Organe«. Ihr ganzer lebendiger Leib besteht in völlig entwickeltem Zustande nur aus einem ganz einfachen Protoplasma-Stückchen, welchem selbst der Kern, der Character der echten Zelle, noch fehlt. Bezüglich ihrer Bewegungen gleichen diese denkbar einfachsten Organismen bald den Amoeben (Fig. 47), bald den Wurzelfüsslern (Fig. 48), bald den Geisselschwärmern. (Fig. 50). Sie vermehren sich in einfachster Weise durch Theilung. Von der grössten theoretischen Bedeutung sind sie für die dunkle Frage von der ersten Entstehung des Lebens auf unserer Erde. Denn nur Moneren können im Beginn des organischen Lebens auf unserm Planeten durch Urzeugung entstanden sein; nur Moneren können die ältesten Stammältern aller übrigen Organismen sein. Gerade in dieser Beziehung sind die Moneren des Tiefseegrundes, und vor Allen der berühmte ~Bathybius~ (Fig. 49) vom höchsten Interesse.
[Illustration: Fig. 48. ~Protomyxa aurantiaca~, ein Moner mit wurzelförmig verästelten fadenartigen Pseudopodien, gleich einem Rhizopoden.]
[Illustration: Fig. 49. ~Bathybius~ (Haeckelii). Ein Plasmodium aus den Tiefen des Oceans. Die verästelten Plasson-Ströme, durch deren Verbindung das Netz entsteht, ändern sich beständig.]
[Illustration: Fig. 50. ~Zitterlinge~ (~Bacteria~), sehr stark vergrössert. 1. ~Sarcine~, eine einfachste Cytode, im menschlichen Magen schmarotzend, welche sich durch kreuzförmige Theilung vermehrt. 2. ~Bacillus~, gerade Stäbchen. 3. ~Vibrio~, korkzieherartig gewundene Stäbchen. 4. ~Spirillum~, eben solche Spiralstäbchen, die aber an beiden Enden eine äusserst feine, schwingende Geissel tragen.]
Eine sehr wichtige und interessante Monerengruppe bilden die ~Zitterlinge~ (_Vibriones_ oder _Bacteria_, Fig. 50). Obgleich diese winzigen Körperchen, die zu den allerkleinsten Organismen gehören, meistens von den Botanikern zu den Pflanzen gerechnet und als »~Spaltpilze~ (_Schizomycetes_)« den echten Pilzen angereiht werden, geschieht das doch ohne jeden genügenden Grund. Mindestens haben diejenigen Zoologen, welche sie als einfachste Thiere betrachten, ebensoviel Recht dazu. Die ~Bacterien~ sind eben echte ~Protisten~, und zwar kleinste ~Moneren~, deren höchst einfache Organisation und ganz neutraler Character sie weder dem Thierreich, noch dem Pflanzenreich anzuschliessen gestattet.
Die Bacterien sind meistens stabförmige Körperchen, die sich lebhaft im Wasser bewegen. Als Organ der Bewegung ist bei einigen grösseren Formen eine äusserst feine, schwingende Geissel erkannt, die an beiden Enden des Stäbchens vortritt, so bei _Spirillum_ (Fig. 50, 4). Wahrscheinlich ist eine solche auch bei den kleineren Vibrionen vorhanden und nur wegen ihrer ausserordentlichen Zartheit nicht wahrzunehmen. Die Bewegung der Bacterien ist meistens sehr lebhaft, zitternd oder wimmelnd, viele sind korkzieherartig gedreht und schrauben sich im Wasser fort (Fig. 50, 3). In einem einzigen Wassertröpfchen können Millionen solcher kleinsten Organismen vereinigt sein. Irgend welche Organisations-Verhältnisse, namentlich ein Zellkern, sind an denselben nicht nachzuweisen; sie sind daher auch nicht wirkliche ~Zellen~, sondern kernlose ~Cytoden~, gleich den anderen Moneren. Ihre Fortpflanzung geschieht in einfachster Weise durch Theilung. Oft zerfällt jedes Stäbchen in eine grosse Anzahl hinter einander gelegener Stückchen.
Die grosse Bedeutung der Bacterien besteht darin, dass sie die Zersetzung und Fäulniss der organischen Flüssigkeiten bewirken, in welchen sie sich aufhalten. Sie ernähren sich von den organischen Substanzen (namentlich eiweissartigen Körpern), die in solchen Flüssigkeiten aufgelöst sind. Wahrscheinlich sind sie die Ursache vieler der wichtigsten, ansteckenden und epidemischen Krankheiten. So ist es neuerdings namentlich vom Milzbrand und den Blattern festgestellt, dass nur die Bacterien, die im Blute der milzbrandkranken und blatternkranken Thiere leben, die Uebertragung dieser tödtlichen Krankheiten bewirken.
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Ueberblickt man unbefangen prüfend und vergleichend die Masse von verschiedenartigen Urwesen, die wir in unserem Protistenreiche vereinigt haben, so scheint die Selbständigkeit dieses letzteren keines weiteren Beweises zu bedürfen. Denn es existirt noch heute eine ungeheuere Menge von formenreichen, mikroskopischen Wesen, die wir ohne willkürlichen Zwang weder zum Thierreich noch zum Pflanzenreich rechnen können. Aber das natürliche Verhältniss dieser beiden grossen Lebensreiche zu jenem ~neutralen~, zwischen Beiden mitten inne stehenden ~Protistenreiche~ wird noch vielfacher Durchforschung und Klärung bedürfen. Insbesondere wird die ~Entwickelungsgeschichte~ der Protisten noch viel genauer und umfassender zu erforschen sein. Denn vor allen die Entwickelungsgeschichte wird hier, wie überall, der »wahre Lichtträger« für das Verständnis der biologischen Erscheinungen sein.
Uebrigens scheint gegen das Thierreich hin eine feste und klare Abgrenzung des Protistenreichs schon jetzt sicher gewonnen zu sein. Denn bei allen echten Thieren entwickelt sich der Leib aus zwei ursprünglichen Zellenschichten, die unter dem Namen der ~Keimblätter~ bekannt sind.
[Illustration: Fig. 51. ~Gastrula~ (Darmlarve) eines Kalkschwammes, ~Olynthus~. A von der Oberfläche. B im Längsschnitt. e äusseres Keimblatt (Hautblatt oder Exoderm). i Inneres Keimblatt (Darmblatt oder Entoderm). o Urmund. g Urdarmhöhle.]
Aus dem äusseren oder animalen (_Exoderma_ oder ~Hautblatt~, Fig. 51 e) entstehen die Organe der Empfindung und Bewegung; aus dem innern oder vegetativen Keimblatte (_Entoderma_ oder ~Darmblatt~, Fig. 51 i) die Organe der Ernährung. Das letztere umschliesst eine ernährende Höhle, die erste Anlage des Magens, oder den ~Urdarm~ (g), und dieser öffnet sich nach aussen durch eine einfache Mundöffnung, den ~Urmund~ (o). Die bedeutungsvolle Keimform, welche uns den Thierleib dergestalt, blos aus zwei Keimblättern gebildet, vor Augen führt, ist die ~Gastrula~ (Darmlarve oder Becherkeim).
[Illustration: Fig. 52–57. ~Gastrula~ von sechs verschiedenen Thieren. Fig. 52 (B) ~Wurm~ (Sagitta). Fig. 53 (C) ~Seestern~ (Uraster). Fig. 54 (D) ~Krebs~ (Nauplius). Fig. 55 (E) ~Schnecke~ (Lymnaeus). Fig. 56 (A) ~Pflanzenthier~ (Gastrophysema). Fig. 57 (F) ~Wirbelthier~ (Amphioxus). — Ueberall bedeutet: e Hautblatt (Exoderm), i Darmblatt (Entoderm), d Urdarm, o Urmund.]
[Illustration: Fig. 58. ~Gastrula~ eines ~Säugethieres~ (Kaninchen). e Hautblatt (Exoderm). i Darmblatt (Entoderm). d eine centrale Entoderm-Zelle, welche die enge Urdarmhülle ausfüllt. o eine Entoderm-Zelle, welche die Urmundöffnung verstopft. Ebenso wie beim Kaninchen verhält sich wahrscheinlich auch die ~Gastrula~ beim ~Menschen~.]
Diese ~Gastrula ist das wahre Thier in einfachster~ Form. Denn bei allen echten Thieren fängt die Entwickelung des Eies zur verschiedenartigen Thierform mit der gleichartigen Bildung dieser Gastrula an. Die niedersten Pflanzenthiere, die Physemarien (Fig. 56) wie die Schwämme (Fig. 51), die niedrigsten Würmer (Fig. 52), ebenso die Sternthiere (Fig. 53), die Gliederthiere (Fig. 54) ebenso wie die Weichthiere (Fig. 55), ja sogar die niedrigsten Wirbelthiere (Fig. 57), durchlaufen in frühester Jugend diese ~Gastrula~-Keimform; die anderen Thiere bilden zweiblättrige Keimformen, die nur als abgeänderte Gastrula-Keime betrachtet werden können; so auch die Säugethiere, mit Inbegriff des Menschen (Fig. 58); überall baut sich der echte Thierleib ursprünglich ~aus zwei Keimblättern~ auf. Hingegen erhebt sich kein einziges Protist zur Production von Keimblättern und zur Bildung einer Gastrula.
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Weniger klar und scharf lässt sich unser Protistenreich gegen das ~Pflanzenreich~ hin abgrenzen. Doch dürften auch hier die Verhältnisse der individuellen Entwickelung und des feineren Baues die Handhabe liefern, mit deren Hülfe wir die Grenzlinie ziehen können. Auch bei den echten Pflanzen ordnen sich die Zellen, welche den Körper zunächst aufbauen, in bestimmter Weise zu Zellenreihen oder ~Zellenschichten~; und die charakteristische einfachste Pflanzenform der Art bildet den sogenannten ~Thallus~ oder das »Zellenlager«. Bei den niederen Pflanzen bleibt der Thallus als solcher zeitlebens bestehen, bei den höheren sondert oder differenzirt er sich in Stengel und Blätter. Auch vermehren sich alle echten Pflanzen auf geschlechtlichem Wege, während dies bei den Protisten nicht der Fall ist.
Eine ~absolute~ Grenze freilich zwischen den drei organischen Reichen können und wollen wir nicht feststellen. Denn auch die echten Pflanzen, wie die echten Thiere, durchlaufen in ihrer frühesten Entwickelung, als einzelliges Ei, als einfacher Zellenhaufen u. s. w. niedere Formzustände, welche gewissen Protisten gleichen. Nach unserem biogenetischen Grundgesetze müssen wir daraus den Schluss ziehen, dass sämmtliche Organismen, Thiere, Protisten und Pflanzen, von höchst einfachen einzelligen Organismen abstammen; und wenn wir diese ältesten Stammformen heute lebend vor uns hätten, würden wir sie jedenfalls für neutrale ~Protisten~ erklären.
Eine gute ~negative~ Charakteristik der Protisten, gegenüber den echten Thieren und den echten Pflanzen, lässt sich darauf gründen, dass sie weder eine ~Gastrula~ mit zwei Keimblättern bilden, wie die ersteren, noch einen ~Thallus~ oder ein Prothallium, wie die letzteren. Damit in Zusammenhang steht der Umstand, dass die Protisten niemals wirkliche (aus vielen Zellen zusammengesetzte) ~Gewebe~ und ~Organe~ bilden, wie alle echten Thiere und Pflanzen. Auch ist es sicher von grosser Bedeutung, dass die grosse Mehrzahl aller Protisten sich ausschliesslich auf ~ungeschlechtlichem~ Wege fortpflanzt (durch Theilung, Knospenbildung, Sporenbildung). Aber selbst bei den wenigen Protisten, welche sich bereits zur geschlechtlichen Zeugung in einfachster Form erheben, geht der Gegensatz zwischen männlichen und weiblichen Theilen niemals so weit, wie es bei allen echten Thieren und Pflanzen der Fall ist. Sie repräsentiren in jeder Beziehung jene ~niedere~ älteste Bildungsstufe, welche jedenfalls der Entwickelung echter Thiere und echter Pflanzen vorausgegangen sein muss.
Diese Betrachtungen führen uns auf denjenigen Weg, auf welchem allein eigentlich das Verhältniss der drei organischen Reiche zu einander entscheidend aufgeklärt werden kann, auf den Weg der ~Stammesgeschichte~ oder ~Phylogenie~. Wenn wir ganz genau wüssten, wie sich das organische Leben auf unserem Erdball von Anfang an entwickelt hat, wie die Thiere, Protisten und Pflanzen ursprünglich entstanden sind, dann würden wir auch das Verhältniss der drei Reiche zu einander klar und unzweideutig beurtheilen können. Aber der sichere Weg der unmittelbaren Erfahrung bleibt uns für die Erkenntniss dieses wichtigen Verhältnisses auf ewig verschlossen. Kein lebendes Wesen und keine Schöpfungsurkunde kann uns erzählen, wie jener älteste Entwickelungsgang des organischen Lebens vor vielen Millionen von Jahren begonnen und wie er sich weiterhin zunächst gestaltet hat. Tausende von Arten und Gattungen, Millionen von Generationen sind in’s Grab gesunken, ohne uns sichtbare Spuren ihrer Existenz hinterlassen zu haben. Und gerade die wichtigsten von Allen, die ältesten und einfachsten Formen, konnten wegen des Mangels harter Körpertheile keine Versteinerungen zurücklassen.
Aber wenn uns auch der streng empirische Weg der Erkenntniss in dieser hochwichtigen Ursprungsfrage unwiderruflich verschlossen ist, so bleibt uns doch hier, wie überall, zur Ausfüllung unserer Erkenntnisslücken der Weg der wissenschaftlichen Hypothese offen. Wenn diese ~historische Hypothese~ sich in umfassender Weise auf die bisher erkannten wissenschaftlichen Thatsachen stützt, so ist sie in der Naturgeschichte der Lebewesen ebenso berechtigt, wie in der Geologie, in der Archaeologie, der Culturgeschichte und anderen historischen Wissenschaften. Und wie uns die allgemein anerkannten geologischen Hypothesen dazu geführt haben, eine befriedigende Einsicht in den Entwickelungsgang unsers Erdballs zu gewinnen, so werden auch die phylogenetischen Hypothesen, die wir auf die von ~Darwin~ reformirte Descendenz-Theorie gründen, Licht über den Entwickelungsgang des organischen Lebens auf der Erde verbreiten.
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Wir können hier nicht auf eine Beleuchtung und Begründung aller der verschiedenen phylogenetischen Hypothesen eingehen, welche über diesen Entwickelungsgang aufgestellt worden sind. Nur auf diejenige Vorstellung wollen wir schliesslich noch einen flüchtigen Blick werfen, welche heuzutage am meisten innere Wahrscheinlichkeit für sich hat. Danach müssen wir annehmen, dass das Leben auf unserem Planeten mit der selbständigen Entstehung der allereinfachsten ~Protisten~ aus anorganischen Verbindungen begonnen hat. Diese ältesten Lebewesen der Erde werden den heute noch existirenden ~Moneren~ ähnlich gewesen sein: einfachste lebende Protoplasma-Stückchen ohne jegliche Organbildung. Daraus werden sich zunächst durch Sonderung eines Darmes im Inneren einzellige Protisten gebildet haben, und zwar höchst einfache, formlose und indifferente ~Zellen~, gleich den ~Amoeben~. Indem einige von diesen einzelligen Protisten, von geselligen Neigungen getrieben, sich daran gewöhnten, in kleinen Gesellschaften vereinigt zu leben, werden die ersten vielzelligen Organismen entstanden sein, und zwar zunächst auch nur wieder einfache Zellenhorden, lockere Gesellschaften von gleichartigen Zellen.
Nun ist es wohl wahrscheinlich, dass diese ältesten und einfachsten Entwickelungsvorgänge des organischen Lebens sich an zahlreichen verschiedenen Stellen des jugendlichen Erdballs gleichzeitig und unabhängig von einander wiederholt haben. So können also verschiedene und vielleicht zahlreiche Formen von Protisten unabhängig von einander entstanden sein; zuerst einzellige, später vielzellige. Durch den allgemeinen Kampf um’s Dasein, der auch unter diesen Protisten frühzeitig sich geltend machte, werden dieselben allmählich zu höherer Sonderung und Vervollkommnung angetrieben worden sein. Als wichtigster Vorgang ist da sicher die gegensätzliche Sonderung von thierischen und pflanzlichen Lebens-Processen hervorzuheben. Die einen Protisten begannen mehr an thierische, die andere an pflanzliche Lebensweise sich anzupassen, und mit der Lebensweise in Wechselwirkung entstand die charakteristische Körperform. Eine dritte, conservative Gruppe von Protisten behielt den ursprünglichen neutralen Character bei. Indem jene Anpassungen sich im Laufe der Zeit durch Vererbung befestigten, bildeten sich neben einander die drei grossen organischen Reiche aus.
Mit Beziehung auf den Stoffwechsel und die Ernährung würden wir freilich sagen können, dass diese ältesten Bewohner unseres Planeten ~Pflanzen~ waren, — richtiger: Protisten mit pflanzlichem Stoffwechsel; Protisten, welche gleich echten Pflanzen aus Wasser, Kohlensäure und Ammoniak die wichtigste »Lebens-Basis«, das ~Plasson~, zusammensetzten, und dieses Plasson sonderte sich später in Protoplasma und Nucleus.
Die ältesten ~Thiere~ hingegen — oder richtiger: die ältesten Protisten mit thierischem Stoffwechsel, waren ~Parasiten~, schmarotzende Protisten, welche es bequemer fanden, sich das von anderen Protisten gebildete Protoplasma anzueignen, als selbst solches zu bilden. Da eben ursprünglich viele Protisten-Stämme sich unabhängig von einander entwickelt haben können, von verschiedenen autogonen Moneren abstammend, so können auch diese Anpassungen sich mehrmals (polyphyletisch) wiederholt haben.
Aber auch wenn wir diese vielstämmige (polyphyletische) Hypothese verwerfen und wenn wir mehr zu der einstämmigen (monophyletischen) Annahme hinneigen, dass der Ursprung aller lebenden Wesen auf eine einzige gemeinsame Stammform zurückgeführt werden muss, auch dann werden wir doch im Ganzen wieder zu ähnlichen Vorstellungen über das Verhältniss der drei Reiche gelangen. Auch in diesem Falle werden wir annehmen müssen, dass jene älteste ursprüngliche Stammform eine einfachste Cytode, ein ~Moner~ war, und dass sich aus den Nachkommen jenes Moners zunächst einfache ~Zellen~ entwickelten. Diese Zellen werden sich wieder in thierische und pflanzliche gesondert haben, und so wird sich nach einer Richtung hin das Thierreich, nach einer anderen das Pflanzenreich ausgebildet haben, zwei gewaltigen, weit verzweigten Stämmen vergleichbar. Aber aus der gemeinsamen Wurzel, in der diese beiden grossen Stämme zusammenhängen, haben sich ausserdem noch zahlreiche niedere und indifferente Wurzelschösslinge selbständig entwickelt; und diese bilden zusammen unser Reich der ~Protisten~.
Gleichviel ob wir dieser einstämmigen oder jener vielstämmigen Hypothese den Vorzug geben, so bleibt jedenfalls so viel sicher, dass Thierreich und Pflanzenreich nur in ihren vollkommneren Formen sich schroff gegenüber stehen, in ihren niederen Formen dagegen durch das Protistenreich untrennbar zusammenhängen. Die wissenschaftliche Begründung dieser wichtigen Anschauung ist uns erst durch die grossartigen Fortschritte der letzten vierzig Jahre möglich geworden. Aber mit dem Genius des Propheten hat schon vor siebzig Jahren einer unserer tiefblickendsten Naturphilosophen, Deutschlands genialster Dichter, dieselbe Anschauung ahnungsvoll ausgesprochen. In Jena schrieb ~Göthe~ 1806 den merkwürdigen Satz nieder: »Wenn man Pflanzen und Thiere in ihrem unvollkommensten Zustande betrachtet, so sind sie kaum zu unterscheiden. So viel aber können wir sagen, dass die aus einer kaum zu sondernden Verwandtschaft als Pflanzen und Thiere nach und nach hervortretenden Geschöpfe nach zwei entgegengesetzten Seiten sich vervollkommnen, so dass die Pflanze sich zuletzt im Baume dauernd und starr, das Thier im Menschen zur höchsten Beweglichkeit und Freiheit sich verherrlicht.«
Bathybius und die Moneren.
»Der vielbesprochene Bathybius existirt nicht; seine Annahme beruhte auf Täuschungen. So werden auch die übrigen Moneren nicht existiren; auch diese angeblichen Urorganismen werden das Erzeugniss irrthümlicher Beobachtungen sein. Mithin ist einer der wichtigsten Grundpfeiler der modernen Entwickelungslehre gefallen; und so werden auch ihre übrigen Stützpfeiler auf Täuschungen und Irrthum gegründet sein. Der ganze Darwinismus ist ein grosses Luftschloss, die Selectionstheorie eine Seifenblase, und die Abstammungslehre ist überhaupt nicht wahr.«